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Full text of "Sitzungsberichte der Königl. Bayerischen Akademie der Wissenschaften"

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3^44 106 313 018 



► 




HARVARD UNIVERSITY 
LIBRARY 

OF THE 

GRAY HERBARIUM 



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Sitzungsberichte 



der 



köiiigl. bayer. Akademie der Wissenschaften 

zu München. 



Jahrgang 1867. Band II. 



München. 

Akademische Baohdraokerei too F. Stranb. 

1867. 

Ib CommlHion bei G. FraBs. 



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H^ 



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Uebersicht des Inhaltes. 



Die mit * beieichneteii Y«rtrig« lind ohne Aonng. 

Philosqphißch-philol. Classe. Siteung vom 1. Juni 1867. 

* Maurer: Die QuellenzengniBse über das erste Landreoht nnd 
die Ordnung der BezirksYerfassung des isländischen 
Freistaates 1 

K e i n z : Eine mitteldeutsche Beschwörungsformel (Nachtsegen) 

aus dem XIII./XIY. Jahrhundert 1 

Plath: Chronologische Grundlage der alten chinesischen Ge- 
schichte 19 

Lauth: Ueber den ägyptischen Ursprung unserer Buchstaben 

und Ziffern (mit einer Tafel) 84 



Mathematisch-physikal, Classe. Siüupg vo^n 1. Juni 1867, 

Bachner: Neue chemische Untersuchung des Mineralwassers 

zu Neumarkt in der Oberpfalz 125 



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IV 



Seite 

Buhl: 1 ) Ueber die Bildung von Eiterkerp.ern in Gefassepithelien 1 39 

2) Notiz über primäre ästige Osteome der Lunge . . 144 

Gümbel: Weitere Mittheilungen über das Vorkommen von 

Phosphorsäure in den Schichtgesteinen Bayern's 147 



Historische Classe. Sitzung vom 1. Juni 1867. 

*Roth: üeber Keltische und Germanische Wehrverfassung . 158 

*Kluckhohn: Erzählung Ton der Verschwörung zu Bayonne 

im Jahre 1565 158 



Nachtrag eur Sitzung der phüos.-philol. Classe vom 1, Juni. 
Hofmann: Bemerkungen zum NachtsegeB 159 



Phüosophischrphildl. Classe. Sitzung vom €. Juli 1867. 

P r a n 1 1: üeber die Literatur der Auctoritates in der Philosophie 1 73 
Hof mann: 1) Zum altromanischen Leiden Christi und zum 

Leodegar 199 

2) Zur Gudrun 205 

,, Berichtigender Nachtrag zu Heft I. S. 171 der 

Sitzungsberichte 336 



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Seite 

Mathematisch'physiJcalische Glosse. Sitzung vom 6. Juli 1867. 

Seidel: Ein Beitrag zur BeBtimmung der Grenze der mit 

der Wage gegenwärtig erreichbaren Genauigkeit . 231 

Kuhn: Bemerkungen über Blitzschläge 247 

▼. Kobell: üeber den Glaukodot von Hakansbö in Schweden 276 

Yoit: üeber das Zustandekommen der Hamsäuresedimente . 279 

A. Steinheil: Ceber Berechnung optischer Construktionen 284 



, Historische Glosse. Sitzung voin 6. Juli 1867. 

Rockinger: Ueber drei mit einem Anhange zum Landrechte 
vermehrte Handschriften des sogen. Schwaben- 
Spiegels auf der Staatsbibliothek zu München 297 

*Riehl: Ueber Sebastian Bach und dessen Stellung zu den 

theologischen Parteien seiner Zeit 336 

^Klnckhohn: Die Wittenberger Theologen nach Melanch- 

thon's Tode 836 



Oeffentliche Sitzung zur Vorfeier des Allerhöchsten 
Gehurts- und Namensfestes Seiner Majestät des 
Königs Ludwig IL am 25. Juli 1867 .... 837 

Neuwahlen 837 



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TI 



8«ite 

Einaenduogen von Drackichrifien .^ 840 



Philosophisch'^hilol. Glosse. Sitzung rcwi 9, November 1867. 

Hofmann: Zar Gadran 857 

I, Zeugnisse über Berthold Yon Regensbnrg . . . 374 
Nachtrag daza 459 

* Pia th : Ueber Krause's ünsterbliohkeitslehre 894 

* Müller: üeber mehrere Nummern des türkischen in London 

erscheinenden Journals 'Mukhbir* 894 

Mathematisch'physikal. Glosse. Sitzung vorn 9. Nov. 1867. 

Büchner: üeber die Bildung von Schwefelarsenik in den 

Leichen mit arseniger Säure Yergifteteter . . . 895 
Yoit: üeber die Fettbildung im Thierkörper 402 

* Wagner: üeber die Entdeckung von Spuren des Menschen 

in den neogenen Tertiärschichten von Mittel- 
frankreich 407 

* S e i d e 1 : üeber eine Darstellung des Kreisbogens, des Loga- 

rithmus und des elliptischen Integrales erster Art 
mittelst unendlicher Produkte 407 



Historische Glosse. Sitzung vorn 9. November 1867. 

Rockin ger: Zur näheren Bestimmung der Zeit der Abfassung 

des sogenannten Schwabenspiegels 408 

♦ Graf V. H u n d t : Beiträge sur Feststellung der historischen Orts- 
namen von Bayern, insbesondere des ursprüng- 
lichen Besitzers des Hauses Wittelsbach ... 450 



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VII 



SeiU 

Einsendungen Ton Druckschriften , 451 



PkUosophiscJhphüol. Glosse. Sitzung vom 7. Dez. 1867. 

Zingerle: Bemerkungen zum Nachtsegen 461 

„ Meraner Fragmente der Eneide von Heinrich von 

Veldeken 471 

Hofmann: Eine Anzahl altfranzösischer lyrischer Gedichte 

aus dem Berner Codex 389 486 

Lauth: Die Achiver (Achäer) in Aegypten 528 



Maihematisch'physikal. Classe. Sitzung vom 7. Dezember 1867. 

T. Martins: Beiträge zur Ethnographie und Sprachenkunde 

Amerika's, zumal Brasiliens ....... 559 

T. Kobell: Ueber die typischen und empirischen Formeln in 

der Mineralogie 563 

T. Pettenkofer: Ueber den Stoffverbrauch eines Zuckerharn- 
ruhr-Kranken von ihm und Hrn. Carl Voit 572 
Bachner: Ueber die Beschafifenheit des Blutes nach einer . 

Vergiftung mit Blausäure 591 

Vogel: Gerding's Geschichte der Chemie 601 

G um bei: Ueber die geognostischen Verhältnisse des Mont- 
Blanc und seiner Nachbarschaft, nach der Dar- 
stellung von Prof. Alph. Favre und ihre Bezieh- 
ungen zu den benachbarten Ostalpen 603 



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vni 



SoiU 

Historische Glosse, Sitzung vom 7. Bejsemher 1867. 

*Bockinger: Zur äassem Geschichte der Entwicklung der 
bayerischen Landesgesetzgebung von Kaiser 
Ludwig's oberbayeriscben Landrechten bis in 
den Beginn des 16. Jahrhunderts . . * . 637 



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Sitzungsberichte 



der 



ligl. bayer. iUiadenüe der ^ isseuschal'teu 



zu München. 



IL Heft I. 



München. 

Akutl^miiiilie BnplidrD«k«t«i von F. SiratiU 

1867. 



U C^rmmltiNQ Hl O* fr«»». 



V 



Sitzungsberichte 

der 

kOnigl. bayer. Akademie der Wissenschaften, 



Philosophisch -philologische Classe. 

Sitztmg vom 1. Juni 1867. 



Heir Maurer behandelte: 

„Die Qaellenzeugnisse über das erste Land- 
recht und die Ordnung der Bezirksye;r- 
fassung des isländischen Freistaates*'. 

Diese Abhandlung wird zum Druck in den Denkschriften 
genehmigt. 



Herr Hofmann bespridit eine von Herrn Director 
Halm entdeckte und yon Herrn Keinz bearbeitete 

„mitteldeutsche Beschwörungsformel (Nacht- 
segen) aus dem XUI./XIV. Jahrhundert 

Bei den Vorarbeiten für die seinerzeitige Drucklegung 
des Katalogs der lateinischen Handschriften der hiesigen 
I1867.il 1.] 1 



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2 Sitzung der phüos.-phüol. Classe fxm 1, Juni 1867. 

k. Hof- und Staatsbibliothek war vor kurzer Zeit Herr 
DirectorDr. Halm so glücklich, ein merkwürdiges deutsches 
Stück zu entdecken, welches nach den vorliegenden Ver- 
zeichnissen bisher der Aufmerksamkeit der Beschreibenden 
entgangen^) und daher gänzlich unbekannt war. Eine ge- 
naue Untersuchung des zum Theil schwer lesbaren Teactes 
ergab, dass hier eine durch ihren verhältnissmässig reichea 
Inhalt sehr beachtenswerthe Beschwörungsformel aus dem 
Ende des XIH. oder Anfang des XIV. Jahrhunderts vorliege. 
Die Handschrift trägt jetzt die Bezeichnung Cod. lat. 
monac. 615 und zählt 127 Blätter meist glatten und ziem- 
lich starken Pergaments in klein Quart. Der feste alte 
Einband, etwa aus dem XV. Jahrhundert herrührend, be- 
steht aus Holzdeckeln, mit weichem grüngefärbtem Leder 



1) Üeber die (700) Handschriften der alten churfarstlichen Bib- 
liothek ist ein, was die lateinischen Stücke betrifft, ungemein aus- 
führlicher Katalog von dem kgL Bibliothekar Ign. Hardt vorhanden. 
Zu bedanem ist dabei nur, dass Hardt, wie es scheint, für die 
kleineren hie and da vorkommenden deutschen Stücke kein Interesse 
hatte; wenigstens sind dieselben in den meisten Fällen höchst un- 
genügend behandelt, nicht selten gar nicht erwähnt. Leteteres ist 
nun auch bei * dem hier in Betracht kommenden Stücke der Fall. 
Schmeller aber fand, als er an die ungeheure Arbeit der Beschreib- 
ung sämmtlicher hiesigen Handschriften gieng, diesen Katalog vor 
und glaubte bei der Genauigkeit, die demselben in obenerwähnter. 
Weise eignet, von einer erneuten Durchsicht der Handschriften Um- 
gang nehmen und sich für den von ihm anzulegenden Katalog mit 
einem blossen Auszug aus dem genannten Yerzeichniss begnügen zu 
können. Für diese auch sonst feststehende Thatsache liefert ge- 
rade die hier zu besprechende Handschrift einen Beleg. Hardt giebt 
nämlich die Anzahl der Blätter verfehlt an: 101 statt 127 Blätter, 
während er den Inhalt der Handschrift bis zu Blatt 126^ beschreibt; 
genau derselbe Mangel kehrt bei Schmeller wieder. Daraus erklärt 
sich von selbst, dass unsere Formel, nachdem Hardt sie nicht er- 
wähnenswerth gefunden hatte, auch in dem Schmeller^schen Yer- 
zeichnisse fehlen muss. 



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Keing: Eine miUddmt8che Besehwörungsformel. 3 

aberzogen, das durch eingepresste Linien verziert ist. Von 
den Beschlägen sind nur mehr zwei kleine messingene 
Schiiessen yoriianden. 

« Ueber die Herkunft des Codex fehlen alle genaueren 
Anhaltspunkte. Für das hier zu behandelnde Stack indess 
ist die Heimat wenigstens durch die Mundart festgestellt, 
welche es als dem mittleren Deutschland angehörig erweist. 
Derselben Mundart dürften auch die weiter zu erwähnenden 
lat.-deutschen Vocabularien angehören und da diese von 
andern Händen, als die Beschwörungsformel sind, so kann 
man wohl schiiessen, dass wenigstens der grössere Theil der 
Handschrift aus jenen Gegenden stamme. Weniger möchte 
sich daraus entnehmen lassen, dass eine Hand des 15. Jahr- 
hunderts auf f. 125 a den Namen henricus d' prusia (nebst 
einigen nicht mehr deutlich lesbaren Buchstaben) einge- 
tragen hat. 

Der Codex ist zusammengebunden aus vier (resp. 5) 
Ton einander unabhängigen , von verschiedenen Händen her- 
rührenden Handschriften (f. 1—39, 40—73, 74—102, 
103—127). Davon enthält das 1. Stück *Aristotölis secre- 
tnm secretorum ad Alexandrum Johanne Patrizii filio inter- 
prete*; das 2. Medizinisches, darunter (f. 68** — 72') ein lat.- 
dentsches alphabetisches Vocabular von Kräutern; das 
3. Physikalisches und Naturwissenschaftliches. Das 4. Stück 
soll als das zunächst vncbtige in folgendem seine besondere 
Beschreibung finden. 

Dasselbe besteht aus 3 Lagen, von denen die erste 
6 Bl. = 3 Doppelbl., die zweite 10 Bl. == 5 Doppelbl., 
die dritte 9 Bl. = 3 Doppelbl. mit 3 einzelnen durch Falze 
innen in die Lage eingenähten Blättern enthält. Die erste 
Lage kann wieder als ein besonderes Stück betrachtet 
werden, da sie eine für sich bestehende Abhandlung *Ameti 
(Amati) filii Abraham epistola' de variis arcanis (ohne 
Schluss), femer anderes Pergament, andere Hand, nur zwei 



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4 SitimHf der pMas.-jffMol. Ckum vom t imi 1967. 

Spalten zeigt. Die Anzahl der Linien ist zwar die gleiche, 
wie bei den zunächst folgenden Seiten (38), aber es fehlen 
die in den beiden folgenden Lagen am obersten Rande ge- 
zogenen DoppelUnien, und ist nur die erste und letzte Lini| 
jeder Seite bis ans Ende gezogen, was bei der Mehrzahl 
der folgenden Seiten auch mit der Dritten geschehen ist. 

Die 2. und 3. Lage zeigen gleiche Pergament und 
gleiche Liniirung, nur zählen die ersteren Seiten 38, die 
späteren 39 Linien. Die Blätter 109* — 119^ sind dreispaltig, 
die übrigen vierspaltig. Die dreispaltigen Blätter enthalten 
das lat. Vocabular Xirca instan8\ die Blätter 119^ — 124* ein 
lat.-deutsches Vocabular von Kräutern, EL 124* — 125* mor- 
borum nomina, Bl. 125* — 126^ nomina herbarum, corticum, 
florum, salium etc. (lat). , die erste Seite des letzten Blattes 
(127*) endlich unsere Beschwörungsformel, die zweite Seüe 
desselben ein lat. Verzeichniss von gewissen Fasttagen and 
einige Zeilen anderer Schrift, die aber so sorgfaltig radirt 
ist, dass auch nach Anwendung eines chemischen Reagens 
ausser einzelnen- Buchstaben nichts mehr zu erkennen war. 

Auch auf diesem letzten Blatte sind die 5 doppelten 
Verticallinien, durch welche die 4 Spalten b^p'änzt werden, 
gezogen, so dass es also ursprünglich für die Vocabularien 
bestimmt war, und dann, als leer gebliebenes Blatt für den 
erwähnten Zweck benützt wurde. 

Nach dem Vorausgeschickten erübrigt für die ausser- 
liehe Beschreibung dieses Blattes nur wenig. Von den 
39 Linien liess der Schreiber die oberste in beiden Spalten 
ganz frei; in der zweiten Spalte ißt auch die zweite Linie 
frei, zeigt aber Rasur, welche indess mit ziemlicher Sicher- 
heit noch erkennen lässt , dass der Schreiber Mer die erste 
Zeile zweimal schrieb und dann die obere radirte. Die 
Zeilen 8 — 10 zeigen dunkle Flecken, deren Ursache sich 
erst bei genauer Betrachtung mit Sicherheit herausstellte. 
Der gegenüberliegende leere Raum liess nämlich eine sorg- 



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KeinB: Eine mitteldeutsche Beschwörungsformd, 5 

flUtige Rasur erkeimeB, ans der eki Reag^s die nrspriing- 
Hehe Schrift zum Vorschein brachte. Es stand da die be- 
kannte Formel sator arepo tenet opera rotas, einmal in ge- 
trennten sjrmmetrisch geordneten Buchstaben, dann in den 
Yollen Worten; letztere hatten sich, wie ans dem Platze 
and selbst aus einzehen Bachstabenumrissen hinlänglich er- 
kennbar, übergedmckt. 

Das ganze in sich abgeschlossene Stach wurde von 
dn^ besondem Hand auf die leere Seite eingetragen. Die 
phimpe Schrift, welche hie und da die Lesung einzdner 
Buchstaben und Silben sehr erschwerte •), die ungleiche 
Orthographie, die mehrfachen Gorrecturen, lassen einen 
wenig getibten Schreiber vermuthen; die Schrift weist auf 
die erwähnte Zeit, einzelne Reime wie 41 : 42 mutir : gute, 
51:52 sugen : schuhen deuten selbst auf fHihere Ueber« 
liefemng. 

Die Verse sind abgesetzt und die Anfangsbuchstaben 
nur in einzelnen Fällen durch einen geringen Unterschied 
der Grösse, nicht durch besondere Form ausgezeichnet. In 
letzterer Beziehung findet sich eine Ausnahme nur bei V. 18, 
der mit dem Eigennamen Truttan beginnt und in diesem 
die gewöhnliche Form der Majuskel T zeigt. 

Die mitteldeutsche Mundart erhellt zur Genüge aus der 
Art einzelner Vocale in den Stämmen und Endungen, sowie 
aus einzelnen Reimen. 

Eine genaue Beschreibung der Handschrift habe ich bei 
der Wichtigkeit des mitzutheilenden Stückes sowie aus 
andern naheli^enden Gründen für nöthig gehalten, damit 
Forscher, die nicht in der Lage sind, den Codex selbst ein- 



2) Dahüi gekoren namentlich die Buchstaben m und n, deren 
Striche häufig unten verbunden sind, die Aehnlichkeit von c, e, o, 
Ton c, r und t, die Schreibweise cz und zc für das harte z u. s. w. 



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6 Sitzung der phüo8,-phüdl, Gasse vom 1. Juni 1867, 

zusehen, sich eine möglichst genaue Vorstellung davon 
bilden können. Zu erklären bleibt noch yerschiedenes an 
dem Inhalt unserer Formel und es wäre daher zu wünschen, 
dass sich unsere bewährten Sagenkenner näher damit be- 
schäftigen möchten. 

Im Nachfolgenden gebe ich nun den Text des Stückes 
nach getreuer Abschrift, auch mit Beibehaltung der offen- 
baren oder wahrscheinlichen Fehler, deren Beseitigung sich 
fiir den ersten Abdruck nicht empfahl, da sie grösstentheils 
entweder sehr leicht ist oder gefahrlich sein könnte. Von 
den wenigen Abkürzungen habe ich als störend au%elÖ8t: 
Z. 1 d's = deus 10 b'ge 19 h' 24 leng' 38 m' 41 h'brant 
71 t'nitat Z. 57 profudis (auch mit der gewöhnlichen Ab- 
kürzung für pro). In der 10. und 38. Z. des Originals ist 
die letzte Silbe in die obere Zeile hinaufgeschrieben. Von 
Angabe der erwähnten Correkturen ,* welche sich in Z. 15, 
73 und 57 finden, glaubte ich Umgang nehmen zu dürfen. 
Den Abdruck habe ich mehrmals mit der Handschrift ver- 
glichen und daher die Beigabe der üblichen 'so' für ent- 
behrlich gehalten. 

Hinter dem Texte lasse ich zu einigen Stellen noch 
Bemerkungen folgen, welche sich auf ihr Ausdehen in der 
Handschrift beziehen; ausserdem eine Anzahl Erklärungen, 
diese jedoch, um nicht blosse Abschriften geben zu müssen, 
in den meisten Fällen nur in Form von Verweisungen auf 
bekannte tüchtige Werke, welche über die betreffenden Ge- 
genstände hinlänglich Aufschluss ertheilen. Für manchen 
Hinweis in dieser Beziehung bin ich Hrn. Prof. Hofmann zu 
Dank verpflichtet, welcher auch am Schlüsse dieses Heftes 
über die in den Versen 14-18 vorkommenden Ausdrücke 
besondere Erklärungen bringen wird. 



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Keim: Eine mitteldeutsche Beschwörungsformel, 



daz faltir deus bruniibon, 
dazhoyfte num' djunion, 
daz heylige fancte fpiritus, 
daz falns fanct^ dominus, 

5 daz mize mich noch hint 
bewam 
vor den bofen nach vam 
Yn .müze mich bicrizen 
Tor den fvarcen ynd' wizen, 
dy di guten fin genant 

10 vnde zu dem brochelfberge 
(In gerant. 
Tor den pilewizze, 
vor den mon ezzen, 
vor den wege fchriten, 
vor den zcun riten, 

15 vor den clingeden golden, 
vor allen yneholden, 
gloczan ynde lodowan, 
Truttan Tude wutan, 
wutanes her vn alle line 
man, 

20 dy di reder vn dy wit 
tragen 
geradebrech vn irhangin, 
ir fult won hinnen gangen, 
alb vnde elbelin 
ir fult nich lenger hüben 
hin: 

26 albes fveetir vi vatir 
ir fult uz varen obir de 

gatir: 
albes murir trute Vn mar 
ir fult uz zu de virfte vare: 



noc mich dy mare druche, 

80 noc mich dy trute zeiche, 
noc mich dy mare rite, 
noc mich dy mare befcrite. 
alb mit diner crummen 

nafen, 
ich vorbithe dir aneblafen. 

So ich vorbite dir alb ruche 
cruchen vn anehucchen. 
albes kind' ir withdin 
lazet vwer taftin noch mir 

sin. 
Vn du clage mutir 

40 gedenke min zu gute, 
herbrote vi herbrant 
vart uz in eyn andir laut, 
duvngetruwe molken ftellen 
du faltminir turvorvelen, 

46 daz biner Vn daz vuz fpor 
daz blibe mit dir do vor: 
du salt mich nich beruren, 
du salt mich nich zuwuren, 
du salt mich nich enfcehen, 

50 de lebenden fuz abemehen, 
daz herce nicht uz fugen, 
eynen ftrofwizs dorin fchu- 

ben; 
ich vorfpige dich hüte vn 

alle tage, 
ich trete dich bas wan 

ich dich trage; 

65 nv hin balde du vnreyniz 
getuaz, 



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8 SiUmng der fMoi.-phüoL CUuse wm 1. Juni 1867. 

wan da weafenr hj nkht bi dem Toce mein, 

haf ; bi dem de profimdis, 

ich befuere didi yngehare bi dem baben cohoun- 

bi dem wazzeir Yn bi de tas, 

fiire, bi dem nüc dimittis, 

vn alle dine genozen 70 bi dem benedictosi 

60 bi de namen grozen bi dem magnifica£, 

des filTes^ der da zelebrant bi den aller trinitat^ 

an der messe wirt genant. bi dem refalin alfo her: 

ich befaere dich vil sere daz da yares obir mer 

bi dem miserere, 75 Tn midii gerares nim'mer* 

65 bi dem laadem deas, amen 



Bemerkangen. - 

V* 1 Saltir wohl = Psalter. Das 1 ist höher als gewöhnlich 
(eben so das d yon daz und das b in brunnon) und 
oben nach links gezogen, während es sonst die gerade 
Linie hat. Hinter jedem dieser drei Bachstaben ist oben 
der r-Hacken angebracht, bei dem ersten in bedeutender 
Grösse, was in allen drei Fällen wohl nur die Bedeutung 
von Verzierungen haben soll. In andern Zeilen als der 
ersten würde diess mehr aufifallen. 

1--8 Von den ungewöhnlichen Worten der beiden ersten 
Zeilen ist nur hoyfte (das für hdhiste stehen könnte) ganz 
sicher; in brunnon könnten die 6 Striche von unn viel- 
leicht auch anders zu verbinden sein; von num' ist die 
Zahl der geraden Striche nicht bestimmt zu behaup- 
ten, da nur die ersten 6 leicht erkennbar sind, der 7. 
sich aber nur sehr schwach zeigt: auch ihre Verbindung, 
besonders bei den letzten, ist nicht deutlich; das letzte 
Wort der Z. 2 scheint dyuuion zuheissen, das i ist aber 
nachträglich eingefUjgt. Die Wotte sind vielleicht, wie die 



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EdfUf: Eine mUddeutsche Beschivärung^onmL 9 

in V. 64 — 71 stehenden lat. Worte Anfange von Psalmen 
oder damals bekannten Gebeten, möglicher Weise aach 
sonst fremdsprachliche Benennungen d^ Gottheit. Nach 
der dritten Zeile zu schliessen, dürfte sich die erste auf 
Gott den Vater, die zweite auf Gott den Sohn beziehen. 
Anhaltspunkte für die Erklärung konnte ich weder aus 
sonst bekannten Formeln, noch aus den vielen Exords-, 
men entnehmen , welche im 'Malleus maleficarum' (ich 
benützte die Frankfurter 8® Ausgabe von 1598) im dritten 
*Flagellum daemonum' überschriebenen Abschnitt des 
zweiten Bandes enthalten sind. 
6 mize wohl Schreibfehler für muze vgl. V. T; hint = heute 
Nacht, dagegen V. 53 hüte = heute. 

6 nach Tarn wohl = nahtvam. Ueber die Hezenfahrten 
(nahtrarä) s. Grimms Myth. 1011. 

7 bicrizen. Die Bedeutung des Wortes ist hier jedenfalls 
'sdiützen^ sicher stellen'; die Etymologie aber ist unklar; 
weder an kreiz noch an criuz erlaubt der durch den 
Reim gesicherte Vocal zu denken. — Für bi als Vor- 
sjlbe hat der Schreiber sonst immer be (V. 5, 32, 47, 
57, 63). 

S Ueber die swarzen und wizen vgl. Myth. 412 ff. 

10 brochelsberg. Grimm sagt über ihn im Wörterbuch : 'Zu- 
erst taudit der name gai in einer geistlidien abhandlung 
ans der mitte des 15 jh«, die sidi in Breslauer Weimarer 
und Amorbacher hss. erhalten hat und in Hoffmanns 
sdiles. monatsschr. s. 753, in Kellers fastn. sp. s. 1463 
und in Wolfs myth. zeitschr. 1,6 ausgezogen i8t\ Mit 
obiger Stelle hätten wir also ein etwa anderthalb Jsirr- 
hunderte älteres Zeugniss 'für den sicher in weit ältere 
Zeiten reichenden Volksglauben' (Myth. 1004). 

Eine Zusammenstellung des wissenswerthesten über 
den Blocksberg bietet die Inaugural- Dissertation von 
Heinrich Pröhle: De Bructeri nominibus et de &bulis 



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10 Sitzung der philos.-phüol. Classe vom t Juni 1867, 

quae ad eum montem pertinent, Wernigerodae MDCCCLV 
woza noch die Recension darüber in Wolfs (and Mann- 
hardts) Zeitschr. für deutsche Mythologie III, 319 £f. ver- 
glichen werden kann. 

11 pilewiz. lieber den Bilwiz vgl. Gr. Mythol. 441 ff., 
Schmellers Wörtb. I, 168 und IV, 187 f., SchönwOTth 
(Aus der Oberpfalz. Sitten und Sagen) I, 426—448. 
(Letzterer behandelt indess nur eine besondere Art 
der Bilwize, den im sädöstlichen Deutschland sehr be- 
kannten Bilmesschneider). Einen sehr beachtenswerthen 
Versuch über die Ableitung des Wortes hat Jul. Feifalik 
in der Zeitschr. für die österr. Gymnasien 1858 p. 406 ff. 
niedergelegt^ in welchem er für die slavische Abstammung 
des Wortes und Gedankens eintritt. 

12 mon ezzen (o hier für kurzes, wie in V. 38 für langes a) 
= Mann -essen, Menschenfresser. Im Nordische ist die 
mannaeta bekannt, im eigentlichen Deutschen möchte 
ausser der bekannten Notkerischen Stelle die vorliegende 
der einzige Bel% für das Compositum sein. In jener 
Stelle^ die Grimm Myth. S. 1034 (sie steht au6h in 
Graffs Sprachschatz I. p. LH.) anführt, fugt Notker, die 
ambrones und anthropophagi erwähnend, bei ^alsö man 
chit, taz ouh hazessa hier in lande tuen*. Vgl. übrigens 
auch die zu V. 51. 52 ausgezogenen und die übrigen 
Myth. 1. c. angeführten Stellen. 

13 wege schriten = die an den Kreuzwegen hausenden? 
Unter den Namen des Teufels führt Grimm (Myth. 1015) 
auch 'Wegetrit' auf, freilich mit Beziehung auf die Pflanze 
dieses Namens. 

14—18 Deber die zun riten, die dingenden golden, sowie 
über die Namen Gloczan, Lodowan^ Truttan. vergleiche 
die Erklärungen am Schlüsse des Heftes. (Das Wort 
zun ist nur yermuthet; man könnte die schlechten Buch- 
staben auchzoim oder zeun lesen, ich nahm sie fiir zcun). 



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Keinz: Eint mitteldeutsch^ Beschiwörungsformel. 11 

18 über Wutan und Wutanes her (wüthendes Heer, wildes 
Heer il b. w.) im Sinne unsrer Zeilen &• Myth. 871 ff., 
Schönwerth IL 143 ff. 

ao 11.21 Die Geräderten und die Erhängten gehören zum 
wüthenden Heer, da, wie Grimm (Mjth. 872) nach Geiler 
Y. Eeisersberg anfuhrt, alle eines gewaltsamen Tod^ ge- 
storbenen in dasselbe kommen. , 

28 üeber die Elbe s. Myth. 411 ff. 

26 gatir s. Schmeller H, 80 f. 

2711.80 trute. üeber die Truden s. Myth. 993 (u. 394). 
Schmeller I, 476 ff. Schönwerth I, 208— 232.— In V. 30 
sieht der erste Buchstabe, weil etwas zerflossen, einem y 
ähnlich, doch wird diess kaum zu Zweifeln berechtigen, 
murir in Z. 27 Schreibfehler für mutir. 

27ti.80 mar. Die älteste Belegstelle für das Wort dürfte wohl 
die des Emerammer Codex Glm 14804 f. 112% aus dem 
9. Jhd. sein, wo sdtropodes ((fxv&QwndTr]g) mit mara, truta 
glossirt ist (Graff II, 819). Jetzt ist das Wort nur mehr 
erhalten in 'Nachtmahre*. Die in V. 29 erwähnte Thätig- 
keit der Mahre, heisst jetzt gewöhnlich das 'Drud-drucken' 
hd. das Alpdrücken, das schon im Vocab. theuton. v. 1482 
(Graff 1. c.) auf natürlichem Wege erklärt wird. • 

80 zeiche dem Beime nach wohl Schreibfehler für zuche 
(zudce). 

88 'Erumnmäsig* ist nach Myth. 1028 ein gewöhnliches Prä* 
dikat der 'Hexen'. 'Krumme Nase, spitzes Kinn, sitzt 
der Teufel ganz darin . Myth. 1029 Anm. 1. Ein an- 
deres Seitenstück wäre etwa die Frau Precht mit der 
langen nas. Myth. 255. (Von dem vorderen m in crum- 
men ist der erste Strich oben und unten gegen den 
zweiten gezogen, so dass sie zusammen ein schlechtes o 
bilden. Es wird indess an obiger Lesart kaum zu zwei- 
fehi sein.) 



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12 . Siimmg der pMo$,'pka6l, Chase wm 1. Juni 1867. 

84 aneblasen. Zu diesem, wie zu V. 38 tastin, 47 beraren 
vgl. Myth. 429. 'Ihre (der Elbe) berührung, ihr anhauch 
kann menschen und thieren krankheit oder den tod ver- 
ursachen'. 

86aT36 ruche = rauher, behaarter: Grimm führt Myth. 447 
besonders die Bilwize als die behaarten, struppigen Elbe 
an; cruchen = mit einer Krücke, einem Hacken fangen? 
anehucchen = aufliocken also wohl auch das Alpdrücken. 

87 withelin oder wichelin wohl Schreibfehler für wihtelin. 
IV, 18. Ueber die Wichtel s. Myth. 408 ff. 428 Anm., 
Schmeller IV, 18. 

88 tastin s. 34. 

89 dage mutir. Ueber die Elagemutter, die Elagefrauen, 
Holzweiblein und ähnliche Wesen s. Myth. 403 a. 1088, 
Schönwerth I, 266 f. Aus dem Althochd. gehört hieher 
die holzmuoja = lamia, ulula deren Name sich als Moi, 
Moije nach Panzer (Bayer. Sagen I, 66. 67) noch bis 
jetzt erhalten hat. (Das d von du ist nur aus dem obem 
schrägen Strich yermuthet; der übrige Theil des Buch- 
staben ist yersdiwunden). 

41 Die beiden Wörter sind wohl nur als Namen aufzufassen. 
Schwierig dürfte aber dann die Erklärung sein, wie diese 
Namen der Heldensage (Herbrot für Herbort) in solche 
Gesellschaft gerathen sind. 

48 molken stelen = Milch Diebin, nach Myth. 1026 über- 
haupt ein Name der Hexen. In der zu V. 10 erwähnten 
Stelle des Grimmischen Wörterbuchs sind unter den zum 
Brocken fahrenden Unholden eigens die 'Mülkenstelerin- 
nen' aufgeführt. Dass die liGlch ein Hauptgegenstand der 
Wirksamkeit der Hexen ist, kann als weit verbreiteter 
Aberglaube angegeben werden, wovon z. B. bei Sdiön- 
werth viele Fälle gesammelt sind. Selbst ihre besondem 
Abzeichen erhalten die Hexen davon, z. B. 'Wer in der 
Ghristnacht während der Metten auf einem Schämmel 



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Mmmx Eine miüeUkutiehe Betehnoönrngsfarmel. IB 

?(m neoDwley Hole fanied;, sieht alle Hexen, die Milch- 
mdtern aaf dem Kopf. (Sohönw. I, 366.) 

46 biner. So wie das Wort in der Hs. aassieht^ ist an der 
richtigen Lesung desselben nidit zu zweifeln. Eine Er-^ 
klärong davon kann ich zur Zeit nicht geben. Möglicher- 
weise könnte es das Milchgeschirr der Hexe bezeichnen. 
Auch aber die genaue Bedeutung von vuz spor habe ich 
keine mit Sicherheit zu begründende Vermuthung. Wenn 
es sich auf einen Zauber bezieht, den die H^xe an den 
Füssen des Viehs ausübt, so wäre vielleicht zu spor 
Schmellers *spör' (III, 575 f.) zu vergleichen. 

47 berur^n s. oben V. 38. 

48 zuwuren wohl für da« sonst gewöhnliche zefüeren, wozu 
auch der Reim: beruren stimmt (auch in V. 22 setzte 
der Schreiber ein w statt v). lieber die Neigung der 
Elbe^ don Menschen das Haar zu verwirren, zu verfilzen 
(Widitelzopf Weichselz<q){), oder in Knoten zu wickeln 
8. Myth. 433. Dasselbe vom pilwiz s. Myth. 442. 

49 ensceh^ halte ich für Schreibfehler statt des gewöhn- 
lichen entseh^ von dem Grimm (Myth. 430) sagt 'gleich 
dem anhauch hat der blosse blick der elbe bezaubernde 
kraft: das nennt unsere alte spräche intsehan (torve 
intueri, gramm. 2,810) mhd. entsehen'. Vgl. auch Myth. 
1053 f. der böse Blick. Den letztem Gegenstand in der 
Ansdiauungsweise der Alten behandelt 0. Jahn in den 
Berichten der k. sädis. Ges. der Wiss. (PhiL-hist. Gl.) 
Bd. Vn.^, 28-111. 

60 den lebenden fuz abemehen , ein Analogen zu dieser 
Stelle ist mir nidit vorgekommen. Dass der Bilmes- 
Schneider mit der am Fusse unter dem Knie angebun- 
d^en Sichel durdi die Felder schreitet, ist bekannt, 
dürfte sich aber mit dieser Redensart nidit in Verbindung 
bringen lassen. 

6l«.52 Dass die Hexen den Leuten das Herz aus dem Leibe 



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14 SiUfung der pküo8,-pküoL (Rasse ^am 1. Juni 1867. 

essen, bezeichnet Grimm Myth. 1034 als in imsern Hezen- 
sagen schon znrücktaretend , dagegen in der alterthüm- 
lichen serbischen Volksansicht als ganz voranstehend. 
Als Beispiele giebt er indess: 

Unsere Berchta, die den Enediten den Leib auf- 
schneidet und mit Heckerling füllt, und die besonders zu 
obigen Worten stimmenden Stellen a) aus Burchard (Anh. 
S. XXXIX.) ut credas te . . . homines interficere et de 
coctis camibns eorum vos comedere et in loco cordis 
eorum stramen aut lignum aut aliquod huiusmodi 
ponere . . . b) aus einem Gedicht von Stricker oder 
einem seiner Lands- und Zeitgenosse'): wie zaeme daz 
einem wibe, daz si snite 6z einem libe ein herze, 
und stieze dar in strö c) die Anspielung auf diesen 
Aberglauben von Seiten eines Verliebten (Herbort 9318 ff.) 
si h&t min herze mit ir . . • idi hau niht in dem 
libe, da min herze solde wesen, d& trage ich eine lihte 
vesen, oder ein strö, oder einen wisch; und andere 
mehr. 

58 Yorspigen = yerspeien, kaum als Zeichen der Veracht- 
ung zu nehmen, sondern wohl nach Myth. 1056 als Ge- 
genmittel gegen Zauber au£sufassen, wofür Grimm Be- 
l%e aus Gebräuchen yerschiedener Völker anführt. Aus 

' Osterode am Harz führt er in der ersten Auflage der 
Myth. Anh. Aberglauben Nr. 756 an: Vird die kuh yor 
dem haus einer hexe hergetrieben, spuke der treiber drei- 
mal aus.' 

54 baf statt baz wie umgekehrt 55 getuaz statt getuas. Der 
Sinn wird sein: ehe ich midi bequeme dich zu tragen, 
oder mich von dir drücken zu lassen, will ich dich lieber 
treten. Vielleicht galt treten auch als Sicherungsmittel 



8) Ans der Wiener Hs. 428(8. die Stelle Myth. S. 1901 Z.19— 21). 



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I Keinz: Eine nntteldeuUche Beschwörungsformel, 15 

gegen die Gewalt des anehuochenden elbes, wie ja Grimm 
auch erwähnt, dass 'man unbedenklich die Hexe schlagen 
soll, dass Blut fliesst'. 

55 getuas führt Grimm Myth. 433 als eine nachtheilige Be- 
nennong eibischer Wesen (und ^äter den Teufels) auf; 
ebenda S. 867 vergleicht er dazu litthauisch dwase Ge- 
spenst« 

56 weusens wohl Schreibfehler statt wesens wie in Z. 58 
wazzeir statt wazzer. 

61 Die mystische Bezeidinung 'Fisch' wird hier wahrschein- 
lidi im Sinne der alt^ christlichen Symbolik auf Christus 
zu beziehen sein, wozu auch der Beisatz ('celebrant^ 
stimmt, da Christus der oberste Darbringer des Mess- 
opfers ist 

Vgl. hiezu Wolfgang Menzels 'ChristUche Symbolik 
(Regensburg 1854)' Bd. I S. 286—292 und besonders 
S. 288 'Christus selbst wird unter dem Sinnbild des 
Fisches dargestellt' u. s. f. und S. 289 In der Eart- 
hause von Granada befindet sich ein Bild des Abend- 
mahles, auf welchem statt des Lammes ein Fisch in der 
Schfissel liegt'; femer J. B. Pitra's Spicilegium Soles- 
mense (Parisiis MDCCCLV) Tomus III p. 499—584 
^IX&YJS sive de pisoe allegorico et symbolico', wo sämmt- 
liche vorchristliche und altchristliche Anschauungen und 
Sagen über diesen Gegenstand quellenmässig zusammen- 
gestellt und behandelt sind. 

64—71 Die in diesen 8 Zeilen folgenden Wörter sind gross- 
tentheils Psalmenanfange, das nunc dimittis der Anfang 
des bekannten Gebets Simeons; laudem deus und voce 
mens mögen (vielleicht fehlerhaft verstanden) Anfange 
von bekannten Gebeten gewesen sein. 

Unklar bleibt nur V. 68, an dessen haben cohountus 
alle Deutungsversuche erfolglos blieben. Das erstere 
Wort steht deutlich genug da, das zweite dagegen viel 



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16 Siiamg d$r phOas^^üol. Oasse wm 1, Juni 1897. « 

weniger; andeutlich ist schon dar erste Bachstabe des- 
selben, ferner das h, welches allenfalls . auch li gelesen 
werden konnte (olio untus = unctus macht den ersten 
Buchstaben überflüssig und scheint auch nicht zu den 
Pssdmenan fangen zu passen); am undeutlichsten ist das 
zweite u, dessen zweitem Striche eine Erümmuag beige- 
fügt ist, als ob der Schreiber daraus ein e oder ie hätte 
machen wollen. Doch betradite ich gerade die Endung 
US hier als sicher und den Vers als mit den folgenden 
verstellt, da auf das sichere profundis das ebenfalls un- 
zweifelhafte dimittis reimt, wodurch dann ein Reim auf 
benedictus nothwendig wird. 

72 Der letzte Buchstabe von *aller' ist ganz mideutlich, weil 
yerklext, man kann n, u, r, o vermuthen, für keines aber 
ist besondere Berechtigung zu erweisen. 

78 resalin. Ich las das Wort anfangs irsalm = Jerusalem; 
aber eine genaue Betrachtung und Vergleichung erwies 
diese Lesart als falsch. An dem re der ersten Sylbe ist 
nidit zu zweifeln; hinter dem 1 stehen drei Stridie und 
über diesen, vom ersten an etwas nadi aufwärts gezogen 
ein Querstrich, wie ihn der Schreiber regelmässig über 
das i macht, was dann in (oder iu) ei^bt Für dieses 
Wort habe ich keine Deutung: vielleicht könnte auch so 
die erste Vermuthung nicht ganz zu verwerfen sein. 

76 in nim' mer hat das zweite m einen Strich zu viel 



Aus einer andern Handschrift der hiesigen Bibliothek 
möchte ich bei dieser Gelegenheit einen Wurmsegen mit- 
theilen, dessen Unbekanntheit ich daraus schliesse, dass er 
in der Sammlung altd^tscher ^Denkmäler von Müllenhof 
und Bcherer' bei der Besprechung des Grazer Wurmsegens 



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Xskur: Süu nUikUifäBche BmkwömngsfomeL 17 

Nr. 48,2 (Tort p, 1401 AbUftdlong p. 412 ff.) niobt er- 
wäfaolrist) tu dem #r ein SeiteBBtöck bildet. Er laatet 

Job läge in de mifte. er rief ze crifte. er chot. du gnadige/ 
crift. da Sr in demo himile bift. da baoze dema mennif/ 
kea.def wrmif. N. Dardi die iobef bete, dier zao dir tete./ 
doer in demo miste lag. doer in demo mille rief, zao/ 
demo heiligin crist der wrm iH tot. tot ift der wrm./ 
Eiriel X E Fat. n. t^b* nicib;. or . Actionef nraf. qs. dne. a. 

Der Segen ist enthalten in einer Handschrift der 
frSheren charfurstBdien Bibliothel:*), jetzt Clm. 536, 
XU. Jhd. 4^ 137 Bll. Er enthält anter andern Stücken 
eben lat. Physiologus f. 82*— 83* eine deutsche Abhandlang 
Ton yerschiedenen Steinen und ihren Kräften, f. 86* — 87 
eine eben solche von Kräutern und f. 89* eine deutsche 
Diebsbeschwörang, diese von späterer Hand (XHI. Jhd.). 
' Die 3 deutschen Stücke sind in der Oermania VUI, 300—303 
abgedrudct. Obiger Segen findet sich f. 84* also zwischen dem 
enteil and zweiten Stück. Zu der erwähnten Diebsbeschwör- 
ang ist zu bemerken, dass sich bei der Mittheilung ein 
Versehen eingeschlichen hat. Die Worte nämlich, welche 
der Beschwörende zu sprechen hat, folgten unmittelbar nach 
dem Text. Nach den darüber angebrachten Kreuzen waren 
es 7 Worte. Davon sind aber die ersten 6, in der zunächst 
folgenden Zeile stehend, so Tollständig radirt, dass auch 
chemische Reagentien ausser dem letzten Worte keine er- 
kennbaren umrisse mehr zum Vorsdiein brachten: dieses 
scheint aleruba gelautet zu haben; darauf folgt in der 



4) Die aber nach einer Eintragung aof p. 102* Xiber sancti 
Viü Praole* onprünglich aus dem Kloster Prühl bei Begensborg 
giammt. 

[1867. n.l.] 2 



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18 SitHmg der phHoe.-pkOol. Oom wm 1. Juni 1867. 

nächsten Zeile *ij^ + calcat^. Die im Drook angogebeueo 
(ungenau gelesenen) Worte pedo perdo peoho * pedio perdo 
pedo stehen am untersten Rande der Seite, während die 
deutsche Beschwörung oben anfangt und darauf noch eine 
lat. derartige Formel folgt. Nach ihrem ganzen Aussehen 
kann ich diese abseits stehenden 6 Worte nur für eine 
Federprobe halten. (In der gedruckten Formel selbst ist 
hinter enspin das Wort *stech.' zu ergänzen.) — Dass die 
nämliche Handschrift, ebenso wie derXegemseer C^ 18546.2 
auch die Visio Wettini monachi in der Bearbeitung yon 
Haito enthält, mag als Ergänzung zu dem bei Potthast, 
Wegweber etc. p. 565* gegebenen VerzeidmiSBe der Hand- 
schriften über diesen Gegenstand erwähnt werden. 



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Plath: Chnmolog. Ormttage der äUm eMnee. QesMckU. 19 



Herr Plath tragt yor: 

„Chronologische Grandlage der alten chine- 
sischen Geschichte/' 

Unter der alten chinesisdien Gesdiidite yerstdien wir 
die von Yao und Schfin und die der drei ersten Dynastien; über 
die frühwe Geschichte fehlen znverlässliche Ueberlieferongen 
und die sjäteren Angaben über diese erfordern eine beson- 
dere üntersachong. 

Wir haben in onsem bis jetzt gedmckten Abhandlangen, 
wo einzelne Zeitangaben za madien waren, diese immer 
nach der gewöhnlidien Annahme gegeben, dabei aber aach 
adion bemerkt, dass diese nicht darchaas zarerlässig sei. 
Es ist nöthig, sich über die Orandlage der alten chinesischen 
Chronologie klar za werdai , am so mehr, als Sinologen 
einerseits allzusehr auf die Zuverlässigkeit der chronologi- 
schen Angaben in der alten chinesisdien Geschidite pochten, 
anderseits sonst achtbare Geschichtschreiber sie allzusehr 
herabsetzten. Und doch hatte schon früher Fröret schätz- 
bare Untersuchungen desshalb angestellt und besonders der 
gelehrte Jesuit P. Gaubil das schatzbarste Material aus 
den chinesisdien Quellen fast yoUstandig geliefert Ideler 
in seiner in der Berliner Akademie der Wissenschaft vor- 
getragenen Abhandlimg konnte ohne Kenntniss des CSbinesisdien 
nur einen Auszug aus ihm geben. Legge^) hat jüngst den 



1) N. Fröret De l'aniiqoit^ et de la o^itude de la ohronologie 
ChinoiM, inMdm. de P Acad. R. d. Inacr.P.l T.X p. 877 Paris 1786 
P.n T.XV p. 696. Ptiris 1768 a. P. HI ib. T.XVIU Mim. p. 178 Par. 
1778, auch in Frtret'a Oeuvree; Paris A*. 4 (1796) 12« T. 18. p. 116—881 
and T. 14 p. 1—268. P. Ganbil in Obseryations mathemaiiques, 

2* 



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20 'Sünmg d9r phihs.-phOU. Oasfe V€m t. Jktm 1847, 

Gegenstand aber nqr karz behandelt. Da die GhineBeo 
nächst den Aegyptern das älteste historische Volk mit sind, 
so ist es schon Ton allgemeinem Interesse auch für die 
universal - Geschichte zu wissen^ wie hoeh die traditionelle 
Gesdiichte derselben Ijunaufreicht. 

Man moss aber zu dem Ende auf die chinesischen 
Quellen selbst zurückgehen. Freret konnte nächst den Ab- 
handlungen Ton Qaubil und andern in der Handschrift nur 
die mangelhaften Uebersetzungen der älter«) MissioBäre^ 
die, wie P. Noel, Texte und Scholien sieht Unterschiedes, 
benutzen; Gaubil benutzte die Quellen selbst, fuhrt, wie Btot 
schon bemerkt, die chinesischen Autoren aber nur im allge- 
meinen, z. B. Meng48eu, Yo-^tseuu. s. w. an, scheint auch mA- 
rere zu hoch anzuschlagen. Wir haben daha* die von ihm 
angezogenen Stellen zunächst nadi den chinesischen Quellen 
Terifizirty*) dann die einzelnen Autoren ihrer Bedeutung nach 
genauer zu würdigen gesucht und zuletzt, was die astrono- 
miechen Data betrifft, die er für die Chronologie brantst, 



iftstronomiqnes , geographiqnes , duronologiques et phyriques tob 
P. Soociei Paris 1729— 1782. 8 R in 4; dann seine Hiftoire derAstrenoBde 
chinoiM in Lettres edifiuitet 1788 X 26, neue Aufl. I^on 1819 T. 14 
und besonders sein Traite de la Chronologie, publie par S. de Sacy. 
Paris 1814 4^, auch in d. Mem. oona la Chine T. XYL Ideler über 
die Zeitrechnung der Chinesen in den Abhandlung, d. BerL Akad. 
aas d. J. 1837 Bist. Cl. p. 199—869 4« und sehr vermehrt Berfin 1889 
in 4. vgl darüber 6 Artikel von Biot im Journal des savants 1889 
nnd 1840 von Dezonber bis Mai, und Stern Götüng. gel. Aas. 1940 
Nr. 201 — 204. The Chinese Classics by. James Legge. Hong-kong 1865 
VoL ni P. 1 Proleg. p. 81—90. 

2) IKeses ist sehr mühsam , da die Av^gabea der ohiaesischen 
Originale zwar gute Inhaltsanseigen der einselpen Büchw, aber keine 
Indices haben, so dass manV um eine einselne Angabe an&ufinden, 
ganze Theile dee Werkes wiederholt durohgehcn moss. 



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Ifadk: ChfWBio^. GrufMeufe ier Mm ehine^ Ge$ehk^te, 21 

die ExfebiMBse der späteren Forsdurogen in (fieser Hinsidit 
berücksichtigt 

Wir müssen znaachsi einige Bemerkungen über die 
Geschiehtsehreibang und die Chronologie der alten 
Chinesen, namentlich über ihre Cjrden und deren Altar 
nad Anwendung vorausschicken und werden dann 1. die 
allgemeinen Angaben über die Dauer der drei ersten 
Dynastien discutiren, 2. die yerschiedenen Angaben^ 
über die Folge und die Dauer der Regierungen der 
einzelnen Kaiser der drei ersten Dynastien kurs er* 
firtem, und 3. die einzelnen astronomischen und 
Cyclus-Angaben, mittelst welcher man eine feste Gbrund* 
läge für die mite chinesische Chronologie gewinnen zu können, 
geoMini hat, besprechen. 

Was zunächst die Geschichtschreibung derOiinesen 
bolriffit, so unterliegt es wohl keinem Zweifel, dass die Ghmes^, 
im Besitze einer alten Bilder* und Zeichenschrift, wie die alten 
Aegjpttr, schon früh historische Aufzeichnungen gemachb 
haben werden und viel früher al^ die Völker, welche, wie 
die Inder u. a«, erst später eine ans der Bildersdbrift her- 
vorg^angene Budistabenschrift erhielten. Unter der dritten 
D]maBtie Tscheu, seit dem Anfange des 11. Jahrhunderts 
vor Christo gab es nach dem Tscheu -li u. a. besondere 
Aemter von verschiedenen Annalisten oder Histöriographent 
die alles aufzeidineten, nidit nur am Kaisarhofe, sondern 
später auch bei den einzelnen Vasallenfnisten. Für die 
drste und zweite Dynastie nahmen die chinesischen Kritiker 
dergleichen audi an, so Ma-tuan-lin in B. 51 sdion seit 
Hoang'ti und er erwähnt des Annalisten (Tai-sse) Tsdiinig-ku 
unter der 1. Dynastie Hia und Hiang-sdie unter der 2. Djma- 
stie Behang. Legge Pr. p. 12 meint aber, diese Namen hätten 
nv die Chronik des Bambubnches und Liu-schi's T^dihÜQ- 
thsien aus der Zeü Thsin Schi-hoang-ti's, diese seien aber zu 
neu uBil ksine gen inende Autorität. Das Bambubuch berichtet: 



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22 - 8Wmhg der phOot-phOoL Oam vom 1. Jwm 1867. 

„unter dem letzten Kaiser der 1. Dynastie Knei anno 28 
verliess der Tai-sse Tschong-ka ihn und floh nach Sdiang'* 
and ebenso heisst es sfäter anter dem letzten Kaiser der 

2. Dynastie Ti-sin anno 47 : „der Nai-sse Hiang*t8ohi ging 
weg von ihm and floh zo Tsdieo«'' Dasselbe sagt Liu-sdii 
im I-sse B. 20 f. 17 t. and Ton dem Gesdiichtsdureiber dar 
ersten Dynastie im I-sse B. 14 f. 17 y. Wichtiger sdieint 
Legge die Stelle im Scha-king V, 10, 13, wo Fang die 
frühere Beamten der 2. Dynastie Yn and daranter aach den 
Tai-sse and den Nai-sse yot der Trankenheit warnt; ihre 
Thätigkeit als Geschiditschreiber erhelle freilich aas dies^i 
Stellen nidit and Legge T. III p. 410 möchte den Titel 
daher lieber Veoorders* als 'annalists' übersetzen. Unter der 

3. Dynastie kommen dieselben Aemtemamen and nodt 
mehrere andere wiederholt vor, and wenn wir von ihrer 
damaligen Thätigkeit anf die frühere Zeit scfaliessen könnten, 
so fänden wir eine grosse geschichtlidie Thätig^t, obwohl 
ihr Amt nicht anf die Geschichtschreibang speziell besdirinkt 
war. Es gab anter der S. Dynastie mehrere Arten: den 
Grossannalisten (Tai-sse), den Gesdiichtsschreiber der 
Rechten and Linken (Tea-sse nnd Tso-sse). „Wenn 
der Kaiser sich bewegt (etwas that) — heisst es im 
Li-ki Cap. Yü-tsao 13 f. 2 (12 p. 6») — schreibt der Ge- 
schichtsdireiber der Linken es anf, wenn er etwas spricht, 
Terzeichnet es der der Rechten/' Ausser dem grossen An- 
nalisten (Tai*s8e) gab es aach einen kleinen (Siao-sse), der 
nach dem Tschea-li 26 f. 11 fg. die Dokamente imter sidi 
hatte, welche sich aaf die Geschidite and Genealogie der 
Vasallenf&rsten bezogt* Der Annalist des Innern (Nai-sse) 
hatte nach 26 f. 27 fg. es mit den 8 Attribaten der kaiser- 
lichen Gewalt, der Emennang za Aemtem, der Anssetzong 
der Gehalte, Absetzangen — Bestätigungen, Hinrichtangen, 
Begnadigungen, Gratifikationen und Reduktiolien zu thon; 
Ton allen Reglements bewahrte er Kopidn auf, nahm Ver» 



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PUM: Chr&nolog, Orundlage der aUm chines. Oeschichie. 23 

siellaiigeD an, registrirte die Verleihimg von Fürsten- und 
Beamtentiteln, las alle Eingaben and schrieb alle Erlasse 
des Kaisers in Daplo. Der Annalist des Aenssem (Wai-sse) 
hatte nach 26 f. 3 alle Schriften unter sich , welche die 
Oeschichte der 4 Theile des Reiches betrafen, auch die 
Ordonnanzen, die sie angiengen. Ausser diesen kommen 
aach noch andere vor. Wir wollen aber hier darüber nicht 
weitläufiger werden, da wir in unserer Abhandlung über die 
Verfassung und Verwaltung China^s nnteac den 3 ersten Dy- 
nastien (Abb. d. 1. Gl. d. k. Akad. d. Wiss. X. Bd. 11. Abth. 
S. 579 — 582) über diese Aemter. bereits des Weitere mit- 
geUieilt haben. Wir erwähnten auch schon, dass seit dem 
Verfalle der Kaisermacht alle oder doch mehrere dieser 
Aemter auch in den einzelnen Vasallenreichen vorkommen; 
so erwähnt der Sse-ki B. 5 f. 6 y. , dass in Thsin unter 
Wen*kung A. 13 (753 y. Chr.) man anfing Annalisten zu haben, 
am die Begebenheiten zu verzeichnen. 

Dass die Erlasse der Kaiser und Minister auch unter 
den zwei ersten Dynastien bereits aufgeschrieben wurden, 
sagt Legge, ergiebt sich aus Schu-king IV, 8,. 1, 2, wo 
Wn-ting (1321 v. Chr.) seinen Traum seinen Ministem in 
einer Schrift mittheilt (Wang yung tso schu i kao) und aus 
IV, 5, 1,2, wo schon über 400 Jahre früher, Y-yn dem 
jungen Kaiser der 2. Dynastie Thai-kia schriftlidi Vor* 
Stallungen macht (tso schu yuei) und schon unter dem 
Kaiser Tschnng-khang (seit 2158 v, Chr.) der 1. Dynastie 
Hia heisst es III, 4, 4: die Regierungsstatüten bestimmen 
(tsching tien yuei), und im Gesänge der 5 Söhne (in, 2, 8) 
„erleuditet war unser Ahn (Yü), er hatte Statuten und 
Regeln, die er seinen Nachkommen überlieferte (Yen tien, 
yea tse, i kue tseu sün)''; der Ausdruck § 6 hiün yeu tschi 
konnte freiUdi aiibh bloss auf eine mündliche üeberlieferung 
gehen. 

Dass man Kunde vom Alter thume hatte, ergiebt 



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24 SiUmg det pMos.-pkiM. Clam wm 1. Jumi 1867. 

schon die Einleitang m den 4 ersten Kapiteln des Scho-ldiig: 
„die den alten Kaiser Yao, Schün n. e. w. untersacht habeOi 
sagen''; ohne vorhandene Denkmäler ging das nicht. Nach 
SchuJcing V, 27, 7 wnsste Kaiser Mu*wang ron der 3. D. 
selbst von den Unordnungen Tsohi-yea's (unter Hoang-ti, vor 
Tao) nach alten Belehrungen (jo ku yeu hiün) und nach 
Schtt-king V, 15, 4 — 7 hatte Tscheu-loing zu Anfange der 
der 3. Dynastie Kunde von den früheren Kaisem der 2. Dy- 
nastie und wusste z. B., dass Tschung-tsung 75 Jahre, Kao* 
tsung 59 Jahre, Tsu-kia 33 Jahre, splUiere Kais^ derselben nur 
10, 7—8, 5—6, 3— 4 Jahre regiert hatten. AusV, 16, 2, 7 
sehen wir, dass derselbe nicht nur die Folge mdbrerer 
Kaiser der 2. Dynastie, sondern auch ihre Minister kannte, 
Der Stifter der 2. Dynastie Tsching-thang hatte den Y-yn, 
Kaiser Thai-kia den Pao-heng , Kaiser Thai-meu den Y-tschi, 
Tsdiin-hu und Wu-hiai, Kais^ Tsu-i den Wu-hien und Kaiser 
Wu-ting den Kan-puan zu Ministem. Sie werden da nodi 
weiter diarakterisirt , was wir hier aber übergeben mfissen. 
Da das Paj^er in China damals noch nicht erfunden 
war, schrieb man auf Bambu-Tafeln, wie die Schriftzeidieii 
schon andeuten. Confudus im Tschung-yung 20, 2 sagt aber 
ausdrücklich: „die Regierung von Wen- und Wu (den Stiftern 
der 3. Dynastie) ist entfaltet auf Bambu-Tafeln (Pu tsai fang 
tse) ; der letzte Charakter, aus Bambu und Dom zusamneo- 
gesetzt, zeigt, dass man ursprünglich die Nachrichten a«f 
Bambu einritzte; Fang sollen hölzeme Tafeln sein, Tse, 
was sonst Kien, Bambustreifen , die zusammen gebunden 
wurden, bezeichnen. Meng-tseu VII 2, 3, 2 q>richt von 2 — 3 
Tse des Ki^itels Wu-tsching im Schu-king (V, 35). Der 
Chara)cterSchu: Schrift, Buch, aus Cl. 129, der Pinsel und 
Cl. 73 Mund , Wort gebildet , weiset darauf hin , dass die 
Nachriditen auch aufgeschrieben oder aufgezeichnet wurden. 
Es wurden aber auch Begebenheiten in Erz eingegraben« 
554T.Chr.8agtTso-ohiSiang-kungA.ld£38Y.,S.B. 18S. 150fg. 



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Balh: Chmohg. Grundhgt dm äUm dfm€$, ffesMMe, 25 

▼eHSertjgte maa ans der Beute Geräthe des Ahnentempels 
and grob in Erz die glänzendai Verdienste ein, sie zn ver- 
kündigen den Söhnen und Enkeln/^ Siehe weiteres in unserer 
Abhandhog über die Glaubwürdigkeit der alt chin. Ge« 
Mliiehte <Sitz.-Ber. 1866 I, 4 S. 563 fg. (42.) 

So sollte man denken, dass wir vi^ geschiohtliche Nach- 
riditea, selbst aus den ältesten Zmten Ghina's überliefert erhalten 
hätten ; aber bei den Kriegen und Unruhen ist fast alles aus 
der ersten Zeit Terloren gegangen und zum Theil absichtlich 
Bentört worden. Meng*tseu V, 2, 2, 2 klagt schon „dass die 
FmdaUSrsten zn seiner Zeit aus Interesse viele alte Denkmäler 
▼ernichtet hätten, daher er das Detail der alten Einrieb- 
tnngen nicht mehr wissen könne, doch kenne er den Umriss 
derselben (Tschu heu wu khi hai khi ye, eul kiai kiü khi 
tse"). Der letzte Qiaiakter ergiebt, dass sie auf Bambu- 
ta£^ veizeidmet waren und naoh VI, 2, 8, 5 waren diese 
Statuten im Ahnensaale aufbewahrt (Tsung miao tschi tien). 
Zn Ckmfnoius Zei^regierten in dem kleinen Reidie Khi noch 
Madikommen des Stifters der 1. Dynastie Tu und im Reiche 
8nng Nadikommea des Stifters der 2. Dynaeitie und es 
hatten sich noeh Institutionen derselben, aber nur fttigmen- 
tuiscfa, dort erhalten; diese genügtet ihm daher nidit. Er 
sagt im Lün-iü 3, 9 „Hia's Gebräudie, ich kann davon 
reden, aber Ki ist kein graögendes Zeugniss dafür; Yü's 
Oebränche, ich kann davon reden, aber Sung ist kein genü- 
gendes Zei^aiss dafiir". Yergleidie auch Tschung-jrung 28, 
5 u. Sse-ki B. 47 f. 24. So haben wir denn aus der 1. und 
2. Dynastie nur sehr spärliche Nadirichten , die Nachrichten 
über Yao, Sdiän und Yü ausgenommen, fast nur die über 
den Sturz der Dynastien und das Aufkommen der neuen. 

Es ist überiiaupt zwar öfter von deft geschichtUchen 
Au&eidinung vdS Gesetzen, Verträgen und Aktenstücken der 
Archive die Rede; es mögen audi mit der Zeit geschichtliche 
Aufzeichnungen in ehrondogischer Folge, Annalen oder 



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26 HiUmng der phüoß.'phtM, Gasse vom 1, Juni 186T. 

Chroniken verfasstworden sein, wir wisseQ aber wenig darüber. 
In der Chronik des Bambubuches P. 151 heisst es: „Kais^ 
Ma-wang A. 24 befahl dem Geschichtschreiber der Linken 
(Tso-sse) Jung-fu eine Chronik abzufassen; so fibersetzt 
man die Worte „tso ki'' und meint, es sei eine Geschichte 
über das Emporkommen und den Verfall der Staaten bis 
zum Anfange der 3. Dynastie Tscheu gewesen. Die älteste 
diinesische Chronik, die wir haben, ist Confucius Tsohhim* 
thsieu, eine Chronik seines Vaterlandes Lu, in Schan-tung. 
Von seinem Zeitgenossen Tso-kieu-ming hat man noch zwei 
Werke, den Tso-tschuen, den man unpassend einen Com- 
mentar dazu nennt — es sind vielmdir einzelne, ausführliche 
Geschichten nach der Folge seiner Chronik — und dann 
den Eue-itL Nach Meng-tseu IV, 2, 21, 1 gab es zu seiner 
Zeit auch eine ähnliche Chronik, wie die des Conftacius Ton 
Lu, so vom Reiche Tsin, das Viergespann (Tsching) und yom 
Reiche Tschu eine ?on einem wilden Thiere Tao-uo genannt. 
Nach dem Tso-tschuen hätte es 532 v. Q|»r. noch alte Ge- 
schichtwerke, selbst aus der Zeit vor Yab gegeben. Untmr 
Lu Tschao-kung A. 12 f, 61 v., W- Sitz-Ber. 21 S. 203 
rühmt Ling-w^g, der König von Tschu, da „seinen Ge- 
schichtschreiber der Linken (Tso-sse) I-siang;') er könne 
lesen die San-fen, ü-tien, Pa-so und Khieu-khieu'^ Es sind 
diess alte Bücher, die dort nicht weiter bezeichnet werdai. 
Nach Eung-ngan-kue bei Legge Prol. T. III p. 14 vergl. Gaubil 
Tr. p. 97 handelten die San-(3)fen von den 3 Hoang (Fn- 
hi, Schin-nung und Hoang-ti); die U-(5)tien waren Büch^ 
über die 5 Kaiser (Schao-haö, Tschuen-hiü, Ti-ko, Taound 
Schün); die beiden letztem sollen noch in den beiden ersten 
Kapiteln des Schu-king, dem Yao- und Schün-tien erhalt^i 
sein^ Die Pa-(8)so sollen von den acht Kua's gdiandelt 

8) Dm «rw&hnt auch der Kae-iü 6 f. 4, 6 ▼. und 9. 



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lUOh: Chromiog. OrunOage der äUm ehmes. ßeeehieMe, 27 

liaben; die Khiea-khien endlich, d. i. die 9 Hi^el, sollen 
eine Beschreibung der 9 Provinzen China'B enthalten haben. 

Nach dem Tsdiea-li 26 fr. 31 fg hatten die Annalisten 
des AeuBsem der Dynastie Tschen anter sidi die Oeschichte^ 
der 4 Theile des Beidies und die Bücher der San-(3)Hoang 
und U-(5)Ti (Kaiser). Diese sollen nach den Schol. der 
San-f^ und D-tien gewesen seb. Im ersten Jahrhun- 
derte n. Chr. wurde ein kleines Werk unter dem Titel 
SaD*fen entdeckt, man wagte aber nicht, es für das alte zu 
halteiL De Onignes Pref. zum Chou<king p. XX spricht 
dayon. Nach P. Premare disoours preL zum Chou-king 
p. LXXXVn erwähnt Lo-pi es öfters; es erschien erst nadi 
Pan-kn und er giebt p. CXVII fg. einige Auszüge daraus. 
Der I-sse B. 3 1 3 y. giebt die Stelle über Fu-hi , B. 4 
£ 3 y. fg. über Schin*nung und B. 5 f. 6 y. fg. üb^ 
Hoang-ti. 

Das älteste chinesische Oeschichtswerk , welches sich 
theilweise ehalten hat, der Schu-king, ist nicht, wie man 
yielfach nodi meint, eine alte chinesische Greschichte, sondern 
nur eine Sammlung einzehier alter geschichtlidier Dokumente 
Yon Kaiser Tao bis Ping-wang, nadi der gewöhnlidien Zeit- 
beetimmmig yon 2357 — 720 y. Chr. £r giebt also keine 
chronologisdie üebersidit, sondern nur bei einzeben Kaisem 
die Dauer ihrer Begierungsjahre an. Confudüs' Chronik, der 
Tschhün-ihsieu, giebt, wie gesagt, die Chronik seines Vater- 
landes Lu yon 721—480 nach den einzelnen Fürsten, Jalir 
für Jahr, mit Angabe merkwürdiger gleidizeitiger Begeben- 
heiten in den andern kleinen Reichen des damaligen China's. 

Wir müssen jetzt die chronologische Bezeichnung 
der Chinesen spezieller ins Auge fassen. Sie haben, wie 
einst die Griedien, ein Mondjahr, das sie durch einen yon 
Zeit zu Zeit eingeschalteten Monat mit dem Laufe der Sonne 
ausgleichen. Zu diesem Ende bedienen sie sich eines Sonnen* 
Jahres, yon wddi^n sie im bürgerlichen Leben aber fast 



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38 SjMn^ d» pMof.-pM9L OtofN wm i. dmi 1867. 

keinen Qebraudi machen. Sie haben seit den alterten Zeüeii 
durch' Beobachtung des Mittagschattens mit drai GnooMii 
den Tag der Winter -SonDenwewie zu bestimmen gesucht, 
andi lange ihr Mondjahr in der entq>redienden Gegend der 
Sonnenbahn angefangen. Den bürgerlichen Tag fing^i »6 
nach Ganbil Lettr. edif. p. 330, 337 o. Tr. p. 34 nnter der 

1. Dynastie Hia mit Sonnenaufgang, unter der 2, Dynastie 
Behang mit dem Mittage, sdt der S. Dynastie Tbcheu mit 
der Mittemacht, ihren Monat mit dem Tage des neuen Moih> 
des an. Ihr Monat hat bald 29, bald 30 Tage; der SdiaU>- 
monat wird unter der Nummer des TOihergehenden Monate 
mitinbegriffen. Die Einschaltung war nach Chalm^rs bei 
Legge p. 99 unter der 3. Dynastie Tsoheu sehr unregel* 
massig ; sie sollte zwisdien deai 22. November und 22. De* 
zember begannen; er zeigt aber, dass sie in den Jahren 719, 
703, 688, 685, 658, 626 den 16., 20., 4., 1., 3., 8. Januar, 
in den Jahren 605, 583, 556, 540, 529, 526 dm 18^ 16., 
17., 19., 18., 15. November stattfand. Man rechnete nach 
Decaden, (Silin), wie wir nach Wochen Schu-kingl §8, (Ü, 
2, 21, UI, 3, 1. u. V, 9, 12.) Nadi dem Schol. zum Tsohen-li 26, 4 
soH Sui das Sonnenjahr von 365 V« Tagen, Nien das Mondjahr 
von 354 Tagen ursprüngUeh bezeichnen. Der Eul-ya Sehe* 
thien 8 f. 16 v. sagt : Unter Thang und Yü (d. i. Yao und Scbän) 
sagte man Tsai; unter der 1. Dynastie Hia Sui; unter der 

2. Dynastie Schang Sse; unter der 3. Dynastie Tscheu Nien. 
Aber man kann nur sagen, Tsai kommt im Schu4dng in der 
Gesdiicfate Yao's und Sdmn's (B. lundll), Sse im Sdiang- 
schu (B. III) vorzugsweise vor. S. den Index von Legge. 
Gewöhnlich sagt man: Die Dynastie Hia begann das 
Jahr mit, dem 2. EVühlingsmonate (yn), die Dynastie 
Sohang mit dem letzten Wintermonate (tscheu), die Dyna* 
nastie Tscheu mit dem 2. Wintermonate (tseu), (Legge m, 
p. 192 und 282). Dies bezweifelt aber Qialmers ib. p. 93. 
Der Calender gerieth in grosse Unordnung; 775 v. Ohr« 



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Pktlk: ChNmolog. Qftmdlage i» äUm Mim. GeiMAU, 29 



daa Jahr im Dezember, fiO Jahr ^ater mit Januar. 
Man sidit leicht, weldie Sdiwierigkeiten in beiden Fällen 
dacans for die C!hronologie entstehen. 

Die Zeit wird gewöhnlich nach den Begiernngdjahren 
der Kaiser beetismit; das Todesjahr derselben wnrde nach 
Tachai unter der S. Dynastie Tschen ganz dem verstor« 
benoi Kaiser zug^redmet und die Regierung seines Nach- 
fblgers datirte erst vom folgenden Netyahr an; anders soll 
es aber unter der 2. Dynastie Sohang gehalten worden sein 
(Legge p. 192). 

Eine sidiere Chronologie zu erl^ten, haben die Qii- 
BiBen später den 60theiligen Cyklus eingeführt^ der 
aus dem 10* und 12 thaligen zusammengesetzt wird. Die 
Gbandctere des ersten heissen die 10 Stämme^) (Kan), die 
des 2. die 12 Zweige^) (Tscbi); verbindet man beide, so 
ksbren sie zu derselben ersten Qmppe Kia-tseu erst zurück, 
nachdem der Dezimal • Cyklus 6 mal und der Duodezimal- 
Cyklus 6 mal abgelaufen ist; man nennt den 60theiligen 
ClyU» nach dem ersten Charakter audi Kia-tseu. 

Dieser 60theilige Cykhis, der jetzt k den dunesischen 
Geschichtswerken allgemein angewendet wird, kommt aber 
zur Bezeichnung der Jahre in alter Zeit noch nicht vor. Im 
Schu-king wird er nur zur Bezeichung der Tage verwendet 
and zwar zuerst im Kapitel Y-hiün IV, 4, 1 unter Kais^ 
Thio-kia von der 2. Dynastie (1753—21 v. Chr.) der 
Charakter Y — ^tsdbeu; früher scheint, wie Chalmers bei Legge 
T. ni]Prol. p. 96 bemerkt, im Kapitel Y-tsi U, 4, 1, 8 der Cykhis 
von 10 allein zur Bezeichnung der Tage verwendet worden zu 
sein. Da sagt Yü : „Als ich auf dem Berge Thu-schan heurathete, 



4) Der 10 theilige CykloB ist: 1. Eia, 2. Y, 8. Fing, 4. Ting, 

5. Mao» 6. Ki, 7. Keng, 8. Sin, 9. Jin, la Koei. 

6) Der 12 iL Cyklna irt: 1. Tteo, 2. Ttokhea, S. Yn, 4. Mao, 

6. TbcWb, 6. Sse, 7. W«, 8. Ww, 9. Behin, 10. Yeu, 11. Sit, 12. Hai. 



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30 Bitmmg der phOm.'phMloL CUme vom L /tm» 1867. 

(blnb ich zur Hanse nur die Tage) Sin, Jiii, Eaei und Eia. 
Diess sind 4 aufeinander folgende Zeichen des Gyklus Ton 10. Be- 
nrerkenswerth ist, dass im Sdin^dng Gap. Pi«ming V, 24, 3 
Tschen-kung einmal sagt: 3 Ei seien yerflossen; diess soll 
eine Periode Ton je 12 Jahren, also 36 Jahre, seb nnd es 
eine Umlan&eit des Planeten Jupiter be2eidmen.*) Von der 
Benntznng des Cyklus Ton 60 zur Bezeichnung der Jahre, 
sagt Gaubil Tr. p. 271, sieht man noch kerne Spar in der 
Geschichte der Thsin, in der Chronik von Liä*pa-wei (etwa 
240 y. Chr.), im J^ue-tseu, im Eue-iü, im Tsö-tschu^, im 
Tschhün-thsieu und im Schu-king. Was den Tsefahün-ihsiea 
Ton Confudus betrifft, so sagte P. Visdelou zwar, dass C<»i- 
fncius in dieser seiner Chronik bereits den 60jährigen Cjkliis 
zfia Bezeichnung der Jahre angewandt habe, aber Gaulnl 
t'r. p. 144. bemerkt, dass die CyUuszeichen daselbst erst 
Tom Astronomen Tu-yä aus der Dynastie Tsin (266—422 



6) Stern Gott. g. A. 1640, p. 2011 meint, dass nrsprfingliob die Zahl 
der Tage, wie noch jetst in China naohDecaden mit dem Qrkhu ron 
10 und die Jahre mit dem von 12 beseichnet worden seien, nnd 
bezieht sich ausser Gaubil Tr. p. Y dabei auf Biot Joum. de Sayans 
1840 p. 143, der 2 Stellen anzieht aus dem Tscheu-li B. 26, 15 und 
B. 87 t 40. Jene lautet: „Der Fung siang schi beschäftigt sich mit 
den 12 Jahren, den 12 Monaten, den 12 Stunden, den 10 Tagen und 
der Lage der 28 Sternbilder^. Die 2. Stelle lautet: „Der Thi-tso-edhi 
schreibt auf Tafeln die Namen der 10 Tage, der 12 Stunden, der 
12 Monate, der 12 Jahre und der 28 Sternbilder*'. Wir haben schon 
bemerkt, dass für die Tage in der ältesten Stelle des Schu-king der 
10 tägige Cyklus allein angewandt wurde, den 12 theiligen f&r Jahre 
könnte man nur einmal in den 8 Ei s^en, aber sonst wird im 
Schu-king nur der 60 jährige Cyklus und zwar bloss zur Bezeichnung 
der Tage angewandt. Chalmers p. 96 meint, der 12 theilige Cyklns 
sei erfunden, to distinguish the 12 Spaces, into which the horizon is 
divided ; Ton ihrer Anwendung auf die 12 Monate dann auf die 12 (Dop- 
pel-)Stunden des Tages scheine nur ein Schritt; aber diese kam nach 
den Chinesen erst unter der Dynastie Han Tor. Vgl. Gaubil Tr. p 24S. 



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FUah: Chrandog. Cfrtmdlage der aiUn ehme». OetehicMe. Sl 

n. Chr.), der einen guten Commentar dazosdirieb, hinzngesetet 
worden seien. 

Die 80g. Chronik des Bambubnches (Tschu-schn-ki-Dien), 
welche 284 n. Chr. im Grabe der Fürsten von Wei gefun- 
den wurde, und wie man annimmt, eine Kaiser-Chronik der 
Geediichtschreiber von Wei ist, die von Hoang-ti bis Tscheu 
Yn-wang A. 20 (293 v. Chr.) geht, hat neben der Zeitangabe 
nach Jahren der Regierung der Kaiser von Yao A. 1 an zu 
Anfang der Regierung eines jeden Kaisers auch noch die 
Bezeichnung mit dem C/kluszeichen und zwar zuerst mit 
dem Zeichen Ping-tseu. Damach müsste die Anwendung des 
60jährigen CjUus älter als die 5 Dynastie Hau sein. 

Aber die Zeitangabe nach C/kluszeichen stimmt da nicht 
mit den Angaben der R^erungsjahre im Einzebien und im 
Ganzen. Dass die Annalen des Bambubnches tmtergeschobeft 
seien, wie mehrere Chinesen meinten, glaubt auch Legge 
nidit, nimmt aber mit Gaubil Tr. p. 221 eine Verderbniss 
des Textes, namentlich in der Chronologie an, und meint, 
dass die CyUuszeichen von Yao an auch hier erst später zu- 
gesetzt seien , — Fröret T. 14 p. 95 fg. hielt sie für acht 
und alt — da sie auch qftch seiner Annahme erst seit den 
wpUetü Han angewendet worden ; mehrere Cyklusdaten (z. B. 
8. 120) ständen nur in den Noten und diese seien daher 
wohl jedenfalls erst in verschiedenen Zeiten hinzugesetzt 
worden; die ältesten Citate der Annalen aus der Dynastie 
Tsin und noch spätere enthielten die Cyklusdaten noch nicht ; 
das sei entsdieidend. Hung I-hiuen, aus der Zeit der jetzigen 
Dynastie, sage bestimmt, ,^die Bächer, weldie die Bambu- 
anualen anführten, thäten es alle ohne die Cykluszeichen ; 
erst in der Geschichte der Dynastie Sui (Sui-schu) in der 
Chronologie fände man das erste Jahr Yao's mit dem Qyklus- 
seidien King-tseu und erst später unter der Dynastie Sung 
in einem Commentare zur Nachgeschichte des Lu-sse (Lu- 
0se heu-ki-tschu) sei das erste Jahr Yao's mit dem Cykluszeichen 



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32 aiUmg der phito$.'p1dM. Oam XHm 1. Jmi 16^. 

Pbg-tsdu bezeiehnet, wie jetzt im Bambabvolie. Lqigep. 181 
giebt den chinesisdieQ Text der Stelle. 

Die Angaben, welche die Anwendung des 60 jährigen 
Cyklns schon dem Ta-nao, einem Beamten des eib&B Kaisers 
Hoang-ti, zuschrieben, bemerirt Legge p. 82 sei^ alle sehr 
neu, erst aus der Zeit der 4. und 5. Dynastie Tshin and 
Hau, abo 2000 Jahre nach seiner Zeit. Er giebt die Stellen 
aus dem Schi-pen, — die Stelle findet sidi attch in I-sse 
B. 5, f. 6 T. — aus LiU-schi's Tschhün-thsieu, Hoang-ti's 
Nui Tschuen und dem Yuei Lmg tschang ken ehmesisch. — 
Der Thung-kien-kang«mu B. 1 f. S sdireibt die Anwen^mg 
derselben sogar schon Fn-hi zu (tso kia li), — aber Ku-yenrwu 
aus der jetzigen Dynastie sagt aosdrficklich: Die Alten hätten 
den 60 jährigen Qylclus nicht zur Bezdchnnng der Jahre 
angewandt. (Kn jin pu kia^tseu ming sui) und bbA der Vor- 
rede zum Wai-ki, einem Supplemente zu Sse-ma-kuang*« 
Abriss der chinesischen GeschichtCi fing man erst «nter dem 
Usurpator Wang-mang (9 — 22 v. Chr.) m, ihn anzuwaiden. 
Sse-ma-kuang setzte die CyUuszeichen aufwärts nur bis zur 
Regentschaft Eung-ho (840 t. Chr.); bis zu Yao's erstem 
Jahre erst Schao-khang-tsie. Auch Sse-ma-tsien's Weric hat 
später Zusätze erhalten. Der Art sind die grkKschen Zeiche« 
in seinen chronologisdien Tafeln (Sse-ki B. 12 f. 4 v.X 
aber auch da stehen sie nur Tom Jahre 840 ¥. Chr. ab- 
wärts. Das 1. Jahr hat den Qiarakter Keng^chin. Sie 
kommen vor unter der Dynastie Tsin (265— 419 a. Cär.) hei 
Sifi-kuang und Torher sdion bei Hoang^fu-mi (starb 283 n. CktJ) 
(Ghalmers bei Legge Prol. 98); nach Gaubil Tr. p» 148 gibt er 
Yao's 1. Jahre dea Charakter Eia-tsdiin zuerst S. die Stdie 
aus seinem Ti-wang Sdii-ki im I-sse B. 9 f. 9. 

Wir haben uns über die Anwendung des 60 jährigen 
Gyklus in der chinesisdien Oesdiichte weitläufiger ausgelasaeo, 
da noch Bunsen (Aegyptens Weltstellung B. 6y & &276) 
meint, der 60 jährige üyklus m uralt im chinesischen Systane 



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PkUh*. Okronölog, €hundlage der alten ehines, OeetMchte, 33 

und Ae ftlteste Form einer uralten, sehr einfachen Gleichung 
4le8 Bonnen- und Mondjahres, die audi bei den Aegyptem, 
Ghaldäem und Juden vorkomme. ^) 

Bemerkenswerth ist noch , dass nadi dein -erwähnten 
Kn-yen-mn statt der jetzigen Gykluszeiöhen zur Bezeichnung 
der Jahre erst andere fremdartig lautende und erst später 
die jetzigen angewandt wurden.- Chalmers bei Legge Pr. 
p. 97 giebt die Liste derselben aus Sse-ma-tsien's^) Tafeln für 
die Interkalation für 76 Jahre von 103 v. Chr. an. Er 
meint, sie müssten aus einer fremden Sprache sein, wie auch 
die Qöttemamen da, ob indisch? und legt darauf ein beson- 
deres Gewicht, dass im 2. Jahrhunderte v. Chr. die Chinesen 
ihre Verbindung mit dem Westen eröffneten. Da diepe 
Zeichen aber in der chinesischen Geschichte nie angewendet 
worden sind, können wir sie hier füglich übergehen. 

Wir kommen nun nach dieser Einleitung zur Abhand- 
lung selbst, und zunächst 1) zu den allgemeinen An- 
gaben über die Dauer der 8 ersten Dynastien. Dieall- 
gemeinste und älteste ist wohl die bei Meng-tseu (VII, 2, 38): 
„Von Yao und Schün bis Thang, sagt er da, waren über 



7) Dass zwischen der Astronomie und Zeitreohnnng der Chinesen 
and derChald&er ein noch yiel innigerer und älterer Zusammenhang 
•tatigefonden habe, sacht Stern Götting. g. A. 1840 S. 2026—88 zu zeigen 
und zwar meint er 8. 20S3 schon vor 1766 v. Chr., da die Chinesen 
nur unter der 1. Dynastie, Hia (2205 y. Chr.) den Tag mit Sonnen- 
aufgang begonnen, wie die Chaldäer, unter der 2. Dynastie Schang 
seit 1766 nicht mehr, sondern mit Mittag. Wir müssen das Weitere 
iiBserer Abhandlung: Ueber die Astronomie der alten Chinesen 
Torbehahen. 

8) Sse-ki Li-schu B. 26 f. 5 t. fg. ; sie kommen schon in dem 
alten Wörterbuohe £ul-ya Kap. Schi-thien:8, f. 16 t. mit einigen Ab- 
weichtugea vom Sse-ki, wo der Soholiast es auch oitirt, Tor. Auch 
4er I-aee B. 151 f. U f. g. giebt die StoUe des £ul-ya. 

[1867. IL 1.] 8 



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34 SiUung der phüos.-phiM. CUuse vom 1. JtOM 1867. 

500 Jahre. Yü und Eao-yao*) sahen sie Qeue) seibat und 
kannten sie so; Thaog hörte von ihnen (ihren Prinapien) 
und kannte sie so*\ 

„Von Thäng bis Weu-wang waren (wieder) über 500 Jahre; 
Y-yu und Lao-tschu sahen ihn (Thang) und kannten ihn 
(seine Prinzipien) so. Wen-wang hörte Ton ihm und kannte 
sie so'** 

„Von Wen-wang bis Confucius waren (wieder) über 
500 Jahre; Thai-kung Wang und San-i-seng sahen ihn nnd 
kannten sie so. Confucius hörte von ihm und kannte 
sie so." 

„Von Confucius bis jetzt sind über 100 Jahre. (Meine) 
Entfernung von des Heiligen (Confucius) Zeitalter ist nidit 
so weit; sein Aufenthaltsort war (dem meinigen) nahe; 
ist denn nicht einer (bin ich nicht) da im Stande, seine 
Lehre zu überliefern?" 

Gaubil Tr. p. 250 nennt Meng-tseu: un ecrivain d'ane 
tres-grande autorit6 et qui parlait en consequence de ce qn'il 
lisait dans Thistoire. Was dann die Bedeutung der Stelle für 
die Feststellung der alten Chronologie betri£Et, so bemerkt 
er p. 92, Meng-tseu werde zwischen 372 bis 74 v. Chr. 
geboren sein, er kam 336 v. Chr. an den Hof von Wei and 
zog sich 314 vom Hofe des Fürsten von Tsi zurück (seinen 
Tod setzt Legge Prol. T. II p. 17 in das Jahr 288 v. Oir.) 
Von seiner Zeit bis Yao rechnete Meng-tseu über 1600 Jahre; 
es sei das allerdings keine sehr sichere Angabe, aber sie 
gewähre doch im Allgemeinen eine ziemlich klare Anschauung 
der Zeitverhältnisse. 

Wir müssen aber dag^en bemerken, Meng-tseu ist kein 
Qeschichtsforscher , sondern ein Moralist und Politiker. Es 



9) Diese nnd die im Folgenden Genannten waren Minister der 
Kaiser; s. Legge P II p. 878; den San-i-seng erwähnt des Sobn-king 
V, 16, 12. 



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Plath: Chranolog, Grundlage der aUen chines. OescMehte, 35 

Bind durchaus nur ganz allgemein gehaltene runde Zahlen; 
man weiss weder, von wo er den Anfang, noch wie er das 
Ende einer Periode rechnet, ob von der Geburt, dem Tode 
oder dem Regierungsantritte der Kaiser an. Confudus Geburt 
fallt nach dem Sse-ki B. 47 f. 2 unter Lu Siang-kung 
a. 22, sein Tod nach 1 28 y. unter Lu Ngai-kung a.16, d.i. 
jene in das Jahr 551, sein Tod 479 nach Legge Prol. T.I 
p. 59; Meng-teeu's Geburt, wie gesagt, 372. Von 479 (Con- 
fiicius Todesjahr) bis 372 (Meng-tseu Geburtsjahr) sind 
107 Jahre. Wenn Meng-tseu also sagt: von Confucius bis 
jetzt sind über 100 Jahre, so versteht er wohl, wie audi 
Freret Oeuvr. T. 14 p. 65 annimmt, von Confucius Tode bis 
zu Meng-tseu's Geburt und so wird man dann ähnlich auch 
bei den andern Angaben rechnen müssen, und so rechnet 
auch Freret p. 109 die 500 Jahre von Wu-wang (der Text 
hat aber Wen-wang) bis zu Confucius Geburt. Aber Meng- 
tseu will die Dauer der beiden erst^ Dynastien gar nicht 
angeben,^) sonst hätte er nicht von Yao und Schün, sondern 
von Yü's und Wu-wang's Begierungsantritt rechnen müssen. 
Dessen Vater Wen-wang regierte nur in seiner Herrschaft 
Tscheu und Wu-wang gelangte auf den Kaiserthron der 
3. Dynastie erst seit seinem 13. Uegierungsjahre im 
Beiche Tscheu. ^) Die Dynastie Tscheu war zu Confucius 
und Meng-tseu's Zeit in Verfall. In gewissen Zeitperioden, 
meinten sie nun,, erstanden immer grosse Kaiser, die mit 
ihren weisen Ministern die ächten Prinzipien, die in Verfall 
gerathen waren, wiederherstellten. Soldie waren Yao und 



7) Irrig sagt Legge Prol. T. III p. 85 wohl von König Wen bis 
Ck>nfacio8 solle Keissen: vom Anfange der Dynastie Tschen; von 
Tao und Sohün bis Thang, meint er p. 66, solle die 150 Jahre 
jenes and die 481 oder 439 Jahre der Dynastie Hia in sich begreifen. 

8) So wird die Stelle im Scha-king Kap. Thai-tschi Y, 1, 1, 1 
SU verstehen sein, s. Legge. 

8» 



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86 Sibnmg der j^Uh$.-phaöL Ckuu wm L JmU 1867. 

Sdiin^ Wen-wang imd Wu-waog, tj^ Schi-king IV, 1, 1. 
Die Zei^Mriode, sagt er nun« wäre schon mehr als Yerflossen; 
sollte ich nnn nicht der Mann sein, der zur WiederhersteUang 
der ächten Prinzipien bestimmt wäre? Dass diess sein Ge- 
dankengang ist, zeigt deuth'ch die SteUe Meng-tseu II, 2, 13 : 
„Als Meng-tseo Thsi yeiliess, heisst es da, fragte ihn Tschhnng- 
ytt auf dem Wege: Meister, dein Aussehen erscheint unbe- 
friedigt; vordem hörte ich den Meister sagen, der Weise 
murrt nicht gegen den Himmel, grollt nidit d^i Mensdieo. 
Meng-tseu erwiederte: das war zu einer Zeit, diess ist eine 
andere: in 500 Jahren erstand immer ein grosser König 
(Wang), und in der Zwischenzeit g9h es sicher berühmte 
Geschlechter (Ming schi) ; seit dem Beginne der Dynastie 
Tseheu bis jetzt sind nun sdion über 700 Jahre; was die 
Zahl (der Jahre) betrifft, ist sie schon vorbei; was die 
(jetzigen) Zeitverhältnisse betrifft, wenn man die untersudit, 
so könnte man wohl (das Auftreten solcher Männer erwartei), 
aber der Himmel will (offenbar) noch nicht, dass das Reidi 
Bur Ruhe gelange : wollte er das in dieser Zeit, wer könnte 
das bewirken als ich; wie sollte ich darum nidit beküm- 
mert sein/^ 

Hier rechnet er über 700 Jahre von seiner Zeit bis 
zum Anfange der Dynastie Tscheu, aber man weiss nicht, 
welchen Zeitpunkt in seinem Leben er meint. Legge Prol. 
P, II p. 24 meint, es gehe auf seinen ersten Weggang ans 
Thsi Und setzt diesen 323 v. Chr., aber nur nach der an- 
gegebenen Dauer der Dynastie Tscheu von 700 Jahren ; seinen 
zweiten Aufenthalt in Thsi setzt er p. 34 in das Jahr 311 
V. Chr., weil das Reich Yen damals gegen Thsi aufstand, 
Was Meng-tseu I, 2, 10 fg. und II, 2, 8 fg. erwähne. Meng- 
tseu verkehrte damals nach dieser Stelle mit Thsi's König 
Siuen-wang; nach dem Sse-ki fand aber der Aufstand erst 
unter dessen Nachfolger Min-wang 323 bis 282 statt Diese 



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JPMh: Chranohg. Grundlage der aUen chines. Ge$ehichte. 37 

SteUe gewährt uns also auch keine sichere Angabe auch nur 
über den Anfang der 3. Dynastie Tscheu. 

Eine 3te Stelle bei Meng-tseu IV, 2, 1, 3 hilft auch 
nicht yiel. Er sagt da: „Schün wurde geboren in Schu-fung, 
sog fort nach Fu-hia und starb in Ming-thiao, ein Mann 
unter den Ost-Barbaren; Wen-wang, wurde geboren am 
Berge Ehi in Tsoheu und starb in Pi-yng, ein Mann nnter 
den West-Barbaren. Die Entfernung der Länder betrug über 
1000 Li, das Zeitalter des letzteren war über 1000 Jahr 
später, aber ihre Absicht beim Walten im Reiche der Mitte 
war wie wenn man 2 Siegelhälften zusammenfügt; der 
frfihem und der spätem Heiligen Principien waren ein- und 
dieselben (i)". 

Wenn in der ersten Stelle von Yao und Schün bis 
Wen-wang über 1000 Jahre gerechnet werden, so hier von 
Schün allein, aber die 1000 Jahre, die sie von einander ent- 
fernt gelebt haben sollen, möchten keine viel sichere Be- 
stimmung sein, als die Angabe der Entfeinung ihrer Geburts- 
oder Sterbeorte auf 1000 Li s. Legge p. 192 und die 
verschiedenen Angaben über den Ort, wo Schün starb, im 
I-sse B. 10 f. 14 V. Man kann daher aus diesen Stellen 
nur im Allgemeinen entnehmen, dass Meng-tseu von Yao 
und Schün, vielleicht von Schün's Tode bis Thang, dann von 
diesem bis Wen-wang und von diesem wieder bis Confudue 
iber je 500 Jahre, also zusammen über 1500 Jahre und 
von da bis zu seiner Zeit nodi über 100 Jahre, also im 
Ganzen über 1600 Jahre, an einer andern SteUe aber von 
Sdiün bis Wen-wang 1000 Jahre und an einer 3ten Stelle von 
der Gründung der Dynastie Tscheu bis zu seiner Zeit, 323 
oder 311 V. Chr., über 700 Jahre rechnete; welchen Glauben 
er aber verdient, bleibt dabei immer noch dahingestellt. Legge 
T. II p. 378 sagt: Von Anfang der Regierung Schün's bis 
ZQ der Thang's waren nach der recipirten Annahme 489 Jahre, 



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38 Sitßung der phüoB.-phOol Clasae vom 1. Juni 1867, 

von da bis zur Gründung der Dynastie Tscheu 644 Jahre. 
Wir werden die andern Angaben weiter unten prüfen. 

Der 2te Autor ist der Verfasser des Tso-tschuen. Qaabil 
Tr. p. 252 sagt: L'antorite du Tso-tschouen est d'on 
grand poids et bien au-dessus de celle du Tchou-chou. Er 
lege nun der Dynastie Scbang eine Dauer von 600 Jah- 
ren bei, vielleicht rechne« er aber den Anfang von W^- 
wang an« 

Aber Tso-schi ist auch kein kritischer Geschichts- 
forscher , sondern das Werk unter seinem Namen, wie 
schon erwähnt, nur eine Sammlung von Gesdiichten aus 
der Zeit des Tschhün-thsieu in chronologischer Folge. Die 
obige chronologische Angabe beruht aber auf gar keiner 
eigenen Angabe von ihm selbst. Man muss die Stelle*) 
wieder im 2iU8aramenhange mittheilen, was Gaubil immer 
nicht thut. Ein Gesandter des Königs Tschuang-wang von 
Tschu fragt da 606 v^ Chr. nach den Urnen Yü's, deren 
Besitz, wie wir schon anderswo erwähnt haben, (Sitz.-Ber. 
1866 1, 4 S. 564 (42) für ein Palladium der Herrschaft über 
das Kaiserreich galt, und der Kaiser-Enkel Muan ant- 
wortete ihm: „Kie (der letzte Kaiser der 1. Dynastie) besass 
keine Tugend und die Urnen gingen über an die (2. Dynastie) 
Schang. Es vergingen (dann) 600 Jahre. Scheu (der letzte 
Kaiser der 2. Dynastie Schang) war gewaltthätig und grau- 
sam und die Urnen gingen über an (die 3. Dynastie) Tsdieu 
(Ting tshien iü Schang, tsai ki lo pe. Scheu pao nio, ting 
tshien iü Tscheu). — Einst gab Tsching-wang (der Nachfolger 
Wu-wang's) eine bleibende Stätte den Urnen in Kia-jo, er 
brMinte die Schildkrötenschale (po) und befragte sie hinsidits 



9) Tso-schi Siuen-kung A. 3 f. 5, S. 6. 17 S. 23 (auch bei Bazin 
im Joum. As. 1839 Ser. III T. 8 p. 368 und Legge Prol. T. III p. 67 
not) und daraus wohl in Sse^ki Tschu Schi-kia 6. 40 f. 9 Tm S. 
B. 44 p. 85. 



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FUUh: Chronohg. Grundlage der (dien eMnea: Oeechiehte. 39 

der Geschlechtsalter, (welche die Dynastie Tscheu dauern 
würde) and erhielt deren 30; er brannte sie (und befragte 
aie) nach der Zahl der Jahre . und erhielt 700 Jahre. So 
wurde es durch den Himmel bestimmt; ist^ nun auch die 
Tagend der Tscheu jetzt geschwunden, so ist das Mandat 
des Himmels doch noch nicht geändert/' Letzteres, eine blosse 
Weissagung, die auch nicht eintraf, wie wir sehen werden, 
hat gar keinen chronologischen Werth und die Angabe über 
die 600jährige Dauer der 2. Dynastie ist wenigstens sehr 
problematisch. Die Uebertragung der Urnen fond auch wohl 
nicht gerade im 1. Jahre der neuen Dynastie statt ; erst Tsching- 
wang (Wu-wang's Nachfolger) gab ihnen so eine bleibende 
Stätte, nach dem Bambubuche p. 146 erst in seinem 18. Jahre 
in Lo, 24 Jahre nach der Gründang der Dynastie Tscheu 
nadi der Note p. 158., 

Als eine andere Autorität für die mehr als 600jährige 
Daaer der 2. Dynastie führt Gaubil Tr. p. 253 den Yo-tseu 
an, der vom ersten Jahre Tsching-thang's, des Stifters der 
2. Dynastie, bis zum^ ersten Jahre des letzten Kaisers dieser D, 
576 Jahre rechne, des letzteren Herrschaft währte noch 52, 
nach andern 32 Jahre, die Dauer der ganzen Dynastie betrug 
darnach also an oder über 600 Jahre. Die ganze Stelle 
Yo-tseu's steht im I-sse B.14, f. 16y. und lautet so: „Als 
Tbang das Kaiserreich regierte, erhielt er den Khing-fu, den 
Y-yn und Hoang-li, am Ostthore den Hiü, am Südthore 
den Yaen, am Westthore den Tseu und am Nordthore den 
Tse und besass so 7 Grossbeamte (Ta-fu), ihn bei der Re- 
gierung des Reiches zu unterstützen und das Reidi war 
wohl regiert 27 Generationen hindurch, zusammen 576 Jahre, 
bis auf Scheu/' Die Dauer ?on dessen Regierung, bemerkt 
Gaubil, giebt er nicht an. 

Hier fragt sich nun yor allem, wer ist dieser Yo-tseo und welche 
Antoritit hat seine Schrift Gaubil p. 96 sagt: er gut ffir einen 
Naohkonunen Kaiser Tschoen-hifi's, lebte zur Zeit Wen- und Wu-wang's 



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40 Sitzung der phüos.-phOdl. CUu9e vom 1. Jumi 1867. 

(1122 V. Chr.) und beide befragten ihn über die Regierung und hörten ihn 
gerne über das Alterthum nnd die Wissenschaften reden ', er galt für 
sehr gelehrt. Man habe TOn ihm nnr das Fra^s^ent eines Buches über 
die Moral und die Regierung. Er setzt aber in der Anmericung 
hinzu, die Tao-sse rechneten ihn zu den ihrigen, obwohl er nftchr 
Obigem vor Lao-tseu gelebt und hätten das Fragment, welches tou 
seinem Buche erhalten sei, herausgegeben. Diess könne verdächtigen^ 
was man ihn über die Moral sagen lasse, er sehe aber nicht ein, wie 
auch das wenige, was er Chronologisches anführe, da es keine Be- 
ziehung zur Sekte der Tao-sse habe. P. 25S sagt er aber, obwohl 
das Bruehstüdc des Buches unter dem Namen vielleichl nicht von 
dem Zeitgenossen Wen- und Wu-wang's sei, habe es doch einige 
Autorität für die Chronologie , da es aus der Zeit yor dem Bücher- 
brande herrühre. 

Ich vermisse bei ihm aber jeden Beweis für dieses Alter des- 
selben. Lie-tseu im I-sse B. 19 f. 9 fGhrt ihn als Yo-hiung und Yo- 
tseu auf; nach den SchoKen schreibt man den Namen auf beide Aite», 
er gehöre zur Secte der Tao, wie auch LieHeeu, dessen Werk nadi 
einigen obinesischen Ajitoren im i Jahre von Tscheu Ngan-wang 
(398 V. Chr.) herauskam. 

Dieser Yo-hiung-tseu wird unter den Vorfahren der Könige von 
Tschu aufg^hrt, die ihr Geschlecht vom alten Kaiser Tschuen-hiü 
herleiteten. Der 8se-ki Tschu Schi-kia B. 40 f. 2 v., S. B. 44 S. 72 sagt: 
„Siitr Zeit Tsoheu Wen-wang's lebte von den IJackkommen Ki^lien's 
einer, der hiess Yo-hiung Tseu, der diente Wen-wang und starb 
früh," und im Tscheu Pen-ki B. 4 f. 4 nennt er den Yo-tseu unter 
den Grossen, welche sich Wen-wang alsbald anschlössen, vgl. auch 
I-s6eB.Sflf.llu. 17. Die Schrift, in welcher seine Oesprüche mit Wen* 
wang enthalten sind, ist aber offenbar ein späteres untergeschobenes 
Werk; der I-sse B^ 19 f. 7—9 enthält solche ai^ebüchen mooralisehe 
Gespräche desselben mit Wen-wang» B. 22 f. 32 v. führt aus ihm einen 
Ausspruch . Tscheu-kung's an und B. 25 f. 1 — 2 v. werden aus dem 
Sin-schu Gespräche Ton ihm mit Tscheu-kung und B. 20 f. 3 v. mit 
Wu*wang angeführt. 

Et koointe nun freiHcb auch ein «ntergesehobeties späteres Werk 
immerhin historisobe Notizen von Werth enthalten. Wir müssen also 
diese specieller untersuchen. Gaubil Tr. p. 95 sagt: er spreche 
von den 5 Kaisern (ü-ti) vor Yao, die er einzeln nicht nenne und den 
3 Königen (Saa^wdng) Yfi, Tsohing^tkang und Wu^ang. Im I-sse 
finde ich folgende Auszüge aas ihm^ Rö £ 1 sagt er: „Hoang-ti kannte 
im 10. Jahre Sohin^nto^'s ae^leohiigkeit umd refbraiirte nin^ 



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HaUh: Chranolog, Qrunilagt der alten cktna. Geschickie. 41 

Begiermog." B. 7 f. 1 t/' einst, da der Kaiser Tsohüen-^iü 15 Jahre alt 
war, unterstützte er Hoang-ti, im 22. Jalire regierte er das Reich. 
Seino Kegiemng des Reiches war so: nach oben befolgte er Hoang- 
ii*8 Prinzipien (Tao) and übte sie ans (hing), er studirte Hoang-ti's 
Prinjipien vnd machte sie mm beständigen Gesetze (enl tschang 
todüV* Aehnlich heisst es dann B.8 1 1: „einst, da Ti*ko 15 Jahre 
alt war, unterstütze er Tschnen-hiü und in^ SO. Jahr regierte er das 
Beich. Seine Regierung war so: nach oben befolgte er Hoang-ti's 
Principien und stellte sie in's Licht; er studirte Kaiser Tshuen-hiü's 
Prinzipien, um sie. auszuüben/* 

Man sieht, in diesen Stellen ist wenig reell geschichtliches. Noch 

^lantatiseher ist, was er 6. 12 f 5 t. von Kaiser Yü sagt. Die erste 

Stelle ist zu lang, um sie hier ganz mitzutheilen. „Tü's Regiemng 

des Reiches — beginnt er, war so: auf die 5 Tonarten zu hören,. 

hing er am Thore auf die Glocken die Trommeln, die grosse Glocke 

(Tho) und den Musikstein (Khing) und regelte sie mit der Hand- 

tvononel (Thao), um za erlangen die Beamten (Sse) innerhalb der 

4 iMeere des Reiches n. s. w/* Die 2. Stelle giebt positirere Angaben. 

„Yü's Regierung des Reiches war so: er erlangte den Kao-yao, den 

Tu-tseu-nie, den Ki-tseu, den Schi-tseu Ngan, den Ki-tseu-ning, den 

Tan-tseu Schin nud den King-tseu-yü ; nachdem er diese 7 Ta-fu 

erlangt hatte, ihn bei der Regierung zu unterstützen, brauchte er 

sie, das Reich zu regieren.*' Die Stelle To-tseu*s über Tsohing-thang 

and die 7 Ta-fu, die ihn bei der Regierung nach B. 14 1 16 y. nnter- 

stütdEten , ist schon oben S. 89 angeführt. Wir wissen nicht, woher 

er diese Namen hat, da im Schu-king und bei Confuoius und seinen 

Schülern von jenen Beamten Yü's nur Kao-yao, von denen Thang's 

nur Y-yn vorkamen. Von Wu-wang sagt er B. 20 f. 25: „Wu-wang 

führte die Kriegswagen an (so), am Scheu anzugreifen; der Tiger- 

oohorten (Hu-liü, von je 500 Mann) waren eine Million (Pe*wan) 

und er stellte sie auf in Schang's Yorstadt (Kiao) ; er begann mit 

dem gelben Vogel bis zur rothen Axt. Die Soldaten der 3 Heere, 

die zerstreut waren, verloren nicht ihre Haltung. Wu-^ang befahl 

Thai-kung, sich zu bemächtigen der weissen Fahne und sie als Signal 

zn verwenden und Sdieu's Heer kehrte allein zurück/^ B. 21 f. 11 

iei noch eine Stelle über Tsoheu-kong. Doch genug zur Charakteristik 

des Autors. Wir haben die historischen Stellen aus ihm, auf welche 

Gaubil sich nur im Allgemeinen bezieht, genau mitgetheilt, da man 

so erst sich ein ürtheil über ihn bilden kann. Wir glauben nicht, 

dMs es günstig aosflllt. 



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42 Sitgung der phüos.-phiM. dam vom 1. Juni 1867. 

Gaabil Tr. p. 96, 104 und 268 erwähnt noch aus 
dem Kue-iü von Tso-schi einige mehr genealogische An- 
gaben aber die Kaiser der 3 ersten Dynastien. 

Idi finde folgende Stellen; im Tscheu-iiil f. 30 v. heisst es: 
„Einst brachte Kung-kia die (I.Dynastie) Hia in Unordnung 
und in der 4. Generation ging sie zu Grunde. Hiuen-wang^^) 
strebte für Schang und in der 14. Generation von ihm er- 
hob es sich (unter Tsching-thang). Kaiser Ti-kia (d. i. Tsa- 
kia) verwirrte es und in der 7. Generation unter Scheu-sin 
ging (die 2. Dynastie) zu Grunde. Heu-tsi (der Ahn der 
3. Dynastie) strebte für Tscheu; in der 15. Generation er- 
hob sich (die 3. Dynastie); Yeu-wang, der 12. Kaiser der 
Tscheu, brachte sie in Verwirrung. Dass bis zur 14. Genera* 
tion ein Schatz bewahrt wird (Scheu-fu), ist viel : so konnten 
(die neuen Dynastien sich erheben).** Die Stelle, sieht man, 
giebt keinen chronologischen Anhalt, sondern nur die Genea- 
logien, deren Unhaltbarkeit, was die Anfange bis zu den 
Stiftern der Dynastien betrifft, de Guignes diso, prel z. Gbou- 
king p. CXXXin schon gezeigt bat. 

Die 2. Stelle unter Tscheu Ling-wang 1 f. 27 sagt: 
„Von Heu-tsi bis jetzt gab es bald Ruhe, bald Unruhen 
(Ning loen). Bis Wen- Wu- Tsching- und Khang-wang wurde 
mit Mühe gekämpft, das Volk zu beruhigen.** 

yySeit Heu-tsi begann, den Grund zu legen, dem Volke 
Ruhe zu schaffen (Tsing min), und nadidem 15 Konige 
gewesen waren, begann Wen-wang es zu beruhigen (Ping- 
tschi), und der 18. König (von Heu-tsi) Khang(-wang) erlangte 
es ersti es völlig zu beschwichtigen (Khe ngantschi): so 
schwer war das. Li (-wang) fing an, die Gesetze zu ändern 
(Ke tien). Seitdem sind wieder (bis Ling-wang) 14 Könige 



10) D. iSie, der Minister Tao's nndSchüo's und der aBgebliche 
Abn der Dynastie Schang, s. Schi-king Schang-sang IV, 8, 4 p. 216. 



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lUUh: Chronolog. OrutuUage der, aUen chines, GeichiehU. 43 

gewesen. Nachdem der Orund zur Tagend gelegt war, 
begann anter dem 15. Könige erst die Ruhe and als der 
Grund zum Verfalle gelegt war, war erst unter dem 15. 
keine Hilfe.'^ Man sieht, es sind hier mehr Spekulationen 
aber den Anfang des Aufkommens und Verfalles der Dyna- 
stien nach einer bestimmten Anzahl yon Geschlechtem, als 
chronologische Data. 

Auch der Sse-ki yon Sse-ma-tsien hat keine sichern 
chronologischen Angaben, sondern nur einige Angaben nach 
den Generationen und in runden Summen. So sagt er B. 13 
f. 5 San Tai Schi Piao : von Yü bis Kie (dem letzten Eaber 
d^ 1. Dynastie) seien 17 Generationen (Schi), von Hoang-ti 
bis Kie 20 Generationen, von Hoang-ti bis Thang sind nach 
der Anmerkung 17 Generationen, von Thang nach f 6 v. 
bis Scheu (dem letzten Kaiser der 2. Dynastie) 39 Genera- 
tionen, von Hoang-ti bis Scheu 46 Generationen (vgl. Gaubil 
Tr. p. 125), nach der Anmerkung ganz unwahrscheinlich yon 
Hoang-ti bis Tscheu Wu-wang nur 19 Generationen. 

Nach Tsiao-tscheu beim Scholiasten zum Sse-ki zum 
Tn Pen-ki B. 3 f. 11 y. dauerte die 2. Dynastie Yn über- 
haupt 31 Generationen über 600 Jahre. Ob Gaubil Tr. 
p. 129 diese Stelle nicht meint, wenn er sagt: Sse-ma-tsien 
sage, die Dynastie Schang habe 600 Jahre gedauert? denn diese 
Angabe finde ich im Sse-ki selbst nicht. Seine Angabe, Sse- 
ma-tsien sage: seit dem Tode Tscheu-kung's bis zur Geburt 
des Confucius seien 500 Jahre yer flössen, steht im Sse-ki 
B. 130 f. 8 V. ; er setzt da hinzu : „von Confucius Tode bis jetzt 
seien wieder 500 Jahre, und man könne verketten die klaren 
Generationen (schao ming schi), d. h. die Folge derselben 
angeben.'^ 

GaubiPs Angabe: Sse-ma-tsien sage yon Heu-tsi (dem 
Ahnen der Dynastie Tscheu), bis Wen-wang seien 1000 Jahre 
yerflossen, steht B. 13 f. 8 y. fg. Die ganze Stelle lautet: 
„Yao wusste, dass Sie (der Ahn der 2. Dynastie) und Tsi 



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44 Süinmg der pMos.-phüoL CUuu wm 1. Jwn 1867. ^ 

alle beide weise Männer seien, die der Himmel schuf. Daher 
belehnte er Sie mit 70 Li und nach mehr als 10 Genera- 
tion^ ward sein Nachkomme Thang Kaiser über das ganze 
Reich (Wang thien-hia). Yao wusste, dass die Nachkommen 
der Söhne und Enkel Heu-tsi's Kaiser w^den würden; daher 
belehnte er auch ihn mit 100 Li und sein späteres Geschlecht 
nach 1000 Jahren gelangte an Wen-wang, der das ganze 
Reidi inne hatte/' * Diese weniger chronologischen Angaben, 
sieht man, kommen nur gelegentlich und zerstreut vor und 
es sind immer nur runde Zahlen. 

Wie Sse-ma-tsien, der eigentlich der erste genauere chinesische 
C^eichicht-Forscher und Schreiber ist, den wir haben, nur chronolo- 
g^he Angaben in runden Summen giebt, seigt besonders noch seine 
€»eschiohte der Hiung-nu (Hiung-nu li tsohoen B. 110 f. 2 — 5), die 
Gaubil nicht anfuhrt. ^,Al8 Hia's Prinzipien in Verfall g eriethen, gab 
Kung-lieu (? 1797 v. Chr.) sein Amt als Aufseher über den Ackerbau 
(Tsi-kuan) auf, begab sich unter die Westbarbaren (Si Jung) und 
gründete eine Stadt in Pin. Von seinen Nachkommen, — mehr als 
300 Jahre darnach, -- griffen die West- und Nordbarbaren den Thai* 
vang Tan-fa (1327 v. Chr.) an; dieser zog weg und kam an den 
Fuss des (Berges) Ki. Die Leute von Pin aber folgten ihm Alle zu- 
sammen und er gründete da eine Stadt. Einer seiner Nachkommen, — 
Aach mehr als 100 Jahren (1168), — Tscheu, der Führer des Westens, 
(SiPe) Tschang(d.if Wen-wang) schlug dann die Eiuen-I (Barbaren). 
Nach mehr als 10 Jahren X? 1122) schlug Wu-wang (den letzten 
Kaiser der 2. Dynastie) Soheu. Mehr als 200 Jahre, darnach (967) 
geriethen Tscheu's Prinzipien in Verfall und Mu-wang griff die Kiuen- 
Jung (Westbarbaren) an — Mu-wang's Nachkomme — nach mehr 
als 200 Jahren (771) — • Yen-wang überwarf sich aus Anlass der 
Pao^sse mit dem Schin-heu ; der g^ff mit den Eauen-Jnng ihn an, — 
Tbfdn Siang-kung kam den Tsoheu zu Hilfe und schlug die Jung 
(770); 66 Jahre später (706) griffen die Berg-Jung Thsi an; 44 Jahre 
spater (664) dieselben Ten. Thsi Haan-kung schlug sie. üeber 20 Jahre 
spater (649) kamen die Jung und Ti bis zur Stadt Lo (-yang) und 
schlugen den Kaiser Tscheu Siang-wang. — Nach mehr als 100 Jahren, 
da die Jung sich getheilt hatten, waren Ae geschw&cht und Termoch- 
ten nichts* Von da an und (wieder mehr) als 100 Jahren sp&ter 



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ItaUhi Chrtmolog. Grundlage der dltm chines. QeBchiehte, 45 

•ftndte Tmn Tao-laing den Wei-khiungf, die Jnng nnd Thi su ver- 
emigen^^) und sie kamen an den Hof (von Tsin). Wieder nach mehr 
als 100 Jahren (475)'') überschritt Tschao Siang-tseu den Berg Ken 
nnd bemächtigte sich des (barbarischen Reiches) Tai/' Um zu zeigen, 
wie yiel oder wenig diese Angabe in ninden Sommen mit den 
beatimmien Angaben nach der recipirten Annahme übereinstimmt, 
kaben wir diese in Parenthese hinengeaetst 

Ueber die Dauer der 1. and 2. Dynastie nadi dem 
Bambabache im Ganzen hat nur die Schluasnote bei der 
1. and 2. Dynastie eine Angabe. Von Yfi bis Kie (der 
1. Dynastie) waren nach p. 124 17 Geschlechter oder Genera- 
tionen (Schi) und die Könige regierten mit den Inteiregnums 
(Wang iü pu wang) 471 Jahre. Die Cykluszeidien er- 
geben nach Legge p. 181 aber nur 431 Jahre. Freret 
B. 14 f. 101 vereinigt beide Zahlen, indem er die 471 Jahre 
von Yü's Erhebung zum Fürsten eines abhängigen Reiches 
durch Schün a. 13 an rechnet. Das Bambuboch p. 115 sagt 
aber nur: in Schün's 14. Jahre befahl er Yü, statt seiner 
die Geschäfte zu führen (ming Ytt tai Tu (d. i.Behfin's) sse). 

Die zweite Dynastie betreffend, sagt die Note p. 141 
„Von der Vernichtung der Dynastie Hia bis Sehen (dem 
letzten Schang) waren 29 Könige in 496 Jahren, die Cy- 
kluszeichen aber ergeben 508. Freret B. 14 pagina 102 fg. 
und Biot Journal As. B. 12 pagina 578 bringen beide 
Zahlen wieder in Uebertinstimuiung durch die Annahme, 
die Note rechne nur bis zur Absetzung Scheu's a. 41 und 
Wen-wang's Ei-hebung zum Regenten, 12 Jahre ror der 
gänzlichen Besiegung Scheu's, aber A. 41 ist im Bambubodie 
nur Tom Tode Tschhang's (d. L Wen-wang's) die Rede. D^r 



11) Nach 8ee-ki Ttin Pen-ki B. d9 nnter Tnn Tao^mog a. U, 
das ist aber 561 y. Chr. 

12) Sse-ki Ttchao Sofai-kia B. H f. 18 ▼. Pfinnai«r's C^eNhiohta 
▼on Tschao 8. 15. 



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46 SitiWig der phäos.-phüos. Classe vom 1. Juni 1867. 

Ti^wang Sdii-ki im I-sse B. 19 f. 22 y. bs^ zwar sdion 
Aehnliches : „Als Wea-wang 42 Jahre auf dem Throne (von 
Tscheu) war, — erhielt er das Mandat und es war das 
l. Jahr, wo er anfing, Kaiser (Wang) betitelt zu werden/' 
Aber der Schol. setzt schon biezu : „Eine ganz falsche Erklärung 
(Eiai wang schue)'*. Legge p. 181 bemerkt noch, dass auf- 
fallender Weise in der Geschichte von Schu-se (He tschuen 
B. 1 21) angegeben werde, dass im Bambubuche^der Jahre der 
Dynastie Hia mehr seien, als die der 2. Dynastie Schang 
oder Yn (Hia nien tho Yn), während es jetzt umgekehrt 
sei. Ich finde noch im I-sse B. 19 f. 12 zu Ende der 2. Dy- 
nastie aas dem (Tschu-schu) Ei-nien die Notitz, die Legge 
und Biot nicht haben, von Pad-keng bis zur Vernichtung 
(des letzten Kaisers der 2. Dynastie) Scheu waren 273 Jahre. 
Von der Dauer der 3. Dynastie kann das Bambubuch 
die Summen nidit angeben, da es nicht bis zum Ende der- 
selben hinabgeht. Aber zu Ende der R^ierung Yeu-wang's, 
des 12ten Kaisers, ist p. 158 die Note: Als Wu-wang die Dy- 
nastie Yn yemichtete, war das Jahr Keng-yn; 24. Jahre 
(später) (im Jahre) Kia-yn**) wurden die (9) Urnen in der 
Stadt Lo fest aufgestellt. (Von da) bis Yeu-wang waren 
257 Jahre, zusammen (mit den 24) 281 Jahre; vom Jahre 
Ei-mao^^), dem 1. Jahre Wu-wang's, bis zum Jahre Keng-u, 
(dem letzten) Yeu-wang's, waren 292 Jahre. Freret R 14 
p. 106 fg. bespricht die Stelle, und bemerkt, das Jahr 
Ki-mao entspreche Ti-sin's A. 41, wo Wen-wang's Tod ber 
merkt werde imd die Summen stimmten mit dem Oyklus- 



13) Eia^yn ist aber das 4te Jahr, das 24 te Eia-siü. 8. Ideler 
S. 64. Die Aufistellung der Urnen in Lo setzt das Bambubuch p. 146 
indess auch unter Tschhing-wang A. 18 und da Wu-wang 6 Jahre 
regierte, ist das 24 Jahre nach Yemichtung der 2. Dynastie Tn. 

14) So p. 158. Das Bambubuch p. 144 hat aber Sin-mao und 
so Legge in der Uebersetzung. 



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Math: Chranöhg, Otu/nälage der äUen chines. Oeichiehte. 47 

seichen und der Dauer der einzelnen Regierungen nach dem 
Bambabuche, werde also acht sein und stimme mit Meng- 
tsea's und Sse-ma-tsien's Angaben, die Wu-wang's erstes Jahr 
nur 500 Jahre vor Confucius Geburt (550 v. Chr.), also 1050 
T. Chr. setzten. Dies möge also damalige Annahme gewesen 
sein; dass sie aber darum richtig, glaubt er selbst nicht. 

Pan-ku, der unter Han Ming-ti (58—70 n. Chr.) an 
der Spitze des Tribunals der Geschichte stand, gibt mit 
Benatzung von Schriften, die der Astronom und Geschicht- 
schreiber Lieu-hin kurz Tor Christi Geburt hinterlassen hatte, 
seine Geschichte der früheren Dynastie Han (Tsien Han 
Schu). B. 20 Ku kin jin piao giebt die Namen der Kaiser 
Ton Tbai-hao oder Fu-hi an mit ihren Frauen, Ministern u. s.. w., 
unter der 3. Dynastie auch die der Vasallenfursten, berühmten 
Männer, Weisen, wie Confucius und seiner Schüler, aber ohne 
alle weitere Zeitangabe. B.21 (Liu li tschi hia) f. 16 fg. giebt 
er nur die Gesammtdauer der Dynastien, nicht die Liste der 
euzelueo' Fürsten und nur einzelne ausnahmsweise mit d^ 
Begierungsjahren. Vgl. Gaubil Tr. p. 135 — 137 und 237. 
So regierte nach ihm Tao 70 Jahre, Schün darauf 
50 Jahre; Yü gründete dann die erste Dynastie Hia, die 
17 Kaiser in 432 Jahren zählte. Tschhing-thang besiegte 
den letzten Kaiser derselben Kie und gründete die 2. Dy* 
nastie Schang oder Yn, die unter 31 Kais^n 629'^) Jahre 
dauerte. Fälschlidi, sagt er f. 16 v., rechne man sie nur 
zu 446 Jahren. Gaubil Tr. p. 187 sagt, er glaubte irrig die 
Zeit Tai-kia's durch Vergleichung der Winter-Solstize bestim- 
men zu können. Tschhing-thang regierte nach ihm 13 Jahre, 
Wu-wang, der Sohn Wen-wang's, besiegte den letzten Kaiser 
dieser 2. Dynastie Scheu und gründete die 3. Dynastie 
Isdieu. Wu-wang regierte 7 Jahre, dann «rar Tscheu-kung 
(sein Bruder) 7 Jahre Regent und darauf folgte Wu-wang*s 



15) Nicht 529 Jahre, wie Legge ProL T, m p. 85 sagt 



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48 Siteunp der pküos.-phüdl. Classe vom 1. Juni 18^, 

Sohn Tßching-wang 80 Jahre; die 3. Dynastie Tscheu datierte 
anter 36 Kaisem 867 Jahre nach f. 21 t. Die Dana* der 
3. Dynastie Tscheu, sagt Gaubil Tr. 136, entnahm er, wie 
er sagt, den Annalen der Fürsten von Lu — die er voll- 
ständiger, giebt, als der Sse-ki bis zum Stifter. Vom Anfange 
des Tschhün-thsieu oder Lu Yn-kung A. 1 (722 v. Chr.) 
bis Wu-wang A. 1 rechne er 400 Jahre; wie der Sse-ki, 
setzte er den also 1122 v. Chr. B. 21 f. 19 sagt er: „Von 
Pe-kin in Lu, dem Sohne Tscheu-kung's, bis zum Tsclihün- 
tiisieu sind 386 Jahre. — Vom 1. Jahre (Yn-kung's) auf- 
wärts bis zum Angriffe auf Scheu sind 400 Jahre.^^ Thsin 
Tsdiao-wang A. 51 begann nach f. 21 v. die Vernichtung 
Tscheu's. 5 Jahre war kein Kaiser. (Thsin) Hiao-wen-wang 
regierte 1 Jahr; nach dem Ende der Tscheu Thsin 
Tschuang «img-wang 3 Jahre, Schi hoang-ti dann 37, sein 
Sohn Eul««ehi noch 3 Jahre, im Oanzen die D. Thsin 5 6e- 
fiohlediter 49 Jahre ; mit ihm ging die 4. Dynastie zu Grunde, 
auf welche die 5. Dynastie Han folgte. 

In der Geschichte der Ost-Han wurde Pan-ku vorge- 
worfen, ^e Dauer der 3 Dynastien zu lang angesetzt zu 
haben, man sagt aber nicht, in wie ferne und aus welchem 
Gründe das behauptet wurde; es scheint, dass man seine 
Annahme der Dauer der 2. Dynastie zu lang fand. Dem 
Pto-ku folgten unter den Ost-Han Tschao*ki in seinem Com- 
mentar zum Meng-tseu, im Ganzen nach Gaubil auch Hoang- 
f^-mi (1282 n. Chr.), nach p. 145 Tsiao-tscheu zu Ende 
der S Reidie; nach p. 155 Sse-ma-kuang (f 1086), nach 
p. 161 6tt-tseu aus der Dynastie der spätem Sungu. s. w. 

Hoang-fu-mi, der kurz vor der Entdeckung desBambu- 
buches starb, schrieb nach Gaubil Tr. p. 142 einen Abries 
des Lebens m^rerer berühmten Chinesen von Yao bis auf 
seine Zeit (Kao 8se tschuen) und eine Chronik der Kaiser 
und Könige (Ti-wang Schi-ki); ein Anhänger der Tao-sse 
habe er deren Fabeln über £e Geburt der Kmser, aber 



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IHaih*: Ckronchg. Orunähge der alten chinee. GeachickU. y 49 

nidit ihre phantastische Chronologie; er gebe die meisten 
Regierangsjahre yom Ende der 3. Dynastie Tscheu aufwärts 
bis Schinnung, man wisse nicht aus welcher Quelle und eben- 
sowenig, auf welche^ Grund hin, er das erste Jahr Yao's 
zuerst mit dem Cykluszeichen Kia-tschin bezeichne; — die 
Stdle hat der I-sse B. 9 f. 1 — die Cykluszeichen der 
Regierungen, die man von ihm anführe, stimmten nicht mit 
den Totalsummen dieser Regierungen; dies letztere Werk 
desselben existire jetzt nicht mehr, sondern nur Fragmente 
davon bei andern Geschichtschreibern; sein anderes Werk 
existire noch, enthalte aber nichts dironologisches. Die 
Dauer der 3. Dynastien ist nach Gaubil bei ihm , wie bei 
Pan-ku, nur einige Jahre länger. Ich finde yon ihm nur 
die Dauer der Dynastie Tscheu beim Scholiasten zum Sse-ki 
B. 4 f. 33 y. angegeben: 37 Könige in 867 Jahren, wie bei 
Pan-ku. Vor Yao nimmt er viele Regieiimgen an, darunter 
Fu-hi mit 110 Jahren (im I-sse B. 3 f. 4), Schin-nung mit 
120 Jahren (B. 4 f. 5 v.), Hoang-ti und Schao-hao jeden 
mit 100 Jahren (6. 5 f. 30 y. und 6 f. 20) u. s. w. Dodi 
brauchen wir in die Einzelheiten dieser Vorzeit hier nidit 
einzugehen. Legge Prol. T. III p. 77 hat seine Angabe über 
die angebliche Bevölkerung China's unter Yü schon der 
Kritik unterworfen, und wir haben anderweitig in unserer 
Abhandlung über die Glaubwürdigkeit der ältesten diinesi- 
schen Geschichte Sitz.-Ber. 1866 I 4 8, 571 fg. davon schon 
gesprochen. — Auszüge aus dem Eao sse tsdiuen hat der 
I-sse B. 119 f. 22 V. u. s. w. 

Spätere Angaben über die Dauer der 3 erßten Dy- 
nastien beruhen wohl, wie schon zum Theil die Pan-ku's, nur 
auf astronomischen Annahmen, auf welche wir unten noch 
zu sprechen kommen. Zur Zeit von Tsin Hoai-ti, sagt Gaubil 
p. 145, hatte man eine Steintafel, auf der die Jahre von Yao 
bis Hoai-ti (309 n. Chr.) zu 2721 Jahren angegeben waren. 
Der Astronom Yü-hi, der Zeitgenosse Tu-yü's, unter der D. 
[1867. n.l.] 4 



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50 SÜBung der ph%lo8,'phüol. (JlasBe vom 1, Juni 1667. 

Tsin (266 — 420), rechnete von Yao bis zu seiner Zeit 2700 Jahre ; 
der Bonze and Astronom Y-h an g unter Thang Hiuen-tsuog 
(seit 713) setzte das erste Jahr von Yao 2320 v. Chr., das 
erste Jahr Yon Yfi oder der Dynastie Hia 2170 v.Chr. Der 
Dynastie Hia gab er 432 Jahre, der 2. Dynastie Schang 
628, nur 1 Jahr weniger als Pan-ku. Wu-wang's erstes Jahr 
zu Anfange der 3. D. Tscheu setzte er 1111 v.Chr. s. S. 68. 

Schao-yung (f 1077) gab nach Gaubil der Dynastie 
Tscheu dieselbe Dauer wie Pan-ku. Der 1. und 2. Dynastie 
gab er einige Jahre mehr. 

Hiü-heng unter Eublai (seit 1280) folgte ihm nach 
Gaubil Tr. p. 165 in det Chronologie und rechnete die 
Dynastie Hia vom Tode Schün's 441 Jahre, von Yü's An- 
nahme zum Mitregenten aber 457 Jahre, die Dauer der 
der 2. Dynastie Schang 644 Jahre, die der 3. Dynastie 
Tscheu 874 Jahre, immer nach astronomischen Annahmen. 
Ihm folgte Ma-tuan.lin(t 1322). DerTseu tschitungkien 
kang mu, aus der Zeit der Dynastie Ming, rechnet B. 4 f. 35 v. 
(vgl. Gaubil p. 173) die Dynastie 1 Hia Yü 439 Jahre, von 
2205 V. Chr. mit dem Cykluszeichen Ping-tseu an, die Dynastie 
2 Schang B. 6 f. 35 zu 644 Jahre, seit 1766 v. Chr. mit 
dem Cykluszeichen (Y-wey) an, die 3. Dynastie Tscheu 874 
Jahre seit 1122 v. Chr. mit dem Cykluszeichen Y-mao. 

Deberblicken vnr alle diese Angaben über die Dauer 
der 3 ersten Dynastien, so finden wir -keine sichern 
Angaben, Die ältesten Angaben sind nur runde Summen 
von Nichthistori^em. Sse-ma-tsi^, der erste bekannte 
Geschichtschreiber China's, hat gar keine Angabe über deren 
Dauer. Pan-ku giebt nur gelegentlich eine, man weiss aber 
nicht, worauf sie beruht. Im älteren, aber erst später auf- 
gefundenen Bambubuche giebt nur eine Note die Summen 
der 1. und 2. Dynastie, und sie stimmen weder mit den 
Jahren der einzelnen Regierungen, noch mit den, wie man 
meint, erst später zugesetzten Cykluszeichen und alle di^e 



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Flaih: Ckronolog. Orundlage der äUm ehina, Oesehiehte. 51 

T^rBchiedeneD Angaben weichen von einander ab, sa aadi 
spätere, die zum Theil erst auf astronomischen Bestimmungen 
bemhec. Wir müssen nun 2. die Jahresangaben der ein- 
zelnen Regierungen vergleichen. 

Wir beginnen mit der 3. Dynastie. In der spä- 
ten Zeit lassen die gleichzeitigen Geschichtswerke keinen 
Zweifel übrig. Auch die Regierungsjahre der 4. Dynastie 
Thsin stehen fest. Die Jahre sind schon oben S. 48 angegeben. 

Wir geben zunächst die Liste. der Kaiser mit den 
Jahren ihrer Regierung a) nach der recipirten Annahme 
des Thnng kien kang mu b) nadi dem Bambubuche.^*) 

a) Wu 7 Jahre, Tsching 37, Ehang 26, Tschao 51, Mu 55, 

b) 6 37 26 19 55 

a) Kung 12, T 25, Hiao 15, I 16, Li 51, Siuen 46, Yen 11, 

b) 12 25 9 8 16 46 U 

a) Phing 51, Huan 28, Tschuang 15, Hi 5, Hoei 25, 

b) 51 23 15 Li 5 25 

a) Siaug 33, Ehing 6, Khuang 6, Ting 21, Kien 14, 

b) 33 6 6 21 14 

a) Ling 27, King 25, King 44, Yuen 7, Tsdiing-ting 28, 

b) 27 25 44 7 28 

a) Khao 15, Wei*lie 24, Ngan 26, Lie 7, ffien 48, 

b) 15 24 26 7 48 

a) Schin-tsing 6, Nan 59. 

b) 6 Yn 

16} Nachdem de Guignes dasBambabnch sumScha-king schon 
bis sum Ende dieses 697 v. Chr. ausgezogen hatte, hat Biot Journ. As. 1841 
Ser. ni. T. 12 und 13 nach 2 Sammlongen es übersetzt und Legge 
Prol. T. m p. 108 — 176 den chinesischen Text dann mit den An- 
merknngen und einer Uebersetzang Tolistandiger heraosgegeben. Wir 
benatzten noch eine kleine Ausgabe der Staatsbibliothek. Der I-sse 
giebt Auszüge daraus unter dem Titel Ei-nien, scheint B. 26 f. 1 bei 
Tschao-wang aber ein noch vollständigeres Exemplar benutzt zu 
haben. Der Schluss der Chronik ergiebt seine Abfiusung naieat Yn- 
wang s. S. 52. 

4* 



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52 Siimmg der phOos.-ffML Cla$9€ wm t J%im 1S67. 

Was nun zmiädist die Nam en und die Folge der Kaiser 
betrifft, 80 sieht Daan, dass die des Bambabucbes fast überall 
mit den recipiiten, wie sie schon im Sse-ki yorkommen, über- 
einstimmen; im Bambubuohe haben wir nur Li statt Hi, was 
aber auch im Sse^ki B. 4 f. 23 v. sich findet, und der Sdio- 
liast sagt: jenes laute hiei* Hi. Dann lautet der Name des 
letzten Kaisers Yn statt Nan im Sse-ki. Eine Note zum 
Tschu-schu p. 175 bemerkt, diess müsse daher kommen, dass 
beide Charaktere ähnlich lauteten. 

Was dann die Regierungsjahre betrifft, so endet die 
ChronikdesBambubuches mit dem 20. Jahre „unser es jetzigen 
Kaisers [Yn] (kin-wang)''. Der Sse-ki B.4f. 33fg. giebt dem 
letzten Kaiser Nan 59 Jahre und lässt dann die Dynastie Tscheu 
7 Jahre darauf vernichtet wei-den. Was die früheren Kaiser 
betrifft, so stimmen, wie man sieht, bis Siuen-wang aufwärts 
auch die Regieruugsjahre im Bambubuche mit der redpirten 
Annahme und auch mit den Sse-ki ganz oder bis auf eine unbe- 
deutende Differenz, wie Gaubil Tr. p. 234 bemerkt, überein. 

Der Sse-ki giebt Siang 32 Jahre, King 42, Yuen 8, 
das Bambubuch 33 44 7; 

das erste und letzte Jahr gleichen sich aus ; der Unterschied 
ist also nur 2 Jahre. Auch die Gykluszeichen stimmen 
überein. 

Weiter hinauf gibt der Sse-ki die Regicrui^sjahre der 
Kaiser der 3. Dynastie eben so wenig als die der 1. und 
2. Dynastie an, nur Wu-wang giebt er 2, Mu 55 und Li 
37 Jahre. Gaubil p. 127 sagt, er wisse nicht, woher er 
diese 3 fahlen genommen habe. Wenn er Wu nur 2 Jahre 
giebt, so ist dies offenbar falsch und beruht auf Schu-king 
V, 6, 1: ,,2 Jahre nach der Eroberung Schang's erkrankte 
der König (Wu)", da das Folgende ergiebt, dass er nachdem 
wieder genass. Ueber die 37 Jahre Li-wang's s. S. 65. 

Von den Begierungsjahren der ersten 10 Kaiser der 
Dynastie Tscheu weichen nun aber namentlich 4 bedeutend ab. 



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JPfath: Ckronoloff. Grundlage der äken ehmee. (}e$MfMe. 53 

Nach der recip. Annahme a) Wo 7, Tsehao 51, Hiao 16, 
im Bambabache b) 6 19 9 

a) I 16, Li 51 Jahre. 

b) 8 26. 

Wir wissen weder, worauf die Angabe des Bambabnches, 
noch worauf die später recipirte Angabe sich stützt. 7 Jahre 
geben Wu Pan-ku B.21 f. 17 v (vgl Gaubil Tr. p. 135), 
ebenso Euan-tseu ond Y-hang später nach Tr. p. 228. 

Einige dieser Abweichungen könnte man durch einen 
Ausfall oder eine Verwechslung der zum Theil ähnlichen chine* 
sischen Zahlzeichen ausgleichen, aber man weiss nach Ver- 
gleichung der blossen Kegierungsjahre nicht, welcher Zahl 
man den Vorzug geben soll. Die Cykluszeichen stimmen 
natürlidi hier im Bambubuche mit der redpirten Annahme 
auch nicht. Von Gaubils Aushülfe s. unten S. 66. 

Seit der Regentscbaf t K u n g • h o war die Kaisermacht geschwächt ; 
mehrere gprössere YasaUenreiche bildeten sich. Sie hatten, wie bemerkt, 
auch eigene Qeechiditschreiber und so begreift sich, wie wir in Sse-ki 
neben der Kaiserchronik B. 1 bis 5 eine Chronik der voroehmsten 
einzelnen Yasallenforsten B. 31—47 vgl. I-sse B. 28, nüt Angabe der 
Begienmgsdaaer einer jeden haben. Da in der Geschichte der ein* 
seinen Beiche immer auf andere Bezug genommen wird^ so gew&hren 
diese Angaben in der Geschichte der yerschiedenen Reiche eine Con* 
trolle und Bestätigung der einzelnen chronologischen Angaben nach 
841 y. Chr. So bemeikt Gaubil Tr. p. 209, dass wenn im Sse-ki Lu Pen-ki 
B. 83 f. 21 Y. Confucius Tod unter Lu Ngai-kung A. 16, d. L 479 v. Chr., 
im Tshin Pen-ki B. 5 f. 15 aber desselben Tod unter Tshin Tao-kung 
A. 12 gesetzt werde, diess wieder das Jahr 479 ergebe, und so wird 
namentlich die Zeit der Regentschaft Kung-ho in den einzelnen 
Chroniken wiederholt übereinstimmend angegeben. Der Ai^^g, wo den 
Namen der einzelnen Fürsten, deren Ursprung meist bis auf den 
Stifter der 3. Dynastie hinaufgeht, die Jahre ihrer Regierung beigesetzt 
sind, ist in yerschiedenen Reichen yerschieden. Am weitesten gehen 
sie hinauf im Reiche Lu in Schan-tung. De Mailla's Regententafel 
T. 1 giebt die sammtlichen Fürsten von Tscheu-kung mit 7 Jahren 
und seinem ^hne Pe-kin mit 53 Jahren an; der Sse-ki B. 33 
f. 7 hat für beide keine Angabe der Jahre ; nur die Note sagt; Tsching* 



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54 SüMung der fMos.-phiM, Claase vom 1. Juni 1867. * 

wsDgA. 1 belehnte Pe-kin und dieser starb im 46 Jahre unter Eüser 
Eang-wang A. 16; 87 und 16 Jahre geben 58 Jahre nnd so hat der 
Ti-wang Schi-ki und Han-soha im I-sse B. 28 f. 1. Am Schlosse der 
Chronik von La, sagt der Sse-kiSS f. 28 nur: von Tschea-kong bis 
sam letzten Fürsten Khing-knng waren 84 Generationen; Pan-ku 
B. 21 hia f. 18v. — 21 v. giebt, wie gesagt, die Reihe der Fürsten 
von La mit den Jahren ihrer Regierang vollständiger als der Sse-ki, 
nämlich von Anfang an, nach Ganbil Tr. p. 185 wohl nach später 
noch erlangten Qaellen ; s. oben S. 48. 

Im Reiche Thsin in ^chen-si giebt de Maiila dem Thsin-Tng 
40 Jahre; der Sse-ki B. 5 f. 4 fg. hat aber erst beim folgenden Thsin- 
hea 10 Jahre. 

Im Reiche Thsi in Schan-tnng war der Stifter der Dynastie 
Thai-kang; seinen Tod setzt das Bambabach anter Khang-wang a. 6. 
Die Regierangsjahre seiner Nachfolger giebt anch de Maiila nicht, bis anf 
Hn-kang mit 19 Jahren; der Sse-ki B. 82 f. 5, S B. 40 hat erst dessen 
Nachfolger Hien-kang mit 9 J. and dann die folgenden. Hier mag noch 
bemerkt werden, dass nach Ganbil Tr. p. 112 To-y, der Feldherr Ten's, 
als er 280 v. Chr. dis Hanptstadt Thsi's einnahm, in einer Denkschrift 
an den Fürsten von Yen sagt: man habe die Schätze genommen, die 
dort seit 800 Jahren anfgehäuft worden- Darnach fiele die Gründang 
der Stadt onter Thai-kong 1080 v. Chr. Ich habe die Stelle noch 
nicht gefanden, indess sieht man, ist aof diese ronde Zahl in einer 
militärischen Denkschrift nicht viel zo geben. 

Das Reich Yen in Pe-tschi-li nahm im Ganzen wenig Antheil an 
den Begebenheiten China's. Der Sse-ki B. 84, S. B. 41 kennt den 
Stifter Eang-scho , aber erst von dessen 10. Nachfolger Hoei-kong mit 
88 Jahren führt er die Jahre an, in seinem 28 Jahre fiel die 
Flacht Kaiser Li-wang's ond der Anfang der Regentschaft Eong-ho, 
von welcher überhaopt erst die genaoeren chronologischen Angaben 
datiren. Pan-ktf B. 20 f. 82 — 68 fg. giebt bei der Zosammenstellong 
der Kaiser ond VasaUenfürsten der 8ten Dynastie — ond zwar nor 
bei Yen — bei jedem Fürsten die Zahl der Geschlechter an; der 
Letzte ist fbr 48te. 

Der Stifter des Reiches Tsin in Schan-si war Thang-scho, 
Wo-wang's Broder, aber von seine 5 ersten Nachfolgern gibt der 
Sso-ki B. 89, S. B. 48 wieder bloss die Namen, ohne Angabe ihrer Re- 
gierangsjahre. Der erste mit solchen ist Tsin-heo mit 18 Jahren, 
da in seinem 17. Jahre die Flocht Li-wang's fällt. Snäter traten an 
Tsin's Stelle die 8 Reiche Tschao (Sse-ki B. 48), Wei (B. 44) ond 
Ban (B. 45). Das Geschlecht der Fürsten von Tschao wollte nach 



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Pkak: Clwonolog, Grundlage der alten cMnes. Geschichte. 55 

# 

dem Sae-ki vom alten Kaiser Tsohnen-hiü (2800. v. Chr.) abstammen ; 

einige Ahnen werden genannt, so Tsao-fu, der Wagenlenker nnter 
Tscheu Mn-wang (950 y. Chr.); sein 6ter Nachfolger rettete Kaiser 
Siaen-wang das Leben. Abhängig von Tsin, worden die Fürsten 
dieser 3 Reiche erst später selbstständig; es ist daher nicht nöthig, 
in ihre Chronologie weiter einzugehen. 

Ein anderes Wei, — verschieden geschrieben, — (Sse-ki B. 37 
Sitz.-Ber. B. 41) lag in Ho-nan und stand anter Nachkommen Khang- 
scho*8, eines Bruder Wu-wang's. Auch hier sind die 6 ersten Nach- 
folger im Sse-ki ohne Angabe der Regierungsjahre, erst iChing-heu 
hat solche mit 22 Jahren. 

Wir brauchen 'in die Chronologie der andern kleinen Reiche 
Tsai, Tschin (Sse-ki B. 48), Khi, Sung(B^38), Hiü und Tsching 
(B. 42), aUe in Ho-nan und Tsao in Schau- tung u. s. w. hier nicht 
weiter einzugehen; es genügt die Bemerkung, dass die Angaben der 
R^erungsjahre ihrer Fürsten alle nicht höher hinauf gehen. 

In Hu-kuang war später das bedeutende Reich Tschu oder Tsu 
(Sse-ki B. 40, S. B. 44),dessenFürsten auch ihr Geschlecht vom alten Kaiser 
Tschuen-hiü durch Hiung-yn, dem Zeitgenossen des Stifters der 
8. Dynastie, herleiteten. Seine 4 Nachfolger sind ohne Angabe der 
Regierungsjahre; erst der öteHiung-khiü hat bei Maiila 10 Jahre, im 
See-ki f. 4 aber erst dessen 8 ter Nachfolger Hiung-yung 10 Jahre und 
dann die folgenden. 

Die Fürsten des Reiches ü in Kiang-nan leiteten nach dem 
Sse-ki B. 31 ihr Geschlecht von Thai-pe, dem Oheime Wen-wang's, ab, 
aber sie treten erst sehr spät in der chinesischen Geschichte auf, 
nemlich mit Bcheu-mung (585 bis 560) und schon unter dessen 6ten 
Nachfolger Fn-tscha Wurde das Reich von Yuei erobert. Von den 
Vorgängern Scheu-mung*s hat man nur die blossen Namen. Der 
Sse-ki B. 31 f. 8 rechnet vouThai-pe bis Scheu-mung 19 Generationen. 
Pan-ku B. 20 f. 44 v. rechnet von Scheu-mung bis Tsohung-yung, dem 
Nachfolger Thai-pe's, aufwärts nur 15 Generationen. 

In Tsche-king war das Reich Yuei (Sse-ki B. 41, Sitz.-Ber. 44). 
Der Ahn der Fürsten soll ein Sohn von Schao-khang von der ersten 
Dynastie gewesen sein. Das Reich tritt aber auch erst spät in die 
Geschichte ein. Von Wn-yü giebt der Sse-ki 20 Generationen bis 
Tün-tschang; bedeutend wurde es aber erst unter dessen Nachfolger 
Keu-tsien seit 496 v. Chr. Erst von ihm und seinen Nachfolgern 
werden die Regierungsjahre angemerkt. Pan-ku B. 20 f. 65 rechnet 
▼om letzten Könige Wu-kiang bis Keu-tsien 10 Geschlechter,- der 



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56 SUeung der phüos.-phüol. Classe vom 1 Juni 1867, 

% 
Sse-ki B. 41 f. 6 giebt yon 5 Nachfolgern bis Wn-kiang die blossen 
Namen; das Bambubnoh auch ihre Regiemngsjahre. 

Nach Tschao-hao, dem Verfasser der Geschichte vonU undYnei 
(ü Yuei Tchhün-thsieu) aus der Zeit der Ost-Han (25—220 n. Chr.) 
bei Gaubil Tr. p. 140 endete das Reich Yuei 224 Jahre nach dem 
27ten Jahre von Keu-tsien, d. i. nach der Geschichte von Lu 470 v. Chr., 
also wurde das Reich vernichtet 246 v. Chr. Nach Tschao-hao hatte 
Kaiser Schhao-khang (der 6te der Dynastie Ilia) das Land Yuei seinem 
Sohne Wu-yn gegeben und dessen Nachkommen regierten es nach 
ihm 1922 Jahre. Vom ersten Jahre Schhao-khang's bis zum ersten 
Jahre von Kaiser Tschuen-hiü waren nach ihm 424 Jahre verflossen, 
also bis zum Ende des Reiches 2346 und Tschuen-hiü erstes Jahr 
wäre darnach 2592 v. Clfr. Der Sse-ki B. 41 f. 1, Sitz -Ber. 44 p. 198 fg. 
sagt, dass Keu-tsien's Vorfahren Nachkommen Yü^s waren, und dass 
der Kaiser der Dynastie Hia Schhao-khang seinen Sohn mit Hoei-ki 
belehnt habe, um die Opfer, die Yü dargebracht wurden, fortzu- 
setzen und über 20 Generationen später habe Yün-tschang gelebt. 
Der Scholiast fuhrt dasselbe aus den UYuei Tschhün-thsieu an, — 
vollständiger steht die Stelle im I-sse B. 13 f. 3 v. — Der Sohn 
Schhao-khang's heisst da Wu-yü^ aber beide haben nicht die Zeitangabe 
Gaubils. Nach der Geschichte von Hoei-ki hiess dieser SohnYü-yuei; 
das ist aber der Name des Landes. Nach einer andern Nachricht 
beim Scholiasten zum Sse-ki f. 1 v. waren über 30 Geschlechter (Ye, 
eigentlich Blätter) der Fürsten von Yuei bis unter Kaiser King-wang 
(518 bis 474) der Sohn von Yün-tschang (starb 495) bedeutend wurde. 
Auch in I-sse B 96 Yuei mie U finde ich die Zeitangabe Gaubils 
nicht und sie hat wohl wenig Werth, da, wenn die Abstammung 
der Fürsten von Yuei von Schhao-khang auch sicher wäre, die Zeit- 
angabe wohl erst aus der angenommenen Zeitbestimmung Schhao- 
khang's abgeleitet ist. 

Wir kommöi nun zur 2. Dynastie Schang oder Yn. 
Die wenigen Stücke im Schu-king betreffen nur den Stifter 
Thang (IV 1—3), seinen 2. Nachfolger Thai-kia (IV 4—6), 
den 19. Pan-keng (IV, 7), den 22. Wu-ting (oder Eao^song) 
(IV, 8 und 9), endlich den letzten Ti-sin oder Scheu, unier 
welchem die Dynastie von den Tscheu vernichtet wurde 
(IV, 10). 

Wir geben wieder erst die Liste der Kaiser liiit den 



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Ii<äh: Chronolog. Grundlage der dten chine». Geschichte. 67 

Jahren ihrer Regierung a) nach der recipirten Annahme im 
Tong-kien-kang-ma B. 5 f. 1 fgg. und b) nach dem Bambu- 
buohe. 

a) Thang 13, Thai-kia 33, 

b) 12^0 Wai-ping2,T8chung.jin4, 12 

a) Yo-ting 29, Thai-khang 25, Siao-kia 17, Yung-ki 12, 

b) 19 Siao-keng 5 17 12 

a) Thai-meu 75, Tschung-ting 13, Wai-jin 15, Ho-than-kia 9, 

b) 75 9 10 9 

a) Tsu-y 19, Tsu-sin 16,Yo-kia 25, Tsu-ting 32, Nan-keDg25, 

b) 19 UEhai-kiaS 9 6 

a) Tang-kia 7, Puan-keng 28, Siao-sin 21, Siao-y, 28, 

b) 4, 28 3 10 

a) Wu-ting59,T8u-keng7, T8n-kia33, Lin-8in6, Keng-ting21, 

b) 59 11 33Fung-8in4 8 

a) Wu-y 4, Thai-ting 3, Ti-y 38, Scheu-8in32. 

b) 35 Wen-tingl3 9 Ti-sin 52. 

Was zunächst die Namen der Kaiser und deren Folge 
betrifft/ so sieht man, sind diese bis auf wenige wieder über- 
einstimmend, nur zwischen dem Stifter Thang und Thai-kia 
hat das Bambubuch, wie der Sse-ki nach Meng-tseu, noch 
die 2 kurzen Regierungen Wai-ping 2 Jahre und Tschung» 
jin 4 Jahre. Der Schu-king erwähnt siB nicht und desshalb 
hat man sie später wohl ausgelassen. Die Stelle des Meng- 
tsen V, 1, 6, 5 lautet: „Yü stand Thang bei, so dass er 
Kaiser (Wang) wurde über das ganze Reich. Als Thang 
gestorben war, war Thai-ting (bereits todt) nicht auf den 
Thron gelangt, Wai-ping 2 Jahre, Tschung-jin 4 Jahre." 



17) Wenn das Bambubuch p. 129 Tschhing-thang in seinem 18. Jahre 
Kuei-hai den Thron besteigen lässt, so sind die Jahre da nach dem 
Antritte seiner Herrschaft in seinem Fürstenthome Schang gerechnet 



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58 Siieung der philos.'philol Glosse f>om 1. Juni 1667, 

Einige verstehen nun: so lange regierten sie, andere ab^:: 
sie waren erst 2 und 4 Jahre alt und desshalb folgte der 
ältere Thäi-kia. Meng-tseu fährt fort: „Thai-kia stürzte die 
Verordnungen und Gesetze von Thang um. Y-yn entfernte 
ihn daher 3 Jahr in den Palast Thung/^ Die Chinesen sind 
selber nicht einig, welche von beiden Erklärungen die bessere 
sei. Von den andei-n Namen sind eigentlich nur Thai- 
khang und Siao-keng, Yo-kia und Ehai-kia, dann 
Li n -sin und Fung-sin, diese 2 nur im ersten Charakter ab- 
weichend. Was Siao-keng betrifft, so könnte das Siao im 
Bambubuche statt Thai aus dem folgenden Siao-kia ver- 
dorben sein, wenn nicht einer zur Unterscheidung der beiden 
Siao in der recipirten Annahme statt Siao klein, Thai gross ge- 
setzt hat. Khang und Eeng, im 2. Gliede, liessen sidi bei 
der Aehnlichkeit der beiden Charaktere (2535 u. 2512) und 
Laute leicht verwechseln. So mag auch der Unterschied 
zwischen Wen-ting und Thai-ting bloss auf einer Ver- 
wechslung der beiden ähnlichen ersten Charaktere (Cl. 67 
und Nr. 1799) beruhen. Wenn der letzte Kaiser im Bambu- 
buche Ti-sin statt Scheu-sin heisst, so ist diess keine Ab- 
weichung ; Ti heisst bloss der Kaiser, Scheu war sein Name. 
Welcher von den abweichenden Namen der richtige ist, ist 
schwer zu sagen, auch von keiner grossen Bedeutung. Der 
Kue-iü I f 30 v. sagt Ti-(Tsu)-Kia vei-wirrte Schang und in 
der 7 ten Generationen (ihn inbegriffen) ging die Dynastie zu 
Grunde. Diess stimmt zu beiden Angaben. 
' Aber sehr abweichend ist die Zahl der Regierungs- 

jahre in beiden Listen, wie man sieht. Der Sse-ki giebt 
bis auf den Stifter, wie bemerkt, gar keine Regierungsjahre 
und woher die abweichende Jahresangabe in der recipirten 
Annahme genommen ist, weiss man eben so wenig, ab wo- 
her die des Bambubuches. Gaubil Tr. p. 120 sagt, die 
Liste der Kaiser des Bambubuches von Nan-wang aufwärts 
bis Hoang-ti ist conform der des Buches Schi-pen aus dem 



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PMh: Chronolog. Orundiage der äUen ehines. Oeschiehte, 59 

Ende der Dynastie Tsoheu, aber er sagt, er habe das Bndi 
selber nicht gesehen und kenne es nur aus Gitaten; es ent- 
halte Q^iealogien von Kaisern, Fürsten und angesehenen Per- 
sonen ; die Oenealogien kritisirten die Chinesen , aber die 
Listen der Kaiser habe noch keiner in Zweifel gezogen; 
der Schi-pen gebe Schao 84 Jahre, setze den Gyklus von 
60 Jahren schon unter Hoang-ti, vor dessen Zeit Schin-nung 
and Fu-hi regiert hätten/' Oiess Alles spricht nicht beson- 
ders für dessen Glaubwürdigkeit. Uns steht dieses Werk auch 
nicht zu Gebote. Der I-sse giebt eine Menge kurze Stellen 
daraus; B87, 1 f. 3 y. u. 101 f. 1 wohl Genealogien, aber nur B. 28 
f. 8 ▼. Zeitangaben der Regierungen der Fürsten von Khi; ich 
webs also nicht, ob Gaubil recht berichtet war, seine histo- 
risdien Angaben bewähren sidi sonst immer. Im Schu-king 
V, 15, 4 und daraus wohl im Sse-ki B. 33 f. 5 fg. giebt 
Tscheu-kung, wie schon gesagt, dem Kaiser Tschung-tsung 
oder Thai-mcu eine Regierung von 75 Jahren, Kao-tsung 
(Wu-ting) von 59 Jahren, Tsu-kia von 33 Jahren und die- 
selben Jahreaangaben haben beide Listen. Spätere Kaiser, 
sagt er, ergaben sich den Vergnügen und regierten daher 
nur 10, 7—8, 5—6, 4 — 3 Jahre. Welche diese sein sollen, 
ist aus den Listen nicht ersichtlich, eher frühere. 

Einige Abweichungen in Zahlen könnten leicht verschrieben 
sein, indem ein Zahlzeichen (2 — 5 — 10) hinzugesetzt oder weg- 
gelassen worden; so wenn Yo-ting29 und 19, Thai-khang (oder 
Siao-keng) 25 und 15, Wai-jin 15 und 10, Yo- (oder Khai-) kia 
25 und 15 Jahre, endlich Thai- oder Wen-ting 3 und 13 Jahre 
beigel^ werden; es ist aber aus den beiden Listen allein 
nicht zu entnehmen, welche Zahl die richtige sei, und das 
om so weniger, als die Summen der Jahre der ganzen Dynastie, 
wie wir sahen, so verschieden, von Meng-tsen zu mehr als 500, 
bei Tso-schi zu 600, von Yo-tseu ohne dem letzten Kaiser 
Scheu zu 576, von Pan-kn zu 629 Jahren angegeben wird 
ond die CyUuszahlen des Bambubnches und die Jahre der 



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60 SiUmg der philoa.'philol Glosse wm t Juni 1867, 

einzelnen Regienmgen mit der Gesammtsiünme der Noten 
auch nicbit stimmen, indem jene 508, diese nnr 496 Jahre 
angeben. GaubilTr. p. 237 fg. meint es seien im Bambnbache 
auch bei der Dynastie Schang die Jahresangaben verdorben. 

Es bleibt uns noch die erste Dynastie Hia. Im 
Schu-king haben wir wieder nur wenige Dokumente , aus 
der Zeit der ersten Dynastie; ausser den ersten Kapiteb, die 
Yao, Schün und Yü betreffen, geht ni, 2 auf seinen Nach- 
folger Khi, m, 3 auf Thai-khang und HI, 4 auf Tschung- 
khang. 

Wir stellen auch hier erst wieder die beiden Listen, 
die recipirte nach dem Thung kien kang mu B. 4 f. 7 — 25 
und die des Bambubuches einander als a und b gegenüber; 
da die Gyklnszahlen bei dieser Dynastie aber von den Be* 
gierungsjahren im Bambubuohe abweichen, und an diese Fre* 
ret T. 14 p. 97 sich liält, setzten wir diese noch als c hinzu. 

a) Yü8, Khi 9, Thai-khang 29, Tschung-khang 13, Siang27, 



b) 8 . 16 

c) 11 20 


4 7 28 
6 9 28 


a) üsurpatien 40, 

b) 40 

c) 40 


Schao-khang 22, Tschu 17, Hoai 26, 
21 17 Fen 44 
23 19 44 


a) Mang 18, Sie 

b) 68 

c) 59 


16, Pu-kiang 59, Pien 21, Kin 21, 
25 59 18 8 
28 59 21 46 



a) Ehung-kia 31, Kao 11, Fa 19, Kuei 52. 

b) 9 Hao 3 7 31. 

c) 35 5 7 31. 

Die Namen der Kaiser, sieht man, stimmen auch hier 
wieder fast bis auf einen Hoai, wofür das Bambubuch Fen 
hat, überein. Kao und Hao lauten so ähnlich, als die beiden 
Charaktere (8670 u. 3888) es sind ; welcher der rechte sei, lässt sich 
aber schwer sagen. Auch die Folge der Kaiser steht fest. Der 



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Plaffi: ChroHoiog, Grundlage der dltm ahines. Oeschichte. 61 

Ebmü I, f. 30 y. sagt: Khnng^kia verwirrte Hia und in 
der 4ten Generation (ihn inbegrifif^) ging die Dynastie zn 
Gninde. Diese stimmt wieder mit den Listen. 

Was aber die Regierungsjahre der einzelnen Kaiser 
betrifft, 80 ist hier die Uebereinstimmung der beiden Listen 
noch gmnger als bei der 2. Dynastie. Sie findet sich nur 
beim Stifter Yä, bei Tschn^ bei Pu-kiang und der Usur- 
pation. Bei Siang ist der Unterschied von 27 und 28 Jahren 
gering und gleicht sidi aus durch Schao-khang's 22 und 
21 Jahre; wenn Mang 18 und 58 Jahre hat, könnte eine 
Zahl verschrieben sein. Aber diess genügt nicht zu zu einer 
sichern Herstellung der Listen, da im Bambubuche, v^ie 
Legge p. 181 bemerkt, die üykluszahlen^^) und die einzelnen 
Regierungen nidit stimmen und eben so wenig die Summe, 
weldie die Note angiebt. Diese hat p. 127: 471 Jahre, die 
GyUuszeidien geben nur 431 , die Regierungsjahre nur 403. 



18) Zn bemerken ist, dass im Bambabnehe and zwar nur bei der 
L Dynastie Hia nach Freret's Bemerkung B 14 p. 92 fg. bei 15 Re- 
gierangen die cyklische Note des Regierangganfanges eines Kaisers 
nicht die aaf der des letzten Jahres seines Vorgängers folgende ist, 
sondern ein Zwischenraam bei 8 Regierongen von je 8 Jahren, 
bei den andern Ton 1—2 — 4 Jahren stattfindet. S. ^ei de Mailla 
B. I p. CXLIX die Tafel, z. B. Yü starb nach p. 118 im 8. Jahre 
Jin-isea (das ist 1981), das 1. Jahr seines Nachfolgers Ehi ist aber erst 
das Jahr Eaei-hai (1978). Die Note sagt: Dieser trat die Herrschaft 
an, als die 8 jährige Trauer yorüber war, und eben so bei Schun und 
Tu, und so erkl&rt es auch Freret Bei Tao's Tode sagt dasselbe 
von 8chün Meng-tseu Y, 1, 4, 1 u. 5, 7 und bei Schftn's Tode von Yü 
derselbe Yll, 1, 89 und 40, 2. Wurde die Trauerzeit nicht immer 
gleiohmässig eingehalten oder gerechnet? In der 2. und 8. Dynastie 
enthielt der neue Eaiser die 8 Traueijahre über sich auch der Re- 
gierung, die der Premier-Minister führte — so nach Lün-iü 14, 48 unter 
Kao*t8ang (1828—1268), — aber sie werden nicht abgerechnet 



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62 Sitßung der phihe.-phOol, Claase vom 1. Juni 1867. 

Pan-ka giebt der 1. Dynastie 432 Jahre, Meiig*tsea in ninder 
Samme über 500 Jahre. 

Yao's and Schän's Regierung vor Yü nehmen beide 
Listen zu 100 und 50 Jahre nach dem Schu-king an. 

So sehen wir, ist durch Vergleichung der einzelnen Be- 
gierungßjahre der Listen zu einer sichern Chronolc^e im 
Einzelnen und im Ganzen jnoch weniger zu gelangen, als 
durch die der blossen Summen. Es bleibt uns nur 3. noch zn 
sehen, ob die astronomischen Data und Cyklusangaben 
uns nicht zu sicheren Resultaten verhelfen können , wie 
die Chinesen schon vielfach versudit haben. 

Zur Bestätigung der bestimmten Epochen dienen nim 
die Sonnenfinsternisse, die in der spätem Zeit, wie 
Gaubil Tr. p. 198 ig. bemerkt, fast immer genau nadi 
Jahr, Monat und Tag bemerkt sind, so dass wir sie verifi- 
ziren können. 

Wir übergehen die, welche Gaubil aus der Zeit der 
Ost-Uan am 10. Mai 31 v. Chr. und aus der Zeit der West- 
Ilan am 7. August 198 v. Chr. anführt; wir haben gleich- 
zeitige Geschichten, welche über die Chronologie dieser Zeit 
keinen Zweifel übrig lassen. Da die Geschichte der 4. Dy- 
nastie Thsin sich erhalten hat, ist auch deren Chronologie 
sicher. Das Ende der 3. Dynastie Tscheu wird 249 y. Chr. 
gesetzt. Im Jahre nachher (248 v. Chr.) setzt der Tong 
kien kaug mu eine Sonnenfinsterniss im Jahre Kuei-tschea 
im 3. Monat; aber diese kann nach Gaubil Tr. p. 206 nicht 
zur Bestimmung des Endes dei* Dynastie Tscheu dienen, da 
wir keine astronomische Angabe aus der 4. Dynastie Thsin 
haben, der Text nicht den Stand der Sonne in den Stern* 
bildern angiebt und man auch nicht weiss, in welchem Grade 
einer Constellation das Wiuter-Solstiz angesetzt wurde. 

In der 3. Dynastie giebt der Sse-ki, wie bemerkt, von 
Kaiser Li-wang an die RegierungGJahre und von der darauf- 
folgenden Regentschaft Kung-ho an stimmt das Bambubuch 



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Ftath: Ohronöbg. Grundlage der alten chines. Geschichte, 63 

ganz mit dem Sse-ki and der recipirten Annahme, auch bei 
den einzelnen Regieinngen. Diese lassen sich nun auch durch 
die von Confudus in seinem Tschhün-thsieu angeführten 36 
Sonnenfinsternisse sicher stellen. Sie werden nach den 
Jahren der Fürsten von Lu, deren Residenz in Yen-tscheu- 
fu in Schan-tung war, bezeichnet und da wir aus dem 
Sse-ki auch die Namen der andern alten Fürsten kennen, so 
können wir auch die Jahre dieser und der Kaiser angeben, 
in welchen sie erfolgten. So soll die erste im 3. Jahre von 
Lu Yn-kung am Gyklustage Ei-sse sich ereignet haben. Diess 
war unter Kaiser Ping-wang A. 51 oder 720 v. Chr. am 
22. Februar und da ist Morgens 10 Uhr und einige Minuten 
wirklich eine bedeutende Sonnenfinsterniss in Schan-tung ein- 
getreten, s. Gaubil Obs. T. II p. 156 fg. Tr. p. 210 fg. 
Die zwischenliegenden führt Gaubil Obs. T. III p. 239 fg. 
und Lettres ed. T. 14 p. 37 1 auf und verificirt sie. Chalmers 
bei Legge Proleg. Tr. m p. 103 giebt eine üebersicht der- 
selben,, aber mit einigen Abweichungen ; einige wären darnach 
freilich in Schan-tung nicht sichtbar gewesen. 

Mit dem 14ten Jahre Ngai-kung's von Lu endet die Chronik 
des Confucius, sie beginnt mit Yn-kung A. f, 242 zuvor; in 
dessen 3te8 Jahr fällt der Tod Kaisers Ping-wang 720 v. Chr. 

Aber über das gedachte Jahr hinaus fehlen Angaben von 
Sonnenfinsternissen fast gänzlich, so dass die hin und 
wieder ausgesprochene Behauptung, die Geschichte der Chi- 
nesen beruhe durchgehens auf der Gewährleistung aufgezeich- 
neter Sonnenfinsteinisse, nur bis zum 8. Jahrhunderte v. Chr. 
richtig ist. Aus den 2000 Jahren vor der Zeit des Tschhün- 
thsieu sind nur 2 aufgezeichnet, von denen eine noch dazu 
ziemlich problematisch ist. Die andere wird in Schi-king 
Siao-ya U, 4, 9 in einer Ode aus der Zeit des Kaisers Yeu- 
wang , des Vorgängers von Ping-wang — den das Lied aber 
nicht nennt, — erwähnt. Es heisst da: „Kiao des 10. 
Monats, am 1. Tage Sin-mao war eine Sonnenfinsterniss.^' 



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64 Siteung der phüos.'phäol. Classe vom 1. Juni 1867. 

Eiao bezeidmet nach Gaubil Obs. T. II p. 151 ^. und Tr. 
p. 21 5 fg. in der älteren chinesischen Astronomie die Knoten 
der Mondbahn, in deren Nähe sich die Fipsternisse allein 
ereignen können. Nadi dem Kue-iü I, f. 9 und Sse-ki re- 
gierte Yeu-wang 11 Jahre und nach der Geschichte der 
Thsin (Sse-ki B. 5 f. 5) fiel er in einer Schlacht gegen die 
Tataren im 7. Jahre von Thsin Siang-kung 771 v. Chr.); 
er kam also 781 zur Regierung. Während dieser Zeit war 
aber in Si-ngan-fu , in Schen-si , der damaligen Residenz der 
Dynastie Tscheu, nur eine Sonnenfinstemiss sichtbar and 
zwar nach Gaubil den 6. September 776, am ersten Tage 
des 10. Monats nach dem Kalender der Dynastie Tscheu, 
gleich dem 8. jetzigen Mouate, der wirklich der Tag Sin- 
mao war; diese müsse also gemeint sein. Diess bestätige 
auch das Bambubuch, das am Tage Sin-mao den ersten des 
10. Monats im 6. Jahre von Yeu-wang im Winter die einzige 
Sonnenfinstemiss erwähnt. Diese Berechnung nach P. Adam 
Schall, P. Kegler und Gaubil haben auch Lacharme zum 
Schi-king p. 284 und de Maiila T. 2 p. 57 ; ich weiss nicht, 
wie Ghalmers p. 103 und nach ihm Legge p. 85 sie auf den 
29. August 775 v. Chr. berechnet und dann sagt, dass sie 
früh Morgens kaum sichtbar war. 

Vor Phing-wang regierte nach beiden Listen Yeu-wang 
11 Jahre und vor diesem Siuen-wang 46 Jahre; bei der 
Regierung der 10 Vorgänger Siuen-wang's weichen die Be- 
gierungsjahre in beiden Listen aber, wie S. 53 bemerkt, sehr ab, 
namentlich was die Regierung des 4ten Tschao (51 und 19), 
des 8ten Hiao (15 und 9>', des 9ten J (16 und 8) und des 
loten Li (51 und 26) betriflEl. 

Die Geschichte yon Thsin geht bis 857 v. Chr. hinauf 
wo Thsin-heu zur Regierung gelangte. Bis Li-wang giebt 
der Sse^ki die Regierungsdauer der Kaiser übereinstimmend 
mit dem Bambubuche an und da die zahlreichen Angaben über 
Sonnenfinsternisse im Tschhün-thsieu seit 720 diese bestätigen, 



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Fiath: Chronölog. Grundlage der alten chines. Geschichte. 65 

80 kann man auch ohne Bedenken die Chronologie der 3. Dy- 
nastie Tscheu von der Regentschaft Kung-ho abwärts als 
wohl begründet betrachten; sie trat 841 v. Chr. ein, nach- 
dem Li-wang im 37. Jahre seiner Regierung wegen seines 
schlechten Betragens entthront worden war-. Die beiden 
Minister Tschao- und Tscheu-kung retteten nach der Flucht 
des Kaisers den Erbprinzen vor der Wuth des erbitterten 
Volkes und führten 14 Jahre die Regentschaft, Kung-ho ge- 
nannt, d. i. Eintracht und Harmonie, und übergaben dann 
die R^ierung seinem Sohne Siuen-wang. Die 14. Jahre zu 
den 37 Jahren Li-wang's im Sse-ki geben die 51 Jahre des- 
selben in der redpirten Annahme. 

Die Regierungsjahre der Vorgänger Li-wang's sind aus 
der Liste zu ersehen. Eine Stelle, um diese controliren zu 
können, findet sich nur in Schu-king im Kap. Pi-ming (V, 
24, 1) aus der Zeit des 3 ten Kaisers Khang-wang. Da heisst 
es: „in seinem 12. Jahre, im 6. Monate, am Tage Keng-u 
erschien die Helligkeit (die erste Mondphase); der 3te Tag 
nachher war Jin-schin.*' Lieu-hin und Pan-ku nehmen den 
Ausdruck, die Helligkeit erschien, wie die Chinesen allgemein 
für den 3. ^Tag des Monats; der Charakter Pu oder wie 
Legge lieset. Fei kommt im Schu-king auch V, 12, 2 vor 
und ist zusammengesetzt aus Cl. 74 Mond und Tschu her- 
vorgehen. Die recipirte Meinung lässt Khang-waug 1078 bis 
1052 regieren. Damach wäre diess im Jahre 1067 v. Chr. 
den 16. Mai gewesen, aber da war der Cyklustag Keng-u 
kein 3ter Monatstag. Der chinesische Astronom Y-hang, im 
8. Jahrhunderte n. Chr., nahm daher das Jahr 1056 v. Chr. 
den 18. Mai an, wo der Neumond den 16. und der Cyklus- 
tag Keng-u der 18. Mai war und ihm folgt Gaubil Tr. 
p. 223 fg. Daiiiit stimmt aber gar nicht die Chronologie 
des Bambubuches. Dieses setzt das erste Jabr Khang-wang's 
1007 V. Chr. und sein 12. Jahr ist also 996 (60 Jahre 
später). Diess reimt sich aber durchaus nicht mit dem 
[1867. IL 1.] 5 



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66 SüMung der pküoB.-phüol, CUme wm 1. Jmi 1867. 

Schu^king und Gaubil Tr. p. 225 und ebcoso Freret T. 14 
p. 113 meinen daheri man müsde einen ganzen Cyklus von 
60 Jahren hinzusetzen, — und zwar dieser in den 4 Re- 
gierungen zwischen Eung- und Siuen-wang, — so erhalte 
man dasselbe Jahr 1056 y. Chr. Das Bambubudi erwähnt 
da dieselbe Begebenheit so: „im 12. Jahre im Sommer im 
6. Monat, am Tage Jin-schin kam der König nad^ Fang 
und ertheilte ein Amt dem Pi-kung.'^ Le^e m p. 570 hebt 
hervor, dass dieses Kapitel des Schu-king nur im alten 
Texte sich finde und bezweifelt werde, aber ein Gitat in 
Pan-ku's Geschichte der Han (Liu-li tschi B. 21 hia £ 18) 
scheine den Text im Wesentlichsten zu bestätigen. 

Wenn diese Annahme richtig, wäre das erste Jahr 
Khang-wang's 1068 y. Chr. (statt 1078 oder 1007) und man 
müs^ die Regierungsjähre darnach ändern, in der redpir- 
ten Chronologie abwärts bis zur Regentschaft Kung-ho 
10 Jahre absetzen, im Bambubuche aber 60 Jahre hinzu- 
setzen und zwar wohl bei den oben angeführten Regierungen, 
wo die Regierungsjahre beider Listen yon einander ab- 
weichen. 

Die 2te Stelle des Schu-king's, die man zur GontroUe 
der Listen benutzt, im Kap. Tschao-kao (V, 12, 2) lautet § 1 : 
„im 2. Monate, am Tage Y-wei, dem 6. nach dem Vollmonde, 
ging der König Morgens yon Tscheu aus und kam nach 
Fung" — und § 2: „im 3. Monate, nachdem am Tage 
Ping-wu der Neumond erschienen war, am Tage Meu-schin 
kam der Thai-pao Morgens nach Lo.'' Es handelt sich hier um 
das 7. Jahr der Regentsdiaft Tscheu-kung's unter Kaiser Tsching- 
wang. Pan-ku und Lieu-hin deuteten es auf das Jahr 1109 
y. Chr., aber nach Y-hang, dem Gaubil p. 226 und Freret 
p. 75 fg. folgen, entspricht es dem Jahre 1098 y. Chr. ; denn 
der 2. Februar 1109 könne nicht der SteTag des 3. Monats 
nach dem Kalender der Tscheu sein, wohl aber der 4. Fe> 
bruar 1098 der Tag Pmg-wu und der 3te des 8. Monats; in 



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PMk: CktomHog. Onmilage der dUm chmes. Oesehkhie, 67 

dieMm Jahre war im 2. M. den 18. Januar Vollmond und 
6 Tage spater da* Tag Y-wei, was beides viele Jahre vor und 
nacbher nicht wieder Torkomme. Dieses stimmt aber wieder 
dcht mit dem Bambubnche. Nach diesem regierte Tsching- 
wang 104S bis 1006 mid sein 7tes Jahr wäre demnach 1038 
(neUnehr 1037), diese passe aber in keiner Weise. Das Jahr 
habe den Q^ns-Charakter Kuei-mao, denselben habe aber 
andi das Jidir 1098 ; es scheine also wieder ein Cyklns von 
60 Jahren da ausgelassen. Diess zeige sich aber auch bei 
semer Angabe des Todes Tsdiing-wang's. Das Bambubuch 
p. 148 lasse ihn, wie die recipirte Meinung, 37 Jahre regie- 
ren und im Sommer im 4. Monate, am Tage Y-tschheu sterben; 
der Schn-king im Kap. Ku-ming V, 22, 1 setze auch seinen 
Tod am Tage Y-tschheu, im 4ten Monate, aber den Tag nach 
dem Vollmonde. § 1 heisst es: „im 4. Monat, da der Mond 
begann abzunehmen, war der Kaiser unwohl; § 2 am Tage 
Kia-tsen wusdi sich der Kaiser Hand und Gesicht, die Be- 
amten srtzten ihm den Hut auf, zogen ihn an u. s. w. und 
§ 10 am nächsten Tage Y-tschheu starb der Kaiser." Im 
Jahre 1008 y. Chr., sagt Oaubil, war der Tag Y-tschheu der 
2te März zwar im 4. Monate, aber mehrere Tage vor der 
Opposition; es passt also das Jahr nicht, wohl aber war in 
China 1068 den 16. März die Opposition im 4ten Monate und 
im 4 den 17. März war der Tag Y-tschheu; beide Jahre 
hätten den GyUus-Charakter Kuei-yeu und es werde wieder 
im Bambubnche ein Cyklus von 60 Jahren ausgefallen sein. 
Das erste Jahr Tsdiing-wang's wäre demnach 1 104 y. Chr., 
dieses Jahr hat das Cykluszeichen Ting-yeu; dieses giebt 
ihm audi das |Bambubudi p. 145, aber im unkorrigirten 
Texte ist es da das Jahr 1044. 

Auf die Regierung Wu-wang's, des Vaters und Vor- 
gängers yon Tsching-wang, rechnet der Sse-ki (wie schon 
bemerkt, wohl irrig) nur 2 Jahr; Pan-ku B. 21 f. 17 y. und 
Lieu-hin, audi Kuan-tseu 7 Jahre, so auch die recipirte 



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68 



Sitewng der phüoe.-phildl. Cla9S€ «pm 1: Juni 1867, 



Anudime. Dieses simmt auch Qanbil imt XrhaQg an. J)aim 
wäre sein erstes Jahr wahrscheiülidb» meint er p. 231, aber 
nicht gewiss 1111 v. Chr., statt nach d^ recipirten Meinung 
1122. Das Bambubuch rechnet 6 Jahre. Im Schu-king im 
Kap. Wu-tsching (V, 3, 1) heisst es: ,.™ ersten Monate 
am Tage Jin-tchin war der Tag nach der Conjunktion; den 
folgenden Tag Kuei-ki zog der Kaiser des Morgens von Tsdiea 
aus, Schang anzugreifen und zu bestrafen.'' § 2 : im 4ten Monate, 
als der Mond zuerst wieder erschien, gieng der Kaiser tod 
Schang nach Fung; § 3 am Tage Ting-wei opferte er im 
Ahnentempel der Tscheu und 3 Tage darauf am Tage 
Keng-siü brachte er ein Brandopfer dar und verkündete das 
Ende des Krieges; § 4 als der Mond begann abzunehmen, 
erhielten die Vasallenüirsten ihre Anstellung von Tscheu. 
(Der Kaiser hält dann § 5 — 8 eine Anrede an diese). § 9 heisst es ; 
„am Tage Meu-wu ging das Heer über die Furt von Meng, 
am Tage Kuei-hai hielt er eine Revue über dasselbe in der 
Vorstadt oder an der Grenze (Kiao). von Schang und er- 
wartete des Himmels ruhigen Befehl; am Tage Kia-tseu b^ 
Tagesgrauen führte Scheu sein Heer heran, wie einen Wald 
und versammelte sie in den Gefiielden von Mu, aber es leistete 
keinen Widerstand ünserm Heei-e." Diess sind die Gjklus- 
zeichen, die in diesem Kapitel erwähnt werden. Gaubil sagt, 
es muss damals zwischen dem ersten und 4. Monate einen 
Schaltmonat gegeben haben; es handelt sich hier von dem 
Jahre, wo Wu-wang den letzten Kaiser der Dynastie Schang 
schlug, also im 1. Jahre seiner Regierung. Lieu-hin und 
Pan-ku nahmen nach Gaubil irrig dafür das Jahr 1122 an, 
1123 (1122) sei der Tag Sin-mao (27. November) der erste 
des 1. Monats, der Tag Jin-tschin der 2., der Tag Ki-wei 
(25. December), der des Solstizes, der Schaltmonat zwischen 
dem 1. und 4. Monat gewesen, aber da müsste man sich 
1123 um 3 Tage geirrt haben, denn die Conjunction fand 
den 30. November statt. Gaubil nimmt daher mit Y-hang 



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Plaih: Ghronolog. Ch^wuUage der alten chines. O^schichte. 69 

dafor das Jahr 1112 an. Am Tage Keng-yn sei da die Con- 
janctioD gewesen, es ti'offe diess nidit ganz geifau zu, doch 
hat es nach Gaubil Wahrscheinlichkeit. Nach dem Tschhün- 
ti^sien Ton Liü-pu-wei (im I-sse B. 146 hia f. 5) war Wu-wang 
schon 12 Jahre Fürst von Tscheu, als er Kaiser wurde — 
ntid damit stimmt der Schu-king Kap. Thai-tschi (V, 1, 1): 
„im iSten Jahre im FrühUnge war die grosse Vereinigung 
an der Fürt von Meng(-tsiü)." Nach Gaubil starb sein Vater 
Wen-wang, also 12 Jahre vor 1111, d. i. 1123 v. Chr.; 
er regierte aber (in seinem Lande Tscheu) nach dem Schu-. 
king Katp. Wu-i V, 15, § 11 : 50 Jahre. 

Wenn na<^ diesem Systeme QaubiPs Tr. p. 233 die Jahre 
der Regentschaft Kung-ho (841 v. Chr.) bis zum ersten 
Jahre Tsc&ng-wang's (1104) und auch bis zum ersten Wu- 
wang*8 (1112) im Ganzefn sicher sind, so ist diess nicht so 
der Fall mit der Vertheilung der Jdire zwischen den ein- 
z^en Regierimgen/Tsdiing-wang r^ierte nach allen Nach- 
riäiten 37 Jahre, Kfaang-wang nach beiden Listen 26, ebenso 
Mu-wang auch nach dem Sse-ki 55 Jahre, Kung-wang nach 
beid^Lkten 12 Jahre, und sein Nachfolger Y-wang 25 J^ire; 
aber wegen der Anderen 4 bestehen zwischen beiden Listen 
Abweichungen und die Entscheidung über die Dauer der 
einzelnen Regierungen hi schwierig. 

Bine Note zum Bambubuche p. 149, welche lautet: 
„von König VITii^wang bis Kaiser Mu-wang wurde das Reich 
100 Jahre, (wie man meint von Tschen) besessen*' scheint 
einen Anhalt zu gewähren zu der Annahme, dass von Wu- 
wang ins Mu-wang 100 Jahre verflossen waren; allein hier 
wird bloss die Stelle des Schu-king im Kap. Liu-hing (V, 
2*7, 1) zu Grunde liegen, wo derselbe Ausdruck hiang- 
kue vorkommt. Legge übersetzte es da: „der Kaiser hatte das 
Reich iane 100 Jahre alt (mao),'* obwohl nach V, 15, 4, 5 und 6 
(ohne mao) näher läge die Uebersttimng : „er hatle den Thron 
•100 Jahr inne,^^ wie auch lUid^e ehineaische Andrer annehmen. 



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70 SiUung der pMos.-phiM. GloMe wm 1. Jtim 1S67. 

während der Sse^ ihn 50 Jahre alt den Thron bestehen 
lässt. Nun sagt die Geschichte Ton Tsin (TBrn-sdia) im 
I-B8e26 £ 1 y. »^Ma-wang lebte nicht 100 Jahre lang*^ und 
es scheint daher, dass der Notenschreiber, der Unwahrsdieiii- 
lichkeit der langen Lebensdauer desselben zn entgehen, die 
100 Jahre nur auf die Zeit von Wu-wang bis Mu-wang g^ 
deutet habe; dann kann die Note natürlich nichts belfen. 
Die Note des Bambubuches hinter den 12ten Kaiser Teo-waag 
p. 158, die vom 1. Jahre Wu's Sin-mao bis zum leisten 
Yeu's Eeng-u 292 Jahre rechnet, ist oben S. 46 scium an- 
gezogen. Die Summe stimmt nidit zu den einzelnen Regie- 
rungen ; die einzelnen Regierungsjahre des Bambubuches geben 
nur 269, die GyUuszeichen 279 Jähre, also 23 oder 18 Jahre 
weniger. Die Regierungsjahre Tschao's, Hiao's, J's und LPs 
sind im Bambubuche geringer, als in der redpirteo Annahme, 
aber weldien Regierungen die Jahre zul^en? Bis Siuen- 
wang A. 826 stimmen beide Listen. Auf seine Vorgänger 
rechnet die redpirte Annahme bis 1121: 295 Jahre, das 
Bambubuch nur 223 Jahre, wie Legge Ph>l. T. m p. 85 
hat; bei 5 dieser Regierungen stimmen beide Listen iibereiB, 
bei 5 nicht. Man sidit aber keinen Grund, sich f&r die An- 
gabe der einen oder andern zu entsdieiden. Wenn Meng-taeo, 
sagt Legge, die 500 Jahre und mehr Ton Gonfudus Hb Wen 
bis zum AnfEmge der Dynastie Tscheu rechne, (was aber nicht 
anzunehmen,) Halle dieser 1051 — 1161; die redpirte An- 
nahme möge sich der Wahrhdt nahem, die des Bambubuches 
sd zu spät. 51 Jahre werden Tscfaao-wang, mit dem Namen 
Hia, auch in dnem Werke Tao-kien-lo, wdches Deba^etz- 
ungen von alten Insdiriften auf Sdiwertem zu enthalten 
schdnt, im I'^e B. 26 f. 1 beigdegt, aber da die Insdirift 
aus dem 2. Jahre des Kaisers sein soll, ist diese Angabe 
des unb^annten Autors wieder von keiner Bedeutung. Es 
lässt dch also die Dauer der Regierungen, bei welchen 
bdde Listen Yon einander abwdchen, nidit genau bestimmoi. 



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IftM: Ghrondhg. Chnmdlage der aUen ehinea, Geschichte, 71 

Was die 2te Dynastie betri£Et;, so steht damit die Sache 
noch schlimmer. Wir haben gesehen, wie verschieden die 
Summe der Dauer der ganzen Dynastie angegeben wird, von 
Meog^tseuzumehr als 500 Jahren, bei Tso-schizu 600 Jahren, von 
To-tsea bis zum letzten Kaiser Scheu exclusive zu 570 Jahren, 
Ton Pan-ku zu 629 Jahren. Die Summe dei^ Note des Bam- 
bubaches p. 141 496 Jahre stimmt nicht mit den Jahren, 
welche die einzelnen Regierungen und die Gykluszeichen er- 
geben. Die redpirte Annahme rechnet 644 Jahre bis 1765 
T. Chr. Von den einzehien Eiusem fuhrt der Schu-king im 
Kap. Wu-i (V, 15), wie gesagt, nur an Tschung-tsung mit 
75, Wn-ting mit 59 und Tsu-kia mit 33 Jahren, andere 
nach diesen hätten nur 10, 7—8, 5—6, 4—3 Jahre regiert; 
sie werden nicht genannt — Diese Zahlen möchten aber 
för die kleineren Zahlen der Regierungsjahre der 5 nächsten 
Nachfolger Tsu-kia's der Listen S. 57 sprechen. Die Stelle 
des Kue-iü I, f. 30 y., oben S. 42 sagt nur: von Ti-kia 
bis zum VerfiEille der Dynastie sind 7 Generationen; Meng- 
taeu n, ly 1, 8 sagt: „vom Stifter Thang bis Wu-ting 
gab 68 6—7 weise und heilige Fürsten. Scheu, der letzte, 
war nidit weit von Wu-ting. Dass Meng-tseu (V, 1, 6, 5) 
zwischen dem Stifter Thang und Thai-kia noch zwei Regie- 
rungen der Brüder Wai-ping 2 Jahre und Tschung-jin 4 J. setzt, 
wahrend andere sie weglassen, ist S. S7 schon erwähnt. Diese 
stützten sich auf den Schu-king im Kap. Y-hiün (IV, 4, 1) ; 
da heisst es: „in Thai-kia's erstem Jahre, im 12. Monate, 
am Tage Y-tschheu opferte Y-yn dem Könige Vorfahren und 
prasentirte respektvoll den König-Nachfolger seinen Ahnen,^' 
und dann auf <Üe Vorrede zum Schu-king § 18: „Nachdem Thaiig 
gestorben in Thai-kia's Istem Jahre, verfasste Y-yn (das Cap.) 
Y-hiün/' Nach dem Tso-tschuen war der erste Monat der 
Dynastie Schang der 12te im E[alender der Hia und der 2te 
in dem der Tscheu. 

Pan-ku B. 21 hia f. 16 %. wollte aus dieser Stelle das 



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72 Sitzung der phüos.-philoh Glosse vom 1. Juni 1867, 

Jahr 1738 y. Chr. als das erste Jahr von Tfaai-kia und da 
Tsching-thang 13 Jahre regierte, 1751 v. Chr. als das erste 
Jahr desselben ermitteln. Es stimmt aber nicht damit, dass er 
an einer andern Stelle (B. 20 f. 18 v.) Wai-ping und Tschang- 
jin zwischen beiden annimmt und Gaubil Tr. p. 240 bemerkt, 
der Scho-king sage nicht, dass der Tag Y-tschheu der Tag des 
Winter- Solstizes, noch dass e^ der erste des Monats gewesen 
sei, ^worauf Pan-ku sich stützte. Gaufoil nimmt mit dem 
Bambubuche 52 Jahre für den letzten Kaiser (der 2. Dy- 
nastie) Scheu an, rechnet mit Yo-tseu bis zu diesem 576 
Jahre, lässt Thai-kia unmittelbar auf ThlEUig folgen, nimmt 
so 628 Jahre für die ganze 2. Dynastie an und setzt daher 
ihren Anfang Tr. p. 242: 1739?. Chr.; aber so wenig sicher, 
dass er später in seiner Geschichte der Astronomie Lettr. 
edif. T. 14 p. 332 dafür das Jahr 1760 annahm. Weitere 
Cykluszeichen zu einer Controle der Jahre der 2. Dynastie 
giebt es nicht, daher man über ihre Dauer oder die der ein- 
zelnen Regierungen derselben bei der verschiedenen Angabe der 
Listen nicht entscheiden kann. L^ge Prol. III p. 86 sagt : aus 
der Summe von 600 Jahren bei Tso-tschuen und 500 und 
mehr bei Meng-tseu lasse sich nur schliessen, dass die re- 
cipirte Annahme von 644 Jahren zu gross, die des Bambu- 
buches von 508 Jahren (die Note hat nur 496) zu gering seL 
Gleiche üngewissheit herrscht über die Dauer der 
ersten Dynastie Hia. Der Schu-king im Kap. Yn^-tschiog 
(III, 4, 4) gedenkt einer Sonnenfinsterniss, die sich unter 
dem 4ten Kaiser derselben Tschung-khang ereignet haben 
soll. Die Stelle hat der Tso-tschuen Tschao-kung A. 17 f. 10. 
Liesse sich das Jahr derselben mit Sicherheit bestimmen, 
so würde sie ein Lichtpunkt für die älteste Chronologie 
Ghina'b sein. Die Worte sind aber zu unbestimmt, sie 
lauten: „am ersten Tage des letzten Herbstmonats waren 
Sonne und Mond in ihrer Conjunktion nicht in Harmonie 



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Plath: Chronolog. Grundlage der cdten chines^ Oeschichte. 73 

ih Fang (tschin fei tsi iü Fang)^^); der Blinde rührte die 
Trommel (wie bei einer Sonnenfinstemiss üblich), die untern 
Beamten und das Volk rannten bestürzt umher". Nach dem 
Tso-tschuen ist eine sichtbare Finsterniss hier , gemeint. Der 
Hof war damals in Ho-nan, bei dem jetzigen Thai-kang 
hien 34® 4' der Br. 8' westlich von Pe-king. Der cyklische 
Tag der Finsterniss wird aber nicht angegeben und ihre 
Epoche steht daher keineswegs fest. Der Thung kien kang mo 
B. 4 f. 13 setzt sie in Tschung-khang's A. 1, das Bambubuch 
in A. 5 ; diese und andere sind aber alles spätere will- 
kürliche Bestimmungen. Gaubil, der sie mehrmals in Unter- 
suchung gezogen hat (Observ. T.II, p. 140, hinter s. üeber- 
setzung des Schu-king p. 372—380, Traite p. 242 fg. und 
Lettres edif. T. 14 p. 3l6) meinte, sie habe im ersten Jahre 
Tschung-khang's stattgefunden und zwar den 12. October 
2155 V. Chr.*^ wo sie nach Flamsteeds Tafeln beim Aufgange 
der Sonne 3V«2oll betrug; diese sei die einzige, aufweiche 
die Angabe des Schu-king passe. Das Winter-Solstiz war 
damals den 7 oder 8. Januar 2154, das Herbstaequinoctiura 
den 8. oder 9. October 2155 nach chinesischer Bestimmungs- 
weise, so dass sich' nach ihnen die Sonne am 12. October 
3—^4^ östlich vom Herbstpunkte befand. 

Die Finsterniss ereignete sich nach ihm also wirklich 
im 9. Monate und zugleich in der Station Fang , wenn diese 
schon damals, wie später, bestimmt wurde. Aber Delambre 



19) Dieser Ausdruck für eine Sonnenfinstemiss, bemerkt Chalmer's 
p. 101, ist ungewöhnlich; später heisse es immer: Ji yeu schi tschi; 
der Charakter Fang im Tso-tschuen sei sichtlich nicht das Sternbild, 
das jetzt so heisse, sondern dis jetzige Sehe, und hiess früher Ho 
(Scorpion), Fang nur im Li-ki genannt. 

20) Legge T.IU p. 167 sagt irrig 2169 oder 2168. — Der Unter- 
schied eines Jahres hier und sonst rührt nur daher, ob man das 
Jfthr Ton Christi Geburt als erstes mitrechnet oder nicht. 



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74 Sitnmg der pkOos.^hM, ClofU vom 1. Jum 1867. 

Histoire cle Pastronomie T.I p.353ij;. wendet dagegen sehoa 
ein, dass die angenommene Finsterniss nur klein war und 
nidit geeignet, das Volk zu erschrecken. Eben so sagt Usüer 
S. 324, sie betrug nur 1. Zoll und nach Largeteau bei ^ot 
Journal des Savans 1840 avril, der sidi der verbesserte 
Mondtafeln bedient bat, war sie in China gar nidit siclit» 
bar und so auch nach Chalmers bei Legge T. 3 p. 168. 
Die Chinesen schwanken selber in ihrer Bestimmung. Das 
Bambubuch p. 119 setzt sie, wie gesagt, unter Tschnng-Ubai^ 
A. 5 im Herbste, im 9. Monate, am Tage Keng-siü, nadi den 
Cykluszahlen des Jahres und Tages den 28. October 1948, 
wo es aber gar keine Conjunktion, geschweige denn eine 
ecliptische gab. Y-hang unter der Dynastie Thang und Ko- 
scheu-king unter der Dynastie Yuan behielten die CyUuEBeioheB 
von Tag und Jahr des Bambubuches bei, nahmen aber an, 
dass 3 Cyklus von 60 Jahren ausgefallen seien, ebe, wie 
sdion oben angenommen, unter der Dynastie Tscheu und 2 
unter der Dynastie Schang und erklärten sidi für d^ 13. 
October 2128. An diesem Tage war eine Finsterniss. Chal- 
mers p. 102 fand, es gab Sonnenfinsternisse in oder beim 
jetzigen Fang, d. i. dem Scorpion,2135 (oder 2136), 2127 (oder 
2128) und 2108 (oder 2109), daron war die im Jahi« 2127 
(oder 2128) in China sichtbar. Bothmann, der sie 1837 in 
den Trans, of the Astron. Soc. T. XI berechnete, glaubte 
die Angabe der chinesischen Astronomen bestätigt zu sehen, 
aber Largeteau bei Biot Joum. d. Sar. 1840 p. 241 , der 
sie nochmals berechnete, hat gefunden, dass sie in China 
unter 34^ oder 35^ Br., wo der Kaiser seinen Hof haben 
mochte, eben so wenig sichtbar war, als die Sonnenfinstemiss 
vom 28. October 1948. 

Mit dem Zusätze eines Cyklus von 60 Jahren zu den 
Jahren des Bambubuches kommt man auf das Jahr 2007 
(oder 2008.) Die bedeutende yon Cassini berechnete Fin- 
sterniss vom Morgen des 25. October 2007 y. Qir. im 



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Haih: Cknmolog, Chnmdlage der aHtm ehinea. Oesehichte. 75 

6. Jaliret*8chiing-Uiang'B, welcheFreretOeavT. T.Up.US— 173 
far die richtige hält, und die noch Bimsen (Aegyptens Stelle 
in der Weltgeschichte B. 5 Abth. 4 S. 285) annahm, verwarf 
Ganbii p. 249 sdion aas mehreren Gründen, besonders weil 
sie sich nicht in der Station Fang zutrag, wobei er aber 
bemerkte, dass die jetzige Bestimmung der Sieu oder Su, 
die ans den Zeiten der Dynastie Han herrührt, auf die 
frShere Zeit m'cht sicher schliessen lasse. Auch diese war 
aber, wie Largeteaa sagt, der sie nadi den jetztigen Tafeln 
rerificirt hat, in China nicht sichtbar. Nadi allem diesen 
weiss man keine Sonnenfinstemiss , auf die die Angabe des 
Sdku-king passte. Biot ^tudes 377 fg. bemerkt, die secu- 
lare Besdileanigimg der mittleren Bewegung dieses Satel- 
liten, die einen so grossen Einfluss auf die Berechnung 
alter Ortsangaben habe, sei nach den Mondtafeln Damoi- 
Setups and den Sonnentafeln Delambre's, die bisher die 
genaoesten waren, neuerdings ron Adams in England und 
Belaimay neuen Untersuchungen unterzogen und er hofit yon 
soldien künftig noch eine Bestimmung der im Schu-king an- 
gefBhrteo Sonnenfinstemiss. Aber sie stimmen unter sich und 
mit Hansen noch nicht völlig überdn und ehe diese nicht 
feststeht, ist nadi Lamoqt an eine sichere Anwendung auf 
ahe öhroBologisdie Data ni^ht zu denken. Dennoch hat J. v. 
Gompadi'^) neuerdings den 22. October 2156 v. Chr. für diese 
flnstenuBS angenommen; in jenem Jahre falle der Winter- 
anfang aof den 21. November und ebenso der Neumond. Der 
▼orhergehende Neumond des 22. October sei also in der That 
der. letzte des Herbstes und der erste Tag des 9. Monats des 
Jahres; die Sonne stand [am Ende der Aequatorial- Abtheilung 
Fang, sie fiel in das 4. Jahr Tschung-khang's, ereignete sich 

21) Ueber die älteste in der chinesischen Geschichte erwähnte 
Sonnenfinstemiss, in dessen Qmndzügen einer neuen Weltlehre. 
Mtbichen 1860 B. 1 Anhang 8. S. 890—462. Sein Bach hat aber 
hekaimiUdi Fiasoo gemacht 



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76 Sitzung der phüos.-phüol Classe vom 1. Juni 18C7, 

in der Höhe des Mittags zu Tschen-siin und war jedenfklls 
sehr bedeutend und beglaubige so die überlieferte Chronologie 
bis an das 23. Jahrhundert vor Chr., Es fehlen so bisher 
uns die Mittel, die Dauer der I. Dynastie Hia zu bestimmen. 
Die recipirte Annahme rechnet 439 Jahre auf die Dynastie 
Hia, das Bambubuch 431, die Note 471. Der unterschied, 
bemerkt Legge p. 86, ist nicht gross, obwohl sie nur in 
der Öauer von 3 Regierungen übereinstimmen; Meng-tseu's 
Angabe, von Yao und Schün bis Thang seien über 500 
Jahre, begreife deren Zeit wohl nicht mit. Rechnete er auf 
diese auch 150 Jahre, so seien es mit den 431—439 Jahren 
unter 600; die gewöhnliche Annahme der Dauer der Dynastie 
Hia zu 439 möge daher von der Wahrheit nicht ferne sein. 
Was die beiden Vorgänger des Stifters der ersten 
Dynastie Yü betriflft, so sagt der Schu-king I, § 12, dass Yao 
70 Jahre regiert hatte, als er Schün zum Nachfolger be- 
stimmte, er prüfte ihn nach II, 1 § 3 : 3 Jahre, nahm ihn dann 
zum Mitregenten an und starb nach II, 1 § 13 und Meng- 
tseu V, 1, 4, 1: 28 Jahr später und 50 Jahr später dann Schfin. 
Die Regierung beider soll also 150 Jahr gedauert hab^. 
Darin stimmen Sse-ma-kuang und das Bambubuch p. 113 und 
116 überein. Pan-ku (Tsien Han schu Liü li tschi hia B. 21 
f. 15) rechnet nur 70 Jahre auf Yao's Regierung und 50 
auf Schün's und lässt die 30 Jahre gemeinsamer R^erung 
ausfallen. Diese lange Regierung und das hohe Alter, wel- 
ches ihnen beigelegt wird, ist schon bedenklich, noch mdir 
sind es die Genealogien der Stifter der 3 Dynastien, die alle von 
Hoang-ti abstammen sollen. De Guignes (Mem. de Vacad: 
des inscr. T. 36 p. 178) hat schon auf die UnWahrschein- 
lichkeiten da^in aufmerksam gemacht. Wir brauchen aber 
liier m'cht weiter darauf einzugehen. Der Schi-king Tscheu- 
sung (IV, 4, 2, 4) feiert zwar schon den Heu-tsi, den Mini- 
ster Yao's und Schün's, als den Ahn der 3 Dynastie Tschea 
und im Schang-sung (IV, 3, 4) ebenso den Hiuen-wang (d. i. 



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Plaih: Chronolag. Grundlage der alten chines. Geschichte 77 

« 

Sie) als den Ahn der 2. Dynastie Schang, aber ohne Angabe 
der Generationen, die man erst später hinzugesetzt haben mag. 

Ganbil Tr. p. 255 setzt das erste Jahr der Dynastie 
Hia 2191 V. Chr. und demnach das erste Jahr Yao's 2341 
V. Chr., Lettr. ed. T. U p. 307-320 aber 2361; die reci- 
IHTte Meinung setzt es 2357, das Bambubuch 2145 v. Chr. 

Gaubil bezieht sich für Yao's Zeit und deren Bestim- 
mung noch auf die Stelle im Schu-king Kap. Yao-tien I. 
§ 3 fgg., wo Yao die beiden Solstizien und die beiden Aequi- 
Qoctien nach den Constellationen, das Frühlings- Aequinoctium 
nach der Constellation Niao, das Sommersolstiz nach der 
Constellation Ho, das Herbst- Aequinoctium nach der Constel- 
lation Hiü und das Wintersolstiz nach der Constellation 
Mao bestimmt, aber Gaubil Tr. p. 258 sagt selbst, wenn 
diese Stelle für ein hohes Alterthum der Himmelsbeobach- 
tongen der Chinesen spreche, könne man aus ihr doch keine 
bestimmte Zeitepoche gewinnen, denn es sei nicht gesagt, in 
welchem Jahre der Regierung Yao's diese Bestimmung ge- 
stroffen sei, und man könne nicht sicher sein, dass man in 
so alter Zeit bereits im Stande gewesen sei, genaue Beob- 
aditongen zu machen, welche eine so grosse Prädsion er- 
forderten. Biot Etudes p. 363 fg. giebt die Uebersetzung 
der ganzen Stelle von St. Julien. „Yao befahl dem Hi und 
Ho, sorgfältig die Bewegungen von Sonne und Mond und 
die Zwischenräume zwischen den Sternen zu beobachten und 
die Zeiten und Jahreszeiten dem Volke kennen zu lehren. 
Er befahl dem Hi-tschung zn weilen in Yü-i, genannt das 
glänzende llial, und da respektvoll wie einen Gast zu em- 
pfangen die heraustretende Sonne und gleichmässig zu r^eln 
die Arbeiten des Ostens (Frühlings). Es ist da der Tag von 
mittlerer (Länge), der (culminirende) Stern ist Niao (der 
Vogel), um genau zu bestimmen, die Mitte des Frühlings. 
Das Volk zerstreut sich da; Vögel und Wild brüten und 
paaren sich." 



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78 Sttetmg der phOos.'phüoL dorne wm i, Jwni 1867. 

„Er befahl weiter dem Hi-tscho, za weOen in Nan-ldao 
(an der Südgrenze), um genau zu regeln, die VeränderungeD 
des Südens (Sommers) und ehrfurchtsvoll zu beobachteQ den 
äussersten (höchsten) Punkt der Sonnenbahn. Man sieht da 
(das Sternbild) Ho (das Feuer), um genau zu bestimmen 
des Sommers Mitte. Das Volk zerstreut sidi da noch weiter; 
Vögel und Wild haben da ein dünnes Fell." 

„Er erliess den Befehl an Ho-tschung, zu weileii im 
Westen, in dem das dunkle Thai (Mei-ku) genannten Orte, 
respektvoll zu geleiten die einkehrende (untei^ehende) Sonne 
und zu regeln die Schlussarbeiten des Westen (Herbstes). 
Die Nacht hat da eine mittlere Länge ; der Stern Hifi dient 
zur Bestimmung der Mitte des Herbstes. Das Volk fühlt 
sich wohl. Der Vögel und des Wildes Haare und Felle 
sind in gutem Zustande." 

„Weiter befahl er dem Ho-tscho, zu weilen in der Nord- 
gegend, genannt die dunkle Residenz (Yeu-tu), und dort 
sorgfaltig zu untersuchen den Wechsel des Nordens (Win- 
ters). Der Tag ist da der kürzeste, der Stern Mao dient 
zur Bestimmung der Mitte des Winters. Das Volk zieht 
sich zurück, die Vögel und das Wild haben ein dichtes Oe- 
fieder und FeDe.'' 

„Der Kaiser sagte: ihr Hi und Hol ein volles Jahr 
hat 366 Tage (eigentlich 365 % das 4te Schaltjahr dann 366); 
mittels des Schaltmonats stellt fest die 4 Jahreszeiten und 
bestimmt genau das Jahr u. s. w." 

Wir haben die Stelle vollständiger mitgetheilt als Biot, 
was nöthig war; er lässt die populären Bezeichnungen der 
4 Jahreszeiten nach dem Paaren, Mausem der Vögel u. s. w. 
wog; die zeigen aber gerade, wie Legge Pr.p. 89 bemerkt, dass 
hier nur von einer populären Anweisung, nicht von einer 
exacten astronomischen Bestimmung die Rede ist Wir fugen 
nur das Nothwendigste zur Erläuterung hinzu. Was die 
Sternbilder betrifft, so ist Niao nach den Astronomen der 



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PUah: Ckronolog. Ormdlage der älUn ehines, Oeschichtei 79 

Dynastie Han das damals Sing genannte Sternbild, nicht 
der Name dnes Sternes, sondern eines Himmelsraumes, 
welcher sich über 1 12 Orad erstreckt und 7 Sternbilder des 
Sfid-Quartieres begreift; man kann aber nur einen Stern in der 
Mitte daraas hier annehmen. Ein gelehrter Chinese verstand 
darunter den Stern Sohin-ho, nach Legge das Herz der Hydra. 
In der Anmerkung zu seiner Uebersetzung des Schu-king's 
p. 4 sagt Medhurst: wenn beim FrühUngs*Aequinoctium zu 
Yao's Zeit das Herz der Hydra bei Sonnenaufgang culminirte, 
so musste die Consteilation im Meridiane Mittags, die PIeja- 
den im Taurus (Stiere) sein. Da nun nach dem Zurückgehen 
der Aequinoctien die Sterne des Thierkreises in 2000 Jahren 
nur um ein ganzes Zeichen zurückgehen, so musste es vor 
4000 Jahren sein, dass die Sonne beim FrühL'ngs-Aequi- 
nocthim in den Plejaden stand, und diess bestätige die 
Glaubwürdigkeit der redpirten chinesischen Chronologie; 
denn 1800 n. Chr. waren die Plejaden 56 Vt Grad von dem 
Punkte entfernt , wo das Aequinoctium die Ecliptik durch- 
schnitt, da das Aequinoctium jährlich 50Vio Minuten zurück- 
gehe, erfordere das 4050 Jahre. Yao^s Regierung endete 
nadi den Chinesen aber 2254 y. Chr.; dazu 1800 gebe: 
4054 Jahre. 

Der 2te culminirende Stern am Sommer-Solstiz Ho**) 
(das Feuer), das Sternbild Fang unter den Han, war nach 
Lq^ge der Gentralstem im azurnen Drachen (Tsang-lung), 
der 7 Sternbilder des Ostquartieres begriff und dem Herze des 
Scorpions entspreche. Nach einem chine8.Schol. in der Ausgabe 
des Schu-king ron 1730 n. Chr. war die Sonne am Sommer- 



22) Chslmers p. 92 bemerkt, dass noch unter der 8. Dynastie 
Tschea der Ho ein wichtiger Führer zur BestiminQng der Jahreszeiten 
war; dies sehe man aus dem Tso-tschuen, Eue-iü und Sohi-king 
Pin-fong (I, 15, 1 p. 66). 



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80 Sitzung der phüos.-phüci. Glosse vom 1, Juni 1867. 

Solstize zu Yao'sZeit im Sing (a. Hydrae Alphard), während 
1730 n. Chr. im Tsui (X Orion). 

Der 3te culminirende Stern Hiü war in der Mitte des 
Hiuen-wu (des dankein Kriegers), der die sieben Constella- 
tionen des Nordquartieres begriff und entsprach dem ß des 
Wassermannes. Nach dem chin. Schol. stand am Herbst- 
Aequinoctium unter Yao die Sonne in Fang (ß S n q des 
Scorpions), 1730 n. Chr. dagegen in J (a Crateris (Alkes). 

Das 4te Sternbild Mao war im Ceutrum des Pe-hn 
(weissen Tigers), welcher die 7 Sternbilder des Westquartieres 
begreift und entspricht uasern Plejaden. Am Winter-Solstiz 
stand nach dem chinesischen Schol. unter Yao die Sonne in 
Hiü (ß des Wassermannes), dagegen 1730 n. Chr. in Ei (/ des 
Schützen^'). Es wird aber immer die Frage sein, ob diese 
Bestimmungen richtig sind ; nur 2, Mao und Hiü, finden sich 
unter den Sieu wieder; Niao und Ho identifidren nur die 
Ausleger aus der^ Zeit des Hau mit dem damaligen Sing 
und Fang**). 

Die geograpliischen Angaben sind noch vager und noch 
schwerer zu bestimmen. Die erste Yu<i kommt auch im 
Kapitel Yü-kung (HI, 1, 1, 23) vor. Einige setzen es nach 
Teng-tscheu in Schan-tung, Legge p. 18 meint aber, es 
müsse weiter östlich (?) in Corea liegen. Nan-kiao, der 2te Ort^ 
wird wohl mit Unrecht auf Annam oder Cochinchina 'ge- 
deutet, weil diess auch Kiao-tschi hiess, allein diesen Namen 
Querzehe hatten früher auch die Bewohner von Süd-China. 
Den 3ten Ort, das dunkle Thal, im Westen setzt man nach 



23) Diese Bestimmungen nach John Reeves Chinese Kames 
of Stars and constellations in Momson's chiu. dict. P. II VoL 1 
p. 1068—1090. 

24) S. A. Weber die vedischen Nachrichten von den Naxatra. 
Abh. der Berl. Akad. 1860. 4 S. 287 fg.; 



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PUUh; Chrondog. Qrunäiage der alten chines. Geschichte. öl 

Schen-si und die dunkle Hauptstadt (Yeu-tu) im Norden 
nach Pe-tschi-li. 

Biot £tud. p. 363 fg. meint auch noch, die 4 angegebenen 
Sternbilder seien gerade die gewesen, worin 2357 v. Chr. die 
Frühling- und Herbst-Aequinoctien und Sommer- und Winter- 
Solstitzen sich befunden haben müssten. Erfunden kpnne 
Confucius sie nicht haben, da zu seiner Zeit (500 v. Chr.) 
die 4 Steinbilder des Schu-king nicht mehr die 4 Cardinal- 
Puukte der Sonnenbahn bildeten. Das Winter-Solstiz z. B. 
hatte das Sternbild Hill (das22ste) verlassen, war durch das 
21. Niü, worin es sich unter Tscheu-kung befand, gegangen 
und stand damals im 20. Sternbilde Nieu und so waren auch die 
3 andern dieser Bewegung gefolgt. Confucius und seine 
Zeitgenossen und eben so wenig die Astronomen der Dynastie 
Han seien aber nicht im Stande gewesen , die frühere Stel- 
lang derselben rückwärts zu berechnen. Ideler S. 104 sagt: 
Ich habe die gerade Aufsteigung, welche die 4 Sterne vor 
2000 Jahren hatten, berechnet indem ich, die Vorrückung 
der Nachtgleichen wie oben , und die Schiefe der ^Ecliptik 
auf 24 Grad gesetzt habe. — Hiernach trafen das Sommer- 
und Winter-Solstizium wirklich auf Sing und Hiü, das Früh- 
lings- und Herbst - Aequinoctium gingen nahe vor Mao und 
Fang her. Aber natürUch lässt sich umgekehrt auf eine so 
schwankende Basis eine Berechnung der Epoche des Yao nicht 
gründen, da es sich nur um ganze Stationen handelt u. s. w. 
Eben so urtheilt auch Stuhr Untersuchungen über die Ursprüng- 
lichkeit und das Alterthum der Sternkunde unter den Chinesen 
and Indern. Berlin 1831 S. 28. Auch Chalmers p. 92 meint als 
Bestätigung der Chronologie sei der Werth dieser astrono- 
mischen Angabe sehr überschätzt. Eine Tradition der Art 
müsse der Verfasser des Kapitels Yao-tien wohl vorgefunden 
haben. Yao möge die Bestimmung als Tradition überkommen 
haben, denn sehen hätten 3 der Astronomen jene Sterne zu 
Yao's Zeit nicht können, nur der nach Norden gesandte etwa. 
[1867. IL 1.] 6 



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82 SitMung der phüo8,-phüol. Classe vom 1, Juni 1867, 

Weiter als Yao, wie schon zu Anfang bemerkt, wollen 
wir hier nicht hinaufgehen. Wir wollen daher nur noch 
hinzufügen, dass wenn Bunsen p. 281, wie de Mailla T. I 
p. ÜXXVUI, noch sehr viel auf die angeblich überlieferte 
Beobachtung einer Gonjunction der 5 Planeten, unter 
welchen Sonne und Mond genannt werden, unter Tschuan-hiü, 
die nach Bunsen auf das Jahr 2375 v. Ghr^ zutreffe — de 
Mailla T. I p. 34 setzt sie aber 2461 v, Chr.l — giebt, 
Gaubil Tr. p. 269 und auch Ghalmers bei Legge Prol. p. 101 
schon bemerken, dass nur neuere chinesische Geschichten 
von einer solchen Gonjunction der 5 Planeten unter Tschuan- 
hiü — das Jahr werde nicht angegeben — am Tage des 
Li-tschün (15^ des Wassermannes) im Sternenbilde Sehe 
sprächen ; weder Pan-ku noch Sse-ma-tsien, noch irgend ein 
Werk aus der Zeit vor dem Bücherbrande erwähnten sie, 
sie sei nicht historisch, sondern eine erdichtete Epoche, die 
man nicht verificiren könne; Kirch und Gassini hätten sie 
daher vergeblich zu berechnen unternommen. Ich finde sie 
im I-sse B. 7 fol. 1 nur aus dem Werke Ku-sse-kao er- 
wähnt; es ist aber nicht nöthig, hier weiter darauf ein- 
zugehen. 

Ueberblicken wir die ganze Untersuchung, so 
ergiebt sich, dass .man bis zum 1. Jahre der Regentschaft 
Kung-ho (841 v. Ghr.) eine auch im Einzelnen sichere Chro- 
nologie hat, und den Anfang der 3. Dynastie nach der re- 
cipirten Meinung 1122 oder, wie Gaubil annimmt, 1111 
V. Ghr. noch mit ziemlicher Sicherheit wird annehmen können 
und die Jahre der einzelnen Regierungen nur einzeln einige 
Schwierigkeiten bieten, obwohl Legge p. 89 meint, das älteste 
sichere Datum gehe nur bis 775 v. Ghr., das bestimmte 
Jahr des Anfanges der 3. Dynastie Tscheu wisse man nicht. 
Anders aber ist es mit der Chronologie der 1. und 
2. Dynastie und der Zeit Yao's und Schün's bei den grossen 
Abweichungen in den Angaben der Summen der Dauer der 



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Hath: Chronolog. Grundlage der alten cJnnes. Oeschichte. 83 

ganzen Dynastien und der der einzelnen Regierungen derselben 
und dem Mangel an sicheren astronomischen und cjklischen 
Anhaltspunkten, welche zur Feststellung derselben dienen 
könnten. Legge meint, man könne nur den Anfang der 1. 
Dynastie Hia in das 19. Jahrhundert und Yao und Scbün 
in das 20. Jahrhundert v. Chr. setzen. Man wird daher am 
Sichersten gehen, wenn man, wo das genügt, bei solchen all- 
gemeinen Zeitangaben stehen bleibt. Wenn wir, wo eine 
bestimmtere chronologische Angabe nöthig ist, bei der reci- 
pirten Annahme bleiben, so ist es daher nicht, weil wir sie 
für sidier halten, sondern nur, um irgiend eine relative An- 
gabe zu geben, da wir ja wissen, dass auch unsere Zeit- 
rechnung nach Christi Geburt nicht ganz riditig ist, sondern 
freilich nur um mehrere Jahre fehlgeht. 

' Das Resultat unserer Untersuchung ist freilich ein mehr 
negatives. Aber zu wissen, was man weiss und was nicht, und 
auf welchem 'Grunde unser Wissen beruht, ist auch wissen. 
Wo keine sichere Geschichtsüberlieferung ist, kann man keine 
geben. Abweichende Angaben künstlich zu vereinigen, wird 
oft viel Zeit und Kraft verschwendet ; das Gebiet der sichern 
Geschichte ist aber so weit und gross, dass beide besser 
auf deren Anbau verwendet werden. 



6» 

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84 SiUw^ der phUoa.-phüol. Classe wm 1. Jum 1867, 



Herr Ptof. Lanth trägt tot: 

„Ueber den ägyptischen Ursprung unserer 
Buchstaben und Ziffern". 
(Mit einer Tafel.) 

In unserer bewegten Gegenwart, wo die wichtigai Er- 
findungen der Photographie, Telegraphie und Stenographie 
Bild und Schrift mit früher nie geahnter Schnelligkeit ver- 
vielfältigen und räumlich verbreiten, dürfte ein Rückblick 
auf die Entwicklung der graphischen Kunst überhaupt am 
Platze sein, um, wo möglich, der Genesis unserer Buch- 
staben und Ziffern auf die Spur zu kommen. Schon der 
äiisserliche Umstand, dass wir bis jetzt keine älteren Schrift- 
denkmäler kennen und besitzen, als die ägyptischen, 
spricht zu Ghusten der Herkunft unseres Alphabets und 
unseres Zahlensystems aus dem merkwürdigen und uner- 
schöpflichen Nilthale. 

Bereits im Jahre 1855 hatte ich in meinem Werke 
„das vollständige Universalalphabet, auf der physiolo- 
gisdi-historischen Grundlage des hebräischen Systems zu 
erbauen versucht^' an mehreren Stellen den ägyptischen Ur- 
sprung unserer Schriftzeichen wahrscheinlich gefunden z. B. 
pp. 8 lin. 21—23, 151 lin. 3, 158 lin. 23, besonders p. 55 
„das alte Buchstaben-System, (das ich den Aegyptern -— 
nicht wegen der Pyramidenform — Forml — einstweilen 
zuschreiben möchte etc.)'^ In meinem „Germanischen Runen- 
fudark" (1857) konnte ich mich, weil bereits mit den Hiero- 
glyphen beschäftigt, noch bestimmter ausdrücken p. 185: 
„Diese (Griechen) aber empfingen die Schrift von den semi- 
tischen Phoenikem, welche ihrerseits selbst wieder nicht die 
ersten Erfinder der Schrift und (Ordner?) des Alphabets 



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Lauth: Der ägypt Ursprung unserer Buchstaben etc. 85 

gewesen sind, sondern Beides von den tiefsinnigen Aegyptern 
empfangen haben'*. 

Das letzte Jahrzehend hat diese von mir zuerst ausge- 
sprochene Ansicht hauptsächlich durch den Fortschritt in der 
Entzifferung der hieratischen Papyrus so ziemlich zur all- 
gemeinen Ueberzengung erhoben, wenigstens unter den 
Aegyptologen. So hat z. B. Brugsch in der Zeitschrift fär 
Stenographie (1864) die ägyptischen Buchstaben mit denen 
des phoenikischen Alphabets zusammengestellt, nachdem 
schon vorher Vicomte de Roug6 1859 in der Academie 
des Inscriptions unter dem Titel: „Memoire sur l'origine 
egyptienne de V aiphabet ph6nicien'' die nämlichen Grund- 
sätze veröffentlicht hatte. Letzterer stützte sich hiebei vor- 
nehmlich auf die phoenikischen Schriftzüge des Sarkophages 
von Aschmunezer im Zusammenhalte mit den sehr alter- 
thümlichen Zeichen des hieratischen Papyrus Prisse, 
welcher der XI. Dyn.. d. h. mindestens dem 25. Jahr- 
hunderte vor unserer Zeitrechnung angehört. Die neueste 
Arbeit des Herrn Fran^ois Lenormant über den Ursprung 
des phoenikischen Alphabets, meines Wissens mit dem priz 
Volney belohnt, geht von dem nämlichen Standpunkte aus. 

Die genannten Versuche genügen wohl, um die Ableit- 
ung der phoenikischen Schriftzeichen aus dem Hieratischen 
plausibel erscheinen zu lassen; allein zur Begründung einer 
wissenschaftlichen Ueberzengung sind sie bei Weitem nicht 
ausreichend. Icli werde daher meine Untersuchung da, Wo 
ich sie vor zehn Jahren gelassen, wieder aufnehmen, die auf 
der beifolgenden Tafel (A) befindliche Zusammenstellung im 
Einzelnen besprechen, hiebei auf das Koptische die ge- 
bührende Rücksicht nehmen, nach den Schriftcharakteren 
die Frage wegen des ägyptischen Alphabets behandeln 
und am Schlüsse auch die ohnehin naheliegenden Zahl- 
zeichen beiziehen. 

Wird durch meinen detaillirten Nadiweis die Herkunft 



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86 SitMung der pküos.-phüdl, Clasae vom 1. Juni 1867, 

des phoenikischen Alphabets aus der hieratischen Schrift 
der Aegjpter, wie ich hoffe, unzweifelhaft dargethan, so 
lässt sich die Frage : was man von den vielgeplagten Namen 
Aleph, Beth etc. zu halten habe, leicht dahin entscheiden, 
dass sie nur Gedächtnisswörter mit deu betreffenden 
Anlauten sein können^ und dass die Gestalt der ihnen ent- 
sprechenden Schriftzeichen nichts mit ihrer Bedeutung zu 
schaffen hat. Nach dieser nicht uniiöthigen Vorbemerkung 
gehe ich zur Erklärung der einzelnen Buchstaben über, 
wobei ich, wie auf der Tafel, die Ordnung des koptischen 
Alphabets beobachte. Bekannth'ch ist dieses, analog dem 
Gothischen, das sich aus den Runen ergänzte, nichts 
weiter als das griechische^), aber um sieben Buchstaben 
vermehrt, welche, weil ihre Laute dem Griechischen mau- 
gelten, aus der demotischen Schriflart beigezogen wurden, 
a. Prototyp ist der hieratische Adler oder Falke. 
Welchen Namen dieses Schriftzeichen bei den Aegyptem 
gefuhrt habe, lässt sich jetzt noch nicht bestimmen; aber 
so viel ist sicher, dass er nicht Schom (aquila) geheissen 
haben kann, weil dieses Wort stets mit dem vertieften ä 
(dem Arme) anlautet. Eher liese sich an das koptische 
atrodj falco denken, wenn man es nur in älteren Texten 
nachweisen könnte. Indess, die Frage nach den Namen der 
Buchstaben wird weiterhin noch ausführlicher besprochen 
werden, wo es sich um das ägyptische Alphabet handelt. 
Für jetzt genügt die Thatsache, dass die Schreiber kopti- 
scher Handschriften*) das aus dem griechischen Alphabete 
entnommene A (a^) durch Randverzierungen zu einem Adler 
oder Falken gestalteten. Hiezu konnte sie nicht der 



1) Daher die unverkennbare Aehnlichkeit des gothischen Alpha- 
bets mit dem koptischen — beider An/ange fallen der Zeit nach 
fast Eosammen. 

2) Schwartse: „das alte Aegypten'S am Ende. 



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Lau(h: Der ägypt Ursprung unserer Buchstaben etc. 87 

griechische Name aXg)a^ wohl aber die ErinDerung an den 
Vogel ihres einheimischen Alphabetes veranlassen. Dieser 
Umstand beweist, dass die Aegypter eigentliche Buchstaben 
mit Eigennamen besassen. 

b, Herr B rüg seh hat das Zeichen mit der Lautung 
va dem b gegenübergestellt, sowohl aus palaeographischem 
Grunde, als weil das koptische ß^ta (Bida) die Lautung 
Vida behaupte. Allein das fragUche Zeichen, schon in den 
Hieroglyphen äusserst selten, hat sich im Hieratischen und 
Demotischen fast ganz verloren. Palaeographisch empfiehlt 
sich ebensowohl der hieratische Ba-vogel, mit dem z. B. 
das Wort Ja die Seele (Horapollo's ßat) geschrieben wird. 
Was mich zu dieser von De Rouge zuerst aufgestellten An- 
sicht besonders bestimmt, ist die Thatsache, dass in der 
akrophonisdien Litanei an die Hathor, welche Herr Mariette 
zu Denderah entdeckt hat und die ich weiterhin wegen der 
Alphabetsfrage näher betrachten werde, der (Laut durch 
eben diesen io-Vogel vertreten ist. Uebrigens ist die Er- 
weichung des b zu V eine ziemlich allgemeine Erscheinung 
in der Linguistik. 

g. Dem semitischen Gimel fand Brugsch meist ein 
ägyptisches Zeichen entsprechend, welches eine Art Eimer 
vorstellt. Die characteristischen Striche dieses Zeichens 
finden sich in derselben Reihenfolge und Symmetrie, sämmt- 
lich in dem Ghiiuel der Quadratschrift wieder, welche in 
diesem speciellen Falle eine sehr alterthümliche Form dar- 
zustellen scheint. Wenn man aus dem Verschwinden des 
yc^fAfUJc-Lantes in koptischen Wörtern bis auf wenige Spuren 
(z. B. ang = anok ich) den Schluss gezogen hat, dass den 
alten Aegyptem der ^-Laut überhaupt fremd gewesen, so 
▼ergisst man, dass sehr viele Gutturalen in die Quetschlaute 
djandjia und c'ima übergegangen sind. Für die constante 
Vertretung unseres Zeichens durch ^ citire ich bloss De 



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88 SitMung der phüos.-philol, Classe iHMn 1. Jtmi 1867. 

Rouge'ß') Ausspruch: „^ ©* ^ (S^) so^t presque toujours 
renclus par" (folgt die Hieroglyphe, welche unserem dritten 
Buchstaben entspricht). 

d. Dieser Laut wird dem Altägjptischen ebenfalls ab- 
gesprochen, weil er nur in griechischen Wörtern und Namen 
nicht aber in eigentlich koptischen erscheine. Allein mit 
grösserem Rechte als die Media ä, könnte man die Tenuis 
t ihm absprechen, da die Kopten, obgleich Tav schreibend, 
den Buchstaben doch Dau^) benennen. Es ist eben im 
Koptischen, wie in vielen andern Sprachen, Media und Tenuis 
in einen Zwischenlaut übergegangen, den auch die Süd- 
deutschen besitzen — ist aber desswegen der Unterschied 
dreier Dentalen im Gothischen (d, t, th) ein willkürlicher, 
oder nicht lautlich vorhanden gewesen? Zum Beweise aber, 
dass bei den alten Aegyptern die Media d bekannt und 
üblich war, erinnere ich bloss an die Bemerkung De Rouge's:') 
„le 1 est transscrit par (die Hieroglyphe Hand) avec ane 
preference marquee**, sowie an die weitere Thatsache von 
höchster Wichtigkeit für die Palaeographie, dass die hierati- 
sche Hand (tot oder dod) mit dem hieratischen Mund (ro) 
graphisch so sehr zusammenfallt, dass die gründlichste 
Kenntniss der Gruppen dazu gehört, um sie nicht beständig 
mit einander zu verwechseln. Wem ßllt hiebei nicht die 
Aehnlichkeit von Dalethl mit Resch nein? Diese einzige That- 
sache dürfte genügen, den Ursprung der semitischen Buch- 
staben aus dem Aegyptischen und speciell dem Hieratischen, 
bereits als sehr wahrscheinlich zu empfehlen. Das Delta 
heisst im Aethiopischen Dent. 

S u. e. Die Kopten nennen diese zwei Buchstaben H u. hida^ 



8) Chrestomathie 6gyptienne p. 80. 

4) Taki: Radimenta linguae coptae sive Aegyptiacae (Rom. 1778). 

6) pag. 88 seiner Chrestomathie. - 



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Latah: Der ägypt Ursprung unserer Buehstahen ete. 89 

genau dem Altgriechisohen entsprechend und mit einer Andeut- 
ung, dass ihnen die ursprüngliche Bedeutung des H als einer 
Gutturalis, (wie im latein. Alphabete H) noch nicht entschwun- 
den war. Die palaeographische Herleitung desphoenikischenA^ 
and chet aus den hieratischen Zeichen (der maeandrischen Figur 
und des sogenannten Siebes) kann daher, nachdem der laut- 
liche üebergang im Vocale durch anderweitige Analogieen 
vermittelt ist, um so weniger einer Beanstandung unter- 
liegen. Aber die Frage, ob die alten Aegypter untÄr ihren 
phonetischen Hieroglyphen auch eine für den e-Laut gehabt 
und gebraucht haben, ist damit noch nicht beantwortet. 
Uebrigens ist dieser Punkt dahin zu erledigen, dass dem e 
ein parallel zu gehen pflegt und dieses letztere in der 
älteren Zeit eben so wenig sich ausgebildet hatte, als das 
erstere. Die alten Aegypter kannten — und dieser Um- 
stand spricht sehr zu Gunsten der Alterthümlichkeit ihres 
Sdiriftsystems — nur die drei Grund vokale a, i, u, deren 
pyramidale Entstehung ich am Schlüsse etwas gründlicher, 
als es bisher geschehen ist, untersuchen werde. Die Zwischen- 
Yokale e und o inhaenrten entweder gewissen Gonsonanten, 
oder sie blieben, weil in der Sprache nicht anlautend, unbe- 
zeichnet, oder sie wurden in Ausnahmsfallen durch eigene 
Zeichen ausgedrückt. Auf das ^ zurück zu kommen, muss 
man es dem Altägyptischen einerseits absprechen, anderer- 
seits ein Analogon dazu in dem Rohrblatte erkennen, 
welches desshalb in gewissen Wörtern (z. B. atef im Vergleiche 
mit tef Vater) als leichtester Vocal stehen und wegfallen 
mochte. Verdoppelt ergiebt dieses Rohrblatt den Laut t 
wie im Englischen ee = i*). Auch im Devanagari wird 
das ursprünglich allen Gonsonanten nachschlagende a später 



6) De Roüg6 findet et p. 26 seiner Chrestomathie wahrtchein- 
lieh, dass das Rohrblatt allein schon dem i-Laate nahe gestanden. 



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90 Sitzung der phüos.-phüdl. Glosse wm 1. Juni 1867. 

zu ^ oder o, während e und o als Diphthonge zu betrach- 
ten sind. Wie wandelbar die ägyptischen Vokale gewesen, 
ergiebt sich aus der Präposition au (ad), die im Koptischen 
zu 6 (?) geworden ist. Ob ein langes e allenfalls durch 
Verbindung eines a'mit i zu ai = e oder sonstwie hervor- 
gebracht wurde, lässt sich jetzt noch nicht bestimmen. Das 
7) von *AQ0iv6r] wird wenigstens einmal (Lepsius: Königs- 
buch Nr. 695) durch ai bezeichnet 

so und jBida. So nennen die Kopten den 6. und T.- 
Buchstaben ihres Alphabets; in der Sprache selbst ist 
ersteres nicht, sondern nur als Zahlzeichen für 6 gebräudi- 
lich. Aber es verdient Beachtung, dass der Anlaut s, den 
sie diesem Zeichen geben , ähnlich wie das griechische Oft 
{oST)^ dem semitischen sajin noch entspricht. Was das 
Zeichen betrifft, das sogenannte eniorjfiov ßav y so werde 
ich unten beim fei darauf zuriickkommen. Das dem Laute 
des so (sajin) zu Grunde liegende hieratische Zeichen ent- 
spricht palaeographisch dem Z; es ist nämlich der junge 
Adler, welcher nach Horapollo (II, 2) unter anderen Be- 
deutungen auch die von äqqevoyovov hatte, was durch die 
Texte bestätigt wird. Es wechselt dieses Zeichen häufig 
mit den dem zade constant entsprechenden Homophonen, 
die ich unter Djandja besprechen werde, gerade wie im 
Semitischen sajin und eade'^) sich beständig gegenseitig 
vertreten. 

thida. Dieser neunte Buchstabe, aus dem zangen- 
artigen Werkzeuge entstanden, wechselt bisweilen mit dem 
sogenannten Halbkreise (t) und dem Zeichen für den Laut 
th^ erscheint dagegen in gewissen Gruppen constant, also 



7) Wenn im koptischen anzSbS (schola) ausnahmsweise ein 
z erscheiDt, so lehren alte Inschriften z. B. das Ostrakon des Münchner 
Antiqoariums, dass dieses Wot in a-nt-sebe ,,HaQ8 des Unterrichts*^ 
zu zerlegen und also z = ts zu lesen ist. 



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Lauth: Der ägypt Ursprung unserer Bttchstaben etc. 91 

als eigenthüoilicher Laut, deu ich mit dh umschreibe. Er 
nähert sich palaeographisch dem d (Hand) r (Mund) so 
wie dem aus dem segment de sphere entstandenen hierati- 
schen Zeichen für t. (Dass letzteres nicht ins phönikische 
Alphabet übergegangen ist, erklärt sich aus seiner Rolle 
als Artic. femin. postpos. und weil es bisweilen stumm oder 
expletiv ist). Desshalb ist der an der Biegung angebrachte 
Strich, wenn auch nicht willkürlich, doch in gewissem JSinne 
diakritisch und hat sich derselbe bis in's Demotische ^) herab 
erhalten. Am deutlichsten zeigt sich dieser Strich in dem 
dh des Peschito und des Kufi, weniger im phönikischen und 
hebräischen dh CO, weil in diesen beiden die Zange nach 
oben gerichtet erscheint. 

jcmda. So nennen die Kopten das 7a7Ta — ob aus 
Reminiscenz an den Namen des i in ihrem einheimischen 
Alphabete? Wie schon oben bemerkt, entsteht das i^p- 
tische i durch Verdoppelung des Rohrblattes, im Demotischen 
sind es drei senkrechte Striche, und erst aus dieser Form 
scheinen sich das phoenikische , aramaeische und samara- 
tanische i mit je drei Strichen zu erklären. Dagegen weisen 
alle anderen Entwicklungen auf das Doppelblatt, beziehungs- 
weise sogar auf das einfache Rohrblatt zurück, weil dieses 
durch einen schrägen Querstrich in drei Theile zerlegt wird. 
Es gab übrigens schon im Altägyptischen der Hieroglyphen 
ein vereinfachtes i, nämlich zwei kleine schräge Striche (so 
gestellt, um die Verwechslung mit dem Numerale für ^ zu 
vermeiden) und diese bildeten in der mehr cursiven hierati- 
schen Schreibweise einen zusammenhängenden Schriftzug, 
aus dem sich alle andern Formen mit Leichtigkeit ableiten 



8) De Rouge Chrestom. 6gypt. pag. 60. pl. II unter t hat dieses 
demotisobe Zeichen nicht, sondern dafür das aus th entstandene. 



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92 SiUtmg der phüos.-phüdl. Claase vom t Juni 1867. 

lassen. Das aethiop. jaman „rechte Hand'S hängt ver- 
mutlich mit dem Eöpt. ionam dextra zusammen. 

Ä;, genannt kabba. Man hat bisher zwischen dem 'so- 
genannten Henkelkorbe und dem hebräischen Kaph keine 
rechte Aehnlichkeit entdeckt, die doch wegen der Laut- 
congruenz zu erwarten stand, weil man die bekannten Ke- 
phuloth oder Endbuchstaben nicht gehörig berücksichtigte. 
Sobald man diess thut, entsteht eine nicht zu rerkennendc 
Identität zwischen beiden. Im Koptischen &ima (siehe weiter 
unten) ist der E-Laut gequetscht, wie das italienische c und 
daher die Entlehnung dieses Zeichens aus dem einheimischen 
Alphabete, während für den Laut k das griechische Tuxnna 
verwendet wurde. Dieses K mit seinen zwei Winkelstrichen, 
wo man nur einen erwarten sollte, erklärt sich aus der 
Quadratschrift, wo eine Basis hinzugefügt wurde, die dann 
etwas höher hinaufrückte, z. B. schon im phoenikischen K. 
In den älteren Inschriften z. B. der Pyramidengräber bilden 
die beiden erhobenen Arme eine häufige Variante des Henkel- 
korbes; später wechselt, dieses Tc mit dem winkelartigen 
Zeichen für g. Dieser, obgleich seltenere Wechsel, sowie 
die Gruppirung qh ist aus der Vermengung der gutturalen 
Liquida mit der Tennis gutturalis zu erklären, wie man 
sich schon aus der Schreibung des Namens Scheschaq 
überzeugen kann, der im Aegyptischen als Scheschaq und 
Scheschanq erscheint, während ihn Manetho mit Siaoyx^^ 
umschreibt. Wenn daher das ägyptische hoqer (fames) mit 
unserm .^Hunger*^ stammverwandt sein sollte, so Hesse 
sich der Mangel des n leicht aus der Natur der gutturalen 
Liquida begreifen. Eben so erklärt sich das allmälige Ver- 
schwinden dieser gutturalen Liquida aus dem Alphabete 
durch die Neigung der Liquida n, sich selbständig zu machen. 
Daher ward xonna im Griechischen nur als noch Zahl- 
zeichen {inCoriiiov) für 90 gebraucht; die Kopten verwende- 



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Lauih: Der ägypt, ürtprung unserer Buchstaben etc. dS 

ten zu diesem Zwecke ihr /W , weil es palaeographisch mit 
xonna zusammenfiel. 

l m n r. Diese vier Liquidae, von denen die erste 
ofid letzte sich im Aegyptischen so häufig lautlich gegen- 
seitig vertreten, liefern d^n augenscheinlichsten Beweis für 
die Herkunft des phoenikischen Alphabetes aus dem Aegyp- 
tischen. Was zuerst das l betrifft, so ist kein Zweifel, dass 
der hieratische Löwe das Vorbild des Lamed Xä^ßda etc. 
gewesen und es möchte sogar der koptische Name laula so 
wie das aethiopische Lawi noch eine Andeutung enthalten, 
dass den späteren Aegjptem der Ursprung des betreffenden 
Zeichens noch geläufig war. In der That mussten die 6e- 
bildeteren, welche nach Clemens mit der demotischen Schrift 
anfingen und durch die Bitittelstufe des Hieratischen zu den 
Hieroglyphen selbst aufstiegen, die ursprünglichen Bilder 
wohl kennen und da Idbi oder l(m der Name des Löwen 
war, so konnte mit Rücksicht darauf Xdfißia zu laula 
werden. Dass die Nacht eule (kopt. muladj) den m-Laut 
bezeichnet, ist bekannt; ob aber der Name iiv (Eopt. mi) 
aus dem semitischen mem verkürzt oder aus einem älteren 
mu entstanden ist, lässt sich noch nicht entscheiden. Nadi 
Horapollo bezeichnet der wxT^xo^a^ unter andern auch 
&ävaTog und die Denkmäler bestätigen diese Angabe, indem 
die Nachteule, mit den Deutbildern der Erdscholle und des 
abwehrenden Mannes oder dem Determinatice desUebels be- 
gleitet, stets Tod oder sterben bedeutet (kopt. intt = mors 
und mori). Die palaeographische Vermittlung zwischen der 
hieratischen Nachteule und dem semitischen m ist einfach 
und leicht zu finden; man braucht nur die ältesten Formen, 
die im Papyrus Prisse nebeneinander vorkommen, in ihrem 
oberen Theile zu combiniren und zu bedenken, dass das m 
der Quadratschrift, (sogar das Eephuloth-m) einen unteren 
Querstrich als Basis erhalten hat. Dasselbe gilt vom ntm, 
nur dass das Eephuloth-n diesen unteren Querstrich nicht 



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94 Sitzung der phüos -phüol. Ckme vom 1. Juni 1667. 

aufweist, wie es auch in der Ordnung ist. Denn das n ent- 
steht palaeographisch aus der Wellenlinie, die im Hierati- 
schen zu einer wagrechten Geraden wird, nur dass Anfang 
und Ende gewahrt sind, woraus dann ein gezogenes M 
sich mit Nothwendigkeit ergab, unser deutsches Schreib-« 
ist sogar zufallig wieder zu der wellenförmigen Linie zu- 
rückgekehrt. Der Name nun (vv kopt. ni) könnte daher 
recht gut altägyptisch sein, da nach Horapollo (I, 21), den 
Denkmälern und dem Koptischen vovv oder vov den Nil*) 
oder abyssus überhaupt bedeutet. Ueber r als Vertreter 
des l habe ich schon oben gesprochen und werde weiter 
unten darauf zurückkommen. 

exi und ebsi. Diese beiden Doppelkonsonanten, dem 
J und xp entsprechend, finden sich natürlich im Altägypti- 
schen nicht; sie sind ja auch im griechischen Alphabete 
eine ziemlich späte Erscheinung. Aber J nimmt die Stelle 
des samech ein, dessen Name {oiyfia) das alte odv yer- 
drängt hat, und es fragt sich daher, welches hieratische 
Zeichen dem alten Samech entspricht Lässt man vom 
samech der Quadratschrift die Basis weg, so entsteht ein 
Zeichen, das dem hieratischen siphon genau entspricht und 
sich dem aramäischen samech auflfallend nähert. Anderer^ 
seits wird das hieratische Zeichen zu dem sogenannten 
nXdxafjtog oder S neben 2. Auf einen ähnlichen Vorgang 
weist der Gebrauch eines Schluss0/yji*a g neben a, so wie 
unser langes f neben s. 

s. Für den 5-Laut verwendeten die Kopten das afyfm 
lunatum (C) unter der Benennung sima. Es scheint, dass 
die graphische Verwandtschaft des G mit dem c'ima auch 



9) Mit Hinznfagung von hei (her = superior) wird daraus Nuhel, 
Nahal, N^iXos. i 



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Lauih: Der ägypt Ursprung unserer Buchstäben etc. 95 

die Namensformung beeinflusst hat. Hier will ich nur noch 
darauf hinweisen, dass der Vorschlag eines Vokales vor 
Sibilanten am Anfange eines Wortes, wie er im Koptischen 
so häufig erscheint, auf eine alte Gewohnheit zurückgehen 
könnte, nach der wir den Buchstaben ebenfalls es, nicht se 
zu benennen pflegen. 

0. Dem semitischen Ain (Oin) y entspricht in Trans- 
scriptionen von Namen constant der ägyptische Arm, dessen 
Biegung am Ende zu der runden Form unseres o geführt 
hat Das Wort äni, dem hebr. yy entsprechend, erscheint 
mit der nämlichen Bedeutung (Auge) schon sehr frühzeitig. 
p. Alle Formen des semitischen pe entstammen dem 
hieratischen Bilde der Matte, besonders wenn* man das 
Kephuloth-j) berücksichtigt. Es ist nicht ein conventionelles 
Bild des Himmels, wie ich selbst früher*^) mit Anderen 
angenommen hatte, weil jpe (im Koptischen „der Himmer*) 
durch seine Gestalt an das 17 der Griechen erinnert, sondern 
ein Geflecht mit Abtheilung in der Mitte, wie man es unter 
den Bast arbeiten noch antriflFt. Der homophonisch dafür 
eintretende Vogel mit ausgebreiteten Flügeln wurde dem 
hieratischen &a- Vogel zu ähnlich, als dass nicht daraus schon 
in uralter Zeit Verwechslungen entstanden sein sollten. 
Ueber die nach pe folgenden aade und qoph vergleiche man 
das oben Gesagte und das weiterhin unter c'ima Beizu- 
bringende. 

ro. So nennen die Kopten mit den Griechen (^(o) den 
dem semitischen resch entsprechenden Buchstaben. Es ver- 
dient gewiss Beachtung, dass der Mund, dessen Bild die 
Hieroglyphe und das daraus entstandene hieratische Zeichen 
darstellt, im Koptischen noch ro heisst. Ueber die graphische 
Verwandtschaft dieses Buchstabs habe ich oben gesprochen, 



10) Ulliversal-Alphabet p. 61. 



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96 SiUfung der phOos.'phildl, Clasie vom 1, Juni 1867. 

ebenso über die gegenseitige Vertretang yod { und r. Im 
Demotischen wird der Löwe, als einfacher schräger Strich 
gebildet, auch zur Bezeichnung des Wortes re (pars) ver- 
wendet und erzeugt zuletzt den Bruchstrich, dessen wir 
uns fortwährend bedienen, wie denn auch ein hieroglyphisches 
/» = V« ist. 

t. Der Name tcw wird von den Kopten däu lautirt, 
woraus aber gegen die ursprüngliche Geltung des t als 
einer tenuis nichts gefolgert werden darf. Denn das hiera- 
tische Zeichen, welches ich dem n gegenübergestellt habe, 
entspricht diesem palaeographisch und phonetisch zu r^el- 
mässig, als dass man ihrer Identität zweifeln dürfte. Mit 
den sonstigen Uebergängen in verwandte Dentalen habe ich 
mich hier nicht zu befassen, nachdem ich oben unter ÜUda 
das Nöthige beigebracht habe. Dass Thav nicht das Kreuz 
bedeutet hat, wenigstens nicht im Aegyptischen, und dass 
es daher nicht nothwendig den Schluss bezeichnet, um, wie 
man gemeint hat, die Signatur des Alphabet-Erfinders vor- 
zustellen, lehrt ein Blick auf das betreffende hieratische 
Zeichen. Es scheint eine Art Beutel zu sein, und dann 
liesse sich das koptische thevi (loculus) zur Erklärung bei- 
ziehen. 

V. Das V xpdov benennen die Kopten he, wohl nur dess- 
halb, weil v als Anlaut im Griechischen nie ohne den Spi- 
ritus asper auftritt. Dass v ursprünglich die Lautung u 
gehabt, beweist die Stelle dieses Buchstabs im lateinischen 
Alphabet hinter ^, nicht minder aber auch die sprachliche 
Analogie, wonach u zu ü {v) wird, so dass man dann geuöthigt 
ist, aus o -f t; = ot; sich ein neues Zeichen für den U-Laut zu 
formiren. Dieses nahmen die Kopten mit dem griech. Alphabete 
herüber obgleich ihre einheimische Schrift ein eigenes and 
einfaches Zeichen für den u-Laut gehabt haben muss, da 
er noch im koptischen Lexikon statistisch der häufigste 
Vokal ist. In der That zeigen die altägyptischen Wärter fast 



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Lauih: Der ägppt, Urspnmg unserer Buchstäben etc. 97 

sämmtlich den Vocal u und zwar unter der Gestalt des 
Pharaonenhühnchens, wie ich schon früher ^^) behauptet 
hatte. Vergleicht man nämlich die hieratische Form dieses 
Vogels mit V und Y, so wird die grosse Analogie derselben 
einleuchten. Wie es gekommen, dass dieser Vokal aus dem 
semitischen Alphabet verschwunden ist und in dem akro- 
phonischen Psalme durch eine Wiederholung des pe nur 
schwach angedeutet ercheint, habe ich ebendaselbst erörtert: 
die nahe lautliche Verwandtschaft mit dem Faf (ßav) be- 
wog dazu ; sie ist auch Schuld, dass wir dem v noch immer 
den Namen vcm beilegen. 

Ueber phi^ chij ebsi (xf)C) und £ fAiya brauche ich hier 
nichts zu sagen : ihre graphische Entstehung durch Differen- 
zirung, Entlehnung der Zahlzeichen oder Verdoppelung habe 
ich im Universal-Alphabete zur Genüge behandelt. Es ver- 
stdit sich Ton selbst, dass wir die Prototype dieser Buch- 
staben nur im semitisch-griechischen, nicht aber im alt- 
ägyptischen Alphabete zu suchen haben. 

Es folgen nun die sieben letzten Buchstaben des kopti- 
schen Alphabets, d. h. diejenigen, welche, weil specifisch 
ägyptische Laute vertretend, die das Griechische nicht be- 
sass, aus dem einheimischen Alphabete entnommen wurden. 
Wie sicher man hiebei verfuhr, beweist am besten das zu- 
nächst folgende schei. Die Griechen hatten diesen breiten 
Zischlaut aufgegeben, aber das dorische odv^ das später als 
inCörjiiov für 900 verwendet wurde, was ist es anders als 
V? Die Kopten griffen auf ihr sehet zurück, weil sie ein 
Zeichen für diesen in ihrer Sprache so häufigen Laut nöthig 
hatten, gerade wie Gyrillus für die slavischen Idiome das 
hebräische schm entlehnte. Dass dieses slaviscbe seh an 
Gestalt dem koptischen schei so identisdi ist, rührt daher^ 



11) Üniversal-Alphabet pag. 17. 
[1867. n.i.] 



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98 SiiMm^ der phaot-^phihL OUuse omi 1. JmU 1367. 

weil auch das semitische sch^ wie das koptische, aus dem 
hieratischen entDommen war. Dieser Bodistabe bildet dnen 
starken Beweis für die Herkunft des phoenikischen Alphar 
bets aus dem ägyptischen. 

Nicht minder das nun folgende fßi. Ans der gehäm* 
ien Schlange {xßqdawrjg) entwickelte sich ein hieratisdieB 
Zeichen, welches dem Faf (>), dem sogenannten Digamma 
(richtiger Bav)^ dem lateinischen jP, dem ronisdien /e^ 
ebenso za Grunde liegt, wie dem koptischen fei. Dagegen 
iet der nächste Buchstab, nämlich das chei (khei), zum 
Ausdrucke der starken Aspirata gutturalis bestimmt , t<» 
%l etwas verschieden, und da die Aspiraten sich auch im 
Griechischen erst spät entwickelt haben, auf das ägyptiedie 
Sprach- und Schriftgebiet eingeschränkt gewesen. Hier aber 
treffen wir das Zeichen in doppelter Geltung: als Buchstab 
und als Zahlzeichen fGr 1000 mit der Lautung scho, ako 
sibilirt. Auch palaeographisch erleidet es in letzterer Be- 
ziehung eine grössere Veränderung, sobald die Zahlep 
2000—9000 dadurch ausgedrückt werden. Aber als Buch- 
stab hhei ist es fast unyerändert aus dem ägyptisdien ia 
das koptische Alphabet übergegangen. 

An dieses hhei schliesst sich h mit dem Namen Aori 
Es ist vorderhand noch zweifelhaft, ob das koptische hon 
aus der maeandrischen Figur oder aus dem sogenannten 
Stricke sich entwickelt hat; vielleicht verhilft uns in der 
nächsten Abtheilung sein Name auf die richtige Spur. 

Nunmehr kommen zwei Quetsdilaute: djandja und 
c'tma. Ihre nahe Verwandtschaft wird durch ihren häufig^i 
Wechsel nahe gelegt; da£S aber ursprünglidi eine grössere 
Verschiedenheit zwischen beiden bestanden hat, beweisen die 
älteren Inschriften, wo ihre Prototype niemals wechseln. Es 
ist nämlich die Hieroglyphe, aus der das djandja entsprun- 
den ist (Champollion übersetzt den Namen mit „Demoiselle 
de Nubie*') der constante Vertreter des. eade. Aber palaeo- 



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Lauih: Der ägypt üraprung unserer Buchstaben de. 99 

graphisch ist aade, besonders in seiner Eephuloth-Form y^ 
die Schlange (djalfi) ^ welche als Homophone für eben 
jenes djandja, sowie für das oben erläuterte Prototyp des 
sajin einzutreten pflegt. Erst in der jüngsten Epoche steht 
bisweilen, z. B. gerade in dem Namen der Schlange (djatfi) 
der Anladt & (c'atfi), aus welchem ursprünglichen K-Laute, 
wie im Italienischen, der Quetschlaut geworden ist. Daraus 
erklären sich alle gegenseitigen Yertauschungen in befriedi- 
gender Weise. 

Den Schluss des koptischen Alphabets bildet das dei^ 
ein Sylbenzeichen, analog dem thav des semitischen 
Alphabets, aber durch seine Syllabität auf den alten Cha- 
rakter des ägyptischen Alphabets als eines Sy Ilabariums 
noch deutlich hinweisend. Die Aussprache di, welche Tuki 
dem Zeichen giebt, wird jetzt allgemein angenommen gegen 
die frühere ^, welche aus der unrichtigen Annahme einer 
Ligatur aus T + I entstanden war. Dieses Sylbenzeichen 
di ist das nämUche, von welchem Diodor (III, p. 101 Steph.) 
spricht mit den Worten: „vwy S^dxqfunriQioav 17 fi^v is^^d 
vodg dcaavXovq ixrerafiävovg ^%ov(ia arjfux^vei ßCov no» 
Qiüiiov''. In der That bedeutet di (früher da) beständig 
darCj oder vielmehr iiiövcu und TU^^vai zugleich , wie ja 
auch das lat. do beide Bedeutungen enthält (z. B. in ab- 
flcondo). 

Mit der Annahme des griechischen Alphabets haben 
also die Kopten nur ein uraltes Eigenthum ihrer Vorfahren 
wieder an sich gezogen und mit den nöthig gewordenen Zu- 
sätzen aus eigenem Schatze versehen, sich daraus ein Al- 
phabet gebildet, das auch uns bedeutsame Winke für das 
gäyptische Alterthum gibt. 



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100 Sitzung der phüos.-phildl. Glosse vom 1, Juni 1867. 

Indem ich nunmehr zur Beantwortung der Frage über- 
gehe, ob die alten Aegjrpter ein Alphabet, wenn auch vor- 
erst nur in dem Sinne eines Syllabar's, gekannt haben, ver- 
hehle ich mir die Schwierigkeiten des Unternehmens keines- 
wegs, üebrigens dürfte der Umstand, dass uns zuletzt 
sieben Buchstaben mit Eigennamen begegnet sind, ein 
günstiges Vorurtheil für die bejahende Entscheidung bilden. 
Von dem letzten Zeichen dei ist es gewiss ^ dass es der 
alten Schrift entnommen ist; nur der Punkt bleibt zweifel- 
haft, ob zur Zeit der Entlehnung des gi-iechischen Alphabets 
durch die Kopten die media dentalis nur noch mit dem in- 
haerirenden Vocale i vorkam, oder ob sie auch sonst noch 
gebräuchlich war. Der auf speciell griechische Wörter ein- 
geschränkte Gebrauch des ^ {<i) beweist, dass ein da, de^ 
dOj du nur in dem Sinne gelten konnte, als sie, wie vav 
zu daUy von der Tenuis zur Media gesunken waren. Weit 
entfernt also, dass die koptische Sprache der Media entbehrt 
hätte, besass sie dieselbe sogar in grösserem Umfange, als 
das Altägyptische. Um die verwickelten Erscheinungen des 
Wechsels der Dentalen etwas besser zu begreifen, darf man 
auch nicht vergessen, dass sich frühzeitig dialektische Ver- 
schiedenheiten ausgebildet hatten, so dass z. B. dem the- 
banischen (sahidischen) p, k, t oft ein memphitisches g> %, 
-& entspricht, während die baschmurische Mundart dem r 
der beiden andern Dialekte fast regelmässig ein l gegen- 
überstellt 

Es wird uns jetzt vielleicht der Name hori etwas ver- 
ständlicher werden. Unter den Neuem hat Lepsius") 
dieses hari auf den Namen des Horus gedeutet und Adi 
war früher selbst^') geneigt, diess anzunehmen, weil auch 



12) Zwei spraohvergleichende Abhandlangen p. 68. 

13) Universal-Alphabet p. 168, 169. 



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Lauth: Der ägypt Ursprung unserer Buchstaben etc. 101 

im Aethiopischen der erste Buchstab h&i heisst. Allein ich 
yerhehlte mir nicht, dass im Armenischen das Alphabet mit 
aib oder ipe beginnt, welches zu nahe an den von Plutarch 
als ersten Buchstab des ägyptischen Alphabets genannten 
Ibis anklingt. Allerdings treffen wir den Namen Horus auch 
phonetisch geschrieben, aber meist wird er durch sein Sym- 
bol, den Sperber^ vertreten, der nicht zu den alphabetischen 
Zeichen gehört. Ich glaube desshalb, dass wir, wie beim 
(7ei, den Namen hori als das nomen proprium des Zeichens 
selbst zu betrachten haben. Unter dieser Voraussetzung 
bietet sich das in den koptischen Compositis Äre-schi, (tor- 
ques) eigentlich funis mensurae — und aschie-Am (catena) 
eig. longitudo funis erscheinende hrei als passendes Substrat 
für das strickartige Zeichen, aus dessen demotischer Form 
sich das koptische hori leicht entwickeln mochte. 

Halten wir diesen Gedanken fest, dass die Namen der 
Zeichen von der bezeichneten Sache hergenommen wurden, 
80 wird sich jetzt auch cHma erledigen. Im Koptischen be- 
deutet c^oome tortum esse und wirklich ist der Henkel- 
korb, das Prototyp des Buchstabs c'ima, ein Geflecht, ge- 
rade wie der Halsschmuck nebt (nebti = implexio filorum, 
opus contextum) dargestellt wird, der bekannUich die Sylbe 
neb in Nexraveßcig ausdrückt. Dieser Parallelismus gereicht 
dem c'ima zu einiger Euipfehlung. 

Schwieriger ist die Herleitung des Namens djandja. Die 
„demoiselle de Nubie*' kann natürlich nicht befriedigen. Der 
Gegenstand selbst, den die Hieroglyphe vorstellt, scheint ein 
Gewächs zu sein, das sich aus einer Ebene mit Seitenlappea 
erhebt. Sonderbarerweise klingt hier das C^C^cviov (lolium) 
yerführensch an, und wenn auch das nämliche Kraut im 
Koptischen entedj (djentedj) lautet, so wäre es immerhin 
denkbar, dass CiC^'^^ov für ein älteres C<^vCiov stünde, wel- 
ches dem djandja sehr nahe kommt. 

Das mit diesem djandja homophone c^atfi (Schlange), das 



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102 SitMung der phOos^-phtM, dasae wm 1, Juni 1867. 

Vorbild des semitischen actde^ erscheint im koptischen Al- 
phabete nicht mehr, theils weil es durch djandja schon Yor- 
treten ist, theils wegen seiner partiellen Ersetzung durch 
jrida (f^a). 

Der Name fei für die gehörnte Schlange (xs^danjg) 
ist mir Im Demotischen ^^) und zwar in der Verbindung 
sechi en fei = fei (bilis) serpentis**, • unter der Reduplicatiy- 
form fetfet **) als Variante zu c^atfi und hofi {pg>^) begegnet. 
Die nasalirte Form, welche die häufigste ist, lautete fewl 
(vermis). Alle drei Gruppen sind durch die gehörnte 
Schlange determinirt. Es scheint mir daher, dass der ältere 
Name dieses Buchstabs fent gewesen ist. 

Das schei stellt eine mit Blumen und Knospen bewach- 
sene Fläche dar. Da nun scM und scM planta und hortus 
bedeuten, so brauchen wir nach einem andern Etymon nicht 
weiter zu suchen. 

Eben so sicher ist Ichei (chei) eine Pflanze mit riegel- 
haubenartiger Biüthe. Der Umstand, dass dieses Zeichen, 
wo es für die Zahl 1000 gebraucht wurde, in die Sibilation 
übergetreten ist {scho = mille), während es als Buch- 
stabennamen constant hhei lautete, bestimmt mich, es in 
dem so häufigen hhaui (vegetabile) wieder zu erkennen, 
welches in den ägyptischen Kecepten, besonders bei der 
Summirung der Ingredienzien, regelmässig getroffen wird. 

Sind die bisherigen Ableitungen der Namen aus den 
bezeichneten Gegenständen nicht von der Hand zu weisen, 
so wird es nunmehr gestattet sein, die Gesammtheit der 
phonetischen Hieroglyphen nach Art eines Alphabets mit 
ihren Eigennamen vorzuführen. Ich befolge hiebei immer 
noch die koptische Ordnung. 



14) Papyr. gnost. Leydens. col. XVII. 

15) Todtenbuoh cap. 154 col. 8. 



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LamÜki Der äjffj^. Ursprmng umenr BucMabm etc. 103 . 

0. ä. Das Rohrblatt ahi (kopt. ake = calamas) zur 
BezeidmuDg des kurzen Uryokales, das Prototyp des dcurdi 
Verdoppelung daraus entstehenden i. Ich habe ihm dess- 
halb keine eigene Nummer gegeben. 

1. ä. Der Falke atrodj, oft durch das Rohrblatt ein- 
geleitet: äi. 

2. b. Der jBcT- Vogel, als dessen Vertreter und £in*> 
leiter oft das Bein, manchmal auch der Hauswidder (bor 
em-pe) erscheint. Von den in der jüngeren Epoche auf- 
tretendai Varianten für diese und andere Hieroglyphen ist 
hier nicht der Ort zu handeln. Ich habe in einem Auf- 
satze ^^ gezeigt, dass sie einer sehr alten aenigmatischen 
Sdiriftart entnommen sind. 

3. g. Der Gegenstand gat^ in dem demotischen Texte 
der Inschrift von Rosette öfter für vaög gebraucht. Er 
könnte übrigens auch einen £imer^^) Yorstellen, und dann 
wäre das koptische Jcadji situla zu vergleichen. 

4. d. Die Hand dod. Im jüngeren Dialekte^*) sogar 
zu dßdj gequetscht. So ist z. B. sim-en^gHg^ mit der grie^ 
chisdi sein sollenden üebersetzung N TAKT versehen, wel- 
ches man zu „sim N idanvXoq^^ zu eiigSnzen und zu ver^ 
bessern hat. Es ist nämlich die Pflanze Digitalis gemeint. 
Man sieht, wie dem koptischen Schreiber sein erstes ^ai = d 
lautete. 

5. e. Die maeandrische Figur mit dem Namen Aa«) 
kopt hye = mansio. 

6. dj. Der junge Adler mit der Aussprache dje («f 
if9V0Y6v9q\ dem sojin und eida entsprechend. 



16) Zeitschrift f&r aegypt. Sprache und Alterthumswissenschaft. 
AprU 1866. 

17) Wie Pap. d'Orbiney: „ein Eimer (gai) frischen Wassers", wo 
Chabas M^langes II, 245 „plat d'eau fratcbe" übersetit. 

18) Papyr. gnost. Leyd. CoL YIII lin. 6. 



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104 iSiUung der phüos.-phüol, CUisse vom i. Juni 1B67. 

7. eh. Das Sieb oder der Rost eher (chera hei Kir- 
cher craticula). 

8. dh. Dieser Laut wurde später fast immer gequetsdit, 
daher dhi (capere) zu dji ward und das Instrument dhi 
(forceps die Zange) im Koptischen zu edjo, edju, edjau. 

9. i. Der Anlaut i kommt eigentlich nur in den zwei 
Zeitwörtern i(u) gehen und iä waschen* vor ; denn Wörter 
wie iuma = mare (Dl^) sind entlehnt. Aber eine Stelle 
des Todtenbuchs (c. 102,4) und ein geschichtlicher Text^*) 
bieten ein Substantivum iu^ determinirt durch die Aehre, 
ein Holz oder ein Gerüst. Da nun iot im Koptischen hör- 
deum bedeutet und die Soldaten das Doppelgewächs des i, 
wenn auch in symmetrischerer Ordnung, auf dem Kopfe 
tragen, so scheint dieses iu mit der Bedeutung insigne der 
Name des Buchstabs gewesen zu sein. 

10. q (ng). Der Winket Kopt. Jcoh (kenhe, keldje)» 
Vergleiche weiter unter Nr. 25 c'ima, 

IIa. l. Der Name lahi (Löwe) klingt noch im kopt 
laula nach. 

12. m. Die Nachteule fntdag\ vielleicht ein Composi- 
tum mit dem einfacheren und älteren mu. 

13. n. Die Wellenlinie mit der Lautung nu oder nutu 

14. s. Entweder as der Sitz, oder die Stuhllehne, die 
im kopt. soi dorsum erhalten sein könnte, für das siphon- 
artige Zeichen. Für den Riegel sbe pessulus. VergL das 
Aethiop. sät. 

15. 0. Die Phonetik des Armes ist noch nicht er- 
mittelt. Doch könnte oreb concludere, vergl. mit armt^, zu 
Grunde liegen. 

16. p. Der mit pa oder pu bezeichnete Gegenstand^ 



19) Dümichen: Histor. Inschriften. Taf. V, col 62. 



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Lau(h: Der ägypt. Ursprung unserer Buchstaben etc. 105 

eine Art Matte aus Bast, könnte mit pars oder prisch storea 
zusammenhangen. 

IIb. r. ro „Der Mund" hat offenbar dieser Buchstabe 



17. t. Ich habe oben thevi loculus vermuthet. Der 
Halbkreis tritt sowohl für t, als (2, als die Aspiraten dh 
und th ein. Seine ursprüngliche Bedeutung noch unermittelt, 
vielleicht ihba tumulus. 

18. u. Das Pharaonenhühnchen mit der Aussprache ui, 
vielleicht in ui „alere" educare des Koptischen der Wurzel 
nach bewahrt. 

19—26. Die sieben oben ausführlich erläuterten Namen 
von scTiei bis dd. Da letzteres ein Sylbenzeichen , und l 
mit r homophon, so ergiebt sich die Zahl von 25 eigent- 
lidien Articulationen oder Buchstaben. 



Die hier unabhängig gewonnenen Laute, 25 an der 
Zahl, werden sofort die Stelle Plutarch's *®) in das Gedächt- 
niss rufen, wo er sagt, „die Fünf (aber) bildet ein Quadrat 
(25), so gross als die Menge der Buchstaben bei den Aegyp- 
tem ist''. Man^hat dieses Zeugniss auf das Alphabet der 
christlichen Kopten bezogen, ohne zu bedenken, dass der 
Schriftsteller diese Zahl von 25 Buchstaben mit den Lebens- 
jahren des Stieres Apis, also eines heidnischen Götzen, zu- 
sammenstellt. Auch zeigt das kopt. Alphabet 31, nicht 25 
Buchstaben. Nach meiner oben gegebenen Untersuchung 
wird man daher um so geneigter sein, die Stelle Plutarchs 
auf das altägyptische Alphabet zu beziehen, als ohnehin 



20) De Ib. et Osir. c. 56. Vergl. mein Univ. Alphabet p. 167. 



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1«6 SiUnmg der phüeß.^phOöl. dme vom i. Jwd ia$7. 

ausser den 25 pkoaetischen Hiero-glyphen meines 
Verzeichnisses keine weiteren Zeichen Yorkommom 
die man eigentliche Buchstaben nennen könnte. 
Hatte Champollion noch mehrere Hundert angenommen, so 
wurde diese Ueberzahl durch Lepsius'^) auf ein beschei- 
denes Maass zurückgeführt. Wenn aber dieser Forscher 
und andre Aegyptologen in neuerer Zeit die altägyptiscbea 
Articulationen auf 16 oder 15 reduciren, so kann i<^ aus 
obigen Gründen ihnen nicht folgen'*). 

Hiemit ist die Frage, ob die alten Aegypter ein wirk* 
liches Alphabet gekannt haben, so ziemlich in affirmativem 
Sinne entschieden, selbst wenn man die Herleitung der 
phoenikischen Zeichen aus den hieratischen nicht gelten 
lassen wollte. Mit der Existenz des Alphabetes ist aber 
zugleich eine gewisse Ordnung der Budistaben bedingt Ks 
erhellt diess zunächst aus einer andern Stelle Plutarch's*'), 
wo er sagt, dass y,die Aegypter dem Hermes (Thod) als 
dem ersten Erfinder der Schrift zu Ehren den Ibis (sein 
Symbol) als ersten Buchstab schreili)en'^ 

Diese Worte haben eine mehrfadie Auslegung erfiahren. 
Birch, der verdienstvolle Aegyptologe '^), erklärte sie aus 
der Schreibung des Wortes (wh (kopt. ioh) Lunus, wie der 
Gott Thod so häufig genannt und alsdann mit einer Mond- 
scheibe oder Mondsichel auf seinem Ibiskopfe ausgezeichnet 
wird. Jenes ädh wird geschrieben mit Rohrblatt Arm Kette. 
Allein das ist nicht der Name des Ibis. Ueberhaupt ge- 



21) In seinem Briefe von J. 1887 an Rosellini in dem Bnlletino. 

22) Aehnlioh hatte man frfther das nordischa Futhork von 1% 
Bnnen f&r älter gehalten als das von 24, bii ich den entgegea- 
gesetzten Sachverhalt anfiseigte. 

' 28) SympoB. IX. 8. 

24) In seiner Introdnotion to the stndy of hierogl. Anhang zu 
Wükinson's „Egypt in the ttme of the Pharaoks*^ 



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Lauth: Der ägypt. Ursprung unserer BuchiUihen eie. 107 

h5rt der Ibis nicht zu den phonetischen und alphabetischen, 
sondern zu den symbolischen Hieroglyphen. Dazu kommt, 
dass die Auffassung des ägyptischen Hermes als einer Mond* 
gottheit (Lnnus) sich nicht sehr hoch in^s Alterthum zurück 
verfolgen lässt. Auch aus diesem Grunde muss man also 
den äah als ersten Buchstab aufgeben. 

Die zweite Ansicht, welche H. Deveria aufgestellt hat, 
bezieht sich auf die hieratische Schreibung des Ibis, näm- 
lich mittels eines Zeichens, das dem hieratischen Rohrblatte 
identisch zu sein scheine. Sie kommt der Wahrheit sdion 
um desswillen näher, weil wir bisher die hieratischen 
Zeichen massgebend gefunden haben. Deiyinach würde also 
Platarch entweder gesagt haben: „Das Alphabet beginnt 
mit dem Rohrblatte, welches die Lautung a hat'*, oder: 
„An der Spitze des Alphabets steht der hieratische Ibis'' 
— ob aber als Buchstabe? Wenn irgendwo in einem Texte 
das ägyptische Alphabet als solches aufgeführt wurde, so 
igt kein Zweifel, dasa es als Erfindung des Ibis-Thod dar* 
gestellt wurde, der ja beständig „Herr der göttlichen Worte'^ 
betitelt wird. 

Eine dritte Ansicht hat neulich'^) H. Mari et te ver- 
deutlicht. Er entdeckte nämlich am Tempel zu Denderah 
eine Art Litanei an die eponyme Gottheit Hathor, deren 
Prädikate in dem bekannten bombastischen Style in ein- 
zelnen Reihen von Gruppen aufgeführt werden, je mit an- 
derem Anlaute versehen. Die Ordnung nun, in welcher diess 
gesdiieht, ergiebt folgende 16 Budistaben: 

t s u V f h a p m n ch h n 8ch b 

Damit man nicht wieder meine, die alte Hypothese von 
einem IGtheiligen Uralphabet erhalte hiedurch eine neue 
Stütze, bemerke ich, dass h und n sich wiederholen, sowie, 



25) Revue aroh6o1. Arril 1667. 



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108 Sitzung der philos.'phüol. Glosse vom 1. Juni 1867. 

dass wesentliche Buchstaben, wie: l r s Je i etc. fehlen. Es 
scheint also, auch mit Hinzunahme der folgenden Columnen, 
die nach Mariette keine durchsichtige Ordnung mehr dar- 
bieten, kein eigentliches Alphabet beabsichtigt zu sein, 
sondern nur eine Reihe von Alliterationen, welche jia۟r- 
lich indirekt für das Bewusstsein eigentlicher Buchstaben 
zeugen. Um nun wieder auf den Ibis als Anfang der Buch- 
staben zurückzukommen, so meint Mariette, der Umstand, 
dass der erste Anlaut ein t sei, lasse sich auf obige Stelle 
Plutarch's beziehen. Dass der Ibis Taaud lautirt werden 
konnte, beweisen die vielen Eigennamen, in denen der Name 
0(ov& als Gräcisirung des Ibis erscheint. Allein diese An- 
sicht entfernt uns wieder zu weit von dem Wortlaute der 
Stelle rc5v ygafifiartov ÄifiTtttoi, TtQcSiov Ißiv yqdqtovO^j 
da ein Buchstabe, nicht ein Name damit gemeint ist. 
Wollte inan zweifeln, ob Plutarch überhaupt von einem Al- 
phabete spreche, so belehrt der weitere Zusatz ovx oQ'&cSg 
xarä y€ tijV i/xrfv d6^cev, dvavdfp xal d^^oyyfjji nqoed^iav 
iv YQdfifiaaiv dnodövrsg^ dass es sich um den Vorsitz unter 
den Buchstaben, also um eine alphabetische Reihenfolge 
handelt. Mich wundert, dass Mariette sich nicht auf die 
6 (7) Zusatzbuchstaben des koptischen' Alphabets berufen 
hat, da dieses ckei und hori benachbart zeigt, wie die Akro- 
phonien der Hathor. Freilich beweist dieser einzelne Fall 
nichts und andererseits sind ja auch sonstige Verwandte, 
wie u f V, h a^ m, n, zusammengruppirt. Dass t und s 
beisammen stehen, deutet wenigstens auf physiologisches 
Verfahren *•). 

Die phonetische Schreibung des Namens Taaud ^'') (en 



26} Wie ich es im Üniversal-Alphabet p. 54 lin. 1. and 2. von 
unten, ausgfesprochen habe. 

27) Bnigsch Geogr. I Nr. 580 verglichen mit 541—548. 



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Latdh: Der ägypt, Ursprung unserer Buchstaben etc, 109 

Poabs) ist bis jetzt nur ein einziges Mal getroffen worden. 
Ich habe diesen Namen zuerst mit dem semitischen H? cor, 
Thaddaeus' = Lebbaeus identifizirt, nicht nur, weil die Be- 
deutong ,,Herz'' als der Sitz der Intelligenz nach Orientalin 
sdier Anschauang, zusagt, und so das „Taautes Phoenix 
litteras invenit^* bestätigt, sondern weil die Alten einstimmig 
dem Ibis in einer gewissen Stellung, Aehnlichkeit mit einem 
Herzen zuschreiben. So sagt HorapoUo I, 36: Ka^dCav 
ßovXofievo^ YQdyeiVy Iß^v ^(äyqa^ovOt' rd ydq ^wov ^JSQfiiJ 
fxsüara^y ndarjq xaqdiaq tuxC XoyiCfAOv SeGnoTrjy insi nal 
rj Iß^q avTo xa&* avrd Tg xaqdCtf iorlv ifAg>€Qijg' ne^l ov 
Xoyoq iorl nXeiotog naq JlyvTtzioig ^eQofievog^^). Neuere 
Legenden, die man gefunden, bestätigen, ausser den herz« 
förmigen Mumien der Ibis, durch die Phonetik selbst die 
Nachricht der Alten in dieser Beziehung. Herr Plejte hat 
nämlich statt der gewöhnlichen Gruppe het (cor) mehrere- 
mal ab angetroffen und ich habe^*) den Namen der Stadt 
Athribis auf Grund dieser Wahrnehmung nach allen seinen 
Bestandtheilen zu erklären vermocht. Während nämlich das 
Etymologicon magnum den vofidg ^A^Qißijg wegen seiner 
Lage inmitten des Delta mit xccqita übersetzt, zeigt die 
hierogljrphische Schreibung die Gruppe Hat-to-her-ab „Haus 
des Landes der Herzensmitte^S woraus "A^Qißilg entstan- 
den ist. Hier haben wir bereits den Uebergang des- a&, 
mit dem vagen Vocale des Rohrblattes geschrieben, in t&, 
woher ihis und damit zugleich einen Beleg für die Gleich- 
ung Rohrblatt = i. 



28) Anch Aelian. I o. n. die Schollen zu Platon's Phaednu p. 
S56 sprechen von der herzförmigen Gestalt des Ibis. 

29) In einem fOr die aegyptologische Zeitschrift bestimmten 
Aufsätze. 



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110 Sitzung der phüos.-phüoL Clane wm 1. Jmm 1897, 

Aber der constante Name des Ibis lautet hab(%i) (mäan- 
drische Figur, Aar, Bein) was nicht befremden kann, wenn 
man bedei^t, dass das Rohrblatt selbst aake (an zweiter 
Stelle mit dem Aar geschrieben) lautete, und dass die Ad- 
spiration des maeandrischen Zeichens eine sehr gelinde, ein 
wirklicher Spiritus lenis war, wesshalb es in die semitischen 
Alphabete als Ae, in das griechische als I überging. Ein 
Zusammenhang beider Wörter ist also sehr wahrscheinlich 
und als Verbalwurzel habe ich früher schon'*) das so häu- 
fige ab vermuthet, dessen Verwandtschaft mit dem latein. 
avere und . npX (velle , cupere) jetzt yielleicht nicht mehr 
beanstandet wird. Ich war eine Zeit lang geneigt, in diesem 
hahu^ ah (Ibis, Herz) eine Bestätigung für das System 
meines Universal- Alphabetes zu erblicken, welches mit Spi- 
ritus lenis und ürvokal, als den Vertreten! der (Konso- 
nanten und Vocale, beginnt. Damit ich mir aber nicht den 
Vorwurf der Rechthaberei zuziehe, muss idi schliesslich noch 
einer andern Möglichkeit gedenken, das Plutarchische Uns- 
zeichen an der Spitze des ägyptischen Alphabets zu er- 
klären. 

Der ägyptische Hermes heisst bekanntlich TQigj^ufwog^ 
in der Inschiift von Rosette f*^g xal /läyag. Das Cap. 125 
des Todtenbuches, ein sehr wichtiges und sehr altes Haupt- 
stück dieser Sammlung, führt den Gott Thod coli. 61, 62 
mit den Worten ein : „Nicht lasse ich dich (den Verstorbenen) 
passiren duich meine Wacht, bevor du genannt mir meinen 
Namen". Der Verstorbene sagt hierauf: „Kenner der Hersen, 
Prüfer der Eingeweide (Leiber) ist dein Name**. Man fragt 
ihn weiter: „Wer ist der Gott in seiner Stunde, welcher ist 
es?*' Die Antwort lautet: „Der Gott in seiner Stunde, den 
du genannt hast, ist der Grosse (tennu) der beiden Welten.^ 



80) Manetho und der Toriner-Eönigspapyras pp. 46, 63, 64. 



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L<mäh: Ikv^ ägypt, Tfinp¥%m§ w^senr Budkstahen etc. HI 

„Wer ist der Grosse der beiden Welten?" „Es ist TAorf" 
(geschrieben mit dem Ibis). Die demotische Redaction dieses 
Capitels, welche die Bibliotheque Imperiale zu Paris® ^) be- 
sitzt, bietet unter vielen andern werthvollen Varianten statt 
des Wortes fenwM das Wort oa, dessen Bedeutung gross 
längst erhärtet ist. Femer heisst Thod in den bilinguen 
Rhind-papyri, im Papyrus Senkowsld und in vielen anders 
Quellen A^tenmu „der grosse As." Damit wir wegen der 
Vieldentigkeit des Wortes as nicht lange zu suchen brauchen, 
erinnere idi an das kopt. as antiquus, woher auch Isis nadi 
Diodor als naXatä erklärt wurde und an die Stelle Horapollo's 
1,30: 'Aqxaioyovlav dk yqäqiOVTsqj nanvQOv t^yqa^oviH 
SäCfAfjv, Also eine Papyrusrolle bedeutet dqxcci^oyovCal In 
der That erscheint das Rohrblatt und der Siphon(aÄ), womit 
jener Name As-(tennu) geschrieben wird, häufig mit dem Deut- 
bilde der Papyrusrolle, um den Begriff alt auszudrücken, 
so z. B. in der „Bauurkunde von Denderah",**) wo gesagt 
wird, dass „derürplan von Anet (Denderah) gefunden wai*d 
in alter Schrift". Eine solche Papyrusrolle hält aber der 
Gott Thod als beständiges Attribut in seiner Hand, und so 
(mag denn) As-tennu ihn als den „grossen Alten" bezeichnen. 
Daraus wärde auch sein hieratisch es, dem Rohrblatte gleiches 
Siglum, vielleicht als Abkürzung des Namens Astennu er- 
klärlich werden. Thatsächlich steht das hieroglyphische 
Rohrblatt a mit dem Zeichen für Gott über dem Ibis;^') 
also ist das eigentliche a der Anfang des Alphabetes, nicht 
das Siglum des Ibis. Die Stelle Plutarch's veihilft uns somit, 
wegen ihrer Vieldeutigkeit, höchstens zu der Wahrscheinlidikeit, 
dass der leichte Vokal a den Anfang des ägyptischen At- 



31) YergL Bragsch.: DemotiBche Urkunden Taf. YII. 

82) Dümiohen Taf. XV coL 87. 

88) Düiniehen: Ealender-Insohrülen Taf. 0X7111,2. 



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112 8iUmng der phOos.-phüol, CUuse vtm 1. Juni 1^67. 

phabets gebildet habe. Mariette's Akrophonien beweisen nur, 
was schon die altägyptisohen Wortspiele nahe leg^, dass 
die Aegypter das Bewusstsein alphabetisdier Zeichen hatten« 
Es fragt sich, ob uns keine andern Quellen za Gebote 
stehen. 

Der gnostische Papyrus von Leyden enthält in Coli. XVIil 
und XX drei oder vier Alphabete, theils griechischen, (kop- 
tischen?) theils ganz willkürlichen Charakters. Sie scheinen, 
wie die bei den Ingredienzien im Texte angewendeten Zeichen, 
einer Geheimschrift anzugehören, wie ja auch die gnostischen 
Scarabäen solche Spielereien aufweisen. An ein altägyptisdies 
Alphabet ist dabei überall nicht zu denken , weil schon die 
Reihenfolge der übergesetzten Buchstaben beweist, dass man 
das griechische Alphabet geben wollte. Mehr Wichtigkeit 
dürfte der Papyrus Grey**) beanspruchen, wenn die auf 
seiner Vorderseite befindUchen 24 oder 25 Zeichen wirklidi 
ein demotisches Alphabet vorstellen sollen. Die Urkunde 
ist datirt vom 28. Jahre des Ptolemäus Philometor (118 
V. Chr.) und das fragliche Alphabet beginnt rechts mit dem 
demotischen a (Aar) und schliesst links mit einem t^ so dass 
die Vermuthung nahe gelegt wird, als ob Aleph-Thav^ also 
wesentlidi das phoenikische Alphabet gegeben sei. Allein 
eine nähere Betrachtung lässt die Sache in einem andern 
Lichte erscheinen. Schon das zweite Zeichen gehört nicht 
zu den alphabetischen, sondern ist das Sylbenzeidi^i ru, 
Nr. ^, 4 und 5 entsprechen allenfalls einem jp, das 4. dem 
syllabischen to^ das 5. einem o (?), Nr. 7 einem 6, Nr. 9 
einem jf, 10 einem &, 11 wie 2 = ru, dann folgen ziemlich 
deutlidi n, w, n^ ch (?), w, s, ch, f, a, n, A, a, t. Man 
sieht, dass sich mehrere Buchstaben wiederholen, während 
andere gar nicht vertreten sind, so dass also aus dieser 



34) Young, Hieroglyphics pl. XXXIY. 



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Lauih: Der ägypt Ursprung unserer Btuihstahen etc. 113 

ZusammenstelluDg von Buchstaben sich keine Folgerung auf 
das altägyptische Alphabet ziehen lässt. 

Gleichwohl dürfen wir an der dereinstigen Entdeckung 
des ägyptischen Alphabets auf irgend einem Denkmale oder 
in einem Papyrus nicht verzweifeln. Die Aegyptologie hat 
schon manche Ueberraschung gebracht, so z. B. die Phonetik 
der Zahlwörter im Pap. Leydens. I, 350, wovon ich weiter- 
hin noch zu sprechen habe. So gut nun in diesem Pocumente 
die Zahlen nach ihrer natürlichen Ordnung aufgeführt sind, 
ebensowohl könnte etwas Achnlich^s in Betreff der Buch- 
stabai stattgefunden haben. Ausserdem liegt die Möglichkeit 
nahe, dass die Aegypter ihrem Flange zum Symbolismus 
nachgebend, heilige Embleme zu Repräsentanten der ngcSza 
awoix^ta gewählt haben. Die Vignette zu Cap. 1 — 15 des 
Todtenbuches zeigt analog Schakal («), Ibis (ab), Sperber 
(teuk), Stier (Äa), Geier (cfliretui kopt.), die Locke (Äolk), 
die Doppelfeder, erinnernd an den häutigen Titel djauchni, 
Träger der Fahne, endlich die Adlermuune. Ich behaupte 
nun nicht, dass hiemit die ersten acht Buchstaben gegeben 
seien; denn eine Vergleidiung mit vollständigeren Listen 
dieser Embleme'*) würde den Versuch, obgleich 24 solcher 
auftreten, bald scheitein machen. Aber etwas Analoges 
dürften wir, unter der Aegide des Thod, irgendwo an- 
zutreffen erwarten. 

Dass die Aegypter eine gewisse Ordnung der Buchstaben 
kannten und befolgten , möchte sich auch aus Folgendem 
ergeben. Das Berliner Museum besitzt unter andern einen 
griechischen Papyrus, der mit allerlei mystischen Figuren 
bedeckt ist und besonders den Vocalen eine geheime Wir- 
kung beilegt. Da die sieben Vocale des griechischen Alpha- 
bets darin erscheinen, so wird man nicht fehlgreifen, wenn 



36) Z. B. Toong, Hierogl. U, 67. 
[1867. n.i.] 



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114 Sitzung der phiU>8.'phüol. Gasse wm 1. Juni 1867. 

man ihn als gnostisch bezeichnet; in der That ist darin 
von einer Zauberlampe (Ivx^^^) die Rede, gerade wie in 
dem demotischen Papyrns von Leyden gnostischen Inhalts. 
Ich setze die neun ersten Zeilen her, mit dem Bemerken, 
dass die Urkunde stellenweise zerrissen ist. 

7ioc^OaQix(0g nqog waO€ av%a fjtrjwOt] Goi 

QtjTtog X sirai Goi Kai Gv y 

naoag Oov tag tQixag , . . rjvtjg xcu laßav $€fccxa xiQ 

xaiov aTVoSwOov eig vrjg OVfu^aOav 

X(o fi€V va Tixoi devOov avrov qocxs 

axQCDTiOToog noOi avxovg ovvxag Oov Ow Taig 

'd'Qi^i xai Xaßiov yQaq>€ avx ? o xsifieva 

xai %i^€ig ccvTovg x^Qi^i xcu TOig ovv^ixca avanla^ 

Oov avTOV hßctvfo .... cuutp a €€ rjrjTj i$ii ooeoo 

Man sieht, dass es sich um die Anbiingung magischer 
Charaktere handelt. Unmittelbar daran schliessen sich die 
zuletzt in arithmetischer Progression aufgeführten sieben 
Vocale noch einmal, aber in folgender Doppelfigur: 
a (0 €9 €0 ta a> (0 m 

€ € V V V vv V 

riTjTj O O O o 

l $ $ l fii» 

VW 

V vv V V V € € 

(o (o 00 w (a fa fo a 

Begleitet sind diese Figuren von den Worten : xai laßmv 
%o faXa Ow TAo . . . vTi anoßl xsSqivov und anderen minder 
lesbaren. Es folgt: xai Xeys tov nqoxsififvov loyov, ver- 
bunden mit der oben Zeile 9 gegebenen arithm. Prog. der 
7 Vocale und dann heisst es : fixe fwi aya'd^e FeaDqye txya^g 
« • . . • (UV aqns q>i, ßQiVTarTjvw^Qi^^) ßQiOxvXfuz xtqova 



86) Dieser Name findet sich öfter im gn^st. Papyrus von Leyden. 



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Lauth: Der ä§^ypt. Urspmnj^ unserer Budistaben etc. 115 

lofs . . , giiv , . • Tov fuxfMVfJUicfo^. r]x8 fioi ctywg ÜQ^en f i- 

lASVog €v T<a ßeoQxodfjXe xcu xvhvSovfJtevog etc. 

Diese Stellen, so wertblos sie sonst auch sein mögen, 
bestätigen doch im Allgemeine die Nachricht: iv Älyvm^ 
ii Mal Tot)s ^£Ot)g vfivoikU iid vcSv STVsd gHovtjäwwv,^'^) 

Als ich Obiges zu Berlin 1863 copirte, war mein Uni- 
yersal-Alphabet bereits seit acht Jahren erschienen. Um so 
mehr war ich von der pyramidalen Anordnung der Buch- 
staben überrascht. Dass nur die Vocale in der Figur Ter- 
treten sind, erklärt sich zur Genüge daraus, dass diese Cha- 
raktere Yorschriftsmässig gerufen^^) werden sollten, was 
bei den Consonanten eben nicht möglich ist. 

Aber auch die altägjptische Bezeichnung der drei 
Hauptvokale führt zu dem pyramidalen Systeme, wie ich es 
in meinem Universal-AIphabet zuerst aufgestellt habe. Es er- 
scheint nämlich als Vertreter oder als Vereinfachung des 
Rohrblattes a der senkrechte Strich | , für die Verdoppelung 
desselben der Doppelstrich, entweder schräg gestellt, um die 
Verwechslung mit der Ziffer 2 zu vermeiden, oder auch 
senkrecht 1 1 ; als beständiges Aequivalent des u der dreifache 
Strich III, so dass die drei Hauptvocale das Grundschema 

|l|l| d. h. die pyramidale Figur prototypisch u. deutlich aus- 
drüeken. Nach der staticftischen Häufigkeit des Vocalesu im Aegyp- 



87) Jabloneki Prolegg. p. LV—LIX. 

88) Darauf beeiehen aioh wahrscheinlioli auch die 7 Hexame- 
ter CoL V: 

'ÖQXiCiü n€<paXaue ^€ov onsQ €&tty OXvfinos 
'OQX^i^a^ a<pQaxi&a d-sov on€Q koxi^ oqaaig 

\)^inCa> xqffffiqa d-Bov nXavroy xore/oi^a 
X)^xiCti) d-ioy mtarioy aiawa re nayrofy 
'OQxtiCio (pvaiy avTOfpmi xQatunoy Adüfyai(py) 
'O^^Cio dvrayta xai ayisXXona EXumi{ay) 

8* 



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116 Sitgung der phOos.-phüol. CUuse vom 1, Juni 1867. 

tischen könnte man den alten Aegyptern einen gewissen 
Labialismus eigenthümlidi finden, wie der Gutturalismas 
(a) den Semiten und der Gerebralismus (i) den Europäern 
eignet. Dieselben 1. 2. 3. Striche dienen auch zur Bezeichnung 
Yon Singularis, Dualis und Pluralis. Hiemitist der üeber- 
gang zu den eigentlichen Ziffern gegeben, von denen idi 
schliesslich noch Einiges beibringen will, um die üeber- 
Zeugung zu b^ründen, dass auch unsere sogenannten arabi- 
schen Ziffern aus Aegypten stammen. 

Die aegyptischen Ziffern.'*) 

Der senkrechte Strich, schon im Hieroglyphischen für 
die Zahl 1 (ua, auch unbestimmter Artikel) gebräuchlich, 
bleibt es auch im Hieratischen. Wird er verdoppelt und 
verdreifacht, wagrecht gelegt und durch Schleifung zu einem 
Ganzen gestaltet, so entstehen die Ziffern 2'(snau) und 
3 (schomt). Auch die Ziffer 4 verläugnet diesen Ursprung 
aus Strichen noch nicht und man könnte behaupten, dass 
unsere vier ersten Ziffern eben so gut aus dem Chinesischen 
als aus dem Aegyptischen gezogen sein könnten« Das ent- 
sprechende Zahlwort für 4 lautet afdu. 

Allein mit der Ziffer 5 befinden wir uns entschieden 
auf ägyptischem Boden. Der Stern, nach Horapollo und den 
Denkmälern für 5 gebraucht, und regelmässig mit 5 Strahlen 
dargestellt, wird hieratisch zu einer Figur, deren nahe Be- 
ziehung zur Ziffer 5 unverkennbar ist. In dem uralten Pa- 
pyrus Prisse z. B. wird in dem Worte sebait (Unterweisung) 
die erste Sylbe schon durch diesen Stern (Kopt siv) be- 
zeichnet. Wie es gekommen, dass das. Zahlwort 5 dennodi 
eine andere Wurzel darbietet, mag hier unerörtert bleiben; 
genug, dass dem koptischen Hu (quinque) entsprechend, der 



89) Yergl. die Tafel B. 



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Lawih: Der ägypt Ursprting unserer Biichstäben etc. 117 

Pap. Leydens. I, 350**^) dafür die phonetische Gruppe tiau 
bietet Da nun auch die Hand (tot) vor der Zahl 5 als 
phonetisches Zeichen erscheint, so hatte ich doch Recht, in 
meinem Buche „les zodiaques de Denderah^' zu behaupten, 
da88 der Ausdruck teytero in* teyt-hro zu zerlegen und auf 
die fünf Epagomenen zu deuten sei. Wird nicht auch 
pantscha {näijuis) von Einigen als Hand (mit fünf Fingern) 
auigefasst? 

Die Ziffer 6 findet sich so, wie wir sie haben, im De- 
motischen; das hieratische Zeichen hat gewöhnlich noch 
zwei Striche daneben , zum deutlichen Beweise, dass diese 
Ziffer aus 2X3 Strichen zusammengesetzt gedacht wurde. 
Ihre Phonetik war sas und sasch (sex, schesch). Bei der Ziffer 7 
sehe ich mich genöthigt, von Lepsius und Pleyte in der Er- 
kläruog abzuweichen. Letzterer nimmt nämlich an, der in 
den Hieroglyphen dafür eintretende Kopf en profil sei eine 
irrthümliche („fautive^O Transscription des hieratischen 
Zeichens. «Allein unter dieser Voraussetzung müsste man 
den Irrthum fast als Regel erklären, da der Kopf für 7 so 
häufig getroffen wird. Mehrere Stellen beweisen, dass die 
hieratische 7 eben so gut als der hieroglyphische Kopf mit 
dieser Zahlbedeutung auf einer altägyptischen Anschauung 
beruht, wonach dem Kopfe sieben Mündungen (ro) zuge- 
sehrieben wurden, wohl keine andern als Augen, Ohren, 
Nüstern, Mund. So beisst es im Pap. Leydens L 345 
6 3: seine 2 Lippen, welche zum Sprechen; seine 2 Augen, 
welche zum Sehen; die Siebenheit der Mündungen seines 
Kopfes'^ Die nämlichen 7 ouvertures de la tete b^egnen 
uns in den Rhind-papyri V, 6^^). Mit der Phonetik des 



40} Von Herrn Goodwin (Zeitschrift für Aegyptologie 1864) su- 
erst in seiner Wichtigkeit far die Zahlwörter erkannt Vgl. in 
denelben Zeitschrift Pleyte 1867, 1—3. Heft. 

41) Tgl. Bmgsoh: Mat^riaox p. 51. 



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118 S^ung der ph%lö8,-phfldk Ctaese vom 1. Juni 16ß7. 

Zi^wortes liat dieser Kopf niohts zu schaffen. Die Biblio- 
Uieksgöttin Safchj häufig mit dem siebenstrahligen Sterne 
geschHeben, wird im Pap. Leyd. I 350 durch die phoneti- 
sche Gruppe safch vertreten, deren Verwandtschaft mit dem 
kopt. saschfe und dem indogertnanischen, ja dem semitisdien 
Zahlworte für 7 ziemlich einleuchtend ist. 

Die Ziffer 8, noch in den beiden aufemanderstehenden 
Rauten unserer älteren Quellen **) als 2 X 4 erkenntlich, 
yerläugnet ihren Ursprung aus Strichen nicht. Namen mit 
griechisdien Transscriptionen ergeben die Lautung X^M^t 
kopt. sibilirt zu schmun = octo, aber in chemne octoginta, 
noch getreuer erhalten. Merkwtirdig ist, dass in der so häufig 
erwähnten Achtstadt (Aschmunein = Hermopolis) die hiero- 
glyphische und die hieratische Schreibung des Zahlwortes 
(auch im Leydens. I 350) constant ^e^ennu lautet. Wie mochte 
dieses sesennu zu schmoun (semit. schmoneh) werden? Ich 
habe längst die Zahlsymbolismen: „2. der Isis, 3. der Neph- 
thys'^ auf die Phonetik gedeutet. Snau 0;)U^) heisst zwd 
und 8on „Bruder"; (s)chom (t) drei und schom (DH) 
„Schwager", so dass also die Stelle besagen würde: „Ick 
(Osiris) bin Bruder der Isis, Schwager (olxeTog) der Neph- 
thys". Aehnliche ZahlsymboHsmen z. B. 5 oder 9 Striche für 
die Wörter ticm und pest Ruhm , Glanz* sind auch sonst 
mcht selten. So könnte auch sesennu^ das bisweilen in der 
Schreibung sensennu gefunden wird, „die Verbrüderungen, 
Versohwägerungen" bedeutet haben. Der Wechsel des n mit 
ifi ^erklärt sich, wie der Monatsname Pharmuti aus PharenmUi. 

Ein ähnlicher Lautwandel scheint bei dem Zahlwort 
(Qr 9 stattgefunden zn haben. Drsprnngiich paut^ durch 
ein Opferbrod vorgestellt, das auch den ersten Tag des 
Monats oder den Neumond bedeutet, lautet es im Kopti- 



42) Z. B. des Codex BatisbonenBis der Man ebener 'BibKMkck, 
von dem ich p. 45 meines Runenfddark geeprooben ht^>e, 



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Lau^: Der ä§yfi, Ür9pmng Mnetrer Buchstaben etc 119 

scheu psit und wird schon in der jüngeren Periode der 
Hieroglyphen durdi die strahlende Sonne vertreten, weil 
fiset = strahlen. Aber ein drittes Zeichen, eine Ai-t Sense, 
aas welchem offenbar das hieratische Zeichen für 9 und 
unser 9 entstanden ist, erscheint als Determinativ zu paut. 
Merkwürdig ist nun, dass diese Sense (n(n;acula das Scheer- 
Äesser?) häufig zur Schreibung des Woiies neu (maut) ver- 
wendet wird, und dass in den indogerman. Sprachen eben- 
&Us ein Zusammenhang zwischen neu und neun (novus, 
novem) zu bestehen scheint. Sollte vielleicht die Verwandt- 
sdiaft von paui und matä zur Wahl des Zeichens für 9 
geleitet haben? 

Die Aegypter kannten die Null nicht, desshalb trennen 
sich von hier an die beiden Systeme, indem das unsrige 
(indische?) für 10 schon eine Zusammensetzung anwendet, 
während die Aegypter**) für 10, 100, 1000 etc. eigene 
Zeichen gebrauchten. 

Man hat das hufeisenförmige Zeichen, mit dessen Hülfe 
alle Ziffern von 10 — 90 incl. gebildet werden, für die 
Half te- eines Eönigsschildes gehalten und daraus das kopt. 
meii (decem und dimidium) erklären wollen. Allein dies 
scheitert an der Unmöglidikeit , das eckige Zeichen fl zu 
erklären, das z. B. in der Inschrift von Rosette für 10 
vorkommt. Ich glaube, dass die alte Bedeutung und Laut- 
ung der Hand (ma geben) Dual mati^ das koptische Zahlwort 
meti decem, besonders in Rücksicht auf teut = quinque 
(una manus) besser empfiehlt. Was sodann die Figur der 
Ziffer 10 (fl) betrifft, so ist sie nichts anderes als ein po- 
tenzirtes 1 1 mit einem Querstriche, gleich als wenn man hätte 
ausdrücken wollen, dass es die zweite Stufe der Zahlen vorstellt, 
wie HorapoUo II, 30: FgafifAfl oq^ fu^ S/jux YQ^f^f^^ 
intxsxafifi^vr] iina yqaiA^g imniiovq Or^fAaivovO^ andeutet 



43) Vgl. die Tafel C. 



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120 SiiMung der phaaa.-phüos. Cloßae txm 1. Jtmi 1867. 

Diese Erklärung erhält ein bedeutendes Gewicht durch 
das Zeichen für 100. Es ist nichts Anderes als das für 
das Pharaonenhühnchen eintretende u. Wie konnte aber u 
= 100 bedeuten? An sich wohl nicht; aber mit Rücksicht 
auf 1 1 1 = ti. In der Absicht der Aegypter lag es, so die Zahl 
100 als die dritte Stufe darzustellen, ohne damit das Zahl- 
wort sehe ausdrücken zu wollen. Im pap. Leydens. I 350 
ist schao als die Phonetik von 100 angegeben; ich habe 
das Zahlzeichen für 100, mit dem phonetischen Werthe 
5CÄ6**) in dem Woite äsche (Ceder) angetroflfen. Sollte 
letztere etwa wegen ihrer sprüchwörtlichen {Erhabenheit den 
Namen asche (kopt. multa, abundans) empfangen haben? 

Behalten wir die gewonnene Scala bei, so erledigt sich 
auch das Zeichen für 1000, nämlich die oben schon bei dem 
Buchstaben (khei) besprochene Pflanze khcmi. Das kopt. 
Wort für 1000: scho ist durch Sibilation daraus entstand«!. 
Mit dem Stamme multus (ascho) ist es, wie aus dem eben 
über asche bemerkten zu ersehen ist, nicht verwandt; II. 
Pleyte vermengt beide Bedeutungen, wei^n er es für möglioli 
hält, qu'on a pris la plante comme symbole du nom de 
nombre mille, a cause de la muUitude des vegetaux. Das 
Zeichen ist eben kein Symbol, sondern phonetisch und seine 
ursprüngliche Bedeutung messen. Wäre es nicht möglich, 
dass das Messen mit vier Fingern oder der Fausthöhe 
dieses Tcha veranlasst habe, als wollte man sagen, daae 
1000 die vierte Stufe der Zahlen sei? 

Der Finger oder vielmehr der Daumen (in dea 
grösseren und ausführlicheren Darstellungen) mit d^ Laut- 
ung tah^ steht für 10,000. Wenn H. Pleyte sagt: ,je ne 
connais pas de point de rapport entre la signification du 
signe et la prononciation'% so hat er nur der allgemeinen 



44) Dümichen Kai. Ina. Taf. LXVII, c. 7; Brugsch, Geogr. IH, 
Np. 188, 189. 



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Lauith: Der ägypt, Unprung unaerer Bw^utaben etc. 121 

bisherigen Unkonde Aosdriick g^eben. Nimmt man mit 
mir an, dass nach der Faust, als fünfte Stufe der Zahlen, 
der Daumen gewählt worden sei, so schwindet das Dunkel 
in jeder Beziehung. 

So hatten also die Aegypter mittels der zehn Finger 
der Hand und allenfalls mit Hinzunahme der Fusszehen, 
weil 20 eauty (djuot) 30 mapu (map) 40 June nicht als 
Mnltiplicate yon 10 in der Phonetik erscheinen, ihr Zahlen- 
system bis zu 10,000 resp. 99,999 zu führen vermocht 
Jenseits dieser Grenze treffen wir noch drei Zeichen: die 
Kaulquappe (hefennu) = 100,000; den Mann mit er- 
hobenen Armen (hah) = 1'000,000 und den Siegelring 
(chen) für 10'000,000. Diesen drei Begriffen ist die Bedeut- 
ung einer grossen Menge (hah z. B. = multus) gemeinsam. 
Durch Zusammensetzung mehrerer dieser Zeichen war es 
möglich) alle denkbaren Grössen auszudrücken. 

lieber die Herkunft unseres Bruchstrichs / aus dem 
demotischen re Theil habe ich schon oben gesprochen; 

selbst hieroglyphisch erscheint z. B. die Gruppe Theil = '/4, 

lieber die Aussprache der Brüche, die oft durch wun- 
derliche Znsammeusetzungen (z. B. */e = V« 4* V* + ^M 
gebildet werden, gebricht es uns bis jetzt an monumen- 
lalen Haltpunkten; einige Winke des kopt. Lexicon's z. B. 
misi = pars quarta, . deuten darauf hin, dass sie Eigen- 
namen einfacher Art gefuhrt haben. Dagegen besitzen wir 
in dem papyrus Leydens. I 350 für die Zehner und Hun- 
derter ziemlich durchsichtige Ausdrücke, die vor allem die 
wichtige Thatsache darthun, dass (wie im Semitischen) die 
Zahlen 50, 60, 70, 80, 90 als Plurale der Zahlwörter für 
6—9 erscheinen, während die entsprechenden Zahlzeidien 
als Mnltiplicate (5 X 10 etc) gebildet sind und insofeme den 
indogermanischen Zahlwörtern quinquaginta (= quinque* 
decemta) vergleichbar sind. Das nämlidie Verfahren wiedei^ 



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122 Si^Mimg der pha(».^hM. (Mofee v<m 1. Juni 18$7. 

holt sich bei den Hundertern und Tausenden in Spradie 
and Zeichen. Um so auffallender ist es, dass die Zahl- 
wörter für 20, 30 und 40, obschon die entsprechenden 
Zahlzeichen ebenfalls «Is 2 X 10, 3 X 10, 4 X 10 sich dar- 
stellen, weder als Plurale der betreffenden Einer, noch als 
Compositionen mit meti (zehn) erklärt werden können« Der 
Papyrus giebt für 20 die Phonetik zcmt (Kopfe djuot) — 
und zwar als Participium des Verbum's jsfa peragrare, mit 
dem Deutbilde des Schiffes begleitet. Es versteht sich 
von selbst, dass damit nur die Lautung, nicht die Ursprung* 
liehe Bedeutung des Zahlwortes eatU geboten werden 
sollte. 

So viel ist klar, dass die ägyptischen Ziffern und Zahl- 
wörter auf dem uralten Decimalsysteme beruhen. Nehmen 
wir nun an, dass, wie bei einigen andern Völkern, mit Hin- 
zunahme der zehn Fusszehen (digitus, idiavXog^ Jäxa) 
eine höhere Einheit von Zwanzig (score im Englischen) 
begründet wurde, so würde sich in dem Verbum djte, 
djto = sopire, reclinare, eigentlich „alle Viere von sich 
strecken*' ein passendes Etymon zu dem oben räthselhafl er- 
schienenen djuot (zaut) vermuthen lassen. 

Die Phonetik des Zahlwortes für 30 lautete fMapw(kopi. 
fnap)f wie H. Chabas sdiarfsinnig in dem Pap. Anastasi L 
wiederholt geAinden hat. Da nun nach Diodor I, 75 das 
Richtercollegium der „Dreissig'^ (3X.10 aus Theben, Mea- 
phis und Heliopolis) in Uebereinstimmung steht mit den in 
ägyptischen Texten so häufig erwähnten „Dreissigern'S so 
ist an dieser Phonetik mapu für 30 nicht zu zweifeln, 
wenn gleich uns hier der Pap. Leyd. I 350 im Stiche lässt 
Aber die Erklärung dieses mapu? Das einzige hier an* 
Uingende kopt Wort ist mpo mutus und man könnte v«^ 
muthen, dass Horapollo I, 28, wo er dgxovia n= frW, o( 
cfiffctv^ i(fT^ XqovQv aQt&fAog schreibt, missverständlidi 
MB «aer älteren Quelle entnommen habe, wo mpo = %qw^ 



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Xatifh: Der ägypi. Ursprung unserer Buchstaben etc, 123 

wccBTijg gestanden. Dadurch wäre aber höcheteHs die 
Laotang mapu bestätigt, nicht das Wort erklärt. Wenn es 
erlaubt ist, das Griechisdie beiznziehen, so dürfte das He* 
siodische /MTtm „taste, berühre^' mit mapu stammyerwa^dt 
sein, und dieses dann die dreimalige Wiederholung der 
beiden Hände, also 3 X 10 um so passender ausdrücken, ate 
die Endung u ohnehin pluralisch ist und der Plural im 
Aegyptischon durch Verdreifachung ausgedrückt wird. Viel- 
leidit hat sich in m^ouosch desiderium, verglichen mit 
auosch^ Toluntas (Wunsch) der alte Stamm mapu als Verbal- 
wurzel noch wirksam erhalten. 

Nun ist es auch gestattet, das bisher unerklärte hme 
s: 40 in Angriff zu nehmen. Im Pap. Leyd. I, 150 ist die 
betreffende Gruppe undeutlich, wenigstens in ihrem Anfange; 
der Schluss wird dardi ein aricheres m gebildet. So viel 
därfte. schon hieraus erhellen, dass das altägyptische Zahl- 
wort ' für 40 dem kopt. hme identisch gewesen. Ich habe 
in einem Denkmal des Pharao Uophra (Otfa^^i^, *JnQ(r)g)^^) 
die Stelle „ar ham renpetu^' getroffen, welche bedeutet „Es 
sind 40 Jahre^^ wenn die Gruppe kam^ determinirt durch 
den Pelikan, mit 40 übersetzt werden darf. Leider ist der 
Text sehr lückenhaft, so dass uns der Zusammenhang und 
der daraus zu entnehmende Beweis entg^t. Was aber 
meine Auffassung empfiehlt, ist der UmstMid, dass der 
Pelikan im Kopt. eben auch Am^.heisst. Die dialektischen 
Varr^ hmS, h^mi, hymS, fähren auf das Verbum hami cal- 
eare, so dass demnach die Zahl vierzig ägyptisch entweder 
von der Wiederholung des Auftretens mit den zehn Zehen der 
Füsse oder zugleich dem Tasten der Hände benannt wäre^*). 



45) Bmgsch Becueil PL 111, lin. 4 von tmten. 

46) H. Pleyte, in der oben citirten Abhandlung, denkt beizaut, 
mapu, hme. an Entstehung aus fremden Sprachen; allein bis jetzt 
zeigen sich diese Zahlwörter sonst nirgends. 



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124 Süstmg der phOoa.-phiM. dam vcm 1. JwU 1867. 

Die Zahlwörter von 50—90 sind Pluralformen der entr 
i^rechenden Einerbenennnngen. Für 60 erscheint statt der 
sechsmaligen Wiederholung des Zehnerzeichens ein Quadrat, 
für 80 die sonst schep gelesene Hieroglyphe. Beide sdieinen 
Bückbildungen aus den hieratischen Zügen zu sein, deren 
Composition aus 6 X 10, 8 X 10 wenigstens wahrschein- 
lidi ist. 

Für 200 bietet der Pap. Leyd. I 350 scheta^ während 
er für 100 schao giebt, gerade wie im Eopt. sehe und schSt 
aufeinander folgen. Wir werden nicht fehlschliessen, wenn 
wir das letztere für den Dtwl des ersteren ansehen. 

Wie sonderbar die Aegypter bisweilen ihre Ziffern 
phonetisch verwendeten, ergiebt sich z.B. aus der Schreib- 
ung des herodotisdien TcotofAipfö. In einer Ptolemaeer-In- 
schrift, die sich auf deii Jmd€xdo%owog bezieht,^^) ist die 
Entfernung von Suen (Syene) bis Takamsu zu 12 or an- 
gegeben. Die letzte Sylbe dieses Namens {su^Cm) ist durdi 
sechsmalige Wiederholung des Zahlzeichens für 100 bezeichnet, 
während das koptische soursche sex-centi bietet. Der ägyp- 
tische Schreiber spielt mit dem Doppelsinne des Zeichens 
der Schlinge, welches als Vocal = u, als Zahlzeichen sehe 
lautet und hundert bedeutet, so dass er su, (OeS) gelesen 
¥rissen wollte, obgleich er su-sche geschrieben hatte. Solche 
Spielereien sind in der jüngeren Epoche nicht selten und 
bisweilen von bedeutendem Werthe für die Ermittlung der 
Phonetik. Aber auch die älteren Texte wimmeln von Wort- 
spielen, sei es zu dichterischen Zwecken, oder dem Hange 
zur Symbolik nachgebend, die in dem ägyptischen Schrift- 
systeme, wie in keinem andern, ihre Blüthen getrieben hat« 



47) Brugsch: Geogr. I, 70 Nr. 356. 



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Bwihner: Minerähoasser au Neumarkt i. d. Oberpfälz. 125 
Mathematisch -physikalische Glasse* 

Sitzung vom 1. Juni 1867. 



Herr Buchner theilt mit: 

,,Neue chemische Untersuchung des Mineral- 
wassers zu Neumarkt in der Oberpfalz^*. 

Das Mineralwasser des eine Viertelstunde von Neumarkt 
in der Oberpfalz entfernt liegenden altbekannten Wildbades 
ist seit mehr als vierzig Jahren kein Gegenstand genauer 
chemischer Beobachtung mehr gewesen. Der verehrte Senior 
der k. Akademie, Hr. A. Vogel der Vater, hat es zuletzt 
im Jahre 1826 untersucht und das Resultat seiner Analyse, 
welche uns zuerst die Natur dieses Wassers genau kennen 
lehrte, in seiner Schrift „Die Mineralquellen des König- 
reichs Bayern. München 1829^' bekannt gemacht. 

Einer an mich im verflossenen Jahre ergangenen Ein- 
ladung, genanntes Wasser einer neuen chemischen Unter- 
suchung zu unterwerfen, habe ich schon desshalb gern 
Folge geleistet, weil, abgesehen von den jetzigen verbesser- 
ten chemisch-analytischen Methoden, welche eine genauere 
qualitative und quantitative' Bestimmung der in einem 
Mineralwasser aufgelösten Stoffe gestatten, gerade die so- 
genannte Trinkquelle, welche ich als die gehaltreichste 
von den dortigen Quellen erkannt habe und welche, lange 
▼erschüttet , erst in neuerer Zeit wieder besonders zur 
Trinkkur benutzbar gemacht wurde, bisher noch keiner ge- 
nauen chemischen Untersuchung unterworfen worden war. 

Es entspringen nämlich mehrere Heilquellen im Nen- 
markter Wildbade. ^ Einige davon , fünf an der Zahl , ver- 
einigen sich am Grunde der im Eurhause unter der Kapelle 
befiBdlichen gezimmerten Brunnstube. Eine andere Quelle, 
die sogenannte Eapuzinerquelle, entspringt in einem 
oberhalb des Bades, am Fusse des sogenannten Weinberges 



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126 SiUfung der math.-phy$. Classe vom 1, Juni 1867. 

befindlichen Felsenkeller und wird ebenfalls in die Brann- 
stube des Kurhauses geleitet und mit den zuerst erwähnten 
Quellen zum Baden verwendet. Wieder eine andere Quelle, 
die Waldquelle, liegt in einem Wäldchen unweit dem 
Bade und wird nur zum Trinken benützt, zu welchem Zwecke 
das Wasser aus einem zdin Fuss tiefen Brunnen, worin 
eigentlich zwei Quellen zusammenfliessen, gepumpt wird. Die 
gehaltreichste Quelle endlich, womit die nachstehende Analyse 
Torgenommen wurde und welche vorzugsweise zum Trinken 
benützt wird, in welcher Hinsicht sie unstreitig den mdstan 
Werth hat, oder richtiger gesagt, der Zusammenfluss von 
drei solchen Quellen in einem 15 Fuss tiefen, auch mit 
einem Pumpwerke versehenen Biiinnen, befindet ^ch in einer 
neben dem Eurhause erbauten bedeckten Bahn. 

Das Wasser der genannten verschiedenen Brunnen zeigt 
bei ungleichem Gehalte an darin aufgelöst^i Stoffen doch 
keine wesentliche qualitative Verschiedenheit. Es gehört zu 
jenen sonderbaren Wassern , welche Eisen und Schwefel- 
wasserstoff zugleich enthalten. Kaum ist das ursprünglich 
klare und farblose, stark nach Schwefelwasserstoff riechende 
Wasser geschöpft und der Luft ausgesetzt, so färbt es sioh 
unter schwadier Trübung grünlich-schwarz, was von der 
Bildung von Schwefeleisen herrührt. Der am Grunde da 
Brunnstube befindliche schwarze Schlamm entwickelt daher 
beim Uebergiessen mit Salzsäure Schwefelwasserstoff, er- 
kennbar sowohl durch den Geruch als auch durch die 
schwarzbraune Färbung eines über die Flüssigkeit gehaltenen 
mit Bleiauflösung befeuchteten Papiers. Bei längerem St^en 
an der Luft verschwindet diese grünlich-schwarze Färbung 
des Wassers und die Wände des Gefasses bedecken sidb mit 
einem bräunlichen ockerigen Absätze nebst zahlreichen Ga»- 
bläsehen. Dies rührt daher, dass das gebildete Sohwefel- 
eisen durch den Sauerstoff der Luft zu schwefelsaurem Eisen- 
ozydul und dieses dann nobh weiter zu basiach-scbwefel- 



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Büchner : MineraUMSser su Neumarht t. d, Oh&rpfdU, 127 

saurem Eisenoxyd oxydirt wird, welches sich nebst dem 
darch Olgrdation des überschüssigen kohlensauren Eisen- 
oxyduls entstehenden Eisenoxydhydrat nach und nach aus- 
scheidet. 

Ich bin überzeugt, dass auf dieser Art der Zersetzung 
zum Theil die schon oft beobachtete wohlthätige stärkende 
Wirkung des Neumarkter Mineralwassers auf den Darm- 
kanal beruht, denn das getrunkene Wasser wird sicberlioh 
im Darmkanal auf gleiche Weise und ebenso rasch, wenn 
nicht rascher zersetzt werden als ausserhalb desselben und 
das hiebei im Zustande feinster Zertheilung sich aassch^- 
dende und wieder oxydirende amorphe Schwefeleisen und 
Eisen oxydhydrat werden, indem sie mit der Schleimhaut des 
Darmkanales in Berührung kommen, auf diese gelind ad- 
stringirend wirken. 

Die Beobachtung der Schwärzung des Neumarkter 
Mineralwassers an der Luft ist schon längst gemacht worden, 
denn schon der dortige Stadtphysikus Dr. Conrad Rumel 
sagt in seiner 1598 auf Befehl eines löblichen Magistrates 
herausgegebenen und 1682 Ton dem Physikus Dr. Scheffler 
neu aufgelegten Beschreibung des neu erbauten mineralischen 
Bades der churfürstlichen Stadt Neuenmarkt in der Obern 
Pfalz, dass das Wasser den Sand, da wo es sich heraus 
begibt, schwarz mache. Allein die richtige Erklärung dieser 
Erscheinung hat erst Herr A. Vogel sen. gegeben; dieser 
Chemiker hat zuerst gefunden, dass der schwarze Nieder- 
schlag, welchen das Wasser nach kurzer Zeit absetzt, sich 
grösstentheils wie Sehwefeleisen verhalt; bei Erwähnung 
dieser Beobachtung in seiner oben erwähnten Schriffc macht 
er darauf aufmerksam, dass ein freiwilliges Niederfallen von 
Sobwefeleisen aus einigen Mineralwassem in Frankreich auch 
sdion von LoBgchamp, Henry und Vauquelin beobachtet 
worden sei. 

Der soeben geschilderten Erscheinung will ich, um din 



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128 Siitmng der matK-phys. Glosse vom 1. Juni 1867. 

weseDtlichen Charakter des Neumarkter Mineralwassers vor- 
läufig weiter za kennzeichnen, sogleich hinzufügen, dass .das- 
selbe ausser Eisen und Schwefelwasserstoff eine ziemlich 
grosse Menge schwefelsaurer Salze, namentlich schwefelsauren 
Kalk, schwefelsaure Magnesia und schwefelsaure Alkalien, 
femer verhältnissmässig viel kohlensauren Ealk nebst etwas 
kohlensaurer Magnesia, die beiden letzteren mit Hülfe freier 
Kohlensäure aufgelöst, enthält. 

Das frisch geschöpfte Wasser von der Trinkquelle hatte 
im April 1866 eine Temperatur Ton nur + 6,4* R. oder 
+ 8^ G. Es schmeckt daher, an der Quelle getrunken, kühl, 
übrigens hepatisch, dann schwach bitterlich-salzig und zu- 
sammenziehend, eisenartig. 

Das specifische Gewicht des Wassers von der Trink- 
quelle wurde als Mittel mehrerer bei einer Temperatur von 
-+• 14 bis 16® R. vorgenommener und sehr genau überein- 
stimmender Versuche = 1,0021 gefunden. Ein Liter dieses 
Wassers wiegt demnach bei mittlerer Temperatur 1002,1 
Grammen. 

Das Wasser von der Waldquelle zeigte ein' spedfisches 
Gewicht von nur 1,00041, woraus sich schon ergiebt, dass 
dasselbe viel ärmer an fixen Stoffen ist als das Wasser von 
der Trinkquelle. 

Eine Auflösung von Gerbsäure erzeugt im frisch ge- 
schöpften Wasser von der Trinkquelle schon im ersten Augen- 
blick eine röthlich-violette Färbung und unmittelbar darauf 
eine geringe Trübung. Später setzt sich in der Flüssigkeit 
ein violett-rother flockiger Niederschlag zu Boden. 

Das Wasser von der Waldquelle (auch Stahlquelle ge- 
nannt) giebt mit Gerbsäure auch eine solche, aber weniger 
intensive Färbung, was beweist, dass dieses Wasser weniger 
Eisen aufgelöst enthält als dasjenige von der Trinkquelle. 

Das Wasser von der Kapuzinerquelle wird durch Gerth 
säure nur sehr sdiwach violett goförbt. 



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Buthner: Minerälwasier m Ntumarkt ü d. Oherpfälz. 129 

Beim Schütteln perlt das Wasser, aber in der Ruhe 
yerschwinden die Perlen sogleich wieder. Beim Erwärmen 
bilden sidi ziemlich viele, an der Wand des Gefässes ad- 
härirende Gasbläschen von Kohlensäure. 

Beim Eindampfen trübt sich das Wasser zuerst schwach 
bräunlich und scheidet Eisenoxydhydrat aus. Hierauf schlägt 
sich unter weiterer Entwickelung von Kohlensäure kohlen- 
saurer Kalk und kohlensaure Magnesia nieder. Der Ver- 
dampfungsrückstand sieht bräunlich-weiss , . krystallinisch aus. 
Beim Glühen schwärzt er sich vorübergehend wegen der 
Zerstörung einer darin befindlichen organischen humusartigen 
Substanz. 

Die einzelnen Bestandthdie , welche bei der näheren 
Untersuchung sowohl des Mineralwassers als auch seines 
Verdampfungsrückstandes aufgefunden werden konnten, sind: 

Basen: Säuren oder diese vertretendeElemente: 



Kali, 


Schwefelwasserstoff, 


Natron, 


Chlor, 


Lithion, 


Sdiwefelsäure, 


Ammoniak, 


Salpetersäure, 


Kalk, 


Phosphoi-säuie, 


Magnesia, 


Kohlensäure, sowohl freie als auch 


Thonerde, 


chemisch gebundene, 


Eisenoxydul, 


Kieselsäure, 


MagaBoxydul. 





organische humusartige Substanz. 

Es War mir daran gelegen, die Frage bestimmt beant- 
worten zu können, ob das Eisen im Mineralwasser zu Neu- 
BiBrkt als schwefelsaures oder als kohlensaures Eisenoxydul 
aufgelöst sei? Aus den geognostischen Veriiältnissen der 
Neomarkter Gegend glaube ich schliessen zu müssen, dass 
das Eisen als schwefelsaures und nicht als kohlensaures Sahs 
[1867.il 1.] . 9 



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130 Sitßung der nuxtK-phys, vom Clasae 1, Juni 1SQ7, 

in das Wasser gelange* Es ist nicht meine Angabe, diese 
Verhältnisse hier näher zu schildern. Der frühere Gewehr- 
fabrikdirektor im Amberg, Herr Oberbergrath J. von Voiti 
hat dieselben klar beschrieben in der 1840 erschienenen vor- 
züglichen Badschrift y,Das Mineralbad zu Neumarkt in 
der Oberpfalz des Königreichs Bayern. Nürnberg, 
J. A. Stein'sche Buchhandlung" des Hm. Dr. J. Bapt. 
Schrauth, welcher sich überhaupt um Neumarkt und dessen 
Mineralbad sehr verdient gemacht hat, und Hr. Gümbel 
hat in neuester Zeit die Neumarkter Qegend ebenfalls zum 
Gegenstand seiner genauen geognostischen Forschungen ge- 
macht. Ich will zum Verständniss der Sache nur erwähnen, 
dass der Thalkessel, in welchem Neumarkt liegt, in die 
liasformation eingesenkt ist und dass dei' 6rand| 
worin die Bildung des Mineralwassers vor sich geht, aus 
mergeligem Kalkstem besteht, welcher ausser Bitumen und 
anderen organischen Ueberresten Schwefelkies in greiser 
Menge beigemengt enthält. Der in dieser Gegend so häufig 
sich findende, leicht verwitternde Schwefelkies muss als der 
Ausgangspunkt der Bildung nicht nur des in Nestern dort 
vorkommenden Gypses und anderer Mineralien, sondern auch 
der wesentlichen Bestandtheile des Mineralwassers angesehen 
werden. Indem er bei seiner Verwitterung in schwefelsaures 
Eisenozydul verwandelt wird, gelangt das Eisen zunächst 
als dieses Salz in das hinzukommende Wasser, um dann 
weiter zersetzt zu werden und andere Zersetzungen zu be- 
wirken. 

Zu diesen Zersetzungen gehört besonders die Umwand- 
lung des schwefelsauren Eisenoxyduls in kohlensaures Salz 
mittels des im Wasser mit Hülfe frder Kohlensäure auf- 
gelösten kohlensauren Kalkes. Dass diese Umwandlung 
erfolgt und dass das Eisen im Neumarkter Mineralwasser 
als kohlensaures und nicht als schwefelsaures vorhanden ist. 



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Budmer: MinerakooBaer eu NeufMrU ». ä. Oherpfabt. 131 

^nbe ich durch folgende Wahrnehmangen aaf das Bestimm« 
teste beweisen zu können: 

Setzt man eine Anflöenng von schwefelsaurem Eisen- 
ozydul der Luft aus, so bleibt die Flüssigkeit ziemlich lange 
klar und ÜEtrblos; erst nach mehreren Stunden färbt sie sich 
schwach bräunlich und trübt sich unter Ausscheidung TOn 
basisch-schwefelsaurem Eisenozyd. Eine Flüssigkeit, welche 
kohlensaures Eisenozydul enthält, trübt sich hingegen an 
der Luft sehr rasch und scheidet gelbbraunes Eisenoxyd- 
hydrat aus. 

Wird eine frisch bereitete Auflösung von schwefelsaurem 
Eisenoxydul mit Gerbsäurelösung vermischt und an die Luft 
gestellt, so ist anfangs gar keine Veränderung sichtbar ; erst 
nach einigen Minuten kommt eine schwache röthlich-violette 
Färbung zum Vorschein, deren Intensität nach und nach in 
dem Masse zunimmt, als die höhere Oxydation der Eisen- 
lösung fortschreitet. Wird aber zu einer Auflösung yon 
kohlensaurem Eisenoxydul Gerbsäure gesetzt, so färbt sich 
die Flüssigkeit so zu sagen augenblicklich violett und die 
Färbung erreicht hier schon nach wenigen Secunden eine 
grössere Intensität als diejenige der Auflösung des schwefel- 
sauren Eisens nach mehreren Minuten. 

Schwefelwasserstofif bringt in einer Auflösung von 
schwefelsaurem Eisenoxydul in reinem Wasser keine Ver- 
änderung hervor, setzt man aber zu einer Auflösung von 
kohlensaurem Eisenoxydul Schwefelwasserstoff -Wasser, so 
färbt und trübt sich die der Luft ausgesetzte Flüssigkeit 
in kürzester Zeit grünschwarz unter Ausscheidung von 
Schwefeleisen. 

Vermischt man eine reine Lösung von schwefelsaurem 
Eisenoxydul mit Brunnenwasser, welches doppeltkohlensauren 
Kalk au^elöst enthält, oder löst man Eisenvitriol in solchem 
Wasser auf, so verhält sich die Flüssigkeit genau so wie 
eine Auflösung von kohlensaurem Eisenoxydul : sie trübt sidi 

9» 



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132 Süsung der matK-phye, Glosse vomJ, Jtmi 1867. 

an der Luft ungemein rasch und scheidet einen ockerigen 
Niederschlag ab ; mit Gerbsäure wird darin sogleich die vio- 
lette Färbung erzeugt und auf Zusatz von Schwefelwasser- 
stoff wird sie unter Bildung von Schwefeleisen schwarz 
gefärbt. 

Aus diesen Reactionen muss also gefolgert werden, dass 
schwefelsaures Eisenoxydul, wenn es mit einem Wasser zu- 
sammenkommt, welches, wie das mit den meisten Quell- 
wassern der Fall ist, doppelt-kohlensauren Kalk in genügen- 
der Menge enthält, nicht unzersetzt vom Wasser gelöst 
wird, dass schwefelsaures Eisenoxydul und kohlensaurer Kalk 
in wässerigen Lösungen nicht neben einander bestehen können, 
sondern sich in äquivalenter Menge in schwefelsauren Kalk 
und kohlensaures Eisenoxydul umsetzen, welches letztere mit 
Hülfe freier Kohlensäure, so lange die Luft abgesdilossen 
ist, gelöst bleibt. 

Das Neumarkter Mineralwasser enthält, wie bereits er- 
wähnt, eine ziemlich grosse Menge kohlensauren Kalkes 
aufgelöst; es zeigt femer ganz entschieden die Reactionen 
des kohlensauren Eisenoxyduls, das Eisen ist mithin als Gar- 
bonat darin vorhanden trotz der nicht besonders grossen 
Menge freier Kohlensäure, welche in diesem Wasser nicht 
mehr oder kaum mehr beträgt als zur Umwandlung der 
darin befindlichen Garbonate in lösliche BicarbcMiate erfor- 
derlich ist 

Dass übrigens nicht aller im Wasser aufgelöste schwefel- 
saore Kalk nebst den übrigen Sulfaten erst im Wasser selbst 
durch die besprochene Umsetzung des schwefelsauren Eisend 
seine Entstehung findet, somlern grösstentheils auf solche 
Weise schon vorher gebildet in das Wasser gelangt, eipbt 
sich aus der grossen Menge dieses und der andern schwefel- 
sauren Salze im Vergleiche zu der verhältnissmässig geringen 
Eisenmenge. Die Bildung der im Wasser aus dem Gesteine 
sich auflösenden schwefelsauren Magnesia ist sicherlich auf 



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Buchner: Mineralwasser gu Neumarkt i, d. OherpfaU. 138 

ähnliche Weise erfolgt wie diejenige des schwefelsauren 
Kalkes, nämlich durch die zersetzende Einwirkung des yer* 
witternden Schwefelkieses resp. des daraus entstandenen 
schwefelsauren Eisens auf die im dolomitischen Kalksteine 
enthaltene kohlensaure Bittererde. 

Was die Bildung des im Neumarkter I^ineralwasser vor- 
handenen Schwefelwasserstoffes betrifft, so unterliegt es kaum 
einem Zweifel, dass dieser aus dem schwefelsauren Kalke entsteht, 
denn es ist bekannt, dass dieses Salz im Wasser unter dem 
Einflüsse ilarin befindlicher und in Verwesung begriffener or- 
ganischer Stoffe (Humusstoffe) neben Bildung von Kohlensäure zu 
Schwefelcalcium reducirt und dass dieses durch die im Wasser 
gelöste Kohlensäure unter Entbindung von Schwefelwasser- 
stoff zersetzt wird. Wäre während der Bildung des Schwefel- 
calciums schon Eisen im Wasser gelöst vorhanden, so müsste 
dieses als Schwefeleisen ganz oder theilweise, je nach der 
Menge desselben, wieder ausgeschieden werden. Aber amor^ 
phes Schwefeleisen wird, wie ich mich iiberzeugt habe, von 
kohlensäurebaltigem Wasser seinerseits wieder zersetzt und 
io kohlensaures Eisenoxydul verwandelt. Trägt man frisch 
präcipitirtes und hinlänglich ausgewaschenes Schwefeleisen 
noch feucht in freie Kohlensäure enthaltendes Wasser ein 
und schüttelt die Mischung in einem verschlossenen Gefässe 
nur kurze Zeit , so wird man in der filtrirten Flüssigkeit 
kohlensaures Eisen oxydul in mehr oder minder grosser Menge, 
je nadi der Quantität der vorhandenen Kohlensäure, auf- 
gelöst finden. 

Aus der Tbatsache, dass Schwefelcalcium oder Calcium- 
sulfhjdrat und ein Eisensalz nicht unzersetzt neben einander 
bestehen können, ergibt sich schon, dass der im Neumarkter 
Mineralwasser enthaltene Schwefelwasserstoff nicht im ge- 
bundenen, sondern nur im freien Zustande vorhanden ist« 
Diess muss auch daraus geschlossen werden, dass man aus 
diesem Wasser allen Schwefelwasserstoff austreiben kann, 



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184 Sibmng der math-phys, CUuse wm U Jum 1867. 

wenn man hinlänglich lange Wasserstofi^as hindurch Idtet, 
und da88 Ifitroprussidnatrium nicht die geringste blaue Fär- 
bung darin bewirkt. 

Frühere Beobachtungen sprechen dafür, dass eisenhaltiges 
und schwefelwasserstofiEhaltiges Wasser am genannten Wild- 
bade gesondert entstehen und sich erst in der Brunnstube 
oder im Brunnenschachte vereinigen. So sollen eine eisen- 
haltige Quelle von Süden und zwei schwefelhaltige von 
Nordost her aus den Seitenwänden der Brunnstube zum 
Vorschein kommen und sich in dieser mit zwei anderen, auf 
dem Qrunde entspringenden eisenhaltigen vermischen. 

Nach der im Vorhergehenden gemachten Beschreibung 
des Neumarkter Mineralwassers ist es kaum mehr nöthig zu 
erwähnen, dass, nachdem während des Eindampf ens dieses 
Wassers Eisenoxyd, kohlensaurer Kalk und kohlensaure Ma- 
gnesia nebst geringen Mengen von Thonerde und Kieselsaure 
und Spuren von Mangan und Phosphorsäure unter Entwiche- 
lung von Kohlensäure niedergefallen sind, sich bei weiterem 
Verdampfen Kryställchen von Gyps und darauf schöne Pris- 
men von Bittersalz auscheiden, während die übrigen schwefel- 
sauren Salze nebst einer sehr geringen Menge Ghlomatriums 
und Spuren eines salpetersauren Salzes in der Mutterlauge 
bleiben, welche durch einen humusartigen Bestandthdl 
gelblich gefärbt ist. Letzterer wird auch von kochendem 
Weingeist au|g;elöst. 

Die quantitative Bestimmung der in diesem Mineral- 
wasser in wägbarer Menge vorhandenen Stoffe wurde 
nach bekannten bewährten analytischen Methoden vorge- 
nommen. 

100 C. G. Wtoser von der Trinkquelle hinterliessen beim 
Eindampfen als Mittel mehrerer Bestimmungen 0,2410 6rm. 
scharf ausgetrockneten und 0,2226 Grm. schwach geglühte 
Rückstandes. 

100 CG. Wasser von der Waldquelle gaben aber nur 



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Büchner: Mmerdkoasser eu Neumarkt i, d. Oberpfdle, 135 

0,040 Ghm. angeglühten nnd 0,039 Grm. schwach geglühten 
BSckstaades. 

Die Menge des Schwefelwasserstoffes wurde mittelst 
einer wässerigen Jodlösung, die in einem Liter 1,27 Grm. 
(= 0,01 Mg.) Jod enthielt, bestimmt. Hiebei ergab sich, 
das8 das Wasser von der Trinkquelle nahezu 22 Mal mehr 
Sdiwefelwasserstoff enthält als das Wasser von den Quellen 
in der Brunnstube und fast 26 Mal mehr als dasjem'ge' von 
der Eapuzinerquelle. Am ärmsten an Schwefelwasserstoff ist 
das Wasser von der Waldguelle. 

Die Quantität der im Wasser der Trinkquelle vorhan- 
denen freien Kohlensäm-e wurde nach der nun hinlänglich 
bekannten vortreffUchen Methode v. Pettenkofer^s ^) fest- 
gestellt, nur wurde das Mineralwasser wegen etwa vorhan- 
dener grösserer Eohlensäuremenge mit mehr Ealkwasser und 
wegen der ziemlich grossen Menge Magnesia mit etwas mehr 
Salmiaklösung^ vermischt, als v. Pettenkofer für die Bestim- 
mung der freien Kohlensäure im gewöhnlichen Trinkwasser 
nehmen lässt. 

In 100 G.G. frischen Wassers wurde 0,0182 und in der 
gleichen Menge Wasser nach mehrwöchentlichem Stehen in 
einer verkorkten Flasche 0,0166 Grm., mithin für 1 Liter 
0,182 nnd 0,166 Grm. freier Kohlensäure gefunden. Da 
nun die in einem Liter gefundene Menge der an Kalk, Ma- 
gnesia und Eisenoxydul gebundenen Kohlensäure 0, 16888 Grm. 
4>eträgt, so ergibt sich, dass dieses Mineralwasser kaum mehr 
fireie Kohlensäure enthält als nothwendig ist, um diese kohlen- 
sauren Salze als Bicarbonate aufgelöst zu halten. 

Die Menge der in diesem Wasser vorhandenen orga- 
nischen Substanz konnte nur auf approximative Weise 
geschätzt werden. Ich nehme nämlich an, dass der gelind 



1) S. Sitznngsbericbte 1860. Heft TU, S. 389, 



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136 



SiiBung der wuttK-phya, CUuse vom 1. Jmi 1867. 



geglühte VerdapapfuiigBrückstand des Wassers bestehe aas 
dem bei 180^ G. ausgetrockneten VerdampfungbruGkstande 
minus der Kohlensäure der kohlensauren Magnesia, dem 
Hydratwasser des im Rückstande befindlichen Eis^ozydes 
und der Thonerde, dem schwefelsauren Ammonozyde, wel- 
ches sich indessen schon während des Eindampfens in 
flüchtiges kohlensaures Ammon umsetzt, und der organisdieB 
Substanz. Die Menge der letzteren ergiebt sich mithin an- 
nähernd genau aus der Differenz zwischen der Menge des 
ungeglühten und derjenigen des geglühten Rückstandes, zu 
welcher man die Grössen der oben erwähnten Stoffe mit 
Ausnahme der noch zu suchenden für die organische Sub- 
stanz addirt hat. 



Zusammenstellung des Resultates der chemischen 
Analyse des Wassers von der Trinkquelle. 

Die folgende Zusammenstellung enthält die Menge der 
in 1 Liter (= 1002,1 Grammen) des Wassers von der 
Trinkquelle aufgefundenen wägbaren Stoffe in Grammen aas- 
gedrückt. 

Es wurden gefunden: 
SchwefelwassOTstoff . . . 0,00500 Grm. 



Chlor 

Schwefelsäure 
Kohlensäure, freie 

„ gebundene 

Kieselsäure 
Thonerde . 
Eisenoxydul 
Kalk 



Kali . 
Natron 



0,00765 
1,11468 
0,18200 
0,16888 
0,00118 
0,00104 
0,00953 
0,54474 
0,30190 
0,01860 
0,01496 



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Buelmer: Minerähoomr su Newm^kt i. d. Oberpftde. 137 

Ammottoxyd . . . 0,00175 Gnu. 

Organische bumusartige Substanz 0,15638 „ 

In unwägbarer oder nicht genau wägbarer Menge wurden 
gefunden : 

Salpetersäure, 
Phosphorsäure, 
Manganoxjdul, 
Lithion.*) 

Folgende Tabelle gibt die in diesem Wasser enthaltenen 
Bestandtheile , die Basen und Säuren zu Salzen verbunden, 
sowie deren Menge sowohl in 1 Liter in Grammen als auch 
in 1 Pflmde zu 16 Unzen (= 7680 Granen) in Granen 
berechnet an. Bei der geringen Di£ferenz zwischen dem 
spea Gewichte von reinem Wasser und demjenigen des 
untersuchten Mineralwassers kann man, ohne einen erheb- 
lichen Fdiler zu begehen, die in 1 Liter enthaltene Menge 
der ein2;eluen Bestandtheile auch für 1000 Grammen Wassers 
gelten lassen. 

Es sind enthalten: 

In 1 Liter: In lPfd.=7680Grn. 

A. Gasförmige Bestandtheile: 

Schwefelwasserstoff . 0,00500 Grm. 0,03832 Gran 

= 3,38 CG. = 0,llCubik2oll 
Freie Kohlensäure 0,18200 „ 1,39483 Gran 

= 95,03 C. C. = 3,04Cubikz.») 



2) Es brauRlt kaum erwähnt zu werden, dass das zur quantiUr- 
tiren Bestimmung des Kalis hergestellte Ealinmplatinohlorid besonders 
anoh auf Caesinm nnd Rubidiom mittelst der Spectralanalyse und dass 
der eisenhaltige Schlamm ans dem Brunnen auf Arsenik untersucht 
wnrde. Aber es war nic^ möglich, Spuren dieser Stoffe deutlich zu 
erkennen. 

8) Die oben angegebenen Zahlen f&r das Yolumen des Schwefel- 
wasserstoff« nnd kohlensauren Qases sind berechnet für die Qnellen- 
tetadperatnr (=+8**C.) und 700"» Barometerstand. 



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138 



Sitmng der math.-phys. (3<me vom 1. Jvmi 1897. 



InlLiter: IiilPfd.=76806m. 



0,01261 Grm. 0,09664 Gran 



0,01896 


» 


0,14531' „ 


0,03439 


1) 


0,26356 „ 


0,00444 


>» 


0,03403 „ 


0,88944 


H 


6,81658 „ 


0,84348 


9) 


6,46435 „ 


0,01535 


» 


0,11764 „ 


0,31875 


». 


2,44287 „ 


0,04355 


» 


0,33376 „ 


0,00104 


n 


0,00797 „ 


0,00118 


Ji 


0,00904 „ 


0,15638 


>» 


1,19848 „ 



B. Fixe Bestandtheile: 

a. In wägbarer Menge: 

Chlomatriam 

Schwefelsaures Natron . 

Schwefelsaares Kali 

Schwefelsaures Ammonoxyd • 

Schwefelsaurer Kalk 

Schwefelsaure Magnesia 

Kohlensaures Eisenoxydul 

Kohlensaurer Kalk 

Kohlensaure Magnesia . 

Thonerde .... 

Kieselsäure .... 

Organische humusartige Sub- 
stanz .... 

Summe der wägbaren fixen 
Bestandtheile . . . 2,33957 Grm. 17,93023 Gran. 

b. In unwägbarer oder nicht genau wägbarer Menge: 

Schwefelsaures Lithion, 

Salpetersaures Kali, 

Phosphorsaurer Kalk, 

Kohlensaures Manganoxydul. 
Das untersuchte Mineralwasser muss demnach zu den 
schwefelwasserstofiFbaltigen Eisenwassem mit schwefelsauren 
und kohlensauren Salzen, worunter die schwefelsaure Magnesia, 
der schwefelsaure und kohlensaure Kalk vorherrschen, gezählt 
werden. Die darin vorhandene Menge kohlensauren Eisea- 
oxyduls, in einem Pfunde nicht viel über V^o Gran betragend, 
ist zwar nicht so gross als in manchen anderen Eisenwassem, 
aber immerhin gross genug, um, wie die Erfahrung hinläng- 
lich gelehrt hat, bei gehörigem Gebrauche des Wasser» eine 
heilkräftige Wirkung in mehreren Krankheiten auszaüboi. 



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BüM: Bildung von EUerkörpern. 139 



Herr Buhl macht Mittheilong: 

1) „Ucber die Bildung von Eiterkörpern in 
Gefässepitbelien/* 

Vor Kurzem wurde mii* ein Stück Leber von einer an 
Pylephlebitis verstorbenen Person zur Ansicht überbracht. 
Leider kann ich über den Fall weiter nichts mittheilen, als 
eben das Resultat der mikroskopischen Untersuchung, welche 
ich an dem Leberstücke ausführte. 

Das Lebergefüge war brüchiger als gewöhnlich, gelblich 
tingirt, wie bei akuter Atrophie und die sämmtlich darin 
▼erlaufenden Pfortadergeiasse mit dickflüssigem Eiter gefüllt. 
Thrombose oder überhaupt Gerinsel fanden sich nicht. 
Gallengänge, Arterien und Venen waren ohne erwähnens- 
werthe Veränderung. Die Leber entsprach auch mikrosko- 
pisch einer in akuter Atrophie b^riffenen, denn ihre Zell^ 
waren reichlich mit gallegefärbten Fettkömchen gefüllt, klein, 
dem Zerfalle nahe oder wirklich zerfallen; aus letzterem 
Umstände dürfte sich die Anwesenheit einer grossen Menge 
freier Fettmoleküle erklären. Zvvischen diesen fanden sich 
auch kuglige cytoide Körper von der Beschaffenheit der 
Lymph- oder farblosen Blutkörper oder wenn man will der 
Eiterkörper. Denn der Inhalt der Pfortaderäste würde von 
Niemanden für etwas anderes, als für Eiter ausgegeben 
worden sein und so mögen die cytoiden Körperchen in der 
Lebersubstanz — obgleich sich solche nach meinen Erfahr- 
ungen bei jeder akuten Atrophie finden — denn auch für 
Eiterkörper genommen werden. 

Der Eiter der Pfortaderäste enthielt ausser den 
Eiterkörpem, d. h. ausser cytoiden kughgen Körpern von 
der Grösse der Eiterkörper mit einem durch Essigsäure 



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140 Sitsung der math.-phys. Classe vom 1 Juni 1867, 

deutlich hervortretenden Inhalt von 1 — 3 Kernen, mit Fett- * 
kömchen im Protoplasma, auch noch andere relativ grosse 
Körper, nämlich Zellen von Spindelform mit ungewöhnlichem 
Breite-Durchmesser, gewöhnlich in starker Fettdegeneration, 
die keine anderen sein konnten und waren — wie unmittel- 
bares Abkratzen von der Innenwand des Gefässes erwies — 
als Epithelzellen^ der Pfortader. Weniger aber durch die 
Fettdegeneration war das dickbäuchige Ansehen hervor- 
gebracht, als vielmehr durch Eiterkörper, welche zu 1—5 
und mehr innerhalb derselben beherbergt waren. Da die 
Eiterkörper mit den Fettkömern der Zellen umhüllt waren, 
so fiel der eigenthümliche Inhalt zunächst in solchen auf, 
wo die Fettdegeneration unbedeutend war. Hier liess sidi 
auch hie und da bei guter Lagerung der Zellenkem er- 
kennen. Es war somit kein Zweifel, dass eine endogene 
freie Bildung von Eiterkörpern in Epithelien vorlag. 

Die Sache hat ein mehrfaches Interesse. Sie ist nicht 
bloss ein neuer Beleg für die Wahrheit des angegebenen 
Modus der Entstehung der Eiterkörper in Epithelzellen 
überhaupt, sondern bekömmt, wie ich zu zeigen versuchen 
will, Bedeutung für die Vorgänge im Innern der Gefasse 
uüd namentlich auf deren abnormen Inhalt. 

Glaubt man den Eiter von Blut und Lymphe wohl 
trennen zu können, weniger durch den Mangel an gefärbten 
Körpern, die zufällig auch dem Eiter beigemischt, weniger 
durch die absolute Menge der weissen Körper, die ja zu- 
sammengedrängt sein können, und weniger auch durch den 
Mangel an gerinnbarem Stoff, der im Blute fehlen könne, 
und endlich weniger durch das emulsive, rahmige, gelblich- 
weisse Ansehen, ein Produkt der rasch sich geltend machen- 
den Fettdegeneration der Körperchen, die in Thromben auch 
beobachtet wird: so war man doch nur dann sicher über- 
zeugt davon, dass «ine fragliche Flüssigkeit Eiter sei und 
nichts anderes sein könne, wenn dieselbe ausserhalb der 



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BuM: Bildung von Eüerkörpem, 141 

Gefasse gelegen war. 'Innerhalb der geschlossenen Blutbahn 
gestaltet sich die Sache im entgegengesetzten Sinne. Denn 
da man keine mikroskopischen Unterscheidungsmerkmale 
zwischen Eiterkörpem und farblosen Blut- oder Lyniph- 
körpem wusste, so durfte hier auch die eiterähnlichste 
Flüssigkeit fiir keinen Eiter angesehen werden; denn hier 
waren es die £EU*blosen Blutkörper, die sich massenhaft zu- 
sammen- und die gefärbten verdrängt hatten, hier war der 
sie zusammenhaltende Faserstoff durch Fettdogeneration zer- 
fallen, welche letztere Degeneration auch dem Ganzen ein 
emulsives milchiges Ansehen, selbst die gleiche. Farbe gab. 
Innerhalb der Blutbahn war also die bezeichnete Flüssigkeit 
immer nur verändertes Blut, ausserhalb der Blutbahn war 
sie immer Eiter. 

Die Anschauung war neu und bequem, ob aber richtig, 
ist eine andere Frage. Immer taucht einerseits auch. — 
' doch ohne besonderen Anklang zu finden — der Gedanke 
wieder auf, die Eiterkörper ausserhalb der Blutbahn nicht 
nur ihrer mikroskopischen Identität, sondern auch wegen 
ihrer Entstehung und ihres Sitzes eigentlich für Lymph- 
körper anzusehen, obgleich man nicht nur den Entstehungs- 
modus, sondern auch den Entstehungssitz der Lymphkörper 
viel weniger kennt, als den der Eiterkörper. Und immer 
behauptet man andrerseits „unter gewissen Umständen*' 
wieder, es sei Eiter in den Gefässen und nicht Blut, wenn 
man sich auch keine Rechenschaft darüber geben konnte, 
wie denn der Eiter darin entstehe. Gerade die Entzündung 
und damit bezeichnet man ja den Process, unter dessen 
Wirksamkeit Eiter erscheint, gerade die Entzündung der 
Gefasswand, deren gefässhaltige bei der Entzündung beson- 
ders bethätigte Schichte nach aussen liegt und deren Höhle 
nach innen durch eine feste Epithelschichte geschützt sei, 
war ein Hinderniss, die Entstehung d^ Eiterkörper inner- 
halb der Blutbahn zuzulassen. 



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142 SiUung der maih.-pkys. Glosse f>om 1, Juni 1867, 

Durch meine oben mitgetheilte Beobachtung ist man 
jedoch gezwungen, die Funktion des Gefassepithels nicht 
nur als schützende Decke zu betrachten, die bloss durdi 
Imbibition, sei es vom Blute, das in der Gefassröhre strömt, 
sei es vom Blute in der Adventitia der Gefässwand, nur nutritiv 
erhalten wird, sondern das Epithel tritt, wie das Epithel 
überall im Körper, auch hier bildend, producirend auf, seine 
Zellen sind fähig durch einen im osmotisch angenommenen 
Safte enthaltenen Reiz ihre lebendige Thätigkeit zu entfalte 
und zur Bildung neuer zelliger Körper zu verwenden. Diese 
Körper sind im gegebenen Falle Eiterkörper; allein einmal 
eine bildende Thätigkeit in ihnen thatsächlich erwiesen, so 
ist damit der Anstoss gegeben, in allen Vorgängen inner- 
halb des Gefässrohres nach der aktiven Theilnahme der 
Gefässepithelien zu fragen. 

Ausser dem pathologischen Interesse tritt uns auch ein 
physiologisches vor Augen; denn im gesunden Zustande 
giebt es schon Körperchen im Blute, welche histologisdi 
von sämmtlichen Forschem mit den Eiterkörpem identifizirt 
werden und desshalb histogenetisch auf den gleichen Ursprung 
denken lassen. Manche Autoren haben auch wirklich den 
Gefässepithelien. insonderheit der Milz, die Bestimmung zu- 
erkannt, die farblosep Blutkörper zu erzeugen. Analoga 
dürfte vom Epithel der Lymphgefässe in Bezug auf die Ent- 
wicklungsstätte der Lymphkörper gesagt werden. Die Schwank- 
ungen in der Menge dieser Körperchen und noch im Be- 
reiche des Normalen (im nüchternen Zustande und in der 
Verdauungszeit) dürften auf vorübergehende normale Reize 
bezogen werden. Vielleicht giebt die Untersuchung eines 
Falles von Leukaemie die nöthigen Anhaltspunkte, ob nicht 
die absolute, krankhafte Vermehrung derselben wirklich von 
abnorm gesteigerter Bildungsthätigkeit der Gefässepithelien 
herrührt, die hier in Bezug auf die Milz, Leber, die Lymph- 



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Buhl: Büdmg von Eiterkörpem. 143 

drttsen nichts andei'es als die Mittheilnahme der gesteigerten 
Bildongsthätigkeit im ganzen Organe ausdrücken würde. 

Die Pfortader und ihre Aeste, von welchen obige Be- 
obachtang stammt, gehören zum Venensysteme. Eiter findet 
ffldi fast nie in Arterien. Man dürfte daher schliessen, 
dass die Eigenschaft, farblose Blut- und Eiter- 
körper zu erzeugen, fast ausschliesslich dem Venen- 
und dem Lymphgefässepithel, nicht aber , dem Arterien- 
epithele zukomme. 

Der Zweifel, ob man gegebenen Falles Eiterkörper 
oder angehäufte Lymph- oder farblose Blutkörper vor sidi 
habe, könnte somit gehoben werden, wenn man sich zu der 
Anschauung bequemen wollte, dass die Bildung sämmtlicher 
genannter Eörperchen ausser- wie innerhalb der Blutbahn 
auf gleichen Bedingungen beruht. Bei übermässiger Ver- 
mehrung wird da, wie dort die sie enthaltende Flüssigkeit 
Eiter .zu nennen sein, d.h. es giebt zwischen Eiter- 
körpern und farblosen Blut- oder Lymphkörpern 
(auch Schleim*, Speichelkörper etc. gehören hieher) keinen 
anderen und keinen schärfer zu begrenzenden Unter- 
schied als einen quantitativen; ursprünglich sind die 
Eörperchen qualitativ identisch, weichen aber durch die 
Menge, in der sie vorhanden sind un(| dadurch in ihren 
weiteren Schicksalen von einander ab. 

Die gesicherte Thatsadie, dass innerhalb der Adventitia 
der Gefässe, wie im übrigen Bind^ewebe des Körpers, sich 
auch Eiter bilden könne $ wird damit weder bestritten noch 
beeinträchtigt. Gleichwohl ist in Acht zu nehmen, dass im 
Bindegewebe Venen und Lymphgefässe verlaufen. Es käme 
in Frage, ob ausser der Milz und anderen blutbereitenden 
Oi^^en, nicht jedes Organ und Gewebe durch den Besitz 
an Venen und Lymphgefässen geeignet wäre, farblose Blutr 
köxper zu erzeugen und kann man meines Erachtens darüber 
tttcbt absprechen, ob bei eiterndem Bindegewebe nicht ein 



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144 SiUung der math.'jplhys, Clane wm X, J^tn 1867. 

Theil des Eiters im Epithel der Venen nud Lymphgefisee 
gebildet wwde. 

Im normalen Zustande mag allerdings die Bildnog d^ 
farblosen Blutkörper auf kleine bestimmte venöse Gapillar* 
bezirke (auf die Milz z. B.) beschränkt sein; unter patfao* 
logischen Verhältnissen aber kann die gleiche Thäti^eit 
in yielen Punkten des Körpers erweckt werden und vom 
capillaren Lymphgefass- und Ven^systeme aus sich fiber 
die Lymphgefässe selbst und die grösseren Venenäste aus- 
dehnen. Die fortgesetzte Phlebitis und Lymphangitis ond 
die damit Hand in Hand gehende Thrombose sowohl wie 
die Pyaemie und ihre multiplen Herde würden einer sftdi- 
gemässen Erklärung zugängig werden. 



2) „Notiz über primäre ästige Osteome der 
Lunge^^ 

Kalkige, eine Knochenstruktur nicht besitzende Qebilde 
der Lunge sind häufig zu sehen; wirkliche Knochen in 
diesem Organe immer eine Seltenheit. Letztere kommen 
in der Regel nur sekundär vor; es sind bald Narben, welche 
nachträglidi verknöchem, bald sind es yon einem Körper- 
theile aus in die Lunge transportirte, mit Knoohengaüste 
y ersehene Neubildungen (sogenannte Osteoide), nämlidi 
Krebse, Enchondrome, Fibrosarkome. Die grösste Seltenheit 
jedoch sind primäre Knochenbildungen im Lungengewebe. 

Von den 2 Formen, der ästigen und knotigen, hatte 
ich jüngst bei einem 58jährigen Manne, der an croupöser 
Pneumonie starb, Gelegenheit, die erstere zu beobaditeo 
und will ich sofort den Befund der verehrten Glasse mit- 
theilen. 

Verästigte Knochenbildungen in der Lufige wurden Wohl 
von Lmchka (Virchow's Ardiiy 10 Bd. p. 500) zuenft g4- 



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Bühl: Primäre äsHge Ost&me ^ Lunge. 145 

Buer' beeohrieb^ wenn» aie attdh scboa: Anderen vor ihm 
Mcuni waren. Ich kann seiner getreuen Beschreibung 
kauiD etwas' beifügen. Bei meinem Falle wären es indess 
nicht die Dntarlappen der Lungen (Rokitansky, Virchow, 
Förster geben als stetigen ^itz den Unterlappen an), in 
welchem beim Befühlen die spitzigen Knochenäste sich be- 
merklich maditea , sondern einzig und allein der rechte 
Oberlappen, dessen Pleuraüberzng glatt, glänzend, nur unbe- 
deutend verwachsen war. Das ödematöse Lungengewebe 
coUabirte beim Einschneiden schwer, war etwas dichter, 
pigmentreich, seine Bläschen ungleich erweitert, die Bron- 
chien mit starkem Catarrh versehen. Von den anderen Or- 
ganen ist nichts Erhebliches mitzutheilen ; das Herz war 
etwas fettig degenerirt, der Magen in seinem Pförtnertheile 
hypertropisch (etat mammelonne), der Bauchfellüberzug von 
Leber und Milz verdickt. Der grösste Theil der ästigen 
Lungenknochen wurde herausgeschnitten und der Maceration . 
unterworfen und erhielt ich auf diese Weise eine ziemliche 
Anzahl grösserer und kleinerer Präparate. Die kleineren 
hatten oft nur 2—- 3 spitze gerade Ausläufer der Aeste, 
andere verliefen gebogen; wieder andere endigten anstatt 
spitz in ein granulöses, blumenkohlähnliches Kölbchen. Die 
grösseren bildeten geschlossene, einfache und mehrfache 
Bogen und verzogene Kreise grösseren oder kleineren Durch- 
messers. Die Hauptbalken massen dabei 2 — 5 m/m im 
Durchmesser. Luschka hat schon jene blumenkohl-ähnlichen 
Kölbchen mit den Lungenbläschen, die Kreise und Bogen 
mit den Alveolarwänden verglichen — in der That dieser 
Vergleich triflft zu. 

Unter den verschiedenen Methoden, welche behuft einer 
mikroskopischen Untersuchung angewandt wurden , erwiesen 
sich die wenn auch schwierig auszuführenden Schliffe am 
besten. Man sieht die schönsten Knochenkörperchen, lamel- 
löse Anordnung derselben, meist der Länge nach, seltner 
[1867. ILl.] 10 



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146 SiUung der math^-phys. dasse vom 1, Jtmi 1867. 

concentrisch mn einen obliterirten oder offenmi Haaen'sdieil 
Kanal hernm. An die Hohlwand des letzteren war meiat 
eine ziemliche Menge schwarzen Pigments eingelagert Audi 
die Yon Loschka mit dem Himsande vei^lichenen EaDdramer 
(mikroskopisch durchsichtige glänzende Ringe mit dunklen 
körnigem Inhalte) fanden sich ; sie lehnten sich' unmittelbar 
an die Enochenbälkchen an. Auf sie erst folgten die Weidi« 
theile, d. h. farblose oder pigmentreiche Bindegewebzüge. 

Wie Luschka, Förster etc., bin auch ich der Meinung, 
dass die beschriebenen Osteome ursprünglich auf einer Ver- 
knöcherung des interstitiellen Bindegewebes, der Alyeol^i- 
und Bronchuolenwände beruhen und von den etwas grosser^i 
Gefässzweigen ausgehen. Doch bleibt die Bildung nidit 
dabei stehen ; denn anstatt der r^elmässigen, nur zu Enodien 
umgewandelten Zeichnung jener Theile sieht man vielmehr 
die grösste Unregelmässi^eit und insbesondere mikros- 
kopische epostosenähnliche Verdickungen ; auch in den durcli 
die Enochenkörperchen augedeuteten Lagerungen und Zügen 
wird es deutlich, dass eine wirkliche Enochenneubild- 
ung vorliegt. Wie die Hirnsand-ähnlichen Bildungen zu er- 
klaren sind, möchte ich nicht wagen zu entscheiden. 



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OümM: Vorhmmen von Phosphorsäure, 14*/ 



Herr Oümbel gibt: 

f^WeitereMittheilangeh über das Vorkommen 
Yon Phosphorsäure in d^ Schichtgesteinen 
Bayern's/* 

In einer früheren Mittheilung (Sitzungsber. d. k. Akade- 
mie d. Wiss. in München 1864 Bd. ü. S. 325) wurde von 
mir zuerst auf den hohen Phosphorsäuregehalt gewisser 
knolliger Concretionen in verschiedenen jurassischen 
Sdiichten der fränkischen Alb aufmerksam gemacht und 
nachzuweisen versucht, dass diese Eigenthümlichkeit sich 
nicht nur innerhalb eines sehr mächtigen Schichtencomplexes 
vielfach wiederholt, sondern auch über sehr ausgedehnte 
Länderstrecken verbreitet zeigt. Die Eenntniss dieses Vor- 
kommens hat sich inzwischen beträchtlich erweitert und wir 
wissen nun, dass ein mehr oder weniger hoher Gehalt an 
Phosphorsäure — namentlich an Kalkerde gebunden — 
abgesehen von der Knochen-reichen Bonebedlage der rhätischen 
Stufe der Trias bereits in den Knollen der Augulatus-Schichten 
des untersten Lias beginnt, durch die verschiedenen Stufen 
des unteren und mittleren Lias fortdauert, in den Knollen 
der Mergel mit Ammonites margaritcUus sehr reichlich an- 
gehäuft vorkommt, dann fast in gleicher Menge in den 
obersten Uasschichten mit Ätnmonites radians wiederkehrt 
and ganz insbesonders die Concretionen innerhalb der sog. 
Omatenthone ausgezeichnet. Dergleichen Knollen finden sich 
nach meinen Beobachtungen während der vorjährigen Qe- 
birgsuntersuchung überall im fränkischen Jura; wo die ent- 
sprechenden Mergellagen zu Tag ausgehen. Sie haben aber 
nicht bloss eine ganz allgemeine Verbreitung in unserm 
Frankenjura, sondern lassen sich in ganz gleicher Weise 

10* 



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148 ' Sitzung der fna^.-phy8. Glosse vom 1. Juni 1867. 

auch in den jurassischen Ablagerungen von Württemb^, 
Baden, im AUgäuer Jura, femer bei Braunschweig, im 
Wesergebirge, auf beiden Seiten des Teutoburger Waldes, 
endlich auch in den ausgedehnten Zügen der Juraformation 
Frankreichs und Englands nachweisen. Dadurch, dass sie in 
den etwa der Stufe mit Ammoniies macrocephdlas entspre- 
chenden Ablagerungen des Himalaya-Gebirgs, von woher sie 
die Hm. Gebrüder v. Schlagintweit brachten, gleichfalls 
reich an Phosphorsäure vorkommen, scheint die Annahme, 
dasB derartige Phosphorsäure-reiche Enollenausscheidungen 
den jurassischen Ablagerungen in allen ihren Verbreitungs* 
gebieten dgenthümlidi ist, eine wichtige Unterstützung zu 
gewinnen. 

Die Häufigkeit und allgemeine Verbreitung dieser Phos- 
phorsäure-haltigen Knollen legen uns zunächst die Frage 
nahe, ob man dieselben nicht mit Vortheil für Agrioultar- 
zwecke verwenden könne. Bei Beantwortung dieser Frage 
dürfen hauptsächlich zwei Punkte, welche von entscheidendem 
Einflüsse sind, ins Auge zu fassen sein: 

1) ob diese Phosphorsäure hauptsächlich als phosf^or- 
sauren Kalk (3 GaO, PO^) enthaltenden thonigen und zugleich 
auch an kohlensauren Kalk-reichen Knollen — die thonigen 
Phosphorite — für die Landwirthschaft nutzbar und mit 
Vortheil verwendet werden können, ohne erst den phoa- 
phorsauren Kalk vor seiner Verwendung in Saper- 
phosphat zu verwandeln und 

2) ob diese thonigen Phosphorite sich in der Natur 
in zureichender Menge und in einer Weise gelagert vor- 
finden, dass ihre Gewinnung eine andauernde, massaihafte 
und wohlfeile — d. i. eine ökonomisch lohnende sein kann. 

Bezüglich des ersten Punktes ist zu bemerken, dass 
bekanntUch der basische phosphorsaure Kalk, wie er in 
der Natur vorkommt, um grössere Löslichkeit zu erzielen, fwc 



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Qümbel: Vorhmmen von Phosphanäure. 149 

die Zwecke der Landwirthsohaft, vor seiner Verwendong erst 
in Superphosphat verwandelt wird. 

Bei unserem thonigen Phosphorit ist dieses Verfahren 
ökonomisch unstatthaft. Denn da derselbe neben phosphor- 
saurem Kalk zugleich auch kohlensauren Kalk in beträchtlicher 
Menge ^enthält, so würde die zur Herstellung des Super- 
phosphats verwendete Schwefelsäure zuerst den kohlen- 
sauren Kalk angreifen und in Gyps verwandeln , der auf 
diese Weise erzengt, viel zu theuer wäre. Die darauf ver- 
wendete Schwefelsäure wäre gleichsam verloren und bei dem 
hohen Preis der Schwefelsäure würde das weiter erzeugte 
Superphosphat kaum ein entsprechendes Werthäquivalent 
geben. Es sind mir zwar keine direkten Versuche hierüber 
bekannt , indess scheint diess schon von vorneher mehr als 
wahrscheinlich. 

Die rentable Verwendung der Knollen des thonig-kalkigen 
Phosphorites für Agrikulturzwecke dürfte demnach davon ab- 
hängig sein'y ob das bezeichnete Phosphorsäure - haltige 
Gestein an sich schon, ohne vorher mit Schwefelsäure be- 
handelt worden zu sein, entweder einfach zu feinem Pulver 
gepocht, oder erst gebrannt und dann gepulvert und der 
Adcerkrume beigemengt, einen dem Aufwand für Herstellung 
dieses künstlichenf Düngermittels entsprechenden günstigen 
Einfluss auf die Vegetation auszuüben im Stande sei oder 
nicht. Versuche, welche man mit dem Phosphorit (nicht Su- 
perphosphat) angestellt hat, sprechen für einen sehr geringen 
und sehr langsamen Einfluss. Vielleicht würden grössere 
Quantitäten aus möglichst feinem Pulver günstiger wirken. 
Audi durfte der Gehalt an Thon und kohlensaurem Kalk 
unseres Knollenphospborits güostig auf seine raschere Zer- 
setzung einwirken. Das Brennen und nachherige Zerkleinern 
möchte ganz insbesonders ins Auge zu fassen sein, weil durch 
das ]foennen der kohlensaure Kalk kaustisch und die ganze 
Masse aufgeschlossen wird, zugleich auch, weil die Knollen 



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150 Sitzung der math-phys, Glosse vom 1. Juni 1867, 

im ungebrannten Zustande sehr zäh und schwierig zu pochen 
oder mahlen sind. Vielleicht würde auch das Einstreuen des 
Pulvers in den Dünger günstig auf einen rascheren Aufschluss 
wirken. Es wäre sehr zu wünschen, dass in diesen Richtungen 
praktische Versuche von Landwirthen oder landwirthschaft- 
lichen Versuchsstationen angestellt würden, weil von der 
Lösung dieser Vorfrage alles Uebrige abhängig ist. 

In Bezug auf den zweiten Punkt, welcher sich auf die 
Häufigkeit des Vorkommens des thonigen Phosphorits bezieht, 
habe ich Gel^enheit genonmien, in den Sommermonaten 
der zwei letzten Jahre eingehende Untersuchungen innerhalb 
des ganzen Gebiets der fränkischen Alb anzustellen. Das 
Resultat ausgedehnter Gebirgsbegehungen hat zwar das reidi- 
liehe Vorkommen des thonigen Phosphorits in dem Obligo- 
nannten Ornatenthon an sehr vielen Stellen ausser Zweifel 
gestellt. Indess glaubte ich mich nicht damit beruhigen zu 
dürfen, sondern direktere Versuche vornehmen zu sollen. An 
einem der dem äusseren Ansehen nach ergiebigsten Fund- 
punkte unseres Gebirgs, am sog. Zogenreuther Berg bei 
Auerbach (a. 0. S. 344) in der Dberpfalz am Ostfusse der 
fränkischen Alb, da, wo auf der Hohe des nördlichen Bei^- 
gehängs die Atmosphärilien den die Knollen einhüllenden Mergel 
durch Jahrhundert lange Einvnrkung weggewaschen und auf 
diese Weise die Knollen an der Oberfläche sich massenhaft ange- 
häuft haben, liess ich die frei auf einer Oedung liegenden Knollen 
aufsammeln. Ein Arbeiter konnte hier durchschnittlich in 
einer Zeitstunde zwei Zenlner solcher Knollen sammeln. 
Von diesem eingesammelten Material hatte Hr. Prof. Vol- 
hard die Güte, durch den Assistenten bei der landwirth- 
Bchaftlichen Versuchsstation in München, Hr. Dr. Röttger, 
eine vollständige Analyse herstellen zu lassen und die Re- 
sultate derselben mir gefälligst mitzutheilen. Um den durdi- 
schnittUchen Gehalt dieser Knollen zu ermitteln, wurde zu 



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6Himhd: Vorkommen von Pkosphorsäure, 151 

dieser Dordischiiittsanalyse aus 65 Pfd. Knollen die Probe 
genommen. 

Demnach enthalten die Knollen des thonigen Phos- 
phorits von Auerbach im Dorchschnitt : 

Fhosphorsäure 22,92 

Schwefelsaure 1,62 

Chlor . 0,03 

Fhior 2,92 

Kohlensäure . • . . • • 11,64 

Kalkerde 44,22 

ffittererde 0,77 

Eiseoiozyd 4,85 ^ 

Eisenozydul 0,86 

Unlösliches, Thon, Kieselerde etc. . 9,97 

99,80 

Die Untersuchung auf Jod hat dessen Abwesenheit 
'ergeben. Der hohe Gehalt an Fluor ist besonders bemerkens- 
werth. Es scheint demnach der thonige Knollenphos* 
phorit aus einem dem Fluorapatitentsprechenden Kalkphosphat 
za bestehen, das mit Thon und kohlensaurem Kalk nebst 
geringer Menge ^ kohlensaurer Bittererde und Eisenozydul 
verunreinigt ist. Die Schwefelsäure hat ihren Ursprung in 
einem schon mit dem Auge zuweilen erkennbarem (behalt 
an Schwefelkies. 

Die Arbeitsleistung eines Mannes, welcher die an der 
Oberfläche ausgewaschenen Knollen sammelt, entspricht mit- 
hin in der Stunde dem Werthe von 23 Pfd. Phosphorsäure. 
Es scheint diesem nach kaum zweifelhaft, dass ein solches 
Aufsammeb ein yerhältnissmässig äusserst lohnendes Ge* 
Schaft wäre. Es bedarf aber kaum der Bemerkung, dass 
schon nach wenigen Stunden der Aufsammelarbeit die Knollen 
fühlbar seltener zu finden sind, dass der Vorrath an Knollen, 
welchen die Arbeit des Regens von Jahrhunderten erzeugt 



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162 Sittimg der math.'phys, Ckme wm 1. Juni 1867. 

hat, sidi in ganz karzer Zeit anf weitere Fläche erschöpft 
und damit die Aufsammelarbeit ihr Ende erreicht. £b ist 
an sich klar, dass nach diesem Versudie die Frage der 
lohnenden Gewinnbarkeit sich nicht beurtheilen lässt. 

Man muss die Versuche auf die Gewinnung der Knollen 
in ihrer ursprünglichen Lagerstätte, wo sie zerstreut im 
Mergel eingehüllt vorkommen, ausdehnen. Hiei*i^ scheinen 
vor Allem solche Stellen sich zu eignen, wo die Knollen- 
führenden Mergelschicbten unmittelbar an der Oberfläche 
ausgebrdtet liegen und eine weitere Abdeckarbeii darüber 
liegender Schichten nicht nothwendig ist. Ein unterirdi- 
scher Abbau dürfte wegen seiner Kostspieligkeit ohndiin 
nicht in Betracht kommen. 

Der thonige EnoUenphosphorit bildet nämlidi 
kein geschlossenes Flötz oder Lager, sondern findet dch 
zwar lagerweise auf gleichen Schichten, abei immer mehr 
oder weniger zerstreut in unregelmässig-länglich runden Con- 
cretionen im Mergel eingebettet. Man muss desshalb behufs 
seiner Gewinnung die gesammte Mergelmasse hereinhauen 
und die Knollen einzeln aus der bröckliohen, zähen, thonig- 
mergeUgen Hauptmasse herauslesen. An der genannten, ffir 
diese Art der Gewinnung vergleichsweise günstigen Stelle 
bei Auerbach kann ein Arbeiter in 10 Arbeitsstunden durch- 
schnittlich Vs Zentner Knollen rein gewinnen und sammeln; 
mithin nur den V^o Theil der Arbeitsleistung beim Zusam- 
menlesen der auf der Oberfläche ausgewaschenen Knollen 
zu Stande bringen. Jedoch ist anzunehmen, dass diese Ge- 
winnung nachhaltig stattfinden könnte. 

Ob diese Menge von Phosphorsäure , welche durch Ge- 
winnung der Knollen auf urspriingh'cher Lagerstätte durch 
eine tägliche Arbeitsleistung auljgebracht werden kann, die 
durchschnittlich etwa 13 Pfund Phosphorsäure entspridit, 
hinreichend gross ist, um die Kosten für den Taglohn, Ent- 
schädigung an den Grundbesitzer, Verbringung des Boh- 



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Oünibd: Vorkommen eon Phosphorsäun. 163 

matarial zur Stampf, des Pochens oder des Brennens und 
Pochensy endlich der Verfraditung des Pulvers bis zum Orte 
der Verwendung zu decken und einen kleinen Gewinn in 
Aussieht zu stellen, ist natürlich abhängig von der Braudi* 
barkeit des erzeugten Produkts für die Landwirthschaft und 
lässt sich erst nach Feststellung der letzteren sicher beur- 
theilen. Jedenfalls abe^r scheint es eine wichtige Aufgabe zu 
bleiben, noch weitere Versudie behufs AuflSndung von Phos- 
phorsäure-haltigen Gesteinslagen, welche etwa in geschlossenen 
und mächtigen Lagen auftreten, anzustellen. 

Die. Wahrnehmung, dass die knolUgen Ooncretionen der 
jurassischen Gebilde fast durchgehends reich an Phosphör- 
säure sind, legt die Vermuthung nahe, dass ähnliche Ge- 
bilde auch innerhalb anderer Formationen sich ähnlich zu- 
sammengesetzt zeigen würden. 

Ich habe bereits in meinem ersten Aufsatze (a. a. 0. 
S. 330 und 331) das Vorkommen von Phosphorsäure- 
haltigen Knollen in Silurschichten Eanada's, sowie in den 
Kreidesdiichten Englands und Böhmens angeführt, welches 
Vorkommen die obige Annahme zu bestätigen scheint. In 
der nach allen Richtungen hin so reichhaltigen und im 
höchsten Grade belehrenden Pariser Internationalen-Aus- 
stellung von 1867 sah ich in der französischen Ab- 
theilang der V. Gruppe 40 Klasse Nr. 23 von dem Mini- 
stmum für Agrikultur, Handel und öffentlichen Arbeiten 
eine Sammlung von KuoUen imd Steinkemen aus sehr zahl- 
reichen Orten Frankreichs aufgestellt, welche als sehr reich 
an Phosphorsäure bezeichnet sind und durch die Menge der 
ausgestellten Proben den Beweis liefern, welch* hohen Werth 
man bereits auf dieses Rohmaterial in Frankreich legt. Es 
sollen sehr grosse Mengen dieser Knollen bereits an vielen 
Punkten gewonnen und zur Herstellung von Super- 
phosphat verwendet werden. Es wurde behauptet, dass sie 
sogar bereits nach England oud.ins Ausland den Weg ge- 



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154 Sitzung der mcUh.'phya, Clasae vom 1, Juni 1867. 

fanden haben sollen, und als Snperphosphat, gemengt mit 
reichhaltigeren Stoffen, von England aus wieder weiter in 
den Handel gebracht werden. Vielfach hört man diese 
Knollen als Koprolithen bezeichnen. Diess ist aber ganz 
falsch; es sind nur Concretionen und die Ausfiillnngsmasse 
von Schalthieren sog. Steinkeme. 

Eine beigesetzte Analyse giebt die Zusammensetzung 
dieser französischen thonigen Phosphorite eines Vorkommens 
von Apremont in folgender Weise an: 

Phosphorsäure .... 27,76 
Thonerde, Eisenozjd und an Phos- 
phorsäure gebundene Basen « 46,64 

Kalkerde 7,80 

Wasser, Kohlensäure etc. . • 10,60 
Bäckstand in Säuren unlöslich . 7,20 

100,00 
Diese Knollen, welche bereits Verwendung^ finden, ent* 
halten also nur tim weniges mehr Phosphorsäure, als unsere 
jurassischen Concretionen aus Franken im Mittel. Es ist 
sehr wahrscheinlich, dass das Mittel bei den firanzösischeii 
Knollen auch nicht höher geht, da ja einzelne unsem fränki- 
schen Knollen einen Gehalt an Phosphorsäure bis zu 36,1 
und 40,0 ^/o aufzuweisen haben. 

Ein aus der Lahngegend gleichfalls in Paris ausge- 
stelltes, dem Amberger Phosphorit sehr ähnlich aussehendes 
Material enthält nach der beigesetzten Analyse: 



mithin gegen 



Phosphorsauren Kalk 


65,00 




Eisenozyd . 


3,00 




Fluor .... 


2,00 




Kohlensaurer Kalke 


16,00 




Bittererde und Alkalien 


2,00 




Wasser, Jod und Silikate 12,00 




. 


100,00 




13«/o mdir phosphorsaaren Kalk, 


dagegen 



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Gümbel: Vorkommen wm Phosphorsäure. 155 

weniger, aber doch immerhin eine betriUshtliche QoantitSt 
kohlensauren Kalks, so dass immerhin die ökonomische 
Möglichkeit der Benützang unseres fränkischen Phosphorits 
noch im Auge zu behalten wäre. 

Die Substanz der französischen Knollen, welche dem 
in Frankreich so weit verbreiteten sog. Galtgränsand- 
stein der unteren Procän- oder Kreideformation angehören, 
gleicht in auffallender Weise einer Masse, welche auch bei 
ans in dem geognostisch gleichstehenden Galtgrünsandstein 
unseres Alpengebirgs vorkommt. Ich durfte daher auch in 
diesen einen Inhalt an Phosphorsäure vermuthen. Diess 
hat sich in der That bestätigt. 

Auch der in den bayrischen, vorarlbergischen 
und namentlich schweizerischen Alpen so weit ver- 
breitete und in mächtigen Felsen anstehende Galt- 
grünsand ist in gewissen Lagen verhältnissmässig 
reich an Phosphorsäure. 

Ich habe mehrere derartige Gesteinsproben, wie sie 
gerade zufällig als versteinerungsfUhrend von mir in den 
Allgäuer Alpen gesammelt worden waren (natärlich ohne 
Rücksicht auf den damals noch unbekannten Gehalt an Phos- 
phorsäure-haltigen Concretionen) untersucht. Diese Proben 
stammen von der sog. Schanze am Fusse des Grünten bei 
Sonthofen und aus der Nähe von Langenwang und Tiefeii- 
b'ach bei Oberstdorf und ergaben einen Phosphorsäuregehalt 
von 5,7—16^/0 im ganzen Gestein ohne Sonderung der knol- 
ligen Concretionen. 

Es ist diess jedoch bloss die Phosphorsäure, die im 
Gestein an Kalkerde gebunden ist, da ja nur diese bei der 
Frage über die Verwendbarkeit zu Agrikulturzwecken zu 
berücksichtigen sein dürfte. Ausserdem enthält das Gestern 
noch Phosphorsäure, welche an andere Basen gebunden ist. 

Obwohl der Gehalt vom 6 — 16^/o ein anscheinend ge- 
ringer ist, so musa doch bemerkt werden, dass die zur 



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156 Sitzung der math.-phys, Claase vom 1. Juni 1867, 

Analyse verwendeten Proben rein zufallig und ohne Rücksicht 
auf die yorliegeude Frage gesammelt waren. Ich zweifle 
nicht y dass, wenn man die in unsern Allgäu^ Alpen an so 
vielen Orten zu Tag ausstreichenden Galtgrünsandstdnlagen 
(vgl. mein Alpenwerk S. 530 und ff. und Kartenblatt Sont- 
hofen) näher zu dem Zwecke untersuchen würde, um mög* 
liehst reichhaltige Schichten oder Stellen aufzufinden, es 
gelingen wird, Gesteinsproben von weit grösserem Gehalt an 
Phosphorsäure als die oben angeführten ausfindig zu machen. 
Diess dürfte schon nach dem blossen äusseren Aussehen des 
Gesteins leicht zu beurtheilen sein. Denn ich habe gefunden^ 
dass der Gehalt an Phosphorsäure in dem Galtgrünsandstein 
wesentlidi gebunden ist an die dunkelfarbigen Goncretionen, 
Flecken und Steinkeme, weldie der Grünsandstein einschliesst 
und die sich sehr deutlich von der Hauptgesteinsmasse unter- 
scheiden lassen. Je häufiger diese Goncretionen eingeschlossen 
sind, desto stärker ist der Phosphorsäuregehalt des ganzen 
Gesteins oder je mehr dunkelfarbige Flecken zum Vorschem 
kommen, desto reicher erweist sich das Material. Diess läset 
sich leicht nach dem Augenmaass beurtheilen. 

Diese Gesteinsbildung besitzen wir namentlich in den 
Allgäuer Alpen in weiter Verbreitung und in grossen 
Felsmassen, welche oft in hohen Riffen aufragen and eine 
möglichst einfache und wohlfeile Gewinnung des Gesteins 
mittelst Steinbrucharbeit gestatten. Ich glaube daher nidit 
unterlassen zu sollen, auf diese neue Quelle von Phosphor- 
säure die Aufmerksamkeit namentlich unserer rationellen 
Allgäuer Landwirthe hinzulenken, um praktisch zu versuchen, 
ob die Landwirthschaft Nutzen aus diesem Vorkommen 
schöpfen könne. Insbesondere gewinnt dieser Gegenstand 
für die Schweiz grosse Wichtigkeit, weil dort solche knollen- 
reiche Galtschiditen in besonderer Mächtigkeit und Ausd^- 
nuag vorkommen und eine sehr ausgebreitete Benützung 
gestatten würde. Es verdient dabei noch erwähnt zu werden, 



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CHimhd: VorJummen von Phosphorsäure. 157 

dass dieses Material zugleich vielen Glauconit enthält, der 
bekanntlich ziemlich reich an Kali ist, so dass durch dessen 
Zersetzung ' wahrscheinlich dem Boden auch Kali zugeführt 
werden könnte. 

Die eigenthümlich charakteristische Beschaffenheit der 
Masse, aus welcher die Phosphorsäure-haltigen Steinkeme 
dieses Galtgrünsandsteines und gewisse Knollen des Omaten- 
Morgels bestehen, leiteten mich weiter auf die Untersuchung 
von Steinkernen aus anderen Gesteinslagen, welche aus einer 
ähnlichen, stets dunkelfarbigen, im Vergleiche zu Kalk här- 
teren, spröderen und schwereren Substanz zusammengesetzt 
sind. Solche Steinkerne trifft man in den Procän« oder 
Kreidegebilden von Regensburg häufig, sie kehren besonders 
aasgezeichnet in den Kressenberger Nummulitenschichten 
wieder. Es muss ausdrücklich bemerkt werden, dass nicht 
alle Steinkerne die beschriebene Beschaffenheit besitzen, son- 
dern nur ein Theil derselben. Meistentheils bestehen sie 
bloss aus kohlensaurem Kalk, namentlich die Nummuliten 
und die noch mit Schale versehenen Schalthierüberreste und 
aoch viele Steinkeme der Eisenerzflötze. 

Die diditen schweren Steinkeme aus dem Nebengestein 
der Kressenberger Eisenerzflötze ergaben mir in der That 
einerr Gehalt an Phosphorsäure von 5,68®/o 
und gleichartige Steinkeme aus dem Grünöandmergel des 
Galgenberges südlich von Regensburg 8,19®/o. 

Fortgesetzte Versuche werden, wie ich bereits zu ver- 
muthen Grund habe, lehren, dass nicht nur die meisten C!on- 
cretionen namentlich die Galtschichten in Norddeutschland, 
am Harzrande, selbst die Gooden und Steinkeme aus den 
Kreidebildungen Indios Phosphorsäure in grösserer Menge 
enthalten, sondern dass wir auch noch andere an dieser 
Säure reiche Niederlagen in verschiedenen Schichten der 
Sedimentformationen besitzen, die wir vielleicht nutzbar 
machen können. 



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158 Sitwung der hittcr, CUme wm t Jum 1867. 



Historische Classe. 

Sitsnng vom 1. Juni 1867. 



Herr Roth hielt emen Vortrag: 

„üeber Keltische und Germanische Wehr- 
verfassung^S 

Herr Elnckhohn machte Mittheilang über die 

9,Erzähliing von der Verschwörung zu Bayonne 
im Jahre 1565". 

Die Abhandlung wird für die Denkschriften der Classe 
bestimmt. 



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Hafnicmni Bemerkungen eum NaehUegen. 159 



Nachtrag 
zur Sitzung der philos.-philol. Classe vom 1. Juni. 

(Vgl oben Seite 6.) 

Herr C. Hofmann äbergibt folgende 

„Bemerktingen znm Nachtsegen'^ 

Ich habe seit der Sitzung, in welcher idi die Hand- 
schrift und die Arbeit des Herrn Eeinz der Classe vorlegte, 
über manches weiter geforscht und das Manuscript selbst 
noch einmal genauer angesehen, als ich beides in der Eile 
de& ersten Fundes thun konnte. Früher hatte ich nur den 
Nachtsegen berücksichtigen können, jetzt bei Einsicht des 
übrigen manchfaltigen Inhalts finde ich allerlei, was der Mit- 
theilnng werth sein und die Forschung weiter fuhren dürfte. 
Zuerst in dem unmittelbar vorausgehenden lateinisch-deutschen 
Pflanzenverzeichniss finde ich S. 119 V^ Modillns golde Adera 
idem. In dem ersten Krauterglossar S. 69 V^ wird affodillns 
erklärt durch goldewrz, und da schon Frisch Goldwurz mit 
Asphodelus bulbosus, dann chelidonium erklärt (I. 361), so 
wissen wir also jetzt, dass golde = asphodelos, die bereits 
mythologische Earto£fel der Hellenen ist. Ich kann freilich 
nicht behaupten, dass die dingenden golden in Vers 15 
des Nachtsegens damit identisch -seien; aber wenn man er- 
wägt, dass ein anderes Knollengewächs, die Mandragora oder 
Alraun im Aberglauben eine hervorragende Rolle spielt, so 
kann man Zusammenhang vermuthen ; denn, wenn die Alraun 
menschlich aussehen, leuchten und reden kann (vgl. Grimm 
DU. 1163—5), so darf wohl der Affodill auch „klingen"'. 



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160 Sitgung der phüos.-phüci. Ciasse wm 1. Juni 1867. 

Ich enthalte mich, die Sache jetzt irgend weiter zu yerfolg^, 
da es immer höchst misslich ist, auf blosse Wörter hin mytho- 
logischen Dingen nachgehen zu wollen. So masste sich ja 
z. B. der Bernstein auf Grund eines einfachen DrudsfAlers 
zu einem Zauberstein erheben lassen. Frisch citirt-aus dem 
Vocabular von 1482 unteir Zöber (II. 480) Zoberstein, Bern- 
stein alyeus lapideus. Wackemagel in Haupts Zeitschrift 
IX. 567. fand in diesem Zoberstein einen Zauberstein 
und mit dieser Erklärung ging der Bernstein in das mhd. WB. 
II. II. 617 ein, welches glücklicherweise das richtige börn- 
stein unmittelbar daneben setzt. Ein alreus lapideus ist 
einfach ein Brunnenstein, Zuberstein oder deutlicher, 
steinerner Brunnentrog. Alrun = mandragora kommt 
übrigens in unserem ersten Kräuterverzeichniss (S. 70, v®, b) 
ebenfalls vor. 

Die Sprache des Nachtsegens ist, wie man deht, mittel- 
deutsch; so ist auch die der beiden Glossare. Aber die 
Handschrift gibt uns Anhaltspunkte, die noch viel weiter 
fuhren. Auf Seite 125 r^ (also bloss ^m ein Blatt vom 
Nachtsegen entfernt) steht, wie schon oben von Hrn. Eeinz 
bemerkt ist, von einer Hand des 14/15 Th. Henricus de 
Prusia vid. de Bado oder Gado (das letzte Wort undeutlich) 
und das erste der Pflanzenglossare enthält im Anfang neben 
den deutschen Namen eine Anzahl polnischer, wo bei 
einem ausdrücklich noch zugesetzt ist, es sei in polom'co und 
bei einem zweiten polschy (= polski), nämlich bei anetum, 
tille, polschy copr S. 68 v^ a, Z. 10 von oben (polnisch 
Eopr z^ Dillkraut). Die polnischen Glossen lauten in ihrer 
Gesammtheit so: 

S. 68 v^ Incipiunt non^ina herbarum, quarum sunt latina 
quaedam, barbara uero alia, ut patz (patet od. patebit?) 

Artemisia uel matricaria ast mater herbarum, quae 
vocatur biwz, inpolouicabiliza (polnisch bylica=Beifus8.) 

Abrotanum. ebireyce« böse dreuno. (poln. bozydrzwka 



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Eßfmöim: Hemerhmgm gum NaekUegen. 161 

StabwnrZy eig. Oottesbänmchen, weil die Eberesche bekannir 
lieh heilig gehalten wird.) 

Absintiam. werrnut. polyn. (poln. piolan = Wermath.) 
Am Rande roth eberwrc. 

Azarabaeara. hasdwrc. copitnik (poln. Eopytmk =: 
Haselwurz. 

Amoglossa. plantago. centenma vocatur wegebreit, 
scorocel. 

Am Rande roth vegede. 

Anetum. tille. polschy copr (s. oben). 

AUaim. scordiam. Knoblach. Zosnek (poln. czosnek 
Knoblauch). 

Acant. igrida. nesle. copriui. (yersdirieben für pocriui, 
poln. pokrzywa Nessel). 

Atrapassa holnnder. bezona (poln. bez. Hollunder 
(f® 69. a) Baldemonia. berwrz. olesnik (pob. olesnik Bär- 
würz) , ebenso wird mit olesnik (70 v®) herba thuris erklärt 
71?^, mit olesnik peuoedanum. 

Das ist, was ich an polnischen Wörtern bemerkt habe. 
Der Theil der Handschrift freilich, welcher den Nachtsegen' 
enthalt, ist von anderer Hand geschrieben, als der, in wel- 
chem die polnischen Glossen stehen. Die verschiedenen Theile 
der Handschrift wurden erst später zusammengebunden ; denn 
dem ersten Glossar sind an den Rändern von jüngerer Hand 
Glossen zugefügt, die zum grossen Theil vom Buchbinder 
beim Beschneiden beschädigt wurden. Auch ist die Zurich- 
tung des Pergaments bei beiden Pflanzenglossaren eine 
verschiedene. Das erstere hat zwar 39 Querzeilen, wie das 
zweite, dagegen stehen sie um vieles enger beisanlmen und 
sind in vertikaler Richtung nur durch 5 Linien geschieden, 
bei letzterem durch 10. Doch ist der Charakter der Schrift- 
zuge homogen und gleichzeitig und wir werden also nicht 
weit irren, wenn wir die Entstehung der beiden Glossare 
nebst dem zum zweiten gehörigen und natürlich etwas jüngeren 
[1867. IL 1.] 11 



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162 Siisfung der pkihs.-pkäol. Oam tom 1. Jmd 1867. 

Kachtsegen in die Gegeaci setzen, wo im 13/14. Jh. das 
deutsche und das polnische Sprachgebiet sich berührtoiL 
Dass sie audi längere Zeit dort geblieben, scheint die schon 
erwähnte Einzeichnong , Henricus de Pmsia, zu beweisen, 
die nm vieles jünger ist, als die beiden Qlossare and unge- 
fähr gleichzeitig mit der Hand, welche auf S. 71v^ gani 
unten am Rande eingeti'agen hat scrophalaria est nomen 
herbae contra vermes. Zwischen dieser Hand und der des 
ersten Glossars finden sich Einträge von 4 yerschiedenen 
anderen Händen. Wie das Arznei- und Zauberbuch (s.. Note 
auf pg. 169), so lässt sich sein Gesammtinhalt am kürzesten 
bezeichnen, aus den Häbden des Henricus de Pmsia in die 
dhnrfürsti. Bibliothek nach München gekommen, wer dieser 
Henricus de Prusia selbst gewesen, das wäre weiterer Aufklär- 
ung eben so werth als bedürftig. 

Wenn es schon an sich interessant isA, hier Reste äUeeter 
pohlischer Sprache zu finden, so wird der umstand beson- 
ders wichtig für den Nachtsegen und die fremdartigen, 
sicherlich aus anderer Sprache entlehnten Wörter, die er 
1)ietet. Wir haben nach aller Wahrscheinlichkeit ihre Er- 
klärung im Polnischen zu suchen. Gloczan, Lodowan, 
Truttan bieten in der That polnischen Stammesausgang. 
Das Suffix an kömmt im Poln. z. B. in balwan Block, Götse, 
bocian Storch buzdygan Streitkolben roztruchan grosser 
Pocal u. s. w. yor. (lieber das sehr häufige Suffix an TergL 
MiUosich Personenname S. 10.) Sie sind Masculina. Für 
Lodowan bietet sich der Stamm lod (in allen anderen 
slawischen Sprachen led, altslawisch ledü xQvavccXlog vergL 
Miklosich Lex. palaeosloven. p. 335) = Eis, und Bildungen 
daraus mit w, lodowatj eisartig, lodowaciec zu Eis weisen, 
lodowiec Eisstein, lodownia Eisgrube. Dahin könnte audi 
unser Lodowan (der Eiskalte?) gehören. Gloczan könnte 
zum Stamme glöd Hunger (= goth. gredus) oder der Ab- 
leitung nadi wohl noch eher zu gol (unser kahl) gehören 



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Bofma/m: Bemerhmgm ßum Na^vteeffm. 163 

(altal. golu YVfMHSg goloti xqvfhaXX^g Mild. p. 135) and 
für goloean stehen. Andere Bildungen des Stammes sind 
golocic entblössen, berauben, golota armer Teufel, goly nackt, 
arm o. s. w. Auffallend ist, dass beide in der Bedeutung 
Eis zusammentreffen. Truttan, ebenso gebildet, wie die 
xwei andern, macht Bedenken, weil es durch das reimende 
Wutan verändert sein kann. Das Pohlische bietet trut 
Furgirkraut, trutka Gift, truten Drohne, Tölpel^ trud Mühsal, 
letzteres gleidi latein. trudo, goth. ^rjutan, deutsch driezen 
{in verdriessen) ^ruts-fill länqa. Letzterer Stamm dürfte 
am ehesten hier zur Anwendung kommea. Auch altsl. finden 
sich diese Wörter (bei Mikl. p. 1019) tratü crabro, tradü 
dvOevxeqia troudü (p. 1005) növog^ trouditi vezare.' Truttan 
würde also etwa der Quäler heissen. Man muss hier die 
Frage aufwei-fen , ob unsere deutsche Drud (Trud) nicht 
überhaupt aus dem Slawischen entlehnt ist An die Druiden 
wird heutzutage Niemand mehr denken uüd eine genügende 
Ableitung aus dem Germanischen gibt es meines Wissens 
nicht, während die von slaw. trud quälen mir sehr passend 
erscheint. Die germanische Form wäre druz. Was schliess- 
lich das verschiedene Geschlecht des Truttan und der Trut 
angeht, so führe ich als Analogon an, dass Jungmann (ich 
entnehme das CÜtat aus Hanuscb Slaw. Mythus S. 333), 
einer der grössten böhmischen Gelehrten, den Mox&s für 
dasselbe erklärte, wie die Mura oder Mara (die Mar) dei) 
drückenden Alp, nur männUch gedacht. (Auch in Thelle- 
mark^ heisst die Mar Muro.) 

So stünde denn unser Naohtsegen mit dnem Fusse auf 
slawischem Boden, währoid er anderseits mit seinen Zaun - 
ritten (zcunriten) in Vers 14 bis an die alte Edda hinauf- 
reicht, wo diese luftreitenden Wesen im H6vam&l Str. 158 
zum erstenmale als tunriSur vorkommen, in einer sonst 
isoUrten und schwierigen Stelle, deren grammatische Gon- 
•tructi<m dadurch bedenklidi ist, dass auf das Feminin tun- 



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164 SiUung der phUosrpMkl Ooise vom 1. Jmi 1867. 

ri&ni das Pronomen und Adjectiv im Mascalinnm folgen« 
nämlich ^eir yillir. Was in der grossen Copenhagener Aus- 
gabe lU, 140. zur Erklärung beigebracht wird, yerstehe ieh 
nicht. Es heisst: ^eir yillir in gen. masc. omnes Codices, 
etsi praecessit Ri^r faeminina terminatione, nempe com re 
constructio fit non cum yerbo, uti interdom alias. Wenn das 
etwa heissen soll , dass die t6nri6ar männliche Wesen mit 
weiblidier Bezeichnung gewesen seien, so erscheint das höchst 
bedenklich, da die nächstyerwandten kyeldriSa und myrtcriSa 
unabänderlich Feminina sind und auch im fjcxicon mythch 
logicum p. 754 ist von einer constructio cum re weiter kein» 
Rede. Sveinbjöm Egilsson beruft sich im Lezioon poeticom 
wie gewöhnlich leider nur auf die Copenhagener Ausgabe 
und setzt bloss hinzu: quod vertunt sublimes equites id 
non secundum etymologiam est. Petersen (Nord. Myth. 
S. 150) übersetzt tünriSur einfach mit Hexen nnd bringt 
weiter Nichts zur Erklärung der Stelle bei. Fritzner s. y. 
sagt: „einer der Oeister, yon denen man annahm, dass sie 
zu gewissen Zeiten durdi die Luft ritten und die Höfe (ton) 
zur Nachtzeit besuchten , gleich der Aaske — oder Aas- 
gaardsreid nach dem nordischen Volksglauben.'^ Dabei ver- 
weist er noch auf Flöamanna Saga Cap. 22, wo aber weder 
das Wort tünriSa noch sonst etwas yorkömmt, was zur Auf- 
klärung sonderlich beitragen könnte. Es ist dort yon dem 
Winteraufenthalt einiger Isländer in Grönland die Rede, 
zur Jolzeit hören sie Nachts einen grossen Schlag an der 
Thüre, einer springt hinaus, wird wahnsinnig und stirbt am 
folgenden Morgen. Am anderen Abend geschieht das Gleiche, 
es wird ein zweiter Mann wahnsinnig und erzählt nodi, dass 
er den Verstorbenen gegen sich habe springen sehen. Was 
der zuerst im Wahnsinn Gestorbene gesehen, wird nicht ge- 
sagt So stirbt ein grosser Theil der Gesellsdiafb und alle 
Todteu werden Wiedei^änger oder gehen um, bis endhdi 
^rgils, der überlebende Hausherr, ihre Leichen gegen den 



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Hafinaum: Bimerhingm mm Nachtsegen, 165 

FraUing auf einem Scheiterhaufen verbrennen lasst, worauf 
es ruhig wird. Man sieht, dieser Bericht ist zwar für den 
Volksglauben recht interessant, lehrt uns aber nichts über 
die tönriSur, Fritzner müsste denn angenommen haben, der 
zuerst gestorbene Mann hätte sie draussen in der Luft 
&hren sehen oder hören und sei davon wahnsinnig gewor- 
den. Indess steht nichts dergleichen im Bericht, mit dem 
wir uns daher auch nicht weiter beschäftigen wollen. Die 
andere Verweisung auf Aaskereia trifft näher zur Sache, 
denn diess ist ein&ch die wilde Jagd, die aus den Seelen 
nichtsnutziger Leute besteht, die für den Himmel zu schlecht 
und für die Hölle zu gut sind und ihr Fegfeuer im Lufir 
ritte, hauptsächlich um Weihnachten, durchzumachen haben. 
Was nun für unseren Fall passt, ist dieses : in einem Bezirk 
von Norwegen , in Saetersdal , herrscht der Glaube, dass, 
wenn einer sich nicht niederwirft, sobald er das Lufgereite 
hört, sein6 Seele mitfahren muss, während sein Körper 
liegen bleibt. Wenn die Seele zum Leibe zurückkehrt, ist 
dieser ganz abgemattet und bleibt nachher immerfort kränk- 
lieh. Auch Pferde werden mitgenommen und kehren übel 
zugerichtet zurück (Faye S. 71). Das letztere stimmt insofeme 
gut zu unserer Eddastelle, als hier OSinn offenbar nichts 
anderes sagt, als: „wenn die tünriSur ihren Leib und ihre 
Heimath verlassen haben und über mir in der Luft reiten, 
so verwirre ich ihre Seelen, dass sie ihre Körper und Woh- 
nungen nicht wieder finden hönnen.'* 

So weit gut, aber damit ist immer noch nicht erklärt 
wie das Fem. tünriSur und das Masc. ^eir villir ueben- 
einandet bestehen können. Lüning findet freilich einen 
leichten Ausweg, indem er (S. 293) sagt: „Entweder muss 
es tünriSar oder ^aer villar heissen.*^ So viel hätten die 
früheren Schreiber, Herausgeber, und Erklärer der Edda 
wohl auch gewusst ; aber es ist keinem eingefallen , mit 
einem so wohlfeilen Mittel der Schwierigkeit abhelfen zu 



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166 8Ugung der pkaos.-phOöL Cläm vom L Jmd 1867, 

wollen. Die Sache mass tiefer aDgegriffen werden. 
Zwischen Entstehung und Aufzeichnung der Eddalieder liegt 
ein mehr oder weniger grosser Zeitraum, in weldiem die 
norroenische Sprache fortschreiten und manche Form erst 
archaistisch y dann unverständlidi werden musste, die bei 
Abfassung der Lieder noch der lebenden Sprache angehört 
hatte. Hier ist der' entscheidende Punkt , wo die allgemein 
germanische Philologie der specifisch nordischen zu Hülfe 
konmien kann und muss. Das viel höhere Alter der gothi- 
schen, angelsächsischen, althochdeutschen und altsächsisdieQ 
Denkmäler, denen der Norden nur einige der ältesten 
Buneninsdiriften (vor Allem die Blekinger) an die Seite zu 
setzen hat, lässt gewisse Erscheinungen in vollkommener 
Klarheit erkennen, die vom Standpunkte des nordisdien 
Sprachbetriebes verdunkelt und unlösbar ersdieinen« JA 
beschäfldge mich seit längerer Zeit mit einer kritisch- 
exegetischen Arbeit über die alte Edda hauptsächlich in 
dieser Richtung, und hebe hier anticipando zwei Fälle nur 
darum aus, weil das plötzliche und überrasdieode Auf- 
tauchen der zünriten im Nachtsegen midi fast dazu zwingt 
Archaismen der alten Edda sind für uns natürlich am fiass- 
barsten, wenn sie sich auf Flexionsverhältnisse beziehen, and 
werden am leichtesten erkannt, wenn der überlieferte Text 
eine aufiEallende Sinnstörung zeigt, wie hier und in dem 
zweiten analogen Beispiele. Nehmen wir das Adj. villr^ so 
wissen wir, dass es das gothische vill>eis, althochd. uoildi, 
altsächs. uuildi, ist, dass es folglich ein dem Worte selbst 
allgehöriges radicales i hat, zur i-Deklination gehört und so 
zeigt sich denn ganz consequent, dass das Femininum im 
Plural auch der i-Deklination folgt und viUir (nidit vOlar) 
hat. ^eir kann dann gar kein Bedenken machen, da die 
graphische Verwechslung von ae und ei bekannt und kon* 
statirt ist , vgl. Eonrä^ Gislason, um frumparta p. 183 £F., 
wo gerade ^eir hervorgehoben wird. Es ist also in Wirk- 



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H&fmanni Bemerhungm »um Kachtsegen. *167 

lidiimt an unserer Stelle gar nichts m ändern und einfiush 
^aer villir zu. lesen. Die zweite yollkommen analoge Stelle 
fiiMlet sich AtlakyiSa, 18. vinir Borgunda, ein Unsinn, wenn 
man Tinir als Nom. plnr. auf die Hunnen bezieht, die (nach 
Liining) desswegen so heissen sollen, „weil Atli durch Oudrun 
mit den Burgunden verwandt jst/^ Wie schwierig die Sadie 
den gewissenhaften Herausgebern früherer Zeit vorkam^ sieht 
man aus der langen Anmerkung, welche die Amamagnäanisdie 
Ausgabe (U, 383) zur Stelle hat. Nun hat vin oder vinr 
ein radicales i gehabt; denn es heisst althocfad. uuini, alts. 
nuini, ags. vine. Der archaistische Accusativ von yinr hiess 
natürlich vini, und das mussten die Schreiber noth wendig 
als vinir missverstehen, wenn ihnen einmal die Formen der 
i-Deklination ausser Gebraudi gekommen waren, vini Bor^ 
gunda ist also Aoc. und Apposition zu Gunnar. vine Borgenda 
heisst nun bekanntlich der ags. Dichtersprache gemäss Gunnarr 
(GdShere) im Valdhere II, 14 und wenn im Nordischen zu- 
fällig vinr mit folgendem Genetiv des Volkes nicht als Königs- 
bezeichnnng erhalten ist, so findet sich vinr drengja, gaeSinga, 
gotna, alda, skatna und hoUvinr (Holdfreund) herjar, lofSda, 
8. Gröndal p. 235. Die Stelle der AtlakviSa Str. 18 heisst 
also sehr einfach: die Hunnen banden Günther, d^ König 
der Burgunden (wörtlich, den Freund der Burgunden). 

Der Nachtsegen lehrt uns den Namen des Hezenberges 
in der ältesten bis jetzt vorgekommenen Form kennen, die 
wir für ebenso authentisch halten dürfen, wie die des hoch* 
sten Göttemamens, gut mitteldeutsch Wütan, Gen. Wütanes. 
Wir ersehen nun, was J. Grimm DM. 1004 schon ausge- 
sprochen, dass r statt 1 der urpriinglithe Laut ist, wie 
bereits Leonhard Frisch bezeugt (I, 111): „Blocksberg, 
besser Brocksberg, wie er in und an den Braunschweigischen 
Landen heisst'S wobei allerdings zu vermuthen, dass er das 
r nur wegen der falschen, auch heute noch nicht ganz auf- 



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168* Sitzung der phdos.'phiM, Claase vom 1. Jwu 1867. 

aufgegebenen Ableitung von mons Brncterus für richtiger ge* 
halten habe. Unter den bisher versuchten Deutungen ist meines 
Wissens keine, die besonders besser wäre, als die genannte 
und ich erlaube mir daher zum Schlüsse meine eigene yoT" 
zutragen. Dass der Name mehreren Bergen in Deutsdiland 
gemeinsam ist, hat J. Grimm DM. S. 1004 u. 1232 nach- 
gewiesen. Die Erklärung darf also nicht den Ausdrack des 
Hezenconrentikels in dem Worte suchen, wofür sich sonst 
das edd. broka=k7inna anbieten würde. Esmuss vielmehr ein 
natürlicher Grund der Benennung gesudit werden, und diesen 
finde ich in einem Worte, welches sich im Isländischen er- 
halten hat. Nach Björn Haldorsen bedeutet das Neutrum 
brok nubes albidae, juga montium tegentes. Die Berge, 
welche die höchsten ihrer Gegend sind, sammeln bekanntlich 
an ihrem Gipfel die Wolken, was namentlich beim Brodcen 
der Fall ist und so scheint der Name Wolkenberg passend 
für unsem, wie für manchen andern. Im Schwedisdien ist 
das Wort gleichfalls vorhanden, Bietz im Dialektwörterbuch 
hat unter brok m. 2. die Bedeutung dunkler Fleck (mörk 
fiäck), brok 1, heisst bei ihm so viel als brokig hast 
(= geflecktes Herd), brokug, (bei Ihre I, 272) variegatus. 
Auch das Dänische hat broget, bunt, verschiedenfarbig, ge- 
fleckt. Wegen des Begrifisübergangs verweise ich auf den 
identischen mhd. Fall, wo sphkchel Abschneidsei ahd. 
sprehhiloht mhd. spreckeleht gefleckt bedeutet, Mhd. Wb. 
S. 521. Man wird brock einfach von der Wurzel brik ab- 
leiten dürfen, also = fragmentum, Stück einer grösseren 
Wolke, brochel ist davon das Deminutivum , welches ober- 
deutsch wohl brüchel heissen würde. Brochelsberg hiesse 
also wörtlich = Wölkchenberg. Man wird hiebei von selbst 
an den schwedischen Hexenberg BläkuUa in der Meerenge 
zwischen Smäland und Oeland denken, der seinen Namen 
ebenfalls von seiner physischen Erscheinung hat (= die blaue 
Kuppe), und nodi passender an den schweizerischen Pilatosi 



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Hofmann: Bemerkungen zum Nachtsegen. 169 

den Behüteten (Pileatus), wie mau ihn, sei es mit Recht 
oder nicht, wegen seines oft umwölkten Scheitels deutet, 
was neben der Zerrissenlieit seines Gehänges (daher der 
alte Name Fragmunt = fractus mons) der hervortretendste 
Zug an ihm ist. 



(Note sn pag. 162.) Es ist wohl der Mühe werth, den Inhalt 
der merkwürdigen Sammelhandsohrift, nach sachlichen Gmppen ge- 
ordnet, etwas genauer zn charakterisiren. Sie enthält (abgesehen 
von dem Eintrag über Fasttage anf der allerletzten Seite) 18 Num- 
mern, die sich inhaltlich in folgender Weise ordnen. I. Als Ein- 
leitung zum Ganzen, gewissermassen als Encyclopädie geht voraus 
ein Pseudo-Aristotelioum, Secretum Secretorum, aus dem Arabi- 
schen übersetzt und in dieser Sprache wahrscheinlich auch ui*sprüng- 
lich verfasst. Die hiesige Staatsbibliothek besitzt den arabischen 
Text, Tgl. Flügel, Handschriften der Münchner Bibliothek im An- 
seigeblatt der Wiener Jahrbücher XLVII. Bd. 8. 28, und Aumer, 
Catalog der arab. HS8. S. 285—6. Das Werk ist auch für die ger- 
manische Literaturgeschichte von Bedeutung, denn Jakob von Maer- 
lant, der „Vater der niederländischen Dichtkunst*', hat es in seiner 
Heymelichede der heimelicheit bei v. Kausler, Denkmäler ü, 
S. 483 — 556) poetisch verarbeitet, „vorausgesetzt, dass er nach den 
Bedenken, die Ciarisse gegen seine Urheberschaft vorbringt, noch 
als der Verfasser gelten kann". Da Kausler ebendas. III S. 289 ff. 
gründlich und gelehrt, wie er pflegt, den ganzen Gegenstand be- 
handelt hat, so kann ich auf ihn verweisen, und will nur noch über 
die Herkunft unserer HS. eine Vermuthung äussern. Sie scheint 
mir aus Südfrankreich zu stammen, wenigstens stimmt sie mit allen 
provenzalischen Handschriften, die ich kennen gelernt habe, in de^r 
Rundung der Schrift, Weisse und Glätte des Pergaments, Blässe der 
Tinte, dann in besonders charakteristischen Zügen, wie z, vollkom- 
men überein. Die Zahl der Capitel ist, wie in dem von Kausler 
angeführten Drucke 72. 

An dieses einleitende Werk, eines jener absurden, aber allge- 
mein studierten Gompendien, welche das nach manchen Richtungen 
80 gewaltige und achtun gswerthe Mittelalter gerade für naturwissen- 
•ohafUiche Dinge in unwürdigem Aberglauben erhielten, reihen sich 
Unsere oder kürzere, botanische, astronomische und medizinische 
[1867. IL 1.] !!♦♦ 



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170 SUsfung'der philos-phüdl. Glosse vom 1 Jui*i 1867. 

Tractate, endlich das weitaus merkwürdigste Stück der g^naen 
Sammlung, ein arabisches Zanberbuch, leider unvollständig, da es 
mitten in der ,,Wunderlampe^^ abbricht. Auf das Pflanzenreich be- 
ziehen sich Nr. 8, das erwähnte Pflanzen glossar mit deutschen und 
polnischen Erklärungen, (N^ 4 (f^ 72) lateinische Homonymen der 
Pflanzennamen, N^ 14, das zweite deutsche Eräuterglossar (f9 119 
v^ — 124 r^.) Am umfangreichsten und wichtigsten ist in diesem 
Zweige der Naturkunde das Obst- und Weinbuch (f^ 88 — 101\ 
ein ganz der Praxis angehöriges Compendium, unter dem Titel In- 
cipit liber de insertione arborum et earum fructuum. Von wem 
Grundlage und Weiterfuhrung der Arbeit stamme, zeigen die ein- 
leitenden leoninischen Verse an: 

Palladii librum breviatum per Godefridum 

Aocipe curta volens rustioa rura oolens 

Palladium tantum non hio sequor aut Galieni^n 

Pingitur et cespis floribus iste meis 

Ordine sub certo nullo pereunte reperto 

Scita prius religo munus et hoc tibi do. 
Das Ganze hat 4 Tractatus. 1. de plantationibus arborum 2. de 
vitibus. 8. de conservatione fructuum. 4. de vino. Der erste Tractat 
ist durch zwei Federzeichnungen, den geraden und den schielen 
Oculirschnitt vorstellend, illustrirt. Im vierten Tractat finden sich 
die interessanten Paragraphe, wie man erkennt si aqua sit in vino 
und wie aqua de vino separetur, dann de deceptione gustus (nicht 
durch Gallisiren), endlich de reformatione vini corrupti. Die zweite 
Gruppe bilden Astrologica. N^ 8 (F 76) de efifectibus planetarom 
(^ 80, v^ die sogenannten arabischenZiffem, N^ 9 (f^ 81) Capitniam 
in narratione Satumi (am Rande von jüngerer Hand Tractatus Sem 
filii Haym). N^ 10 (f^ 83) Tractatus alius, von den Monaten und 
ihrem Einfluss auf das Schicksal der Geburten in physische und 
psychischer Richtung bei beiden Geschlechtern. Die dritte am zahl- 
reichsten vertretene Gruppe ist die medizinische, zuerst N^ 2. Petri 
Hispani medicina {P 41—68), N® 5 (f^ 78). üeber Arzneidoaen, 
woran sich ironisch N.^ 6 Signa morientium unmittelbar anschliestt 
Diess ist ein Stück deutscher Herkunft, denn vom üringlase heisst 
es in summo staupo (=-: stouf Becher^ poculum malus.) N*^ 7, ein 
einzelnes Blatt de phlebotomia N^ 13 (f^ 109) Circa instans, ein 
Stück eines mediziuisch-pharmakologischen Glossars, N^ 15 (f^ 124) 
Definitionen von Krankheiten, N^ 16 (f^ 127) Vegetabilische Arznei- 
dosen NÖ17 ({^ 126) eine Pharmakopoe in 14 Abtheilungen. 1. Ver- 
schiedenes (26 Species), 2. Kräuter (108), 8. Rinden (10), 4. Blüthen (14>, 



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Hofmann: Bemerkungen sum Nachteegen. 171 

5. Hölzer (6), 6. Wurzeln (53), 7. Säfte (58), 8. Harze (28), 9. Knochen (6), 
10. MetaUe (7), 11. Steine fSOX 12. Salze (8), 18. Fleisohsorten (18) 
dftranter Löwen- nnd Seepferdfleisch und Wolfsleber. 14. GonfSec- 
tiones dnrae (18). Man sieht also, 380 Simplicia enthielt diese 
älteste Pharmacopoea borassica, deren vollständige Mittheilong fSür 
Fachgenossen ebenso belehrend wie unterhaltend sein dürfte. Dem 
Gebiet der Zauberei endlich gehört ausser unserem Nachtsegen 
noch ein Spruch yon jüngerer Hand an, (^ 109 am unteren Rand : 
Contra piroil stribraras f iob traezon zcorobon connubiaiobfetpone 
eqy, hier ist das Uebrige vom Buchbinder abgeschnitten darüber 
tesa . . . Wegen des Uebels pircil, gegen welches der Spruch ge- 
richtet ist, vgL man Frisch unter bürzel Seuche und besonders 
unter gunbyrzelen, wo der merkwürdige Aufschluss gegeben wird, 
dass im Jahre 1387 die in Augsburg von dieser Epidemie Befallenen 
unter heftigen Schweissen (moleetissimis destillationibus) 4 — 5 Tage 
gerast hätten und dann in den meisten Fällen Genesung eingetreten 
sei Besonders ausgiebig vertreten ist es durch das aus dem Arabi- 
schen übersetzte Zauberbuch f^ 103—108 mit der üeberschrift Epi- 
stola Amati filii Abraham qui dignus est vocari filius Macellarii wie 
zu lesen ist, wiewohl ein Ahmad ihn Ibrahim ibnul Qa^b, wie der 
Autor auf Arabisch heissen müsste, sich nicht bei Hac^ji Khalifa, 
dem moslimischen Jöcher, findet. Zahlreiche arabische Wörter, be- 
sonders Namen von Hölzern, die zu Räucherungen verwendet werden, 
dann die Anfahrung arabischer Autoren, der Styl endlich, selbst im 
lateinischen Gewände von unverkennbarer Fremdartigkeit, lassen in- 
dess keinen Zweifel übrig, dass wir es hier wirklich mit einer arabi- 
schen Schrift zu thun haben. Der absonderliche Inhalt, so wie der 
zufällige Nebenumstand, dass das Stück mit sehr zahlreichen und 
starken Abkürzungen geschrieben ist, die Beschädigung mehrerer 
Blätter durch Schmutz und Abreibung machen die Abschrift ungemein 
schwierig. Das Ganze theilt sich wieder in zwei Theile, der 1. handelt 
von Heilungen durch Zauberei und Sympathie, der zweite von eigent- 
lichen Zaubereien. Ich begnüge mich, den Inhalt dieses letzteren 
Theiles anzugeben, und ein paar charakteristische Stellen auszuheben. 
Die Kapitel handeln 1. Vom Bienenmachen. 2. Von einer Räuoher- 
ung, die bewirkt, dass videbis orientem totum jam esse rubeum et 
aerem totum igneum aut videbis equites cum hastilibus atque equos 
et super eos homines ex igne. 3 Eine Räucherung: quando tu fumi- 
gabis in die manifeste cum ea, obtenebrabitur mundus et videbis 
Stellas omnes et lunam doneo timeat mundus ex illo. 4 fumig^um 
ut videatur luna dividi per medium. 5. operatio fumigii ad eolipsim 



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172 Sitzung der phüos.'fhildl, GHasse vom 1. Juni 1867, 

lanae fiM»endam. 6. operatio ut in coelo yideantor forme stdpe- 
' faoientes. 7. soffamigfatio ut in coelo videantor gigantes. 8. enffu- 
migfatio ut in ooelo sint formae magnae. 9. ad fiaciendam plnviam. 
10. ad flAoiendam pluviam. 11. de remotione plaviae. 12. Modüa 
domorom qui est facientibns mirabilia, d. h. ein Haus durch Bäucher- 
ung so Bozarichten, dass die Eintretenden nach Verlauf einer Stunde 
seheintodt werden und sie dann wieder zu erwecken. Es wird bei- 
gefügt, der Messias solle nach der Aussage einiger nach diesem 
altum capitulum Wunder gewirkt haben, sed non est ita. Am Rande 
Inquid Hunayn. 18. Operation um die Sonne oder ein Licht grösser 
als die Sonne bei Nacht su sehen, angewandt von solchen, die sich 
fclr Propheten und Weissager ausgeben. 14. Operatio um die Sonne 
in Flammen stehend zu sehen. 15. cum volueris convertere formam 
hominis in formam symii. Hiebei noch ein capitulum mirabile; quam 
volueris ut vidas homines'et non videant te, et tu ambulabis in 
medio eorum, et per hoc capitulum operantur ilH qui attribuunt 
sibi prophetiam et qui ascribuct sibi divinationem. ib. si vis videre 
ut homines at invicem sint nigrarum speoierum, d.h. dass die Leute 
einander schwarz voricommen. 17. Lampas mirabilia. Hier bricht, 
wie gesagt, das MS. ab. Obige Auszüge und Inhaltsangabe werden 
für den vorliegenden Zweck wohl genügend sein. 

Zum Schlüsse habe ich nur noch eine Beobachtung mitzutheilen, 
die sich auf die Geschichte der HS. bezieht. Auf dem Rücken ist 
ein rundes blaues Schildohen aufgeklebt. Diess bedeutet, dass Docen 
sie untersucht und Glossen in ihr geAinden hat, die er sich für 
künftigen eigenen (Gebrauch in solcher Weise zu notiren pflegte. Ob 
er den Nachtsagen übersehen oder gleich dem Muspilli für einstige 
rfierausgabe zurückgestellt, kann ich nicht entscheiden. 



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Sitzungsberichte 



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MngL bayer. Akademie der Wissenschaften 



ZQ München. 



1ÖÜ7. JJ. Heft n. 



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Sitzungsberichte 



der 



königl. bayer. Akademie der Wissenschaften. 



Philosophisch -philologische Classe. 

Sitzung vom 6. Juli 1867. 



Herr Prantl trägt vor: 
„üeber die Literatur der Aactoritates in der 
Philosophie". 

Schon in den ersten Jahren einer reichhaltigeren Ent- 
&ltnng der Buchdrückerknnst und in den nächsten darauf- 
folgenden Jahrzehenten treffen wir eine ansehnliche Zahl 
von Drucken, meistens ziemlich kleinen Umfanges, welche 
unter dem Titel „Auctoritates" oder „R^pertorium" oder 
y^Dicta notabilia** u. dgL eine Blumenlese philosophischer 
Sätze, zumeist aus Aristoteles, enthalten und sich in manig- 
fachen Wiederholungen oder Variationen sogar bis in das 
17. Jahrhundert fortsetzen. Versuchen wir nun, diesen 
ganzen Zweig der Literatur im Interesse der Geschichte der 
Philosophie zum Gegenstande einer näheren Untersuchung 
zu machen, so wird hiebei selbstverständlicher Weise von 
den gleichzeitigen „Auctoritates theologiae" und den gleich- 
üüa auftauchenden „Auctoritates Galeni" völlig abgesehen. 
[1867.il 2.] 12 



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174 Sitzung der phüos.'phÜd, Glosse vom S. Jtdi 1867. 

Was das Material selbst betriflFt, so standen mir 38 
Drucke zu Gebote, welche sich in folgender Weise in Gruppen 
bringen lassen: 

A. 1) Repertorium sive tabula generalis auctoritatum are- 
stotelis cum commento per modum alphabeti et 
philosophorum. Nürnberg 1490. Petrus Wagner 4. 

2) Repertorium sive tabula generalis auctoritatum are- 
stotelis et philosophorum cum commento per mo- 
dum alphabeti. Coloniae 1494« Henr. Quentel. 4. 

3) Ebenso ebend. 1495. 4. 

4) Auctoritates Aristotelis et aliorum philosophorom 
per modum alphabeti cum notabili commento. Liptzk. 
1503. Wolfgang Monacensis. 4. 

5) Ebenso ebend. 1510. 4. 

6) Repertorium sive tabula generalis authoritatum Ari- 
stotelis et philosophorum cum commento per mo- 
dum alphabeti. Paris 1513. Officina Ascensiana. 4. 

7) Axiomata philosophica Venerabilis Bedae ex 

Aristotele et aliis praestantibus philosophis etc. 
studio Joannis Kroeselii. Ingolstadt 1583. Wolfg. 
Ed6r. 8. 

8) Axiomata philosophica Venerabilis Bedae ex 

Aristotele et aliis praestantibus philosophis 

Quibus accessere theses in diyersis Academiis 

disputatae. Coloniae 1605. Bemard Gualtherus. 8. 

9) Reverendi et clarissimi viri Bedae Piresbyteri Axio- 
mata philosophica ex Aristotele aliisque praeclarissi- 
mis Philosophis. etc. S. 1. 1608. 8. 

10) wie 8) Colon 1616. Bern. Gualtherus. 

11) ebenso ebend. 1623. 

12) Bedae Vener. Opera omnia. Basel. 1563. VoL I. 

13) desgleichen Colon. 1612. Vol. I. 
. 14) und ebend. 1688. Vol. I. 

B. 1) Incipit prologus de propositionibus aniyersalibos 



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PranÜ: Literatur der „Äucioritatea^*. 175 



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Aristotelis. S. 1. et a. 4. ein äosserst alter Druck 
aus einer oberitalischen Offizin). Am Schlüsse sind 
beigedruckt Notabilia artis physionomice, und unter 
W^lassung dieser ist gleichlautend: 

2) Ebenso. Bononiae. 1488. Ugo Bugerius. 4. 

3) Propositiones Aristotelis. Yenetiis. S. a. 4. 

1) Autoritates Arestotelis, Senece, Boetii, Piatonis, 
Apulei Affricani, Porphirii et Gilberti Porritani. 
S. 1. 8. a. 4 (äusserst alt aus einer deutschen 
Offizin). 

2) Ebenso. S. 1. s. a. 4. (etwas jünger). 

3) Ebenso. S. 1. s. a. 4. (wieder aus einer andern 
Druckerei). 

4) Ebenso. Goloniae. 1487. Joh. Guldenschaeff. folio. 

5) Ebenso. Reutlingen. 1488. Michael Gryflf. 4. 

6) Ebenso. Spirae. 1496. Conrad Eist. 4. 

7) Ebenso, mit dem Beisatz denuo summa cum dili- 
gentia fevise et correcte. S. I. 1498. 4 (sicher 
Goloniae bei H. Quentel). 

8) Ebenso. S. I. 1503.4 (gleichfalls sicher bei Quentel). 

9) Autoritates Aristotelis omnium recte philosophan- 
tium facile principis, insuper et platonis, Boetii 
Senece, Apulei Aphricani, Porphirii, Averrojs, Gil- 
berti Poritani nee non quorundam aliorum novis- 
sime castiori studio recognite et pigmentate. Go- 
loniae. 1504. Henr. Quentel. 4. 

10) Ebenso ebend. 1507. 4. 

11) Ebenso ebend. 1509. 4. 

1) Repertorium dictorum Aiistotelis, Averoys, aliorum- 
que philosophorum (in der Dedications-Epistel an 
Hyeronimus Tostinus de Florentiola nennt sich An- 
dreas Victorius Bononiensis als Verfasser). Bononiae. 
1491. Impensa Benedict! de Hectoreis .... et dili- 
gentia Bazalerii de Bazaleriis. 4. 

12* 



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176 Sitzung der phäos.-phüol, Ck^ vom 6. Jtäi 186^. 

2) Prepositiones [sie] ex omnibus Arktotelis libris philo- 
sophie. Moralis. Naturalis, et prime. nee non dia- 
lectice. Rhetorice. et poeticae. diligentissime ex- 
cerpte. et ad certa rerum capita pulcherimo ordine 
per tabellam additam redacte. (Zuerst folgt das 
alphabetische Register von Benedictus Soncinas Ter- 

fassty dann die Propositiones collectae per 

' iratrem Theophilum de Ferrariis Gremonensem.) 
Venetiis. 1493. Joannes et Gregorius de Gregoriis. 4. 

E. 1) Dicta notabilia, et in thesaurum memoriae reponenda, 

Piatonis. Aristotelis. Commentatoris. Porphirii. Gil- 
berti Poretani. Boetii. Senece. Apulei, recens im- 
pressa Quibus addita sunt stupenda Aristo- 
telis problemata philosophis ac medicis roultum 
utilia etc. Venetiis 1532. Sebastianus Vincentinus. 8. 

2) Dicta notabilia Aristotelis et aliorum quam pluri- 

mum [sie] Quibus de recei^ti Addita sunt Mar- 

eiantonii Zimarae Problemata, uoa cum CCG ArisL 
et Averr. propositionibus etc. Venetiis 1536. Divas 
Bernardinus. 8. 

3) Ebenso ebend. 1541. 8. 

4) Aristotelis, et philosophorum complurium aliorum 
Sententiae omnes undiquaque selectissimae. Basileae. 
1541. Robert Winter. 8. (Ein Nachdruck von 1 mit 
Weglassung der Problemata.) 

5) Dicta notabilia sive^ illustriores sententiae ex 

Piatone, Aristotele, et aliis quam pluribus selectae 
etc. Venetiis. 1551. Hieron. Calepinus. 8. 

F. 1) Florum illustriorum Aristotelis ex universa eins 

philosophia collectorum libri tres.. Per Jaco- 

bum Bouchereau Parisinum. Paris 1563. Hier, de 
Marnef. 8. 

2) Ebenso. Francofurdi. 1585. Joannes Wechel. 8. 

3) Ebenso. Ai|;entinae. 1598. Lazarus Zetzner. 8. 



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PranÜ: Literatur der ^,Auctoritates'*, 177 

Betrachten wir nun an diesen Drucken . vorerst die 
ausserlichen literarischen Momente, um hernach auch ein 
paar Blicke auf Eigenthümlichkeiten des Inhaltes zu werfen, 
80 ergibt sich aus juanigfacher Vergleichung zunnchst, 
dasa der Gruppe A eine andere Entstehung zu Grunde 
Hegt, als den Gruppen B und C, aber doch die beiden ur- 
sprünglich verschiedenen Sammlungen alsbald wechsel- 
seitige Entlehnungen und Interpolationen erfuhren, und 
ausserdem erhellt, dass der Gruppe ' A die zeitliche Priorität 
gebürt. 

Nämlich die alphabetisch geordneten Auctoritates ent- 
halten einen ursprünglichen Kern, welcher offenbar bi^ in 
das 14. Jahrhundert zurückfallt. Ja dieser Kern beruht 
nicht einmal auf Lektüre der aristotelischen Schriften selbst, 
sondern ist aus der Controvers-Literatur des genannten Jahr- 
handertes entnommen, d. h. Wer sich in jene Periode der 
Geschichte der Philosophie vollständig eingelebt hat, erkennt 
sofort, dass nur diejenigen Stellen-Citate aus Aristoteles, 
welche seit Thomas und Scotus am häufigsten in den zahl* 
reichen Gontroversen benützt und als „Auctoritäten'* den 
Gegnern gleichsam an den Kopf geschleudert wurden, hier 
in «in kleines Büchlein zusammengetragen sind. Und des- 
gleichen erweisen sich die kürzeren oder längeren Erläuter- 
ungen, welche den einzelnen Auctoritates oder Axiomata 
beigefugt sind, als Excerpte aus den betreffenden Stellen, in 
welchen z. B. Albertus. Magnus oder Thomas v. Aquin oder 
Robert v. Lincoln u. A. ein aristotelisches Gitat besprochen 
hatte. Eine gewisse Tendenz aber ist hiebe! darin bemerk- 
bcir, dass die Richtung, welche mit Dnns Scotus beginnt 
und durch Occam einen gewissen Abschluss erhält, bei dem 
Gompilator der Auctoritates keineswegs Beifall gefunden 
haben muss, sondern derselbe im Gegentheile mehr der 
thomistischen Strömung folgte. Der Gedanke, aristotelische 
Auctoritäts-Stellen auf solche Weise zu sammeln und dann 



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178 Sitzung der phüos.-phüol Classe vom 6. Juli 1867, 

alphabetisch zu ordnen, war für jene Zeit gewiss nicht un- 
praktisch; denn so konnte nun zum Behufe einer Schal- 
Disputation auch der Unbelesenste in geschwindester Manier 
eine staunenswerthe Gelehrsamkeit zur Schau tragen (ähn- 
lich wie es für die Parlaments-Redner Englands noch jetzt 
Zusammenstellungen von loci communes gibt^ aus welchen 
der Glanz einer ausgedehnten Belesenheit in classischer 
Literatur geschöpft werden kann). ' 

In Folge solcher Entstehung enthielt die alphabetische 
Sammlung ursprünglich auch nur solche Auctoritäts-Stellen, 
welche schon vor der Renaissance-Periode zugänglich und 
in Umlauf waren. So sind es natürlich vor Allem Citate 
aus Aristoteles, zu welchen erklärlicher Weise das Organen 
(mit Einschluss des Porphyrius und des Gilbertus Porre- 
tanus), die Metaphysik, die Physik und die Bücher De 
anima das grösste Contingent liefern, während die Bücher 
De coelo bereits eine geringere, die Bücher D. gener. et 
corr. wieder eine geringere und Meteor. Die geringste Ver- 
tretung finden. An diesen Bruchtheil der Gesammtsdiriften 
des Aristoteles mussten sich nicht bloss das Buch De causis, 
sondern hauptsächlich auch die Gommentare des Averroes 
zu den genannten aristotelischen Werken und auch die 
Schrift De substantia orbis anreihen. Ausserdem aber finden 
wir, — um von einigen Dutzend herrenloser Citate od» 
solcher, welche als „communis regula^' bezeichnet sind, ab- 
zusehen — noch angeführt : Aristoteles D. gener. an., Probl., 
Pseudo-Arist. D. propr. elem., Secreta secr., Boethius D. 
divis., D. defin. D. difif. top., Euklides, Priscianus, Augu- 
stinus, Anastasius, Isidorus, Anseimus, Hugo v. S. Victor, 
Alanus, Avicenna, die „Alchimisten'*, Wilhelm v. Paris, 
Robert v. Lincoln, Albertus Magnus, Thomas v. Aquin, 
Petrus Hispanus, A^idius Romanus, Sacroboscus (jedoch 
sämmtliche nur je Ein, höchstens zwei Mal, und Avicenna 
fünf Mal). Und sowie wir bedenken müssen, dass all diese 



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JPranÜ: Literatur der „Äuctaritates''. 179 

Autoren im. 14. Jahrb. als Auctoritäten äusserst geläufig 
waren, so ist auch sehr zu beachten, dass in sämmtlichen 
übrigen Gruppen dieser Auctoritates-Literatur kein einziges 
von diesen letzteren Citaten wiederkehrt. Dass übrigens 
der Verfasser einer Gompilation, welche auch die genannten 
Schriftsteller des 13. und 14. Jahrhunderts anfuhrt, nicht 
Beda Venerabilis, welcher im Jahre 735 starb,- sein könne, 
bedarf keiner ausdrücklichen Erwähnung ; auch hat schon 
der äusserst fleissige Oudin (Scriptt. eccl. Vol. I, p. 1687) 
dieses chronologische Missverhältniss bemerkt. Möglicher 
Weise war es irgend ein „Presbyter Beda'*, welcher im 
14. Jahrb. ein solches Schriftchen zusammenstoppelte und 
hiedurch die Verwechslung hervorrief, vermöge deren auch 
in den Drucken A, 1—6 auf der nach dem Titelblatte 
folgenden Seite stets venerabilis Beda presbyter als Heraus- 
geber genannt ist; aber mir wenigstens ist ein Autor dieses 
Namens aus jener Zeit nicht begegnet. 

Aber dieser ursprüngliche Kern der alphabetischen 
Auctoritates, welcher nur mittelalterlich-aristotelische Litera- 
tur enthielt, wurde zur Zeit der Renaissance allmälig durch 
neue Zusätze bereichert, wahrscheinlich schon in Hand- 
schriften, sicher aber in den ersten Drucken. Und sowie 
wir Grund zur Vermuthung haben, dass die primitive Ge- 
stalt dieser Auctoritates in den Thomistischen Schulen zu 
Paris und namentlich zu Cöln entstanden, so dürften wir 
schwerlich irren, wenn wir annehmen, dass die Bereicherung 
und Interpolation von Oberitalien aus stattfand. Zunächst 
schon äusserlich kündigen sich Zusätze dadurch an, dass 
am Schlüsse der einzelnen Buchstaben noch zahlreiche Auc- 
toritäts-Stellen beigefügt sind, welche im Gegensatze gegen 
die übrigen eines Commentares entbehren und zuweilen auch 
unter der üeberschrift „Sequuntur auctoritates simpliciter 
verae" eingeführt sind. Der Buchstabe ist der letzte, 
welcher eine solche Vermehrung zeigt, und bei den folgen- 



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'180 Sitzung der phOos.-phüdl. Clam wm 6. JuU 1867. 

den war der Interpolator offenbar schon etwas «rmüdet. So- 
dann aber bestätigt sich der Charakter der Interpolation 
durch den Nachweis der Herkunft dieser Zusätze, weldier 
durch folgende Erwägung sich ergiebt : Die Gruppe A, d. h. 
die alphabetischen Drucke, enthält nahezu 1100 Auctoritäts- 
SteHen, während die Gruppen B und C deren gegen 2700 
aufzeigen ; dabei aber ist es selbstverständlich, dass mehrere 
Stellen beiden Sammlungen gemeinsam sind, und zwar ist 
diess in dem ursprünglichen Kerne der alphabetischen 
Sammlung bei ungefähr 175 Stellen der Fall; hingegen die 
erwähnten Zusätze, welche am Schlüsse den einzelnen Buch- 
staben beigefügt sind, und deren Zahl zusammen 210 be- 
trägt, kehren nahezu sämmtlich (d. h. 207 unter den 210) 
in der anderen Sammlung wieder. Und es wird dieser Um- 
stand um so entscheidender, da ein kleinerer Theil dieser 
Zusätze -aus Schriftwerken excerpirt ist, welche genau in 
der nämlichen Stellen-Zahl in den Gruppen B und G ver- 
treten sind, nämlich aus des Aristoteles Hist. an., Oecon. 
und Poet., aus den pseudo-aristotelischen Schriften De bona 
fortuna. De pomo et morte, De regimine prindpum, aus 
dem platonischen Timäus (d. h. Ghalcidins) und aus Apa- 
lejus D. deo Soor, zusammen sind es 36 Stellen, deren Auf- 
treten in der alphabetischen Sammlung sdilechterdings da- 
mit zusammentrifft, dass dieselben auch der nicht-alphabeti- 
schen Sammlung gemeinsam sind. Und bei einer anderen 
Classe von Citaten besteht das nämliche Verhältniss, nur 
in geringerem Grade, indem von ungefähr 245 Stellen, 
welche aus des Aristoteles Pary. nat., Eth. Nie, Polit., 
Rhet., aus Seneca, aus Boethius D. cons. phil., und aus 
Pseudo-Boethius D. diso, schol. zusammen entnommen sind, 
etwa sieben Zehntel (d. h. ungefähr 170) zur Zahl der 
späteren Zusätze gehören, welche den beiderseitigen Samm* 
lungen gemeinsam sind. 

So nöthigt uns gleichsam eine statistische Betrachtung 



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Prana: LUeratur der ,,ÄueU}r%tate8". 181 

der Stellen beider Sammlungen zu dem Sdilusse, dass der 
ursprüngliche Kern der Gruppe A schon früh aus den 
Gruppen B und C bereichert wurde, indem man von dort 
her einen neuen Umkreis aristotelischer Werke und anderer 
bis dahin nicht benutzter Autoren behufe der „Auctoritates'^ 
beizog. 1Seit einer solchen ersten Verschmelzung zweier ur- 
sprünglich verschiedener Sammlungen wurde dann in einigen 
ziemlich unbedeutenden Einzelnheiten auch wieder die nicht- 
alphabetische Sammlung aus der alphabetischen bereichert, 
so dass die vorhin erwähnten Zahlen-Verhältnisse in ein- 
zelnen Drucken kleine Schwankungen zeigen. 

Diese Gruppen B und C nun, welche unter sich in ver- 
WMidtschaftlichem Zusammenhange stehen,, weisen örtlich 
auf Italien und inhaltlich auf ein von der Gruppe A ver- 
schiedenes Entstehungs-Motiv hin. Nemlidi innerhalb der 
Gruppe B gehört der älteste Druck (Bl) ebenso gewfss 
einer sehr frühen Periode der Typographie als einer italieni- 
schen Offizin an, und er ist überhaupt die älteste unter den 
nidit-alphabetischen Sammlungen, in welchen die ,,Auctori- 
tates^' oder, — wie man sie in Italien lieber genannt zu 
haben scheint — , die „Propositiones universales*' nach einer 
gewissen Reihenfolge der Büdier, denen sie entnommen 
waren, geordnet erscheinen. So finden wir in diesem und 
in dem mit ihm gleichlautenden Bologneser Drucke (B2) 
Auctoritäts-Stellen aus: Arist. Metaph., Phys. ausc., D. coel., 
D. gen. et corr., Meteor., D. an., Parv. nat., wobei nach 
jedem einzelnen dieser Bücher, mit Ausnahme der vier 
Bücher Meteor., jedesmal einige Stellen aus dem betrefiFen- 
den Gommentare des Averroes folgen, dann aus dem Buche 
De causis, dann Arist. Eth. Nie, D. bon. fort., Oecon., 
Polit., Rhet., Poet, nach welch letzterer wieder Averroes, 
hierauf aus Pseudo-Arist., Secr. secr., D. reg. princ, D. 
pomo et morte, sodann aus dem Organen mit Einschluss 
des Porphyrius und des Gilbertus, hernach aus Arist. 



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182 Sitsung der phOos.-phiM. (Masse vom 6. JM 1867. 

Eist, an., Averr. D. sahst, orb., Seneca ad. Lac, de mor., 
d. form, vit., d. beaef., d. remed. fort., Boeth. D. oons., 
D. disc. BchoL, Plato Tim. and aas Apul. d. deo Socr. Der 
Druck B 3, welcher von Farv. nat. an die Reihenfolge mehr- 
fach ändert and insbesondere Poet., Bhet., and das Organon 
an den Schlass des Ganzen stellt, fügt aach noch Arist De 
mot. anim. and Fs.-Arist. De plantis and De proprietatibas 
elementoram ein. Und mit diesem letzteren Drucke ist nun 
die ganze in Deutschland gedruckte Gruppe C wes^Üicfa 
identisch, nur ist die Schrift D. propr. elem. wieder weg- 
gelassen und die Reihenfolge der Bücher in einige Punkten 
geändert, sowie auch Averr. zu Meteor beigezogen und ausser- 
dem kehrt hier die Titel-Bezeichnung des Ganzen als „Aoctori- 
tates'' wieder. Es sind nemlich die sämmtUchen Drucke, 
welche zur Gruppe G gehören, in Zahl, Reihenfolge und 
Formulirung der Autoritäts-Stellen unter sidi völlig gleidi, 
und die in dieser Beziehung waltende Uniformität ist da- 
durch nicht gestört, dass die bei Heinrich Quentel erschie- 
nenen Drucke, d. h. C, 8 — 11, einige Eigenthümlichkeiten 
zeigen. Nemlich in denselben ist die erklärende Begründung 
der einzelnen Stellen manchmal durch kleine Zusätze be- 
reichert, und am Schlüsse des Ganzen eine Commendatio 
philosophiae Aristotelis cum eiusdem vita et moribus nebst 
einem (gräulichen) Carmen de operosa virtute beigefugt; 
und jener thomistische Aristotelismus, dessen hauptsächlidie 
typographische Stütze damals QuentePs Offizin war (— mehrere 
anderweitige Drucke Quentel's zeigen auf dem Titelblatte 
ein Bildniss des Thomas v. Aquin, aus dessen Munde sidi 
ein Zettel mit der Aufschrift entfaltet, dass ausschliesslidi 
nur Thomas die Quelle aller philosophischen Wahrheit 
sei — ), zeigt sich hier darin, dass vor den der Politik des 
Aristoteles entnommenen Auctoritäts- Stellen eine zienüich 
heftig geschriebene „Ezplosio Platonis^' eingefügt ist; aber 
auch die anerkennenswerthe Neuerung finden wir in diesen 



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FranÜ: Literatur der „Äuctoritates^'. 183 

Drucken, dass als Verfasser der Schrift De disdpl. scho- 
lariam hier nicht mehr Boethius, sondern Thomas Braban- 
tinns genannt ist. 

Jener schon erwähnte Umstand aber, dass innerhalb 
der Gruppen B und C der älteste Druck aus einer ober- 
italienischen Druckerei hervorgieng, ist weder zufällig noch 
yereinzelnt, sowie überhaupt für das Ende des 15. und den 
Anfang des 16. Jahrhui^derts die Beachtung der Druckorte 
manchen interessanten Blick auf die örtliche Verbreitung 
verschiedener Partei- Ansichten werfen lässt. Italien, die 
früheste und hervorragendste Oertlichkeit der Renaissance, 
lieferte die ersten Gesammt- und Special-Ausgaben der 
aristotelischen Werke, und hier zuerst lernte man, — ab- 
gesehen vom Organen — , den Aristoteles nicht aus den 
Gommentaren und Controversen eines Thomas und Scotus 
und Anderer, sondern aus dem Texte selbst kennen. So 
auch schuf man sich zum Behufe der üblichen Schul-Dispu- 
tationen eine Sammlung aristotelischer Auctoritäts-Stellen, 
welche unmittelbar aus den Drucken aristoteUscher Schriften 
selbst geschöpft war, ein Geschäft, welches damals jeder 
Setzer oder wenigstens jeder Vorsteher einer Di-uckerei be- 
sorgen konnte, denn diese Leute standen hinreichend auf 
der gelehrten Bildung ihrer Zeit, um sich während des 
Druckes oder der Gorrectur hauptsächliche und hervor- 
stechende Stellen des Autors, welchen sie druckten, zu 
notiren und zusammenzuschreiben. Für den Leser solcher 
Sammlungen war allerdings auch diess eine wohlfeil errun- 
gene Belesenheit, wenn er in etwa 3000 Zeilen den ganzen 
Aristoteles, Averroes, Boethius, den halben Seneca und noch 
ein paar andere vielgenannte Schriftwerke beisammen hatte. 
Aber während hierin an praktischer Brauchbarkeit die 
Gruppen B und G dem alphabetisch geordneten Stoffe der 
Gruppe A nicht nachstanden, hatten sie den Vorzug, dass 
sie aus den betreffenden Quellenschriften selbst geschöpft 



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184 Sitgung der phOos.-phiM. Classe vom ß, JuU 1867. 

waren. Ja man hat es in italienischen Druckereien (z. B. 
in der Offizin dw Gebrüder de Gregoriis zu Venedig) zu- 
weilen auch zweckdienlich gefunden, dem Text- Abdrucke 
einer lateinischen Uebersetzung eines aristotelischen Werkes 
noch die betreffenden „Auctoritates" aus demselben nach- 
folgen zu lassen, welche dann im Ganzen so sehr mit den 
Stellen in den Gruppen B und C übereinstimmen, dass man 
auf den Gedanken kommen könnte, diese letzteren seien 
überhaupt nur Abdrücke solcher Zusammenstellungen, weldie 
am Schlüsse einzelner Text-Ausgaben sich finden. Jedoch 
erscheinen derartige „Auctoritates'' in den Drucken der 
aristotelischen Texte viel zu selten, um eine solche An- 
nahme möglich zu machen, und weit eher ist an das um- 
gekehrte Verhältniss zu denken, d. h. dass die Sammlungen 
der Auctoritates benützt wurden, um die Ausgabe eines ein- 
zelnen Buches am Schlüsse mit den es betreffenden Aucto- 
ritäts-Stellen zu schmücken. 

Unter Bewahrung einer gewissen Selbstständigkeit knüpfte 
an die Gruppe B, d. h. an die italienischen Drucke, der 
Bolognese Andreas Victorius (D, 1) an, welcher nicht bloss 
die Schrift De reg. princ, sondern auch Boeth. D. cons. 
und De disc schol. und den platonischen Timaeus bei Seite 
liess, und ausserdem das Uebrige in einer zuweilen umge- 
stellten Reihenfolge vorführte. Und gleichfalls auf der 
italienischen Grundlage baute Theophilus de Ferrariis (D, 2) 
fort, welcher unter Wiederaufnahme des dort üblicheren 
Titels „Propositiones** nun ausser Boethius und Plato auch 
den Seneca und den Apulejus hinwegliess und somit sich 
wesentlich auf die eigentlich aristotelische Literatur (d. h. 
mit Einschluss des Averroes, Porphyrius und Gilbertus Por- 
retanus) beschränkte, wobei uns nur auffallen mag, dass 
die Poetik hier unberücksichtigt blieb, während sogar die 
sog. grosse Ethik beigezogen ist. Eben aber innerhalb der 
Beediränkung auf Aristoteles ist diese Auotoritäten-Samin- 



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iVontZ: Literatur der „AuctoritiUet'. 185 

lang bei weitem die reichhaltigste von allen; und indem 
gleichsam säramtliche citirbaren Kemstellen in der Reihe, 
wie sie in den Texten nacheinander folgen, zusammengestellt 
sind, kann man das Ganze, welches nahezu 10,000 Stellen 
enthält (z. B. aus dem Organon bei 2100, aus Metaph., 
Phys. ausc, Eth. Nie. ungefähr je 1100 u. s. f.), als einen 
ziemlich vollständigen und auf Text-Lectüre beruhenden 
Auszug aller aristotelischen Werke bezeichnen. Zugleich 
aber wurde mit diesem Vorzuge grösster Ausführlichkeit 
auch das praktische Moti? der alphabetischen Sammlungen 
verbunden, indem Benedikt Soncinas jene 10,000 Stellen 
nach ihren Schlagworten in alphabetische Ordnung brachte, 
und somit zur Bequemlichkeit des Auffindens brauchbarer 
Auctoritäts-Stellen ein Register, welches allein 102 Seiten 
fällt, vorangedruckt wurde. Dass die philosophische Partei« 
Stellung auch bei dieser Sammlung dem Thomismus zu- 
gewendet war, erhellt aus mehreren Stellen derselben; ja 
auch Gratiadei von Ascoli findet hier eine reichliche Ver- 
wendung. • 

Hingegen wieder oine Rückkehr zur Gruppe B hat 
stattgefunden in der Gruppe E , wo wir die sämmtlichen 
anderweitigen Autoren wie dort aufgenommen finden. Nur 
ist die Reihenfolge der Abschnitte darin wesentlfch geändert, 
dass mit Poet, und Rhet. begonnen wird und dann sogleich 
das Organon folgt; auch sind bei einigen aristotelischen 
Sdiriften nicht sämmtliche Stellen aufgenommen, welche in 
jener älteren Sammlung sich finden, hingegen z. B. bei 
Seneca ein paar neue Stellen hinzugefügt. 

Endlich insoferne in Bouchereau's Sammlung (Gruppe F), 
welche sich wieder ausschliesslich auf Aristoteles beschränkt, 
eine Auswahl aus dem reichen Materiale des Theophilus de 
Ferrariis in inhaltliche Gesichtspunkte zusammengestellt ist, 
entfernt sich dieselbe bereits einigermassen von dem eigent- 
lichen Charakter der früheren „Auctoritates'^ und nähert 



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186 Siieung der phüos.-phüöl. Classe vom 6. Juli 1867. 

sich eher einem selbstständigen Werke, welches nach Mass- 
gabe und Fähigkeit des 16. Jahrhunderts eine Darstellaag 
der g^ammten aristotelischen Philosophie genannt werden 
könnte. 

In literargeschichtlichcr Beziehung aber muss noch be- 
sonders hervorgehoben werden, dass der ganze Gomplex der 
Auctoritates in yerwandtschaftlicher Weise mit zwei and^- 
weitigen. Zweigen von Schriften zusammenhängt. Vorerst 
nemlich ist es die Literatur der damals sogenannten Pro* 
blemata ( — oder wie die Schreibweise häufig lautete, „Pro- 
bleumata^O Aristotelis^ welche ja auch in obigem Drucke 
£, 1 eine Aufnahme unmittelbar neben den Dicta notabilia 
gefunden hatten. Und in der That war diess nidit due 
bloss äusserliche Zusammengehörigkrit, sondern diese Pro« 
blemata bildeten wirklich eine Ergänzung der üblichen 
„Auctoritates^S insoferne jenes eigenthttmliche Sammelwerk, 
welches unter dem Titel ^,Problemata'' in den aristotelischen 
Schriften enthalten ist, durchaus nie zu den Sammlung^ 
def Auctoritäts-Stellen benätzt worden war. Aber diese 
aus dem Alterthume überlieferten Probleme des Aristoteles 
waren nur die äussere Veranlassung der sog. „Probleumata 
Aristotelis*', und diese letzteren, welche in der Incunabel- 
Zeit und den nächstfolgenden Jahrzehenten äusserst häu% 
gedruckt wurden (— mir kamen 34 Drucke, darunt^ 4 
deutsche üebersetzungen, vor — ), sind Nichts w^ger, als 
etwa Ausgaben der aristotelischen Probleme, sondern es 
sind Fragen, deren wohl sehr viele dorther entnommen 
werden konnten, aber deren wieder ein grosser anderer 
Theil aus anderweitigen naturwissenschaftlichen Schriften 
des Aristoteles geschöpft ist. Und die Beantwortung dieser 
Fragen, welche zuweilen aus Aristoteles selbst, aber häufiger 
aus Avicenna, Averroes, Galenus, einige Male auch aus 
Albertus Magnus entlehnt ist, zeigt uns deutlich, dass diese 
ganze Ergänzung der Auctoritates von der damaligen medi« 



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PrmÜ: LiUratwr der ^uetaritate^'. 187 

cinischen Wissenschaft ausgieng. Aber eine erklärliche Rück- 
anknüpAing an die Richtong der Aactoritates erkennen wir 
darin, dass in einem Theile dieser Ausgaben der Problen- 
mata die oben erwähnte Abhandlung de Aristotelis vita et 
moribus aus den Köhier^Drucken in metrischer Bearbeitung 
Aufiiahme fand und hinwiderum in mehreren anderen Aus- 
gaben die Problemata des Marcus Antonius Zimara nebst 
der von eben demselben veranstalteten Sammlung von 300 
Sätzen des Aristoteles und des Averroes beigefugt wurden. 

Ein zweiter Zweig aber, mit welchem im damaligen 
Schulbetriebe die ,^Auctoritates'' zusammenhiengen, war die 
höchst ausgedehnte Literatur der sog. Thesen, und sowie 
die oben erwähnten Drucke A, 8, 10 und 11, welche auf 
dem Titelblatte das bekannte Jesuiten-Zeichen tragen, un- 
mittelbar an die Axiomata eine lange Reihe von Thesen 
anknüpfen, welche seit 1592 in verschiedenen Jesuiten- 
Schulen verhandelt worden waren (— Theses disputatae — ), 
so treffen wir in der That fast eine Unzahl von Thesen- 
Drucken, welche bald Proposita, bald Assertiones, bald 
Positiones betitelt sind, und disputable Sätze aus aristoteli- 
sdier Logik, Physik und Ethik in näherem oder entfern- 
terem Anschlüsse an die übUchen „Auctoritates^' enthalten. 
Dass diese Praxis der Schul-Disputationen sich allmälig in 
abgesdiwächter Form zu den noch jetzt üblichen Promo- 
tions-Thesen umgestaltete, ist ebenso selbstverständUch, als 
dass auch die protestantische Universitäten, welche als 
Universitäten überhaupt den Scholasticismus der Vorzeit 
nur in das Protestantische übersetzten, an dieser formellen 
Tradition sich reichlich betheiligten. Hingegen ein tieferer 
cnlturgeschichtlicher Faden liegt darin, dass der Standpunkt 
der Jesuiten, ans deren Schulen im 16. und 17. Jahrb. bei 
weitem die grössere Zahl der Thesen-Literatur hervorgieng, 
im Allgemeinen nur eine getreue Fortsetzung des Thomis- 
mus (d. h. der Dominikaner) war. Und diese Erwägung 



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188 Sitzung der phOosrphiM. CUme vom 6. JuU 1867. 

mag uns den üebergang zu einigen inhaltlichen Betracht- 
ungen machen, welche dem Leser der Literatur der ,^ac- 
toritates*^ sich aufdrängen. 

Insoferne nemlich in dem Paris-Kölner und dem ober- 
italienischen Thomismus, welch letzterer in manchen Ponk- 
ten auch mit dem Averroismus einen ziemlidi unvorsichtigeii 
Frieden eingieng, der inhaltliche Qrundton der sämmtlidien 
Auctoritates-Literatur liegt, kann dieselbe einen kleinen 
Beitrag zur Kenntniss der Renaissance-Zeit und des 16. Jahr- 
hundertes, d. h. äberhaupt einer Periode liefern, deren 
Detail-Erforschung bezüglich der Philosophie immerhin noch 
als eine der Wissenschaft erst obliegende Angabe beseich- 
net werden darf. Denn sowie man bisher in der Geschichte 
der Philosophie selbst bei ausführlicherer Darstellui^ den 
Üebergang von Occam oder etwa auch von Johannes Gerson 
und Raimund von Sabunde bis zu Baco v. Verulam und 
Descartes etwas allzu rasch zu bewerkstelligen pflßgt, und 
auch nur sehr wenige Monographien üb^r einzelne der da- 
zwischen hegenden zahlreichen Mittel-Formationen yerfasst 
wurden, so liegen überhaupt noch (-^ ohne üebertreibung — ) 
Hunderte von Drucken aus jener Zeit vor, welche wohl ein 
lautes Zengniss über den damaligen eigenthümlichen Zu- 
stand der Philosophie ablegen, aber bis jetzt für die ge- 
schichtliche Wissenschaft noch nicht benützt wurden. Einen 
grossen Theil derselben wird allerdings die Geschichte der 
Logik noch verwerthen müssen, aber indem dieselbe die 
Gränzen ihres speziellen Gegenstandes nicht überschreiten 
darf, kann sie gewissermassen nur eine Probe oder eine 
Anreizung zur Behandlung des übrigen Restes darbieten. 
Ein unscheinbarer Nebenpunkt aber, welcher in seiner be- 
schränkten Weise sich auf die ganze Philosophie (d. h. auf 
Logik, Metaphysik, Physik, Psychologie, Ethik, Politik) er- 
streckt, beruht in der Literatur der Auctoritates. 

Im scholastischen Mittelalter war theologisirende Sdiul- 



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iVofiil; Literafur der ^^Äudaritates'*, 189 

Philosophie die einzige Existenzweise der Philosophie über- 
haupt. Diess äijderte sich hernach, insofeme von dem 
wied^^rwachenden Alterthüme und von Mathematik und 
Naturstadium her in freierer Strömung eine anderartige 
Zett-PhiloBophie danebentrat; aber die Aendernng bestand 
nidit darin, dass etwa, wie mai) gemeinigh'ch anzunehmen 
Bdieint, seit dem Anfange des 16. Jahrhunderts die Scho- 
lastik zu Orabe getragen sei (oder, wie eine beliebte Phrase 
lautet, dass der Tübinger Gabriel Biel der letzte Schola- 
stiker gewesen sei). Den besseren Theil hatten in jener 
denkwürdigen Periode der Renaissance jedenfalls die Hu- 
manisten erwählt, aber sie übten vorerst keinen unmittel- 
baren Einfluss auf die Zeit-Philosophie aus, geschweige 
denn überiiaupt irgend einen Einfluss auf die Schul-Philo- 
sophie; und auch die platonische Akademie der Mediceer 
bradite in der Tradition des philosophischen Schulunter- 
richtes noch weit weniger eine Aenderung hervor, als ehe- 
dem das analoge Unternehmen des Julianus Apostata. Andrer- 
seits war in Naturkunde und insbesondere Arzneiwissenschaft 
bereits während der scholastischen Periode neben Avicenna 
auch Oalenus getreten, und die Renaissance fügte sofort 
die Werke des Hippokrates hinzu (allerdings vorerst in 
lateinisdier Uebersetzung und erst 3 — 4 Jahrzehente spater 
im griechischen Originale), so dass in der That eine Reihe 
reformatorischer Bestrebungen in der Philosophie auf Chemie 
und hippokratische Humoral - Theorie zurückweist. Aber 
während es häufig unser Staunen erregt, mit welch aus- 
gedehnter medizinischer Belesenheit im 16. Jahrhundert 
z. B. die psychologischen Fragen von Averroisten und Anti- 
Averroisten, von Nioht-Aristotelikern und auch einigen Ari- 
stotelikem besprochen wurden, so erfuhren alle dergleichen 
Qrundsätze und Meinungen, welche sich von den aristoteli- 
schen vier Elementen abwendeten und neue phTsikalische 
Kategorien-Tafeln oder anderweitige Grund-Elemente auf 
[1867. IL 2.] 13 



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190 Sitzung der phüos.-phiM. Gasse ^com 6. Juli 1867. 

zustellen versuchten, seitens der Schul-Philosophie nar eine 
gänzliche und principielle Nichtbeachtung. ^ 

Die Katheder-Philosophie War nun nicnt mehr, wie im 
Mittelalter, zugleich die Zeitphilosophie, und die Inhaber 
der philosophischen Lehrstühle waren nicht die Träger des 
allmäligen Fortschrittes der Philosophie, sondern nur die 
Vertreter einer älteren und bereits stagnirenden Tradition. 
Und indem sich der fortschreitende Aufischwung der Philo- 
sophie gerade ausserhalb der Hörsäle in indiyiduell gefärb- 
ten schriftlichen Schöpfungen vollzog, erklärt sich sowohl 
die Polemik der erwachenden Selbstständigkeit g^en den 
Schul-Schlendrian als auch die Verfolgungswutii der Ka- 
theder-Philosophen gegen die kühnen Neuerer. Was der 
studirenden Jugend, welcher z. B. auch Plato verschlossen 
blieb, als philosophischer Unterricht dargeboten wurde, be- 
stand immerfort noch entweder in thomistischcm oder in 
scotistischem Aristotelismus oder in sonstigen geistlosen Ez- 
cerpten aus Aristoteles auf Grundlage der verschiedenen 
sog. Parvuli (Parvulus philosophiae naturalis, Parvulos phi- 
losophiae moralis). Und solch magere und verschrobene 
aristotelische Tradition schleppte sich an den protestanti- 
schen Universitäten ebenso sehr wie an den katholischen fort, 
während und nachdem bereits Baco, Descartes, Spinoza und 
Leibniz in der Literatur aufgetreten waren; nur in Frank- 
reich fand der halbaugustinische Cartesianismus ^ne Auf- 
nahme in den Hörsälen und Schulbüchern der Philosophie 
bis weit über Port-Royal hinab. In Deutschland aber war 
erst seit Wolflf der Fortschritt der Philosophie selbst im die 
Universitäts-Lehrstühle geknüpft, und jene nemliche Zeit 
war es auch, in welcher ei*st eine gründlichere Beseitigung 
der Scholastik eintrat. 

Aber eben zu jener nach dem angeblichen Tode der 
Scholastik noch lange fortlebenden Scholastik gehört auch 
die Literatur der Auctoritates. Bedenkt man, dass damals 



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Pranü: lAterahtr der ^Äuctoritatea'^, 191 

Didit das gesohiditliche Interesse der Forschung der Be- 
stimmungsgrand war, Etwas durch den Druck zu ver- 
vielfaltigen , sondern dass man eben druckte, was irgend- 
wie im Gebrauch war, so trifft mit der langen Dauer 
der Zeit, in welcher „Auctoritates^* gedruckt wurden^ eine 
ebenso lange fortgesetzte praktische Benützung derselben 
zusammen^ und wir werden sicher keinen Fehlschluss 
machen, wenn wir annehmen, dass auch bereits längere 
Zeit vor dir Praxis der Buchdruckerkunst Aehnliches hand- 
sdiriftlich in Umlauf war. Im Gebrauche aber war diese 
Literatur bei den thomistischen Prädikanten sowohl zum 
Behelfe der Prediger als auch zur philosophischen Dressur 
der Studirenden, wie diess in der Vorrede der nicht-alpha- 
betischen Sammlungen deutlich ausgesprochen wird: „In- 

cipit prologus compendii auctoritatum pro usu intro- 

ductionis thematum ipsorum praedicatorum ad populum 
simul ac in artibus studere volentium. Cum enim aristote- 
licae sententiae tam ad populum praeflicanti (an einer 
anderen Stelle wird hiefur auch das Wort arenga gebraucht) 
quam in )irtibus studenti non modicum fulgentioris cogni* 
tionis cuiuslibet scientiae praebeant robur et fulcimen, ideo 
in praesentiarum pro magistralibus brevibusque sermonum 
introductionibus*' etc. etc. (d. h. der Satz ist ein in allen 
in Deutsdiland erschienenen Drucken gleichlautendes Ana- 
koluth). Reichen sidi so der homiletische und der Schul- 
Zweck gegenseitig die Hand (s. z. B. die Verbindung des 
Predigt-Stiles und der Logik bei Antonius Andreas; m. 
Gesch. d. Log. Bd. III, S. 277), so verhielt sich inhaltlich diese 
ganze Richtung aus Grundsatz spröd gegen die Renaissance 
und deren Wirkung auf die Philosophie. Dmiu wenn auch 
einige rhetorische „purpurei panni" aus anderen classischen 
Autoren allmälig in diese Schul-Literatur Eingang gefunden 
(z. B. die allbekannten horazischen Worte „ampullae^' und 
„sesqüipedalia yerba")> »o springt in philosophischer Be- 

18* 



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192 SiUung der phHos.-phüol. Classe vom 6, Juli 1867, 

Ziehung vor Allem die grundsätzliche Nichtberäeksichtigang 
der Schriften Plato's in die Augen. Indem die Auctoritäts- 
Stellen ,aus dem Timäus (d. h. aus Ghalcidius) hi^egen 
wahrlich keinen Einwand liefern, da ja bekanntlidist die 
Uebersetzung des Ghalcidius dem Mittelalter vom ersten 
Anfang an bekannt war, sa verbleiben die „Auctoritates'^ 
bezüglich Plato's gerade vollends bei der mittelalterlich^i 
Tradition, obwohl die platonische Dialoge bereits seit 1483 
in der lateinischen Uebersetzung des Marsilius Ricinus ge- 
druckt vorlagen (Drucke des griechischen Original-Textes 
erschienen erst 30 Jahre später), und obwohl in sehr be- 
nachbarter Nähe der venetianischen und der bologneser 
Druckereien die platonische Akademie der Mediceer eine 
]:eichhaltige und fast erschütternde Bewegung in der Philo- 
sophie hervorgerufen hatte, piese thomistischen Prädicanten 
wiederholten unbeirrt nur dasjenige, was seit dem Einfluss 
der Araber die Majorität des ganzen Mittelalters stets ge- 
than hatte; denn alle thomistischen und halb-thomistischen, 
sowie alle scotistisch^ und halb-scotistisdien Aristoteliker 
stimmten in logischer Verwerfung der platonischen Ideen- 
Lehre überein (s. m. Gesch. d. Log. Bd. III, S. 125, 236, 
240, 249, 292 f., 309, 316 ff., 325, 358). Auch wurde ja 
als brauchbare Beisteuer zur antiplatonischen Tendenz dem 
Kölner Buchdrucker Queutel von irgend Jemandem jene 
oben erwähnte „Explosio Platonis^' aus Firmianus (d. h. 
Lactantius) zur Verfügung gestellt, in welcher die platonische 
Ehe- und Eindergemeinschaft vom christlichen Standpunkte 
aus verurtheilt ist. 

Indem man somit in den „Auctoritates'^ die platonische 
Philosophie überhaupt grundsätzlich ignorirte, sdiöpfte man 
nicht einmal die vier Cardinal-Tugenden aus der ursprüng- 
lichen Quelle, sondern merkwürdiger Weise ans jenen apo- 
kxTphen Briefen an den Apostel Paulus, welche im ganzen 
Mittelalter schon seit Johannes von Salesbury für ein Er- 



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Prantl: Liierafur der .,Auctor%tates^^. 193 

zengniss des Seneca gehalten wurden. Nemlich während 
man die Lehre von den Oardinal-Tugenden natürlich aus 
Augustinus hätte entneiimen können, welcher bekanntlich der 
Urheber dieser christlichen Wendung der platonischen Ethik 
war, scheint man die Auetoritat eines „Philosophen" der- 
jenigen eines Kirchenvaters vorgezogen zu haben und so 
mochte sich neben Boethius, welcher gleichfalls als Christ 
und als Verfasser der Sdirift De trinitate galt, ganz be- 
sonders der vermeintliche Christ Seneca empfehlen, auf 
dessen übrige Schriften von den Pseudonymen Büchern her, 
deren wirklicher Verfasser wahrscheinlich der Portugiese 
Martinus von Braga im 6. Jahrhundert war, der christliche 
Nimbus übertragen wurde. Wenn somit <iie Beiziehung des 
Seneca bei oberflächlichem ersten Blicke wie eine Ausnahme 
von der Verschmähung der Renaissance erscheint, so klärt 
sich die Sache durch die im Mittelalter über Seneca all- 
gemein verbreitete Meinung völlig auf, und wir dürfen^ mit 
Entschiedenheit behaupten, dass die Vertreter der Aue- 
toritates-Literatur von den vorhergegangenen und gleich- 
zeitigen Strömungen der Renaissance überhaupt schlechter- 
dings Nichts wissen wollten, und sowie unter allen Drucken 
nur der einzige jüngste Venetianer (E, 5 aus d. J. 1551) es 
ist, in welchem den üblichen aristotelischen Auctoritäts- 
Stellen einige Bruchstücke aus Plato unter dem Titel „Gem- 
niae Piatonis'' vorangeschickt sind, so müssen wir beachten, 
dass, wie oben erwähnt, in anderen Drucken das sichtliche 
Bestreben obwaltete, auch den platonischen Timäus und den 
Boethius sowie den Seneca u. s. f. zu entfernen und so das 
reine Fahrwasser des scholastischen Aristotelismus zu ge- 
winnen. 

Während aber die früheren Scholastiker in den Werken 
des Aristoteles, welche sie auch grossentheils mit einläss- 
lichen Commentaren versahen, wirklich selbst belesen waren, 
( — mag man von der Art und Weise, wie sie lasen, denken 



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194 Siimng der phüoi.'phüöl. Crosse vom 6, JüU 1867. 

was man wolle — ), so sind die Drudce der „Aoctoritaies", 
wenn aach die Eine Glasse derselben aus selbsteig^er Lee- 
türe hervorg^angen war, doch nur darauf berechnet, dase 
der Leser sich nicht mehr der Mühe zu unterziehen brauche, 
den Aristoteles selbst zur Hand zu nehmen, und es ge- 
staltet sich die im Mittelalter überhaupt eingebürgeite Ab- 
hängigkeit von vorli^ender üeberlieferung hier förmlich zu 
einem Auctoritäts-Schwindel, welcher namentlich im Unter- 
richte der Jugend bezüglich eines jeden geistigen Auf- 
Schwunges, geschweige denn eines Fortschrittes, nur lähmend 
und niederdrückend wirken konnte. 

Und hiemit hängt zusammen, dass die „Auctoritates*^ 
in manchen Punkten nur eine stagnirende Tradition jener 
Unwissenheit und Halb-Barbarei waren, welche bei Albertus 
Magnus noch Terzeihlich war, aber in den Jahrzehenteu der 
Renaissance keine Entschuldigung mehr erwarten darf. So 
wenn wir in der Einleitung über Aristoteles lesen: „Eius 

ortus primum carpsit huius vitae auras in straguma, 

civitate tradae, fuit autem filius nichometi (an einer 

anderen Stelle „nichometi vel anthomaci*') et festiae, qui 
ab esculapio descenderunt^' ; oder in dem Epiloge des 
Ganzen : „Philippus .... mittit. Alexandrum grammatice tuiic 
loquentem certis cum oratoribus Athenas ad Lyceam in 
asianum gymnasium enixius mandato regis Aristoteli suppli- 
cantibus, ut suam philosophiam in hoc adolescente dignare- 
tur experimento comprobare*^ oder ebendaselbst: „In re- 

gionem secessit Euboicam, ubi .... in urbe Calchide 

peripatum instituens reliquum vitae in optimo mentis 

vigore gloriose transegit, in quo exilio rerum naturae con- 
templationem transcendens stupendum opus Metaphysicen 
.... usque ad duodecim libros absolvit". Aehnlich über 
Flato als Einleitung zu den Stellen aus dem Timäus: „Fuit 

autem Plato ci?is Atheniensis patre ariston de genere 

neptuni, matre pardon de genere supiuutisbimi Salomonis '. 



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Franü: lAteratur der ^,ÄuctorUateft''. 195 

Ausserdem sind nebeu häufiger Nachlässigkeit der Gi- 
tate (z. B. die allbekannte Stelle aus An. post. I ,,Gau* 
deant universalia, quae, ^i sunt, moustra sunt** wird dem 
Porphyrius zugeschrieben) in manchen Drucken einzehie 
Auotoritäts-Stellen durch so grobe Druckfehler entstellt, dass 
mancher Prädicant und mancher Student hierüber in die 
grössten Verlegenheiten gerathen konnte. Z. B. aus Me- 
taph. V : Aliqua (statt Aqua) est materia omnium liquefacti- 
bilium; ausD. vitaet m. : Animalia reapirantur (statt suffo- 
cantur) in humido; aus Polit. VII: Bonum est, pueros esse 
sine vitio (statt vino); aus Polit I: üonsilium muliemm 
est invalidum, pium (statt pueri) autem imperfectum ; ebend.: 
Desiderium dubium (statt divitiarum) yadit in infinitum; 
aus Metaph. XII: Entia volunt (statt nolunt) male disponi; 
aus Polit V: Magnae civitates sunt plus (statt plus sedi- 
tiosae), quam parvae, aus Phjs. ausc. I: Quod uon (statt 
yere) est, nuUi accidit; aus Apul. d. deoSocr. : Gonversatio 
mntua (statt perpetua) contemptum parit; u. dgl. m. 

Aber auch wenn man auf solche Dinge als auf Zu- 
fälligkeiten kein Gewicht legen will, so ist hingegen you 
grösserem Belange, dass der Inhalt überhaupt in specula- 
tiver Beziehung eine bedauerliche Schwäche zeigt, und dass 
aus einer Jagend, Welcher solche Nahrung des Geistes ge- 
boten wurde , wahrscheinlich keine klaren Denker hervor- 
gehen konnten. Jene thomistische Denkweise , welche so 
trefflich darauf eingerichtet war, Kamele zu verschlucken 
und Mücken zu seihen, blickt in den „Auctoritates ^ bei 
jeder Gelegenheit durch, da ja die unnatürliche Verbindung 
des Aristotelismus und der Principien des Christenthumes 
in den Thomisten^ohulen überhaupt einmal zur süssen Ge- 
wohnheit geworden war. Es ist nur der scholastisch (oder 
auch jesuitisch) verstandene Aristotelismus , welchen jene 
Leute für eine „vegeta solida^ue philosophia'^ hielten , ver- 
möge deren man sich „vel contra Socratem nihil scientem 



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196 Sitzung der phüos.-phüos. Cktsse vom 6, Jtdi 1867. 

Tel Platonem enygroata cadeutem aut Tbaletoa igaiVomam 
aut Democritam atomis drcumfusum et item omnigeoas 

philosophorum hereses andeqaaque contogere et vin- 

dicare*' könne (so im Epilog). Und wenn sonadi jede 
andere Philosophie als Häresie galt, so erschien Aristoteles 
als jener Philosoph, „qui unum deum, qui entiam imiTersi- 
tati ut antor et cnstos sempiternae vigiliae praeesse, ratiooe 
docere tentaret^'j woran dann folgende Erzählung geknüpft 
wird: „Tanta eins philosophia paucia labe&tibos annis cei»t 
auctoritate complecti, quod Athenienses ex ea anfScieiiter 
persuasi in honorem unius dei, quem ignotum appeUitabant, 
statuam publice «»-igerent ; quam cum .... Paulus Uiristi 
apostolud coram gentibus nomen dei portaturus Athenis 
offenderet, illum esse diebus suis pro salute humani geneiis 

jiatum et orudfixum illi populo gentili salubriter ez- 

pondbat^' (ebend.). Bei solch letzterer Ansicht ist es dann 
nicht zu wundern, wenn ferner gesagt wird: „In dubinm a 
nonnulis est quandoque revocatum, an Aristoteles . de &6ta 

fuerit in statu salutis vel damnationis aeternae 

Quod autem Aristoteles poterat sub lege naturae salutem 
aeternae beatitudinis consequi, non videtur probatu diffi- 
cile, si modo advertamus, deum pro omni temp<Hre suffi* 
cienter generi humano de illo, quod ei matinre neoessarium 

erat, providisse^; et Paulus vas declionisTimothei 

secundo clamat: Dens vult, omnes homines salvos fieri et 

ad cognitionem veritatis, i. e. dei, pervenire Hie yero 

philosophus vitam suam a teneris unguiculis ad supremam 
usque diem pio ea re et cognitione veri et boni electione 
flagrans ineffabili studio consumpsit. Taceo oiq>robria, 
quae pro unius dei cultu accepit, taceo ezilium, quod pro 
eodem tam fortiter pertulit, taceo frequentes elehemosynas 
usque ad sui inopium indigentibus erogatas, taceo item tot 
gentes, tot urbes, quas vel fib excidio sua sapientia prae* 
servayit vel disiectas et proatratas .... restituit .... Neo 



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ProiUl: LUerahir der ,,ÄiteU>ritates*'. 197 

obstat, 81 quippiam 8ub' lege scripserit natarae , quod fides 

non habet orthodoxa Gentes siquidem, at yas eleo- 

tioiiis Paulus ad Romanos capite sccundo testis est, noa 
habentes legem naturaliter ea, qnae sunt legis, faciont (diess 
die bekannte neutestamentliche Stelle, welche für die 6e- 
schidite der Rechtsphilosophie eine so grosse Rolle spielt); 
810 Aristoteles ipse sibi erat lex ostendens opus legis, qu^m 
in corde siio soriptam habebat. 

Von diesem Philosophen nun, welcher in solcher Weise 
gegenüber allen übrigen Heiden mit einer schlechtliin unpro- 
portionalen Milde behandelt wird und förmlidist das theo- 
logische Prädicat „beatus^^ zugetheilt erhält (so dass zur 
Heiligsprechung nur nodi Ein Schritt übrig war), nahm die 
thomistische Schul-Tradition in unbeschreiblicher Naivetät 
auch Grundsätze auf, welche der christlichen Theologie ge- 
radezu widersprechen; und aus den „Auctoritates^^ lässt sich 
eine ziemlidie Blumenlese von Stellen erholen, welche ent* 
weder in ihrem Wortlaute oder in ihren Gonsequenzen 
nothwendig zum Scheiterhaufeh hätten ^führen müssen. So 
«. B., um nur Einiges anzuführen, die oft wiederholte Be^ 
hauptung betreffs der Ewigkeit der Welt, nemlidi: Munrius 
est aetemus (Phys. ausc. VIU.) , Goelum est ingeneitübile 
et inoorrnptibile (D. coel. I), Non est timendum, quod coe- 
lum stet i. e. a motu quiescat (Metaph. IX), Motus coeli 
est aetemus (Metaph. XI u. Averr. Gomm. D. gen. et 
oorr. U), Stellarum natura est aeterna (Metaph. XI), oder 
der entschiedene Grundsatz, dass aus Nidits Nichts wird: 
Ex nihilo nihil fit (Phys. ausc. I und D. gen. et corr. I) 
Impossibile est, aliquid fieri ex non ente (Metaph. III), oder 
die Hinweiäung auf den bekannten tief-philosophischen Aus- 
sprudi Homo generat hominem (z. B. Phys. ausc. II), in 
welchem das Princip des Generatianismus verkündet ist, 
oder die aristotelische Definition der Seele: Anima est 
actus corporis organici physici (D. an. II), sogar unter Be- 



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198 Sitzung der phihs.-phüöl. CUuae vom 6. Juli 1867. 

nätzung der Stelle: Anima est unum entium naturalium 
rerum (D. an. III), oder der ebenso acht antike als anti- 
christliche Grandsatz Impossibile est, indigentem operari 
bona (Eth. Nie, I). 

Nun lag allerdings darin, dass dergleichen Sätze als 
Auctoritäts-Stellen gedruckt wurden, nicht etwa gleichsam 
dne kirchliche Approbation derselben, sondern man war 
eben in Folge der Auctoritäts-Sucht und der so lange dau- 
ernden Geltung des Spruches „Ne quid adversus Aristote- 
lem'^ gegen Aristoteles unverhältnissmässig nacfasiditiger 
als gegen jeden anderen Philosophen. Aber solche Halbheit 
war dem Mittelalter überhaupt eigenthümlich , bis gegen 
Ende desselben Gocam (nicht ohne Anknüpfungspunkte an 
Dans Scotus) mil aller Entschiedenheit den Aristotelismus 
neben der von ihm getrennten Dogmatik hinstellte. Jedodi 
Occam's Lehre wurde aus manchen, hauptsächlich politisdien 
Gründen von der Kirche verdammt, und die scholastische 
Halbheit gewann in den Schulen auf lange Zeit wieder 
festen Boden und consei-rirte sich von Generation zu Ge- 
neration, so dass aus derlei Schulen und Universitäten dei 
Geist der Neuzeit nicht hervorgieng, sondern der Renaissance 
und den Naturwissenschaften die Aufgabe der Umbildung 
vorbehalten blieb. 

Aber, eben jenem noch lapge sich fortspinnenden Tho- 
mismns der Schul-Philosophie dienten die „Auctoritates", 
welche somit wahrlich kein erfreuliches Bild, aber einen 
Beitrag zur geistigen Culturgeschichte des 15. und 16. Jahr- 
hundertes darbieten. 



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Hofinann: Zum aUrtnnan. Leiden ChrisH. 199 



Herr Hofmano giebt Bemerkangen: 

1) „Zum altromanischen Leiden Christi und 
zum Leodegar*^ 

Die hohe Anerkennung, welche der Gründer und Meister 
der romanisohen Philologie jüngst (im Jahrbuche für 
romanische und englische Literatur) meinem vor 12 
Jahren in den Gelehrten Anzeigen unserer Akademie er- 
schienenen Versuche zu Theil werden liess, ermuthigt mich, 
einen Nachtrag zu veröffentlichen, die Frucht wiederholter 
Beschäftigung in meinen kritisch-exegetischen Gollegien über 
altromanische Sprache und Literatur. Da Diez den grössten 
Theil meiner Conjecturen gebilligt hat^ so bleibt mir nur 
Doch eine Nachlese, die sich freilich meist auf die schwierig- 
sten Stellen bezieht, und daher mit um so grösserer Nach* 
sieht aufgenommen zu werden wünscht. 

Leiden Christi. 

Str., 19,1 1. lo ssa tdlanty nach der gewöhnlichen Ver- 
dopplung des anlautenden Consonanten zwischen zwei Vocalen 
verschiedener Wörter. 

Str. 24 glaube ich dem Sinne entsprechender umsetzen 
zu dürfen 

que faire cove a trestoz 
per remembrar sa passiun. 

Str. 33,3 lies Judas für Judeus. 

Str. 29,3. aduned. Hier ist zu bemerken, dass Ede- 
lestand du Mml (Formation de la langue frantaise 1852), 
der die ersten 18 Strophen des Leodegar mit den abweichen- 
den Lesarten des Hrn. Desbouis, Bibliothekar von Glermont- 
Ferrand mittheilt, in der 16. Stiophe statt advuat, der 



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200 Sitzung der phüos.'phüdl. Glosse fxm 6. Juli 1867. 

Lesung des Hrn. Valet de Viriville, gleichfalls adunat gibt, 
wodurch die Lesart vollends sicher gestellt wird. Ich habe 
die Erklärung von Henschel (aus idoneare) angeführt, bin 
aber jetzt vollkommen fiberzeugt, dass die ursprüngliche 
Deutung von Diez (aus ahd. sih einön) die allein richtige 
und in jeder Hinsicht passende ist. Erstens in formeller 
Beziehung; denn adunare ist = aduner. Zweitens für den 
Sinn; d^n genau dieselbe Bedeutung, welche in unsem 
Stellen für s'aduner passt, hat sih einon und gaeinon in 
mehreren der zahlreichen von Graff I> 331 ff. angeführten 
Belege, sogar in Verbindung mit sprechen, gerade, wie in 
unseren romanischen Denkmälern, Leod. 16. dist et adunat 
So N. Psalm. 38,2. ih chad in minemo herzen, unde eindia 
mih sus. N. 101,8. die einoton sih üuider mir jurabamL 
Mart. gevnun jurasse« N. 118,106. ih suuör unde geeinata 
mih, Em. 8. kaeinot adunat. Offenbar ist aus dem Begriffe: 
eine Vereinigung beschwören, die allgemeinere Bedeutung 
schworen, versichern, hervorgegangen, die in unseren beiden 
Stellen so vorzüglidi passt, während P. Chr. Str. 43,3 in 
adunovent das Wort in der gewöhnlichen Bedeutung stdit. 
Es ist diess einer der vielen Fälle, wo germanischer and 
romanischer Ausdruck zusammenstimmen. 

Str. 44,4 fehlt eine Sylbe, deren Ergänzung auf dop- 
pelte Weise versucht werden könnte, einmal, indem man 
neül (zweis.) für nul, oder fedre (fecerat) für feist setzte; 
dieses fedre erscheint nemlich in der Str. 47,4, wo die 
Handschrift to hat, was ich in f o trenne und fedre, (nach 
Analogie von medre = miserat) als fecerat fasse (nicht als 
ferit), also = wer dir diess gethan hat? 

Str. 76,8,4, lese und ergänze ich: 

ohi per humila (= humla) oonfession 
colpa perdones al ladrun. 

Dass in hum va humil stecken müsse, hat Diez schon 
gezeigt; ich glaube nun dnrch humila auch den Sdiriftsfigen 



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^ Eoflnann: Zum äUroman, Leidin CkrUH. 201 

voUkommeo geredit zu werden, indem ich anndime, dass 
bnmila als humua (hum va des französischen Herausgebers) 
verlesen wurde. Die Aussprache war natürlich zweisylbig, 
wenn auch humila geschrieben wurde. 

Str. 83,4. Es scheint durchaus nicht , dass für inls 
eine andere Besserung gefunden werden könnte, als die yoo 
Diez vorgeschlagene vils^ man müsste denn den ganzen 
Beim und damit murir in der vorausgehenden Zeile ändern 
wollen. 

Str. 86,2 1. que lli dones. 

Str. 88,4 lese ich ant acel temps st. anc a cel, wie 
90, 1 fuc für fut steht. 

Str. ^3,0 regnet pociofuf $€ fena. Wohl die verzweifeltste 
Stelle des ganzen Denkmals. Was ich früher hingeworfen, 
war nur ein flüchtiger Einfall, dem ich selbst nicht den 
geringsten Werth beilegte. Der Fehler muss, wenn wir uns 
nor an die französische Ausgabe halten, in pocianz ver- 
muthet werden; denn dieses hat Champollion-Figeac mit 
einem Fragezeichen versehen, also stund nidit so in der 
Handschrift oder es stund Doch etwas dabei, was er nicht 
herausbringen konnte. Da der Sdiluss des Verses fena = 
fine auf aucise reimt, so lässt sich auch daraus schliesseui 
dass die fehlenden zwei Sylbeu vor fena gesucht werden 
müssen. Indem ich diess erwäge und darauf ausgehe, 
ohne Aenderung eines einzigen Buchstaben den Vers zu 
eorgänzen, kann ich das Ausgelassene nur in Abkürzungs- 
zeichen finden, die wieder um pocianz herum gestanden haben 
müssen. Annehmend also, dass in p ein Queerstrichelchen 
unten, femer über dem i eines oben zu ergänzen ist, er- 
halte ich perocmana, dann lese idi ne statt se und er- 
halte so: 

regnet peroc inana ne fina, d. h. (obwohl Christi Leib 
getodtet ist) sein Reich darum fortan nicht endet, peroc 
(per hoc) und inanz (in ante) werden kein Bedenken finden, 



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202 Siieung der pkOos.-phüdl. Claase wm 6. Juli 1867. 

ebenso wenig die Aenderung ne fdr se. Die Weglassnng 
des Artikels oder des Pron. possess. Tor regnet ist ein Ar- 
chaismus, den folgende Strophen bestätigen, 7. prophetes, 
wenn diess, wie ich yermuthe, der Singular ist, wo dann 
das Verbum in avie oder aveit zu ändern ist, 31 marrimenz. 
Da indess eigentlich sos bei regnet zu ei^gänzen wäre, so 
liesse sich, wenü man regnet (= sein Reich) beanstandet 
und nicht annehmen will, dass das de lui der vorangehen- 
den ^eile auch nodi für diese Wirkung habe, sehr dn£ach 
SOS rengs (Str. 74 en ton reng) setzen. Was den Sinn der 
von mir emendirten Stelle betrifft, glaube ich, dass er mit 
dem vorausgehenden Verse in so nothwendiger Folge steht, 
als diess nur bei einer Conjectur gewünscht werden kann: 
wiewohl Christus getödtet ist, so hört sein Reich darum 
doch nicht auf. 

Str. 98,2 8oes scheint mir für foes verlesen, wddies 
offenbar = fues ist, wie es in 78,4 steht und dort sdion 
von Diez in fwret gebessert ist. Auch an unserer Stelle ^bt 
füret einen ganz richtigen Sinn und Vers. 

Str. 105,1. In diesem seinhe scheint die Urform des 
späteren fi-anzösischen sire zu stecken, nämlich sinre^ wdches 
in seinhe bis auf das schliessende r provenzalisirt wurde. 

Str. 107,2 lese ich für 80% dd im Anschlüsse an Lucas, 
24,13. 

Str. 111,3,4. Bei der Verwechslung von e und o, die 
in unserem Stücke nadi Ausweis des Facsimile sehr leidit 
vor sich gehen konnte, glaube ich, dass der früheste Vor- 
schlag von Diez: sa passion peisons testat ganz unbedaik- 
lich aufgenommen werden muss, so trefflich auch die Er- 
klärung von Delius sonst für tostas passt; denn das Haupt- 
gebrechen dieser Strophe, der Mangel des Verbums wird 
dadurch beseitigt. Ich gehe noch weiter und finde auch 
im 4. Verse ein solches, indem ich statt signa de lese sig* 
nave = bezeichnete. Ein solches Imperfectum kömmt zwar 



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Hofmann : Zwn cMnman, Leiden Ckristu . 203 

zufalliger Weise nicht in unserem Gedichte vor; aber im 
Plural erscheinen die Formen auf avent = event neben- 
einander, jene in der Mehrzahl, annavent, nomnavent, porta- 
vent, menaven, neben eswardevet, estervent. Ein zweites 
Verbom aber in diese letzte Zeile der Strophe einzuführen, 
scheint mir darum unerlässlich, weil sonst die Verbindung 
noihwcndig wäre signa testat d. h. bezeichnete das Zeichen, 
was logisch schwerlich zu dulden wäre. 

Str. 113,2 möchte als Ergänzung des 2. Verses am- 
verseif ü = verkehrte er, sich am besten empfehlen. Das 
in dieser Str. V. 4 vorkommende reguum darf ich vielleicht 
auch noch als Stütze für meine Auffassung von Str. 98,4 
anführen. 

Str. 114,1 ist eine der Stellen, die durch Mangel eines 
Verbums das meiste Bedenken erregen. Da dieses nur in 
cool gesucht werden kann, so vermuthe idi roa Is = rogat 
(oder rogavit) illos. 1 für Is, me in 113,1 fidel für fidels, 
Verwechslung von r und c, hat kein grosses Bedenken. Dass 
man roar sagte, bewebt roazo. , 

Str. 125,1 ist eine sehr schlimme Stelle, der ich jetzt 
dordi einfache Emendation von lui abhelfen zu können 
glaube. Die 4 Striche scheinen mir verlesen und sin in der 
HS. zu stehen, also: sm qu^e aiude nuls vendra = ohne 
dass Jemand (ihnen) zu Hülfe kommen wird, wachsen die 
Christen um so mehr, je schlimmer es ihnen der Teufel 
macht. 

Str. 126,4 könnte man auch sos fidels lesen für los 
den fidels. 

Hiemit smd, so viel ich sehe, alle Stellen behandelt, 
die im Leiden Christi noch bedeutenden Schwierigkeiten 
unterlagen. Im Leodegar ist nur eine einzige noch nicht 
aufgeklärt, nämlich Str. 34,1: il mio fraire, miedra mei 
beuure. Wenn man medre = miserat, fedre = fecerat, 
erwägt und daneben die Formen fisdra ^ fedre, misdrenfr 



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204 SiUtung der phOaB.-phaol, CUuh vom 6. JuU 1867. 

= medrent, so ergibt sieb, dass das d in dieseo Fällen vor 
r einem romaniseben z oder sd, und einem latdnischen s 
oder c entspricht, miedra wäre also = misera ond miedra 
me = misera me d. h.. miserere mei. Somit wäre miedra 
eine Uebergangsform zwischen mizra und medra, entsprediend 
den Torhandenen misdrent und medre. beuure beseitigt sidi 
einüach als Wiederholung aus dem folgenden Verse. Nim 
bleibt nur noch die Schwierigkeit einer fehlenden Sylbe, 
wenn miedra, wie wahrsoheinlichi zweisylbig ausgesprochai 
wurde. War es dreisylbig, so braucht der Vers keine Er- 
gänzung, und auch der Reim me: porter genügt; sonst 
könnte man vor miedra etwa cor (das precative doch) ein- 
schalte. 

Hiemit habe ich alle wichtigen Fälle (nebst einigen 
unwichtigen) behandelt, die in beiden Gedichten nach ihrer 
bis jetzt bekannten Lesung noch übrig geblieben waren. Ich 
hielt mich überall so nahe als möglich an den Buchataben 
der Ueberlieferung, da ich überzeugt bin, dass bei~ einer so 
grossen und deutlichen Haudsdirifl; der Fehler immer nur 
in wenigen missverstandenen Buchstaben li^en kann. Was 
den Sinn der vorgeschlagenen Emendationen angeht, wird 
man mir, glaube ich, zugeben, dass sie sich Sberall unge- 
zwungen dem sonst sicheren Zusammenhange einfügen. Der 
Schluss der ganzen Untersuchung, wissen wir, kann erst 
dann erfolgen, wenn eine neue kunstgerechte Lesui^f, oder 
noch besser, ein (wo möglich photographisches) Facsimile 
voi^liegt, wie wir sie von ähnlichen wichtigen Denkmälern 
unserer alten Sprache längst besitzen. Gleichwohl müssen 
wir in Deutschland uns damit beschäftigen, wäre es audi 
nur, weil wir diese altromanischen Denkmäler in den Kreis 
unserer akademischen Lehrthädgkeit aufj^enommen haben 
«nd darin eine beständige Nöthigung finden, aus inneren 
Mitteln zu ersetzen, was äussere Verhältnisse uns ungünstig 
verweigern. 



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Bofmann: Zulr Gudruti. 205 



2) Zar Gadrnn« 

UtA Drtheil xiber den ästhetischen Werth der Gudnm- 
dichtiDlg' steht seit langem fest und* an dem, was W. Grimm 
9 Jahre nach der ersten Bekanntmachung des Gedichtes 
(deüfsche Heldensage S. 370) mit feinem Sinne vorgezeich- 
net, hat sich seitdem in der Hauptsache durch keinerlei 
Forschutkg oder Erwägung etwas Wesentliches geändert. 
Anders mit der Texteskritik und dem Urtheil über die Ent- 
stehung d'äs Wer&es. Je unsicherer der fioden, desto schroffer 
steiietf sich hier die Ansichten gegenüber, an deren Ver- 
söhnung nieüials gedacht werden kann. Dazu kömmt, dass 
die Böffiiung, welche man lange auf W. Grimms treue 
Pflege des Werkes setzen durfte, sich am Ende hinfällig 
gezdgft hat. Schon J. Grimm sagte mir bei seiner letzten 
Anwiesenheit ift München, dass nichts Fertiges für die Gudrun 
Yörge^üdeti sei und durch Ernst Martin (Bemerkungen 
S. 6) wird diess jetzt weiter bestätigt. 

Ich bin hiei', wi6 überall, meine eigenen Wege gegan- 
gen', d. h. ich habe den Hagenschen Abdruck vorgenommen, 
and tii Wiederholten Malen durchgearbeitet, ohne eine der 
Ausgäbeü odbr Uebersetzungen aufzuschlagen. Ak ich später 
zur Vergleichnng (am, fahd ich, dass meine Itritik viel 
rad^taler woi", als die meiner Vorgänger. Ob darin Ver- 
dienst oder Tai^el liegt, hat sich zu zeigen. Mein Absdien 
war übrigens, wie sich voii selbst värstehi, ebenso ein exe- 
getisches, Wie ein kritisches, da mir vorkömmt, dass die 
Gudrtin £'eslät Hülfe so bedürftig sei, wie der anderen, und 
beide Thätlgkeiteü ja auf das eine höchste Ziel hinarbeiten, den 
geistfgen GenüSs, wie wir ihn an unseren besten mittelhoch- 
deittdcüeü G^diditen haben , mehr und' mehr zu verfeinem, 
zu vertiefen und dWch diese Läuterung den harmonischen 
[1867. U. 2.] U 



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206 biUung der philos.'j^hilol. Classe vom^ 6, Jidi 1867, 

Eindruck des einzigen Werkes auch für Laien nnd Lernende 
zu erhöhen, falls nämlich überhaupt Jemand noch so be- 
scheiden sein sollte, sich zu diesen zu rechnen, bei dem 
kolossalen Aufschveung, den die deutschen Studien, wie man 
sagt, seit ihrer Emancipation von den früheren verdriess- 
lichen und für geniale Köpfe nur störenden Methoden ge- 
nommen haben. 

Dass ich meine Bemerkungen auf alle Theile der Gudrun 
ausdehne, wird wohl Niemand so verstehen, als ob ich das 
Werk in seiner vorliegenden Gestalt für einheitUch oder 
ursprünglich hielte. 

Wie die Nibelunge ist es durch öde und weitschweifige 
theils einer manirirt höfischen, theils einer niedern Ge- 
schmacksrichtung schon des 13. Jahrhunderts zur Last 
fallende Erweiterungen das geworden, was dem modemi- 
sireuden Schreiber der Ambraser Handschrift vorgelegen, 
verzerrt und verschwommen, aber auch so ein schwer zu 
beklagender und zu ersetzender Verlust. Diese Vorlage 
wieder herzustellen ist die noch immer ungelöste Aufgabe, 
zu der ich hier einen Beitrag gebe. 

Ehe ich zu den einzehien Stellen übergehe, habe idi 
ein bisher in Deutschland unbeachtetes, vielleicht unbekannt 
gebUebenes Zeugniss über Verbreitung und Fortleben der 
GudruDsage einzutragen und meine Folgerungen daraus vor- 
zulegen. Es findet sich bei Barry, History ofthe Orkney Is- 
lands, London 1808, S. 489—95 unter dem Titel: a bailad, 
taken from the mouth of an old man in the samo island 
(nämlich Fula), the subject of which is a contest between a 
king of Norway and an Earl of Orkney, who had married 
the kings daughter, in her fathers absenco, and without his 
consent. Diese „Ballade^' in 35 vierzeiligen Strophen wurde 
im Jahre 1774 dem schottischen Reisenden Low von einem 
alten norsischen Bauern (Udaller) in der norsischen Spradie 
diktirt, die damals noch von einigen Personen auf dieser 



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Hofinmm: Zur Ouänm. 207 

SBietiands- Insel gesprochen wurde. Ein BKek auf die 
Karte zeigt, wamm die alte Sprache sich hier am längsten 
erhalten konnte. Fula oder Fonl, (norw. Fagl oder Fngley) 
li^ mit seinen 5 konischai Sandsteinhügeln weit draossen 
in der Westsee mid ferne Ton der eigentlidien Shetlands- 
gruppe, weshalh man auch seinen Namen (Vogel) von der 
AehnUohkdt mit einem in weiter Ferne schwimmenden See- 
Togel ableitet. Da der Au&eichner indess der Sprache nicht 
kundig war, liess er sich auch noch eine Inhaltsangabe des 
Gedidites von dem Erzähler mittheilen, die sich glücklicher 
Weise erhalten hat und gedruckt ist, denn das norsische 
Original ist so unverständlich, dass ohne diese Paraphrase 
sein Inhalt vielleicht für immer verdunkelt bleiben müsste. 
Diese weitere Mittheilung findet sidi bei Samuel Hibbert, 
description of Üie Shetland islands, Edinburgh 1822 p.&6l£ 
Hibbert berichtet : It was not many years b^ore Mr. Low's 
vifflt to Shetland in the year 1774, that numerous songs, 
under ihe name of Visecks, formed the accompaniment to 
dances that would amuse a festal pariy during a long win« 
ters evening. When the com waters of Hamburgh had gone 
merrily round, when the gue, an andent two-stringed vio« 
lin of the country, was aiding the conviviality of Jule, thea 
would a number of the happy sons and daughters of Hialt- 
land take each other by ihe band, and while one of theim 
sang a Nom (= norrönisch) vise<^, they would perform a 
circular dance, their steps continually changing with tite 
tnne. Dazu der melancholische, aber in allen Ländern 
gleiche Schluss: In the middle of the last Century, little 
of the Norwegian language remained in the country, and 
these visecks being soon lost, they were followed, as a 
clergyman of ünst informed Mr. Low, by playing at cards 
all night, by drinlcing Hamburgh waters and by Scotish 
dances. Von diesen Tanzliedern nun, die sich auf den 
Färöern zahlreich und bis auf den heutigen Tag erhalten 



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SQ8 Siteung der phUmrfbUA Clam tm 6. Juli 1867. 

b^beni^ wüßflta dat: Baoer William Heiugr voa GtottMw afld 
Fttla gan^ allein am 1774 noch einige^ aiiiwaacUs^X <ut^ 
diesen onsre Gudrunsage, mi welche werat P. A. Munob 
im Jahre 18ä9 auimerksam machte (Samlinger til dei Norske 
Folkß Sprog og Historie 6. Bd. Ghris4ianiaX i^ seia^ grosaeQ 
Abhaodluog: Geograpbiske^ og bistoriske Notitaev om Ovfc* 
nöerue og HetlsAd. £r theilt die Ballade- mit^ sacht aj# «• 
gpit es geht» in einigen Stelleui za emfeodiren,. kommt abat 
«u dem Resultate: ,y£ine genüeeftde Erkläfung, dea Crediditaa 
au gehen, ist wohl unmöglidai, aJwp die folgenden Andeoi* 
ungeut werden dooh eine Idteei von de^s^ eigentliehem In- 
halte geben^'. S. 120 Note 1. £r erkaanfae natürljch;,. dasa 
hier die Hedinsage vorliege,, woimnii sich, weder der PCEunser 
Barry noch der Geognost Hibb^ noch det Reisande lAm 
UiiKua^m konntout und brachte dea etwas« altmodtach si^It- 
sirten. englischien» Prosainhalt üi die Form, wetehe aidi fSv 
eine germaniaobe Sage eign«^ und die ioh hier iriedaigebe» 
Es heisst also: „Hiluge,. ein vornehmer Mann am oar^ 
weipschen Hofe freite um die Königstoiehter Hildina, arbidt 
aber einen Korb, obwohl deü Vatf9r ihm hold w^r.. Ala ein- 
mal der König und Hiiluge auf. eii^m Kriegsauee fort wareft, 
landete der Orkney^Jarl in Nonwegen, tiraf Hüdina,. verliebte 
sioh in sie und sie In. ihn,, sie; wurden, eins undi flücbtetea 
auf die Orkneys, wobiA ihnen naeh ihrer BJkikkehir von 
Kriegszuge der erbitterte Vater und Hiluge mit. groasem 
Heere folgten, um den ßs«b zu rächen* Hildina übecced^ 
den Jarly unbewafihet dem Könige entgegenzugehen und um 



1) Low sagt: It (the Norse) was evidently mach mised with 
English« None o£ the Nativss. conld write the aaoient langoagia sitd 
few conld speak it. The best phrases were lost;, and Utile more re- 
mained than the names of a few objects and two ar three romnanis 
of songs, whioh an old man (William Henry) of Guttorm ooold re* 
peaty thoagh indistinoily* 



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(huide ZQ bitten; ^r liess b!c9i röhreti, vertsieh und p!h 
di^ar iseine Einwilügnikg. Kiium war 4er Jarl fort, iMi 
Bttdn» die frolie Ktaide za brmgeD, als Hitugo, iüdete el* 
des Jiaarfa V^rmessenlmt vah Schlimmste sdiaH, den Kötiig 
ai neuem Grimme reizte uod dahin brachte, alle Beine Qte'- 
Ittbde zorückzanebmieB. Es kam nun zum Zweikampfe zwi&Dhen 
Hifaige ^nd dem Jarl nnd dieser fiel. Sem Haupt warf 
Hilnge mit den härtesten Schmähnngen Hildina t^r di<d 
FiBM^ die ihm mit scharfer Oegenrede im Herzen blfttife 
fiaobe gdobte,' Sie musste ihm nun nach Norwegen folgen, 
wo ear seine Freitmi wieder anfing. Lsrnge weigerte de ihre 
Hand; aber der Vater setzte ihr mit Bitten zn und endlinh 
gab sie äir Wort) noter der Bedingung, dass sie selber 
beim Braatfeste den Wein in die Becher schenken dürfe. 
Dieas wurde Eogestanden« Als die Hocheeitgäste beisamunen 
waren und zn Tische kamen, schenkte ihnen Hildina mfit 
BeUafkräntem vereetzton Wein und bald lagen Alle in 
tiefem Schlimmer. Da Hess sie ihren Vater hinaustmgen 
omI warf Feuer ins Gästdians. AUe wurden darin Ter- 
braimi HIluge, der beim Krachen der Flammen^ erwachte, 
bat um Gnade; aber BQldina antwortete ihm so hart, wie 
er, als er ihr des Jark Haupt brachte und Hess ihn in der 
Ldie sterben^^ Munch bemerkt dazu: „Wenn man hier 
den Jarl Hedin nennt, und annimmt, was nidit so unwidir- 
sdieinUch ist, dass Högnis Person in zwei getheilt ist, den 
König und Hiluge^ um die Erz^lung romantischer zu madien, 
finden wir den ersten Theil des orkneyisohen Berichtes bis 
zum Kampf in hohem Grade mit der Sage Übereinstimmend. 
Hiluge kann leicht eine Entstellung von Högni ') sein, wi^ 



8) Vom Standpunkte der Gudroa aus mtato wir es nstfitlioh 
wslirscbsiaUcher finden, dsss Hiinge ar Ludwig sei Ein Bolslier 
Ludwig (LÖdyer) kömmt anoh in der erdadisohen Gesoliiohte Ter 
(Munch II, IdS); allein noch n&her liegt, Hiluge einfiboh als Dlugi 



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210 SiUung der pKOoB.'phiM. Glosse txm 6. Jtdi 1867. 

Hfldina offenbar eine von Hilde ist. Der Sohlass sdieint 
dagegen eine Naobahmang der Ritterromane des 13. und 
14. Jahrhunderts, wie es denn üb^haupt nicht nnwahrediein- 
Uch ist, dass die Sage benätzt wurde, um als Gnmdli^ 
für ein damals verfasstes romantisches Lied zu dienen. 
Uebrigens ist das Gedidit äusserst merkwürdig, denn ans 
den wenigen Stellen, die man verstehen kann, erhellt, dass 
es in ziemlich gutem Norwegisch war ond Ihs auf das ge- 
meinsame Versmaass der Eämpevise fast ganz nbereinstim* 

,mend mit den faröischen Liedern.'^ Munchs BemerknngeD 
sind in der Hauptsache vollkommen riditig; es ist die alte 
Hedeningensage, erweitert durch ein jüngeres, „romantisches^^ 
Element, wie er es nennt Gerade dadurch bildet es den 
Uebergang zu unserer deutsdien Dichtung. Wir haben hier den 
gewaltigen Stoff der Gudrunsage, nur mit tragisdiem Aus- 
gange und in jener Gedrungenheit, die wir an den besten 
epischen Romanzen der Spanier bewundem. Die tragis^ 
Wendung entspricht der um viele Grade düstreren Grund- 
Stimmung der nordischen Dichtung, wie ja auch die Sage 
von Hildebrand und Hadnbrand, die in der späteren deut- 
schen Fassung so erheiternd ausgeht, im Nordischen, wie 
Uhland zuerst nachgewiesen, mit dem Falle des Sohnes und 
später des Vaters durch den eigenen Blutsverwandten einen 
erschütternden Ausgang nimmt. Freilich ist das keine durdi- 

'greifende Regel; denn die Tristansage, naturalisirt und ra- 
tionalisirt im zweiten Theile der Sage von Grettir dem 
Starken, bekömmt einen frohen, und sogar frommen und 
erbaulichen Schluss in der Geschidite von Thorsteinn und 
Spes. Das „romantische" Element ist in Wiriciichkeit das 



= nihugi ::^ der Bossinnige zu deuten. Aach für die böse Gerlint, 
Ludwigs Frau, würde es aaf den Oroaden nicht am Yorbild fehlen, 
nehmen wir nur Erich Blatazts Wittwe Gonnhüd und ihre Tochter 
Bagnhild, die beide der römischen Kaiserzeit Ehre gemacht hätten. 



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Hafniarm: Zur Owhrun. 211 

christliche, weldies in der Gudrun, wie in den Nibelungen 
an die Stelle des heidnischen und fatalistischen getreten ist. 
Ich verstdie hier unter christlich nicht den christlichen 
Glauben, wovon in die Gudrun so wenig wie in die Nibe- 
longen etwas Anderes eingegangen ist als äussere Züge, die 
zum Kostfim der Zeit gehören; sondern die christliche 
Lebensanschauung, welche, auf Dichtung angewandt, sich 
mit der fatalistischöi Führung der Geschichte, die dem 
HadenÜium adäquat ist, ästhetisch nicht mehr befriedigen 
konnte und dafür eine freiere Selbstbestimmung als letzten 
Grund der Peripetie verlangte. Die fatalistische Fühlung 
ist die frühere und wo sie sich jetzt noch findet, die archai- 
stische. Sie herrsdit im Indischen, Arabischen (1001 Nacht) 
und überhaupt in den orientah'schen Literaturen^ die unter 
nKlis<^en Richtungen und Einflüssen stehen, im Occident in 
den altnordischen Dichtungen, den kymrischen der Mabino- 
gion, obgleich deren Aufzeichnung tief in die christliche Zeit 
fallt, und überall im Volksmährchen , welches ohne Prfide*» 
stination gar nicht zu denken ist, und seinen Haupttypus 
Terlieren würde. 

Um nun auf die Gudrun zurückzukommeUi so sind die 
sammtUchen nordischen Fassungen der Sage fatalistisch, 
1. das betreffende Capitel der jüngeren Edda. 2. Sörla 
l^ttr (in F. S. N. I, 391 ff. und Flateyarbök I, 275 ff.) 
mit angeflicktem christlichen und historisch sein sollenden 
Schluss. 3. Die Erzählung des Saxo Qrammaticus, obwohl 
schon zur Hälfte in seiner euhemerisirenden Weise. Ich 
werde später noch einmal auf sie zurückzukommen haben. 
Das Wesentliche, worin diesen drei Fassungen unsere 
Gudrun und die Shetlandballade gemeinsam entgegenstehen, 
ist die Einführung eines Nebenbuhlers, für den in 
der alten Sage noch kein Platz war, den aber die jüngere 
noth wendig hatte, um das veraltete fatalistische Motiv zu 
ersetzen und somit wieder ein Ganzes hervorzubringen. Auf 



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9^2 Siinmg der pha^.-phOijl Ome um 6. Juli 1867. 

iWe pahfn*e V^ek^ng t>^er luiter eich wiU idk der 
^^rze wegei^ nicht eingebion, auob w$r^ m i^am OT 
weitor^Q sich^r^P Resultatoo lühren, al^ d«ii90, dia sieh m- 
fort aogezwimgen dargehpien haben. Dßß BwpbnkiiMg^i^ 
die älbepro Gudrimdic^^tuDg, wie sie der W&rfsmar deo AlemoAnr 
kannte, Cehlt ja ;^ Vergleichung , wie^ol^ so Till siehor 
scheint, dapa es in dar Epnfechheit der ^aAdlwe «if Seite 
des Liedes, nicht das Gedichte^ stjopd^ denn, wenn ich die 
SteUe im Alexander recht rersteh^, sq sagt sie nnr: a«f dem 
Wolfenward^ wurde 0Uden Vater Hagene von Wate« er- 
schlagen, wägend daaeben ihr Bräutigam Serwidi mit 
ihrem Bruder Wolfwin kämpfte. DagagW hat mich die 
Dorw^psohe Ueberliefejmng Ferimlaa^, da« Oeog^phiscjbe 
der Gudrun mit Rücksicht auf dia Orpaden 9u UAtemnclMSii 
und idk hßbe da eine Reihe von Thats^han gafeadea, die 
in historischeir ui^d gepgraphisc^ier Hiafii^ bq W^ sasam- 
mepstimm^, daas idi sie als Tbaais agfefeBtte» s« dSbrfim 
g^ube'). 

Ich nähme also an, dass O^inai^i? ^ Orqanie, mkt 
die Normandie, sondern die Orcaden bedeutet» deren Iffune 
Orcania schon in d^ h^stap Haadschriften das Nannios 
Torkömmt und daqn durch 4aa gan^ Mittelalter Miidiirch- 
geht. Nicht daraus, dass die Gudrunsage sid^ auf ShaDaud 
bis 1774 erhalten bat, folgere icli, dass die Nachbfuiiia^ 
ei^ Haupt^ieil des ursprünglichen 3diianplatzes aipd, depn 
d» schon i^ dar nordischen ^abarIi^r9I|g die OrfaieyUifld 



8) Wenn ieh hUbsi auf dii nenetten UntertnoiMiiigMi tber die 
GadruDgeographie nicht näher eingehe , so möge Hr. Josep)^ Haupt 
nicht glaaben, dass ich sein Booh nicht gelesen habe. Ich achte 
•einen Scharfsinn, seine Gelehrsamkeit ^nd vor Allem seine mann- 
hafte Veraohtnng aller Clique und Reclame, aber eu seinen Resul- 
taten kann ich nicht gelangen. 



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Hofimmm: Zmr Qnänm, 218 

li&qr^ (das beatige Hojr, aHein durch seine Beige liervor« 
«gend, daher sein Name Hodiinsel) als Stelle des Kampfes 
eu Högni imd Heftüm (statt des späteren Wülpen- 
aa der fioheldemimdiuig) vorkamt, so wSre das 



4) lp8 ist k^ Zweifel, das« in ^eder kritiktosen und pbaMi^ie- 
vollen Zeit avs ein paar grammaUsqh miafyerstandeneji Worten nkih 
Sagen nnd Legendea entspinnen können, deren ers^ Keim ein Irr- 
Üram, deren entwickelnde Kraft die Logik der Phantasie ist. So haben 
wir swei öhvistlidhe Krenzlegenden, die nnr auf diese Art entsprungen 
nad- Pif eppe yom KKeazstamme, der nrsprünglioh ein Zweiglein vom 
B<mipe des ]Lteb^DS vrar^ welches dem sterbenden Adam in den Mond ge- 
steckt wurde, geht auf eine Stelle des Epiphanius zoröck, die bloss erst 
sagt, Christus sei über dem Grabe Ad^ms gekreuzigt worden. Das ist noch 
nicht das erste Missverst&ndniss ; 6 Xquttos iatavQtS^ij vnkq tov Udä/i 
wie wir uns die Urstelle etwa denken dürfen, heisst ebensowohl, 
Christiis wnrde ftr Adam (zn seiner £rlösnn|^ als er wurde über 
Adam (i)ber seinem Grabe) gekreuzigt. Wenn wir bier die letzte 
Quelle des Irrthums nur mit Wahrseheinlichk^t vermuthen können» 
so dürfen wir im folgenden Falle mit dem Finger auf die ipsissima 
▼erba des Neuen Testaments deuten, die zur Longinuslegende ge- 
worden sind. Longinas heisst es, war der römisehe Hauptmann, 
der die Beite Christi mit der Lanze durchbohrte. Er war blind nsd 
wiirde sehend, ale das Blut am Schafte herab a«f seine Angea troff. 
Pa wnrde er der pr^ta Christ In n^odemer rationaUstiseher Zeit hat man 
die Legende vernünftig machen wollen, indem man sagte, Longinus sei 
nidht blind, sondern schielend gewesen. Sehen wir nun die Stelle Job. 
19, 84 — 85 genauer an, so zeigt sich, dass man zun&ohst ^fyxv ^^ ^^' 
kfoBtng oder ^Syx9 ^^^ ^ die volle Form von Aoyyijrof AoyyVtr^ s 
lionginas genommen und iU ^^^ otqatwnwf ^xti überset«t hat unus 
militom, Longinue. Was der Evangelist im nächsten Satze von sich selbst 
sagt: x«i o itt^axias (AifMtqtvqrptif bezog man nun ebenfalls auf Lon- 
ginus und übersetzte: und dieser, gesehen habend, gab Zeüg^ 
niss. Wenn er gesehen hat, so muss er vorher nicht gesehen haben, 
war die Consequenz, also war er blind gewesen. Was konnte ihn 
von der BUndheit heilen, als das Blut Christi? Er gab Zeugniss, also 
Zeogaiss von Christi Gottheit, folglieh wurde er Christ. IHess iet 
gewiss ein schlagendes Beispiel von dem, was ioh oben Logik der 
Phantasie im nennen mir erlaabte, «ad wobei ioh nnr bedaore, dass ioh 



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214 Sitzung der pMas.-pMM. ClMse vom 6. JvHi 1867. 

gentigend gewesen, um den Schlass des Liedes doitiun xa 
verlegen. Vielmehr ziehe ich meinen Sohluss aas einer 
Reihe von Thatsachen, die ich eben nor nm die OiimeyB 
herum zusammentreffend finde. Dass Cassiane, die Haupt- 
stadt von Ormanie auf einer Insel liege, wird nicht gesagt, 
daher denn überhaupt die Ansicht durch das Gedicht geht, 
Ormanie liege auf dem Festlande. Die Jarls der Orkney- 
inseln waren nun bekanntlich norwegischer Abkunft und 
norwegische Vasallen geworden durdi Harald Schönhaar, 
der es der Mähe werth fand, seine flüchtigen Laadeddnder 
in eigner Person auf diesen Inseln zu unterwerfen und hier 
das Jarlthnm einzurichten (um 872), den Stock des grossen 
und merkwürdigen Colonialreichs des nordischen Mutter- 
landes, welches Hjaltland, Orkneys, Färöer, Hebriden, Man, 
Theile von Irland und Schottland begriff. Zunächst unter 
den Jarls stund nun die Nordostspitze von Schottland, die 
eigentlichen Reste des Pictenthums gegen das von Süden 
und Westen vordringende Reich der aus Irland eingewan- 
derten Südschotten oder des Eenedischen Stammes. Diesai 
Picten, zu deren berühmtesten Häuptlingen Macbeth gehörte, 
verdankt ihren Namen die stürmische Meerenge zwischen 
der Südspitze der Orkneys und der Nordspitze Schottlands 
der Pentlandfirth oder Frith, welches für Pettland = Peht- 
land steht, dem ags. Peohtas = Picti entsprechend. Die 
Nordostspitze Schottlands besteht aus der Grafschaft Caitb- 
ness, norwegisch Eatanes und im lateinischen Namen dieses 
pictischen Wortes finde ich unser Cassiane. Munch theilt 
in seiner zweiten ausflihrlichen Arbeit über diese zwei Insd- 



unBem Mythographen , die germanischee Heiden thmn überall, nnr 
nicht, wo es wirklich ist, finden, das Vergnügen geraubt habe, 
den blinden Looginus mit dem blinden Hod'r, and folglich Christus 
mit dem durchbohrten Baldr zusammensnstellen , was sonst ein ao 
hübscher und besonders so wahrscheinlicher Einfall wäre. 



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Hcfmmn: Zwr Qudfun 215 

grnppen (Aonaler for Nord. Oldk. 1857) bisdiöfliche Ur- 
konden mit, die sich aaf die vereinigten Grafschaften Ea- 
tanes und Sntherland beziehen, deren Eathedralkirche in 
Domoch in Sntherland lag, während der Bisdiof selbst 
doch episcopus Cathanensis oder ep. Gaihannie hiess. Ca^ 
ihannie und Cassiane, wird man zngeben, liegen nicht weit 
auseinander. Ob die Aussprache von th als s in Anchlag 
SU bringen, bleibt fraglich; doch verweise ich auf J. Grimms 
Abhandlung über das Necrologium Augiense (in Ant. Tid* 
skrift 1848 S. 67—75) wo das nord. t durch z (Thörr 
durch Zor, Zur 1852, daneben Dur und Tur, auch Thur 
und Ohur) wiedergegeben wird. Ebenda finden sich auch 
Olaf, Volaf, Wolf nebeneinander, was ich bei meiner Er- 
klärung der Bletdnger Runen hätte anfuhren können und 
S. 73 Z. 3 von unten der ahd. Name unserer Heldin, 
Gundrnn^). Die Urkunden sind von 1223—45 und 1275. 



6) Der Name Gandran findet sich auch auf der letzten Seite der 
Füssener HS. der Regnla S. Benedicti ans dem Anfange des IX. Jh. 
Im sogenannten Strengalthochdeatscheli laatet diess allerdings 
Knntran oder Enndmn , die jetzt beliebte Schreibung Eadran aber 
entspricht gar keinem wirklichen Sprachstande; denn im Nieder- 
deatsohen, woher unser Name gekommen, heisst es Gudhrun oder 
GÄdrftn und das anlautende 6 ver&nderte sich nicht mehr, wenn im 
12. Jhd. ein solches Wort ins Oberdeutsche übergieng, Die Schreib- 
ung Ghautrun der Ambraser HS. beweist für uns gar nichts, als 
dass vir Eütrün schreiben müssten, wenn wir consequent sein 
wollten. Man wird sich darauf berufen, dass Zingerle den Namen 
in Tirol gefunden habe: (Pfeiffers Germania 1866 S. 476) der swai- 
chof ze Cautrawn von dem rdten burggraven giltet 16 phunt aigen. 
Aber ich bin überzeugt, dass wir hier entweder eines der vielen 
rhatieohen Wörter auf uua haben, deren massenhafte Sammlung ein 
Haaptverdienst Steubs ist, oder vielleicht Umsetzung aus Caurtawn 
ursp. Curtun d. h. romanisch cortone = Hof, welches in der Form 
Eardaon bei Steub S. 125 aus der Gegend von Bozen nachgewiesen 
ist, und dass dieses Cautrawn so wenig aus dem deutschen Sprach- 



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216 Sttgung der phikm.-pMol, dam fWM 6. Juli 1867. 

ia OHttiinahi hatten ^war nicht ausschliesBlioh, aber 
^&a Jtflt äuren Site ond eo masste der Name hin tt ngikfc 
bekftBsli Bein, nm endlidi auch in die Dichtung einingeheii, 
Bit der sehr yerzeihlichen Modifioation, dass der Naae 
einer (hegend mm Namen einer Bnrg wurde. Die Fride- 
Bchotten sind dann die am Frith sitzenden iSchotten, d. h. 
eben die mit Norwegern ?ermiechten Pioten von KaithiieBS 
und Sotherland, deren Stellung übrigens nicht mehr Uar 
fßüng aas den Angaben der Gudrun faerrorgeht Str. 611 
mtrt Ludwig richtig in Frideecbetrtiea. 

Ein Zug hat sich fest erhalten, der unseren poetischen 
Herrn von Ormauie mit den historisdien Herrn von Or- 
cania gemeinsam ist, ihr Vasallenthum. Freilich wird es 
vom wirldichen König von Norwegen auf den norw^schen 
König in Irland fibertragen, indem zu wiederholten Malen 



schätze erkl&rbar ist, als Hrn. Pro£ Sohneller's Yersnchf die soge- 
oannten rhfttisohtii Insohriftea aus d«m Orieohischen sa deuten, 
wirklichen Bestand haben kann bei allem „Spraohwiis'S den er «n- 
läogbar darauf verwendet. Dagegen ftndei skih in biaäbrnok «elbii 
ein Name des OudrankreimB. Die Vorstadt Jenseits des 
heisst Hötting, alt IXIL Jh.) fieteoingen, also die Urform 
Hegeliage, altn. Qja^nfngar. Freilieh braooht hier, wie bei 
benaehbarten Mieming (XI. Jh. Mieminga) und fieiming die 
Heldensage nacht direkt voraasgesetst tu werden » denn Hedin 
(nnsor Hetel) oberdeutsch HetUn, altn. Hed'inn, bei Sazo HiihimB 
ist ein Wort allgemeiner Bedeatnng und heisst bloss ElUnpte, von 
derselben Wurzel, von der hadn = Kampf k^mt, doreb das aotive 
Participialsaffix ana-e (goth. n*s, altn. in^, alte, nnd ags. en) ge- 
bildet und vielleicht schon im Yölkernamen Xat&tund vorbanden, 
(welche Ptolemaevs in lnav^ia neben ^tm6va^ ^%^nUoi^ Toirat, dwt^ 
xttoysf und Atvmyoi nennl^ wenn man dessen «i als in e gebroofaeMS i 
fiMsen darf und nicht vielmehr mit Zeus (D.N.8t 159) von heit m 
Heid'mörk u. s. w. ableitet, welchem widerspricht, dass d* hier ndi- 
cal ist (goik. baiM, ags hae^, engl heath) und Mgück Ptoi— iiefls 
Xof^fw^ hatte schreiben müssen. 



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Bo^ffioiiii^* 2Sm Qnni/mik. 21T 

gerade der Umfitaad dem HartmiuM; ^ finmd seiner Uib 
ebfiQbiIrtigkeit yorgeworfai irird,. dass sein Vater Ldlena* 
flpttan ¥Mi HageBe dem König von bland gewesen sedi.. AUein 
die Jaila der Orcaden stunden: mit dieseni isiscL-norwegiadiidn 
Eäeigen in vielfacher Verbindung, wie denn gleich der 
iweite Jarl Signrd mit König Thorstein dem Rodaßn von 
Doblao; Mx im Vereine bedeutende Landstreeken unter- 
warf and unter andern einen schottischen HänptHug eder 
ItfaoirmQr^ Maeldun ersohlug. Es ist klar, iam man etnen 
Jarl, wenn er mit einem König zusaman^ in den Krieg zog, 
ab den Gtoi-mgeren ansehe» musste , obwiohl historisch, das 
Beich d^ Orknejjarle sich z.B. im 11. Jb. unter Tftorfinn 
sogar lyber einen grossen Tbeil von Irland bis nach Dublin 
nnd über 9 schottische Ora&ebaften erstreckte. Ganz genau 
genoiunen stiotmt die Geschichte sogar audh darin mit dem 
Gedichte iiberan, dass Thorfinn der Orkney-Jarl Katanes 
und SuiheriaaDid: von seinem Grossvater mütterMdier Seite 
König Malcolm II. von Soboitland zu Lehen enhaltahi hatte 
(vgk >Iimch il, 649). 

Wie hätte- maa auf der anderen Seite dem Herzog von 
der Normandie als einai irischen Vasallen behandeln können, 
wwn Ormanie wirklich die Normandie wäre? So viel 
miiflBte doch audi ein mhd. Dichter wisseni, dass die Nov* 
maodie in Frankreich, lag und man^ dahin cibenso wen^ 
1Q60 Meilen zu Wasser hatte, ab nach Polen. Für poetisdle 
Zwecke mag das Zusammentreffen mit der WirkUchkeil 
immechiA gentigen. So> wird in dem verwandten Gedichte 
von Havieloc der Held zum Sohn eines dänischen Königs 
Biriiabeyn gemacht, während die Birkebeiner — man könnte 
es jait Sansculotten übersetzen — in Wirklichkeit eine po- 
litische Partei in Norwegen waren , an deren Spitze Kömg 
Sverriiv der norwegische Napoleon, auf den Thron gelangte-, 
ihn behauptete und vererbte. 

Eine zweite Reihe ron Thatsachen ergiebt sich aus dem 



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218 aitmng der phOos.'phaol. CUme wm 6, Juli 1867. 

Seezuge der Hegeliuge und ihrer Verbfindeten nacbOrmanie. 
Zu Weihnachten lässt Hilde das Aufgebot ergehn. Als das 
Ileer, 70,000 Mann, beisammen ist, sieht sie es von ihrer Borg 
Matelane aus, ab£EÜiren. Etmüller hat für Matelane ein ur- 
kundliches Matellia (jetzt Metelen) zwischen Rhein und 
Maas angeführt, was sehr gut passen würde. Es ist Heteb 
Burg in den Niederlanden , wohin der Wülpsensand an der 
Scheldemünduug noth wendig weist und durch weldie die 
Sage ihren Durchgang genommen haben muss, um nach 
Mittel- und Oberdeutschland zu gelangen. Zu Matelane 
stimmt die Flottenrevue, die vor der letzten Abfahrt vor 
dem Wülpensande gehalten wird. Dann verschlagen sie 
Südwinde (Str. 1125) und sie treiben vor den Berg zu 
Givers, in das finstere Meer, wo sie yon den Magnetsteinen 
angezogen werden. Nun beginnt Wate ein Sdiiffermährcfaen 
zu erzählen, ein wazzermaere, von dem Berge (j^ivers, den 
die Darstellung in der Gudrun mit dem wirklichen Berge, 
vor dem sie lagen und von dem sie nicht loskomme 
konnten, confundirt. Suchen wir zuerst das faMhafte Giyers 
auszuscheiden. „Zu Givers in dem Berge, erzählt Wate, 
ist ein weites Königreich bewohnt, so reich, dass der Sand 
silbern und die Mauersteine von Gold sind; wen die Winde 
wieder von dem Lande heim fUhren, der ist sein Leben lang 
ein reicher Mann'^ Schlagen wir in der Fundgrube mittel* 
elterlicher Gelehrsamkeit, im Isidorus nach, so finden wir 
diese Gold- und Silberinsel oder vielmehr Inseln im XIV. 
Buch 6 Cap. Chryse et Argyre insulae in Indico Oceano 
sitae, adeo foecundae copia metallorum, ut pleriqae eas 
auream superficiem et argenteam habere prodiderint, ande et 
vocabula sortitae sunt. Dass diese Gold- und Silberinsel 
wirklich im Norden bekannt waren, beweist nun weiter eine 
Stelle aus der ungedruckten Sage von Kirjalax {xt^^iog IdX^ 
iiog)y von welcher Konr. Gislason (in 44 Proever af, Old- 
nordisk Sprog, Kjöbeub. 1860 p. 400—406) gerade das 



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ll^^iiMiitii: Zwr QMä/rm. 219 

fitfiok inittheiH, welches wir brauchen. Es heisst doit: Etwas 
spater rüstet sich Kirjalax Tom heiligen Lande (Jörsala- 
laadi) fortznsegeln und wendet seine Fahrt nach der süd- 
lichen Erdbälfte. Und eines Tages sehen sie im Meere zwei 
Inseln, die ihnen wunderbar vorkamen; denn Nachts erhob 
sidi von ihnen grosse Helle, von der einen weiss, von der 
andern roth. Als sie den Inseln nahe kamen, da fielen 
sie steil gegen die See ab und waren mit Felsen umschlossen, 
so dass sie nicht hinein kommen konnten. Diese Inseln 
nennt Isidorus in seinem Buche Chrisen und Argiren, darum^ 
weil die eine Gold in so grossem Ueberfiusse wie Steine auf 
den Bergen hat, die andere ebenso grossen Ueberfluss an 
Silber, and davon entstund die grosse Helle am Firmamente,- 
welche das glänzende Metali von sich gab. Von da segeln 
sie an Indiens Seeküsten^'. Das Weitere braucht nicht mehr 
übersetat zu werden, es handelt vom indischen Golde, 
welches ebenfalls so gemein, wie Bei*gsteine ist, von Drachen 
und Greii'en, vom Phönix, von den Zimmetvögeln (fuglar 
sein ciunami heita), Papageien, endlich einem mörderischen 
Kampfe der Ritter mit Greifen. Dieser Kirjalax hatte die 
ganze Welt ausgefahren, Asien, Afrika bis zu den Säulen 
des Herkules. 

Kein Zweifel, dass wir hier das Original unseres Givers 
vor uns haben; sehen wir etwas genauer zu, so stellt sich 
auch das Wort ein. Argiren wurde missverständlich in ar 
und giren getrennt, indem man ersteres für die noi*dische 
Präposition at = zu hielt und giren als givers verlas. Die Zahl 
der Züge ist gleich und die Möglichkeit des Irrthums so 
naheU^end, als man es in einem solchen Falle nur wünschen 
kann. Das ist also das wazzermaere Watens. Fassen wir 
nun den übrigen Inhalt des Gudrunberichtes, nach Aus- 
scheidung der Gold- und Silberinsel, schärfer ins Auge, so 
enthalt er gar nichts, was nicht ganz genau mit den wirk- 
lichen Meeresverhältnissen an der Ostseite der Siietland — und 



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220 SiUfung der phOeB^-fhOoL CUmt «MH 6. Jfdi 1867. 

OrkDeyiasaln übereittBtimttte. Die Ftokte der Bdgsiüngo M 
in der Nordsee, will nach Cassian^t d« b. an dk» Nonkst- 
spitze von Schottland segeln, da wird sie tob einem SSd* 
wind (Str. 1125 sunderwiade) rersdilageu, (die dnogeos ftf 
den se) und koflunen in ein Nebelneery wo sie nicht vor* 
wärts und rüdcwärts können,, was sie dem Einfloase d)0r 
unterseeischen Magnetsteine zuelchreibe» (Str. 1124). Eine 
solche Stelle findet sich nun gerade an der Siödspitse d^ 
Hauptinsel von Slietland (Mainland). Sie beisst inr nor- 
wegischer Zeit Djmrastarness, jetat Dunrossnes, hat flwei Land- 
spitzen, den hohen Vorberg Fitfulhead) firiiher Fitfo^^ialri^ 
im Westen, und SunnboejarhöÜi (Südbauspitro), jetzt Stfsi- 
burgh Head im Osten. Letzteres ist. von jeher jkarch säao 
Strömungen und Stürme berüchtigt, daher der Name &fih 
röst =s brausende Strömong. Man> lese iWgettde* Sbbilder- 
ung eines Rasenden, der selbst jene Strönmngien iw einem 
SegeUohiffe befahren hat (bei Hibbert S. 240). Es heiast: 
,)Ein Gentleman theiltemir mit, dass er fünfTage ifr eioter 
Schaluppe zwischen Fitful Head und Sumbni^h Head, die 
bloss drei M«ilea von einander entfemt sind^ Windstille ge* 
habt habe' (had been becalmed^ ohne die eide oder andere 
Spitze passiren zu können, indem die eine Stritainilg dato 
Schiff in den westlidien, die anderer in^ den* öetHchen Ooean 
trieb. Oft wurde die Schaluppe von der FInth ganfl nahe 
an die Küste getrieben, aber die Strömung führte sie imtiMf 
wieder ab. Wiewohl von* Sumburgh bis Fair kle (kleine 
Insel gerade in der Mitte zwisdien Shedand' und" Orktiey) 
und ohne Zweifel auch von dort bis Orkney immev^ en<l- 
gegengesetzte Strömungen herrschen, so ist doch dar Ronst 
derjenige Theil des Stromes, der in geringer Entfernnng 
vom Voi^birge liegt und< dessen Oewalt wahrsdheinMeh 
durch die Nähe der Küste und die Seichtheit des WasseM 
vermehrt wird". 

Man vgl. damit Str. 1132 (die Wind^stiiH«) und besen* 



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Höfmam: Zur Oudrun. 221 

ders 1133, wo es beisst: vier Tage lang and mehr standen 
die Schiffe an einer Stelle, dass sie nicht von dannen 
konnten. Oaza hatten sie Nebel, der in jenen Gegenden 
aaf der See sehr gewöhnlich ist and schrieben ihre schlimme 
Lage dem Einflasse von Magneten za, was die Shetländer 
noch jetzt than (vgl. Hibbert S. 564); Felsen nämlich, die 
mehr oder weniger nahe an die Oberfläche des Meeres 
heraafreichen, den Flathstrom anterbrechen and dadarch 
die Anstaaang riesiger Wellen verarsachen, wird eine mag- 
netische Anziehangskraft zageschrieben , and in dieser An- 
sicht war der Beschreiber der Shetlandsinseln, Debes, (1673) 
derselben Meinang mit den Eingebomen: Ihavebeen assared, 
sagt Hibbert, that the Shetlanders, whose imaginations have 
conceived stränge wonders, entertain similar notions of the 
existence of submarine magnetic rocks. 

In Str. 1134 kommt nan der Westwind und befreit 
unsere Gadranfahrer; natürlich, denn der Ostwind hätte 
sie in den atlantischen Ocean hinaas getrieben. Es kann 
keinem Zweifel unterliegen, dass, wenn wir die Orknefs und 
.Eatanes als Ziel der Fahrt annehmen, sie durch einen Süd- 
wind gerade an diese Stelle getrieben werden mussten, wo 
die Gegenwirkung des aufeinanderstossenden Golfstroms und 
Polarstroms die „brausende Strömung*' macht und dass nur 
ein Westwind sie wieder losbringen konnte. Sie s^eln nun 
gerade auf Ormanie los, fallen aber in neueNoth (Str. 1137 
— 39), indem sie in einen Weststurm gerathen; d. h. sie 
kommen dem immer stürmischen Pentlandsfrith zu nahe 
und ihr Glück ist nur, wie Fruote Str. 1139 sagt, dass der 
Wind aus Westen bläst, sie vom Frith abtreibt, und ihnen 
so gestattet, ihr Ziel an der Nordostspitze Schottlands, Gas- 
siane, Cathannia endlich zu erreichen. Ich habe diese Partie 
ausführlicher behandelt, weil sich hier eine Reihe von zu- 
sammenhängenden Thatsachen verfolgen lässt, während die 
übrigen geographischen Angaben der Gudrun meist wirr 
[1867.il 2.] 16 



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222 Sitzung der philos.-phüol Glosse vom 6. Jtdi 1867. 

and lose durcheiaandergeheu, was ohne Zweifel der Ueber- 
tragung aus Norwegen nach Nieder-, von da nadi Ob^- 
deutscfaland zuzuschreiben ist. Earadg, Earadie kann Caidigan 
sein, Salme vielleicht Solway, Hortland, Ortland dürfte das 
norwegische HörSaland, Moren das norw. Moere sein, Cam- 
patille hatte ich für Entstellung von Eongahella, dem alten 
norwegischen Königssitz am nördlichen Ufer der Gaatelf 
und hart an der ostgautischen Gränze. Bei der Uebertrag* 
ung nach dem Niederlande kam dazu die zweite Hauptstadt 
Matelane zwischen lihein und Maas, wie denn auch ish 
Niederlande ein, zweites Nortmore gefunden ist (Plönnies 
S. 308) und die Verwechslung der dänischen Hauptinsel 
Seeland mit der Inselgruppe Zeeland an der Scheidemünd- 
ung kein Bedenken hätte. Sehen wir somit die Sage im 
Umkreise des norwegischen Reiches sich abspielen, so dürfen 
wir annehmen, dass sie dort auch ihre Weiterentwicklung 
gefunden hat, als deren Reflex die shetländische Ballade 
erscheint, die absolut keine andere als norwegische Herkunft 
haben kann; wir dürfen ferner annehmen, dass sie durch 
niederdeutsche Eaufleute aus Norwegen an die Scheide- und 
Rheinmündungen gekommen. Bergen war der Hauptsitz der 
deutschen Kaufleute, und wahi*scheinlich durch diese ge- 
langte die norwegische Gudrunsage nach dem Süden, wie 
umgekehrt die deutsche Dietrichssage durch sie nachweislich 
dem Norden vermittelt wurde. Ist meine Gleichung Cam- 
patille = Kongahella richtig, so muss die Bildung der Sage 
vor 1135 fallen; denn in diesem Jahre wuide Kongahella 
von einer grossen wendischen tlaubflotte überfallen, geplün- 
dert und verwüstet, worauf es zur Unbedeutendheit herab- 
sank. Damit stimmt denn auch die Erwähnung der Sage 
im Alexanderliede. Ich gehe nun zu unserer Gudrun über. 
Die erste und zweite Strophe sind durch die dreimalige 
Setzung von rieh in 5 Zeilen entstellt. Diess ist bis jetzt 
von Niemand hervorgehoben worden; hielt man es nicht 



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Hofmann: Zur Oudrun. 223 

für auffallend oder glaubte man, für den Zadichter der 
Greifengeschichte seien solche Strophen gut genug? Ich 
könnte den zweiten Grund nicht gelten lassen, denn wenn 
auch diese Vorgeschichte für das eigentliche Gudrunwerk 
viel zu fabulos und poetisch zu unbedeutend ist, und daher 
von ihm getrennt werden muss, so darf sie doch mit anderen 
mhd. Produkten verglichen, nicht so gering geachtet werden, 
dass wir nicht yersuchen sollten, sie von elenden Strophen 
zu befreien. Hier ist nun die Hülfe noch dazu äusserst 
einfach. In der zweiten Strophe ist riehen ohnehin zu viel, 
der Vers verlangt nur: Gire dem Jcünige, In 1,4 lese idi 
riche fiir ricJien^ d. h. der Majestät ziemte ihre Minne, ein 
nicht ungewöhnlicher Ausdruck, für den ich zum Ueberflusse 
noch Gerhart 115, Grane 119 anführen kann. Im ersten 
Falle steht Jcrane unserm rtche entsprechend (vgl. roemisck 
riche V. 112) ein uAp diu hinein Ifbe / gejgam und euch der 
hrdne. riche in diesem Sinne m u s s t e derSchreiber missverstehen. 

Str. 2,2. lese ich, er het streichend: 

siben fürsten lant 
dar inne het er recken . • . 

Str. 3,4. 1. da£f ers möhte deste baa genieeen. 

Str. 6,4 1. den edelen hüniginnen was nach Sige^ 
bände v}i. 

Nicht seine Mutter kann gemeint sein; denn wenn 
Bartsch erklärt: „sie konnte ihn nicht entbehren'^ so wider- 
legt das die nächste Zeile, wo sie ihm selber räth, ein Weib 
zu nehmen.' Den Königstöchtern , die er ^er^ rehter ^ner i 
minnen mochte, war nach ihm weh. 

Str. 11,1. bedecket ist nicht zu dulden, es steht im 
vorausgehenden Verse von der strdze und kann nicht in 
dnem Athem wieder von bluomen und gra^ gebraucht werden. 
En Wort, welches zertreten bedeutet (vgl. Str. 183), und 
dem Abschreiber als ein ausschliesslich mittelhochdeutsches 
nidit mehr geläufig war, muss hier gesucht werden. Ein 

15» 



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224 SUzung der pkHos.-phCM, Clam vom 6. Juli 1867. 

solches ist geweten od«r gewetet, vgl. Otn. 383, dd sath et 
äaiB grüen gras geweten and überhaupt Mhd. WB. 111,535. 

Str. 21,3. Hier das Komma zu tilgen und latU zum 
Genetiv zu madien, kann nicht angehen, ist auch gar nidit 
nöthig, denn es ist einfach als Accusativ zu fassen, von 
gergaebe regiert. 

• Str. 22,1 1. inner drien jdren. Dass die drei Jahre die 
nächsten sind, versteht sich von selbst und ist ein Zusati 
des Abschreibers. 

Str. 23,4 1. sah für säKen^ vergl. Grimm DG. IV. 
198 ff. und Str. 141 ja Unet im n^n vater und nOm 
nmoter. 

Str. 38,2 1. daa man ^von wildem wcdde muose dar ge- 
tragen, wilden und walde zu trennen, geht nicht an, nooh 
weniger, den ganz spezifischen und bezeichnenden Ausdruck 
zu entfernen. Die Menge der zu fertigenden Sitze, will der 
Dichter sagen, war so gross, dass man im offenen Walde 
grünes Holz dazu schlagen musste. 

Walt bedeutet eben auch, wie das gr. vXtjy das lat 
maieria (daher der Name Madeira) Nutzholz, wie eiM 
zweite Stelle der Gudrun klar zeigt, wo freilich erst der 
aus Vollmers Phantasie gewachsene, dann in Bartscfas Ver- 
zeichniss der Eigennamen gewanderte WestenvaU als mo- 
dernes Verderbniss zu beseitigen ist. In der Handschrift 
Str. 945 steht fraw man sol wenden da su dem vesten 
wdd. Da von Schiffbauen die Rede ist, wozu man Hob 
braucht und da Holz schlagen im Mhd. ausgedruckt wird 
durch: den walt swenden^ so dürfte wohl auch ein An&nger 
eingesehen haben, dass es sich hier nicht um Erfindung 
eines geogra^ischen Namens, sondern nur um die Restitu- 
tion des mhd. technischen Ausdrucks handeln kann, vesten 
walt wäre dann gar nicht unbedingt zu verwerfen, es wurde 
einfach festes Holz bedeuten. Allein, da sich von selbst 
versteht, dass man zum Schiffbau festes und nicht weidies 



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Sofmofmx Zwt OudrwL 226 

Holz nimmt, der Ausdruck somit nichtssagend wäre, was 
wir in der Gudrun wo möglich vermeiden müssen ^ so lese 
ich besten, also: vroutcey mau $61 stvenden dd euo den besten 
waU. 

Str. 40^4 ist etwas zu ergänzen, nicht ir, was sich auf 
die Ritter beziehen würde, sondern dervrQUwen^ Tgl. Str. 36: 
sd gib ich besunder ßpf hundert vrouwen kleit. vrawen hat 
schon V. 

Str. 48,3. Hätten die Herausgeber die hässliche Woii- 
stellung doch wohl ändern sollen in: die vamde diet des 
mohte Uieeel da verdrießen. Die Wortfolge, die der Ab- 
schreiber des 15./16. Jhd. seinem Red^ebrauch gemässer 
&nd, kann uns bei Herstellung fliessender Verse, und solche 
verlangt die Gudrun durchaus, doch nicht im W^e stehen. 

Str. 52,4. Der Absdireiber hat hier durch Gleich- 
machung des Reimes m&gen^ phlagen den Sinn tief zerrüttet. 
Vergleichen wir alle übrigen Stellen des Gedichtes, wo von 
dem Verhältnisse edler Kinder zu ihren m&gen dia Rede 
ist, so zeigt sich, dass sie immer von ihnen oder bei ihnen 
erzogen werden, eine Sitte, die besonders tief im altnordi- 
sdien Leben wurzelt und dort auf Schritt und Tritt be* 
gegnet. Man vergl besonders Str. 98. Hagene erzog sich 
selber, denn er was aUer stner mäge eine = er mnsste 
sich seine sämmtlichen Mage ersetzen, femer Str. 198, 
Q. 8. w. Es darf also in unserer Stelle nicht gesagt sein, 
dass die Freunde das Kind den Magen erziehen, denn beide 
zusammen erziehen es nur denEltei^, sondern es kann bloss 
von den m&gen als Erziehern die Rede sein, folglich muss 
der Nom. mäge stehen, was den Reimen der Gudrun be- 
kanntlich auch sonst entspricht. Nun ist die Emendation 
einfach: sus eugen ee mit vliee ^ne mäge. 

Str. 85,2 braucht grözesf nicht getilgt zu werden, wie 
E. V. B. thun. Man lese: 



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226 iS^fUfi^ der phüos.'phüöl, Glosse vom 6, Juli 1867. 

Ine weist von weihen enden geßoeeen über mer 

Jcom zen steinwenden ein grdzeis gotes her. 

Str. 91,3 1. den wolte er an der eite gerne hon vers- 
lunden. ZU als Datiy möchte ich der Gudrun nicht zu- 
trauen. 

Str. 99,2. Alle Herausgeber haben hier die reihen 
fische^ ein Nonsens, von dem noch dazu nichts in der HS. 
steht und der wahrlich nicht besser wird, wenn B. ihn auch 
noch erklärt: „rauh wegen der Schuppen'^ Im Binnenlande 
gibt es keine Fische mit rauhen Schuppen, und die dorti- 
gen Fische kann man ihrer Schuppen wegen nur glatt 
nennen. Sollte man dem Dichter der GveMtnavenHure 
etwa die Spitzfindigkeit zumuthen, er hätte die Seefische im 
Gegensatze zu den glatten Süss wasserfischen sich rauh vor- 
gestellt? Aber wir brauchen ihm gar Nichts zuzumnthen, 
denn er hat uns hier das richtige Wort in richtiger mittel- 
hochdeutscher Form überliefert , rawhen d. h. rdwen = 
rohen. Die rohen Fische konnte Hagene nicht gemessen, 
weil seine Küche selten rauchte, d. h. weil er noch kein 
Feuer hatte, welches er erst Str. 104 aus dem Felsmi 
schlägt. 

Str. 108,4. Den Frauen bringt die Noth des Schifltes, 
welches sie im Sturme erblicken, die Rettung; ich möchte 
daher statt frouwen lesen ferjen = den Schiffern. 

Str. 116,3. Diese Strophe hat das Schicksal gehabt, 
ganz ausdrücklich missverstanden zu werden, wiewohl sie 
einem der allgemeinsten mittelalterlichen Bräuche ihre Ent- 
stehung verdankt. Gästen, die man ehren wollte, gab man 
Kleider der Hausgenossen zum Wechseln gegen ihre eigenen. 
Der Dichter kann also nicht mit B. gemeint haben: - „sie 
würden mir weise erscheinen, wenn sie diese ungewohnte 
Umgebung als eine ihnen angethane Ehre betrachteten'^, son- 
dern er will einfach einen Witz machen: wären sie welt- 
Eufig (wise) gewesen, so hätten sie die männlidien Pilger- 



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Hofmann: Zur Gudrun. 227 

kotten, die ihnen so ungewohnt vorkamen and welche sie 
sich ächämten, anzuziehen, als eine ihrem hohen Stande er- 
wiesene Ehre (toirde) hingenommen. 

Str. 121 lese ich 
Do Sprech der ritter edele: ,^got hat vil tool getän^ 
stt er iuch U den mägen niht enwolte län; 
ir ^ mit Mnen gnaden Hz grozer ndt entbunden, 
sU ich iuch^ meide^ so schone hän an disem Stade fanden. 

Str. 127,1 1. ist 80 stark din Up. 

Str. 130,4 wohl am einfachsten: in herten stürmen 
siechen unde vähen. 

Str. 134,4. Hier darf nicht geholfen werden, indem 
man für Jceret umbe das gleichbedeutende, aber metrisch 
richtige wendet setzt, was ausserdem auch noch widersinnig 
wäre, weil man ein Segelschiff nicht wie einen Wagen oder 
einen Dampfer plötzlich wenden kann. Der Hauptgrund 
ist übrigens noch der, dass der Schreiber der Ambraser HS. 
sicherlich wendet ebenso gut verstanden hätte, als kiret 
umbe. Entfernen wir den unerlaubten Auftakt kiret^ so 
erhalten wir das Richtige der volge mtner Urelunibe iuwer 
segele^ daa man gegen Irlande kire; denn das Schiff ist 
wieder ein tautologisches Einschiebsel des Abschreibers, der 
den mhd. Gebrauch des absoluten Mren nicht mehr recht 
kannte, wiewohl er es zwei Strophen weiter unangetastet 
gelassen hat: die selben schifliute muosten dö gSn Irlande 
kSren. 

Str. 138,4 1. tüme driu hundert,, was einen wohlklin* 
gendem Vers gibt. 

Str. 143,4 l. v6r an miner brüstS bevinde. vir dn ist 
zu hart. 

Str. 148,1 1. Do Uoten der vrouwen ditze wart geseit 
im Anschlüsse an die HS. 

Str. 151,3 1. wer im ein grüezen taete, fliessender. 

Str. 162,1 sin in sin lant ist besonders hässlich. Ich 



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328 Siisrng der phthe.-phiM. Classe vom 6. Juli 186^. 

lese der hünec in willekomen hkz wesen m ^n lani^ da 
ich mich nicht an dem stumpfen Schiasse des ersten Halb- 
yerses mUehamm stosse, der ja durch Stellen bewiesen 
wird, wo maa z. B. statt nem ein yermeintlicfaes nerjen 
setzen mussi um einen scheinbar klingenden Ausgang zu 
bekommen. Es ist das sicher einer der Punkte, wo man 
besser thäte, bei dem, was Lachmann gesagt, stehen zu 



Str. 163,2. Zu gemach bemerkt B. „Bequemlichkeit, 
bequeme Gelegenheit; der Begriff der Absonderung liegt 
darin''. Ich bezweifle, ob dadurch der Sinn der Stelle 
deutlich werde. Der König sollte die Leute zurücktreten 
heissen, damit sein Sohn Hagene mit Anstand seine Brust 
entblössen und seine Mutter das Ereuzzeichen auf der Haut 
sehen konnte. 

Str. 155,3. Die Herausgeber £• V. B. haben hier 
wieder das Adjectiv vom Substantiv durch die Cäsur ge- 
trennt, was auf jede Weise zu vermeiden ist. Man leae 
von stnes herzen liebe I üa sinen ougen vlöe; 

im viel der heizen trahene / da eeUü genuoc. 

Str. 159,4 1. Sit tourden sie ze tknde / den von Irlande 
nimmer mSre. Ob man die nhd.' Wendung: mit einem 
Feind odßr Freund sein, schon im Mhd. gebraucht hat , be- 
zweifle ich einstweilen. 

Str. 177. sie sprächen^ sie fragten ist eine unerträg- 
liche Tautologie, zudem steht sprach am Anfange der vori- 
gen Strophe und im dritten Verse der vorliegenden noch 
einmal. Man lese: 

Wer diu vroutve waere^ des fragten sine man^ 
diu vor stnen helden ze hove solde gän. 

Str.'jl96,3.4. Da,' [vorgetane bis jetzt nicht gefunden 
ist, so darf man wohl eine kühnere Vermuthung wagen. Ich 
lese, indem ich er hiez aus der letzten Zeile, wo es über- 
flfissig steht, heraufziehe: 



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HofmoMn: Zwt Gudrun. 229 

er hiee von ^nm varktm nähen unde fferren 
Volant (Mer himge . . . 

vorhten ist die Furcht, welche man vor Hagenen hatte, 
▼gl Mhd. WB. III. 385, b. Noch näher läge verhtsame. 

Str. 208, L Der zweite Halbsvers ist ebenso schlecht 
bei y. im dient waeeer tmde lant als bei B. wasseer unde 
Umt^ die ausser der Construction stehen sollen und dgl. 
Statt waesier ist einfach mer zu setzen, im diente, mer wnt 
lantj vgl. Str. 1669. Dass ich hier unt setze, gründet sich 
aaf Lachmann, der zu den Nibel. 934,2 bemerkt: „Die 
Lesart von A darf man aussprechen an uns sarge unt leit. 
Denn gerade vor l wird unde auch an dieser Yersetelle 
verkürzt, bei Walther v. d« V. vor keinem anderen Qousa* 
nanten als 2". 

Str. 233. 1. JEr fragte^ ob er fiteren solde wH im dm 
hehn unäe brünne od iemen stner man. 
der boten sprach do einer: wir enhdrten niht 
dag er bedorfte recken u. s. w. 

Str. 246,4 finde ich nur eine kleine Aenderung des 
Ueberlieferten nothwendig: 

der mins gemaches värett der sol die selbm trimve von 
mir dulden = dem will ich Gleiches mit Gleichem ver- 
gelten, darum müsst auch ihr beide als Boten mit mir fahren. 

Str. 249,2. ein schif von ciperboumen kömmt mir ver- 
dächtig vor. Warum sollte ein Schiff vom Trauerbaum fest 
und gut sein? Ich lese ciderboumen^ denn d^ Ceder wird 
die Eigenschaft beigelegt, nicht von Würmern angegriffen 
zu werden, gerade was ein Seeschiff am meiste braucht. 
Dass sie im Lande der Hegelinge weder Zedern noch Cy- 
pressen zum Schiffbau hatten, braucht den Dichter nicht 
zu kümmern. 

Str. 260,3. Für unnters braucht nicht meien gesetzt 
zu werden, man lese nach des winters atten oder vielleicht 
dem Texte näher: von des w. ^f» v<m in temporalem Sinne. 



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230 Sitzung der pMoa.-phtlöl. Gasse vom 6. Juli 1867. 

Str. 264,4. 1. tourden wol mit süber gebunden. 

Str. 271,4. 1. ja wären sie des Mnec Hetelen künne. 

Str. 281,2.3. möchte ich lesen: da^f man dae magedin 
mit strite erwerben solde, ob Stn geschaehe not. 

üeber den Ausdruck not geschiht vgl. Mhd. WB. II, 
408 Nr. 4. Mit List und Streit zugleich konnten die Ge- 
wa£Eheten doch die Maid nicht erwerben sollen. Z. 4 könnte 
man willige lesen, um den eigenthümlichen metrischen Bau 
der 8. Halbzeile herzustellen, vgl. Grimm DG. III, 115. 

Str. 288. Diese Strophe ist sehr wichtig, denn in ihr 
deutet der Dichter auf eine andere Fassung der Sage hin, 
die er verwirft. Es handelt sich um die richtige D^tung 
von Pölay. Erwägt man, dass im 15. Jhd. n mit dem 
zweiten Striche nach unten verlängert vorkömmt, so ergibt 
Polay Pdany wohin also die andere Sage den Eönigssitz 
Hagenes verlegte, tobelichej meint der Dichter, denn nach 
Polen hätten die Hegelinge nicht 1000 Seemeilen zu fähren 
gehabt, wie nach Irland. Lassen wir Polan gelten, so dürfte 
die ganze Strophe so zu lesen sein: 
Sie het wol tüsent mUe dae waBJser dar getragen 
hin sse Hagenen bürge^ swie wir hoeren sagen^ 
dae er herre waere ee Pöldn lasterliche, 
sie liegent tobeHiche^ ee enist dem maere niht geUche. 

Eine Andeutung, wie die Sage den Hagene nadi Polen 
verlegen konnte, findet sich bei Saxo Grammaticus. Er 
macht den Höginus^ einen jütischen Unterkönig (regulus) 
zum Vasallen des Frotho III, dem er im Kriege gegen die 
Slaven hilft, nach deren Besiegung Frotho ihr Land an 
seine Unterkönige vertheilt. Es wäre mögKch, dass man 
auch dem Höginus eine slawische Provinz zugetheilt und 
dass daraus in einer weiter fortgesponnenen Erzählung 
Polen geworden. Diess wird wohl die einzige Stelle sdn, 
in der ich von Haupts Gudrunemendationen abweiche. 

(Der Schluss im folgenden Hefte). 



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Seiidi €f€gemoärHg4 Gmauigkeii der Wägmgen. 231 



Mathematisch-physikalische Classe. 

Sitzung vom &. Juli 1867. 



Herr Seidel hielt einen Vortrag, betr.: 

„Einen Beitrag zur Bestimmung der Grenze 
der mit der Wage gegenwärtig erreichbaren 
Genauigkeit". 

Die Beurtheilung der Sicherheit, weldie den aus Be- 
obachtungen abgeleiteten Zahlengrössen beigdegt werden 
darf, bildet bekanntlich in den vei-schiedenen Zweigen der 
Messkunst keine leichte Aufgabe, sofeme man überhaupt 
darauf ausgegangen ist, die Hilfsmittel der Beobachtung und 
ihrer Reduction bis zu der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit 
wirklich in Anspruch zu nehmen. Es ist eine notorische 
ErfSahrung, dass aufeinanderfolgende Messungen ein und 
und derselben Grösse, oder überhaupt Beobachtungen, welche 
mit einerlei instrumentalen Bütteln, unter ähnlichen Um- 
ständen gemacht sind, fast jederzeit genauer unter sich 
-stimmen, als, nach Berücksichtigung aller Reductionen, ihre 
Resultate mit denjenigen zusammengehen, welche man mit 
andtt-en Hilfsmitteln oder nach Verfluss ttngerer Zeit erhält; 
— so dass die Zuyerlässigkeit der Zahlen beinahe gewiss 
überschätzt wird^ wenn man sie lediglich nach dem „wahr- 
scheinlichen Fehler'' taxiren will, wie er aus dem einseitigen 
MateriaJe nach der Methode der kleinsten Quadrate sich er- 
giebt. Natürlich folgt hieraus nicht, dass die Wahrschein- 
liehkeitsrechnnng, in welcher die genannte Methode begründet 
ist, das Urtheil irre führt; denn es ist ja eine ausdrück- 
liche Voraussetzung, die bei der betreffenden Probabilitäts- 



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232 8änm§ der nuUh.-ffifi. Omm wm e. JM ISer. 

üntennohimg za Orande gelegt wird, dass positiTe imd 
negative Beobaohtangsfehler mit gleicher Leichtigkeit sidi 
ergeben können, — oder mit andern Worten: daes con- 
8tante Fehler aosgesdüoasen aind. In Wirklid^eit ist es 
kanm jemals möglich, . diese Bedingung genau za realistreo: 
Einflüsse untergeordneter Art, welche während gewisser 
Zeit oder bei dem Oebraoche der gleichen Instrumente etc. 
in constantem Sinne agiren, werden sidi, wenn die Badie 
genau betrachtet wird, fast immer nicht nur als möglidi, 
sondern selbst als höchst wahrscheinlich yorhanden erkennen 
lassen; — und wenn wir, ungeachtet der Einsicht hievon, 
doch die Methode der kleinsten Quadrate auf derlei Fälle 
anwenden, die ihrm Voraussetaungen nicht entspredien, so 
gesdiieht es deshalb, weil uns die Mittel fehlen, die geseti- 
mässige Art des Werkens jener Einflüsse su verfolgen, oder 
aaoh nur zu benrtheilen, ob in dem einzelnen gerade vor- 
liegenden FaUe die Wahrsdieinlidikeit der positiven oder 
die der negativen Beobaditungsfehler durch sie ein lieber^ 
gewicht erhalten hat Es würde überdies unmöglich sein, 
jedesmal je nach der besonderen Bedingtheit der voriiegeii- 
den Beobachtungen die ihr individuell entsprei^ende Wahr- 
soheinlidikeits-Aufgabe strenge zu lösen, so wie sie fir 
jenen einfachsten und gevnssermassen normalen Fall durch 
die Aufetellung der Methode der kleinsten Quadrate gdöst 
ist. Immerhin mag man auch da, wo entstellende Einwirk- 
ungen oonstanter A^t nicht undei^bar sind, den sogenannten 
),wahrscheinlichen Fehler*' ableiten und ihn auffffliren als 
einen bequemen und allgemein verständlichen Gradmesser 
für die Uebereinstimmung der einzelnen Messungen unter 
sich: nur darf man nicht sich der Täuschung hingeben, 
(von welcher Niemand entfernter war, als die grossen Ur- 
heber jener Methode), als ob seine Herldtung die soig- 
fiUtige Würdigung der Umstände der Messung und der für 
^ EUminatioo owstanter Fehler getroffenen Cautelen un- 



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Seidd: QtgemoärHgB Qm am§ k%U ätf Wügmtgm. 283 

nothig machte. Der Fall ist sehr woU denkbar, dass tinier 
zweierlei Beobachtnngsresultaten , die durch yeischiedene 
M^oden für dieselben Grössen erlangt worden sind, die- 
jenigen, welche einseitig baredmet den kleineren wahrsdiein- 
lichen Fehler zeigen, gleich von vornherein nnd sogar wegen 
der Kleinheit dieses Fehlers für die schlediteren zu halten 
sind: nemlich dann, wenn Verdadit besteht, dass ihre ge- 
nane Uebereinstimmong desshalb zu Stande kam, weil 
Fehlerursachoi oonstant wirkten, die in dem besser ein- 
gerichteten Beobachtongsqrstem bald auf die eine bald anf 
die andere Seite fallen und so den apparenten wahrscfaein- 
Uchen Fehler vei^^össwn mussten; — ganz so wie unter 
Umständen, ebenfalls nach den Principien der Wahrschein- 
lickkeitsldire, die Aussagen zweier Zeugen darum verdächtig 
werden können, weil sie gar zu genau übereinkommen. 
Massen- Vergleichungen mittelst der Wage gehören in 
Tielem Betracht zu den einfachsten und desshalb b^ünatigten 
Beobachtungen. Dennoch ist es schwer, wenn man die 
letzte Genauigkeit anstrebt, beslimml festzustellen, wie weit 
sie eigentlidi geU. Mach einander gemadite Messungen 
derselben Gewiditsdifferenz zeigen leicht einen hdien Grad 
von Uebereinstimmong: ebenso leicht trifft es sich aber, 
dass man an einem andern Tage aus nicht minder gut 
unter sich harmoairenden Bestimmungen ein Resultat erhält, 
welches nach allen Beductionen um das Zehn&che des ein- 
seitig abgeleiteten „wahrscheinlichen Fehlers'' von dem erst 
gefundenen abweicht. Sehr häufig wird eine Unsicfaerfaeit 
über das genaue Gewidit der von den aufgelegten Massen 
verdrängten wasserhaltigen Luft die Entstehung solcher 
Differenzen erklären. In diedem Falle hat man ein<9n Theil 
der Genauigkeit, die d6r Akt der Wägm^; an sich gewährt, 
verloren durch -ihre nothwendig unvollkommene Reduotion. 
Wollte man aber zur Vermeidung dieses Uebelstandes die 
Wage in ein Vacuum bringen, so wird man in den meistea 



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234 SitMung der maih.'fiky$. Ckme vom 6. Juli 1867. 

Fällen durch die Unbeqnemliohkeit der Einriohtimg yeran- 
lasst sein, die Vergleidiang nicht so oft, als sonst leicht 
geschehen könnte, zu wiedeiiiolen, und so auf anderer Seite 
einen Theil der erreichbaren Genauigkeit aufzuopfern. Dazu 
kommt, dass es äberhaupt schwer ist, sich der Unveräader- 
lidikeit der Massen bis in die letzten Grössen, fiir welche 
die Wage sensibel ist, zu versichern, dass man also, während 
der Zeit nach sich nahe liegende Beobachtungen leicht toh 
Constanten Fehlern entstellt sind, zwischen solchen entf^n- 
terer Epochen eine Veränderung an den gewogenen Körpern 
als möglich in Betracht ziehen muss. Die beiden französi- 
sdien Kilogramme-Etalons yon Piatina, der Archive und der 
Sternwarte, sind bekanntlich von der mit ihrer Herstellung 
betrauten Gommission iiir identisch erklärt worden, waren 
also ui'sprjingUch jedenfalls um weniger als ein Milligramm 
verschieden: im Jahre 1837 ergaben sieben auf Arago's 
Veranlassung von Gambey, Steinbeil und von ihm sdbst an 
vier Tagen vorgenommene Vergleichungen übereinstimmend 
einoi Untersdiied von 4,5 Milligrammen^), der wahrschein- 
lichsten Annahme nach herrührend von einer allmählich 
eingetretenen Verunreinigung der Oberfläche des Eilogram- 
mes der Sternwarte (als des öfter benutzten) durch adhaii- 
rende fremde Theilchen, die wegen der Weichheit der 
Piatina nicht ohne Gefahr zu entfernen sein wurden. Ge- 
wichte aus anderen Metallen sind aber ähnlichen Aender* 
ungen aus anderer Ursache ausgesetzt. Ein genau aus- 
gewogener Kilogramm-Einsatz,/ der aus 13 Stücken besteht^ 
die zusammen einen Würfel bilden, und mit welchem Stein« 
heil und ich 1843)4 viele sorgfaltige Wägungen ausführten, 
verlor vom 9. November 1843 bis 6. Januar 1844 6,9 Milli- 
grammen; weiter von da bis Ende Juni, während weldier 



1) S. SteinheiPs Abhandlung in den Denkschriften der Münchner 
Akademie. 1844 p. 77. 



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Seidel: GegentoärHge Genauigkeit der Wägungen. 235 

Zeit das specifische Gewicht seiner einzelnen Stücke be- 
stimmt worden war, 7,6 M.; dann durch einmaliges Ab- 
waschen seiner Stücke wieder 4,3 M.; im Ganzen also in 
drei Vierteljahren 18,8 M. Ein anderer ähnlicher Einsatz, 
dessen Oberflächen sämmtlich zu genauen Ebenen geschliffen, 
dann auf galvanischem Wege stark vergoldet und zu Spiegeln 
poliert worden waren, nahm zu von 1844 Juli 12. bis 
Novbr. L um 3,2 M. Am 27. Juli war das specifische Ge« 
wicht des Halbkilogramm-Stückes (zum zweitenmale) bestimmt 
worden^ sonst aber der Einsatz unberührt und wohl ver- 
wahrt gestanden. Durch absichtlich vorgenommenes Ab- 
waschen verloren diese Gewichte am 3. November nur 
0,5 M., dann am gleichen Tage durch ein wiederholtes 
Waschen mit Seifenwasser noch 0,6 M.; also zusammen 
1,1 M., so dasä noch immer von 3Vs Monaten eine Gewichts- 
zunahme um 2,1 M. übrig blieb, welche nicht von Unreinigkeit 
der Oberfläche herrühren konnte (die einzelnen Stücke waren 
beim Gebrauch stets ganz blank und spiegelnd),* und die 
vielleicht am ersten auf Rechnung einer unter der Vergold- 
ung vor sich gehenden Oxydation des Messings zu setzen 
ist. Diese und noch einige ähnliche Erfahrungen über die 
Veränderlidikeit der Metallgewichte gaben damals Veran- 
lassung, in der VVerksätte der mathematisch-physikalische 
Sammlung einen vollständigen Einsatz aus Borgkrystall her- 
stellen zu lassen, bestehend aus einem Kilogramme-Stücke 
(welches direct mit dem vorher in Paris durch das Original 
der Archive bestimmten und später nach Neapel verkauften 
Repsold'sehen Bergkry stall -Kilogramme verglichen worden 
ist), zwei halben Kilogrammen etc. bis herab zur Gramme^ 
in Allem 15 Gylinder (die Kanten durch KugelfiEtcetten ab- 
gerundet) , von höchst vollkommener Gestalt und Politur 
der Oberflächen. Da wir allen Grund hatten, diesen Ge- 
wichten, die man vor dem jedesmaligen Gebrauche unbe- 
denklich mit Weingeist waschen darf, viel grössere Unver- 



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236 Siimmg der math-ph^g. Ciasse vom 6. JvHi 1867. 

änderliohkeit als den metallenen zuzuschreiben, so wurden 
dann im Jähre 1846 durch eine grosse Beobachtangsreihe} 
die wesentlich yon mir herrührt , ihre Werthe moglidist 
sorgfältig bestimmt, damit für weitere Gewichtsontersach- 
ungen der Apparat ein für allemal hergestellt sei. Ich 
setzte mir damals znm Ziel, die relativen Werthe dieser 
Stücke, d. h. ihre Verhältnisse zum grössten, bis auf ein 
paar Hundertmilliontel des letzteren zu bestimmen. Die 
Unsicherheit in Betreflf der Luftgewichte, von welcher vorher 
die Sprache ^ar, fallt nämlich vollkommen fort, wenn man 
Bei*gkrystall mit Bergkrystall vergleicht, weil hier gleiche 
Massen auch gleiche Volumina bedingen. In dieser Beziehung 
lagen uns, schon als der Einsatz hergestellt wurde (dessen 
Stücke übrigens alle von demselben Erystall-Blocke her- 
rühren) die Bestimmungen der specifischen Gewidite von 
sechs verschiedenen Krystall-Eörpem vor, deren Einer aus 
Brasilien, ein zweiter aus Madagaskar stami^te, vrährend 
die übrigen wahrscheinlidi europäischen Ursprungs sind; — 
für diese alle hatten wir, auf so viel Stellen als überhaupt 
verbürgt werden können, gleiche specifische Gewichte er- 
halten, indem die grösste gefundene Abweichung vom Mittel- 
werth sich auf 0,00005 stellte, welche Differenz, wenn sie 
selbst reell wäre, doch bei der Masse von 1 Kilogramm 
das Gewicht der verdrängten Luft noch nidit um 0,01 M. 
verändern würde"). Die weiteren Untersuchungen, für 
welche die Herstellung jenes Einsatzes als Vorarbeit dienen 



3) Unmittelbare Wägangen im Wasser von der grössten Dichtig- 
keit geben das speoifische Gewicht des Bergkrystalls = 2,65479. 
Aas den Wägungen bei höherer Temperatur hatten wir mittelst der 
Hallström^ohen, von Bessel reproducirten Tafel für die Ausdehnung 
des Wassers zuerst einen kleineren Werth abgeleitet (vgl. Steinheil 
a. a. 0.) in Folge der Unrichtigkeit dieser Tafel 



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Seidsl: Oegemoärtige Oenauigkeii der Wägungen. 237 

sollte, sind nar zum Theil ausgeführt worden: bei ihrer 
Unterbrechung durch SteinheiPs damaUge Uebersiedelung 
nach Wien blieben die mit bedeutenden Kosten hergestellten 
Gewichte sein Privat-Eigenthum. Neuerlich, als die Verhand- 
lungen wegen eines gemeinschaftlichen deutschen Maasses 
und Gewichtes dem Gegenstand ein erneutes Interesse gaben, 
bat die betreffende Gommission der IL Glasse der k. Akad. 
d. W. Anlass genommen, der k. Staatsregierung die Er- 
werbung dieser Stücke für Bayern anzuempfehlen, jedoch 
ist den desfallsigen EntSchliessungen das Oesterreichische 
Gouvernement zuvorgekommen, und hat die Wiener Aka- 
demie in den Besitz derselben gebracht. Sie wurden Ende 
März an den österreichischen Bevollmächtigten übergeben; 
ehe dies geschah, hat mir auf meinen Wunsch das bereit- 
wilb'ge Entgegenkommen des Hrn. Professors Schrötter, 
General-Sekretärs der kais. Akademie, und des Hm. Ministerial- 
Raths Steinheil die Gelegenheit verschafft, einige meiner alten 
Gewichtsvergleichungen zu wiederholen. Es lag mir daran, 
ehe diese Stücke für immer von hier fort kamen, mich 
selbst von der Genauigkeit meiner früheren Arbeit noch- 
mals zu überzeugen, und es schien mir, dass es, gegenüber 
den mit Metallgewichten gemachten Erfahrungen, von wesent- 
lichem Werthe sein würde, wenn der positive Nachweis einer 
viel grösseren ünveränderlickeit unserer Krystallkörper durch 
eine nach zwanzig Jahren vorgenommene Controlbestim- 
mang geführt werden könnte. Dazu kommt noch, dass das 
Eine der zur Vergleichung gebrachten Stücke auch noch 
für uns in München die Gontinuität mit dem Original-Ge- 
widite der Archive in Paris erhalt: das Halb-Eilogramm- 
Stüok war nemlich in Bergkrystall deshalb in duplo her- 
gestellt worden, weil das erste Exemplar in Folge zu rascher 
Erkältung nach dem Poliren im Innern einen irisirenden 
Sprung erhalten hatte, der sich bis an die Oberfläche erstreckt, 
[1867. n. 2.] 16 



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238 Sitzung der math.-phys. Classe vom 6. JuU 1867. 

obgleidi an derselben nicht die geringste Unterbrechung der 
Gontinuität mit dem Nagel zu spüren ist; es wurde darum 
dem jetzt verkauften Einsätze nicht einverleibt, war aber 
schon in die alten Vei^leichungen von mir mit hineingezogea 
worden, weil sich bald zeigte, dass der Sprung seine Un- 
veränderlichkeit auf der Wage nicht beeinträchtigte. Die 
Summe der beiden halben Kilogramme hatte ich 1846 be- 
sonders sicher, durch 45 Abwägungen, mit dem ganzen 
Kilogramme verglichen: für ihre Differenz (die allerdings 
bei kleinerer Belastung, also grösserer Empfindlichkeit, der 
Wage gemessen und deshalb schneller mit der gleidien 
Genauigkeit erhalten wird) lagen viel weniger Beobachtungen 
vor, und die Wiederholung dieser Vergleichuug, zu möglichst 
sicherer Bestimmung der beiden Halben durch das Ganze, 
war deshalb zunächst angezeigt. Für die zweite Controle 
wählte ich die erneute Vergleichuug des Stückes von zwei 
Hektogrammen mit den beiden von ein Hektogramm, weil 
ich in den Originalpapieren der alten Wägungen eine 1846 
gemachte Notiruug gefunden hatte, dass diese Verbindung, 
als etwas unsicherer bestimmt, gelegentlich zu wieder- 
holen sei. 

Meine diesmaligen Beobachtungen fielen in die Tage 
vom 13. bis 27. März 1867; es war mir dazu der südliche 
Saal der mathem.-physikal. Sammlung des Staates, in wel- 
chem der Heliostat angebracht ist, eingeräumt, und in dem- 
selben die Steinheirsche Schneidewage an der Wand gegen 
den südöstlichen Arbeitssaal in ihrem Kasten aufgestellt 
worden. Beide Säle blieben ungeheizt, und ich hielt die 
Läden desjenigen, in welchem die Wage stand, grössteu- 
theils geschlossen, und verweilte in ihm nur, während es 
zum Ablesen und dann zum Umsetzen der Gewichte nöthig 
war: in Folge dieser Vorsicht zeigte das Reaumur'sche 
Thermometer am Barometer kaum Schwankungen von 
Vxo Grad während der Beobachtungen eines Vor- oder 



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Seidel: GegenwärHge Genauigleit der Wägungen, 239 

Nachmittags. Die yortreffliche mit drei auf Achatplatten 
spielenden Schneiden versehene Wage, die schon zu den 
früheren Bestimmungen gedient hatte (Eine von mehreren 
ganz ähnlich hergestellten) ist von Steinheil an anderem 
Orte beschrieben; ihr Balken trägt über seiner Mitte 
einen kleinen Planspiegel, der auf eine etwa 12 Fuss 
entfernte Scala weist, an welcher die Ausschläge nach 
dem Poggendorf-Gauss'schen Principe durch das auf 
den Spiegel gerichtete feststehende Fernrohr abgelesen wer- 
den. Es galt mir, mefnen früheren Erfahrungen nach, als 
Regel, die Wage stets nach Umsetzen der Gewichte eine 
Viertelstunde lang frei schwingen zu lassen, während sich 
Niemand im Zimmer befand, damit im Innern ihres Kastens 
die Luftströmungen sich beruhigen und die Temperaturen 
sich ausgleichen könnten; nach Ablauf dieser Zeit zeigte 
sich im Femrohre die Ruhe und Gleichmässigkeit der 
Schwingungen nur beeinträchtigt durch vorübergehende in 
dem Lokale nicht zu vermeidende Ersdiütterungen von vor- 
beifahrenden Wägen; wenn zwei nach derselben Seite er- 
folgende Ausschläge bis auf ein paar der geschätzten Zehntel 
eines Scalentheils gleiche Ablesung gaben (wie dies bei 
ruhigem Gange der Wage immer der Fall war), so wurde 
der Mittelwerth beider mit der der Zeit nach zwischen sie 
fallenden Ablesung der entgegengesetzten äussersten Elonga- 
tion zu einem Mittel verbunden , welches als die Ablesung 
der Gleichgewichtslage der Wage galt. Die Abwägungen 
selbst wurden nach der Methode von Gauss gemacht, indem 
die beiden zu yergleichenden Körper sich gleichzeitig auf 
den beiden Schalen der Wage befanden, und zwischen den- 
selben alternirten. Der Werth des Ausschlags von einem 
Sealentheil wurde mittelst der sehr genau bekannten kleinen 
Gewichte von Piatinadraht bestimmt, über welche ich zu- 
letzt noch Einiges beibringen werde, natürlich zu wieder- 
holten Malen und zwar bald durch Umsetzen des kleinen 

16* 



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240 8U0ung der nuUh'phys, Crosse vom 6. JuU 1867. 

Gewichtes allein, bald auf die Art, dass durch Hinzufugnng 
eines solchen zu der leichteren der beiden grösseren Massen 
die Differenz auf die entgegengesetzte Seite gebracht wurde. 
Dieses letztere Verfahren ist etwas unbequemer als das 
erste, giebt aber eine vollkommnere Elimination der y<m 
Unsicherheit des Scalenwerthes herrührenden Fehler, üebri- 
gens ist bei derselben Wage der Scalenwerth natürlich ab- 
hängig von der Entfernung zwisdien Scala und Wage und 
von der Grösse der Belastung; diesmal wurde er für Be- 
obachtungen nach dem Gauss' sehen Princip gefunden wie folgt : 

r ^ - . , o -x Gewichtsdifferenz, welcher der Aus- 
Last auf jeder Seite. , , «• a i xi. i x • i.^ 
"* schlag Yon Em Scalentheu entspricht. 

0,5 Kilogramm 0,0403 Milligramm. 

0,2 „ . . 0,0200 „ 

0,191 ,, . . 0,0184 „ 

Für den Gewichtsunterschied der beiden Erystall- 
Cylinder yon 0,6 Kilogramm (unter welchen der mit dem 
Sprung der schwerere ist) lagen mir folgende alte Beob- 
achtungen vor: 

1) 4 direkte Vergleichung^ vom Jahre 1846 

hatten ergeben 3,503 MiUigr. 

2) 2 noch früher yon Steinheil angestellte 

(etwas weniger sichere) . • . . ' 3,542 ,, 

3) 10 weitere, in den ersten Monaten 1847 

von mir gemacht 3,431 „ 

4) Aus 10 Vergleichungen des nicht gesprun- 
genen Stückes mit der Summe aller 
kleineren Erystallgewichte und aus 5,5 
solchen des andern mit derselben Summe 
folgte indirect, mit dem Gewichte von 

3,55 direkten Vergleichungen (1846) . 3,410 „ 
Im Hauptresultate dieser 4 alten Beajbim- 
mungsreihen (20 Messungen) ergab sich, mit 
Rücksicht auf ihre Gewichte . . 3,453 Milligr. 



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8eidd: GegemoärUge Qtnamgkeit der Wäfftmgen. 241 

Am 3. März des laafenden Jahres machte M.-R. Stein- 
heil mit einer in seiner Wohnung angestellten Wage die 
ersten neuen Beobachtungen: die Gewidite waren zuvor 
sorgfältig abgewischt, aber nicht, wie es mir als Regel galt, 
auch mit Weingeist abgewaschen worden; sie schienen ganz 
rein. Der Unterschied fand sich jetzt aus 5 Abwägungen 
= 3,557 M. Da diese Vergrösserung seines Werthes auffiel, 
so untersuchte Steinheil die Oberflächen nochmals genau, 
und fand jetzt auf derjenigen des schwereren Stückes zwei 
kleine, wahrscheinlich Ton Fliege herrührende Flecken, 
welche weggewaschen wurden; ein paar vorläufige Beobacht- 
ungen zeigten sogleich, dass diese schwer wahmehmbsure 
Verunreinigung die Ursache der Differenz gegen das alte 
Mittel gewesen war. Die Gewichte kamen jetzt in meine 
Hände ; es ergaben mir 

5) 12 Vergleichungen von März 13. bis 16. 3,394 Milligr. 

In den nächstfolgenden Tagen wurde vom Mechaniker 
noch eine Justirung am Sperrwerk vorgenommen, durch 
welches jedesmal zwischen zwei Beobachtungen der Wage- 
balken von den Achatplatten, auf welchen seine Schneide 
ruht, und die Wagschalen, die ihrerseits mit Achatplatten . 
über den beiden Endschneiden des Balkens spielen, von 
diesen letzteren sich abheben. Beim Lösen dieser Arretiruug 
hatte nemlich zuweilen die eine Schale durch eine Reibung 
zwischen dem Arme des Sperrwerks und der Fassung ihres 
Steines einen Anstoss erhalten, der die Regelmässigkeit der 
Initialsdiwingungen beeinträchtigte. Unterdessen unterzog 
idi auch die Erystalle nochmals einer sorgfältigen Reinig- 
ung mittelst feiner Seife, die vom Ballen der Hand aus 
nass aufgerieben und dann mit reinem Wasser abgewaschen 
wurde, und mit Weingeist. Die hiemach am 21. und 22. März 
vorgenommenen neuen Wägungen ergaben 

6) mit dem Gewichte von 14,5 Bestimmungen 3,455 Milligr. 
Daher im Mittel aller 26,5 neuen Wägungen 3,431 '„ 



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242 SiUmng der math.-phys: Glosse wm 6. Juli ISe?. 

wenn man den Einzelbeobachtangen der Reihe 6, bei wel« 
eher die Wage in besserer Ordnung war, gegenüber den- 
jenigen der Reihe 5 ein im Verhältnisse von 4 : 3 grösseres 
Gewicht beil^. 

Das Hauptmittel aus allen alten und neuen Beobacht- 
ungen' wird dann (da ihre Gesammtgewichte sich sehr nahe 
wie 20 : 25 oder wie 4 : 6 verhalten) : 

3,440 M.; 
Yom Mittel der alten allein abweichend um — 0,013, yon 
dem der neuen allein um +0,009. Man bemerkt noch, 
dass unter den alten Wägungsreihen die sicherste (Nr. 3) 
ein Resultat giebt, welches mit dem Mittel aller neuen 
(3,431) genau übereinstimmt; umgekehrt trifft das Ergebnise 
der sichersten unter den beiden neuen Reihen (3,455) bis 
auf 0,002 M. überein mit dem Gesammtmittel der alten 
Reihen. 

Es haben also hier Wägungen, welche um 
20 Jahre auseinanderliegen, für die gesuchte Ge- 
wichtsdifferenz Zahlen gegeben, die keine Spur 
eines constanten Unterschiedes erkennen lassen, 
und völlig ebenso gut zusammenstimmen, als die 
einzelnen bald nach einander erhaltenen Reihen 
unter sich. Zugleich darf man, da das definitive Mittel 
bis auf +0,01 MilNgrammen mit den beiden Separatmitteln 
übereinkommt, demselben einen hohen Grad von Sicherheit 
beilegen. Der wahrscheinliche Fehler, nach den Regeln der 
Methode der kleinsten Quadrate berechnet, findet sich für 
eine einzelne Bestimmung 0,0265 und für das allgemeine 
Mittel der sechsundvierzig Wägungen 0,00391 ; wenn man 
aber auch annimmt, (wie ich es thue), dass das letzt^^ 
noch um + 0,01 Miligrammen unsicher sein kann, d. h. 
um soviel als es von jedem der beiden einseitigen Mittel 
abweicht, — so macht dies nur den 50 Millionsten Theil 
einer jeden der beiden mit einander verglichenen Massen 



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Seidel: GegenwärHge OenaulgJceit der Wägungen. 248 

aus. Man verdankt die Mögliohkeit, solche Genauigkeit zq 
erreichen; der chemischen ünveränderlichkeit und der Härte 
des Materiales der Gewichte, durch welche allein die uner- 
lässlich nothwendige scrupulöseste Reinhaltung der Ober- 
flächen unbedenklich gemacht wird. Wo die günstigsten 
umstände, wie in unserem Falle, vorhanden sind, ist man 
in der That berechtigt zu sagen, dass die Genauigkeit der 
Wägungen weiter geht, ah die irgend welcher anderer 
Messungen. Ein fünfzig Millionstel des Ganzen würde z. B. 
auf die analytische Einheit des Winkels, nemlich denjenigen, 
dessen Bogen dem Radius gleich ist, nur ausmachen 0,004 
Bogensekunden, d. i. eine Grösse, bis zu welcher die Un- 
sicherheit in der Messung eines solchen Winkels durchaus 
nicht herabgehracht werden kann. 

Für die zweite Controle war, wie schon oben erwähnt, 
die wiederholte Vergleichung äes Cylindei's von 0,2 Kilo- 
gramm mit den beiden von 0,1 Kilogramm ausgewählt 
worden. Aus drei Wägungen von 1846 war das erstere 
Gewicht leichter gefunden worden als die Summe der beiden 
anderen um 1,787 Milligramme. Sieben neue Bestimmungen 
(vom 22. März 1867) . ergaben identisch dieselbe Differenz, 
wobei natürlich der Zufall mit im Spiele ist. 

Da jede Wage nur bei einer bestimmten Belastung das 
Maximum ihre Leistung gewährt, und da überdies bei ge- 
ringer Last und grosser Empfindlichkeit der störende Ein- 
fluss von Luftströmungen und anderen Fehlerursachen, zu- 
nehmen muss, so werden nothwendig die Unsicherheiten in 
der Bestimmung sehr kleiner Massen verhältnissmässig 
grösser, als bei massig grossen. Die absoluten Werthe 
der Unsicherheiten aber nehmen allerdings, auch bei unserer 
Wage, für kleinere Gewichte noch weiter ab. Zum Beweise 
kann ich diß Zahlen anfuhren, welche durch drei verschie- 
dene und von einander ganz unabhängige Auswägungen für 
die Gewichte der Platin-Drahtstücke erhalten worden sind, 



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24:4 Sitzung der m<ah.-phy$. v(m Clas»^ 9, Juli 1S$7. 

welche zu unserem Bergkrystall-Einsatz die Theile abwärts 
von der Gramme repräsentiren , and die jetzt auch mit 
nach Wien gekommen sind. 

Zum erstenmal wurden die betreffenden Stücke im 
Januar 1844 auf die Art bestimmt, dass sie einzeln ab« 
gewogen wurden gegen Stücke eines ähnlichen Einsatzes yon 
Platindraht, der dem Staatsrath Schumacher in Altona 
gehörte und, dem Dedmalsystem entsprechend, Vielfadie 
und aliquote Theile von dänischen Grains repräsentirte. 
Seine Stücke waren von Schumacher 1836 und wiederholt 
1838 bestimmt worden; die durchschnittliche Differenz 
zwischen beiden Bestimmungen (die zusammengestellt sind 
in der schon citirten Abhandlung Steinheil's von 1844, p.55) 
war 0,013 Milligr.: Einmal erhebt sich der Unterschied 
auf 0^039 M. und Einmal ist er 0,032 M. Diese Gewichte, 
welche auch schon bei Steinheil's Vergleichungen der Pariser 
Originale gedient hatten, waren durch Schumacher's Güte 
nach München geliehen worden. Ihre Vergleichung mit den 
unsrigen wurde noch nicht mit der Schneidewage vor- 
genommen, sondern mit der von Steinheil Anfangs der 
vierziger Jahre construirten Bandwage, bei welcher statt 
der drei Schneiden Suspensionen an kurzen und schmalen, 
oben und unten festgeklemmten Stückchen von dünnem 
Seidenband angeordnet waren. — Bei der zweiten Ver- 
gleichung, im Juli 1844, diente bereits die Schneidewage; 
diesmal wurde die Summ^ der vier die Ordnung der Deci- 
grammen repräsentirenden Stücke unserer Platin-Drähte in 
Verbindung gesetzt mit der Gramme des oben erwähnten 
Kilogramm-Einsatzes von vergoldetem Messing, dessen Ge- 
wichte damals genau bestimmt worden waren, und durch 
Vergleichung zwischen den einzelnen Stücken der Uebergang 
zu den kleineren Theilen gemacht. Nach demselben Principe 
und gleichfalls mittelst der Schneidewage wurde die dritte 
Bestimmung 1846 ausgeführt ^ nur beruht sie auf den 



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8cidd: OigemoärHge OmawigMi der Wägmgeiu 



24S 



Grammen des Bergkrystall-EiiiBatzes. — In den drei ersten 
Colomnen der folgenden Tabelle sind die Werthe neben 
einander gestellt, welche durch diese verschiedenen Beob« 
achtungsreihen für dieselben Gewichte gefanden worden : die 
vierte Golumne enthält die defiuiti? angeuonoimenen Werthe: 



I. 


n. 


m. 


Def. 


M. 


M. 


M. 


M. 


399,868 


399,789 


399,780 


399,780 


299,690 


299,587 


299,580 


299,580 


199,370 


199,354 


199,340 


199,314 


100,676 


100,661 


100,665 


100,662 


40,100 


40,099 


40,097 


40,098 


30,381 


30,390 


30,397 


30,394 


20,118 


20,126 


20,126 


20,126 


10,292 


10,265 


10,257 


10,261 


3,877 


3,901 


3,907 


3,904 


2,921 


2,909 


2,905 


2,907 


2,005 


1,978 


1,969 


1,973 


0,902 


0,920 


0,931 


0,926 



- Die Zahlen der ersten Reihe können mit denen der 
zweiten und dritten nicht concurriren: denn die Bandwage, 
die sich durch die Wohlfeilheit ihrer Herstellung empfiehlt, 
stand entschieden hinter der Schneide wage zurück., Andrer- 
seits waren die Schumacher'schen Gewichtchen selbst nicht 
mit det Sicherheit bestimmt, wie die nnsrigen es durch 
die zweite und dritte Reihe sind, da in diesen die Differenz 
nur Einmal den Werth 0,0 14 M. erreicht, — und es ist 
auch die Methode der Bestimmung, von den grösseren ge- 
wichten allmählich herabzugeheu, besser als die, Stück für 
Stück durch Vergleichung mit bekannten Massen selbst- 
ständig zu bestimmen, üebrigens wird die Uebereinstim- 
mung der Zahlen sub I. mit den übrigen in der Ordnung 



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246 8Umng det maÜL^phifi. CIomh wm 6. Jiläi IQ^. 

der Dedgrammen, wo die ersten durchweg etwas za gross 
sind, sehr bedeutend erhöht, wenn man durch einen an 
allen Zahlen dieser Reihe anzubringenden corrigirenden 
Factor die Summe der vier grössten Stücke auf ihren besst- 
bestimmten Werth 999,366 M. (wie er der dritten Reihe zu- 
gehört) reducirt: denn die Verhältnisse der einzelnen 
Gewichte kommen in allen dreien noch näher überein als 
die absoluten Werthe '). Die definitiv angenommenen Zahlen 
in der vierten Columne wurden aus den angeführten Gründen 
blos aus n. und III. abgeleitet: sie sind einfache Mittel 
aus den directen Werthen III einerseits und den durch 
eine kleine Reduction der eben bezeichneten Art verbesserten 
Werthen II. andrerseits. Nach dieser Reduction der Zahlen 
II. (im Verhältnisse von 399,391: 399,366) beträgt ihr Unter- 
schied, sowie derjenige der Zahlen III., von den definitiven 
Werthen in sechs Fällen kein Tausendtel eines Milligrammes, 
zweimal nur ein Tausendtel, etc., und nur Einmal im 
Maximum sechs Tausendtel; der durchschnittliche Werth 
für die Abweichung der definitiven Zahl^ von den beiden, 
deren Mittel sie ist, beträgt 0,0026, oder ein Vierhun- 
derttel Milligramm. Bis auf diese Grösse bei den Unter- 
abtheilungen der Gramme, und bis auf ein Hundertel Milli- 
gramm bei verglichenen Massen von ^|s Kilogramm kann 
also die Unsicherheit der Bestimmung zurückgedrängt werden, 
und es ist demnach eine berechtigte Forderung, dass bei 
Gewichten, die nicht allein dem öffentlidien Veilehr dienen, 
sondern auch für wissenschaftliche Präcisionsarbeiten zur 
Grundlage geeignet sein sollen, für die faktisch erreich- 
bare Unveränderlichkeit innerhalb so kleiner Grössen künftig 
immer vorgesorgt werde. 



8) Es versteht sich, dass bei Berechnung der Reihen U. n. IH 
die Loftgewichtsonterschiede von Platin gegen Messing und Berg- 
krystaU in Rechnung gezogen sind. 



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Knhn: Bmerhmgen iiber BLiU^cMge. 247 



Herr Kuhn trägt vor: 

„BemerkuDgen über Blitz8chIäge'^ 

Vor einem Jahre hatte ich die Ehre, der hoohverehr« 
liehen Glasse über zwei Blitzesereignisse zu berichten ^), die 
als geeignet erschienen, um die gewöhnlichen Vorstellungs- 
weisen über die Wirkung von Gewitterwolken gegen irdische 
Objecto und über die Entstehung eines sogenannten Blitz- 
schlages in sachgemässer Weise zu berichtigen. 

Bei jener Gelegenheit habe ich die wesentlichen jener 
Grundsätze hervorgehoben, durch welche die Wirksamkeit 
der Blitzableiter und die Beschädigung irdischer Objecto 
durch Blitzschläge ihre sachgemässe Erklärung finden kann. 
Ich zeigte dabei, dass bloss die von Seite der Gewitter- 
wolke gegen die unterirdische Wasserstrecke ausgeübte In- 
fluenz als primitive Ursache eines Blitzschlages angesehen 
werden müsse, und dass diesen Influenzwirkungen, die be- 
kanntlich entweder selbst wieder die Entstehung von Neben- 
wirkungen erzeugen, oder von solchen im Augenblicke der 
Entstehung des Entladungsstromes begleitet sein können, 
alle Erscheinungen zugeschrieben werden müssen, welche 
während des Blitzereignisses an irdischen Objecten beob- 
achtet werden können; mögen diese Erscheinungen dabei 
als noch so complicirt auftreten, so müssen dieselben, 
wenn alle Umstände gehörig erhoben wej*den können, den- 
noch ihre einfache und naturgemässe Erklärung nacii den 
gedachten principiellen Grundlagen finden können. 

Bezüglich der Anordnung der Blitzableiter wurde unter 



1) Siteungsberichte der k. b. Akad. d. W. 186«, Bd. H, p. 192. 
(Aosf&hrlioher im Polyteohnischen Joamal, Bd. GLXXXII^ S. 291.) 



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248 aummg der maih.'ph^i. Oam wm 6. JuU 1897. 

Anderm bei jener Gelegenheit von mir besonders henror- 
gehoben / dass vermöge der gedachten Prindpien anf die 
unmittelbare Aasleitnng in das Grundwasser zunächst Be- 
dacht genommen werden müsse, dass es fiir einzehie Ge- 
bäude, die sämmtlich auf der gleichen Terrainstrecke sich 
befinden, keinen Blitzableiter gibt, der alle übrigen odeat 
auch nur' eines derselben selbst kleineres Gebäude gegen 
Blitzschläge zu schützen vermag, dass man vielmehr in allen 
solchen Fällen — und diess sind gerade die häufigsten — 
ein Blitzableiter-System für eine jede der Gebäudegruppen 
gemeinschaftlich in sachgemässer Weise hei-zustellen habe, 
dass femer die noch herrschende Ansicht, als ob ein Blitz- 
ableiter mit hoher Auffangstange einen sogenannten Sdiuti- 
kreis für die umgebenden Objecto darbiete, als nicht stich- 
haltig bezeichnet werden müsse, dass es vielmehr eine 
Wirkungssphäre in dem Sinne, wie man eine solche ge- 
wöhnlich anzunehmen pflegt, gar nicht geben könne. 

Obgleich eine grosse Anzahl von Blitzesereignissen auf- 
gewiesen werden kann, durch welche jene Folgerungen be- 
stätiget werden können, so erscheint es dennoch als uner- 
lässlich, durch fortgesetzte R^strirung von authentisch 
nachgewiesenen Blitzschlägen an irdischen Objecten die er- 
wähnte principielle Erklärungsweise und die daraus entnom- 
menen Folgerungen wiederholt zu prüfen, und die in Rede 
stehende Angel^enheit nunmehr in gründlicher Weise zur 
Erledigung zu bringen. Hiefiir erscheint es aber als uner^ 
läsdich, nicht bloss die Bahn der Entladung an allen Stellen 
des getroffenen Objectes zu verfolgen, sondern auch und 
zwar insbesondere den discontinuirlichen Leitungsbogen auf- 
zusuchen, den die Entladung vom Boden aus bis zur 
unterirdischen Wasserstrecke einschlug, so weit als 
thunlich zu verfolgen.. 

Unter den im Laufe der gegenwärtigen Gewitterperiode 
mir bekannt gewordenen Blitzesereignissen dürften einige 



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Kukn: Bmerhungen Übtr BUt$$M&g4. 249 

ab interessant genog erscheinen, am an dieselben die oben 
gedachten principiellen Grundlagen gleichsam als Prüfstein 
anlegen zu dürfen. Auf das erste der Ereignisse, die hier 
betrachtet werden sollen, wurde ich durch eine Notiz*) auf- 
merksam gemacht, in welcher, die Verheerungen geschildert 
wurden, welche die am 24. und 25. Juni im Odenwald, am 
Bhein und Main bis an die Lahn stattgehabten Gewitter 
zur Folge hatten und wobei unter Anderfii erwähnt ward, 
dass zahlreiche Blitzschläge in der Umgebung von Darm« 
atadt und mehrere in Darmstadt selbst vorkamen. Die 
Umstände, unter welchen letztere eintraten, veranlassten 
mich zur näheren Erholung der Sachverhältnisse. Von den 
15 Fragen , welche ich zu diesem Zwecke durch gefällige 
Vermittelung der Redaction der Bayerischen Zeitung an den 
Verfasser jenes Artikels richten konnte, Jconnten mir zwar 
die wesentlichsten nicht näher erörtert werden; ein Thdl 
aber wurde in ausreichender Weise beantwortet. Da jener 
Herr Gorrespondent selbst Interesse genug daran fond, um 
die mir mitgetheilten Schilderungen in mehreren Artikeln 
zum Gegenstand einer öffentlichen Besprechung (in mehreren 
deutschen Zeitungen) zu machen, so mag es ausreidien, 
aus dem mir zugekommenen umfassenden Beridtte*) so vid 
hervorzuheben, als zur Beurtheilung der in Rede stehenden 
Ereignisse als nöthig erscheint. 

Die (von unserem Oewährsmann) beobachteten Gewitter zogen 
von Osten nach Westen, und traten am 24. und 25. Juni in grosser 
Ausdehnung und mit grosser Heftigkeit auf. Derlei Gewitter geboren 
immer su den seltenen Erscheinungen; der normale Zug ist &8t in 



2) Bayerische Zeitung, Morgenausgabe Tom 80. Juni 1867. 

8) Hief&r habe ich sowohl dem Herrn H. B. in Darmstadt, ala 
andi den Herren: Director Dr. Hügel, Ingenieur Zaubita, sowk 
den Fnd. Dr. Bender und Dr. Dreser, welche bei den £rmkte- 
longen eich freandlieh betheüigtea, meinen Dank ausi«Bpveeh«n« 



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250 SiUtung der mafh^-phys. Oasse vom 6, Itdi 1867. 

ganz Mitteleuropa aas 8W. und W. gen NO. and 0. ^In Dannstadt 
erschien das erste jener Qewitter am 24. am 7 Uhr Abends. Ich 
sah es Tom grossen Wog ans, einem kleinen See, den der Darmbach 
östlich von Darmstadt bildet üeber das Darmtb älchen kam ein 
Wolkenzug, der lagerte sich (bachstablich) tintenschwarz in einCTi 
grossen Bogen über das Thal. Unter ihm her zogen leichtere weisse 
Wolken dicht wie der Dampf in einem Dampfbad, wie lange Bftrta 
herabhangend; sie schienen herunter in den Wald ^a reichen. Lang- 
sam ging das Wetter vorwärts. Anf einmal ein nngehearer Blitz, 
der den ganzen Bogen von S. nach N. spaltete (im Winkel von 
etwa 70^), dann in den Wald herein schlag. Bald darauf mehrere 
gleiche Schiige; der Himmel wurde immer schwärzer; die Blitze leoch- 
teten wie rothglühende Strahlen von geschmolzenem Eisen, die vom 
Himmel sprühten; oft spielten sie ins Violette und beleuchteten die 
Gegend weithin, wie mit bengalischem Feuer. Nach einer Yiertel* 
stunde kam ein sanfter Wind, der den See kräuselte, darauf ein^ 
leichter, dann ein heftiget strömender Regen, der < erst zwischen 9 
und 10 Uhr aufhörte, währenddem fortwährend heftige Schläge, 
ich zählte deren 6 — 8, die in der Nähe vorkamen. Um 12 Uhr kam 
ein zweiter Gewitterzug, der bis nach 2 Uhr (den 25. Juni) an- 
dauerte. Die Blitzschläge waren noch stärker wie am Abend; sie 
gingen meist senkrecht wie am Abend, sie schienen bläulich. Ich 
zählte wieder etwa 6, die in nächster Nähe einschlagen (in Nieder^ 
Ramstadt und £berstadt). Am folgenden Morgen und am die 
Mittagszeit donnerte es fortwährend im Westen; es war ein Gewittar 
in Oppenheim, Mainz und Wiesbaden. Am Abend um 10 Uhr kam 
der dritte Gewitterzug, gleichfalls aus Osten. Gleich ein furchtbarer 
Schlag, wie wenn ein ungeheurer hohler Thurm in sich zusammen- 
stürzte; darauf noch mehrere, alle in unmittelbarer Nähe . . . Etwa 
fünf Minuten nachher ein neuer Schlag, wie ein heftiges Rotten- 
feuer . . . Ich spürte es wie einen Schlag mit der flachen Hand anf 
den Kopf. . . . Ich hatte d6m offenen Fenster zunächst gesessem 
und gegen eine Commode gelehnt; vielleicht mag ich dadurch die 
Erschütterung stärker gespürt haben. Diess war der letzte Schlag; 
dann fiel ein Platzregen, wie ich ihn nur einmal in ähnlicher Starke 
in dieser Gegend gesehen habe. — Ich wohne fast auf dem höchsten 
Punkte von Darmstadt; kaum ein Dutzend Häuser stehen bis zu 
dem Höhenpunkte der hier kreuzenden Strassen — Sand- and Stein- 
strasse — , die ziemlich rasch abfallen. Südöstlich von meiner Wohn- 
ung — in einer Entfernung von 200 Fuss ^ hatte der Blitz ein- 
geschlagen. Der Blitz war zu gleicher Zeit in zwei Häuser gefahren, 



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Kuhn: Bmerhungm üher BlitMscKläge. 251 

in das katholische Pfarrhaas und in das Schulhans, die 80 Fnss von 
einander entfernt stehen. Ausserdem schlug der Blitz in das Haus 
der barmherzigen Schwestern und in einen Hof in der Waldstrasse, 
im Ganzen zweimal in auffallender Weise dicht neben Blitz- 
ableitern. Das Sohwesterhaus und das Pfarr- und Sohulhaus liegen 
auf derselben Anhöhe, einem hier von Osten nach Westen gehenden 
Ausläufer des Neunklrcher Höhenzuges, auf der südlichen Seite des 
Darmbaches; das Haus in der Waldstrasse am Ende dieser Anhöhe 
in der Ebene. Die drei Blitzorte sind je 6 — 700 Schritte von ein- 
ander entfernt. Das Schwesterhans liegt etwa 300 Schritte Tom 
Wog und ebenso weit von der Gewerbschule. Letztere ist mit gut 
construirten Blitzableitern versehen; auf dem Schwesterhause, dann 
aof dem Pfarr- und Schulhause ist kein Blitzableiter, hingegen ist 
das Nachbarhaus nach Süden, das (an das Pfarrhaus?) angebaut ist, 
mit einem Blitzableiter versehen, und ebenso steht auf dem Hause 
in der Waldstrasse ein — 12 Fuss hoher — Blitzableiter. Auf der 
Kirche (im Westen) steht ein Blitzableiter, in horizontaler Richtung 
bis zum Pfarrhaus auf 160 Fuss Entfernung. Ferner stehen ringsum 
nach N., 0. und S. drei Blitzableiter auf 150 bis 200 F., noch zwei 
nach 0. und W. auf 300 F. , einer auf 400 F., und auf 600 F. (in 
der Hügelstrasse) eine ganze Reihe, fünf nebeneinander und einer 
gegenüber. Die s&mmtlichen Häuser sind fast alle 50 bis 60 Fuss 
hoch, die Kirche mit der Kuppel ungeföhr 150 F., der Blitzableiter 
darauf 30—40 F. hoch. Ueberhaupt ist dieser Stadttheil wie fast 
die ganze Neustadt mit Blitzableitern reichlich versehen. Die Blitz- 
ableiter bestehen fast alle aus 1 bis IV* Zoll breiten und V» Zoll 
dicken Eisenstangen; oben ein vergoldetes Kreuz, dann läuft — aber 
meist nur ein einziger — Ast über das Dach nach dem Boden hin. Auf 
dem Palais des Prinzen Ludwig läuft ein kupferner Blitzableiter über 
das ganze Haus; nach 3 Seiten gehen 4 Aeste von V^ Zoll starkem 
Kupferdraht in den Boden.'* 

Von dem, was über die Spuren der Blitzesemtladungen an den 
angeführten vier Objecten mitgetheilt wurde, mag Nachstehendes 
hervorgehoben werden: 

„Das Pfarrhaus steht an der Wilhelminen-Strasse 60 Fuss von 
der katholischen Kirche; das Schulhaus hinter diesem getrennt im 
Hof. Das Pfarrhaus hat ein vierseitiges Dach; der Blitz schlug in 
die östliche Wand. Das ^chulhaus hat ein zweiseitiges Dach, mit 
dem Giebel nach dem Pfarrhaus; der Blitz schlug in diesen west- 
lichen Giebel. Das auf der südlichen Seite an das Pfarrhaus an« 
gebaute und mit diesem von gleicher — beiläufig 60 Fuss — Höhe ist, 



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262 Sitzung der maak-phffs, Clam wm 6. JvU 1867. 

wie erwähnt, mit einem Blitzableiter verseilen; hinter dem nörd- 
lichen Nachbarhaose (des Pfarrhauses) steht ein mit Zink gedeckter 
kleiner Anbaa, dessen Dach mit einem Ban verbunden ist, an wel- 
welchen das Schalhaas mit seiner hinteren östlichen Seite anstössi. 
Das Zinkdach, von beiden Einschlagpunkten im Vorder- nndHintor- 
hans 80 — 40 Fnss entfernt, ward als anbeschädiget befanden. Von 
dem Pfarrhaus fuhrt vom Treppenfenster zwischen dem 2. und 3. 
Stocke ein Schellenzug nach dem Fenster der Wohnung des Küsters 
im Dachgeschosse des Schulhauses. Beide Fenster sind 40 Fuss vom 
Boden; an beiden Punkten schlug der BHtz zugleich ein. Am Vorder- 
haus fuhr er gerade an der Oeffhung, durch die der Glockenzag 
geht, hinein, am Treppenbau hinab, Zickzack hin und her, dann 
durch eine Seitenwand an dem Gassrohre hinab in die Goake. Am 
Hinterhaus fuhr er eine Spanne von dem Schellendrahte entfernt 
durch ein kleines Loch in dem Fensterbalken in das Zimmer nadi 
dem gegenüberstehenden Ofen, von da schlug er ein kleines Loch 
durch die Seitenwand, ging durch die untere Wand durch die zwei 
Stockwerke, an der senkrechten Wand die Verkleidung los schleissend 
und, wie mir scheint zur Hausthüre (?) hinaus. Der Küster und 
•eine Frau (kamen mit dem Schrecken davon, denn sie) waren in 
der an die Dachstube anstossenden Dachkammer gesessen. Die Frau 
■ah den Blitz am Boden sich hinbewegen; sie will die Erscheinang 
in Gestalt eines Apfels oder einer Birne, als Feuerkugel gesehen 
haben. Von dem Schrecken, den diese Erscheinung in ihr erregte, 
haHe sich die Frau erst nach acht Tagen wieder erholt. — Die 
beiden Blitzhäuser haben keine Gas- und keine Wasserleitung; ein 
einfacher verdeckter Brunnen ist im Hof . . ." An dem Blitz- 
ableiter des Nachbarhauses sowie auch an dem der katholischen Kirche 
waren k^ne Spuren der Entladung wahrzunehmen. Nachträglich 
wird aber im Berichte bemerkt, „dass der Blitzableiter des 
(angebauten) Nachbarhauses vor dem Einschlagen gerasselt 
habe". 

„Das Haus der barmherzigen Schwestern ist zweistöckig, etwa 
50 Fuss hoch, steht von Süden nach Norden und ist neu aus Steinen 
gebaut. Der Blitz schlug auf der Westseite ins Dach, in das nörd- 
liche Daohzimmer, spaltete sich dort, ging mit einem Zug von 
einem Balken herab, den er vom Speis entkleidete und wobei einige 
Wäsche an einem Nagel gezündet wurde, und gelangte in das untere 
westlich gelegene Schlafzimmer der Schwestern, wo die Sparen in 
Zickzack an den Betten her wahrgenommen wurden, und von wo 
IMis der Weg in das untere Zimmer der Oberin und nach dem 



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SMn: Bemerhmgm Über mitiBcUäge, 253 

Keller ging. Ein «weiter Zag ging nach der andern Seite dnrob 
die Wand nach dem Treppenhans, theilte sich da wieder; ein Theil 
ging am Treppenhaus herab, ein anderer nach dem Gkissrohre in 
die Cloake. In den unteren Stockwerken geschah ausser dem Zer- 
stören des Schellendrahtes und dem Abschleissen der Speis kein 
weiterer Sehaden ... An dem Einschlag war nichts Anssergewöhn- 
liohes, als dass er nicht auf die Spitze, sondern die Seite des Hauses 
trau Merkwürdig aber war, dass bei diesem augenscheinlich von 
Korden kommenden Strahl (?) eine Feuerflamme in dem s&dlichen 
Theil des Hauses gesehen wurde, der von dem Strahl sonst gar 
nicht getroffen war. Die Frau Oberin — welche wfthrend des Er- 
eignisses in der Kapelle auf der en^egengesetsten südlichen Seite 
sieb aufhielt — will ganz deutlich eine züngelnde Flamme um die 
heilige Lampe gesehen haben, ehe sie den Schlag hdrte". 

,,In der Waldstrasse fuhr der Blitz etwa 12 F. yom westlichen 
und 4 F. von dem südlichen Flügel herab in den Basen, beschrieb 
im Zickzack einen 6 F. langen, 4 F. breiten Dreiviertelovalring 
imd rerschwand in die Erde. Die Furchen, die er zog, sind V«— 1 F. 
tief, an einzelnen Stellen sind V/t — 2 F. tiefe Löcher. Die Richtung 
geht Ton W. nach 0., vom Blitzableiter her. Der Einschlagpunki 
ist von der Auffangstange kaum 24 F. entfernt; diese sch&tzte ich 
auf 12 F. Höhe . . . Die Theorie (hier meint unser Qewährsmann 
die Charles'-Arago'sche Regel für den sogenannten Schutzkreis) 
wurde nicht Tollkommen entkr&ftet, weil der Blitzableiter ziemlich 
gerostet ist, und nur in trockenes sandiges Erdreich abgeleitet 
wird, während unter dem Einschlagpunkt ein Senkloch sich befindet| 
das den Blitz anziehen konnte**. 

Vergehen wir es mm, an die eben erwähnten BUtzea- 
ereignisae unsere bei früheren Gelegenheiten auseinander- 
gesetsste ErUämngsweise als Prüfstein anzulegen, so können 
wir zunächst bestätigen, dass die am Eingange des vorstehen« 
den Berichtes angegebenen Erscheinungen zu den wirklichen 
Bliteschlägen gehörten. Vermöge der für solche Vorgänge 
äusserst günstigen Terrainbeschaffienheit konnten durch die 
langsam vorwärts von 0. gen W. ziehenden und immer 
dichter gewordenen elektrisirten Wolkenmassen weit aus- 
gedehnte unterirdische Wasserstrecken der Influenz ausgesetzt 
werden, mit denen sicherlich einzelne an Abhängen gelegene 
(1867.il 2.1 17 



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254 Sitsmng der mafK-phyM. CHasae wm 6. Juli 1667. 

Bäatne oder Baumgraj^en des getroffenen Waldes in dia- 
continuirlicher leitender Verbindung stehen mussten, da die 
Blitzesentladnng nicht direct gegen den Wald, sondern in 
einem langen Bogen statt fand. Erst als die Wolken- 
gebilde auf ihrem Zage sidi tiefer gesenkt hatten, konnte 
die Bahn des kürzesten Leitnngswiderstandes mittelst der 
tief herabhängenden Wolken zwischen dem elektrisirten Ge- 
bilde und der unterirdischen Wasserstrecke durch die her- 
vorragendsten und am tiefsten wurzelnden etc. Bäume her- 
gestellt und die Ausgleichung zwischen dar negati? mit der 
Wolke geladenen oberirdischen Strecke und einem Theile 
der Ladung 'der Wolke als eigentlicher Blitz auftreten. Da 
diese Blitzeserscheinungen —- nach der oben gegebenen Be- 
schreibung — nicht von momentaner Dauer waren, so 
müssen dieselben als eine Folge tou discontinuirlichen rasdi 
auf einander folgender Entladungen bei jedem der am An- 
fange statt gehabten Vorgänge betrachtet werden*). Von 
den während der Nacht — von 12 bis 2 ühr — aufgetre- 
tenen Ereignissen wurde ohnehin 'die directe Entladung der 
Gewitterwolken gegen die Erde durch unmittelbare Wahr- 
nehmung constatirt; dieselbe war viel heftiger, „die Blitze 
gingen meist senkrecht, wie am Abend (?)", es waren näm- 
lich die Umstände durch den schon im Voraus stattgehabten 
starken Regen noch ginstiger vorbereitet, wie am 24. Abends. 
Diesen Vorgängen mag es auch zuzuschreiben sein, dass die 
innerhalb jener zwei ersten Perioden durch die gleichen 
Gewitterzüge ^) aufgetretenen Entladungen an oder in der 



4) In einem der uns vorliegenden Zeitongsberiolite heisst es 
unter Anderm (ans Nidda) bezüglich dieser Gewitter: „Dits elek- 
trische Licht, welches oft 8 — 10 Sekunden daaertCi war so stark und 
dicht, dass man in weiter Ferne beinahe den kleinsten Gegenstand 
unterscheiden konnte*\ 

5) Am 24. und 25. Juni kamen in den gedachten Gebieten 
mehrfiRch Blitsschläge ?or. Ob aber diese s&mmtlichen Erscheinungen 



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Kmkn: Bm^erhrnigm Über BUUsMäge. 255 

Nahe yoQ Qebäiiden im AUgemeineD keine bedeatendm 
Wirkangen ziun Vorsoheiii kamen, da die Gewitterwolken 



den gleichen Gewitterziigen Engeschrieben -werden dürfen, oder ob 
letztere von einander unabhängig auftraten, lässt sich wohl erst 
durch eine nähere UnterBuchung entscheiden. Yorlänfig dürften 
wohl einige Notizen hierüber nicht uninteressant sein; so wird aus 
Nidda Yom 25. Juni geschrieben: „Der gestrige Tag — Johanni- 
tag — wird Vielen lang im Gedächtniss bleiben. Gestern Yormittag 
a^ion um 9 Uhr donnerte es stark und viele schwere Wetter stiegen 
im Westen auf und bewegten sich über das Niddathal nach Osten 
bin. um 4V4 Uhr verkündete starker Donner und Blitz die Rück- 
kehr der über unsere Stadt hingezogenen Gewitter .../'—* Aus 
Lang-Göns (16 Stunden nordwestlich von Nidda) wird unter Anderm 
geschrieben: „Unser Ort wurde am 24. d. Mts. von sehr starken 
Gewittern heimgesucht; Dieselben währten fast ununterbrochen von 
Morgens bis tief in die Nacht Fast alle kamen von Nordosten her* 
angezogen und schienen sich nur so einander abzulösen. Der Blitz 
schlug bei dem ersten Gewitter, das nur aus drei Schlägen bestand, 
und sich in unmittelbarer Nähe entwickelt haben muss, 
in das hiesige Stationsgebäude (an der Main-Nekar-Bahn, 2 Stunden 

südlich von Giessen) ein" In Neuwied — 8 Stunden unterhalb 

der LahnmÜndung, etwa 80 Stunden östlich von Nidda — ^ kamen 
die Gewitter mit Verheerungen zwischen 8 und 4 Uhr vor. Gleich- 
zeitig finden wir aus den vorliegenden Berichten über die Gewitter 
im Odenwalde, in der Wetterau, u. s. w., dass an dem gleichen 
Tage starke Gewitter im Schwaben, in der Rheinpfalz, im Thüringer»- 
wald, dann im bayerischen Oberfranken, femer in Mähren u. s. w. 
«tatUiatten; es dürfte daher vorläufig anzunehmen sein, dass diese 
•ämmtlichen Gewittererscheinungen, welche im entferntesten Osten 
noch am 28. Juni noch nicht zu Ende waren, wohl einer und der- 
•elben oder vielmehr einem Gomplexe primitiver Entstehungsquellen 
mgesdirieben werden dürfen, dass hingegen von dem Zuge eines 
and desselben Gewitters innerhalb der Periode vom 24. mit 29. Juni 
keine Rede sein kann. Eine spätere nähere Untersuchung wird viel* 
mehr vermuthlich herausstellen, dass jedes einzelne jener Gewitter 
hauptsächlich durch locale Wirkungen beding^ wurde, und dass 
daher letztere auf eine und dieselbe Grundursache zurüokzufiihren 
i^in dürften« 

17* 



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256 SiUumg ätr maA.-pfi^ Chtsse «m» 6, J$M 1867. 

achon vorher auf ihrem Wege über Wasserflaehen, Flass- 
Aäler nnd Waldungen einen grossen Theil ihrer Ladung 
verloren hatten*). 



6) Unter den am 24. Juni am Tage und vom 24. auf den 25. Jnai 
vorgdsommenen Blitzsohlägen mögen mehrere hier blose kors ani^ 
gezählt werden: In Lang-Göns wurde beim ersten Gewitter daa 
Stationfgeb&ade getroffen und der Telegraphenapparat serstdrt, beim 
sweiten wurde eine Soheuer getroffsn; in beiden F&llen ebne am 
m ziUiden. bi Neuwied „schlug ein kalter BlitMtrabl geigen halb 

4 Uhr in den Thurm der katholisohen Kirche" In Grivea« 

wiesbach (4 Si westl. von Wetzlar, 9 St. östl. von Nidda an der 
westl. Abdachung der Taunuahöhe) „brannte eine vom Blitze ge» 
troffme Scheune ab und wurde ein Wohnhaus beschädigei, eine K«k 
verunglückte dabei In Echzell (2 St. südweeiweatlioh von Nidda) 
^fiahr ein Blitzstrahl mit furchtbarem Krachen auf den Kr^thurm*' 
ohne zu zünden; in Melbach (3 8t. südwestwestlich von Niddm) 
wurde eine Scheuer vom Blitze in Brand versetzt, eine Wohnung 
von einem anderen Schlage getroffen ohne weitere Beschädigungen. 
in der bei Eberstadt (1 St sudl. von Dannstadt) gelegenen Krugs^ 
Mihle ist durch den Blitzsehlag eine Scheuer in Brand vacsetst 
worden. In Nieder-Ramstadt (gleichfalls im Modauthal^ 1 St von 
Darmst-adt) schlug der Blitz in den Kirchthurm, ohne zu zfinden. 
In der Nähe von Därmstadt wurden mehrere Bäume vom Blitze ge- 
iroffen'*. — In nächster Nähe von Nidda wurden während der beiden 
Gewitterzuge 8 versohiedene Bäume getroffen. — In Weiterstadi 
(1 St von Darmstadt nordwestl. von der Eisenbahn nach Mann) 
schlug der Blitz bei Abgang des letzten Eisenbahnzugea am 24. Joni 
in eine Signallateme ... Im Walde nahe bei Wiesbaden wurde am 
24. Nachmittags ein junger Mann vom Blitze getroffen uud bedeutend 
veiietzt. In Günsheim (eine halbe Stunde vom linken Bheinufer, 

5 St von Darmstadt) hat der Blitz am 25. Juni Vormittags 11 Uhr 
in das Pfarrhaus eingeschlagen; die Bahn ging vom Schornstein sqbi 
geheizten Heerd und von der Kfiche in die Erde; dabei heisst es 
n. A.: „es scheint, als ob sich die Kraft des Blitzes getheilt habe, 
denn hie und da im Hause findet man kleine Beschädigungen^. 
Weiter kamen Blitzschläge vor, in Speyer und Neustadt (Pfalz), in 
Ettenbeuem (Schwaben), in Ebersdorf (in der Bhön), fouckenaut 



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Kulm: Bmerhmgen über BhkficKläge. 257 

Was noB die in Rede stehenden BUtaesereignisse vom 
25. Juni 10 Dhr Abends betrifft, so mnss zunäohst ein 
Umstand herroirgehoben werden, der mis ab besonders 
wichtig erscheint. Die beiden in der vorausgegangenen Nacht 
▼orgekommenen Gewitter hatten nämlich dieselbe Biditong 
und waren von nicht geringerer Intensität als das am Abend 
des 25., and dennoch worden bei letzterem solche Objecto von 
Blitssehlägen hdmgesadit, welche vorher verschont blieben, 
«nd selbst diessmal hat man kein Blitzesereigniss an den*- 
jenigen benachbarten Gebäuden wahrnehmen können, deren 
Blitzableiter weit über die getroffenen hervorragen. Die Ur^ 
sache des sogenannten Einsdilagens darf also — wie wirbd 
einer früheren Gelegenheit ausführlich erörtert haben — nicht 
bloss in der Anordnung und Besdiaffenheit etc. der Ge- 
bände und anderer irdischer Objecto gesucht ¥rurden, über 
welche die Gewitterwolke hinwegzieht, sondern sie muss 
bauptsächlich von der Terrainbeschaffenheit und von der 
Lage des Objelctes bezttglich der Gewitterwolke und der 
ausgedehnten unterirdischen ^^asserstrecken abhängig sein. 
hk der That finden wir auch ans der vorliegenden Beschreib- 
ung, dass Gebäude von geringer Höhe vom Blitzschlage be- 
rührt wurden , und dass selbst an jenen die Spuren der 
Entladung nicht an den hervorragendsten Stellen, sondern 
nur da sich vorfanden, wo sich Strecken von Constructions* 
iheilen etc. befinden, die der elektrischen Influenz etc. fähig 
sind. Ausserdem finden wir aber nodi darin den wesent- 
lidisten Umstand, dass — vermöge der uns vorliegenden 
Zeitungsberidite — vom 24. Juni Nachmittags bis 25: 
Morgens 2 Uhr massenhafte Niederschläge in jenen Gebieten 
stattgefunden haben, und zwar in solcher Menge, dass tief 



Grossostheim (bei Aschaffenburg); Gräfenberg, Forchheim und Selb 
(Oberfranken) u. s. w., die wir för jetzt bloss vorübergehend an- 
fläurGH; übw den in Forchheim wird unten berichtet werden. 



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258 SiUung der maih,'phif9, CUme vmn 6. JM 1867. 

gelegeoe Wohnungen nd. Keller sdion während der B^n- 
güsse anter Wasser standen; am so mehr darf also an- 
genommen werden, dass nicht bloss die ob^en Erdsdiichteii 
an den Abhängen wdi am Abend des 25. Joni reichlidi 
dorchnä^st waren, sondern dass auch das Ki?eaa des onter- 
irdischen Wassers auf eine bedeutende Höhe gestiegen sein 
musste und vielleicht sogar noch nicht ^nmal seine grösste 
Höhe erreicht hatte, als der dritte Gewittmrzug herankam. 
Jene Anomalie kann daher nur dadurch ihre erkleoklidie 
Erklärung finden, wenn wir annehmen, dass die ui der ge- 
dachten Anhöhe und an ihrem Ende befindlidien Gebäude 
die günstigsten Umstände fdr die bei der gegen das Grund- 
wasser von Seite der Gewitterwolke ausgeübten Influenz ein- 
getretenen Entladungserscheinungen dargeboten haben ^ dasa 
also jene Objecto in nächster Communication mit der unter- 
irdische Wasserstrecke standen. Dass übrigens jene An- 
höhe auf Grundwasser ruhen müsse, zeigt uns schon die 
Terraingestaltung jenes Gebietes. (In der Käie eines der 
getroffenen Häusa: befindet sich ein selbstständiger Brunnen, 
wie oben erwähnt wurde, und vermuthlidi sind deren noch 
mehrere an jenem Abhänge au&ufinden.) 

Unsere Erklärung der oben angeführten Blitzesereignisse 
auf der von Osten nadi Westen gehenden Anhöhe des 
Darmthaies besteht daher beiläufig in Folgendem; Die von 
Osten nadi Westen gezogene elektrisirte Wolkenmasse hat 
in einer grossen Ausdehnung die unterirdischen Gewäss^« 
mit welcher die Thalsohle in leitender Verbindung stand, 
nebst der ganzen darüber befindlichen Erdstredce durdi 
Influenz in den polarisch elektrischen Zustand T^Betzfc; 
in Folge der gegenseitigen Anziehung der Ladung der 
Wolke und der mit ihr ungleichnamigen an der Wasser- 
oberfläche etc. angehäuften Elektricitätsmenge wurde letztere 
über den ganzen Complex der oberirdischen Objecto, die 
selbst, je nach ihrer Leituugsfiihigkeit an der Influenz An* 



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iheil DaKmeQ, verbreitet und über dieses discontinairlidie 
Leitungssystem in der Art angesammelt, wie es die Ver- 
theilong anter den herrschenden oomplicirten Umständen 
erforderte. Fand nun die Entladung der Wolke durch einen 
wirklichen Blitzschlag statte so musste die Bahn des kürze*- 
Bten Leitungswiderstandes , welche sdion während der In« 
floenz gewählt wurde, als Schliessungsleiter die ungeheuren 
£]ektricität8mengen Yon dem zugewendeten Theile der Wolke 
aus bis zum Grundwasser aufnehmen und zur Ausgleichung 
liringen, da man für alle hier vorliegenden Fälle wohl an- 
nehmen darf, dass die indi£ferente Stelle an der Wasser« 
Oberfläche selbst oder in deren nächster Nähe sich ver- 
muthlich befinden musste. Geschah aber die Entladui^ der 
Wolke in der Atmosphäre selbst; so musste in diesem Mo* 
fliente die ganze durch Influenz nach Oben gedrängte und 
au den äuss^rsten Stellen der Gebäude etc. angehäufte 
Eleclricitätsmenge in die unterirdische Wasserstrecke sich 
ergiessen. Ob nun die Vorgänge in der einen oder anderen 
Art statt fanden, kann aus den hierüber bekannt gewordenen 
Mittheilungen nicht beurtheilt werden. In dem einen wie in 
dem anderen Falle würden keinerlei Wirkungen im Gebäude 
selbst etc. wahrgenommen worden sein, wenn die für die 
Influenz ausgewählten Strecken continuirlich und von hin- 
reidiender Leitungsfähigkeit gewesen wären. Dieser Beding- 
ung wurde aber in keinem der vorliegenden Fälle Genüge 
geleistet, und gerade hierin ist die Ursache der bei den Blitz- 
•dilägen aufgetretenen Erscheinungen zu suchen. 

Die Bahn des kürzesten Leitungswiderstandes lässt sich 
weder bei dem Blitzesereignisse am Pfarr- und Schulhause 
oodi an dem im Schwesterhause mit Hülfe der oben m- 
gegebenen s. g. Spuren des Blitzes angeben. Mit einiger 
Wahrscheinlichkeit kann vermuthet werden, dass am Pfan> 
hause diese Bahn direct vom Grundwasser aus durch die 
durchnässten Erdsdiichten an der Cloake und endlich durch 



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260 SUeung der mtOL-fit^. Ckmm V0m €, MU 1867. 

das eiserne Qnssrohr und die oberen Theile der östiidieB 
Manerwand des Hauses Yermittelt wurde. Da diese Bahn 
— wie es sdieint -— nur ram geringsten Theile aas guten 
Leitern .((^u^i'obr, Klammem in den Wänden etc.) be- 
stand, die selbst durch die übrigen Stredcen Ton einander 
gleichsam isolirt waren, so konnten die in der disoontinur- 
lichen Leitungsstrecke befindlichen elektrisirten Leiter selbst 
wieder Influenzerscheinangen hervi^bringeni welche ihrer- 
seits die anderen, der beobachtete Nebenwirknngea sur 
Folge hatten. Nach den Sparen zu urtheilen , die sidi im 
Schalhause vorfanden und mit Rücksicht aof die discotttinair«* 
liehe leitende Verbindung , welche Yom westlichen Giebd 
dieses Gebäudes aus — theilweise auch von dem Zinkdache — 
nadi dem ösüidimi Giebel des Pfarrhauses geht, dürfte ea 
übrigens nicht unmöglich sein, dass in dem Aagenblidce, 
in welchem der eigentliche Entladungsstrom aof dem ge* 
nannten (yermatheten) Wege eintrat, auf der zwmten Bahn 
g^en das Schalhaas hin eine SeitenenUadang Torkami 
welche oben als ein Zweig des Blitzstrahles bezeidmet wuide^ 
und welchem alle auf diesem Wege wahiigenommenen Wirk- 
ungen dann zuzuschreiben wären. Jedenfalls aber ist das 
ganze System in der Nähe dieser Gebäude und daher auch 
das Nachbarhaus mit seinem Blitzableiter auf directe oder 
indirecte Weise in den influencirten Zustand Tersetzt worden, 
so dass Entladungsströme der yersdiiedensten Art dabei 
vorkommen konnten; diediAei beobaiditeten physiologischen 
Wirkungen deuten darauf hin, dass Bäckschläge auf einem 
grossen Theile der beti*effenden Erdstrecke stattgefondm 
haben müssen. Jener einzige Blitzableiter des an das Pfim> 
haus angebauten Nachbarhauses würde das Eintreten jemat 
BlitzeswirkuDgen verhütet haben, wenn seine Ausleitong in 
die unterirdische Wasserstrecke voilianden gewesen and 
durch Zweigleitungen der obere Theii desselben mit den 
Giebeln und Dachkanten der angrenzenden Hmsct in ge- 



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lioriger Weise verband^ gewesen wäre; die H$he der An^ 
üuigstaiige selbst hatte dabei im Allgemeinen keinen maasa* 
giebend^i Eiaflass. 

Die im Hanse der barmherzigen 8ehwestem beobachte« 
ien Encheinungen sind nac| der obigen Sdiilderang rid 
m complioirt, als dass es ohne nähere Eenntniss jener 
Ränmlidikeiten mögiidi wäre, die Bahnen des eigentlichen 
Entladangsstromes von denen der durch diesen sowie durch 
Influenz ^erzeugten Seiton- und getrennten Entladungen etc. var- 
folgen zu können. Die eigentliche Ausleitung oder vielmebr 
der Weg des kürzesten Leitungswiderstandes , auf weldiem 
TW dem Einsdilag^ die Influenzelektricität vom Grund* 
Wasser aiK durch di^ Erdschiditen sich verbreitete, kann 
sowohl an der Cloake als auch am Keller angenommen 
werden; ob die ungeheuren hier frei gewordenen Elektridtäts- 
mengoi beide Wege längs der an den Wänden und im 
Treppenhat» sowie am Dache sich vorfindenden metallischen 
und Halbleiter etc. gleichzeitig ai^^ommen haben, lasst 
sich wobi v^rmuthen, aber nicht mit Sicherheit behaupten. 
Alle fibrigen im Sdiwesterhause beobaditeten Erscheinungen 
dürften ledq^di den durch Influenz in grösseren oder 
kleineren Entfernungen gegen isoHrte disoontinuirliche Metall- 
strecken entstandenen Entladungsströmen zuzuschreiben sein, 
deren nahwe PräcisiruBg weitere Detailuntersuchungen an 
den betreffenden Orten selbst erfordern würde. 

Die Lichtersdieinungen , weldie an den beiden soge- 
nannten Blitzhättsem am Boden und äba:4iaupt in den 
onteren Räumen der Gebäude etc. beobachtet wurden, 
tneten nichts Sonderbares, sie mussten sogar in nodi grösserer 
Zahl zum Vorschetn kommen, da an jeder Unterbrechungs- 
stdie, welche einem der eingetretenen Entlachingsströme dar- 
geboten wurde, solche Lichterscheinungen unter sonst gleichen 
Umständen in um so höherem Grade auftreten, je grösser 
die Menge und Didite der an ihren Enden influencirtea 



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262 Sitzung dir tnath.-phsfs, Claase txm 6. Mr 1867. 

Eldktcicität und je grösser diese Sdilagweite ist. Ob hiebei 
zoglekh materielle Substrate im feinst vertbeilten Zustande 
innerhalb des stark erhitzten Luftstromes von einem EiiÄe 
der Unterbrechungsstelle zum anderen als leuchtende Materie 
geführt werd^ konnte, dürfeif wir — bekannter Thatsaehen 
halber — nicht in Abrede stellen ; es kann dah^ all^dings 
die Frau Küsterin eine derartige Ersdieinung am Boden 
der genannten Dachstube zwischen dem eisernen Scharnier 
am Fenster oder irgend einem anderen metallischeo Ob- 
jecto in der Nähe des Bodens und einer kleineren oder 
grösseren Metallstrecke am Ofen gesehen haben, über dereo 
Gestalt wohl schwerlich eine genaue Angabe zu liefern fet; 
eine „TeuerkugeP' in gewöhnlichem Sinne dieses Ausdrookee 
war es nicht. Ebenso ist die Möglichkeit Yorhanden, dasa 
bei einer Ladung von so mächtiger Dichte und Menge wie 
si^ an der Umfassung des ganzen Hauses der barmherzigen 
Scbwefitem vorkam, unmittelbar vor dem Einschlagen alle 
isolirt angehängten oder sonst wie angeordneten und iso* 
lirten metallischen Objecto durch Influenz eldEtrisirt wurden, 
und in diesem Zustande elektrische LichtbüBchd an Ketten 
und anderen metallischen Obj^cten wahrgenommen werden 
konnten. Die züngehde Feuerflamme , welche die Fram 
Oberin an einer Lampe in der südlich liegend^i Kapelle 
vor dem Einschlagen ^geseh^ hat, möchte daher einer der- 
artigen Erscheinung zuzuschreiben sein; leistete musste 
auch in dem Augenblicke wieder verschwinden, in wekhem 
die Entladungsströme als Blitzschlag auftraten. 

Aus den mechanischen Wirkungen und den Detona- 
ti<men, wie sie oben geschildert wurden, können wir bloss 
entnehmen, dass nicht allein die Menge und Didite der zur 
Ausgldchung gekommenen Elddiricitäten von mächtiger 
Stärke gewesen sein müsse, sondern dass auch gleidizeitig 
Entladungsströme an sehr vielen Stellen über schlechte 
lidter — Stein- und Sandschiditen etc. -r von der v«r- 



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Ktihni Bmerhmgm über OUMdMAge. 268 

sehiedensten Beschaffenheit und grosser Ausdehnung üth^ 
Terbreiten mussten. Es lässt sich daher yermuthen, dass 
auch die nächst liegenden Gebäude in der Sphäre der In* 
fluenz sich befanden, dass jedoch bei diesen die Wirkungen 
sich lediglieh auf die (im Boden wahrschdnlidi Torgekom- 
menen Durchbohrungen u. dgl. und) heftige Erschütterungen 
und Schallerscheinungen sich beschränkten, weil die an den^ 
sdben befindlichen Blitzableiter den Ladungen und Ent* 
ladungen die Bahn schon yorgeschrieben hatten. 

EinfSeu^her erscheint das Ereigniss an der Waldstrasse; 
hier lässt sich mit grosser Wahrsdieinlichkeit vermuthen, 
dass die Bahn des kürzesten Leitungswiderstandes von dem 
oben erwähnten Senkloche aus — das yermuthlieh dem 
Niveau des Grundwassers am nächsten lag — in den feuchten 
£rd- und Sandschiditen unmittelbar zum unteren Theile des 
Blitzableiters selbst ging, der nidbt mit dem Grundwasser 
in Communication , stand , und weshalb jene mechanischen 
Wirkungen und Erdaushebungen den fkitladungsstrom be» 
gleiteten. 

Die Yorli^enden Thatsachen über die in Darmstadt 
vorgekonmienen — Dank der Vorsehung — äusserst seltenen 
Blitzesereignisse haben unsere Betrachtung insbesondere des^ 
halb in so umfassender Weise in Anspruch genommen, weil 
dieselben zu den wichtigsten Belegen gegen die Annahme 
gehören, als ob der Blitzstoff — wenn wir uns dieses Aus- 
druckes bedienen dürfen — von der Wolke g^en die Erde 
ströme und hier in der verschiedenartigsten Entladungsweise 
durch die im Wege stehenden irdische Objecto gehra müsse, 
um ^ndlidi in den Boden selbst gelangen zu können. Unter 
Anwendung der einfachsten und längst bekannten Lehren 
hingegen lässt sich mittelst jener Thatsachen von Neuem 
zeigen, dass die Ursache eines jeden Blitzschlages in der 
Influenzfähigkeit der Terrainschichten, über welche die Ge« 
Witterwolke hinwegzieht, zunächst gesucht werden, also von 



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264 SÜMung der mafh.-phgt. CUme vom 6. JuH 1867. 

der AasdehnoDg und der Lage des Kiyeaa^ der Waner- 
strecken abhängig sein moBs, auf oder an welchen die be- 
tre£fende Erdstrecke sieh befindet; daas hingegen die an 
der Erde selbst in Folge des BUtJsschlages zu Stande ge- 
kommenen Wirkungen an (Gebäuden, Blitzableitem etc. ledig- 
lich den EntladongserscheinuDgen zugeschrieben werden müssen, 
welche jene Influenz zur Folge hatte. Wenn wir so unser« 
bei früheren Gelegenheiten erörterte Anschauungsweise und 
die dort daraus gezogenen Folgerungen wiederholt als be* 
stätiget ansehen, so dürfte nunmehr auf die Umstände selbst, 
Yinter welchen die ihrer Entstehungsweise na(£ als bekannt 
anzusehenden Blitzesentladungen an irdischen Objeoten auf- 
treten, besonders aufmerksam zu machen sein. Die Wirk- 
ungen nämlich, wdcfae hiebei zum Vorschein kommet 
können, sind zum Theile noch so räthselhafter Nator, dass 
für manche dieser Erscheinungen eine genügende Erklärung 
nicht gegeben werden kann, ohne dabei HypoÜiesen zu Hülfe 
zu nehmen, welche durdi Analogien bis jetzt noch nicht 
gerechtfertiget werden können. Zu diesen Erscheinungen 
gehören namentlu^ die mechanisdien und Wärmewirkungen, 
und die sie begleitenden Schallerscheinungen, deren Auf- 
trd^n an eine Quelle von Explosionskräften unwillkührlidi 
erinnern muss, für welche uns alle Anhaltspuidcte für jet^ 
noch zu fehlen scheinen. Es ist wohl bekannt, dass alre 
Wirkungen eines Entladungsstromes von seiner Stärke, von 
der Art und Weise der Entladung, ybn der Beschaffenheit 
und Natur der im Schliessungsbogen enthaltenen Stoffe, von 
der Anordnung des letzteren u. s. w. abhängig sein müssen; 
die hierüber bekannt gewordene UntersuchungsresoHate 
reidien jedoch nicht aus, um die bei Blitzesentladungen zu- 
weilen vorkommenden Erscheinungen genügend erklären zu 
können, abgesehen davon, dass wir über die Vertheihing 
und Anordnung der Elektricität an den durdi Influenz von 



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JMm: B$merhmgin Üher mUtsMäge, 266 

Seite einer Gewitterwolke elektrisirten Körpern wohl nie- 
mals präcise Aufschlüsse erhalten werden. 

Unter den mir bekannt gewordenen während der Ge- 
witter des Monates Juni eingetretenen Blitzschlägen verdient 
mn in Fordiheim vorgekommenes Ereigniss hier noch be- 
sonders hervorgehoben zu werden, theils deshalb, weil es unserer 
gedachten Anschauungsweise abermals einen wesentlichen Be- 
leg liefert, nicht minder aber der Wirkungen halber, welche 
die Entladung begleiteten. Ueber diesen Fall lasse ich hier 
einen sdir gründltdien Bericht ^) im Auszuge folgen, welcher 
die Beantwortung mehrerer Fragen enthält, die über die 
stattgehabten Vorgänge genügenden Aufschluss zu geben ge- 
stattet; leider konnten die Spuren im Boden selbst nicht 
näher verfolgt werden: 

„Das Hans za Forchlieim, in welches der Blitz am 24. Jani 1867 
Abends 4 Uhr einschlug, wird von einem Fallmeister mit Familie 
bewohnt, und steht, wie es schon des Fallmeistergesch&ftes wegen 
sein mnss, ganz isolirt auf einem Anwesen , das Yon anderen Woh- 
nungen ferne liegt In der Nähe des Hauses — 72 bi^. Fuss davon 
entfernt — vereinigen sich zwei Arme des Flüsschens Wiesent, das 
sioh dann in der Nähe in die Regnitz, die in einer Entfernung von 
810 Fttss an diesem Hause vorbeifliesst, ergiesst. Der Donau-Main- 
Eanal dagegen ist 2080 und die Eisenbahn ist gegen 2790 F. von 
diesem Hause entfernt Das Bezirksamtsgebäude, welches innerhalb 
der B'estungsmauem liegt und mit Blitzableiter versehen ist, — ^ die 
übrigen Gebäude daselbst haben keine Blitzableiter — ist nördlich 
vom Hause des Fallmeisters und in gerader Linie 1210 bis 1260 F. 
davon entfernt Auf die gestellten Fragen wird Folgendes bemerkt: 



7) Diesen Bericht habe ich meinem Freonde, dem kgl. Herrn Bau* 
beamten Hatzel in Bamberg su verdanken. Mein Freund bemühte 
•ich auf mein Ansuchen selbst nach Forchheim, und nahm hier in 
saehgemftsser Weise die Untersuchung so weit vor, als es die herr* 
Behenden Umstände erlaubten. Die mir freundlichst angelegten 
vier graphischen Darstellungen lassen über die Spuren der Entlad« 
nsg nidit den mindesten Zweifel übrig. 



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366 Siteung der miO^.'fh^. Clam wm 6. JüU 1867. 

1) üeber Biobtang, Zng and Dauer des Gewitters am 24. Jani 18^ 
konnte man keine genauen und zuverlässigen Mittheilungen mehr 
erhalten. 2) Das vom Blitz getroffene Gebände des Fallmeisters ist 
nicht mit Blitzableiter yersehen. 3) Dieses (Gebäude ist zweistöckig, 
und hat bis zum First eine Hohe von etwa 27 Fnss. Die an der 
Westseite angebauten Nebengebäude sind um 10 F. niedriger, zw« 
isolirt südlich davon stehende Nebengebäude sind nur 10 bis 12 F. 
hoch. Die östliche — oder vielmehr etwas südöstliche — Giebelseite 
des Hauses wurde allein vom Blitze getroffen. 4) Der Haussockel 
liegt circa 6 Fuss über dem Niveau des jetzigen Wasserstandes der 
Wiesent und Regnitz (vom 18. Jidi). Das Terrain um das Gebände 
besteht aus Sand (Alluvium). 5) Im Boden sind keine Spuree dee 
Blitzschlages bemerkt wordmi. 6) Die Bewohner wurden vom BUta- 
schlage betäubt, konnten daher keine Aufschlüsse über die Licht- 
erscheinungen geben. Von anderen Personen wurde der Bli£zschl&g 
nicht bemerkt, da das Gebäude ganz isolirt liegt. (Die beiden ver- 
schont gebliebenen Kinder — s. unten — dürften jedenfigtlls durch 
die Lichterscheinungen verscheucht worden sein)'*. 

„Die Umfangswände des Gebäudes bestehen aus Riegelwerk von 
0,5 Fuss starkem Holze, deren Fache mit Backsteinen und Sand- 
steinen ausgemauert und mit Mörtel verputzt sind. Die Bahn des 
Blitzschlages zeigt sich an allen Stellen der Giebelwand an der 
inneren Seite der Wandfläche, nur zwischen dem zweiten und ersten 
Stock ist die Spur an der Aussenseite der Wand sichtbar. Der Blitz 
schlug unter dem Giebelbrett in das Haus ein, zertrümmerte daselbst 
das Giebelfenster vollständig, wovon nur i\och kleinere Splitter übrig 
geblieben sind, fnhr dann an dem rechtseitigen Fensterpfosten von 
Holz herunter bis zu einer eisernen Klammer und versengte das 
Holz — es sind schwarzbraune Brandflecken von 8 bis 4 Zoll vor- 
handen — . Die eiserne Elammer circa 1 Fnss lang ist mit beiden 
Spitzen in das Holz geschlagen, sodass der Zwischentheil 1 Zoll 
weit vom Holze absteht; auf der Höhe dieser Klammer sind weder 
Brandflecken noch sonstige Beschädigungen des Holzes bemerkbar, 
vom unteren Ende dieser Klammer abwärts ist jedoch die Bahn des 
Blitzstrahles wieder durch Brandflecken bezeichnet. Die Yerkohlung 
beschränkt sich jedoch an allen Stellen nur auf die Oberfläche des 
Holzes und dringt nirgends tief in dasselbe ein. Das Holzwerk ist 
auch nicht in Brand gerathen. Der Blitz fuhr dann durch eine 
Fuge zwischen Giebelwand und Dacbgebälk hindurch; an der unteren 
Fläche des Dachgebälkes werden die hinterlassenen Spuren desselben 
wieder sichtbar, indem hier ein quadratförmiges Stück Deokenverpota 



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Kuhn: Bemerhingen iOm SütMsMäge. 207 

der Laitendecke von 0,2 Fiiss Seitenl&nge seharfkantig wie heraus- 
geschnitten, abgesprengt, die Latte darunter stark gesohwftrst und 
«ine kleine Vertiefung eingebrannt ist. Ausserdem ist an dem recht- 
seitigen Fensterpfosten oben an der Decke ein Stückhok 0,65 F. 
hoch, 7^ Zoll breit und tief in Form einer scharfkantigen Rinne 
berausgesplittcirt, deren Flächen jedoch keine Spuren von Verkohlung 
zeigen. Von hier aus fahr der Blitz durch den zwischen zwei 
Fenstern hängenden Spiegel im ersten Stocke, schlug an der oberen 
Ecke desselben ein Loch 0,4 F. breit, 0,96 F. hoch in denselben, 
ging hinter dem Spiegel diagonal herunter, hinterliess Brandflecken 
auf der hölzernen Spiegelwand und auf der Hauswand daselbst, fuhr 
an der uilteren Ecke des Spiegels durch das Glas heraus und schlug 
daselbst ein Loch 0,1 F. hoch und 0,7 F. breit in denselben. Die 
lUkider dieser beiden Löcher sind in unregelmftssig^n Linien aus- 
gesplittert, die vorstehenden Spitzen auswärts etwas aul^gebogen, und 
das Glas auf 0,05 F. bis 0,15 F. Breite sehr stark angeschmolzen, 
so dass es auf diese Breite blind, d. h. nicht mehr durchsichtig ist. — 
Die Fenster beiderseits des Spiegels sind mit eisernen Winkelbändem 
beschlagen, die an den Spitzen ebenfalls Spuren von Schmelzung 
zeigen. Auf dem Tische vor dem Spiegel (der Tisdi befand sich 
ebenfalls an der Wand des Zimmers) lagen einige Eleidungfsstücke, 
welche in Brand geriethen und ein tellergrosses, V« Zoll tidfes Loch 
in den Tisdi brannten. Der Blitz fuhr an der Ecke zwischen Tisch 
und Fenster durch eine Fuge zwisdien dem Bmstriegel des Fensters 
und der Fachausmauerung hindurch , splitterte dabei ein Holzstüok . 
ab und darunter einige Feustersplitter aus; nahm dann seinen Weg 
ai:tf der Anssenfläche des Hauses bis zum Fenster des Erdgeschosses'S 
[„An dieser Stelle der von der Blitzesentladung durchbrochenen 
Wand soll eine rinnenformige Vertiefung, und der Mdrtel derselben 
wie geschmolzen oder salpetrig gewesen sein. Diese Stelle ist aber 
inzwischen wieder verpatzt und übertüncht worden^'.] „Durch das 
Fenster (des nordöstlichen Zimmers) des Erdgeschosses ging die 
Entladung hindurch, schmolz das Blei an verschiedenen Stellen, 
splitterte Glasstücke aus, fuhr in das Zimmer, wo sich die Familie 
befiind, hinterliess am Tisch und am Fussboden mehrere kleine 
Brandflecken, und fuhr durch die östliche Wand an einer Stelle 
hindurch, wo am Hause selbst die (aus einer schräg an das Haus 
anliegenden Steinplatte bestandene) Hundshütte war. In letzterer 
lag ein grosser Haushund, an einer 7 Fuss langen starken Eisen- 
kette angebunden, der erschlagen wurde. Weitere Spuren des Blitzes 
vom Httude weg am Boden etc. sollen (?) nicht bemerkbar gewesen 



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268 Sügung dar mäO^-fhfs. Otme vom S. JuU 1867. 

sein"« *— ^fio weit gehen die Beobadhtnngen, die icli btf der Loeal- 
erhebumg machen konnte. Ferner hat mir der Fallmeister Folgendes 
ober die Wirkung des BUtescUages erzählt. Er lei mit seiner 
Familie bei Feier seines Namenstages am Tisch (im nordöstHcfaen 
Zimmer des Erdgeschosses) gesessen, und Z¥rar: eine 16j&hrige 
Tochter nnd ein 10t}ihriger Knabe seien unmittelbar am (letc^ 
erwähnten) Fenster auf der (an der östlichen Zimmerwand befind* 
liehen) Bank geeessen, nnd vom Blitz, der — - wie gesagt — dorch 
dieses Fenster fnhr, getödtet worden; die Kleider des Knaben h&ttoi 
gebrannt (derselbe sei auch schwarz gebrannt gewesen, während beim 
Kädchen nur eine geringe Spur am Arme orsichtlieh war). Seine 
Fran sei anf dem sddlichen Stahl, er auf dem Stahle gegraüber der 
Kinder and ein Gast anf der Bank an der nördlichen Wand des 
Zimmers — und zwar alle drei nm den Tisch herum mit ihren 
Kindern gesessen. Alle drei — Mutter, Vater nnd Gast — seien 
vom Blitzschlag betäubt worden und in gleicher Richtung (Ton 
Norden gen Süden) auf den Boden gefallen, seine Frau habe eine 
Lähmung am linken Bein, wovon jetzt schwache Spuren zurOek- 
geblieben, er eine visr Tage dauernde Lähmung am rechten Arm 
erlitten. Zwei auf der Bank an der (dem- Fenster gegenüberliegen- 
den) Rückwand des Zimmers sitzende Kinder Ton 3 und 13 Jahren 
seien nicht vom Blitze beschädiget worden, sondern nach dem Blitz- 
schlage zur Thüre hinausgelaufen. Unter der Bank am Fenster, aof 
welcher die von der Blitzesentladung getödteten zwei Kinder sassoDi 
.seien drei Hunde gelegen, die ebenfolls vom Blitzsdilage ersdilagea 
worden seien. Ausserdem wurde, wie bereits bemerkt, der Haus- 
hund ausserhalb des Hauses — der unmittelbar unter diesem Fenster 
am Boded lag und mit der gmannten Kette (an der Wand (?)) an- 
gebunden war — in der Hundshütte erschlagen'^ 

Wenn wir die Sparen der Entladungen nach der eben 
Torgefährten Beschreibung (und mittelst der uns vorliegenden 
Abbildungen) genau durchgehen, so zeigt es sich, dass der 
eigentliche Entladungsstrom nicht am Dache, sondern erst 
unterhalb des Giebelbrettes seinen Ausgangspunkt hatte; 
▼on da aus ist seine Bahn durch die Metalltheile am Dadi» 
lenster, durch mechanische Wirkungen bis zur Klammer 
des Gebälkes^ von hier abermals durch mechanische Wirk- 
ungen und Unterbrechungsfunken bis zur Spiegelfolie und 



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Kuhn: Bemerkungen üher SUUschläge. 269 

den dünnen eisernen Fensterbeschlägen, hierauf durch eigen- 
fhümliche mechanische, Wärme- und Lichterscheinungen in 
und an der Mauerwand, dann durch die Metalltheile und -die 
starken mechanischen Wirkungen am Fenster des Zimmers, 
am Erdgeschosse und endlich durch die — vermuthlich an 
der Aussenseite des Hauses befestige — lange starice Kette 
des Haushundes und durch letzteren selbst, der auf dem 
Boden lag, bezeichnet. Tfenn wir nun in Erwägung ziehen, 
dass die nächste Umgebung yon Forcfaheim ein auf grosse 
Ausdehnung flacher Wiesengrund (mit vielfachen Bewässer- 
ongskanälen) ist, dass femer jenes Haus ohnehin fast un- 
mittelbar an gross^en Bächen sich befindet, deren Niveau 
selbst am 18. Juli noch 5 Fuss unter dem Hause lag, wenn 
wir femer erwägen, dass die im Juni stattgehabten mehr- 
fiachen Regengüsse einen weit hölieren Wasserstand am 
Johannitage vermuthen lassen, feiner berücksichtigen, dass 
in diesem Sommer das Grundwasser in den Bmnnen auf 
einem grossen Gebiete in unseren — und yennuthlicfa 
auch in den Main- etc. — Gegenden einen ungewöhnlich 
hdien Stand zeigt, so müssen wir schon daraus vermuthen, 
dass die Ursache jenes Ereignisses nicht in einer geringen 
Entfemung des unglücklichen Hauses von der Gewitterwolke 
oder gar am Hause selbst, sondern lediglich in den Terrain* 
Verhältnisse jenes Stückes Land, über welches die Gewitter- 
wolke gezogen und in der vermuthlich äusserst starken 
elektrischen Ladung der letzteren gesucht werden müsse: 
Die über die Bahn der Entladung berührten Umstände so- 
wie die Localerhebungen zeigen uns aber, dass am Dache 
adbst keinerlei Beschädigungen vorkamen und dass die In- 
flttenflffihigkeit der am Hause und an seinen Wänden eta 
vorkommenden Materialien und Objecte hier gar nicht fai 
Anschlag gebracht werden kann: es muss also die unge- 
heure Elektricitätsmenge, welche beim Blitzschlage zur Ent- 
ladung kam, sich lediglich aus der durch Influenz elektri- 
[1867. IL 2.] 18 



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270 SiUung der mcAhr^hyB. Classe vom 6. Juli 1867. 

sirten unterirdischen Wasserstrecke an den genannten TheOen 
des Hauses von unten nach oben verbreitet haben; von einem 
directen Einschlagen der Gewitterwolke oder des Blitzes 
dürfte vermuthlich hier nicht die Bede sein^). Allem Anschein 
nach zog letztere von Osten her, die ausgedehnte Orund- 
wasserstrecke konnte eine starke influencirende Wirkung er- 
fahren; letztere war vermuthlidi an der Stelle, wo der 
Kettenhund lag, dem Boden am nächsten, und durch diesen 
verbreitrte sich nun die in Bezidiiung auf die Wolke nega- 
tive Ladung über die bereits beschriebenen Strecken, um 
nach genügend grosser Entfernung der influencirenden Wolke 
oder nach der Entladung der letzteren in der Atmosphäre 
als Entladungsstrom innerhalb der disconlinuirlidien Leitungs- 
bahn bis zum Grundwasser hin aufzutreten. Das ganze £r- 
eigniss scheint bloss ein sogenannter kalter Schlag, also 
eigentlich ein Rückschlag gewesen zu sein, deren ausserdem 
noch mehrere andere in secundärer Weise gleichzeitig ein- 
getreten sein konnten^). Die vorher beschriebene Bahn ist 
nämlich augenscheinlich der Weg des kürzesten Leitungs- 
Widerstandes für den Ladungs- und Entladungsstrom ge- 



8) VergL Polytechn. Joum. Bd. CLXXXÜ, S. 295. 

9) Ein ähnliches jedoch von anwesentlichen Wirkongen und 
Von keinerlei Unfall begleitetes Blitsesereigniss kam bei einem 
schwachen von West gen Ost ziehenden C^witter am 22. Jnli d. J. 
Abends 10 Uhr am neuen Gottesacker an der Thalkirohner-Strasae 
zu München vor. Die Gewitterwolken zogen dabei über das mit 
Grundwasser reichlich versehene kleine Thal — zwischen Ober- 
sendling und der Isar — und der Blitzschlag kam an dem west- 
lichen Thorbogen der Umfassungsmauer vor. Die Sparen an den 
unteren beiden Enden des Sockels, an dem Bogen, sowie die Zer- 
störung des aus Backsteinen bestehenden Kreuzes liessen erkennen, 
dass alle hier befindlichen Metalltheile — Gitterthor, eiserne Stange 
des Kreuzes etc. — die discoptinuirliche Leitungsstrecke für die in- 
fluencirte Ladung bildeten. — Diese Entladung soll von einem 
starken (dektrisohen oder Ozon-) Gkruoh begleitet gewesen sein. 



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Kuhn: Bemerhwigen Über BliUsehläge, 271 

wesen; b^i einer soldi ungehenren Elektrioitätsmenge von 
80 bedeutender Dichte, die unmittelbar vor der Entladung 
an den verschiedenen Theilen der östlichen Giebelwand also 
auch an der untersten Fensterwand, an der Fensterumfassung 
und den hier befindlichen Metalltheilen sich anhäufte, konnte 
die influencirende Wirkung gegen die beiden unmittelbar am 
Fenster gesessenen zwei Kinder sowie gegen die übrigen in 
deren Nähe befindlichen Personen und Objecte nicht unter- 
bleiben; theilweise durch ihre Verbindung mit der östUchen 
Wand, theil^ mit dem Boden selbst, konnten die getrennten 
Entladnngsströme zu Stande kommen, welche natürlich mit 
Bücksicht auf die Entfernung von der Wand bei den ver- 
unglückten Kindern — die am stärksten influencirt waren — 
stärker ausfallen mussten, als bei den übrigen Personen. 
Betrachten wir jedoch die Anordnung und Gruppirung der 
getrofifenen Personen (nach dem uns vorliegenden Grund* 
plan) im Erdgeschosse, so möchte es nicht unmöglich sein, 
dass die beiden unmittelbar an den Schliessungsbogen an- 
gelehnt gewesenen zwei Kinder, sowie die drei Hunde unter 
der Bank, auf welcher jene sassen, durch eine Seitenent- 
ladung getödtet wurden, dass hingegen der Entladungsstrom, 
weldier die drei älteren um den Tisch herum an der 
abgewendeten Seite in einer discontinuirUchen Kette l}efind- 
lichen Personen betäubt und oberflächlich verletzt hat, viel* 
leicht ein secundärer oder inducirter war. Mag nun die 
Natur dieser Ströme, durch welche das unglückb'che Er- 
eigni&s sich manifestirte, von der einen oder anderen Art 
gewesen sein, so können wir immerhin noch ausserdem mit 
der grössten Wahrscheinlichkeit annehmen, dass der ganze 
Boden, auf dem das Haus ruht, an der Influenz Antheil 
nehmen musste; der Rückschlag selbst konnte daher auch 
starke erschütternde Wirkungen am ganzen Gebäude und 
selbst an den unverletzt gebliebenen zwei Kindern, die an 
der Rückwand des Zimmers — vermuthlich mit herunter« 

18* 



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272 Sitzung der math^-phys. Oasse vm 6, Juli 1867. 

hängenden Beinen — sassmi, auftreten: -sowohl die im Zim- 
mer wahrgenommenen Entladnngsftmken alsanch eine etwas 
nngewöhnliche Erschütterung verscheuchte dann die erschreck- 
ten Kinder aus dem Hause. [Auffallend ist es, dass bei 
diesem sowie bei den oben beschriebenen Blitzesereignissen 
der eigenthümliche Ozongeruch selbst in der nächsten Um* 
gebung nicht wahrgenommen worden ist.] 

Sowohl die physiologischen, als auch die mechaniecheii 
und die mit diesen verbunden gewesenen äusserst intensiven 
Wärmewirkungen, welche das in Forchheim am 24. Juni 
stattgehabte Blitzesereigniss begleiteten, sind so eigenthäm- 
licher Natur , dass dieselben emer näheren Untersuchung 
wohl unterworfen werden dürften, wenn noch weitere Er- 
hebungen hiefür mögUch gemacht werden könnten; wir 
müssen uns auf einige Bemerkungen hierüber besdiränken« 
Die im Zimmer der Familie des Fallmeisters vorgekommenen 
physiologischen Wirkungen dürften uns zunächst zeigen, dass 
[was wir übrigens an vielen der schon früher vorgekom- 
menen Fälle dieser Art nachweisen könnten] die Tödtung 
durch einen sogenannten Blitzschlag bei verschiedenen Per- 
sonen im Allgemeinen nicht auf ein bestimmtes Alter oder 
Geschlecht sich beschränkt, und dass überhaupt von einer 
Auswahl, die eine Blitzesentladung in dieser Beziehung treffe, 
keine Rede sein und dass ebenso wenig ein derartiger Unter^ 
schied zwischen Menschen und Thieren gefunden werden 
kann; es sind lediglich die Umstände, unter welchen die 
Influenz- und die diese begleitenden Nebenwirkungen ^c., 
sowie die aus diesen verschiedenartigen Vorgängen ent- 
springenden Entladungssströme zu Stande kommen können, 
bei der physikalischen Beurtheilung eines derartigen Falles 
ins Auge zu fassen ^<^). Statistische Nachweise solcher Art, 



10) Die Untersuchung , welche an der Leiche des 16jährigen 
Mädchens und derjenigen des lOjährigen Knabens an der Unglücks- 



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Kiuhn: Bemerkungen üibef BUUsMägt. 273 

wie sie för vorgekommene Fälle von Tödtongeu von Per- 
sonen dorch Blitzschläge in den verschiedensten Gebieten etc. 
noch häufig zusammen gestellt werden, dürften wohl ihren 
eigenthiimlichen Werth haben; in rein physikalischer sowie 
physiologischer Beziehung aber dürfte ihre Bedeutung als 
zweifelhaft erscheinen. — Als besonders aufiiallend möchten 
die Producte der Wärme- und mechanischen Wirkungen her- 
vorzuheben sein, welche nach dem Blitzschlage in dem 
Wohnzimmer der Familie aufgefunden worden sind, sowie 
jene, welche in der Mauer zwischen dem ersten Stockwerke 
und dem gedachten untersten Fenster vermuthungsweise 
sich noch vorfinden sollen. Der mir zugekommene Bericht 
meines Freundes spricht sich hierüber in ^adistehender 
Weise aus : „Von anderen Personen, die das Haus am darauf 
folgenden Tage besuchten, hörte ich sagen, dass sie form- 
lidie Bohren, die der Blitz durch Holz und Maueiwerk ge- 
bohrt habe, gesehen hattm (s. o. S. 267); allein dieses be- 
ruht auf Täuschung oder falscher Auffassung der Sachd; 
denn es sind nur ausgesplitterte Rinnen am Holzwerk, und 
AusspUtterungen an den Fugen zwischen Holz und Mauer- 
werk bemerklich. Ferner soll am Fussboden des Wohn^ 
Zimmers Sand gestreut gewesen sein — nach ländlicher 
Sitte geschieht diess in Oberfranken am Vorabende eines jeden 
^ Feier- oder Festtages — , der in der Richtung des Blitz- 
schlages geschmolzen und sich in eine Röhre verwandelt 
haben soll .... An den Fussbodenbrettem sind übrigens 



Btätte Yorgenommen wurde, hat sieb, wie es den Anschein hat, bloss 
anf eine oberfläohliche am Leibe u dgl. beschrankt. Die Spuren 
der Entladung an beiden Kindern möchten wohl am Kopfe —• unter 
den Haaren — oder selbst an anderen blossgelegten zarten Organen 
rieh vorfinden; nur dürfte zu deren Unterscheidung, da sie vermuth- 
lich in schwachen siebarüg^i Durchbohrungen bestehen, mindestens 
die Anwendung einer Loupe Apthig gewesen sein. 



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274 aHzung der fnaüh.'phys, dasse wm 6, JuU 18€7. 

nur ein oder zwei Brandflecken in Ereuzergrosse^' (also km. 
Loch in Thalergrösse wie diess von anderer Seite angegeben 
wurde) ,,and am Tische unten nur einige Stellen, kaom 
merklich versengt, aber kein Strahl mit Brandflecken, wie 
er an der Wand im oberen Stocke yorhanden, zn bemerken 
i8t'^ Die Entstehungsweise des am Zimmerboden der Un- 
glücksstelle Yorgefundenen ,, röhrenförmigen Concrements", 
von welchem durch ein Fragment ^^) nachgewiesen worden 
ist, dasB diess eine wirkliche BHtzröhre war, muss vor- 
läufig als ein in ein Dunkel verhülltes Phänomen angesehen 
werden; ein ähnlicher Fall ist meines Wissens bis jetzt noch 
nicht bekannt geworden. Jenes Fragment ist beiläufig 1 bayer. 
Dec. Zoll lan^ ganz unregelmässig gestaltet, seine Gnind- 
form dürfte etwa als ein stumpfer Kegel mit ovalen Omnd- 
flächen angesehen werden,- von welchen die Hauptazen der 
grösseren beiläufig 6'" und 2'" (b. Dec. M.), jene der 
kleineren 3^^' und l^lt"^ sind; dieses Röhrenstück ist sehr 
dünnwandig (an der stärksten Stelle etwa V^ bayr. Dedmal- 
linie dick) an verschiedenen Stellen mit Ausbiegungen und 
Zacken versehen, im Innern vollkommen verglast, an den 
Aussenflächen rauh und mit weissen Sandkörnern (?) besetzt. 
Unwillkührlich taucht beim Anblicke dieses Gebildes — das 
mit den gewöhnlichen Blitzröhren volle Aehnlichkdt zeigt — 
der Gedanke auf, es müsse auf der angeblidi zwei Fase 
langen Strecke der dünnen Sandschichte am Zimmerboden 
ein bis zum höchsten Glühgrade erhitzter Luftstrom die 
Bahn der elektrischen Entladung bezeichnet haben. — Eine 
Nachgrabung im Boden ausserhalb des Hauses wurde bia 



11) Pieses Fragment befindet sich im physikaliachen Gabinete 
des Lyceum's in Bamberg; es Wurde mir darob die Göte meine« ge- 
ehrten Gollega Herrn Prof. Dr. Hob zur Ansiebt zugesendet; durch 
Yermittelung des Untersucbungsriobters Herrn Rath Miltner iat 
dasselbe in seinen Besitz gelangt. 



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Kuhn: Bemerhungm Über BUUsMäge, 276 

jetzt nicht yorgenommen; ob man hier nicht auf Blitzröhren 
bei vorsichtiger Bohrung kommen dürfte, könnte natürlich nur 
als eine Vermuthung hingestellt werden. 

Durch die über die herrorgehobenen Blitzesereignisse 
im Vorstehenden angestellten Betrachtungen dürfte nunmehr 
die Anschauungsweise über die Entstehung yon Blitzschlägen 
ak hinreichend begründet angesehen werden. Praktische 
Folgerungen aus den durch jene Ereignisse gewonnenen Er« 
fidirungen zu ziehen, dürfte hier als unnöthig erscheinen; 
^ oben (S. 247) angeführten Sätze erlangen ohnehin hie- 
durch eine neue Bestätigung ^*). Hingegen mag zum Schlüsse 
noch angeführt werden, dass unsere Erörterungen yielleicht 
auch für die Häufigkeit der Blitzschläge neue Anhaltspunkte 
liefern können. Es scheint uns nämlich daraus hervorzu- 
gehen, dass in solchen Jahren, in denen durdi massenhafte 
Niederschläge während der eigentlichen Gewitterperioden die 
Gewässer überhaupt sowie namentlich die unterirdischen 
einen hohen Stand annehmen, die Zahl der Blitzschläge 
unter sonst gleichen Umständen — also auch bei gleicher 
Frequenz und Stärke der Gewitter — grösser sein müsse, 
als in Frühlings- und Sommermonaten von geringer Regen- 
menge. Ebenso scheint aus den obigen Betrachtungen die 
Folgerung gezogen werden zu dürfen, dass bei periodisch 
an einem und demselben oder an unmittelbar auf einander 
folgenden Tagen auftretenden Gewittern die Wahrscheinlich- 
keit des Eintretens von Blitzschlägen bei den folgenden Ge- 
wittern um so grösser werden müsse, je grösser die Regen- 
menge war, welche die vorausgegangenen Gewittererschein- 
nngen als Begleiter und zur Folge hatten. 



12) Die bei meiner Besprechung über die neue französische In- 
Bimetion für Blitzableiter an Pulvermagazinen [s. Polytechn. Joum. 
Bd. CLXXXiy, S. 469, Jani 1867] erhobenen Bedenken werden 
durch die eben beschriebenen BHtzesoreignisse von Neuem gereoht- 
fertiget. 



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276 SiUung der mM.-pTii/s. Ga$H wm 6. JuU 1867. 



Herr y. Eobell hält einen Vortrag: 

^,Ueber den Glaukadot von Hakansbo in 
Schweden". 

Ich habe kürzlich den Glaukodot von Hakansbo unter- 
sucht, welcher sich in der KrystalUsation von dem Glauko- 
dot Breithaupts nur dadui*ch unterscheidet, dass die 
Spaltbarkeit ^ nach der basischen Fläche bei diesem als be- 
sonders deutlich angegeben wird, während sie bei jenem 
wenig deutlich ist. Die Erystallisation ist bekanntlich die 
des Arsenopyrits und konnte ich an den Erystallen von 
Hakanbö ein neues Doma 2 P oo beobachten. Meine Analyse 
war bereits vollendet, als eine Abhandlung von Tschermak 
über dasselbe Mineral erschien, worin auch eine Analyse von 
E. Ludwig mitgetheilt wird. Der Inhalt dieser Abhandln]]^ 
könnte gegenwärtige Publication als überflüssig erscheinen 
lassen, denn ich &nd wesentlich ihre Angabe nur bestätig^ 
gleichwohl hat die Uebereinstimmung zweier unabhängig 
geführten Untersuchungen immer einigen Werth und nament- 
lich in Bezug auf die chemische Analyse, welche nicht so 
leicht zu revidiren ist als die krystallographischen Verhältnisse. 
Ich stelle daher hier die bdden Analysen 1. von Ludwig 
und 2. von mir zusammen. 





1. 


2. ^ 




Schwefel 


19,80 


19,85* 


1,24 S 


Arsenik 


44,03 


. 44,30 


0,59 Ab 


Eisen 


19,34 


19,07 


0,681 Fe 


Kobalt 


16,06 


15,00 


0,508 Co 


Nickel 


— 


0,80 


0,027 Ni 


Kieselerde 


— 


0,98 





99,23 100 



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V. KobOtx Der OkmMht van müta^h^, 377 

Die Formel ist 4C?{S;. + 5 Fe{8;. 

Die Differenz betrifft nur ein gerriDger von mir gefun- 
dener Nickelgehalt. Ich habe darauf ein besonderes Augen- 
merk gerichtet, weil es seltsam ist, dass die bisherigen Ana«- 
lysen kobalthaltiger Arsenopyrite, eine einzige vonPh. Eröber 
ausgenommen, kein Nickel angeben, wie auch keines in dem 
analog zusammengesetzten Kobaltin, während im Smaltin 
Aist immer eine Vertretung des Kobalt durch Nickel vor« 
kommt. Ich trennte die beiden Metalle durch salpetrioht- 
saores Kali. Das erhaltene Nickelozyd löste sich in Salpeter- 
säure mit gräner Farbe und gab mit Ammoniak im Ueberschuss 
die himmelblaue Lösung. Die Kieselerde fend sich, als das 
mit Wasserstoff reduoirte Kobalt in Salpetersäure gelöst 
wurde. 

Vor dem Löthrohr auf Kohle entwickelt das AGneral 
anfuigs starken Arsenikrauch, ohne zu sdimelzen, nach 
längerem Erhitzen aber schmilzt es ganz leicht zu ^er 
stafalgrauen magnetischen Perle, welche beim ersten Zu- 
sammemchmelzen mit fiorax ein grünlidiblaues , hm län- 
gerem Behandeln im Reductionsfeuer ein schön kobaltblaues 
Glas giebt. — Dieser Glaukodot ist wie der Arsenopjrit 
ein guter electrischer Leiter und überläuft, mit der Zink- 
kluppe in Kupferyitriol getaucht, sogleich mit glänzendem 
metal%chem Kupfer. 

Als Pulver mit Eisenpulver gemengt entwickelte er mit 
Sakssäure reichlich Schwefelwasserstoff. 

Mit Salpetersäure erhält man, unter Ausscheidung von 
Sdiwefel, eine schön rothe Lösung. 

Der Erwähnte von Kröber analysirte nickelhaltige Ar- 
senopyrit stammt von La Paz und Yungas in Bolivia und 
enthält 35 Procent Eisen, 4,74 Nickel und nur eine Spur 
von Kobalt. Das spec. Gewicht 4,7 ist auffallend gering. 



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278 SUeung der mafk-phifi. CUuie vom 6. JüU 1867. 

Der Glaakodat von Hakansbö hat nach Tschermak 
5,973, nach meiner Wägang 5,96. — 

loh stimme der Ansicht Tschermak's bei, das Ifinend 
Yon Hakanbö zum Glaokodot za stellen und die wen^er 
Kobalt ^thaltenden Verbindungen dieser Art Danait zu 
benennen. Wo bei diesen das Kobaltblau mit Borax nicht 
mehr sichw wahrzunehmen, da kann man sich Tom Kobalt- 
gdialt äberzeugen, wenn man eine feingeriebene Probe yon 
etwa 1 Gramm in Salpetersäure löst und die staik ?er* 
dünnte Lösung mit c^em. bereitetem kohlensaurem Kalk 
fallt Man filtrirt den Niederschlag des ärseniksauren Eisen- 
oxyds und yersetzt das Filtrat mit Schwefelammonium; er* 
hält man kein oder ein blass gelblich aussehendes Präcipitat, 
so ist kein Kobalt vorhanden, ist aber die Trfibung oder 
der Niederschlag graulich oder schwarz, so säuert man die 
Flüssigkeit mit Salzsäure an und lässt sie durch einFiltrum 
laufen. Ohne weiteres Auswaschen trocknet und vmrbrennt 
man dieses Filtrum und schmilzt den Rückstand im Platin- 
drath mit Borax zusanmien. Man kann so die kleinsten 
Mengen von Kobalt in den Arsenik und Eisen eotlialteft- 
den Erzen nachweisen. 



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Voii: ü^er Hams^liureBedimente. 279 



Herr G. Voit berichtet über eine in seinem Labora- 
torium und unter seiner Leitung von Hm. stud. med. Frz. 
Hofmann ausgeführte Arbeit 

„Uebcr das Zustandekommen der Harnsäure- 
sedimente". 

Ein Niederschlag von Harnsäure oder hamsauren Salzen 
entsteht^ wie schon länger bekannt ist, nur in seltenen Fällen 
dadurch^ dass der Harn wegen Wassermangels mit diesen Ver- 
bindungen bei der Temperatur des Körpers gesättigt ist und sie 
beim Erkalten herausfallen lässt, oder dadurch, dass er aus 
irgend welchen Ursachen mehr davon enthält als gewöhnlich. 
Das erstere findet nur selten statt, weil der Miederschlag meist 
erst längere Zeit nach der Erkaltung entsteht und beim Er- 
wärmen auf 38^0. sich nicht wieder löst; das letztere 
nicht, weil sich beim Auftreten yon Sedimenten meist 
keine grössere Quantität Harnsäure findet. Und doch macht 
man sich nicht immer von diesem Vorurtheil los, denn man 
schliesst nur zu oft, wenn man den Boden des Harnglases 
mit dem bekannten Ziegefanehl bedeckt findet, auf eine yer- 
mehrte Hamsäureabscheidung. Aber auch bei dem reichlich- 
sten Sedimente darf man diesen Schluss nicht machen, dasselbe 
sieht nur voluminös aus, denn sobald man zum Harn etwas Säure 
zugiesst, verschwindet alles bis auf wenige Hamsäurekrystalle. 
Die Menge der Harnsäure, die ein gesunder. Mensch im 
Tag liefert, kann zwischen 0.4—2.0 Gramm schwanken; ich 
habe bei Krankheiten nie mehr beobachtet, als normal auch 
auftreten kann. Schon vor Jahren habe ich einmal den 
24stüudigen Harn eines Arthritikers erhalten, welchem kalte 
Ein Wicklungen gemacht worden waren; der Harn war durch 
seine ganze Masse trüb, voll des reichlichsten amorphen 



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280 Sitzung äw maih.'phj^. Classe wm 6. Juli 1867. 

Sedimentes; man wollte mir damit beweisen, dass unter der 
angegebenen Behandlung die Harnsäure aus dem Körper zur 
Ausscheidung/ gebracht werden könne; als ich aber die 
quantitative Bestimmung machte, war die Menge der Harn- 
säure unter dem Mittel. 

Die Harnsäure kann nicht als solche aus der Niere abge- 
schieden werden, da sie in Wasser nahezu unlöslich ist, sie 
kann nur als harnsaures Satz im frischen Harn enthalten sein, 
und muss also irgend woher ihre Basis, meist Natron, nehmen. 
Dadurch ist die Menge der in den Harn äbergdienden Harn- 
säure eine sehr beschränkte, während von dem in Wasser 
leicht löslichen Harnstoff unbegrenzte Mengen fortgeschaffl; 
werden können; jeder Mensch kann im Tage, je nach der 
Menge des im Körper verfügbaren Alkali's nur eine 
begrenzte Harnsäuremenge ausscheiden, und wenn mehr 
erzengt wird, »als entfernt werden kann, so muss sie zurück- 
bleiben. 

J. Scherer hatte vor längerer Zeit eine Theorie ^t- 
wickelt, die auf die Art der 3ilduDg der betreffenden Sedi- 
mente und der Harnsteine das hellste Licht zu werfen schien 
und die noch heute allgemein acceptirt ist Man war da- 
mals von dem allgemeinen Vorkommen der Milchsäure im 
Thierkörper überzeugt. Man dachte nicht an anorganische 
Säuren und man hatte die Gegenwart der Milchsäure in der 
sauren Milch erkannt und so musste überall, wo man im 
Organismus eine saure Reaktion traf, Milchsäure die Ursadie 
sein. Die saure Reaktion des Harns leitete man daher auch 
von der Milchsäure ab; und da man wusste, dass auf Zu- 
satz einer Säure zum Harn Harnsäure niederfalle, so lag nidits 
näher, als anzunehmen, die Sedimentbildung käme von einer 
Vermehrung der Milchsäure im Harn nach der Entleerung, 
von einer sauren Gährung des Harns. 

Nun kann man aber im Harn weder Milchsäure finden, 
noch eine Vermehrung der Säure beim Stehen. 



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Voü: Ueber EamsiktresedimenU, 281 

Man ist nicht im Stande, Milchsäure im Harn nachzu« 
weisen. Pettenkofer bemühte sich, die angebliche Milchsäure 
darzustellen, er fand dieselbe nicht, jedoch statt ihrer das 
Kreatinin. Audi Liebig sagt in seiner berühmten Abhand- 
lung über den Harn des Menschen und der Thiere, dass er 
nicht eine Spur Milchsäure entdecken konnte; er that aber 
dar, dass die saure Reaktion des Harns von sauren Salzen 
herrühre, sauren phosphorsauren Alkalien und alkalischen 
Erden, sauren harnsauren und hippursaueren Salzen, welche 
durch Einwirkung der letztgenannten organischen Säuren 
auf das basisch phosphorsaure Alkali des Bluts entstan- 
den sind. 

Prüft man direkt die Säuremenge des Harns durch die 
Menge Alkah*, die zur Neutralisation erforderlich ist, so 
sidit man die Menge der Säure stetig abnehmen und zu 
keinem Zeitpunkte sich steigern; es existirt keine saure 
Gährung des Harns. 

Es ist das saure phosphorsaure Natron, welches das 
im Harn gelöste hamsaure Alkali allmählich zersetzt. Wenn 
man ausserhalb des Körpers die Lösungen beider Salze in 
äquivalenter Menge zusammenbringt, so fällt nach einiger 
Zdt Harnsäure krystallinisch heraus und die Flüssigkeit 
reagirt alkalisch, d. h. es nimmt das saure phosphorsaure 
Natron ein Aequivalent Natron von der Harnsäure weg und 
wird zu basisch phosphorsaurem Natron, wie es im Blute 
vorhanden war und die unlösliche Harnsäure muss' heraus- 
fftllen. Dieser ümlagerungsprozess geht um so schneller 
vorwärts, je concentrirter die Lösung des sauren phosphor- 
sauren Natrons ist. 

Diese Thatsachen erklären die Entstehung der ham- 
sauren Sedimente vollkommen. Gleich nach der Bildung 
des sauren Harns beginnt die Einwirkung des sauren phos- 
pborsauren Natrons auf das hamsaure Natron; es fällt ham- 
saures Salz und dann Harnsäure aus und zwar um so eher, 



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282 SiUung der maih,'phy8, Glosse vom 6. Jtdi 1867. 

je mehr der Harn saures phosphorsaares Natron enthält Die 
Faltung kann schon in den Hamwegen oder der Blase ge- 
schehen, and so zu Harngries oder Steinen Veranlassung 
geben oder sie geschieht erst ausserhalb des Körpers. 

Es kann eine raschere Umlagerung entwed^ durch 
reichlichere Auscheidung von saurem phosphorsaurem Natron 
^tstehen oder durch eine Concentration des Harns. Das 
erstere tritt seltener ein und kann wohl nur bei reichlicher 
Zersetzung eiweissartiger Sto£Fe im Körper stattfinden; so 
sieht man z. B. immer nach reichlicher Aufiiahme stickstoff- 
haltiger Nahrung, ohne dass weniger Harn entfont wird, 
ein Sediment von Harnsäure auftreten, nur veranlasst durch 
die grössere Menge des sauren phosphorsauren Natrons im 
Harn, 

In den meisten Fällen handelt es sich aber nur um eine 
Concentration des Harns und der Lösung des sauren phosphor- 
sauren Natrons durch eine geringere Wasserausscheidung. Bei 
allen Umständen, bei denen dem Harn Wasser entzogen wird, 
treten Sedimente von Harnsäure auf, ohne dass irgend eine 
pathologische Veränderung vorhanden zu sein braucht. Haben 
wir eine Nacht durch getanzt, so bemerken wir im Morgenham 
ein reichliches Ziegelmehlsediment, ebenso wenn vnr geschwitzt 
haben, oder wenn durch die Haut durch Vorbeiströmen kalter 
trockner Luft , wie bei uns in München , viel Wasser in 
Dampfform weggeht. Geht bei Krankheiten auf anderen 
Wegen Wasser verloren, so bemerken wir die Niederschläge; 
bei jedem Nasenkatarrh zeigt sich ein saturirter Harn und 
ein Sediment; ebenso wenn bei Entzündungen sich Wasser 
in Organen oder Höhlen anhäuft oder wenn dabei durch die 
Haut bei reichlichem Schwitzen Wasser entfernt wird; in 
früherer Zeit hat man in diesen Fällen von kritischen 
Sedimenten gesprochen. 

Aber jeder Harn sedimentirt zuletzt. Eline rasche Wirk- 
ung des sauren phosphorsauren Salzes bewirkt den amorphen 



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Vait: Ueber HarnBänreseämmte. ^ 288 

Miederschlag, eine langsamere sohddet die Harnsfiare kry- 
stallinisch aus, was nur keine so aii£fallige Erscheinung ist. 

Durch die beschriebene Umwandlung nimmt die saure 
Reaktion des Harns nach und nach ab. Es kann schon 
bald ohne Zersetzung des Harnstoffes und dhne Entstehung 
von Ammoniak eine alkalische Reaktion auftreten, wenn nur 
gerade so viel saures phosphorsaures Natron Torhanden ist, 
um mit dem an die Harnsäure gebundenen Natron basisches 
Salz zu bilden. Ist einmal auf diese Weise der Harn alka* 
lisch oder schwach sauer geworden, dann beginnt auch die 
weitere Zersetzung desselben unter Einwirkung der Pilze 
und greift rasch um sich. 

JÄe Ursache der Bildung der Harnsäuresedimente wird 
somit in jedem speciellen Falle leicht zu finden sein; ee 
handelt sich um Prozesse, die in jedem Harn vor sich 
gdien und nur manchmal schneller yerlaufen, was aber bei 
ganz normalem Körper ebenso geschehen kann, wie bei er- 
kranktem. — 

Die näheren Ausfuhrungen werden in einer eigenen Ab- 
handlung Ton Hrn. Hofmann gegeben werden. 



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284 Sitzung der iiMttft.-i%«. Crosse voik ß. Juli 1867. 



Herr Seidel berichtet über einen Anfeatz von Hrn. 
Dr. Adolph Steinheil: 

„Ueber Berechnujig optischer Construktionen" 
indem er zugleich Instrumente (Camera obscura und Mi- 
kroBCop-Objektiv) vorzeigt, welche von Herrn Adolph Stein- 
heil nach den in dem Aufsatz dargelegten Principien con* 
struirt worden sind, sowie auch Probe-Photographieen , die 
damit erhalten wurden. 

Nachdem der berühmte Frauenhofer durch Entdeckung 
und Anwendung der fixen Linien im Sonnenspektmm ge-' 
zeigt hatte, me sich die Eigenschaften der Glassorten pracis 
durch Zahlen ausdrücken lassen und dadurdi die strenge 
Rechnung in der Optik möglich gemacht, hatte ^ verwendete 
er diese in der Art für optische Construktionen, dass er 
die Lichtstrahlen durch strenge trigonometrische Rechnung 
auf ihrem Wege durch ein Linsensystem verfolgte, den Ein- 
fluss der Halbmesser und Dicken auf die Vereinigungsweit^i 
verschiedener Strahlen bestimmte und diese Eenntniss zur 
Feststellung derjenigen Dimensionen benutzte, welche für 
gegebene Olasarten ein möglichst deutliches Bild eines in 
der Axe gelegenen leuchtenden Punktes ergeben. 

Seine Untersuchungen bezogen sich zunächst auf das 
Fernrohrobjektiv, welches er in zwei Construktionen aus- 
führte, sowie auf das einfache Mikroskopobjektiv. Bei letz- 
terem und dem für kleinere Dimensionen angewendeten 
Fernrohrobjektive (mit ineinanderpassenden inneren Flächen) 
waren es 3 Bedingungen, die er erful[te; nämlich: Herstell- 
ung einer vorher bestimmten Brennweite bei gleichzeitiger 
Hebung des Kugelgestalt- und Farben-Fehlers. 

Bei dem Femrohrobjektive für grössere Dimensionen 



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kam noob eine veitere Ba^ngong und die Wahl <kr Ölaa- 
sorten in Bezug atif Becuidäres Spektram dazu. WekHice 
die Tieite Bedingung war, die Frai^nhofer zur Anaahme 
die$6r (uater d/9m Namen Frau^ihofer's^ibe Constraktion so 
berühmt gev^rdeiaen) Form des Objektives bestimmte, 
konnte, trotz der gediegenen Untersoolmngea in dieser 
Richtung, leider nieht mit Sidierheit ^) festgestellt werden, 
da seine hinterlassenen Arbeiten, soweit sie nicht vor seinan 
Tode poblicirt waren, ate Geheimaiss behandelt wurden und 
anderweitige direkte Angaben von ihm fehlten. Vielleicht 
aber sind gerade durch diesen Umstand die Eigenschaften 
des Objektives genaper untersucht nnd besser bekannt ge- 
worden. 

Das Objektiv erföUt: 

1) Wie Herschel ^ nachwies , sehr nahe die Bedingung 
der Hebung des Eugelgestaltfehl^s fBr nahe und ferne 
Objekte. 

2) Wie Biot') zeigte, ist es stabil achromatisch; d. b. 
Strahlen von zweierlei Farben, welche vor der Brechung an 
der ersteii Fläche des Objektives demselben weissen Strahl 
angehorten, treten nach der letzten Brechung nicht nur 
Qach demselben Punkte zielend , sondern auch unter dem« 
selben Winkel und an derselben Stelle aus (wieder einen 
weissen Strahl bildend). Diese Bedingung ist für einen 



1) Ein Ausspruch Utzsohneider^s, dass Frauenhofer die Fehler 
über das g^nze Gesichtsfeld möglichst zu heben bestrebt gewesen 
•ei, l&sst die snb 8) angrefthrto von Prof. Seidel gefundene Eigen- 
sohafii mit tm netten Wahncheinliohkeit als die Bedingung eir- 
Boheinen, welche Frauenhofer erfällte. 

2) Herschel, Dioptrik. 

8) Traii^ 4UnMii4aire d'attronomie pbysi^t^ par J. B. Biot, 
Paris 1844^ Tome 4«U»^nie p. 82, 

[1867. II. 2.] 19 



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2d6 SüMung der molT^-pM- ^^^'«m« vmi 6. JuU 1867. 

Punkt der Oeffnong streng eifiillt und bedingt zti{^dch die 
Hebung des Farben&hlers ausser der Aze. 

3) zeigte Prof. Dr. Seidel^) dahier, dtss bd dem 
Fraoenhofer'schen Objektive die Bedingung d^ gleidizätigeo 
Hebung der Kugelgestalt in der Mitte und un Rande des 
Gesiditsfeldes sehr nahe erfüllt ist. 

4) fand Hr. Prof. Seidel (und theilte es mir mit der 
Erlaubniss zur Veröffenlichung in dieser Abhandlung mit) 
dass das Frauenhofer'sche Objektiv, so definirt, wie er ea 
in den astronom. Nachrichten Nr. 1029 angenommen hat, 
Tor allen anderen die Auszeichnung geniesst, dass es keine 
Brennflächen erzeugt, so dass die kleinen Lichtscheibdien, 
welche man je nach der Stellung des Okulares sieht, 
gleichmässig erleuchtet erscheinen, während sie bei jedem 
andern Objektive (auch abgesehen von dem Effekte der 
Diffraktion) helle Lichtsäume (die Durchschnitte der Brenn- 
fläche mit der jedesmaligen Ebene des deutlichen Sdiens) 
haben; und endlich 

5) ergab mir die trigonometrische Rechnung, dass für 
den Lichtbüschel parallel zur Axe der Kugelgestaltfehler 
(sekundärer Ordnung) für Strahlen, die bei '/s der Oeffinung 
des Objektives auffallen, bei dieser Construktion ein Mini- 
mum ist; wenn man Dicken und Abstand der Linsen als 
Elemente ausschliesst. 

Diese grossen Vortheile erreichte Frauenhofer, ohne 
dass er mehr als 2 Linsen anwendete. Dadurch war dieses 
Objektiv ein Triumph der Wissenschaft, indem es bewies, 
dass diese eine zuverlässigere Fahrerin ist, um unter vielen 
Möglichkeiten die günstigste zu wählen, als die Empirie. 



4) Gelehrte Anxeigen der k. bayr. Akademie der Wiseensdiaften 
1665 Nr. 16 und 17. Astronom. Nachricfaten Nr. 1027—1039. 



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SukiheO: Berechmmg ept, CmärukUonm. 287 

Bei den von Franenliofer gerechneten Fällen handelte 
^8 sich am Instrnmente ^ welche einen geringen Oeffnongs- 
winkel (Verhaltniss der wirksamen Oeffnung znr Brennweite) 
hatten nnd bei welchen nur ein kleiner Gesichtsfeldwinkel 
(Veribfiltniss der benutzte Ansddinang des Bildes znr Brenn- 
weite) 2ar Anwendung kam. 

Leider ward Franenhofer durch seinen frühen Tod yer- 
hindert eine beabsichtigte gründlidie Bearbeitung der Oku- 
lare durdizuführen; durch welche die Bedingungen für ein 
grosses Gesichtsfeld festgestellt und erfüllt worden sollten. 

Trotz der grossen Fortschritte, welche die Theorie der 
Optik seit Frauenhofer's Tod durch die Arbeiten yon Gauss, 
Bessel, Biot, Petzwal, Seidel etc. gemacht hat, wurde sie 
doch in Bezug auf Construktionen Ton der Empirie überholt. 

Es wurden zusammengesetzte Mikroskopobjektive mit 
sehr grossen Oeffnungswinkeln und Photographenapparate 
mit ausgedehntem Gesichtsfelde construirt. Mikroskopobjek- 
tive sowohl, wie Photographenapparate wurden in den ver- 
sdiiedensten Construktionen hergestellt, ohne dass behauptet 
werden kann, dass die einfachsten und günstigsten Möglich- 
keiten dadurch ermittelt worden waren. Es hat eben Frauen- 
hofer keinen Nachfolger gefunden, der die Lust und Aus- 
dauer besass, auf dem sicheren aber mühsamen Wege der 
trigonometrischen Rechnung, die Eigenschaften der Bilder 
genau kennen zu lernen und auf diese- Eenntniss gestützt 
unter den Möglichkeiten zu wählen. 

Dass die Theorie nicht direkte Vorschriften zur Berech- 
nung von Construktionen geben kann liegt in der Natur der 
Angabe. Während schon alle Gleichungen, die den 4^" Grad 
fibersteigen direkte Lösung ausschliessen , ist die Zahl der 
variabeln Elemente und der zu erfällenden Bedingungen so 
gross, dass eine Orientirung sehr schwierig wird; zumal 
weuQ man bedenkt, dass die Werthe der variabeln Ele- 

19* 



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^6$ SiUmg der math.'ph^8. doise vom 6. Jtilt 1867. 

iBüeüte ^) iimerbalb vorgeschriebener QreQzea gehalten' werden 
mÜQsen und das» die zu. erffilleDden BeiUngungw Fehl^r- 
grenj^eo^) gest^tieq, die sich nur für den spedeUaa Fall 
"bclBtinutien la^en. 

Bei Berechnung optischer Systeme , die grossen Oe& 
nungswinkel besitzen, ist es nicht genä([dnd, die paraUol 
WLc Axe auf an STStem fallenden Strahlen streng in einen 
J'unkt au vereinigen,: selbst wenn ein niir sehr kleiner Ge- 
aiohtsfeldwinkel benutzt wird, wie. z. Q« bei des Mikro* 
skop^; denn es kann der Fall vorkommen, dass das Bild 
•^i^ea ausser der A^e gelegenen Punktes so grossen Durch- 
messer erhält, dass es den Bildpmkt in der Axe deckt «ad 
dadurch undeutlich macht; es diuf also in solchen Falle» 
nicht ohne Bäcksicht auf einen zweiten Bildponkt voeg«^ 
gangen werden; in Fällen, die grosses Gesichtsfeld verlangen, 
natürlich noch viel weniger. 

Aus Obigmn folgt nun, dass, um sichere Resultate zu 
^aielen, die trigonometrische Rechnung auch auf einen 
isweiten Bildpunkt ausgedehnt werden muss; und es sollen 
nachfolgend die Bedingungen zusammengestellt werden^ 
welche an die beiden Bildpunkte zu stellen sind. 

Der Bildpunkt in der Axe, von einem parallel zu dieser 



5) Die BrechtiBgs- und Zerstreuungscoeüficienten müflsen sioli 
innerhalb der Grenzen halten, welche durch die Anforderungen der 
Dauerhaftigkeit und Farblosigkeit der Gläser gesetzt sind. Die 
Längen der Halbmesser sind durch die nöthigen Oelftiangsmaasse 
beschränkt: die Dicken einerseits durch diese, andererseits dnndi 
den Kostenpunkt, das Gewicht, die Lichtabsorbtian etc* 

6) Es ist die En^pfindliobkeit des Aagies (oder besser dessen 
Unempfindlichkeit gegen kleine Winkelfehler), welche diese Grenze 
bildet, je. nachdem das Auge ein Bild direkt oder durch eine Loupe 
bowafFnet, betrachtet; es ist der absolute Massstab der Instrumente, 
der ihre grossten Fehler über oder unter die Empfindliehkeitsgrense 
des Auges bringt. 



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• Skinheüi Berechntmg apt Gönstrukiionm. ^89- 

• 

auf das System falJea Jen Llehtbüecbel gebildet, bedingt 2u* 
nächst die Br^nwtite des Systemes. Ein, in diesem Liebt-» 
bfcühel liegender, ganz nahe der Axe einfallender Strahl' 
ergibt den Brennpunkt als Ende nnd den Hauptpunkt ab 
AnflEUig der Brennweite; ersteren durch seinen Durchschnitt 
mit der Aice, letzteren durch eine sdir einfache Construk-» 
tSon. Verlängert man nämlich den einfallenden Strahl vor 
der ^ediung an der ersten Fläche in der Hichtung seiner* 
Bewegung und denselben austretenden Strahl nach der 
Mtftea Bt^buug gegen die Richtung seiner Bewegung, bis 
sich beide schneiden, so ergibt ein Perpendikel von diesem 
lenkte auf die Axe den Hauptpunkt^) (oder wahren An- 
fengdptn^ der Brennweite). Hat mit diesem Stiele ein 
gteidifarbiger in grosserem Abstände von der Axe einfallen- 
der denselben ft^nnpunkt, so ist der Eugelgestaltfehler ge- 
hoben und es ist diess mit dem Farbenfehler der Fall, 
wenn dies^ nämlicbe Brennpunkt, auch einem Strahle von 
aiklerer Brechbarkeit zukömmt. 

Das Bild eines Punktes ausser der Axe muss untersucht 
werden: 

1) In B^Bug auf semen Abstand von der Axe, 

3) in Besug auf seine Form, 

3) in Bezog auif seinen Abstand vom Hauptpunkte 
(oder Knotenpunkt). 

Die Bedingungen betifiglich des Abstandes des Bild- 
pmiktos von der Axe ergeben »ich aus den Eigenschaften 



7} Wie Gauss in seinen „dioptriflohen Untersuchungen*' nach-' 
gewiesen hat, heeiivt jedes optisobe System 2 Haupt- und Ü Brenn- 
punkte, je nachdem der zur Axe parallele Lichtbüschel von der 
einen oder von der andern Seite auf das System fallt. Für die 
Bildpupkte in der Axe haben die Hauptpunhte die Bedeutung der 
Anfangspunkte der Brennweiten, wahrend die Brennpunkte deren 
Enden beseiöhiten. - ■ 



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290 . SiiMung dtr malih.^hffs. Oam vom 6, JuU 1B67. 

der Haaptstrahlen. — Ein Hauptstrahl ist jeder Strahlt der 
vor dem Eintritt in ein Linsensystem denselben Winkel ntft 
dessen Axe bildet, wie nach seinem Austritte aus draaselbea. 
Ist bef einem Systeme das erste und letzte brechende Ife- 
dium das gleiche, so werden die beiden Punkte, auf welche 
ein, nur sehr wenig geg^ die Axe geneigter, Hauptstrahl 
vor der ersten und nach der letzten Brediung zielt, mit 
denjenigen zusammen£aUen , welche die Anfangspunkte der 
beiden Brennweiten bilden; diess ist die zweite Bedeutong 
der Gauss'schen Hauptpunkte, dass sie die virtuellen Kreua- 
ungspunkte eines Hauptstrahls mit der Axe sind. 

Ist jedoch der Brechungscoeffident des ersten und 
letzten Mediums verschieden, so heissen die An&ngapnnkte 
der Brennweiten die Hauptpunkte; die virtuellen Ereuzungs- 
punkte eines Hauptstrahls die Knotenpunkte; und £aUen 
nicht zusammen. 

Die Verzerrung ist üun bei einem optischen Sjrsteme 
gehoben, wenn bei einem Hauptetrahl, der einen grossen 
Winkel gegen die Axe bildet, die virtuellen Kreuzungspunkte 
mit der Axe mit den Hauptpunkten (oder Knotenpunkten) 
zusammenfallen. Die beiden Haupt- oder Knotenpunkte haben 
in einem solchen Systeme die Eigenschaft, dass vom ersten 
aus die Objekte unter denselben Winkeln erscheinen, wie 
vom zweiten aus deren Bilder. 

Haben zwei Hauptstrahlen von verschiedener Brechbar- 
keit, welche denselben Winkel gegen die Axe bild^, ge- 
meinsame Haupt- oder Knotenpunkte, so sind die Farben 
ausser der Axe gehoben; und werden hierdurch, wenn gleidi- 
zeitig der Farbenfehler fiir den Brennpunkt in der Axe ge- 
hoben ist, die verschieden farbigen Bilder gleich gross sein 
und an derselben Stelle liegen, also sich decken. 

Um die Form des Bildes eines Punktes zu bestimmen, 
ist es nöthig, in dem Lichtbüschel, der den Bildpunkt ausser 
der Axe bildet , ausser dem Hauptstrahle no<di 3 weiter« 



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äteinkeü: Beredmmg opt, VonefnMkmen, 291 

Sirahlen auf ihrem Wege diird^ das optische System za 
verfolgen mid ihren Durchschnitt mit einer zum Hauptstrahl 
senkrechten Ebene in dem Punkte zu bestimmen, in welchem 
sie sich einander möglichst nahe gekommen sind, d. h. im 
Bildponkte. 

Von diesen 3 Strahlen, welche in gleichem Abstände 
vom Hanptstrahl anzunehmen sind, liegen zwei in einer 
Ebene^ die sich durch die optische Aze des Systemes und 
den Hauptstrahl legen lässt. Die Ebene, in welcher der 
dritte liegt, enthält ebenfalls den Hanptstrahl und steht 
senkrecht zur yorher angenommenen. In dieser Ebene ge« 
nügt ein Strahl, da der gegenüber vom Hauptstrahl liegende 
mit ihm symmetrisch geht. 

Li^en im Bildpunkte diese 3 Strahlen symmetrisch 
gegen den Hauptstrahl, so ist kein Astigmatismus vorhanden. 
AU Bildpnnkt ist stets der engste Querschnitt des Licht- 
bäsdi^ls anzunehmen; und es bedingt der Abstand dieses 
Bildponktes yom Haupt- oder Knotenpunkt die Form der 
Bildfläche. Ist dieser Abstand dem entsprechenden des 
Axenbildpunktes gleich, so liegt das Bild auf einem Eugel- 
segmente, das aus dem Hauptpunkte mit der Brennweite als 
Radius beschrieben werden kann; und das Bild ist ein ebenes, 
wenn die Distancen vom Hauptpunkte im Verhältnisse zur 
Sekante des Winkels wachsen, den der entsprechende Haupt- 
strahl mit der Axe bildet. 

Der Kugelgestaltfehler ausser der Aze kann als gehoben 
betrachtet werden, wenn der Bilddurdimesser vom Haupt- 
punkte aus unter keinem grösseren Winkel erscheint, als der- 
jenige ist, welcher beim Azenbildpunkte unvermeidlich bleibt. 

Die Bestimmung der 3 letzten Elemente : Astigmatismus^ 
Kugelgeetaltfehler ausser der Axe und Form der Bildfläche, 
wurde mir erst durch die Ton Herrn Prof. Seidel ent- 
wickelten: 

„Trigonometrisdi^ Formeln fSr den idlgemeinsten Fall 



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992 8Wfm§ iar wtOi^^h^ dkm wm «. /uli i9S7. 

^^r BreoboBg doa Lichtes an «entrirtea apbärisdMa FUudteo'* 
mögUok 

Bdi B^reohnuDg eiuer opüschea Construldkm mossen 
somit fQlgeoda Pvnkte berück&iohtigt werden: 
Bei dem ßildpunkte in der Axe: 

1) Brennweite. 

2) Hebung des KugelgestaltfeUers. 
8) Hebung des Farbenfehlers. 

Bei dem Bildpunkte ausser der Axe: 

4) Hebung der Verzerrung. 

5) Hebung der Farben ausser der Axe. 

6) Bestimmung der Form der Bildfläche. 

7) Hebung des Astigmatismus. 

8) Hebung des Kugelgestaltfehlers ausser der Axe. 

Für Fälle» in denen ein oehr grosser OefiFnuogswinkol 
verlangt wird, müssm den 3 Bedingung^ ffir dbn liohV 
büscbel in der Axa noch 2 weitere beigefiigt werden; esi 
ist nämlich nöthig, den FarbeofeUer und dep Eug^estalt- 
fdiler noch für einen weiteren Punkt der Oe&ung 8« heben. 

Die Uauptschwierigkeilen bei der Bereefanung optiseher 
Coustruktionen liegen darin, die richtige lUibenfolge zu finden, 
in welcher die Bedingungen erfüllt werben müsseU) sawie für 
die Auswahl direkt vergleichbare Fälle herzustellen; beob* 
achtet man diese beiden Punkte nicht, so triä sfiur XwjA 
der Fall ein, dass einzelne Fd^er wieder wachsen, während 
man der Meinung war, alle zu verkleinern. 

Es dürfte kaum giehngen, die Bedingungen 7) and 8) 
streng zu erfüllen, wenn ein ebenes Bild von grosser (Winkel-) 
Ausdehnung verlangt wird; während diese nicht schwierig 
ist, wenn das Bild auf eiuer mit der Brennweite als Radius 
beschriebenen Kugelflädbe liegen daif» 

Schliesslich sei es mir noch gestattet, einige. eipfndN^ 
Coustruktionen «u erwäbneni* w^che durdi tr^Eonom^sche 



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8leinh9il: BeMskmmg opt. Con^itruMkrm, £98 

Bedmimg festgeeteik wnrdea und die Elemente ansafUhren^' 
welche dabei als veränderliche Grössen in Spracht kamen. 

BekantttHoh ^äre es umnögltd^ , achromatische Linsen 
mit poshken Brennweiten hensustellen, wenn bei den beiden 
▼erweadoten Glasarten das Verhältniss der Brecbungsktäfte 
dem dtr Zeretreaungski-afte gleidi wäre; wenn z. B. ein 
Flintglas, das bei gleichem. Prismenwinkel die Ausdehnung 
dee Spektrum'$ noch einmal so gross, gibt eAs ein Crown-' 
gU») aach einen noch einmal so grossen Bre(dmngscDefficien« 
ten hätte. 

Es ist ferner unmöglich, ein achromatisches Objekti?^ 
am zjwei verkitteten Luisen bersustellen, welches glek^h^iseitig 
dio Kugelgestalt und Farbenfehkr hebt, wenh diejenige Olas- 
art, welche die stärkere Zerstreuuügskraft bei^tzt. eine 
achwächere 'Brechungskraft hätte ^). 

Hieraus iblgt die grosse Wichtigkdt, weldie die Wahl 
dei* Olasarten in Bezug auf ihre Brechungs- und ^ersi^reu«* 
Hiigskräfte für <^tiBcfae Construktionen haben muss. 

Beräeksichtigt man nun zur Bestimmung der günstige 
stea Form raies Doppelobjektives die Wahl der Glasarten 
i& der angedeuteten Wdse und den Einflusa der Reil>onlblge 
der Olafiarten, so wiid man auf: 

1) mn Doppelobjektiv geführt, bei welohom die FUnt* 
glasBuae vorausliegt und das den Kugelgesialtfehler für 2 
vertchiedefie Distancen streng fadbi. Dieses Objektiv erfüllt 
sämiutliohä^ Bedingungen, denen das Frauenhofer'sche genügt 
und ist ia Bezug auf die Form der Bildfläche besser. Zum 



8) Bevfk .mc^sohliobeu Auge, ist die Aaorduang der brechenden 
Flächen und die Reibenfolge der Medien eine solche^ dass d^bei der 
Kagelgestaltfehler nicht gehoben werden kann; denn alle Ablenk- 
ungen, die ein parallel Kur Axe ehiftiilender Strahl erleidet, liegen 
in itaraeikwi Sidiiangi; er wird iteti aar Ake gebroohen. 



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294 SUem^ der maih.'phfg. CHam fxm 6. JüU 1867. 

Gebrauche der opi und aatron. WeikstStte ist dasselbe in 
Tafeln gebracht worden. 

2) Das monocentrische Objeoti?, bei welchem das Bild 
auf einer |Cugelfläche liegt , deien. Radius die Brennweite, 
deren Mittelpunkt der gemeinschaftliche Haup^unkt ist (es 
fallen nämlidi die beiden Hauptpunkte in einen zusammen). 
Es erfüllt sämmtlicbe 8 oben gestellten Bedingungen und 
es ist hiebei nur über 2 Radien, die Wahl und die Reihen- 
folge der Glasarten verfügt. Es besteht aus einer Kugel 
und zwei gleichen Menisken, in deren innern Flädien die 
Kugel eingekittet ist, währ^d die aussäen mit einem (um 
die Dicke) längere Radius aus dem Mittdpunkte der Kugel 
gezogen sind. In dem Meridian der Kugel, der senkrecht 
zur optischen Axe des Systemes steht, ist eine Blendung 
eingeschliffen. Ein parallel zur Axe einfallender Büschel 
erfüllt die Bedingungen 1) bis 3); alle Hauptstrahlen gehen 
ungebrochen durch das System, alle gegen die Axe geneig- 
ten Lichtbüschel erleiden gleiche Bredmngen wie der pa- 
rallel zur Axe. Für Fälle, in welchen kein grosseres Ge- 
sichtsfeld verlangt wird, als beim Fernrohr- oder Mikroskop-^ 
objektiv ist die Kugelform der Bildfläche kern Nadithdl, da 
die Sicherheit der Einstellung geringer ist als die Verstell- 
ung, welche der Rand eines solchen Bildes gegen die liGtte 
erfordert. Bei schlechten Construktionen von Mikrodcop- 
objektiven ist die Krümmung der Bildfläche eine ausser- 
ordentlidi viel stärkere. Das Objektiv , welches der dasse 
voigdegt wurde, hat einen Oeffiiungswinkel von 14^ == ^/i 
der Brennweite und 4f" Aequivalentbrennweite. 

3) Das aplanatische Objektiv mit ebenem Bilde erfüllt 
die Bedingungen 1)— 6) streng; 7) und 8) sehr nahe; ist 
symmetrisch gegen den optischen Mittelpunkt und jede Hälfte 
wird gebildet von einem verkitteten Doppelobjektive, das 
aus einem positiven und einem negativen Flintglasmapiskus 
besteht 



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SMnheii: BeredMimg opi, CamtrukHönm. 295 

Zur BereohiiiiDg deBselbeo wurde über 3 Radien, einen 
Abstand, sowie über die Wahl und Reihenfolge der Glas- 
arten als Teränderliohe Elemente verfugt. Es gestattet bd 
einem Oeffnungswinkel von 9^ 10' (gleich ^/r Brennweite) 
die Benutsung eines Gesichtsfeldwinkels von 36^; und durch 
Anwendung einer kleineren Gentralblende bei einem Oeff- 
nungswinkel von ca. 2 ^gleich V'o Brennweite die Benutzung 
eines Gesiöhtsfeldwinkels von 60^. 

Bei diesem Objektive sind ausser den für die Richtig- 
keit des Bildes nothwendigen 8 Bedingungen noch 2 weitere 
erfüllt, welche die Praxis fordert und zwar: 

9) möglichste Vermeidung von Lichtverlusten und 
10) Vermeidung störender Reflexbilder. 

Da das apianatische Objektiv zunächst zu photographi- 
schen Zwecken bestimmt ist, so sind die Helligkeit und 
die Tiefe*) der Bilder zwei sehr wichtige Eigenschaften, 
welche beide hauptsächlich vom Verhältnisse der Oeffnung 
zur Brennweite abhängen. Mit der Vei|;rÖ8serung der Oeff- 
nung im Verhältnisse zur Brennweite nimmt die Helligkeit 
zu, die Tiefe der Bilder jedoch nothwendig ab; desshalb 
ist es wesentlich den Einfluss derjenigen Ursachen zu ver- 
mindern, welche, ohne die Tiefe zu erhöhen, die Helligkeit 
der Bilder verkleinem. Es sind diess hauptsächlich die 
Lichtverluste durch Reflexion an den Glasflächen und die 
Absorbtion des Lichtes durch die Masse des Glases. Da 
die Verluste durch Reflexion mit der Grösse der Einfalls- 
winkel und derjenigen des Brechungsunterschiedes der Medien 
wachsen, so bietet die Verkittung der inneren Flächen, 



9) Ein Apparat gibt tiefe Bilder, heisst^ er besitzt die Fähigkeit 
Ton ongleioh entfernten Objekten gleichzeitig ein deatliches Bild in 
derseiben Ebene zu erzeugen. 



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396 Sitzwtg der math.'phy», dasee wm ß, Juli 1667, 

welche viel stärker gekrttmut sind als die äusseren and der 
geringe Unterschied des Bi-eohuugscoeffiüienten der b^den 
Tiötwendeten FlintgUlser in dieser Beziehung bedeotendeu. 
Vortheil. Der geringe Brechungsantersdiied der Tei-wepde- 
ten Glasarten bediugt überdiess noch eine Form der Linsen^ 
die bei Herstellung eines ebenen Bildes einen nur geringen 
Abstand der beiden Objektive erfordert;, diess gewährt den 
Vortheil, dass auch bei Benutzung eines grossen Sehfeldes 
die Linsen nur um Weniges grösser za sein brauchen, als 
es der Oeffnungswinkel (die Helligkeit des Bildpuuktos ia 
der Axe) erfordert; und es ist leidit einzuBehen, dass 
kleinere Liuseu mit geringereu Dicken ausgeführt werden 
können; dadurch ist eine Verminderung der LichtverLuste 
durch Absorbtion erzielt. Schliesslich bietet die Menisken- 
form der beiden Objektive den Vortheil, dass die Reflex- 
bildfer, welche von Strahlen gebildet werden, die eine gerade 
Anzahl von Reflexionen erlitten haben und desshalb in der 
Richtung gegen das Bild weiter gehen, sammtlich zwischen 
oder ganz nahe an den Linsen liegen, so dass das von 
ihnen ausgehende diffuse Licht in der Bildebene keine 
störende Litensität mehr hat, zumal diese Reflexbilder sehr 
kleinen Brennweiten entsprechen. Während alle bis jetzt ge- 
bräuchlichen Construktionen , bei welchen der Kugelgestalt- 
fehler gehoben ist, wenigstens 6 Brechungen von Luft in 
Glas haben, hat das aplanatische Objektiv deren nur 4 und 
in Folge dessen auch weniger reflektirtes Licht. 

Die beiden als Muster der Classe vorgelegten Photo- 
graphien sind mit einem solchen Apparate von 19"' Oeff- 
nung und 10" Brennweite aufgenommen; der gleichfalls 
vorlag. 

4) Die aplanatische Landscbaftslinße, für Landschaften 
und Architekturen bestimmt ist, hat als grösste Helligkeit 
nur ^124, Brennweite; gewährt aber dabei ein ebenes dent- 
Uches Bild von 80^ und gestattet, bei kleineren Blendungen 



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Soek^ger: Band$chriften zum Schiöahen^egd. HfVI 

Geaicbt^fetdWkdc^l Yon 105 Giraden. Es ^t. bei 7''' Oeff- 
mmg und 6'^ Brennweite Bilder bis 16^^ Diir<;hflaeaser. . Es 
erfiillt die gteicben Bedingjangen wie das lichtstarkere apla» 
natische Objektiv, ist aber aus anderen . Glasarten, deren 
Brecbungsooefficienten nicht ^/s Procente von einander ver^ 
Bchi^d^ sind* 



Historische Classe. 

Sitsang vom 6. Juli 1867. 



HeiT Rockinga r spricht: 

,,Ueber drei mit einem Anhange zum Land- 
rechte vermehrte Handschriften des soge^ 
nannten Schwabenspiegels auf der Staats- 
bibliothek zu München/^ 

In den deutschen Reditsbüchem des Mittelalters und 
ihren Handschriften S. 38 und 44 bemerkt Homeyer, dass 
in einer heidelberger Handschrift des sogenannten Schwaben- 
epiegete (a. a. 0, Num. 817, und in dem der Ausgabe des 
Freibenm v. I^assberg vorstehenden Verzeichnisse der Hand>- 
sobriAen Num. 61) das bekannte Buch der Könige mit einer 
,,Herrenlehre'' endigt, das ist der Geschichte von der 
Zählung Israels durch David, welcher sich dann noch 
Rechtasätze in 11 §§ anschliessen. Femer dass in Hand- 
sdmftea zu Fulda» Königsberg, und einer aus dem Stifte 
Weingarten stammenden aber nun zu Stuttgart nicht mehr 
Tc^haadenen (a. a. Q. Num. 206/ 364, 649; in EIndemann's 



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298 Sitmmg der Mtior. Oam fxm 6. JuU 18er. 

Einleitaiig zum Eaiserreoht 8. XLIX« Nnm. 6; beiFreihemi 
T. Lassberg Nam. 160) diese 11 §§ ein dgenes iwätes 
Stüdc nach dem Buche da* Könige bilden. Weiter, dan 
die Handschrift zu Herisan, der cod. germ. 553 der Staats- 
bibliotiiek zn Mündien, und zwd der öffentlidien BiblioÜiek 
zu Stuttgart (ä. a. 0. Num. 328, 476, 643, 644; bei Frei- 
herm v. Lassberg Nnm. 69, 105, 146, 147) die Herrenlehre 
mit den 11 §§ ohne das Buch der Könige enüialten, die 
erstere im Eingange, die äbrigen am Schlüsse des Land- 
rechtes. 

Zu den zuletzt aufgeführten zählen von Handsdiriften 
der Staatsbibliothek zu München neben dem cod. germ. 
563 noch zwei weitere, weldie um so mehr einer kärzeren 
Erwähnung werth sein dürften als eigentlich nur der eben 
bezeichnete bisher aus der Beschreibung des Freiherm Ton 
Lassberg Num. 105 näher bekannt ist, der cod. germ. 3967 
sogar am eben bemerkten Orte Num. 25 als hier nicht 
mehr vorhanden bezeichnet wird, des cod. germ. 4929 
aber nirgends sonst genauer gedacht wird. 

Gleich der zuletzt aufgeführte = I, mit Ausnahme des 
ersten und zwölften wie des (nunmehr ausgeschnittenen) 
sechsten und des siebenten Blattes, also der äusseren und 
der inneren Lage des ei*sten Sezternes^ welche Pergament 
sind, sonst auf Papier in Folio zweispaltig wohl nodi in 
der ersten Hälfte des fSnfzehntcn Jahrhunderts geschrieben, 
im Jahre 1770 dem „Joseph Bernhard Parth Stattsdireiber 
in Mospurg*^ gehörig, enthält von fol. 1—63' Sp. 1 das 
Landrecht, welchem unmittelbar bis fol. 64 Sp. 1 die gute 
Herrenlehre in nachstdiender Fassung folgt. 

Nu sült ir edeln tugentlichen herren an £sem pudi 
pesserung lernen an tugentliöhem leben, vnd sült alle zeit 
in ewerem herzen tragen ditz vorbilde das ew der almäditig 
got an disen kunigen vnd an disen herren vnd richtern hat 
erzaiget, das ir recht gerichte habt vnd eäch arm lewt lat 



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Boekk^^er: Häniichriftm mm Schwabmfpieffd. * 299 

erpanneal die kain vbel ymb euch dienen, jst hallt das si 
ainoaltigklu^en schuldig gen ew werdent, dannoöb sifllen si 
euch erparmen, so^ erparmt sich got vber euch an eweren 
leiten zeiten. ynd ir sült got yor augea haben ^ \nd süH 
in mynnen ynd fdrchten, so wachset ewer sälde an leib ynd 
an sei, ynd alle ewer lewte ynd das land ist dester saliger, 
als- an disen herren oflte schein ist worden di an disem 
bfidie sind, wann das hat der almächtig got an manigen 
enden erzaiget in der heiligen schrift, alls der herre gottes 
willen tet, das alles sein lewt ynd alles sein land dester 
säliger was. ynd als der herre wider got icht tet, so war 
er selb des ersten an leibe ynd an seile ynsalig, ynd dar- 
nach alle di m an horten, lewt ynd gnt ynd land. 

Das hat yns got erzeuget an dem edelen heiUgen knnig 
Danid. der tet ein klaine sünd wider got. ynd mästen 
seiner lent manig tansent menschen den pitem tod dar 
ymb leiden, ab andi hieaor yon maniges kttniges schulde 
gesdiach. 

Her Dauid der Ininig hies im niwan ze einem male sein 
lewte zelen wie yil er stritber lewte betet in seinem lande, dar- ^ 
nmb wolt got des m'cht enpem, er mäst dreyer püsse aine dar- 
nmb Idden, gern oder yngem. wie yil herre Dauid sprach : herre 
got| genade, yergib mir dise sfinde, ich getun es nymmeimer, 
ynd yber heb mich dirrer drder püsse, das half nicht, er 
mfiszte ynd miize dirrer dreier püzze aine nemen, das siben 
iar hunger in seinem lande wäre, oder das er ynd alle die 
sein drey moneyde yor semen yeinten fluhtich mästen sein, 
oder das drey tag grosser lantsterbe in seinem lande wäre, 
do der edel ynd der weise herre das yemam, das es de- 
hain rat was, er mäst der dreier püsse eine nemen, do 
sprach der tugendreiche ynd der heilige Dauid also, nym 
ich nu di siben hunger iar, so trawt ich doch wol etwas 
yinden das ich mich hungere nerte. owe, herre, so starben 
awer alle mein lewte ynd die gar ynschuldig sind an dirre 



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300 ' SUsiwiff derMstor. aaiü fsoik $. JM 1997. 

sände. näin ich di dridy mbnede, so entninne idt «ttwo 
wol meinen v^ndeu, idb hab g«t pör^ das ieb di drcf 
moaede wol genäse vor mein^ veinden. owe, herre, m 
ivardan alle mein lewte erslagen di äa «einer moA va* 
«chuldig sind, hcnre got , ieh wil der swaier pasae lucbL 
seid 68 kain radl isti» so wil ieh, herre, ««f dein gemA vad 
auf dein erbärjyide di drei tag den lewt aterbdn nemmen. so 
triffest du, herre, midi selben als sehir als. di freqfcjdiB, iraM 
ich pin der recht $chuldig< henre, ieh pio det di aünde 
getan hat, dauon lassen aooh d^in g^cht ynd.dein radie 
vber mich armen nach deinen genad^n gden. . ab do got 
aeifi trewe also lauter vnd l^lso raine sftcb, do tet er im di 
genade: der lewtsterbe der di drqr tag aotte haa gewerki 
der Werte niw«a von prima vntc her zfi tersie seit 

Als genädig ist der almächtig got sioch hentei wer also 
beschaiden rew geiu im hat vmb eein sünde« vod also ?er 
dinent di herren npoh hewte mit iten sitfideki, das in irea 
lande yrleuge wirt, oder viehe sterbe, oder hunger iar, oder 
akuier vngeläkie. dauon sütlen si sich dester halter hüten 
durch ir säliohait leibes vnd seile tnd durch di eäUffiiait 
irer lewte und ir landes, daß si hia vnd dort herren s^in. 

Des helfe vns. der ahnädhitig got. a^^en. 

Hieran reiht sich nach einem kleinen leeren Zwisehea^ 
räume vpo fol. H Sp. 1 auf fol. 64 Sp. 2 der aus 11 Ar- 
tikeln bestehende Anhang zum Lapdrechte, d^ wkr am 
Schlüsse in seinem ganzen Umfange nuttbeüen,* bis lol. 68 
Sp. 2. Ihm folgt, wiederum nach einem kleinen le^ieu 
Zwischenraum von fol. 68 Sp. 2^ mit fol. 68' Sp. 1 das 
Lehenrecbt bis fol. 93' Sp. 1, wovon die letzteren Blatter 
wie es scheint durch anhaltende Feuchtigkeit gel^ocben und 
vermodert sind , wie deren Schrift theilweisa ganz und gar 
unleserlich geworden ijind auch ' d^r mit rotbem Leder 
überzog<Hie Holsrdeckelband durch und durch vnrnaaticiog 
und an manchen Stellen ganz gebröckelt ist 



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ßockinger: Sanäsehriften zürn Schwahenspiegel. 30 1 

Der cod« germ. 3967 = 11, aus dem Stifte St. Em- 
meram stammend, von woher dem Reichsfreiherm Heinrich 
Christian v. Senkenberg die Beschreibung zuging welche er 
in seinen visiones diversae de collectionibus legum germani- 
camm S. 188—190 mittheilte, am 31. Juli des Jahres U44 
loa „Johannes die czeyt kyrchner czu Weysselstorff ge- 
besen^' auf festem Papiere in Folio in zwei Spalten vollendet, 
enthält von fol. 1—68' Sp. 2 das Landrecht, welchem sich 
ohne alle und jede Unterbrechung unmittelbar bis fol. 73' 
Sp. 1 der Anhang hiezu anschUesst, worauf wieder ohne 
Zwischenraum bis fol. 74 Sp. 2 die gute Herrenlehre folgt, 
welche sogar nach den aiff ihrem Schluss roth hinbemerkten 
Worten „dictum est explicit'* nochmal bis zu den Worten 
„dy kein vbel vmb euch dynen^' angefangen ist, woran ohne 
jede Unterbrechung der Zeile unmittelbar der zu Punkt 9 
des Anhangartikels 3 über die Handfestenfälschnng gehörige 
Satz „Ist ein czinser an ein goczhawsz'^ bis zu den Worten 
„vber Bvmeliche sache der man nicht verkeret'^ gereiht ist. 
Nachdem noch auf fol. 74Spi 2 der kleine leere Raum durch 
die rothe Ueberschrift des Lehenrecfates „Hye hebet sich 
das leben buch an'* und den gleichfalls roth geschriebenen 
Vers 

Amen solamen. 

Si deficit fenum, accipe stramen 
ausgefüllt ist, beginnt das Lehenrecht selbst mit fol. 74' Sp. 1 
und reicht bis fol. 102' Sp. 2, an dessen Schlüsse sich die 
Verse 

Hie hat dicz puch ein ent. 

Got vns seinen gotlichen segen sent. 

Explicit, expliciunt 

Sprach dy kacz czu dem hunt: 

dy fladen sein dir vngesvnt 
and die Angabe des**Schreibers sammt der Datumsbezeich- 
nang finden wovon bereits die Rede gewesen. 
[1867.112.] 20 



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302 Sitjnmg der histor. Classe vom 6. JuU 1867. 

Der cod. germ. 553 endlich = III, ia Folio auf Papier 
aach noch in der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts 
zweispaltig geschrieben, enthält von foL 1— 83 Sp. 1 das 
Landrecht; woran sich unmittelbar bis fol. 83' Sp. 2 die 
gute Herrenlehre anschliesst, worauf nach kleinem leeren 
Zwischenräume der Spalte 2 des fol. 83 mit fol. 84 der 
bemerkte Anhang zum Landrechte bis fol. 89' Sp. 2 folgt, 
welchem sich abermals nach kleinem leeren Zwischenräume 
der Sp. 2 des fol. 89 von fol. 90 an das Lehenrecht bis 
fol. 122^ Sp. 2 anreiht, wie in l und II alles unter rothen 
Kapitelüberschriften und mit rothen Initialen des Textes d^ 
Kapitel. 

Vergleichen wir nunmehr genauer den Inhalt des 
Land- wie des Lehenrechtes unserer Gruppe^) mit 
der vom Freiherm v. Lassberg besorgten Ausgabe des so- 
genannten Schwabenspiegels, so stellt sich folgendes Ergeb- 
niss heraus. 













# 


Das Landrecht. 








L. L n. HL 


L. 


I. 


n. 


in. 


Yorw. a 




Vorw. g 


1 


1 


1 


— b 

— c 


Vorw. Vorw. Vorw. 


-.-} 


2 


2 


2 


— d 




2 


3 


3 


3 


— e 




3 


4 


4 


4 


— f 1 1 1 


4 


5») 


5 


5 



1) Vgl. hierüber F ick er über einen Spiegel deutscher Leate 
und dessen Stellung zum Sachsen- und Schwabenspiegel S. 150 (266) 
unter IV c. 3. 

2) Die üeberschrift fehlt hier, indem der dafür leer gelassen 
gewesene Raum für die wie es scheint anfönglich vergessenen ScLluss* 
Worte des vorhergehenden Kapitels verwendet worden. 



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Eoekinger: HoMdschrifteH tum Sckwabenspiegel. 



303 



L. 


L 


n. . m. 


L. 


I. 


n. TiT 


5 6 


{??)« 


16 
17 


12 
13 


13 13 
— 14 


— ;. — 


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18 


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6 ] 






19 


14 15 


7 




* 


20 




8 


7 


8 8 


21 


15 


15 16 


9 
10 






22 


16 


f 16») \ 17 


]l) » 


9 9 


23 


(17)*] 


18 18 


U 


(18)*] 


19 19 


13 9 


10 10 


25 


(19) 


20 20 


14 10 


11 11 


26 


(20) 


21 21 


15 11 


12 12 


27 


21 


22 22 



1) Die Abtheilang dieser beiden Kapitel ^egen den L-Druck 5 
S. 8 ist folgende. 

Ersteres reicht unter der Ueberschrift „Wie die muter mit den 
kinden teylt, sagt das capitel'' bis zu den Worten: ynd darnach 
gleich teylen unter weyp vnd vnter kint dy vn aus gestewret sein. 

Dann folgt das andere unter der Ueberschrift: Von geystlicher 
gab sagt das. 

2) l)urch ein Verweisungszeichen ist als hieher gehörig nach* 
stehender von gleicher- Hand auf einem besonderen beigehefteten 
Streifen geschriebener Artikel eingetragen: 

Von prüdem beyrat. 
Kernen t zwen prüder zwo swesster, vnd nymbt der dritt prüder 
ein fremdes weib, jre kind sind doch geleich nahen an der sippe, 
jr yetweders des andern erb ze nemen, ob sy ebenbürtig sind. 

3) Die Scheidung dieser zwei Kapitel gegenüber dem L-Drucke 
22 S. 14 ist nachstehende. 

Das erstere reicht unter der Ueberschrift „Wy ein man gut 
schaffen schol seinen frewnden'^ bis zu den Worten: ader sy mngen 
rieh versawmen. 

Dann folgt das andere unter der Ueberschrift: „Was ehafit 
not sey. 

4) Die in Klammem gesetzten Kapitel fehlen gänzlich, indem 
das sechste Blatt aus der Handschrift ausgerissen ist. 

Das fünfte schliesst mit den Worten L 22 S. 14 Sp. 2 : das ri 

20* 



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304 


Sittung der Mttor. 


CtatH mm i 


S. JM 1867. 




L. 


I. 


U. 


m. 


L. 


L 


IL 


m 


28 


22 


23 


23 


59 1 








29 . 

30 \ 
81 ' 








60 








23 


24 


24 


61 


42 


43 


43 








62 








32 


24 


25 


25 


63 








33 ^ 

34 } 

35 ' 
86 \ 
37 / 


25 


26 


26 


64 1 

65 J 


43 


44 


44 


26 


27 


27 


68a 45 


45 
46 


4S 
46 


38 
39 


27 
28 


28 
29 


28 
29 


68b 1 
680 1 


46 


47 


47 


40 
41 


29 
30 


30 
31 


30 
31 


69 ^ 
70a 1 


47 


48 


48 


42 1 

43 / 
44 


31 
32 


32 
33 


32 
33 


70b 

71 

72 


48 


49 


49 


46 


33 


34 


34 


73 J 








46 
47 


34 
35 


35 
36 


35 
36 


74 1 

75 J 


49 


50 


50 


48 


— 


— 


— 


76 


50 


51 


51 


49 

60 \ 

61 J 


36 
37 


37 
38 


37 
38 


77 1 

78 J 
79 


52 


53 


52 
53 


52 \ 

53 / 


38 


39 


39 


80 1 

81 J 


53 


64 


54 


64 \ 

65 / 


39 


40 


40 


82 
83 


54 
55 


55 
56 


55 
56 


56 1 

57 ; 


40 


41 


41 


84 1 

85 J 


56 


57 


57 


58 


41 


42 


42 


86 


57 


68 


58 



im sleohtes ledig wirt als bie vor geschriben ist. Das siebente be- 
ginnt mit den Worten L 27 S. 17 Sp. 1 nnten: bat das selb recbt 
so si kombt vber zwelf iar. 

1) Beim Beginn von L 67 findet sich keine Uebersdmfly aber 
eine rothe Initiala 



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UmMn^ct: EmäuShirifitn nm 8duedben$piegA 



305 



L. 


I. 


IL 


111. 


L. 




I. 


n. 


m. 


87 


58 


59 


59 


120 




79 


81 


80 


88 


59 


60 


60 


121 




80 


82 


81 


89 1 




61 




122 




81 


83 


82 


90 
91 


61 


62 


61 


123 
124 




82 
83 


84 
85 


83 
84 


92 

93 1 
94 


63 


62 


125 
126 
127 


} 


84 
85 


86 
87 


85 
86 


96 


62 


64 


68 


128 




86 


88 


87 


96 1 

97 J 


68 


65 


64 


129 
130 




87 


89 


88 


98 


64 


66 


65 


131 


88 


90 


89 


99 1 

100 J 

101 1 

102 1 


65 
66 


67 
68 


66 
67 


132 
133 
134 
135 




89 
90 


91 
92 


90 
91 


103a 
103b 


67 
68 


69 
70 


68 
69 


136 
137a 




91 


98 


92 


104 1 

105 ] 


[ 69 


71 


70 


137b 
137c 




92 


94 


93 


106 
107 


70 
71 


72 
73 


71 

72 


138 
139a 




93 


95 


94 


108 , 


[ 72 






139b 




94 


96 


95 


109 


74 


78 


140a 




95 


97 


96 


110 ' 






140b 




96 


98 


97 


111 


73 


75 


74 


141 




97 


99 


98 


112 


74 


76 


75 


142 




98 


100 


99 


118 


75 


77 


76 


143 




99 


101 


100 


114 1 


76 


78 


77 


144 




100 


102 


101 


115 J 


145 




101 


103 


102 


116 1 

117 j 

118 1 

119 i 


77 
|78 


79 
80 


78 
79 


146 
147 
148 
149 


} 


102 
103 
104 


104 
105 
106 


103 
104 
105 



}) Beim Beginne ron L 90 findet sich keine Uebersohrift , aber 
der Text föngt mit einer neuen Zeile nnd einem rothen Anfangs- 
boohftaben an. 



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306 



■Sitzung der histor. Ckute «om 6. JuU 1887. 



L. 


I. 


IL 


ni. 


L. 




i: 


IL 


HL 


150 105 


107 


106 


187 


\ 








151 1 








188 


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132 


137 


133 


152 
153 


106 


108 


107 


189 
190 


133 


138 


134 


154 








191 




134 


139 


135 


155 107 


109 


108 


192 




135 


140 


136 


156 108 


110 


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193 




136 


141 


137 


157 109 


111 


HO 


194 




137 


142 


138 


158 110 


112 


111 


196 




138 


143 


139 


159 111 

160 112 


113 
114 


112 
. 118 


196 
197 


' 


139 


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140 


161 \ 113 

162 /- 1^ 


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117 


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147 


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148 


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208 
209 


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173 / "" 


124 


120 


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211 




149 
150 


154 
155 


150 
151 


174 120 


125 


121 


212 




151 


156 


152 


175 121 


126 


122 


213 




152 


157 


153 


176 122 


127 


123 


214 




153 


158 


154 


1?I ) -^ 


128 


124 


215 
216 




154 
155 


159 
160 


155 
156 


179 124 

180 125 


129 
130 


125 
126 


217 
218a 


} 


156 


161 


157 


181 126 


131 


127 


218b 


} 








182 127 


132 


128 


219 


157 


162 


158 


183 128 


133 


129 


220 








184 129 


134 


130 


221 




158 


163 


159 


185 
186 


130 
131 


135 
136 


131 
132 


222 
223 


} 


159 


J64 


160 



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Boekinger: 


Eandsehriftm tum Sehwahenspiegel. 


307 


L. 


I. 


n. 


IIL 


L. 


L 


II. 


in. 


224 


159 


164 


160 


252 , 


175r 






225 








253a 


180 


176 


226 








253b' 






227 
228 


160 


165 


161 


253c 
254 


176 
177 


181 
182 


177 
178 


229 








255 


178 


183 


179 


230 








256 


179 


184 


180 


231 \ 

232 1 


161 


166 


162 


257 
258 


180 
181 


185 
186 


181 

182 


233 


162 


167 


163 


259 


182 


187 


183 


234 


163 


168 


164 


260 1 








235 


164 


169 


165 


261 1 183 


188 


184 


236 


165 


170 


166 


262 








237 . 

238 1 

239 ' 








263 


184 


189 


185 


166 


171 


167 


264 


185 


190 


186 








265 


186 


191 


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188 


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174 


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190 


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171 


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176 


171 
172 


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196 


192 


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177 
178 


173 
174 


273 
274 
275 


192 


197 


193 


251 


174 


179 


175 


276a J 









1) Zur Geschichte der Gaefumia hat eine flüchtige Hand des 
sechzehnten Jahrhunderts , yon welcher sich auch sonst an anderen 
Stellen Bemerkungen finden, an den oberen Rand yon fol. 55' Sp. 2 
beigeschrieben: 

Nota, non obtenta sententia a Ealfulnea judioj et ceteris asses- 
soribus nuda fuerunt ostensa ab eadem posteriora. ob quod inter- 
dictum ex post est omnibus mulieribns officium postulandi. nee in 
iUo casu cesante causa cessat et effectus. etc. 



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308 Sitzung der histor, Glosse vom 6. JuU 1867. 



L. 


I. 


n. 


III. 


L. 


I. 


n. 


m. 


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198 


194 


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212 


217 


213 


277 


194 


199 


195 








278 
279 . 


195 


200 


196 


306 \ 

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213 


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201 


197 


308 


214 


219 


216 


281 ^ 








309 


215 


220 


217 


282 


197 


202 


198 


310 


216 


221 


218 


283 


198 


203 


199 


311 


217 


222 


219 


286 200 


204 
205 


200 
201 


312 
313 


218 
219 


223 
/ 224 
l 225 


220 
1 221 


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288a / ^^^ 


206 


202 


314 
3141 


220 
221 


226 
227 


222 
223 


288b \ 202 
289 / ^"^ 


207 


203 


314n 
315 


222 
223 


228 
229 


224 
225 


290 


203 


208 


204 


316 


— 


— 


— • 


291 1 








317 


224 


230 


226 


292 








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225 


231 


227 


293 


204 


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226 


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206 


211 


207 


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298 


207 


212 


208 


323a 


229 


235 


231 


299 


208 


213. 


209 


323b 


230 


236 


232 


300 


209 


214 


210 


324 


231 


237 


233 


301 


210 


215 


211 


325 


232 


238 


234 


302 


211 


216 


212 


326 


233 


239 


235 



1) Das ersiere dieser zwei Kapitel reicht bis zu den Worten L 
307a S. 181 Sp. 1: der sol im, raten als auch an dem buche stet 

Ohne Unterbrechung der Zeile wird dann weitergefahren. Aber 
an den Rand ist hiezu mit kleinerer Schrift roth als Uebersdirift 
beigesetzt: Von ayden. 

2) Vgl. unten Kapitel 280. 
8) Vgl. unten Kapitel 287. 
4) Vgl. unten Kapitel 282. 



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Bodtingcr: Hanäsehriftm Mum Sckwahenspiegd. 309 



L. 


I. 


IL 


in. 


L. 


I. 


IL 


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332 238 


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356 


249 


256 


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333 1 








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250 


257 


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334 








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251 


258 


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359 


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259 


254 


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360 


253 


260 


255 


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361 


254 


261 


256 


338 


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245 


241 


362 


255 


262 


257 


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256 


263 


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264 


259 


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261 


343 J 








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260 


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261 
262 


268 
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266 


348 - 


— 


— 


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265 


272 


267 


349 242 


248 


244 


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266 


273 


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3491a — 


— 


— 


3681 


267 


274 


269 


3491b 243 


249 


245 


369 


268 


275 


270 



1) Die Abtlieilnng dieser beiden Kapitel gegen L 850 nnd 861 
ist folgende. 

Enteret reicht bis za den Worten L 851 S. 150 Sp. 3: danunb 
das si nicht mit ein ander sünde tftnt. 

Dann folgt das andere unter der Ueberschrift: Dem geoangen 
lewte entrinett (II: entrienen sint. III: entrinnent). 

Zu bemerken ist yielleioht noch, dass sich in I nnd III beim 
Beginne von L 851 ein rother Anfangsbuchstabe findet. 

2) Die Ueberschrift fehlt hier. Der Text beginnt aber mit einer 
neuen Zeile und rother Initiale- 



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310 BiUwng der histor. Classe vom 6. JuLi 1867, 



L. I. 


II. 


m. 


L. 


I. 


II. 


m 


370 269 


278 


271 


3751 


276 


283 


278 


3701 270 


276 


2V2 


375n 


277 


284 


279 


370II 271 


277 


273 


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278 


285 


280 


371 273 


280 


275 


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279 


286 


281 


^^2 \ 274 
373 J ^^* 


281 


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282 


287 
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282 
284 


374 — 


— 


— 


377 


281 


288 


283 



3741 272 279 274 3771 283 290 285 

375 275 282 277 — Herrenl. — ») Herrcnl. 

Anhangzum Landrechte. 

— 111 79IID 7(a) 7(a) 7(a) 

— 2 2 2 79III 7(b) 7(b) 7(b) 
3691 3 3 3 221 7(c) 7(c) 7(c) 

— 444 —888 

— 5 5 5 314IV 9 9 9 
79nAl 363II 10 10 10 
79IIB> 6 6 6 377IV 11 11 11 

79ncj 



- Das Lehenrecht. 

1 / 23)/ 2»)/ 2») 4b/ ^ J ^ ( ^ 

3333 4c 555 



1) Vgl. oben Kapitel 819 I. 

2) Die Herrenlehre ist hier erst nach dem sogleich folgenden 
Anhange zum Landrechte gesetzt, wie oben S. 301 des näheren be* 
merkt worden ist. 

3) Die Abtheilung dieser beiden Kapitel gegenüber L 1 und 2 
ist folgende. 

Ersteres schliesst gegen L 1 b S. 171 Sp 2: Darnach geet dew 
sibende zal an. da mues dew werlt ein ende mit nemen. weder der 
sibenden zal noch tausent iar werden, oder mer oder minder, das 
wais nieman. 



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BockiHger: Ecmäx^riftm mm ScKwabenspiegel 311 

I. IL m. L. I. u. m. 



5 


6 


- 6 


6 


14 


20 


20 


20 


6 


7 


7 


7 


15 


21 


21 


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16 


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30 


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32 


32 


32 


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24b 


33 


33 


33 



Hierauf folgt als zweites Kapitel die nachstellende Fassang : 
Di des herschiltes darbent. 

Na hat man ew genant alle di des herschiltes darbent. 

Ynd ist das ein herre ir einem ein lehen leihet, der hat als gut 
recht daran als der in dem sechsten herschilt vert. vnd erbeut dew 
lehen an ire kinder. 

Awer vmb alles lehenrecht mügen si nicht vrtail vinden di des' 
Herschiltes darbent wann Yor iren herren von dem si lehen haut. 

Iren gezeugen den verlegt man wol vmb lehenrecht vor andern 
herren on vor jren herren. 

1) Die Abtheilung dieser beiden Kapitel gegen L 7 S. 172 Sp. 2 
ist folgende. 

Ersteres reicht bis zu den Worten : der hilfst im wol mit rechte, 
den mag der herre nicht verwerffen 

Dana -folgt das andere unter der Ueberschrift : Wie der man 
den herren eren sol. 

2}' Die Abiheilung dieser beiden Kapitel gegen L 18 S. 175 Sp. 1 
ist folgende. 

Ersteres reicht unter der Ueberschrift „Sprechent zweri ain gut 
an dy der gewer darbent** bis zu den Worten: das müs er erzeugen 
zu im mit zwain des herren mannen. 

Dann folgt das andere über der Ueberschrift: Gedingde. 



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312 



SitMtmg der httor. CUme wm 8. JuU 1867. 



L. 


L 




n. 




m. 


L. 


I. 


n. 


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26 
26 


34 
35 




34 
35 




34 
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46 


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39 
40 




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46 




46 


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60 


69 


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46 




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46 


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60 


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60 


61 


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42b; 


60 


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61 


} 


60 


58 
59 


61 
62 


62 
63 


61 
62 



1) Beim Beginne von L 88 findet sich hier der roihe Anfuigt« 
boohstabe N. 

3) Die Abtkeilnng dieser beiden Kapitel gegenüber L 40 S. 181 
Sp. ji und 182 Sp. 1 ist folgende: 

Ersteres reicbt nnter der Ueberschrift „Wem der kerre Uäbaa 
9oV^ bif sa den Worten L 40c: Wem der herre gut geUken bat, dee 
kinden mag er nicht veneihen. 

Dann folgt das andere unter der Uebenchrift: An welker etat 
man nicht leihen soL 

3) Die Abtheilong dieser swei Kapitel gegen L 48 und 44 ist 
folgende: 

Ersteres reidit bis sa den Worten L48b 8.184 8p. 2 mrtea: 
der tage sol ie ainer sein rber yiersdien nacht 

Dann folgt das andere anter der Ueberschrift: Dem dreistand 
tag gegeben wirt. 

4) YgL anten die Not^ sa Kapitel 187, 



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SoeUitgir: Bmämkrlfim am SehwtAeiupiegd. 



318 



L. 


L 




n. 


HL 


L. 


L 


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m. 


60 
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63 
64 




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86 1 


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61b 


65 




66 


65 


84 


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67 


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87 l 


88 / 

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67 




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67 


87 


64 


68 




69 


68 


86 


88 


90 


88 


65 


69 




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69 


87 


— 


— 


— 


66 
67a 


70 
71 




71 

72 


70 
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89 


67b 


72 




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72 


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90 


92 


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68a 


73 




74 


78 


91 


91 


93 


91 


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75 J 


74 


92 


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94 


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■ — 


93 


93 


95 


93 


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74 


74 


94a 


94 


96 


94 


70 


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76 


75 


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95 


71 




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} 


77 
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96 


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72b 

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95b 
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96 


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99 


97 


74 


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79 


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97 








75 


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80») 


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98 


98 


100 


98 


76 


79 




81 


79 


99 


99 


101 


99 


77 1 

78 J 


80«)} 


82«) 


80«) 


100 \ 

101 / 


lÖO j 


192 j 


100 


79 


81 




88 


81 


102 


101 


103 


101 


80 
81 


82 
83 




84 
85 


82 
83 


103 \ 
104a 1 


102 j 


104 j 


102 



1) Beim Beginne von L 72 b findet sich ohne besondere Ueber* 
johrift in neoer Zeile die rothe Initiale 0. 

2) Naoh dem Schlnsie von L 76 findet sich hier no<^ der 
Znsati: 

Vnd kom der man nicht dar, vnd das in des ehi^ not latite, 
das müs er selbdritte erzeagen di das wars wissen, damit hat er 
awer behabt. 



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314 



SittuMg dtr hiator. Claate mm 6. JuU, 1867. 



h. I. 


n. in. 


.L. 


L 


H 


m. 


104b 103 


105 103 


125 


120 


122 


120 


105 104 


106 104 


126 


121 


123 


121 


106 105 


107 105 


127 


122 


124 


122 


107 106 


108 106 


128a 


123 


125 


123 


108 , 107 

109 108 


109 107 

110 108 


128b 1 
128c/ 


124 j 


126 } 


124 


110 109 


111 109 


129 


125 


127 


125 


111 HO») 

112 } 

113 '(111)») 


.112») 110») 
'll8»)' 111») 


180 \ 
131 / 


126 j 


126 


126 


132a 


— 


— 


— 


n5 }(ii2)«) 


[ll4 } 112 


132b 
133 


127 
128 


129 
130 


127 
128 


116 113 


115 113 


134 


129 


131 


129 


!1J } '" } 

119 115 


116 } 114 

117 115 


135 

136 \ 

137 / 


130 
131 j 


132 
133 j 


130 
131 


120 . 116 


118 116 


138 
139 


132 


■ 134 


132 


121 . 117») 


119») 117.») 








122 — 

123 118 


120 118 


140 
141 


133*) 


•135*) 


133* 


124 119 


121 119 


142 























1) Die AbtheiUng dieser beiden Kapitel gegenüber L lll — 113 
ist folgende. 

Ersteres reicht anter der Ueberschrift „Lehen an manschaft** 
bis zu den Worten L ll^a S. 204 Sp. 1: on in kirchen Tnd in 
kirchhöuen. — 

Dann folgt das andere anter der ueberschrift in I und TU: 
Lehen t&dingk lang vnd vil, in II: Lehen teiding lang ist daz. 

Die in I in Klammern geschlossenen Kapitel sind dnrch Aa^ 
fiss des Pol. 85 nicht m^r ganz vorhanden. Kap. 111 bricht näm- 
lich mit den Worten L 112a S.204 Sp. 2 ab: wo dew stat oder das 
4orff sey da er in. Fol. 86 sodann beginnt mit den Worten L 115 b 
'S. ^Q6 Sp. 2 : schulde als im der herre gedinget ist. 

2) Vgl. den Schlussabsatz der vorhergehenden Note. 

8) Dieses Kapitel schliesst schon mit den Worten: vnd gibt 
ienem dehein losung, in II: vnd g^bt jenem losvnge. 

i) Der Schlussatz von L 142 über den Thorwart fehlt hier. 



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L. 


I. 


n. 


III. 


151 


140 


142 


140 


152 


141 


143 


141 


153 


142«) 


144») 


142«) 


154 


143 


145 


143 


155 


144 


146 


144 


156 


145 


147 


145 


157 


146 


148 


146 


158 


147 


149 


147 


159 


148 


150 


148 



Bockinger: Handschriften zum Schtoabenspiegd^ 315 

L. I. n. HL 

\ll I 134 ( 136 ) 134 

145 135 137 135 

146 136 138 136 

147 137 139 137^) 

U9a 1 1^^ 1 1^0 ) 138 
149b 139 141 139 
150 140 142 140 

Wir sehen hier im Ganzen von einer ausführlichen An- 
gabe der Abweichungen ab welche unsere drei Handschriften 
in der Trennung einzelner Kapitel des L-Druckes in 
mehrere wie umgekehrt in der Zusammenziehung von 
80 und so vielen Kapiteln jenes Druckes in nur 
eines darbieten, oder von einer genauen Verzeichnung der 
in unserer Gruppe vielfach anders lautenden Ueberschrif- 
ten der Kapitel. 

Im übrigen stellen sich bei der Betrachtung unserer 
vergleichenden Zusammenstellung nachfolgende mehr oder 
weniger wesentliche Punkte heraus. 

Zu den letzteren zählen etwa Versetzungen von 
Kapiteln, wie im Landrechte von 1257 und 258 = 
II 264 und 265 = 111259 und 260 gegen L 3631 und 
363 b; oder von 1 272 bis 275 = II 279 bis 282 = III 274 
bis 277 gegen L 371 bis 375; oder von I 281 und 
282=11288 und 289 = 111283 und 284 gegen L 376 und 
377; oder noch besonders von II 276 bis 278 gegen L 370 



1) Hiezu ist ein kleiner von der gleichen Hand beschriebener 
Zettel eingeklebt, welcher das oben fehlende Kapitel L 55 ohne 
Ueberschrift mit rother Initiale enthält. 

2) Der erste nicht daher gehörige Satz L15Sa fehlt hier, wo- 
selbst der Text richtig beginnt: Der man sol dem herren nicht 
wider sagen, noch der herre dem man, wann si paide etc. 



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316 SüMimg der histor. Clam tom 6. JM 18$7. 

bis 870 II; oder im Lehenrechte Ton I und III 69 und 70 
gegen L 65 und 66. 

Wichtiger ist sodann, dass gegenüber der yom Freiherrn 
y. Lassberg seinem Drucke zu Grunde gelegten Haupthandsdirift 
aus allen drei Gliedern unserer Gruppe die Kapitel 
48, 316, 349, 374 des Landrechtes, und die Kapitel 55, 
^68c, 87, 122, l32a des Lehenrechtes fehlen, und ausser- 
dem noch in II das Kapitel 17 des Landrechtes. 

Dagegen bietet unsere Gruppe gegenfi^ber der bemerkten 
Handschrift nicht blos nach einer Seite hin sondern in mehr- 
facher Beziehung ein Mehr. 

Ein solches findet sich einmal in lU in der Ein- 
Schiebung des Artikels 7 zwischen L 5 und 6, wovon 
S. 303 in der Note 2 die Rede gewesen. Es mag hiezu das 
Kapitel 5 der Handschrift von Härrenchiemsee verglichen 
werden, welches wir im Belichte der Sitzung vom 26. Jänner 
S. 220 mitgetheilt haben. 

Sodann finden sich in allen drei Handschriften 
unserer Gruppe gemeinschaftlich in dem mit Art. 314 
des L-Druckes beginnenden dritten Theile des Land- 
rechtes noch die in der Züricher, ebner'schen, wie anda-en 
Handschriften des sogenannten Schwabenspiegels vorkom- 
menden Kapitel des L-Druckes 3141, 314 U, 3191, 3271, 
3491b, 3631, 3641, 3671, 367 H, 3681, 3701, 370 II, 
8741, 3751, 375 H^ 375 IV, 375 V, 377 L 

Dieses letzte Kapitel „Von huren kinden'' weist auch in 
seiner Fassung gegenüber dem L-Drucke die bedeutend 
weitere Gestalt der Handsdirift Basel-Fäsch ^) auf, wie 
hier folgt: 

Hat ein ledig man pey einem ledigen weibe ein kind, 
oder mer dann eines, vnd nimbt er darnach ein eweib vnd 
gewinnet pey der ekind, was er dem vnelich gibt pqr dem 



1) In der Ausgabe Wackemagel's Kapitel S34 a 296 und 297. 



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Bockinger: Sandschriften zum Schwabenspiegel. 317 

gesunden leibe , das mugendt dew ekind nymmer wider 
siurechen mit rechte, noch eninögen in es mit recht nymer 
genemen. an seinem todpette gibt er in wol varend güt.on 
erbe gut 

Hat awer er das yneUch kinde pey einen^ eweibe, oder 
^as er selb ein eman ze den zeiten do si des kindes pey im 
swanger ward, dew kind haissent hürkind, ynd habent kain 
recht, wenn welherlay gut der vater den kinden gibt, das 
chan noch eomag er in mit nichtew gesteten, im nemeut 
es seinew ekind mit allem rechten wol. 

Hat awer er das vnelich kind pey einer seiner niftelen 
dew im an der vierden sippe sein mag ist oder näher, wann 
so ie näher so ie sUnder ynd auch schäntlicher, oder hat 
er es pey ainer dew im swagerlichen sippe ist, das ist also 
gesprochen: wolich weib einen man hat zu der ee oder ze 
vne, was dew niftel hat vntz an dew vierden sippe zal, 
vnd ligt ein man bey der ainer dew seiner vnelichen frewn- 
din oder seiner elidien hausfrawen niftel ist von der vierden 
sippe oder näher, der ist ein sippe precher, gar ein grosse 
sünde. vnd was ein man also pey den selben fraweu kinde 
hat di im fleischliche sippe oder swägerlich sippe sind, dew 
kind habent dasselbe recht als dew hür kind, weder minnder 
noch mer. 

Hat awer er si pey einer geuatern oder pey seiner 
toten di er aus der tauffe erhaben hat oder dew in aus der 
tauffe erhaben hat, dew kind habent alle geleiches recht 
sam dew hurkind. 

Vnd hat ein man ein kind pey einer nunnen dew orden 
in einem kloster empfangen hat, vnd kompt si holt wider 
aas dem orden, vnd ist si ausserhalb des Ordens lang oder 
kürtz, darumb hat dehain man dester pesser recht an ir. 
wann wer pey ir niwann ze einem male ligt süntlichen 
mit seiner wissen, der ist sozehannt in dem aller höchsten 
panne den got enhimel vnd enerde hat. ob man in halt 
[1867.112.] 21 



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318 Sitmng der Mstar. Glosse vom 6. JuH 1867. 

nymmer ze panne tut, noch ob man in nimmer in keinen 
pann gekündet, so ist er doch in den höchsten pann körnen 
niwan [ymb] di ainig sünde den got in himel ynd in erde 
hat. ynd was auch ein man pey den selben nünnen kinde 
hat| dew habendt auch dew recht als dew hären kind, ynd 
si haissen halt yon allem recht hürkind. 

Weiter schliesst sich dann dem Landrechte noch der 
ans den mehr berührten 11 Kapiteln bestehende 
Anhang zu demselben iCnter der Ueberschrift „Das sind 
auch landtrecht^' an. 

Wir haben uns zur Zeit nicht yorgesetzt, des näheren aber 
ihn zu handeki. Immerhin aber durfte — abgesehen yon an- 
derem — die Bemerkung nicht überflüssig erscheinen, dass seine 
Kapitel 6 und? zu denKapitehi88a und 88b des Deutschen- 
spiegels = Kapitel 89 und 90 der jetzt so bedeutsam ge- 
wordenen freiburger Handschrift, wie nicht minder za den 
Kapiteln 71a theilweise und 71b bis f des Deutschenspi^eb 
= den ihnen entsprechenden Kapiteb der freiburger Hand- 
schrift, wozu noch Ficker über einen Spiegel deutscher Leute 
S. 25 (137) und 134 (250) yerglichen werden mag, stimmen. 
Auch ist sodann beachtenswerth, dass die übrigen -— mit einer 
kleinen Ausnahme bei 10 — sich in einer bisher nicht genaaer 
berücksichtigten Gruppe der systematisch geordneten Hand- 
schriften des sogenannten Schwabenspiegels in die betrefifen- 
den Abtheilungen aufgenommen finden. Insoferne nun die 
genauere Kenntniss seiner Beschaffenheit im Ganzen 
für den Behuf der Beuriheilung anderweitiger Handschriften 
des sogenannten Schwabenspiegels nicht ohne Bedeutung ist, 
glauben wir selben in seinem Zusammenhange nach der 
Fassung yon I mittheilen zu sollen, welcher wir die ent- 
sprechenden Abweichungen yon H und HI je unter B ond 
C in den Noten beifügen. 



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Böekinger: Handgchriften iwH SchoabeMpiegd. 319 

1. Ob ein') herre ein kirchen leihet. 

Vnd ist das ain werltlich herre den gewalt hat das er 
ein kirchen leihen sot oder zwo oder mer, vnd pitet in ein 
p&ffe oder ein schüler das er im ain kirche leihe, vnd der 
herre leihet im di kirchen, vnd kompt dann ein ander pfaffe 
oder schüler an den selben herren vnd pitet in auch das 
er im di kirchen leihe di er da ienem hat gelihen, das tut 
der here wol mit rechte, ob im dirre lieber ist dann iener, 
oder ob in des tänkchet das dew kirche an disem pas be- 
statet sey dann an ienem, so leihet er si disem wol mit 
recht. 

Hat awer im der bischof den alter gelihen dem der 
herre di kirchen des ersten lech, so mag er si niman mer 
geleihen di weile der lebt, dem mag si weder leye herre 
genemen noch der bischof. 

Alle di weile ein pfaffe oder ein schüler den alter von 
dem bischone nicht empfangen hat, wie wol im der werltlich 
herre di kirchen gelihen hat^ vnd leihet si der herre einem 
anderen, vnd wirt auch dem der alter von dem bischofe 
gelihen e ienem, er hat si mit rechte. 

Ist awer ein dingk das der werltlich herre dem erern 
pffafen ') oder schüler seinen brief mit insigelen gibt an den 
bischof das er im den alter leihe , vnd gereuet den herren 
das, vnd sendet« dem bischof einen andern brief das er 
disen man auf hallte an der geistlichen gäbe, er hab sich 
eines wägem bedacht, das hat dehain kraft, wann wem der 
herre seinen brief mit insigel an den bischof gibt, dem müs 
der bischof den altar leihen, vnd wäre halt der bischof 
dem selben veint, er müs im in doch leihen mit rechte. 

Vnd hat auch der herre ^) di kirchen in seiner gewalt 



2) B: der. 

8) B: dem ersten pfatrer. 

4) B: der ielbe herre. 

21« 



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320 Sttetmg der Mstor. Oamvam 6. JmU 1S67. 

ynaerlichen^) sedis möned od^ lenger, so hat er den ge- 
walt verloren der lehenonge, vnd sol si der bischof leihen 
wem er wil, baiden Idrchen vnd altar. 

Wirt awer si darnach ledig, so leihet der herre si awer 
wol. er yerleuset niwan®) das aine lehen daran. 

Dise sache ist werltlichen herren gut zewissen. man 
müs awer vor geistlichem gerichte darumb rechten. Tnd 
gehört auch gaistlich vnd werltlich herren an. 

2. Wie man kloster gut kauffen^ soL 

Vnd ist das ain abbt oder ein brobst oder ein abb- 
tSssin oder ein priorin ®) oder wie er so •) gehaissen ist der 
hauptman oder ein maister oder ein pfleger da ze einem 
kloster ist, Ynd wil der selb dem kloster ein gut an werden 
das vrbor^®) haisset vnd nicht varend gut ist, das mag er 
mit recht nymmer on werden dem kloster wie gewaltig ct 
ist, er bewer dann des ersten drew dingk Yor der samnonge 
des klosters. vnd ist dew samnunge nicht gar d% also das 
man ir nicht gar zu samen pringen mag, so sol zum aller 
minsten doch der samnunge das merer tail da sein: vor 
denn sol er bewaren ee das er das gut on werde. 

Des ersten sol er bewären, das man das gilt von dem 
kloster gelten süU da durch man das gut on werden müsse. 

Zum andernn mal sol er bewaren^ das er nindert 
wisse dehain varend gut das des klosters sey damit er di 
gülten^*) vergelten müge. 

Zum dritten mal sol er bewam, das er nindert vnsse 



5) B und G: vnverlihen. 

6) B: nicht wann. 

7) 6: yerkanfien. 

8) 6: ein brior. 

9) C: wie so er. 

10) B: erber. 

11} B: galt. G: gölte. 



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Bockingeri Hai%d$chtiften aum SehwabenspUgd. 321 

dehain ander gät das des klosters sey das mau dem kloster 
als Yuschedlich an werde als das selb gut. 

So wird er das gut an mit rechte. 

Vnd der das gut da kauffen wil, der sol pey dem 
ersten fragen^') das es der merer tail der samnungc höre, 
ob des kloster hauptman dise drej. sache bewärt hab. ynd 
sind si nicht bewärt, so sol er es nicht kauffen. sind si 
awer bewärt, so kauffet er das gut mit recht, vnd nem 
darüber hantneste der samnunge vnd auch des pflegers. so 
kauffet er das gut mit rechte an kriegt'). 

3. Ob ein hantneste valsch sey^^), wie man das 
kiesen**) sol**). 

Man yelschet ein hantneste mit manigen dingen der di 
trieger vnd die velscher vil künnen. vnd darum b süllen wir 
di getrewen vnd di geweren leren wi si die valschen hant- 
ueste kiesen vnd schauen sülleu, das man si dest.erbas er- 
kenne, das di rechten lewte damit nicht geäffet noch") be- 
trogen werdent. 

Ein hantneste wirt entwicht von dem gedichte enmani- 
gen ende*®), das kan ein wolgelert man wol erkennen, vnd 
ettwenne von der geschichte. nennet man yns an einer stat 
des ersten, vnd sprich ich das es dew saronung gelobt*') 
hab, vnd si des nicht getan bat, so ist dew hantuest valsch. 



12) A: sagen. 

13) 6: an allen kriock. 
U) B: ist 

15) B: bessern. 

16) Aus dem cod. germ. 558 ist dieses Kapitel abgedruckt in 
der Ausgabe L 3691 S. 157 Sp.2 und S. 158, in der Aasgabe W 
419 S. 340—342. 

17) B: lewte loht da mit ge efft vnd. G: vnd. 

18) B: an mangen enden. 

19) B: sammenonge gar gelobet C: samnunge gar gelobt 



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322 Siknmg der histar. Classe «om 6. JM 1867. 

Das ander ist, wann man oben ynd niden das insigel 
auf clozzet'^), vnd man ein ander seiden darein tat» ynd 
das enmiten nicht enist. 

Das dritte ist, das man an ettlicher hantueste di seiden 
oben Yon ein ander sneidet, ynd sleusset si durch ein ander 
hantueste dew nach seinem willen geschriben ist, und man 
zaizet«^ di seiden dann klaine ausz ein ander vnd trädt") 
si dann ze samen ynd machet si wider gantz. das mos 
awer ron gefügen frawen bannden geschehen. 

Das yirde ist awer meistic an den newen jnsigelen, das 
man etwenne mit hitze di seiden gar aus zeuhet, ynd tot 
newe dar ein durch ein ander hantueste di er auch nach 
seinem nuze geschriben hat. 

Das fünfte ist da'') man ein hantueste mit yelschet, 
wenn man si geschahen sieht an der stat da man das da '^) 
schreibet da si yber gegeben ist. jst aber si geschahen 
anderswo dann an der ' stat da man das da triffet vnd 
nennet da si yber geben ist**), als ettwo da di maister ir 
kunst legent, wie nutz ynd wie gut es sey das si gegeben 
ist: ist si da geschahen, das wirret nicht. 

Das sechste ist, das man ettwenne machet yon weine 
ynd yon wasser das dew schrift gar ab geet, ynd gibt es 
einem büchueller '^) der es mit seiner kunst gar ab tut, 
ynd scribet dann wider daran nach seinem willen ynd nach 
seinem nutze, das sol man gen der sunnen haben, so mag 



20) B: cloesset. 

21) B: czeyset C: zeyiet. 

22) B: drei C: dr&t. 
28) B: ist das da. 

24) B: stat do man do. 

25) In B ist dieser Sati dorch ofKuoriXtvioy bis hieher aus- 
gefallen. 

2e)B: back yeller. 



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Sockinget: Handschriften zum Schwäbensj^egel. 323 

Biao 68 wol erkennen, so eicht man der allten schrifft 
immer *^) etwe uil in dem pirmit in*^) der newen. 

Das sibend ist, das man ettwenn auch ein klaines per- 
mit donne'^) auf di schrift leimet mit einer hausen pla- 
teren*®), vnd sneidet es dann geleiche als es nywan**) ein 
permett sey, ynd schreibet dann auf das chlaine permeit 
was im geuellet. 

Das achtende ist, so das merrer tail der hantueste ge- 
zeugen wider di hantueste sind, so ist si awer yalsche. 

Das neunte ist, so man an der hantuest leuget also: 
das ich mich ze ainem ekind erbewte, ynd ich des nicht 
enpin; oder das ich sprich ich sey armm, vnd das ich ain 
kirchen han dauon ich mich wol betrage; oder ob ich 
sprich ich sey frey, vnd ich aigen pin, oder ein zinser an 
Üü gotzhaus; oder an manigen dingen wann man gicht des 
nicht war ist ; vnd wenne idh der rechten forme nicht enhan 
di der stül ze Rome gibt yber solich^') sache der man 
nicht yerkeret. 

Das zehende ist, das man an neuen hantuesten bewäm 
mfis das es des herren Schreiber geschriben hab des insigel 
daran ist, ob leicht einer ein insigel stäle ynd brächte es 
zU ainem Schreiber der im schrib das in gilt deucht, oder 
ob er des herren insigel sunst funde da sein ainer yergasse 
ein kamerer oder ein Schreiber, oder im ^st empfiele'^), 
als ofift geschieht. 

Das aihdleffte ist, ob man ein ander insigel grebt nach 



27) A: inner. 

28) B: perment bey. C: permit jn. 

29) B: perment dynnz. 

80) B: blatem. C: platem. 

81) B: nicht wann. 

82) B: syemlich. 
88) B: enphile. 



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324 SiUmg der histar. Chese vom &. Jtäi 1867. 

disem. das ist awer leichte ee erkennen der sein wol 
nimpt vnd es zu dem rechten jnsigel Imbt. 

Das zwölfte ist^ wa man ein hantueste schreibt vnd num 
ze letzt üidit vDsers herren jar daran schreibet wie manig 
iar yon vnsers heren Jesu Gristi gepurd sey vntz an den 
tag das dew hantueste gcschriben ward. 

Das dreyzehende das ist, das man ettwas noacht das 
linde ist als ein wachs, vnd truket das auf das wachsen'^) 
insigel^ vnd machet das dann herte vnd das es sich doch 
nicht erheuet ^^). das ist gar mülich ze erkennen, vnd 
sülIen wir es njman leren machen. 

4. Der in dem panne ist. 

Vnd ist das ein man in dem panne ist, ob der mit 
seinen aigen lewten icht rett'^) oder schaffet, di sind dar- 
umb nicht in dem panne, ob das in ir herzen ist das si 
sein gern vber waren '^) das si mit im nicht ze schaffen 
hieten die weil er in dem panne ist. 

Der im awer also gedenket, we ich wil nur*^) dester 
mer mit im reden vnd schaffen das ich im dester lieber sey, 
der kompt in den selben panne da der herre innen ist. 
wann man sol got den himelischen herren harter furchten 
dann den irdischen herren. 

Sein weib vnd seine kind mügen des nicht wol enbern: 
si müssen mit im reden. 

6. Von der gemeine*'). 
Wer ein gemaine an spricht, das ein man sidi der ge* 



34) B: wechseln. G: wähsin.' 
86) B: erhebet. 
86) A und C: reit. 
37) B: vberich wem. 

88) B: wil nicht wann. 

89) C: gemein ist daz. 



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Boekinger: HanäBcMften zum Schwabenspiegel. 325 

maine mder windet, eintweder ze wismade*®), oder äker 
daraus machet, oder welherlaye er darauf pauet vnd es m 
sein nutz zeuhet, ynd sol dooh ein redite gemaine seil), ynd 
spricht jn ein einig man darumb an das er - es ze ynrecht 
I\ab, dem sol er ze recht darumb nicht antwiirten, er seze 
im dann gut porgen, ob er im enbreste**), das im ymb 
clas gut nymermer kain man angespreche, wann es ein ge- 
maine ist. enprest^^) er dann heut einem, so spiäche iü 
alle tag ein itnewer**) an, wann des landes herre, der 
sprichet in wol mit rechte an. 

Was gemaine ist, das süllon auch di lewte gemaine**) 
ansprechen di es an get**). 

6. Wie di kempfen") auf den ringk süllen komen**). 

[a] 

Wer einen seine genos kampflichen wil an sprechen» 
der sol den richter pitten, das er sich vnder winde eines 
fridbrechen mannes. das sol mit vrtail geschehen. 

Vnd ob er sich sein vnderwunden hat,, so sol in der 
richter vragcn im welher weise er den frid an im geprochen 
habe, da mag der klager gespräches vmb begern*^), oder 
er mag dem richter ze hant wol antwurten. er sol sagen 



40) B: entweder wyszmat. 

41) B: enbreohe. 

42) B: ein newer. 

43) B: dy gemein lewte. 

44) A: geendt 

45) B: kemppffer. 

4^ Dieses Ki4)itel entspricht den Kapiteln 88 a, 88 b, iheil^eise 
71, 71b, 71 des Deutschenspiegels und den hiezu stimmenden Ea* 
piteln der freiborger Handschrift^ deren Text die Ausgabe W Ka- 
pitel 350, 851, 346 bietet, wozu noch der QrossfoHodmok (in Sinken- 
berg^s Ausgabe Kapitel 167 § 8 — 15) verglichen werden mag. 

47) B : vmb fenu 



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826 SiUmg der hislor. CUme wm 6. JuU 1867. 

in welher weise, ob er in beraabet hab auf der Strasse mit 
raube oder mit wanden, oder wo es jm geschehen ist, oder 
in welher weise er den frid an im geprochenn hab. in der 
selben weise sol er auf in klagen. 

Schuldiget er in, er hab in gewunndet, vnd ist die 
wunde hail, er sol beweisen di masen. dew weisunnge hat 
doch^^) nicht Ipafit. er müs di wunden erzeugen selb- 
dritte, ob iener seinen aid bewtet. hat er nicht gezeugen, 
so sol er im di baut ab ziehen, Ynd sol also sprechen: 
herr, berr richter, mit ewerem vrlaub so wer ich im d^i 
aid, vnd zeuhe im di haut von (fbm aide, vnd wil das he- 
berten mit meinem leibe auf seinen leib das ich recht hab. 
so sol der richter yon in baiden porgschaft nemen. 

Den kämpf sol nian in gepieten ze laisten yber sechs 
Wochen. 

Sprichet man einen man kämpflichen an nach mitem 
tage, er gewaigert sein wol. 

Sprichet ein man den andern an kämpflichen der wirs 
geporen ist, der waigert sein wol. 

Sprichet ein hochgeborn man einen kampflichen an der 
nyder geborn ist, der**) mag im nicht gewaigern. 

Vnd sprichet einer den andern an ze kämpfe, ynd sind 
si also nahen mage, so mag ir ietweder mit dem andern 
kempfen^^), ob di mage gereiten^^),mügen das si zu der 
fünften sippe ein^') ander sippe sint. des müs ir vater 
mage sibene vnd ir müter mage^') zu den heiligen sweren. 
ettwenne was es zu der sibendß sippe. nu habent di bäbst 



48) In B fehlt doch. 

49) In A und C ist Ton „waigert*' angingen bis hieher aus- 
ge&llen. 

50) B: gekemppfen. 

51) B: mage ein ander gereiten. 

52) B: sipp ozu ehu 

58) B: ir vater mage vnd ir muter mage silmu 



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SoMnger: Handa^iriften mm Schwabm^piegd. 827 

weib erlaubet ze nemen an der fünften sippe, ynd darumb 
hant auch die kunig gesezet das ain ieglich man mit dem 
andern wol kempfen sül der im sippe sey vber di fünften sippe. 

Der riohter sol Idhen dem den* man schuldiget auf den 
man dar^^) klaget einen schilt vnd ein swert. 

So man da hin kompt da der kämpf da ist, so sol der 
richter geben zwen poten zu in baiden^^) di das selben das 
man si nach rediter gewonhait an gelege vnd in gärbe'*). 

Leder vnd leinein dingk süUen si an legen als Vil als 
si wellent, haubt ynd fusz^^) sulienn in blos sein, ynd an 
den hennden sullen si dünne hantschüch ^^) haben lidrein, 
ynd in der' hant blos, ynd einen schilt da nicht dann holtz 
an sey. ettwo ist gewonhait das si an schilte yehten mit 
pngkeleren di eisnein sind, si^^) süllen roke an tragen on 
ermel. 

Auch sol man lewten*^) frid gepieten pey dem halsse, 
ynd das si nyman irre an*^) ir kämpfe. 

Ir ietwederm sol der richter einen man geben der ein 
Stange trage, di sol der yber den haben der da geuellet. 
ynd gibt er, so ist er yber wunden*^), mag er auf, man sol 
in auf lan. weder*') der stange mutet, dem sol man si 
ynderstossen. das sol der richter erlauben. 

Einen ringk sol man in machen, der sol sein zwainczig 
fiisse oder fünf ynd zwainzig weit, weder*') daraus fleuht, 
der ist siglos. 



64) A und C: da. 

65) B: richter czwen boten czu yn beydeu senden. 

66) B: geyerbe. C: gaerwe. 

67) C: fuzze. 

68) B: qr bloz hantschne. 

69) B: ynd. 

60) B: man den lewten. 

61) A: dann. 

62) A: ist erwnnden. 

63) B: welcher. 



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328 Sitzung der histor. Glosse wm B. Juli 1867. 

Di awert di si tragendt suUen ön ortband ^^) sein. 

Vor dem richter süllen si baide engegeawert*^) sein^ 
ynd sol der ain sweren das es war sey das er auf in hat 
geklagt ^^), so sol der ^der des sweren das er msohuldig 
sey, vnd das in got also helfe zu irem kjttnpfe. 

Di sunnen sol man in mit ^^) tailen^ geleidie so man 
si des ersten an einander ze samen lät^^). 

Wirt der vber wunden auf den man da klagt, man sol 
vber in richten, wirt auch der siglos der auf in da klagt, 
man richtet auch vber in. 

Vnd wer den andern an sprichet vmb den todslag, 
weder ^^) da siglos wirt, dem geet es an das haupt. Yüd 
ist es vmb ein läme, es geet im an die hant. 

Vmb ander wunden di nicht ze uerch geend vnd auch 
nicht ze läme gendt, da sol niman vmb vehten: man sol 
nicht vmb klain wunden kempfen. 

Jst das ein man di notwer bereden wil, der sol also 
bereden mit seinem aide, das er da getan habe das hab er 
getan in rechter notwer seines leibes. vnd hat der tod 
man niman der im den aide mit kämpfe were, so sol der 
richter den man behalten sechs wochen vnd einen tag der 
di notwer da hat berait. kompt in der weil nimant der 
in an spreche, er sol ein ledig man sein vor den di ienner 
landes sind, di ausser lanndes sind, den müs er antwurten 
vber zehen iar. da sol er dem richter porgen vmb setz^i 
vntz an das selb zil. vnd stirbet der richter, oder kumpt 
sust ein ander richter an sein stat, dem ist er der borg- 
schaft auch schuldig als ienem vntz auf das selb zO. vnd 



64) B: an ortbant. 

65) B; in gewer. C: in gegenwüri. 

66) C: in da hat. 

67) B: mite. 

68) B: ein ander let. 

69) B: welcher. 



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Sodsinger: Handiehriften zum SchwahmBpiegti. 32d 

iÜ6 dew zeben iar für kömment, so ist er ein ledig mau vor 
allen lewten. 

^ia yeglich man waigert wol das er nicht kempfet mit 
seinem vndea^enossen. ein ieglich man müs Icempfen mit 
seinem gaios. 

[b] 

Es ist manig man rechtlos, ?nd mag doch ein weib^*^) 
genemen, vnd ekind pey ir gewinnen, si miizzen awer ires 
yater recht haben, si sein dann eines herren aigen oder 
eines gotzhauszes. 

Dew kiud di nicht eh'ch geporen sind di erbent nicht 
ir Tater noch^^) ir müter gutes noch dehain irs mages 
gutes. 

7. Auch von kempfen^*). 

. [a] 
Ein freyew frawe mag gewinnen fiinfhande kinde der 
ie sdns des anderen genos nicht enist, eins das ir geiios ist. 
also ob ir man ir genos ist. si mage gewinnen einen mitereu 
freyen, ob ir man mitterfrey ist. si mag gewinnen ein 
lantsässen freyen, ob si einen lantsässen freien zu ir legt, 
si mag gewinnen einen dienstman, ob si einen diensteman 
nimpt^'). emen aigen man dasselb. 

[b] 
Welich semper freye ^*) einen seinen genos ze kämpfe 



70) B; ein eweyp. 

71) B: vnd. 

72) Dieses Kapitel entspricht den Artikeln 71 d, 71 e, 71 f des 
Deutsch enspieg^els und den hiezu stimmenden Kapiteln der frei- 
bnrger HandschrüFt, deren Text die Ausgabe W Kajpitel 847, 348, 
849 bietet 

78) B: dinstman czu ir leget 
74) B: freyer herre. 



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330 aWfwng der histor. CUms tarn 6. JüU 1667. 

an sprichet, der mos wissen wer sein vier anen sind ge- 
wesen, er müs si audi nennen, ob ienner wil den er an- 
gesprochen hat« vnd nennet er ir^^) im nidit, er ge^pdgert 
im mit recht wol das er mit im nicht kempfet 

Wer den ander kempflichen an sprichet, vnd enget er 
im mit rechte, er müs im das ze recht büssen das er in 
angesprochen hat, vnd müs auch dem richter püssen. 

Ditz entsprich ich nicht vmb denn todslag. wann da 
gehört nicht wann leib wider ^^) leib. 

[c] , 

An elich dingk mag nieman sein- aigen verkaoffen das 
es krafft hab. es antwurt auch dehain man nieman vmb 
sein aigen ob man in beklagt e in vogtes dinge, ob er es 
in der gewer hat. ettwa haisset es paudingk. 

Gibt ein man sein aigen hin wider seiner erben willen 
vnd ön vogtes dingk, si süllen es vor dem richter in seiner 
gewalt han versprochen^^), vnd der lichter sol es den 
erben antwurten. etwa ertailt man, es süll der richter in 
seiner gewalt han. das stet an des lanndes gewonhait 

8. Der einen man pey seiner konen^®) vindet'*). 

Diso vrtail gehört geistlich gerichte vnd werltliches ge- 
richte an®®). 

Vnd ist das ein man den andern ®0 bey seiner konen^*) 



75) In B fehlt ir. « 

76) B: an. 

77) B: in seiner versprochen haben. 

78) G: koenen. 

79) B fügt nocli bei: sag das. 

80) B : gericht halt an. 

81) B: man einen andern man» 

82) B: ekonen vindet vnd. 



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Bockinger: Hanäeehriften zum Schwäbm^egA 831 

bereiftet in der weise das in sein gut gewissen nicht eriät 
er müsse im des gedengken das si ir ee mit im geprochen 
habt ^i^d pringet in sein zoren daran das er si baidew ze 
tode siecht, er sol si weder got noch der werlte nicht 
pfüssen. er mag gen got von im selber wol in einer passe 
erscheinen, das ist nicht verloren, wann das tut ainer der 
nie mensch ertotte. jn sol awer nieman darzu twingen als 
vmb ander schnlde. noch^') dehain werltlicher richter mag 
im mit recht nimmermer^^) pfenning dammb nemen^^). 
weder mannes frewnd noch weibes freunde mügen in darumb 
nymmer an gesprochen vor kainem gerichte. 

Mag man awer vier dinge eins auf in bewaren ^*), so 
müs er si got vnd der werlt püssen als ander tod slag. 

Der ist eins, mag man bewären auf in das er sein ee 
auch ze prochen '^ hat seid 'er di selben fraun zu der ee 
nam die er da entJeibett hat, so müs er den leib verlorn 
han, vnd richtet vber in als vmb ander ^^) todslag. hat 
awer er sein ee ^^) haimlich zeprochen als hieuor gesprochen 
ist, das man jn sein nicht vberzeugen mag, so mus er si 
dodi dem almächtigen got püssen zu allem ^ rechten, wann 
er ist an irem tode schuldig. 

Das ftnder ist, ob si in des geindert hat mit warten 
oder mit gepärden das si geren hette gesehen das er pey 
ir gelegen wäre, vnd er das wol weist vnd sein wol innen 
wirt das si es es geren sähe, vnd er sein nicht tun wil. 
vindet er si damadi pey einem manneV er sol ir an dem 



83) In ß fehlt noch. 

84) In C fehlt mer; in A scheint es dorchstrichen. 

85) B: mag ym auch nymmef mit rechte pfening d»x vmb 
genemen. 

86) B: bewem. 

87) B: auch gebrochen. C: auch ^erprochen. 

88) B: vmb einen andern. 

89) B: er sy. 



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832 SiUmg der histor, Ohme wm 6. JuU 1867. - 

leib nicht tun. nimpt er ir den leib darüber; er aol ai got 
vnd der werlte püsseD» er ist vor got schuldig, awar vor 
den lewten nicht, wann es ways nieman wann er ynd got 

Das drite ist, ob ein man aus dem lande varen w3 
vnd dew frawe sprichet: vil lieber wirt, wenne körnest da 
her wider baim? oder ob er ir vngefragt ein zil gibt, so 
das er sprichet: ich kumm yber sechs wochen, oder vber 
achtag ^®), oder vber zwelif, odar welichs zil er ir benennet 
langk oder kurtz, das er ir gehaisset er komm bor wider 
haim jnuen des selben zils, vnd ist -er einigen ^^) ganczen 
tag vber dasselbö zil das er ir gehies do er ans für, vnd 
kompt er darnach vnd vindet einen man bey ir, er sei ir 
niclites nicht tun an d^m leibe, vnd ist das er ir den tod 
tut darüber,' vnd hant ir freunde des gezeogen siben man 
das er ir das zil gab ze komen, sy gewinnent im den leib 
an. möchte awer er das selb sibende erzeugen das si vor 
dem zil ir e geproehen hette di weil er vnder wegen was, 
er ist ein ledig man. hat awer si ir ee behalten vntz nach 
^em zil als hieuor gesprochen ist, vnd tut er ir den tod, 
er ist got schuldig au irem tode. 

Das vierde ist. ob ein herre mit g6walte zu einer 
fraun sprichet oder ir es empeutet das si in zu ir le^ oder 
er verderbe si vnd iren wirt an leib vnd an gut, ob er vber 
si gewaltig ist, vnd sagt das di fraue dem^') wirte ee das 
ir der herre pey*') gelige, vnd vindet er si darnach bey 
dem selben herren, er sol ir awer nicht tun, oder er wiri 
schuldig au ir vor got. oder ob ein man so bösse an 
seinem mute ist das sein e kon gut darumbe nymmet mit 



90) B: echte. C: äcbte. 
91} B: einexL 

92) B: irm. 

93) B: e das der herre bey ir. 



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Bookmger: HandBt^riftm gum Sehwabenspiegel. ^33 

semem willen, dew sol gftr pilUchen sich^ sein vor allem 
Tbel, vnd hallt der man darzü der ir das gut da gibt. 

Vnd ist der man dirre vier ^inge ynschnldig, so pfisset 
er nieman^^) ze recht. 

Geschlecht es auch ettwenn yber einer**) fraun willen 
das si ein man notzogt, der sol ir wirt auch an irem leibe 
nicht tun. der man wäre im kehen tode schuldig wo er in 
begreiff^ möchte. 

9. Ob zwen man vmb ein sache klagent. 

Vnd ist das ein man yor geridbte gelobt ein gewiszhait 
ymb ein sache, ynd komt ein ander ynd klagt dem richter 
auch vber den selben man ymb di selben sache da er di 
gewiszhait ymb gelobt hat, er sol im nicht antworten e das 
er ienem empristet*^ der in da d)38 ersten ansprach, oder 
wirt er schuldig, er pfisset awer niewan*^) dem einem der 
in hey dem ersten an sprach. 

Vnd enbristet**) der*®) im, ynd ist dew sache dann 
ienes der in da anderstand angesprochen hat, er sol im 
antwnrten. 

Vnd ist dew schulde halbe sein, er sol sich an ienen 
haben der da behabt hat 

10. Wie man pfenning slahen soL 

Ditze ist yon yalschen münzzen. es stet noch mer an 
disem puche yon yalschen münssen. 

Ditz püch**) hat der heilige ynd der sälige kaiser 
Karlt geseczet yber die di yalsch pfenning slahent. 



94) B: nicht. 

95) B: der. 

96) B: enbrichet 

97) C: er. 

98) B: nicht wann. 

99) B: recht 

[1867. II.2.] • 22 



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334 SÜBimg der Mstor. Ckme wm 6. JüU 1867. 

Welicher monsser valsch pfeniUBg sledit, dem sol man 
di bant abslahen. 

Wir haissen das valsch pfenning di in dem redit nicbt 
stendt als si gesezet sind, si sullen also weis sein das von 
der markch nicht eo^e wann ein setin. die pfenning süllen 
pftindig sein, na machent si di h^ren ettwo ringer. wie 
si di berren haissen machen ringer oder swärer, also sollen 
si di monzer machen, vnd dehain herre hat des nicht ge* 
walt ze rechte, das er die pfennig an der weise icht anders 
machen süU wann das ein setin von der marchk gee so 
man si ze silber prennet. vnd sind di pfenning icht^^*) 
anders, so sind si valsch. 

Weliche herren si haissen anders slahen wann als hie 
geschriben stet, so hat er des ricfaes bald verlorn. 

Vnd ist er ein p£affen forste, so sol es der römisdi 
könig dem pabst haissen klagen, der sol im sein recht ton. 
na was ist sein recht? da sol in der pabst degradiren. 
das ist also gesprochen: er sol im all sein pfafiBidi ere 
nemmen. vnd sol darnach der römisch künig vber in richtoi 
als vber einen välscher. dem gerichte ist also: er sol im 
das haabt absiahen. 

Vnd ist er ein laie der di münsse also geaelsch^ hafc, 
dem sol man auch das haabt abslahen. 

Man sol di herre dirre sache vberzengen nicht anders 
wann^®^) mit den Pfenningen, der Pfenninge so sol man 
ein mark nemen, vnd sol di^®^) sezen in einen tegel in ein 
glfit. vnd süUen im das tun vor seinen angen das er es 
gelaaben müsse vnd sein nicht gelangen möge, vnd sei 
man di pfenning prennen. vnd hant si ir recht nicht» das 
mer dann ein setin von der markt get, so sind si schuldig. 

Vnd welich münsser si siecht, dem sol man die hant 



100) B: ichtes icht. G: ichte iht. 

101) B: nicht wann. 

102) B: sy. 



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Soßkinger: H<imd$ehrifUH tum Sehwäbenspiegd, 335 

absiahen, oder welicher Wechsler oder hausgenos si mit 
wissen hin wechselt, der hat awer die hant verloren. 

Vnd wer auch einen gäben pfenning ?erwirffet der sein 
rächt hat vnd als gut ist als ich iezo gesprochen han, der 
ist dem gerichte^^') schuldig vierzig Schillinge ^^^). diselben 
Pfenning sällen dem richter halb werden, vnd ienem halbe 
des dew münsze da ist. das ist recht, wann wer einen 
guten Pfenning velschet und verwürffet, der hat den mänser 
gefelschet. seit nu der münsser so hohe püssen müs ob 
er einen valschen pfenning sledit, so wil auch er das man 
im püsse der in einen velscher haisset vnd er des vnschuldig 
ist. ye doch geschiecht es einem ainualtigen menschen das ^^^) 
nicht pessers wais noch ksm, da hört genade vber. 

Welich gemälde ein herre an sein Pfenninge sezet, vnd 
sezet ein ander herre dasselb gemeide an sein pfenninge, di 
Pfenninge sind valsch, vnd ist der herre ein väkcher. vnd 
sol man vber in richten als vber ein välscher. 

Vnd ist das iener nicht pfenninge hat der den pfenning 
da verwürflfet, so sol man vber in richten ze haut vnd ze 
har bey dem höchsten, das sind vierzig siege sol man im 
Blähen*®*) oder an einen vierzig. 

11. Ob zway dorffer kriegent. 

Ob zwai dorffer kriegent vmb ein marche, das nächst 
dorf das da bey ligt das sol sy beschayden mit getzeugen. 
das sällen sein di eltisten vnd di besten, weders dorf der 
getzeugen mer hat, das behabt sein marche. 

Mag man der nicht gehaben di also alt sind das si 
darmnb nicht enwissen, so sol man diso marche beschaiden 
als das lantrecht puch sagt. 



103) B: richter. 

104) 6: eschillinge. 

105) B: einveltigen man der. 

106) B Bchliesflt schon hier das Kapitel. 

r— 22* 



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336 8ümng der hktar. (Hobh vm 6. JtOi 1867. 

Herr Riehl hielt einen Vortrag: 
„Ueber Sebastian Bach und dessen Stellang 
zu den theologischen Parteien seiner Zeit^^ 



Herr Elnckhohn trag vor: 
„Die Wittenberger Theologen nach Melanch- 
thon's Tode". 



Herr G. Hofmann: 
Berichtigender Nachtrag za S. 171 dieses Bandes 
der Sitzangsberichte. 

Darch die Güte des Hm. Bibliotheksekretars Anmer 
bin ich jetzt in den Stand gesetzt, befriedigenden Anfsdiloss 
über den Verfasser des arabischen Zaaberbachs za geben. 
Er theilte mir aaf mein Ersuchen Folgendes mit: „Der 
arabische Verfasser des besprochenen Zaaberbaohes dürfte 
wohl der von Hadji Kh. an vielen Stellen erwähnte, von 
Wüstenfdd in seiner Geschichte der arabischen Aerzte p. 60 
and 120 besprochene bekannte Arzt Abu Dschafar Ahmed 
b. Ibrahim Ibn-al-Dschezzar (Dschezzär hat nämlich dieselbe 
Bedeutang wie Qa^gäb) sein. Im Verzeichnisse seiner 
Schriften a. a. 0. ist auch ein „Liber experimentorom*^ 
and weitors „Experimenta medica^' angeführt" 



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OeffMlU^ SUMUt^ vom S6. JmU 1867. S87 



Oeffentliche Sitzung der k. Akademie der Wissen« 

Schäften 

zur Vorfeier des Allerhöchsten Qeburts- und 

Namensfestes Sr. Majestät des Königs Ludwig U. 

am 25. Juli 1867. 



Nach den einleitenden Worten des Vorstandes der 
k Akademie der Wissenschaften, Herrn Geh.-Rathes Baron 
y. Liebig wurden folgende Wahlen verkündet: 



A. Als Ehrenmitglied: 

Seine Kaiserliche Hoheit Herr Herzog Nicolaus von 
Leuchtenberg, Präsident der mineralogischen Gesellschaft in 
St Petersburg. 

B. Als auswärtige Mitglieder: 
a. Der philosophisch-philologischen Glasse: 

1) Dr. Eduard von Kausler^ Vicedirector des k Württemberg. 
Haus- und Staats-Archives in Stuttgart. 



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388 OeffmUHche Süsung vom 25. JvHi 1B67. 

2) Ga?ali6re Giovanni Battista de Rossi in Rom. 

3) Wilhelm Henzen aus Bremen, Professor in Rom. 

4) Charles Newton, Archäolog in London. 

b. Der mathematisch-physikalischen Classe: 

1) Carlo Mattencd, Professor der Chemie in Florenz. 

2) Arcangelo Scacchi, Professor der Mineralogie in Neapel. 

c. Der historischen Classe: 

1) Marchese 6ino Gapponi in Florenz. 

2) Franz August Mignet, Sekretär der Akademie der Wissen- 
schaften in Paris. 

3) Dr. Wilhelm Röscher, Professor in Leipzig. 

4) Alexandre Herculano de Garvalho in Lissabon. 

C. Als correspondirende Mitglieder: 
a. Der mathematisch-physikalischen Classe: 

1) Don Ramon Torres Munoz de Lnna, Professor der Chemie 
an der Central-Universität in Madrid. 

2) Pater Angelo Secchi in Rom, Vorstand der Sternwarte 
des CoUegium Romannm. 

3) Henri Hureaa de Senarmont, Professor der Mineralogie 
an der ecole des mines in Paris. 

4) Friedr. Ant. Wilh. Miqnel, Professor der Botanik in 
Utrecht. 

5) Filippo Pariatore, Professor 3er Botanik in Florenz. 

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Neuwahlm. S39 

b. Der historisohen Glasse: 

1) De Leva, Professor in Padua. 

2) Dr. Georg Voigt, Professor der Geschidite an der Uni- 
versität zu Leipzig. 

3) Dr. Ottokar Lorenz, Professor der Geschichte an der 
Universität zu Wien. 

4) Dr. Max Budinger, Professor der Geschichte an der Uni- 
versität zu Zürich. 



Hierauf hielt Herr Brunn, ordentliches Mitglied der 
philosoph.-philologischen Glasse, einen Vortrag über 

„die sogenantite Leucothea der Glyptothek 
Sr. Majestät des Königs Ludwigs L". 

Diese Rede ist im Verlage der Akademie erschienen. 



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S40 Einwiäw^m von Druckschriften. 



Einsendungen von Druokscliriften* 



Von der Univemtät in KUH: 
Schriften der Universität ans dem Jalire 1866. Band 18. 1867. 4 

Von der kcneerl Leopcidino-Üaroliniechen deiUschen Akademie der 
Naturforscher in Dresden: 

Terhandinngen. 82. Band. 2. Abtheilong. 1867. 4 

Vom Hennehergischen äUerthumsforschenden Verein in Meiningen: 

Neue Beitrage zur Qesohichte deatsoken Alterthumi. 8. Liafenug. 
1867. 8. 

Vom Oewerhe-Vereinj naturforschenden (hsdlschaft und bienenwirih' 
schafüichen Vereine in JUenburg: 

Mittheilongen aus dem Osterlande. 18. Bd. 1. und 2. Heft 1867. & 

Von der pfälzischen OeseRschaft'^ für Fharmacie in Speyer: 

Neues Jahrbuch für Pharmacie und verwandte Fächer. Zeitschrift. 
Bd. 28. Heft. 1. 2. JuU und August. 1867. 8. 

Von der deutsc^itn morgenländischen Gesellschaft in Leipzig: 

a) Zeitschrift. 21. Bd. 1. und 2. Heft. 1867. 8. 

b) Indische Studien. Beiträge für die Kunde des' indischen Alter- 

thums. 10. Bd. 1. Heft. 1867. 8. 



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Einsendmigm von BrucktShrifUn, 341 

Von dir devisehm geotogisehm Oe^Jbchaft in Berlin: 
Zeitschrift. 19. Band. 1. Heft. Novbr, Dezbr. 1866. Jan. 1867. 8. 

Vom Verein für siehenbiJirgische Landeshunde in Hermannstadt: 

a) Archiv. Nene Folge. 6. Band 8. Heft. 7. Band 1. und 2. Heft. 

1866. 8. 

b) Jahresbericht Yereinsjahr 1864. 65 und 1865. 66. 8. 

c) Siebenbürgisch- sächsische Yolkslieder, Sprichwörter, Kathsel, 

Zauberformeln und Einderdichtungen. Von Friedr. W. Schuster. 
1866. 8. 

d) Siebenbürgische Chronik des Schässburger Stadtschreibers Georg 

Kraus. IL TheiL Wien. 1864. 8. 

e) Die Bömischen Inschriften in Dacien. Von Michael Ackner und 

Friedrich M;üller. 1865. 8 

f) Flora transsilvaniae excursoria. Auetore Miohaele Fuss. Cibinii. 

1866. 8. 

g) Plan 2u den Vorarbeiten für ein Idiotikon der siebenbürgisch- 

sächsischen Volkssprache. Kronstadt 1865. 8. 

Vom physikäliscfien Verein in Frankfurt a. M, : 
Jahresbericht ftLr das Rechnungsjahr 1865.66. 8. 

Von der geologischen Beichsanstäli in Wien: 
Jahrbuch. Jahrg. 1867. 17. Bd. Nr. 2. April, Mai, Juni 1867. 8. 

Von der k, preussischen Akademie der Wissenschaften in Berlin: 
Monatsbericht Mai Juni 1867. a 

Von der Universität in Heiddberg : 

Heidelberger Jahrbücher der Literatur. Unter Mitwirkung der vier 
Fakultäten. 60. Jahrgang. 4. 5. 6. und 7. Heft. April— Juli. 

1867. 8. 



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342 EinsenAmgm wm DruekMhfifUn, 



V(m Verein fu/r OesSchichU und JUerthumehmde Wes^pHuüen» m 

Müngter: 

a) Zeitschrifi für yaterlandische Geschichte and Alierthamskiincle 

3. Folge. 5. und 6. Bd. 1865. a 

b) Beitrage zur Geschichte Westfalens. Paderborn. 1866. 4. 

Von der Bedahtion des CorrespondenzblaUes für die gelehrten und 
Bealachulen Württembergs in Stuttgart: 

Ck)rre8pondenzblatt Nr. 6. 6. 7. 8. 1867. a 

Van der naturforschenden Geseüschaft in Emden: 
62. Jahresbericht. 1866. 1867. 8. 

Vom Museum Franeisco Carölinum in Line: 
ürkundenbuch des Landes ob der Ens. 4. Bd. Wien 1867. 8. 

Von der Gesellschaft der Äerzte in Wien: 
Medizinische Jahrbücher. 14. Bd. 28. Jahrg 4. Heft 1867. 8. 

Von der physikaUsch-medizinischen Gesellschaft in WikrsJmrg: 
Würzburger medizinische Zeitschrift. 7. Bd. 4. Hft. 1867. 8. 

Vom k. sächsischen Verein für Erforschung und Erhaltung vater- 
ländischer GeschichtS' und Kunstdenkmaie in Dresden: 

Mittheilungen. 17. Heft. 1867. a 

Vom Verein för Geschichte der Ma/rk Brandenburg in BeHin: 
Märkische Forschungen. 10. Bd. 1867. a 

Vom thiiTingisch-sächsischen Verem für Erforschung des vaterländi- 
schen Jkerthums und Erhaltung seiner Denkmäler in Halle: 

Keue Mittheilungen aus dem Gebiete historisch-antiquarischer Forsch- 
ungen. 11. Bd. 1. 2 1865. 67. 



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EineenättHgen von Drucksdtfiften. 848 

V(m der PoUichia, naturwissenschäfüieker Verein der BkeinpfäLs in 

Dürkheim : 

a) 22.-24 JahreoJbericht. 1866. 8. 

b) YerzeicliDisfl der in der Bibliothek der PoUichia enthaltenen 

Bücher. 1866. 8. 

Vom Mährischen Landea-Äusschuss in BrOnn: 
ürkondenbuch der Familie Teofenbach. 1867. 4. ' 

Vom VoigÜändischm-alterthumsforschenden Verein in HohenUnhen: 
'87. Jahresbericht. Weita 1867. 8. 

Vom historischen Verein für Niedersachsen in Hannover: 
ft) Zeitschrift. Jahrgang 1866. 1867. 8. 
b) Urknndenbuoh. Heft. 7. 1867. 8. 

e) Katalog der Bibliothek des historischen Vereins f&r Niedersachsen. 
1866. 8. 

Von der Jandwirthschafüichen Centrälschüle in Weihenstephan: 
Jahresbericht 14. pro 1866. 66. 15. pro 1866. 67» Freising 1867. 8. 

Von der Je. physikalisch-ökonomischen Gesellschaft in Königsberg: 

Schriften. 6. Jahrg. 1865. 2. Abthlg. 

7. Jahrg. 1866 1. und 2. Abtheilung. 1865. 66. 4. 

Von der k. k. mährisch-schlesischen Oesdlschaft zur Beförderung des 
Ackerbaues, der Natur- und Landeskunde in Brunn: 

a) Schriften der hisior.-statistischen Sektion. 15. Bd. 1866. 8. 

b) Zur Geschichte des Bergbaues und Hüttenwesens in Mähren und 

Oesterr. Schlesien. Von Ritter Delyert 1866. 8. 

Von der sMesischen OeseOschafl für vaterländische Kultur inBredau: 
44. Jahresbericht vom Jahre 1866. 1867. a 



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844 EinsendutigeH vim DrudcBtimften, 

Vom historischen Verein ßr Steiermark in CfratM: 

a) Mittheiltmgen. 15. Heft 1867. 8. 

b) Beiträge zur Kunde steiermärkisclier Geeohichtsqnellen. 4. Jahrg. 

1867. 8. 



Von der Acadhnie des edences in Farie: 

a) Comptes renduB liebdomadaires des Beances. 

Tom 64. Nr. 20—25. Mai Juin 1867. 

Tom 65. Nr. 1-^ JuiUet 1867. Vol. 65 Nr. 8. 9. 1867. 4. 

b) Tables des comptes rendos des s^ances. Deozieme Semestre 1866. 

Tom 63. 1867. 4. 

Von der geologischen Commission der schweizerischen naturfarschenden 
GestMschaft in Bern: 

Beitrage zur geologischen Karte der Schweiz. 

8. Lieferung. Die südöstlichen Gebirge von (rranbünden. 

4. Lieferung. Geologische Beschreibung des Aargauer-Jura und 

der nördlichen Gebiete des Canton Zürich. Von C. Moeech. 
6. Lieferung. Teztband. Tafeln und Karte zur 5. Lieferung. 

1866.67. 4. 

Vom Istihito technico in Fakrmo : 

Giomale di scienze naturali economiche. 

Yol. 2. Anno 1866. Fase. 2. 8. und 4. 1866. 4. 

Von der Äccademia deUe sdence in Turin: 

a) Memorie. Serie seconda. Tom. 22. 1865. 4. 

b) AttL Vol. 1. Disp. 8—7 gennaio e giugno 1866. 

„ 2. ,, 1. 2. 8. novbre e decembre 1866. gennaio, 
febraio 1867. & 

Von der SociM impMcde des naiwrälistes in Moseau: 

Bulletin. Ann6e 1866. Nr. 2.^ 8. 4. 
,, 1866. Nr. l. 8. 



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ian$enditnge» van Druckschriften, 345 

Vom der Jcaäimie in^ßSriaU des seieneeaAn 8t* PeUrsburg: 

a) Mdmoires. Tome 10. Nr. 8—16. 1866. 4. 

b) BuUetm. Tom 10. Nr. 1—4. 

„ 11. Nr. 1 imd 2. 1866. 4. 

c) M^langes phjBiqaee et chimiqaes. Bulletin. Tom. 6. 1865. 8, 

Von der Accademia ponHficia di^ nuwi Uncei in Born: 

Atti. Anno 19. Sessione I. Decbr. 1865. 

„ 19. „ 1.— 7. Gennaio— Giugno 1866. 4 

Von der Stermoa/rte in Bern: 
MeteorologiBche Beobachtungen. Septbr. Oktober. Noybr. 1866. 4. 

Von der natwrforschenden GeHUe6haft in Zürich: 

TierteljahrsBchrifb. 9. Jahrg. 1.— 4. Heft. 1864. 

10. „ 1.— 4. „ 1666. 

11. „ 1.— 5. „ 1866. 8. 

Von der Acadtmie roydle de midecine de Bdgique in Briissel: 
Bulletin. Ann^ 1867. 8. S6rie. Tom. 1. Nr. 8. 4. 5. 6. 1867. 8. 

Von der Acadtmie royäU des sciencea des lettres et de$ beaux-arls de 
Bdgique in Brüeeeli 

Bulletin. 86. ann^ 2. S6rie. Tom. 24. 

Von der hietoriechen Qeeeüechaft in Basel: 

Die Schlange im Mythus und Cultus der dassischen Völker. Von 
J. Maehly. Der naturforschenden Gesellschaft von Basel zur 
Feier ihres 6(]Sjahrigen Bestehens. 1867. 8. 

Von der onH^piarischen Oesdlsehaft in Basel: 

üeber die Minerven Statuen yon Dr. Bemvalli. Der naturforschen* 
den Gesellschaft von Basel cur Feier ihres 6€jfthrigen Bestehens. 
1867. 8. ' 



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346 Eimenäungen' von Druck$ehnfteH. 



Von der anUquariachen GesdUehaft für vateHändisehe JUefikümer m 

Zürich: 

a) Mittheilungen, Bd. 15. Heft 7. P&hlbaaten. 6. Bericbt. 1866. 4. 

b) ,y 31. Aventicam Helyetiorom. 1867. 4. 

Vom historischen Verein des Cantons Bern : 
Archiv. 6. Bd. 1. 2. 8. Heft. 1867. 8. 

Von der Äsiattc Society of Bengcd in CoIcm^: 

a) Proceedings. Title, index and appendix for 1865. 

Nr. 4—12. May— Dec. 1866. 
Nr. 1. Jannary 1867. 1866. 8. 

b) Bibliotheca Indica a coUeotion of oriental works. 

Nr. 216. 217. New Seriee, Nr. 8a 98. 96. 97. 98. 1866. & 

Von der geologicäl Survey of India in Cdleutta: 

a) Memoirs. Palaeontologia Indica. 8. 10 — 18. The fossil Cephalo- 
poda of the cretaceous Roks of Soutliern India. 1866. 4. 

b). Memoirs. Yol. 5. p. 2. Wynne. On the Geology of the Island 
of Bombay. 1866. 8. 

c) Memoirs. YoL 5. p. 8. Haghnes. T W. H. On the stmctnre of 

the Jherria Coal-Field. Stoliczka, Ferd. Qeologioal obsenrations 
in Western Tibet 1866. 8. 

d) Annual Report. Tenth year 1865. 66. a 

e) Catalogne of the meteorites. In the moseom of the geologicil 

survey of India. 1866. 8. 

f) Catalogue of the organic remains belonging to the Cephalopoda. 

1866. a 

Von der SocUti roydle des sciences in LüUich: 
Memoires. 2. S^rie. Tom 1. 1866. 8. 

Von der SociHi d' Anthropologie in Paris: 

Bulletins. Tom 1. 2. S4rie; 5"« Fascicule. Juillet— Decembro 1866. 
Tom IL 2. S6rie. 1 Fascicule. Jan.— Mars 1867. A 



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Einsendmtgen vm Drueksehriften. 347 

Van der Chemiedl Society in London : 

JoornftL Ser. 2. Vol. 4. Octbr.— Decbr. 1866. 

„ 2. „ 6. January—June 1867. 8. 

Von der BoycU OeograpT^al Society in London: 
Proceedings. Vol 11. Nr. 2. 1867. 8. 

Von der Oedlogicäl Society in London: 

Qoarterly Journal Yol. 28. Pari. 2. Nr. 90. Mai 1867. 1. 8. 

« 
Von der SociiU Vaudoise des eciences naturelles in Lausanne: 

Bnlletin. Yol. 9. Nr. 56. 67. Deoembre 1866. Join 1867. 8. 

Von der dänischen Gesellschaft der Wissenschaften in Kopenhagen: 

ForbandÜDger og dets Medlemmers Arbeider i Aaret 1865. Nr. 4 

„ „ 1866. Nr. 2-6 
„ „ 1867. Nr. 1—8 

Von der Brovinciaal Utrechtsche Oenootschap v€M Künsten an Weten^ 
Schoppen in Utrecht: 

a) Aanteekeningen van het verhandelde in de Soctie- yergaderingen, 

gehoaden in hei jaar 1866. 8. 

b) Yerslag van het verhandelde in de algemeene Yergadering ge* 

houden den 17. Oktober 1866.^ a 

c) De wettelgke Bew^sleer in Strafzaken iloor Mr. W. Modderman. 

1867. 8. 

Vom Surgeon Oenerai's Office in Washington: 

Beports of Rvt Brig. Qen. D. C. Mc. Callum and the proTOSt mar* 
shal Generals. Part. 1. 2. 1866. 8. 

Von der Umversität in Leyden: 
Annales Academid 1862. 63. Lngdani-BataTonim 1866. 4. 



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348 Eimendimgen wm DrudcaaSurtfUn. 

Von der SoeiM Hdüandaüe des seienees t» HarUm: 

a) Aroliiyes Neelandaises des seienoes exactes et naturelles. 

Tom 1 und 1 5"« livraison. 
„ 2 „ 1 und 2. livraison. 1866. 67. 8. 

b) Natuurkundige Yarhandelingeo. 20. 22. 24 Deel. i. 

c) Beitrage zur Eenntniss der Feldspathbildung yon C. F. Weiss. Ge- 

krönte Preisschrift. 1866. 4 

d) Untersuchungen über die Form des Beckens javanischer Frauen 

von Dr. T. Zaayer. 1866. 4. 

e) Die Basaltbildung in ihren einzelnen Yerb&nden erUutert von 

L. Drossel. Preissohrift. 1866. 4. 

Von der B. Accademia economico-agraria de^ Georgoßi in Ftorem: 

a) C!ontinuazione. Nuova Serie YoL 18. Disp. 3 und 4. 1866. 

b) Parte istorica 1867. Dispensa 1. 2. 1867. 8. 



„ „ „ 14. „ 1. 1867. Nr. 47-'4a a 



Vom Verein für Oeschichte und ÄUerthümer in Odessa: 

Sapiski Odesskago obschtschectwa. Denkwürdigkeiten des Yeroins. 
• Bd. 6. 1867. 4. 



Von der SociHi de Fhysique et d^histoire naturdle in Genf: 
Memoires. Yol. 19 p. 1. 1867. 4. 

Von der SociStS d^histoire de-la Suisse Bomande in Lausanne: 
Memoires. Yol. 22. 1867. 8. 

Vom Lyceum of Natural History in New-York: 
Annais. Yol. 8. Nr. 11. 12. 18. 14. 1867. a 

Von der Califomia Axademy of Natural Seienees in San Francisco: 
Proceedings. YoL 8. p. 2. 3. 1864--66. 8. 



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Einsendungm von Drucl^hriften, S49 

Von der Hiatoriedl Society af Penneylvania in New-Tork: 

Thirty eight annual report of tlie Inspectors of tlie State Peniten- 
tiary. 1867. 8. 

Vom Office of the American Ephemeria and NauHcal Älmanac in 
Washington- 

Schabert. Tables of Eunomia. 1866. 4. 

Vom Bureau of Navigation in Washington: 

The American Epbemeris and Nautical Abnanac for the year 1868. 
1866. 4. 

Von der American Academy of Arts and Sciences in Boston: 
Proceedings. Vol. 7. Bogen 13—23. 1866. 8. 

Von der Academy of Natural Sciences of Philadelphia: 

a) Proceedings. Nr. 1—5. Jan.— Decbr. 1866. 1867. 8. 

b) JourDaL New Series. Vol. 6 p. 1. 1866. 4. 

Vom Observatory of Harvard College in Cambridge: 
Annais. JTol. 2. p. 2. 1864--1855. 1867. 4. 

Von der National Academy of Sciences in Washington: 
Memoirs. Vol. I. 1866. 4. 

Vom Ohio State Board of Agriculture in Cohmbus Ohio: 
20. Jahresbericht für das Jahr 1865. 1866. 8. 

Vom Essex Institut in Salem, Massach.: 

Proceedings. Vol. 4. Nr. 1—8. Jan. -Decbr. 1866. 
„ 5. Nr. 1. 2. 1865—66. 8. 
[1867. U. 2.] 28 



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350 Ein$endungcH von Drt^cksehrißen, 

VoH der Boston Society of Nc^wral Hietory in Boston: 

a) Memoire. Vol 1. p. 1. 2. 1866—67. 4 

b) Prooeedings. Vol. 10. Bogen 19—27. Schlüss. 

„ 11. „ 1—6. 1866. 8. 

c) Gondition and Doings May 1866. 8. 

Von der Connecticut Academy of Ärts and Sciences in New-Haven: 

a) Transactions. Vol. 1. p. 1. 1866. 8. 

b) The American Journal of Ärts and Sciences. 

Vol. 42. Nr. 124—126. 
„ 43. Nr. 127—129. 1866—67. 8. 

Von der Smithsonian Institution in Washington: 

a) Smithsonian Misoellaneons Collections. Yol. 6. 7. 1867. S. 

b) Annual Report of tbe Board of Regents of the Smiihsonian In- 

stitution for the year 1865. 1866 8. 

c) Pumpelly, Geological Researches in China, Mongolia and Japan 

during the years 1862 to 1865. 1866. 4. 

Vom United States Naväl Ohservatory in Washington: 
Astronomical Observations during the year 1851 and 1852. 1867. 4. 

Vom Secretary of War in Warhingtoni • 

Report, witli accompany in papers. 1866. 8. 

Von der Natural History Society of Montreal: 
The Canadian Naturalist New Series Vol. 8 Nr. 1. 1866. a 

Von der Commission hydromitrique in Lyon: 

Resume des Observations recueillees dans les bassins de la Saone, 
du Rhone et quelques autres r^gions. 1866 — 23"*« Ann^e. 8. 

Vom Beale Istüuto Lombardo di sciente e lettere in Mailand: 

a) Memorie. Classe di scienze matematiche e natorali. Vol. 10. 
1. Della Serie 8. Fascicolo 8. 1866. 4. 



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Einsendungen yon Druckschriften. 351 



b) Meraorie. Glasse di lettere e scienze morali e politiche. Yol. 10. 

1. Della Serie 3. Faso. 3. 4. 1866. 4 

c) Rendiconti. Classe di scienze matcmaticbe e naturali. 

Vol. 2. Fase 9—10. Septbr.— Decbr. 1865. 
„ 3. ,, 1—9. Gennajo— Novbr. 1866. 8. 

d) Rendiconti. Classe di lettere e scienze morali e politiche. 

Vol. 2. Fase. 8—10. Agosto- Decbr. 
„ 3. „ 1—10. Gennajo— Decbr. 1866. 8. 

e) Solenni Adonanze del 7. Agosto 1866 6. 
f> Annuario 1866. 8. 

g) II secondo congresso intemazionale sanitario ed il regno d'Italia. 
1866. 8. 



Vom Herrn Bruno Hüdebrand in Jena: 

Statistik Thüringens. Mittheilungen des statistischen Bureaus ver- 
einigter thüringischer Staaten. Band 1. 2. und 3. Lieferung. 
1867. 4. 



Vom Herrn Christ. Lassen in Bonn: 
Indische Alterthumskunde 1. Bd. 2 Hälfte. Leipzig 1867. 8. 

Vom Herrn A. Orunert in Greif «wald: 

Archiv der Mathematik und Physik. 46. Thl. 4 Hft. 

47. „ 1. u. 2. Hft. 1866. 67. 8. 

Vom Herrn B. Clausius in Braunsclnoeig ; 

Abhandlungen über die mechanische Wärme-Theorie. 2. Abthlg« 
1867. 8. 

Vom Herrn H, Knoblauch in Halle: 

a) Ueber die Interferenzfarben der strahlenden W&rme. Berlin. 

1867. 8. 

b) üeber den Durchgang der Wurme und Lichtstrahlen durch ge- 

neigte diathermane und durchsichtige Platten Berlin 1866. 8. 

23* 



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352 Einsendungen van Druckschriften, 



Vom Herrn C. Nett in Frankfurt a. M,: 

Der zoologische Garten. Zeitschrift für Beobachtung, Pflege und 
Zucht der Thiere. 8. Jahrg. 1867. Nr. 1—6. Jan.— JunL 8. 



Vom Herrn J, B. Mayer in Stuttgart: 
Die Mechanik der Wärme. 1867. 8. 

Vom' Herrn Äug. Mar. Franke in Dresden: 

Neue Theorie über die Entstehung der krystallinischen Erdrinde- 
schichten. 8. 

Vom Herrn Theodor Pyl in Greifswald: 
Pommersche Geschichtsdenkmäler. Zweiter Band. 1667. 7. 

Vom Herrn J, Dienger in Braunschweig: 
Grundriss der Varia tions-Rechnung 1867. 8. 

Vom Herrn C. H Davis in Washington: 

Astronomical and meteorological obsenrations made at the nnited 
states naval observatory during the year 1864. 1866. 4. 

Vom Herrn Gustav Hinrichs in Jowa: 

Atomechanik oder die Chemie eine Mechanik der Panatome. Jowa- 
City 1867. 4r 

Vom Herrn Boucher de Perthes in Paris: 
Des idSes innres: de la memoire et de Pinstinct. 1867. 8. 

Vom Herrn F, J. Pictet in Genf: 

Melanges Pal6ontologique8. Deuxiöme Livraison. Faune de Berrias. 
18C7. 4. 



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Einsendungen von Druckschriften. 353 



Vom Herrn C. Tiazzi Smyth in Edinburgh: 

Life andworth at the grcat pyramid daring the months of January, 
Febniary, Marcb, and April with a discussion of the facts ascer- 
tained. Vol. 1. 2. 8. 1867. 8. 



Vom Herrn Bobert Main in Oxford: 

Astronomical and meteorological obserrations made ad the radliffe 
observatory Oxford in the year 1864. Vol 21. 1867. 8 

Vom Herrn P. Duchartre in Paris: 

Elemens de Botaniqne, comprenant Panatoroie, rorganogTraphie, la 
Physiologie des Plantes, les familles naturelles et la geographie 
botanique. 1867. 8. 

Vom Herrn C. M. Marignac in Paris: 

Essais snr la Separation de TAcide Niobique et de TAcide Titanique 
analyse de l'aeschynite. 8. 

Vom Herrn G. J, Adler in New- York: 

a) Wilhelm von Humbold t's linguistical studies. 1866. 8. 

b) The poetry of the Arabs of Spain. 1867. 8. 

Von den Herren W. Fischer, H. Schweizer-Siälcr und Kiessling in 

Basel: 

Neues schweizerisches Museum. Zeitschrift für die humanistischen 
Studien und das Gymnasialwesen in der Schweiz. 6. Jahrgang. 
8. Vierloljahr'.eft. 1866. 8. 

Vom Herrn Baidassar e Poli in Mailand: 

a) Del lavoro messe a capitale e della sua applicazione agli scienzi 

ati e letterali italiani 8. 

b) Suir insegnamento dell economia polilica e sociale in Inghil- 

terra. 8. 



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354 Einsendungen von Druckschriften. 



Vom Herrn Luigi Magrini in Mailand: 

Salla importanza dei cimelij scientifici e dei manoscritti di Ales- 
sandro Volta 1864. 8. 



Vom Herrn K W. Ludeking in Heidelberg: 

Natuur en Geneskundige Topographie van Agam (Westkust yui 
Sumatra). Sgravenhage 1867. 8. 

Vom Herrn Emest Trumpp in FfuHngtni 

SindhiLiterature. The divan of Abd-Al-Latif. Shäh, known by Ihe 
name of Shaha J<J Risal9. Leipzig 1866. 8. 

Vom Herrn Giuseppe Milani in Mailand: 
Sulla scrofola. 1862. 8. 

Vom Herrn Studer in Bern: 

Die Chronik des Mathias von Neuenburg. Nach der Berner- und 
Strassburgerhandschrift mit den Lesarten der Ausgaben von 
Cuspinian und Urslisius. Zürich 1867. 8. 

Von den Herren Hirsch und Plavtamour in Genf: 
Nivellement de precision de la Suisse. 1864. 4. 

Vom Herrn A, Scacchi in Neapel: 

a) Sulla poliedra delle faccie dei cristalli. 1862. 4. 

b) Meraorie geologiche sulla Campania e relazione deir incendio ac- 

caduto nel Vesuvio nel mese di Fobbrajo dei 1850. 4. 

c) Della polisimmetria dei cristalli. 1867. 4. 

d) Sülle combinazioni della litina con gli acidi tartarici. 1866. 4 

e) Esperienze sul cambiameuto dei cristalli di nitrato di strontiana 

idrato in cristalli anidri e di questi in quelli. 4. 

f) Prodotti chicaici cristallizzati spediti alla esposizione universale di 

Parigi. 1867. 4. 

g) Dei Bolfati doppi di manganese e potassa. 1867. 4. 



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Einsendungen von Druckschriften. 355 



h) Della humite e del peridoto del Yesuvio. 1850. 4. 

i) Della polisimmetria e del polimorfisnio dei cristalli. 18ii5 4. 

k) Dei tartrati di stroDziana e di barite. 1863. 4. 

1) Del paratartrato ammonico-sodico. 1865. 4. 

Vom Herrn Cristoforo Negri in Florenz : 

a) La storia politica dell' antichitii peragonata alla modern a. Vol. 1. 

2. 3. 1867. 8. 

b) Memorie storico^politiche sugli antichi greci e romani. 1864. 8. 



Vom Herrn M, A. Quetelet in Brüssel: 

a) Memoire sur la temp^rature de l'air a Bruxelles. 1867. 4. 

b) Meteorologie de la Belgiquo comparee a celle du globe. 1867. 8. 

c) CommuDications. Sor le 17. volume des annales de Tobservatoire 

royal de Bruxelles. 1866. 8. 

d) Deux lettres de Cbarles-Quint a Francois Rabelais. 1866. 8. 

e) De lois mathematiques ooncernant les etoiles filantes. 8. 

f) Communications. Observations des etoiles filantes periodiques de 

Novembre 1866. 8. 

g) Etoiles filantes. Publication des annales meteorologiques de Tob- 

servatoire royaL Sur Theliographie et la selenographie. Orages 
observes a Bruxelles et a Louvain du 7. Fevrier jusqu'ä la fin 
du Mal 8. 

Vom Herrn Emilio Boncaglia tu Modena: 
ninsioni commedia. 8. 

Vom Herrn Oiorolamo Oalassini in Modena: 

Del miglioramento delle condizioni fisiche e morali del proletario 
specialmente rurale etc. 1865. 8. 

Vom Herrn Domenico Mochi in Modena: 

Gon quali mezzi, oltre i religiosi, possa neir odiema societä re- 
staurarsi il principio di autorita eta 1865. 8. 



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356 Einsendungen von IhuchicJirifl&i. 



Vom Herrn Ä, Sprivß /» Lüttlch: 

Symtomatologie ou traite des accidents morbides. Tom. l. I il t. 
Fase. 1866. 67. 8. 



Vom Herrn Casimir Bichaud in Eom: 

a) Sur la resolution des equations x"— x* = L 18C0. 4. 

b) Note sur la resolution de Tequation x'-|-(x~hr)"-|-x-|-2r)^,. 

+ [x+(ii — l)rf=:yl 1867. 4 

Vom Herrn Eughne Ciiiahm tn Rom: 

a) Note sur un probleme d'analyse indtterminee, ItH^ti 4, 

b) Sur quelques questiones relativesaux. f€inctionsdlipUi|iia«. 1807. 4« 

• Vom Herrn Ottav. Fdbriiio Momoti in Mttmt 

Intorno ad un passo della divina comniedia di Dantö AlLighien. 
1865. 4. 

^ Vom Herrn M. Aristide Wöepcl'e ift Bm$: 

Introduction au calcul Gobari etHawäl trnite d^üiritlimeUqiie Irtdoil 
de rarabe. 1866. 4 



Vom naturwissenschaftlichen Verein für Sachsen uml Thürifi*jw» im 

Halle: 

Zeitschrift der Naturwissenschaften, Jalrgang 1S67. 2^J. BaniL 
1867. 8. 



Von der deutschen geologischen GeuUschaft in Bertin: 
Zeitschrift. 19. Bd. 2. Heft. Februar^ Mäi-Ä, April imi. 8. 



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Q h a 



Pmnih Üeb€rdi#Ut<?r^tttrdcr Aiict*^ i 

Hofsittiti: 1} Zqiii »lU^mftiiiMilien Ltttdco Cbriiti uu 

3) Zur Gudntf) 
,, r der BiAcbUmir ^ ^«^ ^ ^' 1^ 



MiifhfPHiiisch'phjifsikülisckc Clame, Sitrmtff t^ 

Seiilel: Etn Beitmg tur ß^nlitiuiiiinf der Omn: 

dor W*ge gteg«t>«rir% ermelibftrea Oenaiyg« 
Kuhur BeiiNTkiuigcQ über BUt»K!liliigo ..... 

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Jii$toriscke Claue. BÜMmig Dom i7. J.^ 



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^Ktttokliolia: IHa Witten l»«r|ref Tliistilc)f^«n oeeli Ut\ 
he Sitxuntj mtr Vorfeier ties Ali 



t;i£ii^^diu}fen Ttia DrüUutiLrifU- 



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zu Münche«. 



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•'^SY'I^ 



>f Oi,,ibor». 



Sitzungsberichte 



der 



kOnigl. bayer. Akademie der Wissenschaften. 



Philosophisch -philologische Classe. 

Sitzung vom 9. November 1867. 



Herr H o f m ann übergiebt den Schloss semer Bemerkungen : 
„Zur Gudrun". 

Str. 297,4 ist wohl nicht guotes zu ergänzen, sondern 
WM sie da veüe hiten. 

Str. 299,4 1. schapei unde vingerl, um die vierte Heb- 
ung zu beseitigen, die, von Eigennamen abgesehen, immer 
eine sehr störende Wirkung macht 

Str. ß08,4. gewiBBet mit golde heisst nicht: mit Otold 
angefüllt, wie B. deutet, sondern wie das Mhd. WB. richtig 
erklärt, bedeckt, überzogen. Der Ausdruck kömmt noch in 
der technischen Sprache vor, einen Altar fassen = das 
Sdmitzwerk daran vergolden. An einer andern Stelle der 
Gudrun muss vaa^en allerdings die Bedeutung füllen haben, 
1131,2 8. Mhd. WB. sub voc. Nr. 6. 
[1867. n. 8.] 24 



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358 SiteuHg der phüoa.-phikl Qa89e wm 9, November 1867. 

Str. 3^2,3 1. ufkse sie besaezen bt im fürsten ridie. Der 
Vers bedeutet nicht, so lange sie in seinem Furstenreiche 
sich aufhielten, wie B. und Simrock ihn fossen, sondern, 
bis sie von ihm die versprochenen fürstlichen Lehen (y{^ 
Str. 316) in Besitz bekommen würden, so lange sollten sie 
seine Tischgäste sein. 

Str. 333,2 1. dir = daa er d. h. gegen Horant konnte 
Niemand aufkommen, der behauptet hätte, besser als er ge- 
kleidet zu sein. 

Str. 346,3. Die Wiedörhohing von bürge aus der vori- 
gen Zeile ist ungesdiickt. Die Stelle ist corrupt; denn Weib 
u^d l(iad «itsen^ nicht blosa in dar Burg^ sondern in dem 
besonderen Theile derselben, welcher in allen germanisdien 
Sprachen bür = das Frauengemach, heisst. Man lese da- 
her oder MU er in büre oAp unde hint? 

ich waene sie getriidet von Mner hende seilten sint 

In dieser Bedeutung war fiir das Mhd. das Wort bür 
schon veraltet, daher der Sdireiber bürge dafür setsen 
musste. 

Str. 350,4 1. von den mUien erben bdibe ich irnier 
jdres friste staete. B. und Simrock haben die Stelle nicht 
verstanden. B. erklärt: Innerhalb Jahresfrist will ich da- 
heim sein. S. ungefähr ebenso: mir wird mein Land wohl 
wieder binnen Jahresfrist und" wenig Tagen. Bs hftidelt Mh 
hier um die Anwendung einer land*- und lehtereobtlidien 
SatBHng. Binnen Jahr und Tag konnte» Erbe und Lehen 
nicht rechtsgültig dem Besitzer und seinen Erben eotsogen 
werden, vgl. Sachsenspiegel I. 38 §. 2« Die Sk jitr unde 
duck in dea r^es ächte stn^ die dSU man reehOis^ unde 
verdSU in igen unde Un^ dat I6n den herren lediähj ded 
(gen in die Jcomnglikm gewoiU. Ne Üet de erwn nickt üt 
üt der hmingUken gewaU binnen j6r unde Sage mit itme 
ide^ se verleset it mit scment jeneme, it ne neme in eokttidt^ 
dat se nicht vore hörnen ne mögen. Diess ist die HauptsteUe, 



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Hofmcmn: Zur Gudrun. 359 

feniOT ni, 34 §. 3 (von der Abdacht) U, 41 §. 2 n. s. w. 
Im ßehwabenspiegd findet dch die gleiche Stelle Landrecht, 
45 (Lassb.), aasserdem Tgl. Lebenrecht 11, 26 Schluss, 
42Schla88, 62 Anfang, 76 Anfang, 85. Deatsch. Spieg. S.58. 

Str. 351,1 1. D6 sie von dannen giengen, u. s. w. um 
die Verbindung mit dem folgenden herzustellen. 3 1. titzens 
Ton stat regiert oder Be sitzen. 

Str. 364. äo2^ so geradewegs mit B. zu verwerfen, weil es 
sonst nicht vorkömmt, ist schwerlich erlaubt. Wenn wir es 
▼on toi ableiten, so können wir es einfach im Sinne unseres 
herumtollen = herumtreiben, jagen, nehmen. Ln zweiten 
Verse gibt begozzen brant einen sdilechten Vers und ein 
barockes Bild; denn einen schwitzenden Menschen mit einem 
begossenen Feuerbrand zu vergleichen, ist schwerlich dem 
Dichter eingefallen. Ich halte brant für verlesen für bräte^ 
demi das ist bekanntlich das Qimile, welches heute nodi 
wenigstens in ganz Süddeutschland allgemein vom Schwitzen 
gebraucht wird und zwar ein £Euiiiliärer aber durchaus kein- 
unedler Ausdruck ist. Hatte der Schreiber einmal brat für 
hrant genommen, so musete er den Brand natürlich aadi 
begiessen, um ihn dampfen zu lassen. 

Ich lese also die ganze Strophe so: 
Hagenen sSre tolte der Jcünstdose man^ 
daz (üsam ein br&te riechen began 
der meister von dem jünger, ja was er starc genuoCj 
der wirt ouch st$iem gaste siege unmaezltchen duoc. 

Uebrigens will idi nicht in Abrede stellen, dass die 
Vergleichung eines Zornigen, Erhitzten mit einem Brande 
zulässig ist. Biterolf V. 11123 

Dieterich roch sam ein kolj 
dd diz Wolf hart gesprach. 

Freilich darf man hier an Dietrichts Feuerathem denken 
und der Zusatz begozzen findet sich audi hier nicht; mit 
brani allein aber lässt sich der Vers nicht herstellen. Am 

24* 



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360 SUgung der phüoe.'phiM. Glosse vom 9, November 1867. 

weitesten in der Anwendung des Vergleiches geht das gro- 
teskobscöne Turney von dem caers (v. Keller, Erzähhmgen 
S. 443—459), wo es S. 456 Z. 35 heisst: die apHssyn 
dünst reckt als eyn smytte. Findet man übrigens meine 
Erklärung von tolte zu gewagt, (und ich muss selbst zuge- 
stehen, dass sie es ist), so lässt sich mit Hülfe der hand- 
schriftlichen Lesung doch eine Emendation gewinnen, die 
dem Ueberlieferten die wenigste Gewalt anthut und sich in- 
nerhalb des bekannten mhd. Sprachgebrauches hält. Fasst 
man nämlich dolte in seiner gewöhnlichen Bedeutung, so 
kann der dazu gehörige Accusativ nicht wohl in den künste- 
losen man gesucht werden; er niuss vielmehr in sere stecken. 
Man kann diess vielleicht als Accus, des st. Fem. sere (Leid, 
Betrübniss) fassen und dann lesen: der künstdöse man d. h. 
der arglose Hagene. Doch würde ich in diesem Falle 
lieber annehmen, dass sere für swere = stoaere (molestiam) 
verlesen ist, wodurch jede vom Buchstaben der Ueberliefer- 
üng weiter abgehende Aenderung unnöthig würde, auch 
vom für den wegfiele. Ich schlage also vor: Hagene swaere 
dolte der künstdöse man. Fasst man dagegen stoaere als 
Adverbium und bezieht dolte auf den Mnsteldsen mctn^ so 
wäre die Sache noch einfacher: Hagano aegre stiStinuU 
virvm armorum imperitum. 

Bei unserer noch immer so lückenhaften Eenntniss des 
mhd. Sprachschatzes und Sprachgebrauches ist es nidit zu 
verwundem, wenn sich für eine Stelle selbst im engste 
Anschlüsse an die HS. zwei, drei Emendationen bieten, 
zwischen denen die Entscheidung schwankend bleibt. 

Das Wort brant kömmt an einer zweiten Stelle der 
Gudrun vor, wo es nicht minder unglücklich erklärt worden 
ist. Str. 514,2 schlägt Hagene auf Watens Helm und um- 
gekehrt, dass da sack manic degen das fiwer üs hdmen 
stieben sam die röstbrende. „Gleich lichten Feuerbrän- 
den^' übersetzt Simrock, und Bartsch erklärt: Feuerbrand, 



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Hofinann: Zur Chtdnm. 361 

ein angebranntes Stück Holz. Wieder eines jener barocken 
und naturwidrigen Bilder, die nicht wirklichen Dichtem, 
sondern nur modernen Uebersetzem und Erklärem gut genug 
sind. Funken, die aus Helmen stieben, sehen nicht aus, 
wie herumfliegende angebrannte Holz^tücke, sondern' wie die 
Fanken, die unter dem Schmiedehammer aufstieben, d. h. 
die rostbrende = der sog. Hamm erschlag, wie sie nach der 
Erkaltung genannt werden. In dei* Schweiz wird rdst = 
strues und rost = aerugo in der Aussprache heute noch 
scharf geschieden. 

Str. 368,2 1. ir sprächet, ir weit lernen u. s. w. Der 
Wechsel des Tempus ist hier logisch nicht zu beanstanden. 

Str. 372,1 an einem äbent, wie die HS. und alle Her^ 
ausgeber, auch Wackemagel im LB. bis ajQf B. haben, ist 
grammatisch falsch; denn der Dativ von ähent heisst ähende 
oder äbunde. B. setzt üf einen äbenty unnöthig; denn an 
einen ähent ist vollkommen richtig, da man sagt o» eine 
jbU oder üf eine ztt, an oder üf eine stat u. s. w. 

Str. 372,3 L mit hirlicher stimme. s6 ist unnöthig. 

Str. 380,4 1. der gast was wol beraten. Es heisst nicht, 
wie B. erklärt: etwa mit Zuhörern oder allgemeiner: dem 
Gaste ging Alles nach Wunsche, sondern: der Gast hatte 
richtig gerechnet, indem ihn die Königstöchter nun vnrk- 
Uch hörte. Simrock lässt vorsichtig stehen „war wohl be- 
rathen^', worunter sich jeder denken kann, was ihm am 
besten scheint. 

Str. 381,2 daa muss in da geändert werden; denn 
dass die entzückten Zuhörer neben Hörants Stimme auch 
auf das Verstummen der Vöglein horchen sollen, heisst ihnen 
zu viel zugemuthet. Z. 3 1. doene vergäaen. 

Str. 382,1. 2. 1, Do im wart gedanket van wtbenundeman, 
dd sprach von Tenen Fruote: min neve mohte Idn 
stn ungefüege doene u. s. w. 

Ich will hier eine allgemeine Bemerkung einflecbten, 



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368 SiUung der phaoB.-pkM, CUuBe vom 9. November 1867. 

die an jeder Stelle passt. Ein besonderer poetischer Vor* 
zog der Gndrun besteht darin, dass die Strophe wo mög- 
lich nur einen Satz bildet, wodurch dem Staocato, welohei 
jede Strophentheilung nothwendig und nachtheilig in dem 
q>i8chen Flusse hervorbringt, ein natürliches Gegengewidit 
gegeben wird, dessen Wirkung für mein Gefühl wenigstens 
eine höchst melodische bt. Die alte vierzeilige Strophe der 
Nibelungen war für den reicheren, der typischen Form ent- 
wachsenen Ausdruck der klassisch werdenden mittelhodt* 
deutschen Sprache zu eng, ebenso wie der Stabreim einer 
freieren und tieferen Entwicklung des Gedankens geopfert 
werden musste. Daher ihre von richtigem Kunstgefiihl ge- 
leitete Erweiterung einerseits in der Gudrunstrophe, und 
ihrer Fortbildung im Titurelmetrum , auf der andern Seite 
in den längeren Sätzen der späteren Volksepik, die einen 
ganz anderen künstlerischen Eindruck machen. würden, warn 
sie von Dichtern ersten Banges gehandhabt wären, wie die 
Ariosto- und Spenserstanze zeigen. Ganz kurze Sätze im 
Gesänge wie in gebundener und ungebundener Bede ver- 
langen zu voller Wirkung eine Mächtigkeit des Inhalts, die 
bei breiter und ruhig fliessender Darstellung nicht in jedem 
Momente sich ansammeln kann, daher der öde Eindruck, 
den zerhackte Strophen und Melodieen auf tms machen. 
Deshalb suche ich in der Gudrun wo möglich in jeder 
Strophe eine syntaktische Einheit mit Entfernung d^Zwischeoi- 
schlusspunkte. 

Str. 386,2 ist E. Martins Emendation unbedingt anzu- 
nehmen, nur dürfte statt triutecUchen zu lesen sein trüä^ 
Itchen, welches im Alt- und Mittelhochdeutschen wirUidi 
belegt ist, vgl. Graff V, 473, Mhd. WB. III, 112., während 
für jenes ein Nachweis zu fehlen^ scheint. 

Str. 391,2. mifmert braucht nicht angetastet zu werden, 
dagegen ist charen, wie mir scheint, verlesen für cehoren] 
also sich oder sin minnert in ze hoeren da van der pfaffen 



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aam =? Pfaffensaog und GlockenUang aobteteo sie geriog, 
vwsassen sie über Hdranto Lied, dd von 4er pfuiffe sanc 
halte ich daram für Qpstatthaft, weil es nur auf den Inhalt 
dessen, was der Pfaffe singt, gehen kann. Von dem ist aber 
hier keine Rede, sondern von der schönen Stimme und dem 
kunstreichen Gesänge, minmem ist ahd. nnd mhd. hinlädi^ 
lieh bel^ 

Str. 392,4 I. B'äbenis oder des 4beHt8, da der Vers 
sonst eine Hebung zu viel hat. 

Str. 897,1. 2. kristen darf nicht durch die Cäsur von 
menscke getrennt werden, man lese die nie hristen mensche 
gdenUe stt noch L Was AmiU ist, hat man bisher nicht 
gewosst, doch vermuthet, es sei ein orientalisches Wort. 
Ich kann es nun wirklich im Arabischen nadiweisen, wie- 
w<^l damit freilich nicht gesagt ist, dass beide Namen 
sich decken müssen. Unter den südarabischen Stäaunen 
der kehl&nischen Familie heisst einer Amüeh^ wie drei 
Autoren, welche davon handeln, Ihn Eoteibah, Ibn Doreid 
und Ibn Abd BabbiM^ übereinstimmend angeben. Man 
sehe die Tafel bei v. Kremer Südar. Sage S. 30. Wie ein 
solches arabisches Wort in die Gudrun kommen konatOi 
wer wird das ergründen? Dass es möglich, will ich an 
einem andern nachweisen, von dem mit Sicherheit behauptet 
werden kann, dass es seinen Weg von Südarabien nach 
Norwegen gefunden hat Unter den norwegischen Volks* 
märohen (Norske Folkeeventyr von P. Chr. Aslqömsen and 
Jöigen Moe, Christ. 1852) handelt das 27te S. 145 vom 
Soria-Moria-Schloss, webhes so weit entfernt ist, dass der 
Held Halvor Mond und Westwind befragen muss, um 
den Weg zu erfahren, und mit letzterem hinzureisen. Nun 
liegen wirklich im Südosten von Arabien der Weihrauch- 
käste gegenüber zwei Inseln, die Cooria Mooria heissen und 
zu denen von Aegjrpten aus, dem Lande, wo 1001 Nacht 
seine letzte Gestalt, gewonnen hat, ganz richtig der Nord- 



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364 Siimng der philö$.*pMM. CUum v<m 9. November 1867, 

Westwind führt. Hier wird man die Identität der Namen za- 
geben müssen und dass Soria Moria nur aus dem Arabisdien 
kommen kann^ wfthrend das Märdien sonst eine ganz nationale 
norwegische Färbung hat. In 1001 Nacht stdit dafür die 
Insel Wäkwäk im indischen Ooean, „wo die Mädchen aof 
Bäumen wachsen^', deren reale Grundlage Humboldt in dem 
Essai critique nachgewiesen hat. 

Es bleibt nun noch der 3. und 4. Vers von 397 zu 
betrachte. Dass kein Christenmensch die Weise von Amile 
jemals anders als auf der wilden Fluth gelernt habe, ist 
eine Sonderbarkeit, die, wie mir scheint, nidit dem Dichter 
zur Last fällt. Bezieht man das Lernen auf Hörant, so 
schliesst sich auch der 4. Vers ungezwungen dem einheit- 
lichen Bau der Strophe an, wobei die hässlidie Vier- 
hebigkeit der ersten Hälfte durch Umsetzung sehr leicht be- 
seitigt wird. Ich ändere also: 
waefiy er sie gehörte üf dem toilden fluote^ 
da mite ise hove diente Horant der sneüe degen guote. 

Hörant^ meint der Diditer, habe die Weise auf einer 
seiner weiten Meerfahrten gelernt. Die mythologische Be- 
ziehung auf Meerfrauen, Sirenen, Strömkarl, Nix und wie 
alle die dämonischen Tonkünstler heissen, wird dadurdi 
freilich sehr zurückgedrängt, bed^iken mr indess, dass diese 
Strophe mit ihrer weithergeholten (Gelehrsamkeit doch ohne 
Zweifel eine jüngere ist, so wird ihr Ausfall weniger zu be- 
deuten haben. 

Dass die primitive Anschauung, welche antiiropomar* 
phisch in den wilden und geheimnissvollen Tönen des Meeres 
die Quintessenz menschlicher Sing- und Saitenkunst yerkörpert, 
nicht bloss im Norden zu Hause war, zeigt ausser den im 
Altfr. häufig Torkommenden Seraines Sirenen besonders 
schön die spanische Romanze vom Urafen Amaldos (Primär 
▼era von Wolf und mir, Nr. 153), der an einem Johannia- 



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HefiiMim: Zwr Ouärm. 366 

morgen das Glück hatte, die Galeere mit dem Zaabersänger 
za erblicken, 

marinere que la manda 
diciendo viene un cantar 
que la mar facia en calma^ 
los vientos hace ammnar, 
los peces que andan 'nel hondo 
arriba los hace andar 
las aves que a/ndan volando 
en d mastel los face posar. 
Der Dichter schildert hier schön die Wirkung des 
Wanderliedes, ein ungeschickter Foijbsetzer (a. a. 0. Note 10) 
wollte den Text dazu erfinden. 

Str. 415,3 1. Das doppelte krdne ist verdächtig. loh 
schlage vor: 

sune er nicJU entrüege^ er dienet im die hrdne. 
Str. 416,2 1. des gie dem rechen ndt 
Str. 417,1 1. des recken. 

Str. 418,1 1. Dem recken wart in sorge ein teil ^ 
heree unint. 

Der Vers moss sich auf den Kämmerer und sein Heim- 
weh beziehen, wie die zunächst folgenden Verse beweisen« 
Str. 420,3, 4 sind im Grunde genommen durch die 
Wiederholung von EKlden vollkommen tautologisch. Dem 
wird abgeholfen , wenn man mit leichter Aendenmg in 
V. 3 liest: 

daz sie durch fromoen huide koemen muo dem lande. 
Str. 421,3 1. von dem künige. 

Str. 428,2 3,4 und 429,1 beginnen alle mit sie. Um 
dieser Geschmaddosigkeit abzuhelfen, lese ich: 

und sagtenz ouch den degenen: die in den schiffen lägen, 
Mrtene niht ungeme. 

So wird das sechsmaUge ^ in 4 Versen wenigstens 
zweimal beseitigt. 



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Siimng der pMM.<fMol. Gamt mm 9. November 1867. 

Str. 43&. Viermal dar. Ich lese: 

daz uns ere dunket^ ob ir ez gerne tuot, 
daz ir sehet sMe. 

Str. 447. Die HS. liest 

waz ir ir durch eireyten 
vnns immer efßendi. nach 
da/im wöl gewaffent tausent ewr hdde, 
was die Heraasgeber aaf ▼ersolmdeiie, wie mir scheint, 
durchaus verungläckte Weise verändert hab<a. Nadi meiner 
Ueberzeuguug handelt es sich bloss um Entdeckong imd 
Be8ei%ung eines ganz unbedeutenden und naheli^enden 
Lesefehlers, um in der Vorlage einen sehr gutai äan an 
finden, immer ist verlesen für mtimer,* also swaz ir Mtt 
ämch sMten minner üet nach danne wol gewäfent Hisemt 
iuwer helde d. h. mit weniger als tausend wohlbewaffiieteii 
Kämpfern dürft ihr uns gar nicht zu verfolgen wagen; denn 
eine geringere Anzahl werfen wir ohne weiters ^ in die Fluth. 
Hagene wusste ja nichts von der Menge der im Kielranme 
versteckten Recken, deren mit den andern nach Str. 455 
gerade tausend waren. 

Str. 475,2. Die Herstellung von so grözem gwalde^ 
die B. versucht, scheint mir unglücklich. Ich nehme gewalte 
hi^ als Fem. und lese : von groezzer gewalte. 

Str. 474,4 etwa: ich waene^ dem iegene etc. 

Str. 484,2. dtu, womit auch d^ erste Vers beginnt, 
ist zu tilgen, ebenso dürfte statt der Wiederholung von sim 
in 483,4 und 484,4 besser uni stehen , wodurofa beide 
Strophen zur syntaktischen Einheit gelangen. 

Str. 486,4 1. in statt nü. 

Str. 500 I. Do stuonden wider wehs0l mit den hertm 

die sich unter schüden einander woltenw$im 
wider ist offenbar als under verlesen, wider wAaei ist 
zu fassen, wie wider strit. 



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Hafimim: Zur GMmn. 367 

Str. 503,3. Diese schöne Stelle scheint mir im strengen 
Anschlüsse an die HS. einfacher zu erklären, als die Her- 
aosgeber geihan. Dass der Schreiber schneeweiss für den 
ihm wahrscheinlich unverständlichen Genetiv sniwes gesetzt 
hat, ist klar genug; aber warum hätte er für flocken, was 
er ganz gewiss verstund, flog setzen sollen? Ich glaube, er 
hat nur flog fiir flügen gesetzt und vor sich gehabt: swn 
sniwes flügen urinde = als ob Winde mit Schnee einher- 
sausten. Das Fliegen der Winde ist ein natürliches Bild, 
welches ich im Augenblicke zwar nur durch ein einziges 
Citat belegen kann, weldies jedoch genügen wird. Im 
Tristan des Eilhart von Oberge hat Dresd. die winde wordin 
her gevlogen, Pdlat. der wind kam dar in geflogen. Ich 
wüsste nicht jsu sagen, ob mir weitere Belege des Aus- 
druckes nie vorgekommen oder von mnr als nicht auffallend 
▼ergessen sind. 

Str. 504,2. slahen scheint mir ein verdeutlichendes Ein- 
schiebsel der dem Abschreiber beliebten Art zu sän. die 
^fn da begerten genügt vollkommen und darauf führt auch 
zunächst das die sy der HS. Der Ausdruck ist nebenbei 
gesagt, einer der vielen, in denen deutsche und französische 
Sprechweise zusammaafällt. Im Altfr. heisst requerre oder 
requerir^ wenn von eiuem Manne die Rede ist, feindlich an- 
greifen, wenn von einem Weibe, um Liebe werben. Im 
Mhd. scheint der Ausdruck in der Falknersprache am ge- 
wiSmlichsten, gern ist da technischer Ausdruck für angreifen. 
▼gl. Mhd. WB. I. 532. 

Str. 505,1 ist in der Vorlage einer der übelklingend* 
stco Verse der Gudrun. Ich lese statt als diu buo(^ uns 
hmt tuont als Zwischensatz diu buoeh uns künde Uumt, 
Das Adj. künde bedeutet dasselbe, was hmt. Dann scheint 
mir der Sinn auch nodi einer feineren Modification &hig. 
Wie die Strophe jetzt liegt, heisst es: Da die Bücher uns 
melden^ wie stark Hagene gewesen, so war es ein Wunder, 



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368 Sitzung der phOos.-philol Glosse vom 9. November 1867, 

dass Hetel vor ihm bestund. Aber warum sollte sich der 
Dichter auf die Bücher berufen, um eine Thatsache zu er- 
härten, die im ganzen Verlaufe des Werkes fortwährend im 
Vordergrund steht, Hagenes Stärke? Ich meine, er wollte 
das Zeugniss des Buches speciell für den vorliegenden Zwei- 
kampf anführen, und dann muss man im zweiten Verse 
Hetele lesen, im natürlich auf Hagene beziehend^ also 
E0 was ein michel wunder, diu buoch uns künde tuoniy 
sune starc Hetele waere^ daz vor im ie gestuont 
der Hegelinge herre. 

Str. 509,1 1. Bi im gevriesch dd Hagene. 
Str. 510,4. Hier scheint mir ein evidenter Fall vor- 
zuliegen, • wo der Abschreiber einen ganz geläufigen mhd. 
Ausdruck nicht mehr verstanden und durch das dem Laute 
nach 'nächstliegende Woii; seines Sprachschatzes ersetzt hak 
Das rüeren hätte den Ringen der halsberge nicht viel ge- 
schadet ; der terminus technicus ist gerSret =■ auf den Bod^ 
gestreut, und das wird gestanden haben. 
Str. 517 vermuthe ich: 

Hagenen hrasi diu stange^ die er ee strite truoCy 
üf dem Waten Schilde^ der was starc genuoc, 
ouch enkunde vehten in allen den riehen 
recken bae deheiner 
oder mit Beibehaltung der handschriftlichen Ordnung ouch 
enkunde ba^ vehten — recken deheiner. 

Str. 518. Dass der alte Wate einen SchwertscUag 
durch das Haupt aushalten soll, das heisst bei aller Recken- 
haftigkeit ihm zu viel zugemuthet. Es genügt üf doB 
houbei vgl. Str. 864 oder durch die haben c= dordi die 
Helmhaube auf die Schwarte. Im dritten Verse sdieint mir 
der Zusammenhang der Strophe schön hergestellt, wenn 
wir lesen dae (das fliessende Blut) kuolten im die winde, im 
für nu ist die einfachste Verlesung. 



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Hofmofm: Zur Oudrun. 369 

Str. 519,3 1. bauge statt hougen^ denn ein Helm hat 
nur einen houc (franz. cercle). 

Str. 524. In dieser Strophe ist der Sinn vor Aliens 
herzustellen. Hagenen hier, wo er besiegt ist, den 
Uebermüthigen zu nennen, geht nicht an, ihn sagen lassra, 
er habe vor Helels Leuten Respekt bekommen, als er er- 
fahren, dass sie mit reichem Gute nach seiner Tochter ge- 
fahren, ebenso wenig, denn dazu gehörte weder Witz no<di 
Math, der dritte Vers endlich, wie er in der HS. und bei 
den Herausgebern steht, ist grammatisch falsch, endlidi 
war, was den zweiten Vers angeht, das Kunststück nicht, 
nach seiner Tochter zu kommen, sondern ihr nahe zu 
kommen. Aus allen diesen Gründen lese ich die Strophe so: 
Do sprach der ungemuote: sM ich hon vemomen, 
dae sie mit maniger huote ir wären nähen kernen, 
^ ist iu grözer Sren von helden unzerruwnen\ 
ir habt mit schoenen listen mtne lieben tochter gewannen. 
Str. 329. Von einem arzät «fn, glaube ich, konnte 
man im Mhd. nicht sagen, wenn man ausdrücken wollte: 
von Jemand die Arzneikunde gelernt haben. Am nächsten 
käme hier wohl Str. 156,4 ; genügt aber nicht zum Beweise 
für Yorli^enden i^'all. In areet waere scheint mir nun die 
Verlesung zu liegen und zwar für arsetie laere = dass 
Wate die Arzneiki;nst von einer Waldfrau gelernt habe. Ich 
möchte die Strophe dennoch so lesen: 

si heten in langer sAte da vor wol vemomen 

daz arzette laere von einem wilden wibe 

Wate der vil maercj desgefrumte er manigem an dem libe 

oder daz gefrumte manigem an dem libe. 

Diesen Gebraudi von lesen belegt Biterolf V. 83. 
Admlidi bedeutet nema im Nord, lernen. 

Str. 533,1 \. idi bin ir arzät nichts denn Wate will ja 
nicht sagen, dass er überiiaupt kdn Arzt sei, sondern nur, 



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8T0 Sitzung der phüos.-pküoe. Game vom 9, November 1867. 

daes er die Stthne zbt Vorbedingoi^ seiner EuaBtobang 
mache. 

Star, 584,», 4 l. 
deich minen vrmni den besten wiht getar enphäh^ 
in und auch den stnen, min grüezen waene, karte müge cer- 

emdhen, 

Str. 535,4 1. diu woW den iuwem teunden keifen A 
irz hUet ze minne. 

Bei V. hat der zweite Halbvers eine Sylbe zu wenigt 
bei B. ist zu weit and annöthiger Weise von der Voriage 
abgegangen. 

Str. 547,8 1. vor dem Jcünige statt von, denn die 
Krönung wurde ja in der Regel nicht von den Fürstoi 
selbst, sondern von Bischöfen vollzogen, bei einer Königin 
natürlidi in Gegenwart des Königs. 

Str. 549,2 1. maget diu tnl kire. Bf, verändert un- 
Böthig daz magettn vil kire, V. hat, wie E. und Z. vor 
flun, den falschen Halbvers diu maget vU k&re beibehalten, 
der nur zwei Hebungen hat, da vA bekanntlich nur dann 
Tor emem Adjeotivum betont sein kann, wenn dieses mit im 
zusammengesetzt ist oder eine tonlose Vorsylbe hat. 

Str. 555. Eine feine Strophe, die aber and^^ hergt- 
stellt werden moes, als die Herausgeber gethan haben. 
Hildeburg, bittet Hagene, soll Hilden ihr grosses Ingesinde 
regieren helfen; dann ist aber die Aufforderung, sie solle 
selbst ihre zukt zeigen, unmotivirt, ich lese daher: 
ez gewirret Ithie fromoen cm grvzem ingeeinde; 
nu tue genaedidtcken daz man dine zuhi an ir bevinde. 

Str. 562,8 1. unser junofrouwen. tokter ist annöthiger 
Zusatz. Im 4. Verse wohl besser durch sie wart der brünr 
nen vil verhouwen, da durch ir ein überhäufler Anflakt ist 
und man leicht sieht, dass der Absdirefl>er durch sie darum 
änderte, weil es nach seinem wie unserem Spradigebraoebe 
bedeutete, die Jungfrauen hätten die Brünnen verhauen. 



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Sir« 566. Diese Strophe iMsst sich üi einen Satz 
bringen, wenn man liest : 

8¥fd Sskie in dm Icmden diu 9ehoenen magedin 
geffiesch von edelem hänne^ getiuret tvolte er Hn, 
so er ze hüse bradUe im ae ingeainde 
oSe die dienern tjoittmhäen des toädenBagenenhindi^ oder 
aUe die toiUen hOsn se dienen des wilden Hagenen Jcinde. 
Str. 585,1. Die Aenderang von höher mt$et in hoch- 
gemüete^ die nach Z. alie Herausgeber angenommen haben, 
ist onnöthig nnd nnwahrscheinKch, da der Absdirdber hoch 
gemüete wohl verstanden hStte nnd daher nicht zu ändern 
brandite. Ich schlage vor Eetelen fhuot der hdhe^ wo ihm 
nnr die Wortstellung anstössig war. 

Str. 592,2 1. schaz uM ouch gewant; denn auch weg- 
zulassen, ist kein^ Grund und £e gewöhnliche Lesung otich 
schas imd gewant gibt einen falschen Vers. Im 4. Verse 
möchte ich die Ergänzung nidit, vrie ß. durch Verlegung 
von 3 Bebungen auf KüdrAnen versuchen, sondern lieber 
annehmen, dass vor hüniginne ein Ädjectiv, wie hiren oder 
riehen ausgefallen ist. 

Str. 594,2 erde unde mer hätte ich oben zu Str. 208|1 
noch als Beleg für meine Conjectur anfuhren sollen. 

Str. 599,4 halte ich die Briefe für einen Zusatz des 
Schreibers und vermuthe: 

t ddß sie'z wol mohten vollebringen. 

Str. 605,4 möchte ich, weil der dritte Vers auch mit 
sie anfangt, und weil das zweite se überflüssig ist, lesen: 
sm kämen sie se hove dem Mnige so sie aller beste hunden. 

Str. 606,4. Man könAtö das Ueberlieferte hier wohl 
anangetestet lassen und durdi Umstellung helfen: 

künec Hitde^ toäen, JSartmüote I iht guötes willen wdere 
mich iferj4ehe 



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372 Siteung der pMlos.-phOöl, Ckuse vom 9, November 1867. 

Str. 619,19 2 1. Si€ie der helt gebarte^ swaz hokn 
drumbe reit, 
daß man der da vdrtci doM was im 
grimme leit 
Str. 626,3 \. der ir in herzen gerte. 
Str. 6Sl,2,Sl. haete er tüsend stunde eins tages dar gemmt^ 

er vOnde da niht anders u. s. w. 
Str. 632,1 1. Hetele bat in läsen das werben um sinhiM 

4 1. das im schade toaere. 
Str. 642,2, 3 1. da waere üngeme gewesen dar vor 

Gudrunen tater, stoie küene er dochtcaere 

oder wenn man lieber einen klingenden Ausgang hat, vater 

der Cfüdrünen. Meine Aendernng bezwedct einen volleren Satz. 

Str. 644,341. Chädründiuschoenedashetes'augenweidej 

der hdt sie dühte biderbe. 
Str. 649,4. Die Lesart der HS. ir vater vnd dem 
gaste sg wünschte des sy gedachten in beiden wird schwer- 
lich eine erträgliche Erklärung zulassen. ,.Sie wünschte 
ihrem Vater und ihrem Liebhaber das, woran sie beide 
gedachten". An was dachten sie denn sonst, als einander 
zu erschlagen? Das war ja gerade, was Gudrun nicht wollte. 
Der einzige Ausweg, den sie fand, um den Streit zu scheiden, 
war vielmehr, dass Vater und Geliebter an sie dächten. 
Ich schlage daher vor: 

do es diu frouwe anders mähte niht gescheiden, 
ir vater und dem gaste siu uoünschte das sie ir gedachten 

beide 
was nachher auch wirklich geschieht, da sie aus Rüdcsidit 
auf sie (durch der frouwen liebe) vom Kampfe abstdien. 

Str. 651,4 1. habere sf die sine beste mdge oder was 
mir noch viel wahrscheinlicher ist, habe die sine aüer beste 
e. 
Str. 654,2. Die HS. hat getswayet mit ir muate^ 



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Hofmam: Zur Gudrun. 373 

die Herausgeber bis auf B. stehen liessen, der in foi mit 
setzte, wodurch die Lesart muote allerdings besser motivirt 
wird. Allein gerade in muote liegt der Fehler, denn Gudrun 
war nicht zwiespältigen Sinnes, sie wusste im Gegentheile 
sehr bestimmt, was sie thun wollte und setzte es rasch ins 
Werk. Eine viel leichtere Emendation und ein sehr pass^i- 
der Sinn ergibt sich, wenn wir statt mttote einfach muoter 
lesen, gejsweiet mit einem ^n heisst bekanntlich = selbander 
mit Jemand sein, und nun zeigt sich, dass in diesem Verse 
eine feine und wohlbegründete Rücksicht auf die Schicklich- 
keit, nicht bloss des Mittelalters, genommen ist. unschick- 
lich wäre es für Gudrun gewesen, unbegleitet mit dem 
Manne, der eben noch ihrem Vater im Kampfe auf Leben 
und Tod gegenüber gestanden, Zwiesprache zu halten , um 
ihm ihre Hand anzubieten; ganz anders, wenn es in Gesell- 
schaft ihrer Mutter und Damen geschah. Ich lese daher 
unbedenklich 

Mit hundert ^ner helde gieng er da ers vant^ 

gezweiet mit ir muoter von Hegelingelant 

Oüdrun empfieng in mit anderen vrouwen^ 

der eäele ritter guoter moht in volUcltchen getrouwen, 
denn niht im 4. Verse muss als geradezu sinnwidrig aus- 
gestossen werden, da es dem ritterlichen Herwig ja gar 
nicht in den Sinn kommen konnte, seiner Sühne bietenden 
Geliebten zu misstrauen, 

Str. 655,2 1. daz HeruAges eUen geliebet sieh ir sint. 
Str. 656,2. Die Verwandlung des handschriftlichen 
mich in iuchj welche V. und ihm folgend B. .vornahmen, 
scheint mir ungerechtfertigt und der Sinn dadurch weit 
weniger passend, als mit Beibehaltung des Ueberlieferten. 
Ettmüller scheint derselben Ansicht gewesen zu sein, wenig- 
stens li^ in seiner Emendation dt^ch für von ungefähr 
angedeutet, was Plönnies in seiner Uebersetzung in deutlicher 
und wie ich glaube richtiger Umschreibung sagt: 

[1967. IL 3.] 26 



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&74 SiUung der phüoM,'pka6L Clatm «rai 9. November 1867. 

yJÜBxt wars voQ Der za hören, um die ich Tiel gewagt^' 
Str. 657,4 1. holder dtmn' ich %u waere ist d^heinuik die 

ir ie gesähet, 
mayt ist Einschiebsel des Schreibers , dem entgieng, dass 
sich deheiniu auf vroutoe zurückbezieht, ich iu in i'u zu- 
sammenzuziehen, scheint mir in dieser Stelle ganz unzulässig, 
da auf ich der emphatische Ton liegt, der durch die Ver- 
kiirzung nothwendig verloren gienge. Dagegen hindert uns, 
um den Vers richtig zu lesen,, Nichts, auf J^lder schwebende 
Betonung anzunehmen. 

Str. 658,4 1. siu truoc in in ir herzen. 

Zu Gudron Str. 249,2 Heft ü. S. 229 ist die Anmerkung ganz 
zu streichen. Naohdom mich Hr. Staatsrath von Hermann darairf 
anfmerksam gemacht, dasa man in Amerika ganze Cypressenwälder 
zum Schiffbau abgehauen, habe ich auch im Konrad von Megenberg 
(•d. Pfsiffer S. 81^) folgende entsoheideade Stelle geladen: des cf- 
pressen holz ist gar guot guo pälken in JUröhen vmd suo grosem get 
pöM und Ist gar vest^ älsd daz ez groz und swaer pürd mag aiuf ge- 
htdkn und getragen. 

Derselbe übergiebt: 
„Zeugnisse über Berthold von. R^geaaborg". 

Roger Baqon (opera. quaedanik hactenw iafidit» Vol, I. 
ed. Br^wer. London 185d, im ^jp^a tertium p^. 310) s]^ht 
aia SchJuase des Werke« von der rechten. Weia^ zu pvedigcoi 
und fährt dann fort: 

Qme forma praediccmdi non tenektr o^ vtdgo theciogo^ 
rum, sed sunt elongati ab ea his diebus. Et qma praeMii 
ut in pluiribusy non simt nmUnnk instrmti in th$6logia, nee 
in praedicatione y dum sunt in studio , ideo postguam sunt 
jpraelatir cum eis incumbü opus praediccmdi, mutuantur ri 
mendicant quatemos puerorum, qui adiamefneruint ouriositatBm 
infmitam praediccmdij penes divisiones et consonantias ^ 
concordantias vocdles, ubi nee est subMmitas ^rmomsy nee 
sapiewtiae magnitudo^ sed infinita puerüi» ^uUitia et vüifir 
catio sermonum Bei; sicttt praedpuß esfposui in Fnceatuf 
Septime studii theohgiae, in Opere SecundQy et in Feceat» 



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Hafinann: Zu BerthM von Begenshurg. 375 

o^avo in hoc Opere Tertio; quam curiositatem Deus ipse 
auf erat ab ecdesia sua, quia nutta utüitas praedicationis 
poteat fieri per hunc modum. Sed excitantur audientes ad 
omnem curiositatem inteUectus^ ut in nullo affectus elevetur 
in botmm per eos qm talibus modis utuntur in praedicatione. 
Sed licet vtdgus praedicantium sie t^atur, tarnen aliqm 
modum almm hahentes^ infinitam faciunt uUlitatem^ ut est 
JFrater Bertholdus AlemannuSy qui solus plus facit 
de utilitate magnifica in praedicatione^ quam fere 
omnes alii fratres ordinis utriusque. 

Ein glänzeDderes Zeugniss über unseren grossen Prediger 
dürfte wohl das gesaromte Mittelalter nicht aufzuweisen 
haben. Gleichwohl wird es durch Umfang und VVichtigkeit der 
Mittheilungen noch übertroffen durch das des italienischen 
Zeitgenossen Salimbeue de Adam in dessen Chronica Or- 
dinis Minorum (in Monumenta historica ad provincias Par- 
mensem et Placentinam pertinentia tom. III. Parmae 1857 
p. 325—329). Diese Chronik geht von 1212—1287 und 
giebt über Berthold den ausfuhrlichsten Bericht, der bis 
jetzt überhaupt gefunden worden ist und sowohl wegen 
seiner Wichtigkeit als der ohne Zweifel geringen Verbreitung 
der Monumenta in Deutschland einen vollständigen Abdruck 
verdient. Beide verdanke ich J. v. Döllinger. 

„I. Nunc ad fratrem Bertholdum de Alamannia 
accedamus. Hie fuit ex ordine fratrum Minorum sacerdos 
et praedicator, et honestae et sanctae vitae, sicut religiosum 
decet: Apocalypsim exposuit, ex qua expositione non scripsi, 
"nisi de Septem episcopis Asiae, qui in Apocalypsis principio 
sab angelorum nomine inducuntur, et hoc ideo feci ad cog- 
noscendum qui (sie) non fuissent illi angeli, et quia exposi- 
tionem abbatis Joachym super Apocalypsim habebam, quam 
super omnes alias reputabam. Item per anni circulum fecit 
magnum volumen Sermonum, tarn de festivitatibus quam 
de tempore, id est de dominicis totius anni ; ex quibus non- 

25* 



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376 Sitzung der phüos.-phüol, Clasae vom 9, November 1867. 

nisi duos scrlpsi, pro eo quod optime de Antichristo trac- 
tabat in Ulis. Quorum primus sie iuchoabat; Ecce posi- 
tus est hie in ruinam, alius erat: Ascendente Jesa in 
naviculam, secuti sunt eum discipuli ejus: in quibus 
plenissime continetur tarn de Antichristo, quam de tremendo 
judicio. Et nota quod frater Bertholdus praedicandi a Deo 
gratiam habuit specialem; et dicunt omnes, qui eum audi- 
verunt, quod ab apostolis usque ad dies nostros, in lingua 
theotonica non fuit similis illi. 

n. Hunc sequebatur multitudo magna virorum et mu- 
lierum, aliquando sexaginta vel centum millia, aliquando 
civitatum pt^urium simul maxima multitudo, ut audirent yerba 
melliflua et salutifera, quae procedebant ex ore ejus .... 
Hie ascendebat bettefredum sive turrim ligneam quasi ad 
modum campanilis factam, qua pro pulpito in campestribus 
utebatur quando praedicare volebat, in cujus etiam cacu- 
mine ponebatur pennellus ab his qui artificium collocabant, 
ut ex vento flaute cognosceret populus in qua parte ad 
melius audiendum se ad sedendum collocare deberet. Et, 
mirabÜQ dictu, ita audiebatur et intelligebatur a remotis ab 
eo sicut ab his qui juxta eum sedebant; nee erat aliquis qui 
a praedicatione sua surgeret et recederet, nisi praedicatione 
finita. Et, cum de tremendo judicio praedicaret, ita treme- 
baut omnes, sicut juncus tremit in aqua: et rogabant eum 
amore Dei ne de tali materia loqueretur, quia eum audire 
terribiliter et horribiliter gravabantur. 

ni. Quadam die, dum in quodam loco frater Berthol- 
dus praedicare deberet, accidit ut quidam bubulcus dominum 
suum rogaret ut ad praedicationem fratris Bertholdi audien- 
dam eum amore Dei ire permitteret. Gui dominus suus 
respondit: ego ad praedicationem ibo, tu vero ibis ad agrum 
ad arandum cum bobus ... Cum autem bubulcus quodam 
die summo diluculo arare inchoasset in agro, mirabile 
dictu I statim primam vocem fratris Bertholdi praedicantis 



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Eofmcmn: 2^ BerthcHd von Begensburg, 377 

aadivit, qui illo die per triginta milliaria distabat ab eo; 
et statim bübulcus boTes disjunxit ab aratro ut boves come- 
derent, et ipse sedendo praedicationem audiret. Et facta 
Bunt ibi tria miracula relata dignissima: primum, qoia 
sndivit eum et intellexit, cum ita remotas esset et per tri- 
ginta milliaria distaret ab eo; secundum, quia totam praedi- 
cationem didicit et memoriter tenuit, tertiam, quia tantum 
aravit, praedicatione finita, quantum aliis diebus continue 
arare solebat. Cum autem bübulcus postea a domino suo 
de praedicatione fratris Bertholdi requireret, et ille eam 
nesdret repetere, eam totaliter bübulcus repetiit, addens 
quod eam totam audivisset et didicisset in agro. Tunc do- 
minns suus, cognoscens hoc ex miraculo accidisse, dedit 
babnlco plenariam Ubertatem ut, quotienscumque vellet, ad 
praedicationes fratris Bertholdi audiendas libere posset ire 
qoantumcumque servile opus faciendum instaret. 

IV. Erat autem consuetudo firatris Bertholdi ut, modo 
' in ista civitate, modo in alia, praedicationes quas facere 
intendebat, diversis temporibus ordinaret et locis, ut popu- 
las, qui conTcniebat, sine defectu victualia posset habere. 
Quodam autem tempore quaedam nobilis domina, magno et 
feryenti desiderio inflammata audiendi praedicantem fratrem 
Bertholdum, eum per sex annos continuos, per dvitates et 
castra cum quibusdam suis sodalibus .... (man ergänze 
pro habenda indulgentia secuta) cum eo potuit habere se- 
oretum et familiäre colloquium. Cum autem finitis sex an- 
nis, et finitis et consumptis suis expensis, in festo assump- 
tionisbeataeVirginis cum sodalibus suis non haberet domina 
illa quid comedere posset, accessit ad fratrem Bertholdum, 
et haec omnia quae dicta sunt, per ordinem retulit sibi. 
Quae com omnia frater Bertholdus audisset, misit eam ad 
quemdam campsorem^), qui inter omnes civitatis illius 



1) D. h. Wechsler, Bankier. 



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878 Sitzung der phOoa.^hOol CUme txm 9, Nmember 1867, 

ditior habebatur, imponens ei ut ex parte sua diceret sibi 
quod daret ei tot denarios pro victualibus et expensis, 
quantum valebat una dies indulgentiae , pro qua habenda 
fiierat sex annis fratrem Bertboldum secuta. Quod cum 
audisset campsor, subrisit et dixit: et quomodo scire potero 
quantum valeat indulgentia diei unius, quo fratrem Berthol- 
dum secuta fuistis? Gui illa respondit: dixit mihi ut di- 
cerem vobis, quod poneretis denarios ex una parte in sca- 
tellam staterae, et ego ia alteram scutellam sufflarem, et 
hoc siguo poteritis cognoscere quantum Talet. Posuit igitor 
denarios larga manu et implevit scutellam staterae; ipsa 
yero insufflavit in alteram, et statim praeponderaTit, efc 
denarii subito sunt elevati, acsi conTersi faissent in plumeam 
levitatem. Quod videns campsor, mira4;us est vehementer, 
et pluries ac pluries denarios ex parte sua supijiposuit in 
statera, nee sie potuit flatum dominae elevare, quia tanto 
poudere eum fixit Spiritus Sanctus, ut scutella lanceae, quae 
erat ea parte dominae plena flatu, eleyari denariorum poii« 
derositate nullatenus posset Quod videntes tam campsor, 
quam doraina et aliae mulieres quae erant praesentes, statim 
yenerunt ad fratrem Bertboldum, et ei per ordinem quae 
acciderant, retuleruut. Gui etiam dixit campsor: paratus 
sum restituere aliena et amore D^ propria pauperibus ero- 
gare, et desiderio [lies desidero] effici bonus homo, quia 
revera mirabilia vidi hodie. Gui frater Bertholdns imposoit 
ut illi dominae, cujus occasione ista viderat, et sociis suis 
yictualia tribueret larga manu. Quod diligenter et lib^* 
tis»me adimpleyit ad laudem domini nostri Jesu Christi, cui 
est gloria et honor in saecula saeculorum, amen. 

V. Alio quodam tempore, cum frater Bertholdus per 
quamdam yiam cum fratre layco socio adyesperascente jam 
die transiret, captus est ab assassinis cujusdam castellam 
et ductus ad castrum et nocte illa incatenatus et male ho- 
spitatus servabatur ibidem. Castellanus vero usque adeo 



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Bofinmn: Zu Befthold txm Segefobutg. ^79 

«ooncites suos offttxlerat , tit ^in palfttio Communis depicttts 
esset, quali poena, si caperetur, pumri deberet, scilicet ad 
saspendium jadicatus. In crastinnm antem drca dilucuhim 
acHsessH magister camifex ad castellanum domintim stnim et 
dhdt ei: quid jnbet dominium vestrum ut fiat de fratribus 
illis, qui heri sero ducti fuerunt ad nos? Cui castellanuÄ 
4^t: „quod eipedias eos". quod erat dicere: interfice eos. . 
Sic erat de castellano isto et assasinis suis, qni aliqnos 
praedabantur, aliquos intei'ficiebant, aliquos ?ero ducebalit 
ad castrum et ponebant in carcere, quousque, pecania data, 
redimi possent; alios interfidebant omnino. Cum antem 
frater Bertholdus dorm ir et et socins suus f rater laycuö vigi*- 
laret, qui matutinum suum dicebat et sententiam mortis 
super se a castellano datam intellexisset, eo quod non esset 
inter utrosque nisi paries intermedius, coepit frater laycus 
fratrem Bertboldnm plüribns vicibus inclamare. Cum atktetti 
castellanus nomen fratris Bertholdi audiret, coepit cogitare 
ne forte iste £amosus ille praedicator esset, de quo mira- 
bilia dicebantur; et statim revocato camifice praecepit ei, 
ne laederet fratres, Sed ante conspectnm suum duceret eos. 
Qui cum perducti faissent, interrogati sunt ab eO, qtdbus 
nominibus vocarentur. Cui frater laycus respondit; nomen 
meum tale est; iste veto est frater Bertholdus, fitmosüs et 
gratiosus ille praedicator, per quem Dens tot mirabiliä 
operatur. Cum autem castellanns talia auditisset, statim 
prostravit se ad pedes fratris Bertholdi et amplexatus et 
osculatus est eum: insuper rogavit enm at amore Dei ipsum 
praedicantem audiret, qnia ex molto tempore desideräbat 
ab eo yerbum salutis audire. Cui frater Bertholdus con- 
sensit hoc pacto, quod omnes malefactores, qaos secum ha- 
bebat in Castro, ante suum conspectum congr^aret in unom 
ut omnes simul praedicationem audireut: quod ille Ubenter 
86 factorum promisit. Dum igitur- castellanus soos maleficos 
congregaret, et frater Bertholdus aliqaantulum teoesBiwet 



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380 Sitzung der phüoa.-phücl Glosse wm 9. November 1867. 

ad dominam exorandum, accessit ad emn sooios sims et 
dixit ei: noveritis, frater Bertholde, quod super nos mortis 
sententia ab isto homine data fuit, quapropter, si umquam 
bene praedicastis de poenis infernalibus et de gloria para- 
disi, nunc tali magisterio indigetis. Audiens haec frater 
Bertholdus totum se contulit ad rogandum Deum, et reyersas 
denuo Ulis congregatis ita splendide peroravit et verbum 
salutis proposuit, ut omnes amarissime provocarentur a!a 
flendum, et, antequam inde recederet, omnes in confessione 
audivit et praecepit eis, ut a Castro Ulo discederent et male 
ablata restituerent, et toto tempore vitae suae in poenitentia 
perseverarent et sie vitam aetemam haberent. Castellanus 
Tero prostravit se ad pedes fratris Bertholdi et cum multis 
lacrymis rogavit eum, ut amore Dei eum ad ordinem beati 
Francisci redpere dignaretur: qui recepit eum, sperans 
quod a ministro^) hanc gratiam obtineret. Cum autem 
fratrem Bertholdum sequi vellet, prohibuit eum frater Ber- 
tholdus propter furorem populi quem offenderat, et [qui] de 
conversione ejus nihil audiverat. Cum autem pervenisset ad 
civitatem frater Bertholdus, voluit ipsum populus praedi- 
cantem audire et congregati sunt omnes in glarea cujusdam 
fluminis, ubi e regione pulpiti latrones in furcis pendebant. 
(Cum talia audis, pone tibi exemplum glaream fluminis Reni 
de Bononia d. h. stelle dir den Sand am Reno in Bologna 
vor) Castellanus igitur supradictus post discessum fratris 
Bertholdi inflammatus amore divino et attractus desiderio 
audiendi fratrem Bertholdum, oblitus est omnium malomm 
quae umquam intulerat civitati, et veniens solus, ut iret ad 
locum ubi praedicabatur , statim fuit cognitus et captus et 
sine mora ad suspendium ductus. Currebant autem omnes 
post ipsum clamantes et dicentes: suspendatur et morte 



2) minister ist entweder generalis (Ordensgeneral) oder proTin-^ 
dae (Proyindal). 



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Hofmawn: Zvk Berthold van Begmuburg, 381 

turpissima moriatar iste pessimns inimicus noster . . Cum 

antem videret frater Bertholdus populum concorrentem et a 

praedicatione sua recedentem, miratus est valde et dixit: 

nomquam accidit mihi qaod .aUquis a praedicatione mea 

«reoederet, m'si praedicatione finita et benedictione accepta. 

Gui anus de residentibus dixit : pater, non miremini ex hoc, 

quia captus est talis castellanus, qui erat noster pessimos 

inimicus, et ducitur ad saspendium. Audiens hoc frater 

Bertholdus, totus contremuit et cum dolore dixit: noveritis 

qaod confessionem ejus audivi et omnium sodorum suorum, 

qaos misi ut poenitentiam facerent; et istum ad ordinem 

beati Francisd receperam, et modo veniebat ut me prae- 

dicare audiret: quapropter curramus omnes et liberemus 

eum. Coeperunt igitur omnes velodter currere; cumque 

pervenissent ad furcas, jam erat tractus superftis et expira- 

yerat. Depositus est igitur ad jussum fratris Bertholdi, et 

inyenerunt chartam drca coUum ejus aureis litteris scriptam 

et hanc scripturam habentem: Consummatus ia brevi ex- 

plevit tempora multa; pladta enim erat Deo anima ejus: 

propter hoc properavit educere illum de medio iniquitatum. 

Sap. lY. Tunc misit frater Bertholdus ut venirent fratres 

Minores de conventu dvitatis illius et portarent crucem, 

feretrum et habitum et viderent et audirent mirabilia Dei. 

Et factum fuit ita et retulit eis et omnibus totam hystoriam 

supradictam, et portaverunt corpus ejus et honorifice sepe- 

lierunt illud in loco fratrum Minorum, laudantls Dominum 

qui talia operatur. 

Hier schliesst leider Salimbenes Bericht, der ausfuhr- 
lichste und in seiner Art merkwürdigste, den das Mittelalter 
uns überliefert hat Der gute Minorit von Parma (er ver- 
abscheute diese seine Vaterstadt wegen ihres gottlosen Be- 
nehmens gegen die Mönche und die Diener Gottes überhaupt 
so sehr, dass er in den 48 Jahren seines Mönchthums nicht 
em einzq^es Mal dort wohn^ mochte, ygl. p. 353) ist eben 



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862 Sitzung der fhHoe.-pMci. Classe vom 9. Iffmember 1867'. 

kein grosser Geist; hat aber eine so belehrende nnd an- 
siebende Chronik geschrieben, wie nnr irgend einer seiner 
Zeitgenossen. Er kümmert sich um sehr kleine Dinge; so 
erzählt er S. 222, dass im Jahre 1250 ein GardiniUlegat 
aus dem (mit dem seinigen rivalisirenden nnd von ihm an 
mandien Stellen angestochenen) Dominikanerorden, ein junger 
und spindeldürrer Mensch (jnvenis et uiacilentinus) den 
Damen durch das , V^bot der überlangen Schleppkleider 
(caudae mulierum, mhd. swanz) grossen Verdruss bereitet 
habe, im Jahre 1285 eine schredcliche Epidemie unter den 
Katzen gewesen sei, anno so und so dagegen die Flöhe besondere 
überhand genommen hätten. Wunder- und Teufelsgeschich- 
ten beriditet er mit Vorliebe und so darf uns denn nicht 
überraschen, ^j^enn der grösste Theil dessen, was er von 
unserem Berthold zu sagen weiss, auch schon so weit in 
das Gebiet der Wnnderlegende streift, dass es aller Forsdi- 
ong schwer fallen wird, den historischai Kern von der Ein- 
kleidung zu senden. Gleichwohl bleibt sein Bericht auch 
nach Abzug alles Wunderhaften einzig und unschätzbar durdi^ 
die Fülle der Einzelheiten, die Lebendigkeit der Schilder- 
ung und endlich besonders dadurch, dass es gerade ein 
Italiäner ist, der mit so begeistertem Schwünge Ton seinem 
gefeierten ultramontanen Ordensbruder spricht. Geistig steht 
freilich Boger Bacons Zengniss nodi höher, der Ton Berthold 
ohne alle Ordensrücksichten geradezu sagt, er leiste in der 
wahren und rechten Predigtkunst mehr, als beinahe alle 
Dominicaner und Franciscaner zusammen; denn es ist das 
Zengniss eines umfassenden und tiefdenk^d^ Gelehrten, 
dessen überraschend sdiarfer nnd klarer Blick in vid^ 
Dingen, die wir als die Domäne d^ neueren Wissenschaft 
i>etraditen, auf so manchen Seiten seiner bidier unedirten 
Werke in Erstaunen setzt. So verdanken wir ja ihm die 
merkwürdige Stelle über die Eintiieilung der französischen 
und englisdien Mundarten (Opera inedita p. 438, 439, 467). 



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Hefimmn: Zu Bmihold van Begemburg, S83 

Und auch für die europäische Berühmtheit Bertholds ist 
Bacons ZeugDiss höher anzuschlagen, da bei den Verkehrs- 
TerhättBiweB des 13. Jahrhunderte ein Bekanntwerden von 
Oberdeutschland aus in Oxford unendlich schwieriger ist, 
ak im benachbarten Oberitalien, wo der deutsehe Kaiser 
HeiT war und die deutsche Sprachgränze viel tiefer nach 
Süden fieng, als wir heutzutage uns vorstellen kchmen, wo 
die italienische Sprachgränze uns durch die selbstmörderische 
Indolenz der zum Schutze deutscher Mark im Südosten Be- 
rufenen und Verpflichteten uns Deutschen im Reiche täglich 
näher auf den Leib rückt und rücken wird, so lange jedes 
Wehen deutschen Geistes von den Machthabern im Alpen- 
lande als Pesthauch der Häresie verpönt und* nach besten 
Kräften exorcisirt wird. Salimbene selbst giebt uns in 
seiner Franziskanerchronik, ohne daran zb denken, einen 
höchst schätzbaren Wink über die Fortdauer deutscher 
Zunge in Bergamo in Mitte des langobardischen Alpenvor- 
landes zwischen den Seen von Gomo und Iseo, somit weit 
westlich von Vicenza's vielgenannten deutschen Sprachinseln. 
Salimbene also berichtet unter dem Jahre 1287. Quidam 
hamines de Bergamo ^ de maioribus civitatis suae, propter 
homicidium, quod fecerant, fuenmt de dvitate eua forbatmiH 
et posUi in confinibus sempitemis sine spe tdterius redeundi. 
Cum ergo Begium (Reggio zwisdben Parma und Modena^ 
devenissenty petierunt a Communi Regino locum, in quo 
' possent habitare securi. Regini vero ha/nc eis gratiam con- 
cesseru/nt, ut drcuirent totum episcopatum eorum et ubi wr 
vemrent locum non ab aliis occupatum et ydoneum sibi, ibi 
suam nmnitionem construerent et habitarent; et sie feoerunt 
roketam, quae ab eis dicta est Tiniberga. Wenn verbannte 
bergamaskische Patrizier dieses roketa (Bei-gschloss), 10 Meilee 
von Reggio und eine Meile von Sassolo (Saxolo)» wie Salim- 
bene ebenda S. 394 ff. weiter ausführt, mit einem off^bar 
deutschen Namen belegen konnten, so Hegt die V«rmnÜinng 



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384 SiUung der phOos^-phüol Classe vom 9. November 1867. 

wohl unabweislich nahe, dass sie selbst Deutsche gewesen; 
denn ein Wort wie Tiniberga für ein schon im Italienischen 
eingebürgertes deutsches zu halten, geht kaum. TinibergannD^ 
wenn wir uns an den Wortlaut halten, wäre zunächst aus alt- 
hochdeutschem ^inna, mittelhochdeutschem tinne Stime, Zinne 
abzuleiten und hiesse so viel als Zinneberg. Allein es ist 
auch möglich, dass der Abschreiber hier gefehlt und das 
Wort liniberga vor sich gehabt, welches im Ahd. hinlänglich 
oft vorkömmt und einen guten Sinn an unserer Stelle geben 
würde. Es steht bei Graff III. 174 und heisst fulcrum^ 
pinnaculum, reclinatorium^ cancelli^ also ein eingeschlossener 
Ruhe- oder Zufluchtsort; gewiss ein passender Name für 
das Felsennest der verbannten Bergamasken. Verschreib- 
ungen dieser Art finden sich auch sonst, so in dem weiter 
unten zu erwähnenden Stücke in Versen Esttians intrinsecus 
Strophe 7, Vers. 4 Älachie für Äleihiae (vgl. Carmina JBu- 
rana Nr. 172 Str. 9, wo ebenso unrichtig Grolatiae steht). 
(An einer andern Stelle steht in hihliotheca^ wo offenbar in 
hiblia tota das Richtige ist.) 

Ich habe mich natürlich bemüht, über die Mittheilungen 
Salimbenes nähere Aufschlüsse zu gewinnen und wo ge- 
druckte Werke solche nicht ergaben, zu Schmellers Real-? 
katalog, der im 25. Cahier Blatt 59—80 von Berthold han- 
delt^ meine Zuflucht genommen, sowie zu seinen so überaus 
wichtigen Initien. Bis jetzt habe ich xias, was idi zunächst 
suchte, nicht gefunden, nämlich die beiden Predigten über 
den Antichrist und den Commentar über die Apokalypse. 
Die Bibliothek der Franziskaner in Regensburg enthielt 
zwar, wie Sanftls Catalog angiebt, einen solchen Commentar, 
aber ohne Angabe des Verfassers. Dagegen habe ich bei 
Durchgehen der Schmeller'schen Blätter einiges gefanden, 
was den Spezialforschem auf diesem Gebiete vielleicht ent- 
gangen sein dürfte. Erstens eine authentischere Quelle über 
seinen Todestag, als die bisherigen, nämlich das Todten- 



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Hofmafm: Zu Berthold von Begenahurg. 385 

buch des Franziskanerklosters in Regensbarg, wo Berthold 
gestorben ist. Es findet sich in der Münchner Hof- und 
Staatsbibliothek Glm. 13030 (Cim. 4) und wird nächstens 
Ton Hm. Reichsarchivsfunctionär Primbs in den Schriften 
des historischen Vereines von Regensburg herausgegeben 
werden. Der Eintrag lautet: 

XIX. K. J. (14. Dec) 0, fr. perhtold^ magn^ 'idir 
cator. M.CCLXXIL Am Rande sein Miniaturbild knieend 
and betend. In demselben Todtenbuche stehen auch seine 
Schwester und sein Schwager. 

6 Jd, Junij 0. Elisahet sechsin soror fris perch- 
toldi a^. d, 1. 2. 93. 

D, V. J. Oct. Item obitus Merkelini Saxonis gut 
hahuit sororem fratris Perchtoldi magni predicatoris a. d. 
1. 2, 82. 

Demselben Gelehrten verdanke ich noch folgende Mit- 
theilungen. 

^,Das antiquum mortilogium der Franziskaner in 
München (Cod. bav. 755 11. pag. 143) gedenkt seiner unter 
dem 14. Dec. Frater Bertholdas doctor gentium in Batis- 
pona. Ebenda wird auch seines Lehrers Frater David in 
Augusta am 15. November gedacht. 

Das Necrologium des Klosters S. Clara am Anger in 
München (Cod. 4,) gleichfalls am 14. Dec. 1272. Frater 
JBertholdus doctor gentium in ratispo^. 

Die Necrologien von S. Clara und den Franziskanern 
in München wurden von Herman Sack, Gardian des 
letztem circa 1404 angefertigt. Die Necrologien der Fran- 
ziskaner in Eelheim und Nürnberg, sowie Landshut haben 
seinen Todestag nicht^^ 

Von Bruder Berthold war die Rede in einem Perga- 
ment-Codex der Heilsbronner Bibliothek, welcher leider 
nicht mit in die Erlanger gekommen und dessen jetziger 
Aufenthalt mir unbekannt ist M. Joh. Lud. Hocker in 



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386 Siteung der phüo8.-phüöl. üka$e vom 9, November 1867, 

seiner Bibl Ueilsbr. Norib. 1731.2^ p. 35 giebt darüber 
folgendes: (302) Opera fratris Bertholdi s. Extra/vaganies 
Busticanü toi. Sermones hie canünentur CCXGVm. prae- 
fixa hdbentes primo Prologum fratris Heinrici cujusdam 
manachij quo operose BerthoMum commendat aique ah aemu^ 
Us Btisticani nomen ipsi impositum vindicat; deinde tripUr 
cem indicem u, s. w. Es wäre vor Allem dieser Hand- 
schrift und dem Prolog des Frater Henricus nachzuforschen. 
Unsere Hof- und Staatsbibliothek besitzt nun einen Codex 
von S. Emmeram, Saec. XIV. (Cod. lat. 14093) mit dem 
Titel Sermones gui dieumtur rusticani de Sanctis per circth 
lum anni, 318 Blätter in 4®. Am Schlüsse steht roth: 
Iste Über est fratris Hermaumi de ordine fratrum minarum. 
Dann schwarz die Verse: 

Magni praelati Ulier explicit atque beati 
De Vriberch lati nuper et bene morieratu 
Ein Blatt von Hoheneichers Hand (Rep. 25/61 bemerkt: 
Audor est Berfholdus Batisbonensis ^ Ordims Minorum. 
Sanftl in seine» beriihmten Gataloge der S. Emmeramer 
Bibliothek (HI 1540) (ihm hat Hi^eneicher seine Notiz entr 
nommen), bemerkt zu demselben Codex: Semumes qui di- 
cuntur rusticani etc. Äuctor est Bertholdus Batisbonensis 
vide KßboU Baier. Geh Lex. p. 86. In Catalogo Codd. 
Ms8, Bibliothecae fratrum Minorum Batisbonaey quem stgpra 
pag. 1020 retuli^ notatmr: Nota de Bustieano novo et 
antiquOf scilieet fratris Bertholdi^ welcher Eintrag 
sich denn auch richtig am ang^ebenen Orte des Sanftl'- 
schen Catalogs ohne weiteren Zusatz findet Im Original- 
Catalog, welchen Sanftl abgeschrieben und der sich ebeiu 
falls noch auf unserer Bibliothek befindet, (Em. B. XX.) 
heisst es No de BusHcano nouo. et a/ntiq. s. fris. phtoldi. 
Die Codices der Reg^isburger Franziskaner sind nicht alle 
in die hiesige Staats-, aus der Regensburger Stadtfaib- 
liothek übergegangen, wo nun weitere Nachforschungen aa- 



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^fl/won»; Zu BerihoU vm Begm^mg. 387 

zustellen sein werden. Den hiesigen Codex der Sermones 
Bosticani habe ich bis jetzt noch nicht durchlesen können, 
enüialte mich also hier vorläufig jeder weitern Bemerkung und 
Yemiuthung. Dagegen kann ich das folgende Werk nieht nur 
anführen und dabei Hockers Bemerkungen wiederholen, son^ 
dem es li^ mir durch die gefällige Güte der Vorstände 
der hiesigen Staats- und der Erlanger Universitätsbibliothek 
der Codex selbst vor. Die Pergam^thandschrift, welche bei 
Hocker die Nummer 384, in der Erlanger Bibl. 407 trägt, 
enthält Sermones ad reUgiosos. Auf dem 5 Blatte findet 
sich die Rubrik, in welcher der Name des Verfassers der 
Predigten genannt ist, den Hocker Bertholdi, Irmischer da- 
gegen im Cataloge der Erl. Hss. S. 118 (Nr. 407) Gerholdi 
las. Beide haben falsch gelesen; aber der Grund, weshalb 
zwei so tüchtige und achtbare Gelehrte in ihrer Deutung 
des Wortes so weit auseinander gehen konnten, ist paläo* 
graphisch so interessant, dass ich ihn naher besprechen 
muss, so weit diess ohne Facsimile möglich ist In der 
Handschrift selbst steht nämb'ch onzweifelhafi; berholdi er 
ist oben rechts am b durch einen Hacken abbrevirt, der 
von oben nach unten geht , und den Irmischer . für den 
oberen Zug eines grossen 6r hielt, welcher Zug aber in der 
HS. sich nicht in vertikaler, sondern in horizontaler Biehtr 
ung schlingt. Nachdem Irmischer das b mit seinem abbre- 
virten er für G genonuaea hatte,, musste er nun auch die 
Ahkürzui^ für er suchen, denn sonst hätte das Wort Gholdi 
gelautet. Er fand sie in dem Häckchen, mit welchem k 
oben ansetzt und welches gerade so aussieht, wie der An- 
fang der gewöhnlichen Abkürzung für er. Um aber wirklich 
die Abkürzung er' zn sein, müsste das Häckchen für sich 
stehen und dürfte nicht den obem Anfeng des folgenden k 
bilden. Leider sind von der Hand des Bubricators sonst 
zu wenige Einträge vorhanden, um die Frage mit absoluta 
Sicherheit entscheiden zu können, namentlich findet sich kein 



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388 Sitzung der phüos.-phildl. Glosse vom 9, November 1867. 

zweites O und kein zweites h. Irmischers Lesung erklärt 
und rechtfertigt sich nach allem Gesagten sehr leidit, wäh- 
rend Hocker einfach herholdi gelesen und das t als selbst- 
verständlich hinein ergänzt haben wird. Ich selbst, meiner 
eigenen Erfahrung misstrauend, habe vier der geübtesten 
hiesigen Handschriftenleser zu Rathe gezogen. Einer davon 
las Cl^holdi, die drei andern unbedenklich herholdi^ was 
also für jetzt die Majorität für sich hat. Der Name Ber- 
hold scheint auch nicht vorzukommen, wenigstens findet er 
sich nicht bei Förstemann. 

Die ganze Rubrik heisst nun so: 

Iste est rmnerus et ordo et materia Sermonum fratris 
herholdi ad religiöses et quosdam älios. Dieses Verzäch- 
niss enthält nun unter Nr. 91 Begula selbhardi cum ofß- 
dalibus et ofßciis suis, also ist' kein Zweifel, dass die von 
Wackernagel LB. 811 nach R. von Raumers Abschrift mit- 
getheilte Regula Selphardi dem Verfasser der ganzen 
lateinischen Predigtsammlung zugeschrieben wurde. Hocker, 
der nicht an Bertholds Autorschaft zweifelte und die Regula 
Selphardi als Spedmen des Codex S. 36 — 37 vollständig 
abdrucken liess, bemerkt dazu: Cur ab aemulis fratribus 
Rusticani tituium Berthdldus iste r^portaverit^ ex hisce 94 
sennonibus hinc inde conjectari potest, quanta enim libertate 
mores claustralium perstrinxerit, vd sola Regula Selphardi 
nomine insignita, quam totam Sermoni 94. praemisit^ docet. 

Ich kann die Frage, ob diese Predigten und Predigt- 
entwürfe (die meisten gehören wohl der letzteren Kategorie 
an) von unserem Berthold sind oder sein können, hier aus 
Mangel an Hülfsmitteln nicht weiter verfolgen, dass Berthold 
Sermones rusticanos geschrieben, sagt auch Job. Vitodur. 
(Pfeiflfer Zeugniss 17). 

Ein Zeugniss über die Berthold zugeschriebene Oabe zu 
prophezeien, liefert uns Bruder Ghunrad in den Randbemerk- 
ungen des altehrwürdigen Missale von Andechs (And. 5), wo es 



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Hcfmann: Zu Bertholä von Eegensbwrg. 389 

£. 79 b heisst : Noverint xpi fideles, quod ego fraierCh(imradu8) 
eonventtcs de monte 8, Teiri qui dicitur Madron (d. h. 
die Kirche in monte Madarauo oder auf dem Petersberg bei 
Brannenburg), cum ediftcavimus eapellam 8, Caterine, in- 
venimt^s plures Tcartas, inter quas tma erat, quae sie dics' 
bat, quod quadam vice praedieavit frater Perchtoldus prae- 
dicator ordinis fratrum Minorum in monte et Castro Ändess 
in praesentia comitis, qm frater Perchtoidus multum dili- 
gebatu^' et commendabatur a praedicto comite. Inter cetera 
prophetisavit sibi in quodam sermone, castrum suum esse 
destruendum et . , . (uu lesbar) redificandam (sie) tempore tri- 
btäationis et pads. tunc revelabitur gloria domini in loco 
isto et veniet eonsolatio popuH et qma prope annus grade 
et magnificabitur locus per edificationem u. s. w. 

Das Uebematüi'liche spielt hier wie in so manchen 
andern Erzählungen von Berthold eine Rolle, die immer 
grösser wird, bis sie endlich gipfelt in dem Berichte, den 
Hottinger nach der Chronik des Johann Ulrich Krieg wieder- 
holt, dass er nämlich einen Todten wieder lebendig gemacht 
habe. Nach dem, was in der Helvetischen Bibliothek 
Zweites Stück S. 129—182 Zürich 1735 über diese soge- 
nannte Krieg'sche Chronik gesagt ist, gehört sie einer so 
späten Zeit an, dass wir in ihrem Berichte einen der letzten 
Ausläufer von Bertholds legendenhaft gewordener Geschichte 
erblicken dürfen, wie sie sich wahrscheinlich auf sdiweizeri- 
6(diem Boden und unter dem Einflüsse des Zeugnisses von 
Johannee Vitoduranus gebildet hat, wie denn auch die irrige 
Notiz^ B. sei in Winterthur geboren, aus den Angaben des 
Wioterthurer Chronisten erschlossen sein wird. , 

Dagegen ist uns in neuester Zeit ein zwar sehr kurzes 
und mageres, aber durch seine Gleidizeitigkeit wiehtiges 
Zeugniss von Lamprecht von Regensburg durch Franz Pfeiffer 
(Altdeutsches Uebungsbuch S. 71 Z, 75) zum ersten Male 
mi^c^eilt Lamprecht, der unsem Berthold aller Wahr- 
[1867. n. 8.] 26 



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390 Siteimg der phOos.'pMM. Classe vom 9. Navewiber 1867, 

scheinliohkeit nach persönlich gekannt hat, sagt von ihm 
und einem (schottischen?) Ordensbruder, der wohl aadi in 
Regensburg lebte: 

bruder Johan von Engelant 

Vn der svzze Perhtoli 

habent der genaden solt 

von Jesu enpfangen, 

waer ee mir sam ergangen^ 

dcus nem ich vur die richeit 

die diu werlt eUiu treit. 
Zum Schlüsse muss ich noch einmal auf Salimbene zu- 
rückkommen, dessen Chronik, abgesehen von ihrer hohen 
Bedeutung für Kirchen-, Kloster- und Reichshistorie sdion 
in Bezug auf Literatur- und Gulturgeschichte einer beson- 
dem systematischen Behandlung i?riirdig wäre. 

Man sieht, dass die Sage vom ' gewogenen Ablass, die 
ich mit Nr. 4 bezeichnet habe, ihren Weitererzahler gefun- 
den hat im 37. Zeugniss Pfeiffers von Marianus aus Florenz 
(15./16. Jh.), worauf schon das seltene, beiden Berichten 
gemeinsame campsor hindeuten könnte. Wir dürfen an- 
nehmen, dass die erste italienische Quelle hier Salimbene 
war, dass aber zwischen ihm und dem Erzähler des 16. Jhd. 
noch mehrere Berichte in der Mitte gelegen haben werden, 
die uns bis jetzt nur noch nicht bekannt sind, denn dass 
Marianus aus einem um mehr als 200 Jahre älteren Werke 
direkt geschöpft habe, ist im Allgemeinen unwahrscheinUctt 
Bei der ethischen und ästhetischen Würdigung dieser Le- 
gende müssen wir uns erinnern, dass das Wägen von Im- 
ponderabilien durch das ganze Mittelalter bis auf die neueste 
Zeit geht und ohne Zweifel einer der vielen Züge geistlicher 
Symbolik ist, deren Ursprung wir im Orient zu suchen 
haben. Hier ist es Alexanders Fahrt zum Paradiese, (Alex 
M. iter ad parad. ed. J. Zacher, Königsberg 1859 S. 22—29), 
die wir als Quelle unserer Bertholdlegende ansehen können, 



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Hafimum: Zu Berthold wm SegeiUburg. 391 

da dieser Zog bekanntlich in den deutschen Alexander über- 
gegangen ist. Wie dort der einem menschlichen Auge 
gleichende Edelstein ans dem Paradiese das sichtbare Symbol 
der nners&ttlichen Qier des Menschenherzens, die nur ruht, 
wenn Staub das Auge deckt, so ist in Salimbenes Darstell- 
ung noch des Blasen der Dame auf die Wagsohale der 
materielle Faktor , während ein solcher bei Marianus ganz 
fehlt, ebenso wie in der modernen Erzählung, wo vom 
Pabst bestimmt wird, wie schwer ein Vaterunser wiegt. 

üeberhaupt darf bei Entstehung religiöser Sagen und 
Legenden angenommen werden , dass die einer bestimmten 
Zeit, wie die eines bestimmten Landes auch einen gemein- 
^men Zuschnitt haben und zwar um so markirter, je 
mehr die geistige Entwicklung eines solchen Gebietes eine 
isolirte ist, wie man diess sehr deutlich an den so 
charakteristischen irischen Legenden studiren kann. Dass 
eine solche Legendenwelt dann ihrerseits zurückwirkt 
auf die AufiFassung der Vorgänge des wirklichen Lebens hat 
schon sehr richtig Karl Schmidt (Nicolans von Basel, Wien 
1866 S. 54 £F.) ausgeführt, indem er genau die für solche 
Erscheinungen fundamentale Distinction zwischen objectiver 
und subjecttrer Existenz -festhält, jene verwirft, diese zugibt. 
Er hätte da wohl in einigen Punkten noch weiter gehen 
und in der frühsten Jugendgeschichte des Nicolaus (S. 4) 
den realen Reflex der Alecduslegende in Anschlag bringen 
können, deren ethische Wirkung zu allen Zeitep eine ge- 
waltige gewesen sein muss, wenn wir bedenken, dass sie 
nicht bloss in alle/ christlichen Sprachen des Mittelalters, 
sondern auch in verschiedenen Fassungen in die arabische 
übergegangen ist (s. W. Lane Anmerkungen zu der grossen 
Ausgabe von 1001 Nights), in einer dem Ali, Sohn des 
GhaUfen Harun AI Raschid zugeschrieben wird, und noch in 
unserer Zeit auf den jungen Qöthe einen solchen Emdruck 
machte, dass er sie nach der Erzählung einer alten Frau in 

26* 



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382 Sitgung i» |iMi9.-pM>l «Mi €lat» Sl NmmU)er 1867. 

9Qiiien Skdiweiser Biais^brietai. (Anhang su Wet^r» Leidoo) 
TQTitwigkeu Admlich dürfte in dem myatiscbe« und aUar 
W^, seibat ibxm gdtr^EViten Anhäjigero verborgcfteo 2i^ 
mmiamiehm dßt Qot^editwnde in tiefster WaldeiA9Amk€Bt 
(SL 44i E &1^53> einBeflesL des poet^dken CönobiletntlMuas 
der Gn^iUlieiapleifien im unnahbaren Walde von Muqstd- 
v^iSßGiM skh darateUea. 

Unter den UtevayiscdienMittheiluQgenSaliaibenesdtuiton 
fol^^de zn den wichtigeren gehöreu« Von Yordantischen 
Dichtern, die sonst nicht bekannt sind, nennt er S. «189 
einen Pelavicino (==Rapf den Nachbar) vonPanna ala^m- 
ti&mm wwentor; von sioiHaniscdieB Diohtem S. 245-^6 einen 
auch in der politischen Geschichte bedeutenden coMes ff 
00Merurit4Si das Königs Manfred («elchoff seinen Bcod^ 
König GcArad doroh Giovanni da Procida vergiften liess, 
wie man nach S. 245 erzählte), out Namen Manfredo 
MaUtta, optimüs et petrfeotus in rnnUombus inneni^ndi» et 
caniüems excogitandisy et in somMdis in^tmmmfik nm ert- 
dilur habere parem m nrnndo^ Am öftesten aber (6 Mal) 
citirt er von itslienisdien Dichtem den matter Geratdis 
Pateclus (auch Pateoelus geschrieben) vieUaicht von CiMsona 
vgL S. 21, der ein Bach de Taediis geschrieben ^^ zn dorn 
Salivibene selbst im Jahre 1260 ei»e Fortsetaang dichtete, 
wia er S. 238 sagt: Jn stif^ffadkt» miUesima (IMO) habitar 
hom in Bürge Scmcti JDemni et (^nnpesui et seripei alium 
li^rum Taediorumy ad ei^Uiudinem Fatedi. TiTots. diis 
lateinischen Titels sind alle Citate italienisch und das Bmdi 
8(d)Qint moralischrsatirisohen Inhalt» gewese» zu sein» so 
dase sein Verlust nm so mehr zn bedanern ist^ als fast aUe 
vordantisi^Q Poesie^ bekanntUoh in IdebeaUed^m besteht. 
£ine allgemeine itaUenisdie Sprache kennt er natürlich noeh 
nicht; eor untets^^^det S. 3^1 zwisi^ben tumke et hmbar" 
diee et g^ice loqui. Hervorzuheben ist auch sein Bericht 
über die Geissler und ihre Lieder (S« 238), cMUto Xa^ <ie- 



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fUtmii t^erft^AlOfdJ? p& ^mw&rdum i>rhem et . . . ^d&ntpmu^ 
hemi kmdes divinas ad hwiorem Bei et becUae Vtrgims 
quas ecmtabant, dum se ^ferbemAdo inoed^rmit^ ^ über did 
MtMlendiS und se^pneiniias des frater Bemriem S. 64, üty^ 
das naohher Terbrannte Buch des frater Qkirardinus de 
Borpo Sdmcti DamHi (S. 233. 235), und besonders der über 
den näheren Inhalt des Commentars über die A{>olmlyt)Be 
Tom Abbas Joaohym, den wir schon oben hi seiner EraKhl'- 
ong von Berthold erwähnt fanden. Er hiess liber fiffurartm 
Und deatete auf die Saraoenen) atif Mat^hometh, MträMel- 
fiinins, Saladinus nnd Kaisidr Friedrieh n., (S. 224)> wahrend 
ein anderer Zeitgenosse d«n König von Gastilien für d&a 
Antichrist hielt (S. 234). Ein wahrer historische Roman 
m tmee ist das Leben des Cardinall^aten Phih'pipo von 
Raventia, ans Pisloja, der in seiner Jngend als aruier 
Scholar die Ho<4tediule der schwarzen Kunst, Toledo, h&^ 
sachte, aber von seinem Professor, einem berühmten Meister 
(eapcUus, senex^ aspectu deformis) als nnßMg entlassen 
werden mnsste, weil, wie er sagte: voB LcmbimU nen eetie 
pro arte ista^ et ideo diinüt(»H$ eem nobis Hy^peni^^ l{#i 
h^mines fereces H eimüeedaemmibm emms^ tuüfero^ fiUy i^äde 
ParieioB et etude in scriptura diiivinOf gmia in eedeeia Bei 
dtdhuc futurus es fnagims (S. 200), weld^es t^etimimifuin er 
indess später als Cardinallegat zu Schanden machte, wo sie 
timebant eum sicut didbolum und selbst der schreckliche 
Eegdino di Bamano nur parum plus Hmebaiur (8. 204—5). 
Von noch allgemeinerem und eum Theile attuellem Interesse 
wären die ürüieile unseres freimüthigen , .charakterfesten 
und löblichster Unparteilichkeit (vgl. S. 245) beflisseMU 
Minoriten über Kirchen- und Staatsverhältnisse, wie z. B. 
das über die Erwerbung der Romagna S. 282. HaM (Ro- 
magHohtm) Ecclesia romtma dono obünuit tt dtniino Bodulfo, 
qui tempere dönrini Qregerti papae X. a)d imperium fuit 
eUetus. Sttepe enim Somäni PenOfices de repnblieä äliquit 



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394 SiUung der pMoa.-pMol Olasse um 9. November 1867. 

volunt emungercy cum Imperatores ad Imperium casumuntur. 
Da indess mein Absehen hier kein hi8tori8ch^litisdie8 sein 
kann, so schliesse ich mit dem Zeugnisse Salimbenes über 
eine Persönlichkeit, die in der Literaturgeschichte nicht 
minder berühmt ist, als selbst Bruder Berthold, ich meine 
den Archipoeta Waltharius oder, wie v. Giesebrechts Unter- 
suchungen herausgestellt haben, Walthcr von Lille (Oudl- 
terius ab Instdis). Unser Autor kennt ihn genau, dtirt ihn 
öfter, theilt S. 42 — 45 sein grosses Gedicht, Äestuans inr 
irinsecus (^ Carmina burana p. 67^-71) ganz mit, und 
berichtet von ihm, was kein Zeitgenosse weiss (S. 41): Fuil 
hier temporibus Primas canonicus ColoniensiSy magnus 
irutannus (franz. trucm^ engl, truant) et magnus trufatar et' 
maximus versificator et vdox^ gut, si dedisset cor suum ad 
diUgendum Deum^ magnus in Utteratura divina fuisset et 
utiUs vdlde Ecclesiae Bei. Cujus Äpoealypsim, quam fece- 
rai, vidi ei aUa scripta plura. Darauf folgen 6 seiner 
Epigramme mit Angabe der Veranlassung, endlich das Äe- 
stuans intrinsecus mit folgender Motivirung : Item Mc ao-^ 
cusatus fuit arcJU^nscopo suo de tribus, sciUcet de apere 
venereo, id est de luxuria^ et de ludo et de tabema. JBt 
excusavit se rithmice hoc modo. S. 357 erwähnt er noch 
sein Gedicht De vita mundi und theilt überhaupt 131 Verse 
von ihm mit. 

Herr Plath trägt vor: 

„Ueber Krause^s Unsterblichkeitslehre*^ 
Deirselbe behält sich die Verfügung über die Abhand- 
lung vor. 

Der Classensecretär Herr M. J. Müller berichtet: 
„Ueber mehrere Nummern des türkischen in 
London erscheinenden Journals *Mukhbir*'S 
die der Akademie von der P^daktion geschickt worden sind. 



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Buc^mtr: Südung van Schwtfdarsemk in den Leichen etc. 395 



Mathematisch -physikalische Classe. 

Sitzung vom 9. November 1867. 



Herr Bnchner hält einen Vortrag: 

„Ueber die Bildung von Schwefelarsenik in den 
Leichen mit arseniger Säure Vergifteter." 

Die Umwandlung der arsenigen Säure in gelbes Schwefel- 
arsenik in faulenden Eingeweiden ist schon öfter als einmal 
nachgewiesen worden. 

Ich selbst habe eine solche Veränderung vor einigen 
Jahren zufallig beobachtet, als ich Theile des Magens und 
Darmkanales aus der Leiche eines Menschen, den man für 
vergiftet hielt, nachdem dieselben zerschnitten und mit Koch- 
salz gemengt waren, der zersetzenden Einwirkung concentrirter 
Schwefelsaure unter Mithülfe der' Wärme unterwarf, um etwa 
vorhandene arsenige Säure in flüchtiges Ghlorarsen überzu- 
führen. Es fiel mir auf, dass während der Entwicklung des 
Salzsäuren Gases sowohl in der Wölbung und im Halse der 
Retorte, worin die Zersetzung vor sich gieng, als auch in 
dem Recipienten, der das zur Absorption der salzsauren 
Dämpfe nöthige Wasser enthielt, ein gelber Anflug zum Vor- 
Bohein kam, welcher nichts anderes als feinzertheiltes Schwefel- 
arsenik war. Das vorgeschlagene Wasser enthielt arsenige 
Säure in nicht unbedeutender Menge. 

Es ist mir nicht erinnerlich, dass die Schleimhaut dieser 
mitersuchten Eingeweide, welche trotz der Gegenwart von 
Arsenik in starker Fäulniss begriffen waren, einen gelben 
Ueberzug hatte, allein es ist eine von mir und Anderen 



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3M Bitztmg d» wmth.-phff€. Omm vom 9. Nct^mb&r t8^. 

schon öfter beobachtete Thatsache, dass Schwefelarseiik 
durch heisse concentrirte Salzsäure vermöge chemisäier 
Massenwirkung zersetzt und in Ghlorarsenik und Schwefel- 
wasserstoff umgewandelt werden kann, dass hingegen die 
beiden letzteren wieder Schwefelarsenik bilden, wenn, indam 
sie sich gleichzeitig mit einem Deberschuss von Salzsäure 
verflüchtigen, der Dampf in kalte Luft oder in Wasser 
gelangt, wodurch Salzsäure und Chlorarseuik stark verdüint 
und geschwächt werden. Jener gelbe Anflug musste &uf 
solche Weise entstanden sein; er rührte ohne Zweifel von 
in den untersuchten Eingeweiden vorhandenem Schwefelarsenik 
her, welches den zur Hervorrufung der erwähnten reciproken 
Yerwandtschaftsäusserung nöthigen Sdiwefelwasserstoff lieferte. 

Durch den Ende Januars 1862 in Darmstadt öffentlich 
verhandelten Process gegen Jacobi, welcher des Giftmordes, 
begangen an seiner Frau, angeklagt war und dieses Ver- 
brechens überwiesen zum Tode verurtheilt wurde, wurden 
wir von einem weiteren Fall einer Verwandlung der arse- 
nigen Säure in Schwefelarsenik unterrichtet. Frau Jaoobi 
starb im Monat August des Jahres 1861 in Folge einer 
Vergiftung mit arseniger Säure, welche ihr, wie sich bei der 
Untersuciiung herausstellte, von ihrem Manne als Pulver 
beigebracht worden war. Zwei Monate darauf, nämUch im 
Oktober, nachdem der Verdadit einer Vergiftung rege ge- 
worden, vrurde die Leiche wieder ausgegraben, und bei der 
vorgenommenen Obduction und Section fand man in den 
Eingeweiden eine gelbe Masse und namentlich auf der 
Schleimhaut des Magenmundes einen gelben Ueberzug, 
welcher bei der von Hrn. Obermedicinalrath Dr. Winckler 
ausgeführten chemischen Untersuchung als Schwefelarsenik 
erkannt wurde. Uebrigens war die Umwandlung der arsenigen 
Säure in Schwefelarsauk in dieser Leiche nur eine partielle, 
wie die nähere Untersuchung dargethan hat. 

Einen ebenfalls ganz sicheren Beweis der Umwandlung 



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Buehmtr: BiUm§ v&n J S o h wt f d a raimik in 4m Leiekm «tc. StT 

der ar86iiig6n S'iurfi in Schwefelarsenik in CanleDden Ein- 
geweiden lieferte mir vor zwei Jahren die chetnisdie Unter- 
sochang der Eingeweide der Baaersfrau M. T. yod G. Dieselbe 
erkrankte nach kaum viermonatlicher Ehe plötilich sehr heftig 
und starb kurz darauf am 19. Juli 1864. Dass man damals 
trotz der auffallenden Krankheitserscheinungen und des 
schnellen Todes an keine Vergiftung dachte, ergibt sidi 
daraus, dass die Leiche unsecdrt und ohne das geringste 
Hindemiss nach zwei Tagen beerdigt wurde. Erst einige 
Monate später wurde das Gerächt, dass M. T. durch ihren 
Ehemann vergiftet worden sei, so laut, dass gegen diesen 
die gerichtliche Untersuchung eingeleitet werden musste. 

Die Exhumation der Leiche fand am 12. Juni 1865, also 
47 Wochen nach der Beerdigung statt. Das ober dem Sarge 
befindliche Erdreich war sdir trocken und steinig und der 
fichteneSarg, obwohl er nur 3Vt Fuss tief mit Erde bedeckt 
irar, noch vollkommen gut erhalten. 

Aus dem Sectionq)rotokolle entnehmen wir, dass das 
Gesidit der Leiche mumienartig geschwärzt und eingetrocknet 
war, ebenso die oberen Extremitäten in ihren Fleisditheilen; 
die Glieder der Finger waren nur mehr in einem lodceren 
Verbände. An der Brust sowie an der vorderen Bauchdecke 
zeigte sich die Oberhaut gleichfalls schwärzlich, während das 
darunter liegende Fettgebilde noch ziemlich ^t erhalten 
war. Auch die Haare am Kopfe und an den Genitalien so- 
wie die Nägel an den Zehen und Fingern waren noch gut 
erhalten. 

Aus der Brust- und Unt^leibshöhle quoll bei der 
Eröffnung ein höcht übelriechender Dunst heraus; die 
Mosculatur an der votderen Brustwand sowie an der Bauch- 
decke bot noch eine gut kennbare Böthe danund in den 
Achselhöhlen sowie in den beiden Leistengegend^ und in 
den noch aemlich gut erhaltenen Kleidungsstücken hatte sich 
bereits viel Ungeziefer eingenistet. 



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398 Sitmmg der math.-pkif8, CHae9e vom 9. November 18ß7. 

Als Gnrnd der noch ziemlich guten Conservimng der 
Leiche gibt der Sectionsbericht ausdrücklich das trockene 
sandige Erdreich und die hohe Lage des Leichenackers an. 

Die mir zur chemischen Untersuchung äbersohickten 
Eingeweide dieser Leiche fand ich sehr weich, faulig und 
trotzdem, dass sie der Vorschrift gemäss mit Weingeist über- 
gössen waren, im hohen Grade übelriechend. Beim OefiFnen 
der unterbundenen Speiseröhre war nichts Besonderes zu 
beobachten, aber beim Aufschneiden des unterbundenen leeren 
Magens und Dünndarmes und Besichtigen der inneren Fläche 
fiel es mir im hohen Grade auf, dass ein grosser Theil der 
blass und wenig geröthet aussehenden Schleimhaut, beim 
Magen besonders gegen das Duodenum zu, mit einer lebhaft 
gelben Schicht eines zarten Pulvers bedeckt war, was sich 
mit Wasser theilweise von der Schleimhaut wegspülen Hess. 
Gegen den unteren Theil der Schleimhaut und auf der 
Mucosa des Dickdarmes konnte gar nidits davon bemerkt 
werden. 

Es bedurfte nur weniger Versuche, um über die Natur 
dieses gelben Ueberzuges ins Reine zu kommen. Das w^- 
gespülte Pulver löste sich in Ammoniak; die ammoniakalische 
Lösung hinteriiess beim Verdampfen in einem Schälchen gelbe 
Ringe; beim Ansäuern dieser Lösung entstand ein gelbe 
Trübung. Beim Erhitzen in einer Glasröhre verflüchtigte sich 
das Pulver vollkommen ; es bildete sich oberhalb der erhitzten 
Stelle ein rothbraunes Sublimat, welches während des Er- 
kaltens blassgelb wurde. Als der Dampf in einer zu einer 
Spitze ausgezogenen Röhre über glühende Kohlensplitterchen, 
welche mit Soda imprägnirt waren, geleitet wurde, legte 
sich im weiteren Theile der Röhre ein Spiegel von metall- 
ischem Arsenik an. 

Diese Erscheinungen bewiesen hinlänglich, dass der gelbe 
Ueberzug auf der Schleimhaut aus Drei&ch-Schwefelarsenik 
bestand. Es war nun die Frage zu erörtern, ob diese 



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Buehmer: BUdtmg von Sf^mefelarsemk iti den Leichen etc. 399 

Yerbindimg als schon gebildet in den Magen und Dannkanal 
der M. T. gelangt sei, d: h. ob die Verstorbene Sdiwefd- 
arsenik bekommen habe, oder ob sie mit arseniger Säure 
Tergiftet worden sei, welches dann erst in den genannten 
]^iigeweiden dorch den während der Fäolniss entwickelten 
Sdiwefelwasserstoff in Schwefelarsenik umgewandelt wurde? 

Diese Frage war leicht mit Hülfe folgender Thatsachen 
zu beantworten: 

Das auf der Schleimhaut liegende gelbe Pulver zeigte 
ganz das Aussehen und die Feinheit des aus einer Lösung 
der arsenigen Säure durch Schwefelwasserstoff präcipirten 
Schwefelarseniks. Hätte M. T. gepulvertes Auripigment be- 
konmien, so wäre dasselbe jedenfalls nicht so fein gewesen 
wie das hier vorgefundene Pulver. 

Als ein Theil des Magmis und Dünndarmes in einer 
Retorte mit Salzsaure gekocht worden war, fand sich in 
dem vorgeschlagenen Wasser, in welches man die salzsanren 
Dämpfe leitete, so viel' arsenige Säure, dass Schwefelwass^- 
Stoff sogleich eine starke gelbe Trübung darin hervorbrachte. 
Diees wäre gewiss nicht der Fall gewesen, wenn diese Ein- 
geweide das Arsenik nur als Schwefelarsenik und nicht auch 
als arsenige Säure enthalten hätten. Sehwefelarsenik wird, 
wie schon vorhin erwähnt, durch heisse concentrirte Salzsäure 
wohl auch zersetzt und in Ghlorarsenik übergeführt, aber 
doch nur in geringer Menge, jedenfalls nicht der verhältniss- 
massig grossen Quantität Ghlorarsenik entsprediend, das sidi 
mit den salzsauren Dämpfen entwickelte und durch das vor- 
geschlagene Wasser wieder zu arseniger Säure wurde. Dass 
auch hier wieder eine theilweise Zersetzung des in diesen 
Kngewdden enthaltenen Schwefelarseniks stattfand, ergab 
sich daraus, dass besonders gegen das Ende der jBinwirkung 
Wölbung und Hals der Retorte sich aus der schon angegebenen 
Ursache mit einem gelben Anfluge bedeckten und auch das 



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400 BUmmg der mmth.-fih^. (3mm «m ». N§9Mtßer 1867. 

die saksauren Dämpfe aofiaehmendd Wasser dvofa die auf« 
tretendeü Spuren Scliwefelwaseerstoff gelblich getrübt ward«. 

Beines Sohwefelarsenik wird wegen seiner Unlöslidikeit 
in Wasser und schwach sauren Flüssigkeiten vom Magen 
und Darmkanal aus nicht oder kaum absorbirt und in das 
Blut übergeführt. Hätte M. T. Schwefelarsen bekommen, sO 
wären in deren Leber und Mili kaum mehr als Spuren von 
Arsenik übergegangen. Allein diese Organe enthielten, wie 
die chemische Untersuchung bewies, ebenfalls eine Yerhält- 
nissmässig grosse Menge Arsenik, woraus gesdilossen werden 
muss, dass dieses als arsenige Säure in die genannten Ein- 
geweide gelangt ist. 

Aber den sichersten Beweis, dass in in den untersuditen 
Eingeweiden noch arsenige Säure y(H:handen w€ur, lieferte 
der dialytische Versuch. Klein eersohnittene Theile des Magens 
und Dünndarmes mit Wasser, wekhes nur sdiwach mit Salz- 
säure angesäuert war, in den Dialysator grturaöht, gaben 
binnen 24 Stunden an das vorgeschlagene Wasser so viel 
arsenige Säure ab, dass Schwefelwasserstoff darin eine deut- 
liche gelbe Trübung hervorbrachte. Diese wäre gewiss nicht 
der Fall gewesen, wenn die Eingeweide bloss Sdiwefelarsenik 
enthalten hätten, denn dieses wird, wie schon erwähnt, durch 
schwach angesäuertes Wasser bei gewöhnlidier Temperatur 
kaum zersetzt und au%elöst. 

Aus allen diesen Beobachtungen sowie aus den dem 
Tode vorausgegangenen Erscheinungen muss mit Gewiseheit 
geschlossen werden, dass die Bauersfrau M. T* an den Folgen 
einer Vergiftung mit arseoiger Säure gestorben und dass das 
im Magen und Dünndarm der nach fast eilfinonatlicher Be- 
^-digung wieder ausgegrabenen Leiche vorgefundene Sohwefel- 
arsenik das Produkt der Einwirkung des währ^d det* 
Eäulniss entwickelten Sohwefelwaeserstofiies auf die arsenige 
Säure ist 



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B$ukmrt MUkmg wm 9ehm f B h r$mik tu am L ei e rn $tc, 401 

Die Bildung von Schwefelarsenik in den Leichen von 
mit arseniger Säure Vergifteten ist der sicherste Beweis, dass 
die arsenige Säure in der Menge, ija welcher sie ]i>ei damit 
bewirkten Vergiftungen gewöhnlich in den Leichen bleibt, 
die Fäulniss derselben nicht zu verhindern im Stande ist. 
Idi werde meine Erfahrungen über diesen Gegenstand sowie 
über die sogenannte Mmnification solcher Leichen später aas- 
ftthvlioh mittheilen; vorläufig sei nur erwähnt, dass der Ver- 
bmf der Fänhiiss und überiiaupt der Zersetzung von Leiehea, 
welche Arsenik enthalten, und von solchen, die frei davon 
siftd, vorausgesetzt, dass sie sich unter sonst gleichen Um- 
ständen befinden, ganz derselbe ist. 

Aber es bleibt noch die Frage zu lösen übrig, warum 
man die Umwandlung der arsenigen Säure in Sdiwefelarsenik 
in füllenden Eingeweiden bnher nidit häufiger wahrgenommen 
hat? ich habe sie, wie sdion erwähnt, nur zweimal bieob- 
achtet trotz meiner zahlreidien Untersuohmigen arsenhaltiger 
Eingeweide, wdche aus den Leichen in den verschiedensten 
Stadien der Zersetzung, vom zvreiten Tage nach dem Tode 
bi» zum üinft^ü Jahre nadli der Beerdigung, genommen 
worden waren. 

Beiläufig will idi no<^ orwäbnen, dass der Bau^ T., 
dea Giftmordes, begangen an seiner Frau, angeklagt, in der 
öffentliehen Verhandlung Yor dem Schwurgerichtshofe zu 
Straubing dieser That für schuldig befimden und zum Tode 
rerurtiieilt wurde. ^ 



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402 SiUmng der ifkiti^.-|%«. Chuae wm 9, Nofomber 1867. 



Herr C. Voit spricht: 

„lieber die Fettbildung im Thierkörper." 

Ehe man mit den Umwandlungen der organisdhen Sub- 
stanzen näher bekannt war, meinte man, das im Thierkörper 
aufgespeicherte Fett könnte nur aus dem Fett der Nahrung 
hervorgehen; man musste sich eibet bald überzeugen, dass 
das in der Nahrung eingeführte Fett in vielen Fallen nicht 
hinreicht, um das bei der Mästung von Schwdnen angesetzte, 
oder das in der Milch von guten Milchkühen abgeschiedene, 
oder von fiienen im Wachs producirte Fett zu liefern. Es 
war nicht zu verkennen, wie unter dem Einflüsse von Kohle- 
hydraten die Thiere Fett ansetzen, und man wurde um so 
mehr auf die Mc^lichkeit der Erzeugung von Fett aus Kohle- 
hydraten hingewiesen, als unter den Zersetzungsprodukten 
der Kohlenhydrate niedere Fettsäuren gefunden wurd^. 
Allerdings dachte man audi an die Bildung von Fett aus 
eiweissartigeü Substanzen; man hatte allerlei Erfiahrungen 
gesammelt, die einen solchen Vorgang wahrscheinlich machten, 
so z. B. die Entstehung des Leidienwaohses , das Auftreten 
von Fettsäuren bei der Zerstörung des Ei weisses, die fettige 
D^eneration eiweisshaltiger Organe, die Umwandlung von 
in die Bauchhöhle von Thieren eingebrachten, an Eiweiss 
reichen Organen in eine Fettmasse etc. Aber diese Be- 
obachtungen waren zum Theil nicht beweisend, zum Theil 
zweifelte man, ob aus Eiweiss hinreichend Fett entstehen 
könne, um die beobachtete Fettbildung zu decken; nament- 
lich dachte man sich bei Pflanzenfressern den Eiweissumsatz 
wegen des geringen procentigen Stickstofigehaltes des Futters 
für viel zu gering zur Hervorbringung einer grösseren Fett- 
menge. Die Sachlage stand so, dass man den Uebei^ang von 
Eiweiss in Fett für sehr wahrscheinlich, aber für unzureichend 



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VoH: FeUbüdmg im TMerkörper. 403 

hielt, und dass man die Umwandlung yon Kohlehydraten in 
Fett zwar nidit für bewiesen, jedoch für änsserst wahr- 
scheinlich erachtete. 

Nach den von Pettenkofer und mir am fleischfressen- 
den Hunde gemachten Versuchen konnte der Körper auf 
Kosten von reinem Eiweiss fetter werden, denn bei Fütterung 
grosser Fleischmengeü erschien sämmtlicher Stickstoff der 
Einnahmen in den Excreten, während vom Kohlenstoff 
beträchtb'che Mengen nicht zum Vorschein kamen; bei Dar- 
reichung von Fett speicherte sich ein Theil desselben auf, 
während bei Darreichung von Stärke allein oder mit Fleisch 
ein Ansatz von Fett nicht zu constatiren war. Wir hielten 
es nach unsem damaligen Untersuchungen für wahr- 
scheinlich, dass jeder Ansatz von Fett beim Fleischfresser 
nur durch Fett mißlich ist, entweder aus dem in der Nahrung 
aufgenommenen Fett, oder aus dem bei der Zersetzung von 
Eiweiss im Organismus neu entstandenen. 

Eine Reihe von Erfahrungen hielt mich ab, eine prinzi- 
pielle Verschiedenheit in den Umsetzungsmöglichkeiten eines 
fleisch- und pflanzenfressenden Körpers anzunehmen, ich 
erblickte hierin vorzüglich nur quantitative Aenderungen, 
veranlasst durch den verschiedenen Bau des Darmes und 
die ungleich zusammengesetzte Nahrung; ich wusste ferner, 
dass Pflanzenfresser mit eiweissarmer Nahrung sich nicht 
mästen lassen und ich kannte den gegenüber den gewöhn- 
lichen Vorstellungen höchst bedeutenden täglichen Eiweiss- 
Umsatz dieser Thiere. Diese Gründe bewogen mich in 
einem bei der in München im Jahre 1865 tagenden Ver- 
sammlung deutscher Agriculturchemiker gehaltenen Vortrage 
es nicht für undenkbar zu erklären, dass auch beim Pflanzen- 
fresser die Kohlehydrate nicht in Fett übergehei;!, sondern 
nur das aus dem Eiweiss abgespaltene oder als solches ein- 
geführte Fett vor der Verbrennung schützen und so einen 
Fettansatz ermöglichen. Damals schlug Herr von Liebig 



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404 Sitzung der wuM.-fhys, C^m vom 9, November 1867, 

ein GKperim^tum cracis vor und emp&hl Versuche an 
Mildikühen znr Entscheidang der Frage, ob die eiweisa- 
artigen Stoffe and das Fett der Milch darch das Eiweiss 
und den meist geringen Fettgehalt der Nahrnng gedeckt 
werden. 

Ich hatte mir damals voi-genommen, die gestellte Frage 
za beantworten. Zunächst machte ich Versuche an einer Hündin 
bei yersckiedener Nahrung; das Ergebniss derselben war, dasB 
hier unter allen Umständen das Fett und der Milclizucker der 
Mildi durch das aus dem Stickstoff des Harns gerechnete 
zerstörte Eiweiss gehefert werdoi könne; der Fett- und Milch- 
zuckergehalt der Milch bei Fütterung mit viel reinem Fleisch 
war grösser als bei Fütterung mit Fleisch und Kohlehydraten. 
Aehnliche Resultate haben sphon Ssubotiu und Kemme- 
rich bei der Untersuchung säugender Hündinnen erhalten. 
Idi musste miclt aber entschliessen , den Versuch an einer 
Milchkuh zu machen. Da mir meine Mittt;! die Anschaffung 
einer solchen nicht gestatteten, sowandte ich mich im vorigen 
Jahre an die Vorstände der hiesigen Veterinärschule, die 
mir mit der grössteh Bereitwilligkeit eine ihrer besten Race- 
kühe zur Verfügung stellten. Ich liess die Menge der Mildi 
und des entleerten Harns während 6 Tagen bestimmen, aber 
e& setzten sich dem genauen Aufsammeln des Harns so 
grosse Schwierigkeiten entgegen, dass höchstens die Angaben 
der 4 ersten Tage auf einige Genauigkeit Anspruch machen 
konnten. Das im Körper zersetzte Eiweiss konnte den Fett- 
gehalt der Milch bis auf 18^/o Hefern; rechnete ich audi 
das nach einem Ueberschlag im Futter sdion enthaltene 
Fett hinzu, so war es im höchsten Grade wahrscheinlich, 
dass weder für das Fett noch für den Milchzucker der Miich 
die Kohlehydrate der Nahrung eiu^ Beitrag zu liefern 
brauchen. Es war mir lange nicht möglich, den Versuch mit 
allen Vorsichtsmassregeln zu wiederholen ; vor einigen Wodien 



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FmT; We¥MUIßm§ im XkierUrper. 405 

übet UflM mir einer nnaer6r besten Mitbürger, flerr Fabrikant 
Biemersebmidt, mit gewohnter Opferwilligkeit seine Milch- 
keb gir AßBuSähmmg des Versuchs nnd meine Assistenten und 
8«häiap, die Herren £. Bis ehe f£, Fr. Hofmann, X. Petten- 
kofer «nd P. Ajcbberger unterzogen sich, inErforsdiung der 
'Wahi^eit beiohwerliohe Arb^t nicht achtend, der Aufgabe 
6 Tage und Nächte bei dem Tbiere zu wachen, um sämmtiüchen 
Harn and Koth aufeufangen. Das Experiment ist auf diese 
Weise vollkommen geglückt, jund ich kann das Resultat des- 
aeiben ale sicher iunsteUen* 

Die Kuh verzehrte in den 6 Tagen im Mehl und Heu 
1407 Qtm. Stickstoff; im Harn, dem Koth und der Milch 
warden dagegen 1440 6rm. entleert, d. h. der Stickstoff 
der Einnehmen nnd Ausgaben stimmt auf 2^/o überein, 
am Thier befand sidi also im Stickstofigleichgewicht. 
In 80.6 Kilo Heu nnd 14.7 ^o Mehl waren 2663 Grm. 
Fett, in 178 Kik) Koth befandien sich 1044 Grm., es wurden 
also 1619 Grm. Fett in die Säftemasse aufgenommen. In 
lS0.7EfloHam waren 562.4 Grm. Stickstoff ; berechnet man 
letztere auf £iweis8 nnid zieht den Kohlenstoffgehalt einer 
dem StidcsUtf eiatspE^end^ Harnstoffmenge ab, so erhält 
man daraus deo Eehlenatoff von 2220 Grm. Fett oder nach 
Abzug ven 4*6 ^/o K<^enstoff, welche den nach der Abtrennung 
des HamatoffeB vom Eiweiss überschüssigen Sauerstoff 
bi&den, 2120Grtn. Fett Die 57.3 Eik> Milch enthielten aber 
1S77 Grm. eiweissaiüge Sobätanz, 1976 Grm. Fett und 
8177 Grm« Miteh^ncker» Das im Körper zersetzte Eiweiss 
kann also 144 Grm. Fett mehr erzeugen, als in der 
Milch sich fanden; d^ Kohlenstoff des Milchzuckers entspricht 
1670 Grm. Fett, während vom Eiweiss 144 Grm. und von 
dem Fett der Nahrung 1619 Grm. = 1763 Grm. zur Ver- 
fugung stehen. Man braucht somit weder für das Fett, noch 
für den Milchzucker in der Milch die Kohlehydrate in Anspruch 
zu nehmen und es ist dadurch im höchsten Grade wahrscheinlich, 
[1867. IL 8.] 27 



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406 8itgung der m(Uh.-php8. Ctowe vom $. Nm)€mher 1867, 

dass auch beim PflanzenAres&er die Eohl^ydrate moht das 
Material für die Fettbildimg abgeben , sondern nur dieselbe 
ermöglichen, indem sie statt des Fettes rerbreimen. Bm deiä 
grossen Sanerstoffreiditham der Kohlehydrate müsste zur 
Erzeugung von Fett eine grosse Menge Sauerstoff austrete 
oder, da ein solcher Vorgang nidit wahrscheinUch ist, ein 
beträchtlicher Theil Kohlenstoff mit dem Sauerstoff sich zu 
Kohlensäure vereinigen, so dass nur ein kleiner Theil des 
Kohlenstoffs zum üebergang in Fett übrig bliebe; \m der 
Bildung von Fett aus Eiweiss braucht nur V* so viel Sauer- 
stoff auszutreten. 

Die Struktur der kleinsten Theile einer MHdidruse zeigt 
uns auch, dass es sich hiar um eine Werkstätte zur Zersetsoiig 
von Stoffen handelt und nicht um ein einfaches Filtrations- 
organ. Es findet sich dort vorzügHdi eine fettige Degeo^ra- 
tion eiweissartiger Substanz und vielleicht, wie ich es auch 
für die Leber annehme, ein Üebergang von Fett in Zucker. 
Sobald eine Milchkuh Fett und Fleisch am Kdrpeir ansetzt, 
nimmt die Milchabsonderung ab. Eine gute Milchkuh mnss 
in ihrem Darm viel Eiweiss, Fett und Kohlehydrate aufiiehm^i 
können und bei möglidist geringer Sauerstoffanfhahme wen% 
davon verbrennen, sie muss aber auch eine entwickelte Milch- 
druse haben, um aus dem grossen Vorrath von Material die 
Bestandtheile der Milch abzuscheiden und theilweise zu be- 
reiten. Ich glaube, dass ein grosser Theil des Eiweisses in 
der Drüse selbst zersetzt wird. Die ausführliche Mittheilung 
der Ergebnisse des Versuchs werde ich demnächst in der 
Zeitschrift für Biologie geben. 



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8Ummg 4&r mgih.-phya. CUme vom 9. November 1867, 407 

Herr Moritz Wagnfr macht unter Vorzeigung ver- 
sdiiedener Fandstücke einige Mittheilungen 

^yUeber die Entdeckung von Spuren des 
Menschen in den neogenen Tertiärschichten 
von Mittelfrankreich^^ 

Ein umfassender Vortrag darüber wird von ihm nach- 
träglich gebalten werden. 



Herr Seidel macht Mittheilung: 

,, lieber eine Darstellung des Kreisbogens, 
des Logarithmus und des elliptischen In- 
tegrales erster Art mittelst unendlicher 
Produkte", 
in welchen die unendliche Vieldeutigkeit der genannten 
Funktionen durch algebraische Vieldeutigkeiten wiederge- 
geben ist. 



27* 



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408 SUtmg 4er hiHor, aam «om d. Ifiwmlm t$$7. 



Historisehe Classe. 

Sitsnng vom 9. KoTember 1867. 



Herr Rockinger gab Erörterungen 

„Zur näheren Bestimmung der Zeit der Ab- 
fassung des sogenannten Schwabenspiegels'^ 

Wenn wir für heute die weitere Mittheilung der Untei> 
suchungen über die hiesigen Handschriften des sogenannt^i 
Schwabenspiegels und ihre Gruppirung unterbrechen, so ge- 
schieht dieses in Berücksichtigung eines Wunsches geehrter 
Freunde, welche die Veröffentlichung eines für die Frage 
nach der Zeit der Abfassung unseres Kechtsbuches 
nicht unwichtigen Ergebnisses nicht länger hinausgeschoben 
sehen wollten. 

Es enthält nämlich eine der Handschriften welche der 
Gruppe des vom Herrn von Berger seiner Ausgabe vom 
Jahre 1726 zu Grunde gelegten Codex des Beichsgrafen Ton 
Wurmbrandt angehören Randbemerkungen aus zwei 
anderen Handschriften des sogenannten Schwaben- 
spiegels, wovon die eine besondere Beaditnng für die an- 
gedeutete Frage in An^prudi nimmt. 

L 

Die Handschrift selbst um weldie es zunächst sich 
bandelt ist gegenwärtig im Besitze unseres geehrten 
Collegen Föringer, welcher selbe am 25. April 1833 Yon 
dem seither verstorbenen Hofrathe Hoheneicher käuflich an 



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BwMnger: Zur AJbfas$ung€Meit des Schwdbenapiegelß. 409 

oieh gebracht und uns seinerzeit zur Vervollständigung unserer 
Forsohangen über die hiesigen Handschriften des söge- 
Qamiten Sdiwabenepiegels und ihre Gruppirung in zuvorkom- 
mendster Weise überlassen hat, in einer Güte wofür wir 
ihm in gegenwärtiger Untersuchung den sprechenden Be- 
weis unseres Dankes zu liefern nicht verfehlen. 

Nicht durch hohes Alter zieht diese Handschrift an. 
Auch nicht durch die Anlehnung an eine der hervorragenden 
Gestalten unseres Bechtsbuches, indem sie' — vrie schon 
bemerkt — nur zur Gruppe des v. wurmbrandt'schen Codex 
zählt. Auch nicht durch besondere Güte des in dieser Form 
Tertretenen Textes» Die Bandbemerkungen dagegen welche 
ihr aus zwei anderen Handschriften, und vorzugsweise jene 
welche ihr aus einem alten Pergamentcodex des sogenannten 
Sdiwabenspiegels angefügt sind, sie verleihen Uir einen 
Werih ganz besonderer Art. 

Was ihre äussere Beschaffenheit anlangt, ist sie 
aof sedizehn je unten auf der zweiten Seite des letzten 
Bkttes mü der entsprechenden Zahl bezeichneten Sextemen 
in Folio auf Papier einspaltig — mit Ausnahme des in zwei 
Spalten geschriebenen Iiüialtsverzeichnisses — von einer nicht 
sonderlich schönen Hand der zweiten Hälfte oder wohl eher 
des letzten Viertels des 15. Jahrhunderts gefertigt, und in 
helles aussen schön geglättetes Sdiweansleder in der Weise 
gebunden dass über ihren Bücken ein mit dunkelbraunem 
Leder überzogenes Holzblatt befestigt ist, welches gegen 
oben und iinten dn Lederknöpfchen zeigt, während das 
Sdiwemsleder der hinteren Seite nodi zum Umschlage über 
jenes dar vorderen bis in die Mitte reicht und gegen oben 
wie unten mit fein gedräiten Spagatschnürchen — von deren 
<d)erem. die Enden schon län^^re ISeit abgerissen zu sein 
sdieinen — behufs besseren Yersdilusses ohne Zweiflsl zum 
Eäihängen in die beiden Lederknöpfchen am Bücken ver* 
geben ist. Der erste der genannten Sesteme war urqsrüng- 



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410 Sitzung der histor. Classe vom 9. November 1867. 

Uch weder foliirt Doch paginirt, während vom zweiten an 
bis einschliesslich dem dritten Blatte des sechzehnten die 
Seitenzählung 1—350 angebracht war. Jetzt ist sie von der 
Hand des gegenwärtigen Besitzers foliirt. 

Ihren Inhalt bildet zunächst ein Verzeichniss der 
Kapitel des Buches der Könige alter E wie des 
Land- und Lehenrechtes des sogenannten Schwaben- 
spiegeis, dann diese drei Stückei in folgender Weise. 

Nachdem auf der ersten Seite des ersten anfängHdi 
leeren Blattes la der Titel des ganzen Werkes als „Kaiser 
Karls dess Grossen Landtgerichts Buech dess Landess zu 
Schwaben" sich eingetragen findet, beginnt auf Fol. Ib Sp. 1 
bis Fol. 6 Sp. 2 das Verzeichniss der Kapitel der drei vor- 
hin bezeichneten Bestandtheile, und zwar sind den Kapitda 
des Land- und Lehenrechtes des sogenannten Scfawaben- 
spiegels die je entsprechenden Seiten des nadifolgenden 
Textes beigeschrieben. 

Auf Seite 1 der alten und Fol. 8 der neuen Bezeidmung 
beginnt das Buch der Könige alter E in dem Um&nge wie 
es uns die Ausgabe Massmann's in des Herrn ▼. Daniels 
RQchtsdenkmälem des deutschen Mittelalters III. Sp. XXXIII 
bis CXXn zugänglich gemacht hat, und reicht bis 8. 98 
beziehungsweise Fol. 66'. 

Nachdem das nächste Blatt, urspriingh'ch mit S. 99 
und aus Ueberzählung 101 bezeichnet, leer gelassen worden, 
beginnt mit S. 102 beziehungsweise Fol. 58 ohne besondere 
Ueberschrift das Landrecfat des sogeoannteQ Schwaben- 
spiegels bis S. 284 beziehungsweise Fol. 148', woran sioh 
ohne Unterbrechung der Seite sogleidi „kayser Karls lehen 
recht puch*' bis S. 349 beziehungsweise Fol. 181 anreiht. 

Den Schluss dieser Seite und die folgende fiiUt eilM 
Anzahl von kurzen Rechtssätzen, wie über ehehafte Noth 
und anderes, unter dem Rubrum : Secnntur articuly generaks. 

Beim Ldienrechte kt der Haupttitel, und bei all den 



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Bockmger: Zur AbfassungsMeit des SchwäbeMpiegds. 411 

geaannten Bestandtbdlea sind die Ueberechriften der Eapitd 
rotb ek^etragen. Beim Buche der Könige alter E finden 
sidi überdiess je am Anfange der Kapitel rothe Initialen, 
welche von da ab auslassen, so dass sie für das Landrecht 
des sogenannten Schwabenspiegels zum grossen Theile gänz- 
lich fehlen, während sich gegen den Schluss des Lehen- 
redites die betreffenden Anfangsbuchstaben schwarz einge- 
zeichnet finden. 

Was des genaueren insbesondere aber das Land- und 
Lehenrecfat unseres Bechtsbuches zu bemerken ist, behalten 
wir uns für die seinerzeitige Besprechung von fünf weiteren 
hiesigen Handschriften, welche zu dieser Gruppe ge- 
hören, vor. 

Theils an den vom Texte der genannten Bestandtibeile 
nicht ausgefüllten Blättern wie theilweise an dem Bande 
des Textes selbst begegnen nun noch von einer gewand- 
ten Hand des Anfanges des 17. Jahrhunderts ver- 
schiedenartige Bemerkungen, von Anfang an zahl- 
reicher, weiter gegen die Mitte oder gar das Ende zu 
sparsamer. 

Die einen bilden Verweisungen auf das sächsische 
Landrecht nach einer der bis dahin erschienenen 
Aasgaben ZobeTs, welche*) jener Schreiber sich aus irgend 



1) Wir lassen sie hier in ihrem Zosammenhaoge folgen. 

Aof fol. 69 ist sa den Worten der Vorrede ,,dar nmb so liesz 
er away swert" u, s. w. bis za den Worten „vnd ander wemtlich 
forsten betwingen mit der acht^* an den Band bemerkt: 
Conoordat Artia 1. Landreoht 

Was biebei insbesondere den Satz „das swert des wemtliohen 
rechtens das leichet der pabst dem kayser" anlangt, finden wir an 
deA Rand beigeschrieben: 

Haec non habentur in articnlo. 

Aof foL 59^ begegnet ans weiter in den Worten der Vorrede (in 
der durch Freiherm v, Lassberg besorgten Dmekaosgabe Absatz g) 



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412 BiUung der histor. Cku8e wm 9, Nimmber tß$7, 

welchen Grunde beigezeidüiet halt. Die anderen bietM 
eine Vergleichung einer einem aioht näker gekemi-' 



„ynd 8ol ain yeglich ohristeii mensoh" bi» n den Woctan ^a m 
gutt jnne hatt'' die Bemerkung : 

Concordat Landrecht art. 2. Yide ibi latias. 
Sodann ist zu Artikel 1 = L Vorwort h an den Rand bei- 
gefugt: 

Im Landrecht art. 2 werden sie genannt ScböppenbaM fireyen 
seu Banniti; Pfleghafften sen Proprietär^ $ Landsesibn isder laaiex^ 
PaganL 

Auf fol. 60 zu Artikel 3 = L^ 2 bis. zu den Worten „ob der 
sibende herschilt lehen muge gehaben oder nicht, den sibenden her- 
sohilt hat ain yeglich man der nicht aigen ist vnd der aid ee kind 
ist" finden wir die Bemerkung: 

CJonoordat Landreoht art 8. 
Insbesondere zu dem Sätze dass die LaienfÜrtten den dritten 
Heerschild heben ist noch an den Rand beigefugt; 

Nota im Landtrecht stehet dabey: seit sy der Bischoff Mann 
worden sind. 

Zu Art. 4 = L 3 ist bemerkt: 
Concordat Landrecht art 3. 
Auf fol. 61 ist zu Artikel 5 = L 4 beigesetzt: 

Concordat Landrecht art. 5. 
Auf fol. 61' finden wir zu den Worten des Artikels 6 = L 5a 
„geswistergeit taylent nicht mit jm chain varendei gutt wie Til er 
gult haben suUe'* an den Rand bemerkt: 
Concordat Landrecht art. 5. 
Sogleich zu den Anfangsworten der gegen den Sohluss dieses 
Artikels gegen L 6 a weiteren Fassung ,,Dot plaffe erbet aigen mit 
anderen seynen geswistergeitten^ vnd dy lehen nicht, da von tat 
das ainem yeglich man der lehen hat des heren man haisset der jm 
das lehen leihett. ynd wan all p£BKffen frey sind, da von stdlent sy 
auch dy erben nicht erben*^ ist an den Rand beigesebrieben: 
Landrecht ibidem. 
Zu Artikel 7 == L 5b ist an den äusseren Rand bemerkt: 

Concordat Landrebht art 5 et art. 6; 
und zu den Worten „als erb gutV* an den inneren: 
es sey denn lehen. 



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BticU^g^: Zvtr AbfammgBaeit äet ßehtodb&nBpiegels. 413 

Zeichneten Gabriel Mair gehörigen Handschrift des 
sogenannten Schwabenspiegels. Wieder andere endlich 
^d ans als Nachrichten über eine alte Pergament- 
handschrift desselben ungemein willkommen. 

Sie sind es denn, mit weldien wir allein fortan uns 
beschäftigen wollen. 

n. 

Der zunächst vor allem wichtige Eintrag findet 
sich auf dem früher leeren Blatte zwischen dem Inhaltsverzeich- 
hisse der Handschrift und dem Beginne des Buches der Könige, 
nunmehr Fol. 7, in deutscher Schrift, während die Anfiihr- 
«ngen aus der alten Pergamenthandschrift mit lateinischen 
Buchstaben gegeben sind, und lautet in seinem Zusammen- 
hange: 

Nota bene. Jn einem alten pergamen buch darein 



Zu den Worten „selb sibent^' daselbst ist beigeschrieben: 
Nota. Jus Saxonicnm reqnirit 72 Bannitos testes oder Schöp- 
penware leute. ibidem. 

Auf fol. 62 zu dem Artikel 8 = L 6c ist bemerkt: 

Concordat Landrecbt art. 6. 
Auf fol. 62^ 2u Artikel 12 = L 10 steht am Bande: 

Concordat Landreoht art. 6 Üb. 1. 
Sodann zu Artikel 13 = L IIb und c von den Worten „oder 
an dem franpotten'^ an: 

Concordat Landrecht art. 8 lib. 1. 
Auf foL 64' zu Artikel 19 = L 17 zu den Worten „Swäbischew 
recht zwayent sich nichte zw Sachsen wan an erb zw nemen vnd an 
vrtail zw geben'* ist am Rande bemerkt: 
Concordat Landrecht ari 19 lib. 1. 
Zu Artikel 20 = L 18 bis zu den Worten ,^y sol es aber Ton 
erste den erben an pietten zw losen nach erber lewt rat" finden 
wir am Hände: 

Concordat Landrecht art. 20 lib. 1. 

Alda stehet: Ein ieglich Mann der Sitters arth ist. 



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414 8Ummg d^ hiitor. CUm$ vom 9. November 18$7, 

▼olgend rechtbuch gantz schön vnd sanber geechriben 
worden, weldies mir herr Nicomad Schwäbl den 
7. febniar 1609 zu ergehen commonicirty sonst herm 
A gehörig, darinn auch herm Vrban Trinkhls etwo 
dess raths vnd cammerers alhie wappen im anfang m 
sehen, stehen vomher volgende wordt: 

Diss pergamene recht puech hab ich Hein- 
rich der Preckendorffer, zne dem Prek- 
hendorff vnd Erebliz doheim, mit mir 
anss Schweyttz gebracht. 

Schankht vnd vererdt mir ein ritter ynd 
burger auss Zürikh als ich der zeyt hej 
graff Rudolf f vonHabspurg mit vier heim 
edler knecht gewesen, vnd er damals sambt 
andern rittern vnd knechten auss Zürich 
meinem hern dem graffen zu hilff ge- 
schikht ward, der dan disser zeit wider 
di hern von Regensperg den bischoff von 
Bassel vnd zwayen grafen von Toggenburg 
krieg gefürth hat 

Vnd bin anno 1264 zu graff Rudolff Ton 
Habspurg komen, vnd anno 1268 yff zu- 
schreiben meines prueder Georgen dem 
Prekhendorffer abgezogen, laut meines 
schrifftlichen redlichen vnd gnedigen ab- 
schidt, wie auch in meinem raysbu^ch 
verzaichnet 

Auff der andern Seiten diss blats ist obermelter 
Prekhendor£Fer abgemahlt zu sehen, in gantzem kiriss 
kniendt vor einem gemaltem crudfix, mit aufgerekhten 
henden, blossem grauen haubt vnd bardt, sein heim 
auf der erden ligent, gegen vber volgendes wappen: 



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Bockinger: Zur* Abfammgsseit de9 SehwaheMpieffßls, 415 




Unter der figur vnd Wappen stunden volgende reimb: 

Ein edelkhnecht vnd krieger ich XXXI jar war 
in V schlachten gnanden, schirm Scharmützeln 

one zal, 
dorin mich gott liebt vnd Hess genesen. 
Achtet besser, ich wer auch todt gewesen, 
dan yil bluts ich mein tag tett vergiessen. 
Trag sorg, mein kinder Werdens lützel ge- 

niessen. 
Doch der barmhertz gottz ich vertrau, 
vnd allein auf gott durch Christum bau. 
Fünff sprachen auss meinem mund ich reden 

khunt, 
Wie man solchs in meinem raysbuch finden 

thuet 

Was haben wir hieraus zu entnehmen? Dem Besitzer 
der jetzt unserem verehrten Collegen Föringer an- 



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41d SiUmng der histor, Gasse wm 9. November 1S67, 

gehörenden Handschrifti welche wir fortan als die Hand- 
schrift F bezeichnen wollen, gewährte am 7. Februar 1609 
ein Herr Nicomed Schwäbl die Einsicht einer denj Hein- 
rich dem Preckendorfer yon einem Ritter und Bärger 
aus Zürich zwischen den Jahren 1264 bis 1268 ge- 
schenkten und von ihm aus der Schweiz mitgebrachten Per- 
gamenthandschrift des sogenannten Schwabenspie-v 
gels, für den weiteren Verlauf unserer Erörterung als Hand- 
schrift P getauft, in welcher sich das Wappen eines Käm- 
merers und Mitgliedes des inneren Stadtrathes Urban Trinkl 
fand, und welche einem Herrn A gehörte. 

Fragen wir zunächst nadi dem erwähnten Heinrich 
dem Präckejjdorfer oder Preckendorfer, zu dem 
Preckendorf und Ereblitz daheim, so werden wir in die 
baierische Oberpfalz geführt, in deren Landgerichte Neun- 
burg yorm Wald die beiden genannten Orte liegen, heute 
Prackendorf und Eröblitz geschrieben. 

Weniger einfach ist die Sache bezügUch der übrigen 
Persönlichkeiten gelagert welche namhaft gemacht worden* 
smd. Doch dürfen wir uns aus 'Gründen, die von selbst 
einleuchten, dieser Frage nicht entziehen. Und insofeme 
bei Erwähnung des Urban Trinkl die Bemerkung „alhie" 
beigesetzt ist, kennzeichnet sich einmal der Besitzer unserer 
Handschrift als am T.Februar 1609 an demselben Orte be- 
findlich, und wird auf der andern Seite auch der damalige 
Besitzer der in Frage stehenden Pei^amenthandschrift wie 
nicht minder Nicomed Schwäbl schwerlich anderswo als 
eben daselbst zu suchen sein. 

Unsere Nachforschungen haben in diesen Beziehungen 
auf Regensburg geführt. Die aus dieser ehemaligen 
deutschen Reichsstadt in das baierische allgemeine Reichs- 
archiy gelangten Urkunden und Akten führen uns nämlich 
zu folgenden Ergebnissen. 

Was zonächst den bemerkten Urban Trinkl od^ 



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Boekin§0t: Zwr AbfasaungsgeU äes S^mabenij^iegds. 417 

Trankl anlangt, von welchem eben ganz einfach die Untersnch- 
mig ausgehen kann, findet er sich urkundlich in den zwanziger 
und dreissiger Jahren des 16. Jahrhunderts zu Regensburg. In 
einer Urkunde vom Donnerstage nach Katharina des Jahres 
1524, an welcher auch sein Sigel hängt, erschemt Vrban 
Trunckl des rates. In einer anderen vom Mittwoche nach 
Leonbart des Jahres 1630 begegnet uns Vrban Trunckl des 
rates als Zeuge. Nach einer weiteren vom Mittwoche nach 
Maria Himmelfahrt des Jahres 1582 ist Vrban Trunckl des 
jnnem rates als Schiedsrichter von Kämmerer und Rath 
von Begensburg verordnet. An einem Aktenstücke vom 
Montage nach Lätare des Jahres 1533 sigelt her Vrban 
Trunekl burger zu Begenspurg des jonem rates vnd der zeit 
stat camerer. Am Donnerstage nach Jakob des Jahres 1586 
sigelt Vrban Trunckl burger vnnd des jnnem rates zw Re- 
genspurg als Schiedsrichter des Käthes eine Urkunde. Weiter 
begegnet er uns in einer vom Montage nach Bartolomäus 
1537. Im Jahre 1540 wird er als verstorben erwähnt. 

Gehen wir zu Nicomed Schwäbl über, für welchen 
von vornherein der T.Februar 1609 feststeht, so finden wir 
ihn als Sohn des Nicomed Schwäbl, welcher uns gegen 
Ende des zweiten Viertels, und als Mitglied des inneren 
Bathes und Kammerer von Begensburg mehrfach mit Dionjs 
von Preokendorf in Aktenstücken des dritten Viertels des 
16. Jahrhunderts*) begegnet, in einer Urkunde vom 6. Febr. 1584 



2) -Bei der Erbschaf tsaaseinandersetznBg unter die Kinder des 
Mitgliedes des inneren Rathes zu Begensburg Siiiäon Schwäbl am 
18. Februar 1542 ist er noch unmündig. 

Am 19. Mai 1543 erscheint er als Lehenträger für seinen Bruder 
Alexander. 

Aus einer Urkunde vom 20. Februar 1548 haben wir Kunde über 
die sohwäbrsche Behausung in Scherer straaz. 



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418 Sittnmg der hiator. Classe vom 9. November 1667. 

worin dem Christof Schwäbl als Lehenträger seiner Mutter 
Elisabet und für sich selbst wie anstatt seiner Bräder Sieg- 
mund nnd Nicomed der Schwäbl von dem confirmirten Bi- 
schöfe Philipp von Regensburg Güter verliehen werden. Von 
seinem Vetter dem älteren Wolf von Asch und Paindlkhofen 
erhielt Nicomed Schwebl des jnnem rhats zw Regenspurg 
einen Weingarten nach Urkunde vom Nicolausab^ide des 
Jahres 1586, zu welcher ein Lehenbrief des confirmirten 
Bischofs Philipp vom 14. Juni 1588 verglichen werden mag. 
Weiter erscheint in einer Urkunde des Herzogs Wilhelm 
vom 7. August 1592 Nicomed Schwäbl burger vnnd dess 
jnnem raths als Lehenträger seiner Vaterstadt. In einer 
Yom 19. August 1599 wird Nicomed Schwäbel barger vnnd 
des jnnem raths auch statt camerer zw Regenspurg vom 
Bischöfe Siegmund belehnt. Wieder treffen wir in einei- 
vom Herzoge Maximilian zu München ausgestellten und 
unterschriebenen Urkunde vom 15. Jänner 1600 als Lehen- 
träger des Kammerers und Rathes von Regensbui^ Nicomed 



Am 81. Jänner 1551 wird er für sich und als Lehenträ^er for 
seinen Bruder Tünotheus vom Bischöfe von Regensburg belehnt. 

Bald finden wir ihn jetzt in Verbindung mit Dionys von Precken- 
dorf. So beispielsweise in einer Urkunde vom Mittwoche dem 1. Februar 
1658 über die Erbschaftsauseinandersetzung des Alexander Schwibl, 
welche Dionisi von Präckendorf des jnnem ratts vnd burger su Re- 
genspurg sigelt. 

Am 25. Oktober 1555 vergleicht er und einige andere Raths- 
freunde sich wegen einer ihnen von Kammerer und Rath von Re- 
gensburg bewilligten Abwasserbenützung. 

Nicomed Schwäbl vnnd Dionisi von Präckhendorff, bede burger 
vnnd des jnnem raths zu Regenspurg, erscheinen als Vormünder 
über des Dionisi Schiltl Kinder in einem Briefe vom 2i. Juni 1565. 

Auch war er Lehentrager seiner Vaterstadt, wie wir einer 
Urkunde vom 16. März 1557 entnehmen, und leistete nach seinem 
Absterben Haubold Flettacher als solcher dem Herzoge Albrocht 
am 16. Juni 1571 den Eid. 



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Bockinger: 2Swr JJbffummgszeit des Schtoabentpiegdg. 419 

Schwäbl barger vnd dess jnnem rhats daselbs. In zwei 
Urkunden vom 9. Februar 1604 belehnt Bischof Wolfgang 
Ton Regensborg den Nicomed oder Nicomedt Scfawäbel 
barger vnd des jnnem raths auch Stadt camerer zu gemel- 
ten Regenspnrg mit verschiedenen daselbst näher bezeich- 
neten Gätem. Nach einer Urkunde vom 4. September 1609 
gehört er nicht mehr den Lebenden an, indem weillundt 
Micomeden Schwäbeis gewesten jnnem raths vnd statcam- 
merers zue R^ensporg hinderlassenen wittib Vrsola vom 
Bischöfe Wolfgang mehrere der früheren Ldien ihres ein- 
stigen Eh^atten durch ihren Lehenträger Friderich Beitmor 
zh Perckhausen (und nach einer Urkunde vom 1. Juli 1615 
vom bischofe Albrecht durch ihren Lehenträger Andreas 
Beitmor zu Deidenhouen) übertragen wurden. 

Weniger sichere Anhaltspunkte stehen uns für den da- 
malige Besitzer der Pergamenthandschrift P, wie für den des 
Codex F, welcher die Nachricht darüber enthält, zu Gebote. 
Sehr natürlich, indem der erstere blos als Herr A bezeichnet 
wird, der letztere aber nirgends in der Handschrift selbst 
genannt ist. Doch dürfen wir wohl auch über beide einige 
Muthmassungen äussem welche nicht allen Grundes ent- 
behren möchten^ insbesondere wenn wir noch den Gabriel 
Mair für diesen Punkt herbeiziehen, welcher auch eine 
Handschrift des sogenannten Schwabenspiegels besass über 
welche in unserem Codex F Mittheilungen gemacht sind. 

Steht fest, dass Nicomed Schwäbl, dessen Vermittlung 
am 7. Februar 1609 der Besitzer der uns erhaltenen Papier- 
bandschrift F die Benützung der sonst oder — wie wir uns 
jetzt vielleicht genauer ausdrücken könnten — eigentlich 
dem Herrn A gehörigen Pergamenthandschrift P verdankte, 
Mitglied des inneren Käthes und Eammerer zu Begensburg 
gewesen, so wird der Herr A kaum anderswo zu suchen 
aeiD. Auch liegt sidier die Annahme sehr nahe, dass er 
eine Persönlichkeit war welche mit Nicomed Schwäbl in 



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420 ßiUnmß der hMoff CImu vom d. JSovember XB67^ 

gewissen 8di es freuadscbaftUchen sei es geschüftli^ea Bd- 
Ziehungen stand. Nun b^egnet uns in der Zeit um 
welche es sich handelt Christof Adler sicher im erstem 
Decennium dieses Jahrhunderts als Mitglied des inneren 
Rathea zu Begensburg. £r erscheint in zwei Urkunden vom 
4. Mai 1607, wovon er eine sigelt, als burger md dess 
jonern rathes zuBegenspurgvnnd dissorts verordneter wacht- 
herr. In einer vom Herzoge Maximilian zu Miüichen aoe* 
gestellten und unterschrieb^ien Urkunde vom 12, Mäcz 1610 
begegnet er uns als Ldienträger des Kammerers und Bathes 
von Begensburg. Als solchen treffen wir nach seite^n Ab- 
leben') das Mitglied des inneren Rathes Hanns Ja](x>b 
Aiehinger in einer gleichfalls vom Herzoge Maainulian ^a 
München am 3. Juli 1616 auagestellten und uaterschrieb^nen 
Urkunde. Auch begegnet er uns „des jnn^m geheimen 
ratfas^' als Zeuge bei ein^n Kaufe d^ Stadt Begaiaburg in 
einer Urkunde vom 13. April 1622. 

Aus derselben Zeit haben wir dann Kpnde von dem 
schon berührtoi Gabriel Mair. In einer auf dem Rath« 
hause zu Regensburg am 14. Oktober alten und 24 neuen 
Kal^ders 1613 vorgenommenen Verhandlung erscheint als 
Zeuge Gabriel Mayer burger vnd eines e(rbern) stattgeridits 
beysitzer vnnd assessor. In einer Urkunde vom 6. Oktober 1614 
sodann begegnet uns als Zeuge bei einem Kaufe in Regene- 
burg Gabriel Meier eines e(rbem) Stattgerichts assessor. 

Haben wir es auf solche Weise — selbst wenn Christof 
Adler nicht als uothwendig aftnehmbar erscheint — mit an- 
gesehenen Bürgern der ehrwürdigen Beichsstadt zu thun, io 



8) Aus erster Ehe wie es scheint hatte er eine Toöhter Sosanna, 
welche an den Bürger und Stadtgerichtsbeisitzer zu Begensburg 
Daniel Eder verheiratet war, wie aus der Urkunde übw denVerkflof 
ihrer zwei anereibten «n dem uaterea Wdrth su Eegensbuig ^^ 
legenen PalvennlÜileQ u. & w. vom 17. Juni 1622 hervorg«kt. 



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BöMnger: Zmr Äbfammgeg^t du Sehwabempiegüa, 421 

wird vieileieht nunmehr auch ein Sdüuss auf den Besiizer 
der Handschrift F erlaubt sein, welche uns die Einträge 
ans dem alten Pei^amentexemplare P des sogenannten 
Sebwabenqnegels erhalten hat. Dass er in engen Bezieh- 
ungen namentlich zu Nicomed Scbwäbl und Gabriel Mair 
gestanden^ unterliegt keinem Zweifel, indem beide ihm Hand- 
schriften unseres Rechtsbuches zur Benützung gaben. Dass 
er selbst ein Mann gewesen der dafür reges Interesse ge- 
habt, beweisen die Einträge welche er daraus in sein eigenes 
Exemplar machte. Dass wir wohl nicht mit Unrecht einen 
rachtsgelehrten Mann in ihm yermuthen dürfen, gründet 
sich auf die Betrachtung der verschiedenen Anmerkungen 
welohe namentÜdi vom Anfange an — neben den schon 
bemeirkten Einträgen aus den beiden Exemplaren des so- 
genannten Schwabenspiegels — bezüglich der Uebereinstim- 
mung mit dem von ihm so bezeichneten Landrechte den 
Rand fällen. Nun finden wir gerade in der Zeit welche in 
Frage kommt einen Doctor beider Rechte, Paul Dins- 
peckh, als Stadtsdiultheissen von Regensburg. Er wurde 
als soldier nach der im baierischen allgemeinen Reichsarchive 
aufbewahrten Designation derer Herren Stadt Schultheissen 
löblicher Reichs Stadt Regenspurg von Johann Georg Gölgel 
im Jahre 1600 bestellt, und sigelte^) mehrfach Urkunden 
über verschiedene an Kämmerer und Kath daselbst vorge- 
-Bommene Verkäufe, beispielsweise vom 20. Februar und 3 1 . März 
1602, vom 80. Juli und 25. September 1607. Gorade in dem 
Jahre in welchem die Einträge in unserer Haodschrift ge- 
nadit worden sind, am 21. August 1609, kaufte er einen 
Adc^ SU Regensburg vor dem prepronner Thore. Zuletzt 
begegnen wir ihm in Urkunden vom 3. Oktober und 24. Jänner 



4) Die Umschrift seines Sigels lautet: 
Pftnlns Dinspeocius L v. d. vnd schvlibais cv Regensparg. 
[1867.il 8.] 28 



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422 Sittfimg der JUtUr. Oam um 9- N$9mlm IWZ. 

1616. Warum soll er nicht Besitzer der Handschrift F g«* 
wesen sein können? 

Doch gleichviel , ob dem Christof Adler die nel er* 
wähnte alte Pergamentiiandsdirifb P ^örte, gleiohTiel ob 
Paul Dinsbeck der Besitzer unseres Codex F gewesen, Be- 
gensburg ist jedenfalls der Ort an welchem beide Hand- 
schriften sich am T.Februar 1609 be&nden, denn wenn £e 
letztere auch nidit dem Paul Dinsbedc gehört haboi sollte, 
kann nach den obigen Ergebnissen in dem Beisatie „alhiö'* 
kein anderer Ort als Regensburg yerstanden werden. 

Wie nun dahin die für uns so wichtige Pergamenthand- 
sdirifb P gelangt, vermögen wir nicht sich^ zu bestimmeiL 
Ohne Zweifel durch die Pr ecken dorf er. Auf weidiem Wege 
aber, wir haben darüber so vrenig bestimmte Naohriehten 
als über die ältere Qmiealogie dieses Oesdilechtes. Oerade 
über den Heinrich wie über seinen Bruder Georg und seine 
eigene Familie, welche man annehmen muss da er selbst 
von seinen Kindern spricht, fehlen uns im Ai^enbliobe 
weitere Anhaltspunkte als was sic^ aus dem bereits be- 
rührten Eintrage in der Pergam^tbandschrift P entnehmen 
lässt. So interessant sein Beisbudi gewesen sein mag, so 
wichtig es nicht allein für die nähere Bekanntschaft nut 
dem Manne sondern auch für die in manchen ^inzelheiteB 
noch kdneswegs ganz und gar aufgehellten Fdiden des 
Grafen Budolf von Habsburg mit den Herren von Begena- 
berg, dem Bischöfe von Basel, den beiden Grafen von Tog- 
genburg in den Jahren 1264 bis 1268^) sein dürfte, so 
vielfadi willkommene geschichtlidie und andere MitthefloBgen 
es ausserdem aus der Feder eines Edelknechtes bieten 



6) Wir können far unseren Behuf hier ganE kmrz auf Lich- 
nowsky's Geschichte des Hanses Habshni^ I. 8. 69 ff. und beaser 
Eopp'sGesohiehte der eidgenössiaQh^ ^üodA iL S.6d9E verweisoi 



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BadBkigär: Zmt Abfcummguäi de$ SchwtAempiegds. 423 

miisste der Herr übdr fiinf Sprachen war und nicht weniger 
als ein und dreisaif Jahre im Kriegsgetümmel umherzog, es 
liegt uns nicht vor. Muthmasslich blieb es wohl zunächst 
im Besitze der Preckendorfer, über welche insbesondere um 
die Mitte des 14. Jahrhunderts^) die urkundlichen Belege 



Q) Wohl noch zienlicb ttber sie hinauf reicht der Heinrich 
Pr&lEendorier dessen im secbaten Absätze Erwähnung zu geschehen hat. 

Jaeob der Prakkendorfer stiftet sich am Nicolaustage des Jahres 
1358 einen Jahrtag im Gotteshause Maria Magdalena auf prukker 
Yorst. Moa. boic. ZKYH S. 164 und 165. 

Auch treffen wir am diese Zeit hemm Glieder unseres Ge- 
iohlechies als Lehei^sleate des Landgrafthums Leuchtenberg. 

So bei^egnet uns in dem &lteeten wohl noch im dritten Viertel 
^mm Jahiiionderts geschriebenen leuohtenbergisohen Lehenbuche 
imter der AbtbeiluBg „daz sind di leben di gehom zum Lewtem- 
berg in die hersöhafb*' a«f fol. 18' der Eintrag: Stephan vnd Yhrich 
di Prechendorfer haben zu leiten zwen hof zu Prechendorf mit irr 
svegehorang. 

Weiter finden wir daselbst unter, der Abtheilung „daz sind di 
'leben der pürger zu der Weyden" auf fol. 41 bemerkt: Wolfhart 
Pregendorffer vnd sein prüder Jacob habent zu Pregendorf y^ gut 
▼nd einen zehent ze Pemhof vber viiij gut. 

Heinrich und Hanns die Roshawpper mit ihrer Mutter Alhayt 
^rgleidien sich Über die Erbschaft ihres Oheims Haynreiohs dez 
Prikkendorfert mit dem Kloster Schönthal und ihrer Muhme Agnes 
der Liqhtenekkerin laut Urkunde vom Freitage in der ersten Fasten- 
woebe de* Jahd^es 1883 , in welcher Steffen der Präkendorfer unter 
deo Zeugen ersdieint. Mon. boio. XKYI S. 219 und 220. 

Der Registratur über das Lehenbuoh des Landgrafen Johann 
des jüngeren Ton Leuehtenberg entnehmen wir nachstehende vier 
Einträge zu den Jahren 1408 und 1416. 

Abbo 1406 feris fmnta ipsa die sanctj Jordanj et Epimaolj 
martjraii Ylnehen Preekendorffur den sitz zu Preokendorff mit aller 
rag^onmg an veUL wismad darauff er sitzet. 

Anno 1408 €ena vj** proxima Niolassen Preokendorffer den sitz 
^aaauff er aititt aw Preokendoarff mit aller zugehörung an veld wis- 
■ttd vnnd hoHM. 

28* 



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424 8itg^tlg der histar. CHosh vorn 9. Nü9ewi>er i8$T. 

reichlicher fliessen. An welche yon den betreffenden Fa- 
miliengliedem es gelangte, wissen wir nidit Ob und von 



Anno 1416 feria quiuta octana bealj Stepbanj Lorentss Baschawer 
bürg er zw Yichtag ij leben zw Preckendorff gelegen die er von 
Niclasen Preckendorffer gekauffb hatt. derselb Preckendorffer hatt 
den sitz zu Preckendorff darauff er sitzet mit seiner zugeböning. 

Anno et die ut snpra Hannseti Raschawer zw Yicbtag bey Ma- 
racb gelegen gesessen zwey leben zn Preckendorff jnn newnburger 
gericht dietrichskürchner pfarr die sein vatter Rascbawer yon Ni- 
lasen Preckendorffer gekanfft bat. 

Andre Prakendorffer oder wie er nnten in der Urkunde ge- 
scbrieben ist Brakendorffer zne Prakendorff stiftet einen Jabrtag im 
Kloster Scböntbal am 24. Juni 1431. Mon. boic XXTI S. 891—398. 
Die Umscbrift in seinem Sigel lautet: Andre Predcendorier. Ibm 
übergab am Franciscustage des Jabres 1433 Landgraf Leopold tob 
Leucbtenberg drei iBinstmals dem Niclas Braokendorffer Yerliehm 
gewesene Güter zu Brackendorff welcbe heimgefallen waren. Auch 
als oberpfälziscben Lebenmann finden wir ibn, indem nach Herzog 
Jobanns Lebenbucbe foL82' dem Endres Praeckendorffer am Dienstag 
nacb Lucia des Jabres 1484 yein verfallenee Lehen eiüer l>ei Prae* 
ckendorff gelegenen Wiese übertragen wurde. 

Albrecbt Präkkndorffer zum Sigenstaiu erscheint in einem Hof- 
gericbtsbriefe vom Freitage nacb dem Gilgentage des Jahres 1446 
in den mon. boic. XXVÜ S. 433—435. 

Auf den Montag nacb -Gall des Jabres 1448 fällt ein« land- 
gräflich leucbtenbergiscbe Belebnung des Sigmund des Prackena- 
dorffers mit dem Sitze Prackenndorff. 

Peter Prackendarffer, Richter zu Camb, sigelt eine Urkunde Tom 
9. August 1464. Mon. boic. XXYL S. 476 und 477. Die Umschrift 
im Sigel lautet: Peter Prackendorffer. 

Wir könnten in solcher Ai^zäblung bis in die zweite H&lfte des 
17. Jahrhunderts fortfahren. Doch genügt es uns hier, ans einer 
zu Anfang des genannten Jahrhunderts amtlich Torgelegten arbor 
consanguinitatis praeckhendorffianae, welche wir mit genauen Be- 
legen yerseben in der Sitzung der historischen Klasse vom 7. Dezember 
mitzutheilen gedenken, die nächste Naohkommenschafl des «oletst 
genannten Peter und jene seines Sohnes Georg vorzaf&hien, inec^ 
ferne wir hiemit über das Geschlecht der Preckendorfer bis m 



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Sadtinger'i Zur AJbfammgmeU de» SehwabeMpiegds. 425 

wddiiem derselben es vielleioht mit der Pergamenthandschrift 
P des sogenannten Schwabenspiegels , welche sie nach der 
heraldiadien Erscheinong des Wappens in ihr ^) zu schliessen 
wenigstens bis g^en das 16. Jahrhundert besessen haben 
müssen, nach Regensburg gelangte, woselbst wir sie in den 
zwanziger oder dreissiger Jahren dieses Jahrhunderts im 
Eigenthume des Urban Trunkl wissen, wir vermögen das 
nicht zu entscheiden. So viel übrigens können wir sicher 



UeberBiedloDg des (Georg und seines Sohnes) Dionys nach Regensborg 
soweit als vorerst nöthig nnterricbtet sind. 

Petter 

I I I i I 

Matthes Stefian Albrecht Wolff Georg 
I . 

Wolff Wolf Sigmundt 

Georg 

Georg Christoff Wolff Johannes Dionisi Johannes 

7) Wir haben es oben S. 416 genau nach dem Eintrage in der 
Handschrift F mitgetheilt. 

Man möchte sich hienach der Ansicht zuneigen , vorausgesetzt 
nämlich dass die Zeichnung in der Handschrift F wirklich ganz 
genau ist, es sei nur eine ältere Darstellung desselben durch ein 
späteres Glied des Geschlechtes, in welchem sich der 8chatz des 
Ahnherrn aus dem 18. Jahrhunderte fort vererbte, übermalt worden, 
wie sich von selbst versteht in der heraldischen Form der betreffen- 
den Zeit. 

Wenigstens zeigt uns das prachtige Aquarell gemäldchen in der 
einst im Besitze der Preckendorfer befindlich gewesenen Pergament- 
handschrift von des Konrad von Megenberg berühmten Buche von 
den natürlichen Dingen, welche uns die oben im Eintrage der 
Handschrift F geschilderte bildliche Darstellung in einer 
Fertigung etwa aus dem Beginne des letzten Viertels des 14. Jahr- 
hunderts erhalten hat, cod. germ. raon. 88, insbesondere den Schild 
nicht allein ganz und gar frei und nicht vom Mantel oben auf beiden 
Seiten überdeckt, sondern auch in der alten spitzen Form. 



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426 Sitetmg der hittor. 0h$$9 vom 9. NwmiHwr iWr. 

den FamilienaofzeichnuDgen entnehmea wdche sich in d€r 
einst im Besitze der Preckendorfer befindlicb gewesenen 
herrlichen Pergamenthandschrift TOn des Konrad tob Megan- 
berg berühmten Bache yon den natürlidien Dingen^ irib- 
^ehr cod. germ. 88 der Staatsbibliothek zxx München, ein«- 
getragen finden, dass ganz am Schiasse des 15. Jahrhaoderts 
Georg Ton Preckendorf sich mit Agnes yermählte, der 
Tochter von Kaiser Friedrichs Rath Konrad Trinkl za 
Hauteendorf, welche nach dem Tode ihres Gatten noch 
36 Jahre lang als Wittwe lebte and in Regensbarg wohnte, 
woselbst sie kurz nach der Mitte des 16. Jahrhauderts als 
die letzte ihres Geschlechtes starb. Auf solche Weise möchte 
für den Uebergang der fraglichen HMSids^shrift^ oder wenig- 
stens der Pergamenthandschrift des sogenannten Schwaben- 
spiegels sowohl dahin als auch in die Hände des Urban 
Trunkl ein sehr natürlicher Weg gefunden sein. Auch liess 
sich vielleicht um die Zeit yon welcher es sich handelt, 
abgesehen von dem berührten Eheverhältnisse, der eine oder 
andere aus der predcendorferischen Familie überhaupt in 
Regensburg nieder, woselbst wir wenigstens im Jahre 1553 
den Dionjs von Preckendorf als Mitglied des inneren Ratbes 
und im Jahre 1559 wie 1572 als Kämmerer wie gegen den 
Ausgang der siebenziger Jahre dieses Jahrhunderts sogar als 
obristen Kriegsherrn^) finden. Doch mag dem so oder so 



8) Vgl. über die Urkunde vom 1. Febraar 1558 oben S. 418 
Note 2. Die Umschrift des Sigels lautet: S. Dionisi. von. Frecken- 
dorfif. 

Herr Dionysi von Praegkbendorff des jnnem ratbs erscheint als 
Zeuge bei einem von Kammerer und Rath von Regensburg ge- 
machten Verkaufe am Sonntage den 10. Oktober 1557 nach der 
darüber unterm Mittwoche den 16. Febr. 1558 ausgestellten Urkunde. 

Herr Dionysi von Pragkhenndorff etc. des jnnem ratha der zeit 



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SöMBgiri Zm AJkfammgsgtU da Schwäbenspiegds. 427 

sein, es hat am Ende fiir die Frage welche uns beschäftigt 
keine unmittelbare Bedeutung, wiewohl möglicher Weise 
etwa aber den Ritter und Bürger von Zürich, mit welchem 
unser Krieger jedenfalls in innigen Verkehr getreten sein 
muss, wenn j&oßT ihm eine so werthvolle Handschrift zu 
verehren sich veranlasst gefunden, nicht zu verachtende Auf- 
schlüsse aus dem fraglichen Tagebuche zu schöpfen sein 
dürften. 

Was schliesslich noch gerade diese schweizer Per- 
sönlichkeit betrifft) dürfen wir uns nicht wie allenfalls 
beim Herrn A und beim Paul Dinsbeck lange in Muthmass- 
ungen ergehen, sondern ein Eintrag welchen uns die Hand- 
schi'ift F aus P über deren Besitzer erhalten hat bietet die 
erwünschteste Auskunft. Es heisst nämlich dortselbst auf 
Fol. 182, dass nach dem den Schluss des sogenannten Schwaben- 
spiegels bildenden Endartikel c= L 159 des Lehenrechtes 
und nach der Angabe des Schreibers welcher die Hand- 
schrift gefertigt*) noch nachstehende Bemerkung gefolgt sei: 

Disz buch höret einem herren an 

der vnreoht ze rechte kau 

bringen, ob ers gerne tut. 

Gott gebe im ehre vnd gut 

hie vntz vf sin ende, 



statt camerer ist Zeuge und Sif^ler f&r eine HeiratsTerabredong am 
Samstage den 28. Dezember 1559. 

Ueber die Urkonde yom 24. Juni 1565 ist oben S. 418 Note 2 
m yergleichen. 

Herr Dionisius Ton Pr&gkhendorff dess jnnem raths begegnet 
ans als Zeoge bei einem Verkaufe Samstags den 11. Mai 1566. 

Herr Dionisius von Prackendorff erscheint als einer der Kam- 
merer Yon Regensburg bei einem Vertrage der Stadt mit dem Bi- 
schöfe Tom 15. Juni 1571 , yom Kaiser Maximilian am 23. August 
1572 bestätigt 

9) Vgl. unten S. 486. 



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428 SUzting der hUtor. Clam wm 9. Nmßmbtr 1867. 

vnd dort oq alle missewende 
teile mit im froliche 
sin ewig himelriche. 

Amen. 
Herre, were iht bessers gewesen 
danne daz ir hie hant gelesen, 
daz hette ich gewünschet yf minen eid 
iv ze einer selikeit. 
Swer mir nu gelikes bitte, 
dem müsse gott wesen mitte 
hie vnd dort mit wunne. 
Swer mir anders gunne, 
dem müsse oech also geschehen. 
Anders kan ich nicht veriehen: 
Gott vns müsse wesen bi 
durch sine*®) heyligen namen dri. 
Aber nu der herre müge genesen 
den wir hievor haben gelesen 
den disz buch anbohret. 
Es ist ein man der gerne stoeret 
daz ynrecht zallen ziten. 
Nicht lang ich will biteh. 
Ich wil iu hie sa ze hant 
den ere gernden tun erkant 
e daz ich sin vergesse. 
Herr BndigSr der Manesse 
von Zürich^ ein ritter, ist er genant. 
Vmb ine ist es so gewant, 
daz er vf die rehtekeit 
zallen ziten svnder leit 
setzet gar den sinen muet. 



10) In der Handflchrift steht: siner. 



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Da Ton im ehre vnd guet 
gott soll geben zallen zit 
an aller slabte widerstrit. 

Keinem anderen demnach als dem berühmten Rudiger 
dem Manessen dem älteren gehörte die fragliche Per- 
gamenthandschrift an. Am 1. Juli 1264 erscheint er als 
der fünfte unter den bürgerlichen Käthen des in glücklicher 
Entwicklung begriffenen Zürichs. Am 15. März 1268 ist er 
der zweite unter den Beisitzern des Rathes aus dem Ritter- 
stande. Es ist eine bekannte Thatsache, wie mitten uoter 
dem Waffengeräusche einer ki*iegerischen Zeit und den 
Sorgen des aufstrebenden und bewegten städtischen Gemein- 
wesens, woran Rudiger der Manesse^^) eifrigsten Antheil 
genommen, auch friedlichere Bestrebungen, eine schöne der 
Wissenschaft und Kunst gewidmete Müsse in seinem Leben 
Raum gefunden. Wie frühe dieses der Fall gewesen, die 
fragliche Pergamenthandschrift — woran wir vor der Hand 
keine weiteren Folgerungen knüpfen — liefert einen spre- 
chenden Beweis hiefür. 

Wir könnten sie hienach mit vollem Fuge als manes- 
sische mit der Abkürzung als Handschrift M bezeichnen. 
Wenn wir diesen Buchstaben oben nicht gewählt haben, 
sondern sie nach ihrem nächsten Besitzer als precken- 
dorfer'sche unter der Abkürzung als Handschrift P vorführen, 
hat dieses seinen Grund lediglich darin, dass auf solche 
Weise Verwechslungen mit der seinerzeit auch zur Besprech- 
ung zu bringenden Handschrift des Gabriel Mair = M leichter 
vermieden werden. 

m. 

Sind wir auf diesem Wege über die Schicksale der in- 
teressanten Pergamenthandschrift P wenigstens bis zum 



11) Vgl. Wyss Beitrage zur Geschichte der Famüie Maness 
t-lO. 



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4S0 



Siimmg det histor. (Xame wm 9, Nmom^ber IWf, 



7. Februar 1609 ausreicliend genug unterrichtet, so gehen 
wir nunmehr auf sie selber ttber, soweit sich nämlich 
näheres über sie herausbringen läset. Die Mittel hiezn bieten 
uns die Einträge in der Handschrift F. In diese hat 
sich nämlich, wie bereits oben S. 411— 413 bemerkt worden, 
aus ihr wie aus Gabriel M^'s Exemplar Paul Dinsbeck oder 
wer eben der Besitzer der noch erhaltenen Papierhandsdirift 
F gewesen sein mag einfach was ihm bemerkenswertb 
dünkte verzeichnet oder vielleicht richtiger gesprochen 
verzeichnen wollen. Es scheint ihm nämlich hiebei im 
albnäligen Verlaufe der Yergleichung die Arbeit über den 
Kopf hinaus gewachsen zu sein. Denn von Anfang an ging 
insofeme die Sache leichter als die Handschriften des soge- 
nannten Schwabenspiegels welche d^ alten und noch nicht 
einer so zu sagen systematischen Ordnung folgen in einer 
gewissen Weise regelmässig zusammenstimmen, abgesehen 
von der Zusammenziehung mehrerer Artikel in einen oder 
von der Trennung: eines Kapitels in mehrere. Unglücklicher 
Weise bot nun aber sein Exemplar die Gestalt jener Gruppe 
welche von Artikel 27 des durch Freiherrn v. Lassberg be- 
sorgten Druckes an eine hübsche Reihe hindurch jene starken 
Versetzungen aufwdst welche aus der auf der Handschrift 
des Beichsgrafen von Wurmbrandt besorgten Ausgabe des 
Herrn v. Berger = B leicht zu ersehen sind. Gleich die 
erste : 



L F B 

26 27 27 

27 39 37 

28 40 38 

29 41 39 



30) 42 
31 



]%} 



40 



L F B 

32 44 41 

33 45 42 

34 46 43 

35 47 44 

86{ ^H *^ 
l 491 46 



L F B 

37 50 47 

38 51 48 

39 52 49 

40 53 50 
»«) 117 106 

41 118 107 



L F B 

42 54 51 

43 55 52 

44 28 28 

45 56 53 

46 61 58 

47 62 59 



12) Tgl. Artikel 18. 



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Boekinffers Zwr Äbfassunsfmfeif des 6ehtoäbm$pieffd8. 48 i 

ü. 8. w. Hier scheint sich im ersten Augenblicke der gute 
Mann nicht mehr recht ani^ekannt zn haben. Efi hört näm- 
lich jetzt die einlässlichere Vei^leichung nicht blos aus der 
Pergamenthands($hrift P. sondern auch aus Gabriel Mair's 
Exemplare auf, von welchem indessen die bis zum Artikel 44 
des L Druckes reichenden Verstellungen angemerkt sind, 
während bezüglich P auf fol. 67^ mir bemerkt ist: 

Nota bene. dise ynd yolgende titnl sein im pergamenen 

rechtbuch tU änderst gesetzt vnd geordnet. 
Leider ist ihre genaue Folge nicht beigesetzt worden^ 
während das Verzeidmiss der Artikel der Haodsdirift de& 
Gabriel Mair vollständig auf den leeren Blattern der Hand- 
schrift F nachträglich noch eingefügt wurde. Hört indessen 
auch wie bemerkt am angegebenen Orte die eigentliche Ver- 
gleichung auf, so wird doch auch fortan an verschiedenen 
Stellen noch dieses oder jenes bald mehr bald minder 
wichtige theils am Rande theils auf anfänglich leeren Blatten 
angemerkt 

Die Nachricht über den ursprünglichen Besitzer 
Heinriph den Preckendorfer und die späteren Schick- 
sale der Handschrift P, soweit sie bis zum 7. Februar 
1609 bekannt sind, sie ist bereits oben S. 413—416 mit- 
getheilt worden. 

Wir lassen nunmehr die übrigen Einträge folgen. 

Auf fol. 6' Sp. 2 nach dem Schlüsse des Verzeichnisses 
der Kapitel sowohl des Eönigebuches als auch des Land- 
und Lehenrechtes des sogenannten Schwabenspiegels findet 
sich nachstehende Bemerkung: 

In dem pei*gamenon Buch stunden nachvolgendeRaimen: 
Hie hat daz lehenbuch ein ende. 
Gott vns sich selben sende 
ze einem suessen*') tröste. 



13) In der Handschrift steht: saellen. 



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432 SiUimg der higtor. Ghsee wm 9. November 1S67. 

Wann er vns eine erloste 
von der helle pine, 
da Ton er vns ze schine 
sich selben iemer geben wil, 
des ist im heren nicht ze yil. 
In gottes namen^^) 
snn wir sprechen Amen. 
Auf Fol. 8 zum Eingange des Eönigebuches lautet in 
der Handschrift F der Text : durch den rechten fride, durdi 
den raynen fride, durch den schadhaften fride, durch staten 
fride. Dieser ist dann theils durch Randbemerkung theils 
gleich durch Einsetzung in die betreffenden Zeilen selbst 
folgendennassen geändert: 

durch den rechten fride, ynde durch den seide- 
haften fride, durch den raynen fride, durdi den 
schadhaften fride, ynde durch den staten fride, 
wonach eben in den Worten „durch den seidehaften fride" 
der sinnlose erst weiter unten stehende und daher beim 
ersten Lesen nicht allsogleich schon bemerkte Ausdruck 
„durch den schadhaften fride'^ aus der Pergamenthandschrift 
P yerbessert erscheint. 

Auf Fol. 38 ist zu der Ueberschrift : Von dem chunig 
Daiö, in welch letzterem Worte über dem i das Abkürz- 
ungszeichen angebracht ist, die aufgelöste Form „Dario*' an 
den Rand bemerkt. 

Auf Fol. 62' zu Art. 11 = L 9 des Landrechtes tritt 
uns der Eintrag entgegen: 

Im pergamenen buch stehet der titul also: 
Der man ist der frowen maister, 
wobei über dem o in „frowen" noch ein kleines y über- 
gesetzt ist. 

Auf Fol. 63 zu Art. 16 = L 14 des Landrechtes ist 



14) In der Handschrift steht; In gottes namen amen. 



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BoMnger: Zwr ÄbfoiiimgsMeit äe$8ehwabeMpieg^. 438 

anstatt der Ueberachrift ,.de8 sxxns gat" als solche ans der 
Pergamentbandschrift P angeführt: 
dess kindes guet. 
Auf Fol. 64' za Artikel 19 = L 17 des Landrechtes 
ist uns folgender Text yon P am Rande angemerkt: 

Die Swabe setzent wol ir vrteil vnder in 
selben, yf swebischer [erde] ist daz recht, 
ynd ziehend si euch wol an ein höher ge- 
richte. [daz gerichte] myotzen sie nemen, 
ynd band si oech die minren yolge. swe- 
bisch**) recht zweyen sich etc. ut hie**). 
Auf Fol. 67 zu Artikel 27 = L 26 ^es Landrechtes 
ist in den für den rothen Anfangsbuchstaben W leergelas- 
senen Raum ein schwarzes S undW eingeschrieben, so dass 
es den Anschein hat, es stand anstatt „Wo" in der Per- 
gamenthandschrift P: Swo. 

Von der auf Fol. 67' zu Artikel 39 = L 27 des Land- 
rechtes eingetragenen Bemerkung ist yorhin S. 431 die Rede 
gewesen. 

Auf Fol. 75' zu Artikel 64 = L 52 des Landrechtes 
ist zu den Worten des Textes „mit aynem schilt ynd mit 
aynem sper gositzen mag'' an den Rand als Lesart der 
Pergamenthandschrift P beigeschrieben: 

mit schilte ynd mit schaffte gesitzenjnag. 
Auf Fol. 98 zu Artikel 145 = L 122 des Landrechtes 
ist zu dem falsch geschriebenen Worte Jmselsuchtig die Cor- 
rectur aus der Pergamenthandschrift P 

miselsuhtig 
an den Rand bemerkt. 

Auf Fol 100' zu Artikel 155 = L 130a des Land- 



16) In der HAiidschrifi stellt: sweL 
16) Vgl. oben S. 418 Note 1 cu fol 64'. 



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iH Ska%m0 der hktar. €Uu$e wm 9. Narnnbar IßßT. 

rechtes ist zu den Worten des Textes ^der ?ierd an der 
wall das ist der herczog yon Beyren des reiches sobenok** 
an den Rand — abgesehen von dem m (Gabriel Mair's 
Exemplar vorfindltchen Texte *^) — bemerkt : 

Goncordat daz pergamen rechtbuoh so aono 1264 
schon geschribn gewesen, aberdarinn radürt ynd dafür 
gesatzt worden: 

der könig von Beheim. 
Auf fol 116 zu Artikel 207 = L 377 11 des Land- 
rechtes begegnet uns die Bandbemerkung: 

Nota bene. diser gautz titul ist im pergamenen 
puch hieher nicht gesetzt, sonder volgt der titul: 
der dess nachtes körn stilt. 
Aber folio c vnter dem buch von lehen da wird er 
erst gesetzt. 

Auf Fol. 123 zu Artikel 222 = L219 des Landrechtes 
finden wir an dem untern Rand bemerkt: 

Im pergamen buch steht zu ende dess tituls von 
müHnen vnd von zöln vnd von münzen: 
Hie ist das landrecht buch vsz. 
Voigt ein figur eines richters dem einer ein briof 
mit ßigl vberreicht, vnd volgend titul: 

Hie hebt an das edel buch das da haisset daz 
buch von lehenrechte. 

Das erste. Jn nomine patris et filij et .Spiri- 
tus sancti. Ob ein kind etc. 
Auf Fol. 148' ist zum Anfange des Lehenrechtes am 
unteren Rande bemerkt: . 
Ln pergamenen buech: 

Hie hebt sich das edle vnd recht lehen buch 
an, daz das dritte stukh ist diss buchs. 



17) Der vierd ist dor hertzog in Bftyni, den r«£ehs sdienkh. 
der soll dem könig den ersten bacher trageft. 



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Baekm^er: Zur Ähfassungmteii des SehwsbenspkgeU. , 435 

Von reohten leben: 

Ja nomine patris et filij et Spiritus sancti. 
Anf Fol. 150 ist zu den Worten des Artikels 7 = L 8 
des Lehenrechtes „ynd der herczog Ton Bayren'^ an den 
Rand gesohrieben: 

GoQCordat das pergamenen. bier ist aber widerumb 
etwas corrigirt, ynd der konig vonBebeimb gesetzt. 
Auf Fol. 182 begegnet uns zum Scblnsse des Leben- 
recbtes = L 159 nacbstebender Eintrag: 

Nota bene. Im pergamenen Bncb post § ultimum 
„Leben^' etc. post uerba postrema „da von daz er 
desz beerscbildes darbet^' volgt bernach: 
Hie bat daz lebenbucb ein ende. 

Hie bat daz lebenbucb ein ende, elliu^^) 
leben rebt ban icb zu ende bracbt diu^^) 
von leben rebte sint. 

Vnd wissent das lebenrebt libt were ze 
bescbeidene, were der so vil nibt di^ des 
vnrebten. varent ynd vnrebt tbun durcb 
gutes willen das sie ie zu ze rebte sagent 
durcb ir selber munt. ynd werdent ai 
des selben sa ze bant geyraget dar nacb, 
das yerkerent si, vnde sagent ein anders. 
Es ist nieman so vnrebter, in dunke yn- 
billicb ob man im ynrebte tbut. darumbe 
bedarff man wiser rede ynd guter künste 
wol wie man sie an di rebt bringe. 

Swer zallen ziten yf das recht spricbet 
der gewinnet mangen yient. des sol sich 
der biderman gerne bewegen durcb gott 
ynd durcb sine ehre ynd durcb siner seele 
beil. 



18) In der Handschrift iffi das i ober das u gesetzt. 



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436 SitMung der histar, Classe vom 9. N&veniber 1867. 

Gott durh sine gute der gebe tds sine 
genade, das wir das reht also minnen in 
dirre weite, Tnd daz vnreht krenken in 
dirre weite, das wir sin da geniessen da 
sich lip ynde sele schaident. das yerlihe 
vns der vater vnd der sun vnd der heilige 
geist. amen, daz werde war. 
Qui wole^*) mich geschriben hat, 
Wilt schriber nomen habebat. 
Die Verse welche hiemach noch über den ursprüng- 
lichen Besitzer der Pergamenthandschrift P angereiht sind 
haben wir bereits oben S. 427 — 429 mitgetheilt. 

Die Bemerkung welche dann noch weiter über Kaiser 
Friedrichs II. mainzer Landfrieden folgt werden wir unt^i 
S. 437 berühren. 

Auf Fol. 181 endlich ist bezüglich einer Anzahl Ton 
kurzen Rechtssätzen, wie über ehehafte Noth und anderes, 
welche in der grossen Mehrzahl der der Gruppe der Hand- 
schrift des Reichsgrafen von Wurmbrandt angehörigen Co- 
dices als „Generalartikel" noch nach dem Schlüsse des 
Lehenrechtes des sogenannten Schwabenspiegels angehängt 
erscheinen, ^ie Bemerkung gemacht; 

Nota bene. diso general articul sein im pergamenen 
exemplar nit gesetzt. 

IV. 

Hienach sind wir jetzt in den Stand gesetzt, uns ein 
gewisses Bild von der Pergamenthandschrift P zu 
machen. 

Sie hat zunächst das Buch der Könige wenigstens 
der alten E enthalten. Ihm folgte das Land- und das 
Lehenrecht des sogenannten Schwabenspiegels. 



19) In der Handschrift steht: wele. 



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Bdckinger: Zur ÄhfasMngszeii des Sckwäbenspiegds. 437 

Weiter fitnd sich in ihr auch Kaiser Friedrichs ü. be- 
rühmter mainzer Landfrieden. Letzteres entnehmen 
wir noch dem Eintrage der Handschrift F auf Fol. 182' 
nach den Versen über den ursprünglichen Besitzer der Hand- 
schrift P: 

Voigt jm pergamenen Buch Kaiser Fridrich des 
andern Landfridt verteutscht, aber nicht gar. 
Dessen Eingang ist: 

Dirre fride wart gesetzet von dem an« 
dern kaiser Fridriche mit der fursten 
vnd anderer hohen herren rate ze dem 
grossen hofe ze Megenze ze vnser frowen 
mes ze mittem ovgesten do von gottes ge* 
bürde M^ CC^ vnd 36 jaren warent. 

Wir setzen vnd gebietend von vnserm 
keiserliohen gewalte etc. 
Betrachten wir uns nun einzeln die vorgeführten Ein- 
träge näher, so gestatten sie uns leider ob ihrer nur ge- 
ringen Anzahl keineswegs einen Schluss darüber, zu welcher 
der bekannten älteren Formen des sogenannten 
Schwabenspiegels ein näheres Verhältniss besteht 
Immerhin aber ergeben sich doch einige nicht unwichtige 
Folgerungen. Es versteht sich hiebei von selbst, dass wir 
vor allem den Deutschenspiegel ins Auge fassen, soweit 
uns eben Anhaltspunkte dafür vorliegen, insofeme wir in 
ihm zunächst den Ausgangspunkt für den sogenannten Schwaben- 
Bi»^el und den unmittelbaren Vorläufer seiner ältesten Ge- 
stalten zu Erkennen haben. 

Was zunächst die beiden Bemerkungen auf fol. 62' zu 
Artikel 11 = L 9 und auf Fol. 63 zu Artikel 16 = L 14 
des Landrechtes hinsichtlich der Ueberschriften dieser Artikel 
anlangt; sdiliessen sich selbe eng an deu Deutsehenspi^gel 
an, für dessen Artikel 13 und 19 sie lauten: Der man ist 
der frowen maister vnd vogt; Der vater erbet des chindos 
[1867. IL 8.] 29 



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438 SiUung der histor, Glosse vom 9. November 1867, 

guot. Es erscheint fast UeinUch auf die EmzeichnuQg yon 
Fol. 67 Rücksicht zu nehmen; doch beginnt auch im Deut'^ 
Bchenspiegels der entsprechende Artikel 28 mit Swa. Nicht 
minder stimmt der Eintrag zu Fol. Ib' mit dem Texte des 
Artikels 49 des Deutschenspiegels, worin es heisst: mit 
einem sdiilte vnd mit einem Schafte gesitzen mag. Das- 
selbe lässt sich zu Fol. 98 anfuhren, woselbst auch im ent- 
sprechenden Artikel 295 des Deutsdienspiegels miselsuchtig 
steht. 

Entschieden dagegen weichen die Einträge auf Fol. 100' 
und Fol. 150 bezüglich der vierten weltlichen Eurstimme 
von der jetzt allein bekannten erst dem 15. Jahr- 
hunderte angehörigen Handschrift des Deutschen- 
spiegels ab, indem . dessen Artikel 303 des Land- und 11 des 
Lehenrechtes den in der Pergamenthandschrift P anstatt des 
Herzogs Ton Baiern erst durch Coriectur eingesetzten König 
Ton Böhmen aufführen. 

Insofeme nun nach Ficker's Untersuchungen der Dent- 
schenspiegel nicht lange vor aber auch nicht lange nadi 
dem Jahre 1260 entstanden ist, mödite man yielleicht bei 
Berücksichtigung des Sachverhaltes dass die in Frage 
stehende Pergamenthandschrift P zwischen den Jahren 1264 
und 1268 unserem Preckendorfer geschenkt wurde, also in 
einer Zeit welche ungemein an das vorbezeichnete Jahr der 
Abfassung des Deutsdienspiegels angränzt, nicht unschwer 
auf den Gedanken verfallen, ob wir es nicht vielmehr 
mit einem Deutschenspiegel als mit dem sogenann- 
ten Schwabenspiegel zu thun haben. 

Wir sind dieser Meinung nicht. Sind auch die An- 
haltspunkte welche uns zu Gebote stehen ihrer Zahl nadi 
verhältnissmässig nur wenige, so dürfte sich doch daraus 
diese Frage entscheiden lassen. 

Einmal ist vor allem nicht zu übersehen, dass der Be- 
sitzer der Handschrift F gleich in dem Eintrage wovon oben 



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Bqckinger: Zur AbfatsungsMCü des Schwahenspiegds. 439 

S. 413—415 die Rede gewesen von der Pergamenthandschrift 
P mit dürren Worten sagt, dass „darein volgend recht- 
buch gantz schön vnd sauber geschriben" gewesen» Insoferne 
nun die Handschrift F den mit dem Buche der Könige 
alter E verbundenen sogenannten Schwabenspiogel 
enthält, welches Werk ihm das „volgend rechtbuch^^ ist, 
erscheint eine andere Annahme als dass die Pergament- 
handschrift P auch diesen Inhalt hatte ganz unthunlich. Denn 
wenn in ihr etwas anderes gestanden wäre, wie hätte ihm 
das wohl bei der Genauigkeit welche wir bei den einzelnen 
Einträgen aus ihr finden entgehen können? 

Uebrigens ganz abgesehen hievon stehen uns noch andere 
Gründe zu Gebot. Zunächst ersehen wir aus der den Ein- 
gang des Buches der Könige berühiendea Stelle auf 
Fol 8, dass dieser nicht in der gekürzten Form des 
Deutschen^iegels'^) gestanden hat, sondern der volleren, 
welche wir aus Massmanns Ausgabe in des Herrn v. Daniels 
Bechtsdenkmälern des deutschen Mittelalters III Sp. XXXIU 
snr Genüge kennen. 

Ohne Zweifel dürfen wir auch daraus, dass zum ganzen 
Buche der Könige alter E wie es in der Handschrift F 
steht — ausser der Auflösung der wie es scheint in der Ab- 
kürzung ihrem Besitzer nicht verständlichen Foi-m des Namens 
Darius — keine Bemerkung gemacht ist welche das Vor- 
handensein grösserer Veränderungen andeuten würde, nicht 
ohne Grund den Schluss ziehen, dass es in der Pergament- 
handschrift P in demselben Umfange vorhanden gewesen. 

Auf das Buch der Könige folgt im Deutschenspiegel 
eine Umarbeitung der Präfatio rhythmica des Sach- 
senspiegels wie des Prologus und des sogenannten 
Teztus prologi dieses Bechtsbuches. Wären diese 



20) Vgl liiemi F ick er über einen Spiegel deutscher Leute und 
dessen SieUnng com Sachsen- vnd Sohwabenspiegel S. 14 (126). 

29* 



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440 SUmng der hiikfr. Cksse wm 9. No^miber 18$7. 

Stacke in der Handschrift P vorhanden gewesen, die An- 
deutung darüber vmrde sicher nicht fehlen. Wir ersehen 
also hierin einen ferneren Omnd für unsere Annahme. 

Scheint dann die einzige areprüngliche Eintheilnng 
des Deutschenspiegels nur die in eine nngezählte 
Reihe kleiner Abschnitte gewesen zu sein, and ist in 
ihm noch von keiner Scheidung in bestimmte Abtheil- 
ungen die Rede, so dass nicht emmal der Beginn des Lehen- 
rechtes äusseriich mehr hervortritt als der eines andern Ar- 
tikels , 80 tritt uns in der Pergamenthamdschrifb P bereits 
die Sonderung des Land- und Lehenrechtes gans 
scharf entgegen, vnd wird weiter auch das Landrecht selbst 
durch eine auch sonst in verschiedenen Handschriften aof- 
tauchende Abtheilung nadi L Artikel 219 als aus zwei 
Theilen bestehend vorgeführt. 

Hatte weiter der Deutschenspiegel aller Wahrschein*- 
lichkdt nach keine Artikelüberschriften; und bietet er 
auch in der uns erhaltenen Form solche in sdnem spat^-en 
Verlaufe nicht, so) entnehmen wir aus den Einträgen auf 
Fol. 62' wie 63 und 116, dass in der Pergamenthandscfarift P 
sidi selbe bereits fanden. 

Dass umgekdirt in ihr die beiden im Deutschenspiegel 
zu den Artikeln 29c und 80b aufgenommene Gedichte 
des Strickers nicht vorhanden gewesen, aitnehmen wir 
wohl nicht mit Unrecht dem Schweigen das in dieser Be- 
ziehung hierüber obwaltet. 

Sdien wir uns näher nach dem Inhalte einzelner Ar^ 
tikel um, so können wir wohl die Theorie von den zwei 
Schwertern nicht umgehen, ^er Deutschenspiegel weist 
noch das weltliche dem Kaiser unmittelbar zu. Wäre diese 
Auffassung in der Pergamentiiandschrift P vertreten gewesen, 
unser Gewährsmann hätte unmöglich eine Anm^kung zu 
dem Texte von F, welcher als sogenannter Schwabensjaegel 
beide Schwerter dem Pabsto zuzuweaden für gut findtt^ 



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Boehmger: Zur Abfa$9mg8M$H des Schwc^eiMfriegeU. 441 

nnterschlagen können, um so weniger als er gerade bei der 
Stelle dass erst der Pabst dem Kaiser das Schwert des 
weltiioben Gerichtes leihe die ausdrückliche Bemerkung an 
den Band setzt dass diese im sächsischen Landrechte nicht 
vorkomme. Man miisste nur geradezu annehmen, er habe 
im vorliegenden Falle die Pergamenthandschrift P einzusehen 
vergessen. 

Findet sich sodann von der langen Abhandlung über 
die Ehe im Deutsehenspiegel keine Spur, wohl aber in aa- 
^rka^nt alten Hatidschriften des sogenannten Schwäbenspiegels, 
wie dem cod. germ. 90 der münchner Staatsbibliothek, der 
uber'sdien Handschrift zu Breslau, der französischen Ueber- 
setzung des sogenannten Schwabenspiegels zu Bern, und 
bereits in gekürzter Fassung im Cod. Fäsch zu Basel, and 
berichtet uns der Eintrag auf Fol. 116 dass sie in der 
Pergamentbandsohrift P gestanden, so ist wohl nicht zu 
bezweifeln, dass wir es mit einem Codex des sogenannten 
Schwäbenspiegels zu thun haben. 

Auch nach einer andern Seite hin ist gerade dieser 
Eintrag nicht ohne Werth. Insofeme nämlich die berührte 
Abhandlung auf FoL 100 des Codex P am Ende des Land- 
rechte$ ihren Platz hatte, ergibt sich für diese Handschrift — 
in welcher von FoL 100 an eben diese lange Abhandlung 
und dann erst noch das Lehenrecht folgte — ein Umfang 
welcher über den des Deutschenspiegels weit hinausgeht 

Was noch eben das Lehen recht betri£ft, welches im 
DeutBcheaspiegel der Schlussartikel L 157 und 158 und ins* 
besondere des Sdilusswortes = L 159 des sogenannten 
Sdiwabenspiegels ^tbehrt, vernehmen wir aus dem Eintrage 
auf Fol. 182, dass s^n Text in der PergamenihandschriftP 
mit den Worten „da von daz erdeszheerschildes darbet'' des 
im Deutschenspiegel gar nidit vorhandenen Artikels L 154 ge- 
endet hat, und das Schlusswort = L 159 in der dem söge- 
Dannteo Schwabenspiegel angehörigen Form in ihr gestanden. 



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442 Sitzung dtr histor. Cla89e t>om 9, November 1867. 



Steht auf solche Weise fest, dass diese keinen Dentschen- 
Spiegel sondern den sogenannten Schwabenspiegel enthalten, 
so ist nunmehr bei Berücksichtigung des Sachverhaltes dass 
sie zwischen den Jahren 1264 und 1268 unserem Precken- 
dorfer geschenkt wurde die Zeit der Abfassung des 
sogenannten Schwabenspiegels gegen die bisherige 
Annahme um etwas hinaufzuriicken. 

Welches ist der gegenwärtige Stand dieser Frage? Jo- 
hannes Merkel, welcher noch vor der Auffindung des Deut- 
schenspiegels in seinen Commentarien de republica Alaman- 
norum XVI S. 22 — 24 mit den einschlägigen Noten ausfuhr- 
lich über diese Frage handelte, gelangte zu dem Ergebnisse 
dass unser Rechtsbuch zwischen den Jahren 1276 und 
1281 vollendei worden. Als es Ficker gegönnt war, den 
glücklichen Fund der innsbrucker Handschrift des Deutschen- 
spiegels mit der ihm cigenthümlichen geistreichen Sdiärfe 
zu verwerthen, stellte sich ihm — auf Merkels Forschungen 
fussend — in seiner akademischen Abhandlung über einen 
Spiegel deutscher Leute und dessen Stellung zum Sachsen- 
iind Schwabenspiegel S. 164 und 165 das Ergebniss heraus, 
dass die Abfassung unseres Rechtsbuches nach seinen staats- 
rechtlichen Bestimmungen nicht vor das Jahr 1275 fallen 
könne, und sein Alter sich etwa dahin bestimmen lassen 
möchte, er könne nicht lange vor und nicht lange nach 
1280 entstanden sein* Dem entgegen machte Laband in 
seiner Arbeit über den Ursprung des sogenannten Schwaben- 
spiegels geltend, dass es in ihm auch nicht^an Andeutungen 
fehle dass er unter der Regirung König Richards 
verfasst worden, worüber er insbesondere in seinen Bei- 
trägen zur Kunde unseres Rechtsbuches S. 23 und 24 handelt. 
Es war zu vermuthen, dass nach den Untersuchungen welche 
'er abgesehen gerade von dieser Frage nodi am bemerkten 



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Boehinger: Zur ÄbfasrntigsgeH des BchwabenspiegeU, 443 

Orte veröffentlicht hat Ficker sich weiter in der Sache ver- ^ 
nehmen lassen würde. Das geschah denn auch in seiner 
akademischen Abhandlung zur Genealogie der Handschriften 
unseres Bechtsbuches , worin er. glaubt, an der bisherigen 
Ansicht die Abfassung desselben dürfe wegen der staats- 
rechtlichen Sätze nicht vor die ersten Jahre König 
Rudolfs gesetzt werden auch nach Erwägung der von 
Laband aufgestellten Gegengründe festhalten zu müssen, 
worauf er bei anderer Gelegenheit zurückzukommen denke, 
wogegen er der Beweisführung des Verfassers, dass das 
Verhältniss zum augsburger Stadtrechte eine Ab- 
fassung nach 1276 nicht nöthig mache, bereitwilligst 
beistimmt, wie er das ja auch schon früher nur bedingt für 
diesen Zweck geltend gemacht. 

Fragen wir diesen so zu sagen ausschliesslich ans in« 
neren Gründen gewonnenen wissonschaftlichen Ergebnissen 
gegenüber nach allenfallsigen Datirungen der zunächst in 
Betracht kommenden ältesten Handschriften, so stehen' die 
zwei Jahrzahlen welche hier vor allem ins Auge fallen mit 
jenen Ergebnissen in keinem Widerspruche. Einige Hand- 
schriften beziehen sich nämlich auf eine Vorlage vom 
Jahre 1282. Die lassberg'sche gibt uns den Beweis, dass 
im Jahre 1287 der sogenannte Schwabenspiegel be- 
reits vorhanden gewesen. Allerdings sind wir hiedurch 
um keinen Schritt für eine nähere Bestimmung der Zeit 
seiner Abfassung als die schon aus den eben berührten Er- 
gebnissen hervorgehende weiter gefördert. 

Wichtig werden in dieser Beziehung die aus einem zu 
Anfange des 16. Jahrhunderts gefertigten Einbände eines 
Werkes der königlichen Bibliothek zu Berlin abgelösten 
Bruchstücke einer Pergamenthandschrift des soge- 
nannten Schwabenspiegels, über welche Pertz in der 
Sitzung der historisch-philosophischen Glasse der Akademie 



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444 SiUung der hUtor. Classe v&m 9. Nwmber 1SS7, 

der Wissenschaften daselbst Tom 4. Februar 1850 und im 
Ardiive der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtkunde 
X S. 415—425 Nachricht gegeben, insoferne nadi seiner 
Mittheilung „die Schrift noch mehr gegen die Mitte als 
den Schluss des 13. Jahrhunderts, mithin in die für 
jetzt wahrscheinliche Zeit der Entstehung dieses Rechts* 
buches gesetzt werden muss." Eine nähere Bestimmung ist 
natürlich bei der geringen Anzahl dieser so interessanten 
berliner Bruchstücke nicht möglich. 

Sie wird es nunmehr durch den in ui^^serer Handschrift 
F erhaltenen Eintrag, wonach der oberpfälzische Edel- 
knecht Heinrich der Preckendorfer von dem be- 
rühmten Rudiger dem Manessen aus Zürich eine 
Pergamenthandschrift unseres Rechtsbuches zwi- 
schen den Jahren 1264 und 1268 zum Geschenke er- 
hielt 

In welchem der genannten Jahre das der Fall gewesen, 
vermögen wir nicht zu behaupten, da eine nähere Angabe 
hierüber nicht gemacht ist, und uns das Reisbuch des be- 
neidenswerthen Besitzers' der Handschrift nicht vorliegt, aus 
welchem vielleicht bestimmtere Anhaltspunkte zu gewinnen 
wären. 

Von dem Eintrage auf Fol. 100' der Handschrift F, 
dass der Pergamentcodex P bereits im Jahre 1264 geschrie« 
ben gewesen, machen wir keinen Gebrauch, weil wir nioht> 
wissen, ob und welcher verlässige Grund für diese Bemerk- 
ung den Besitzer von F geleitet haben mag, uns jedenfalls 
ein solcher nicht zu Gebote steht. 

Sicher ist nur, dass das Geschenk spätestens im Jahre 
1268 gemacht worden, in welchem Jahre unser Edelknecht 
mit seinem Schatze aus der Schweiz in seine Heimat zu- 
rückzog. Bedenkt man nun, dass die jetzigen Annahmen 
die Abfassung des Deutschenspiegels wie des sogenannten 



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Bodßinger: Zur Ahfassun^smi des Sehwahenspiegela. 445 

Schwabenspiegels nach Augsburg ^^) verlegen, dass von da - 
Yiellekht nicht gleidi die allerersten Abschriften nach Zürich 
gelangten, dass wahrscheinlicher Weise auch Rüdiger der 
Manesse sein Exemplar nicht schon im ersten Augenblicke 
des Empfanges unserem Preckendorfer verehrt, so werden 
wir immerhin auf einige Zeit noch vor 1268 oder auch 
1267 oder vielleicht 1266 oder am Ende 1265 oder 
gar 1264 hingewiesen. Muthmassungen in der Beziehung 
hängen vor der Hand in der Luft; Wir nehmen daher 
hierauf keine Rücksicht, sondern constatiren zur Zeit nur 
gegenüber den bisherigen Ergebnissen das urkundliche 
Zeugniss dass spätestens im Jahre 1268 der soge- 
nannte Schwabenspiegel vorhanden gewesen. 

VI. 

Es ist uns wohl nunmehr noch gestattet, einige Folger- 
ungen vorzuführen, welche sich nach der bisherigen Unter- 
Buchung aus den Mittheilungen über den leider mr Zeh für 
Valoren zu erachtenden ohne allen Zweifel zu den ältesten 
der bisher bekannte Handschriften des sogenannten Schwaben- 
spiegels zahlenden Pergamentcodex für die früheste oder 
wenigstens eine der frühesten Gestalten dieses 
Rechtsbuches selbst ergeben. 

Was zunächst das Buch der Könige anlangt, hat 
Ficker mit guten Gründen ausgeführt, dass es urspiünglicb 
mit dem sogenannten Sdiwabenspiegel verbunden^) gewesen. 
Dennoch — bemerkt er — erscheint es, abgesehen von den 
berliner Fragmenten, in keiner der ältesten Handschriften, 
und auch im 14. Jahrhunderte überhaupt nur in fünf Hand- 
schriften. Der Pwgamentcodex P bietet nun einen ausreichenden 



21) A. a. 0. a 167 (283) - 172 (288). 

22) Ebendort 8. 12 (124) ff. 



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446 SUiung der hUtor. ClasH vom 9. November 18ß7. 

Beleg dafür, dass das Buch der Könige wenigstens der alten 
E bereits in einer spätestens in das Jahr 1268 fallenden 
Handschrift des sogenannten Schwabenspiegels mit unserem 
Bechtsbuche verbunden gewesen. 

Dass in ihr die im Deutschenspiegel wie in der homeyer'- 
schen Handschrift des sogenannten Sdiwabenspiegels num. 330 
ersdieinende Umarbeitung derPräfatio rhythmica des 
Sachsenspiegels wie desPrologus und des sogenann- 
ten Teztus prologi dieses letzteren Bechtsbuches 
nicht vorhanden gewesen, davon haben wir oben S. 439 
und 440 gesprochen. 

Dasselbe ist nach den Andentungen auf S. 440 bezüglich 
der beiden im Deutschenspiegel wie noch in der ireiburger 
und der bemerkten homeyer^schen Handschrift des sogenannten 
Schwabenspiegels begegnenden Gedichte des Strickers 
wie des in der herrenchiemsee'sdien Handschrift erscheinen- 
den Gedichtes des Freidank der Fall. 

Fassen wir näher den Inhalt einzelner Artikel ins Auge, 
soweit darüber die verhältnissmässig so geringen Einträge 
in d^ Handschrift F einen Schluss gestatten, so erscheint 
nach ihnen zu Artikel 155 des Land- und Artikel 7 des 
Lehenrechtes die vierte weltliche Kurstimme im Besitze 
des Herzogs von Baiern, weldier erst durch Rasur und 
Gorrectur getilgt ist, und auf diesem Wege im sogenannten 
Schwabenspiegel — ob schon vor dem Ja^re 1268, können 
wir bezweifeln, vermögen es aber nnch dem Wortlaute der 
Einträge auf Fol. 100' und Fol. 150' nicht bestimmt zu 
entscheiden — dem Könige von Böhmen hat Platz machen 
müssen. 

Betrachten wir einen anderen nicht unwichtigen ArtikeL 
Hat Laband bereits *') die lange aus Bruder Berchtolds von 



23) In seinen Beiträgen zur Kunde des Sohwabenspiegels S. 30 
bis 82, 45 nnd 46. 



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Boehinger: Zwr Abfa99ung8zeU des SchwabmspiegeU, 447 

Regensborg Predigten oitlehnto Abhandlang über die 
Ehe ak ursprünghch für den sogenannten Schwabenspiegel 
in Anspruch genommen so erwächst dieser Annahme ein 
bedeutendes Gewicht dadurch dass gerade die in Frage 
stehende spätestens dem Jahre 1268 angehörige Pergament- 
handsdirift P selbe bereits enthalten hat. 

Nicht ohne Bedeutung ist sodann die Frage nach der 
Eintheilung des gesammten sogenannten Schwaben- 
spiegelwerkes sowohl im grossen Ganzen als in seinen 
etwaigen Unterabtheilungen. 

Was hier zunächst das Landrecht betrifft , machen 
viele Handschriften, darunter die im Jahre 1287 gefertigte 
oder wenigstens auf einer Vorlage Tom Jahre 1287 fussende 
lassberg'sche, ohne alle und jede Rücksicht auf einen innern 
Scheidungsgrund — welcher eine Dreitheilung in L Artikel 
1 bis 117, 118 bis 313 b, 314 bis zum Schlüsse rechtfertigen 
wärde — nach L Artikel 219 eine Abtheilung, wonach das 
ganze Landrecht in zwei Theile zerfällt Der Eintrag 
in der Handschrift F auf Fol. 123 erweist diese Scheidung 
als bereits in der Pergamenthandschrift P yorhanden. 

Was sodann die Frage nach den Ueberschriften der 
in diesen Hauptabtheilungen erscheinenden Artikel 
anlangt, ist nicht nur durch den Eintrag auf FoL 62' und 
63 zu den L Artikeln 9 und 14 erwiesen, dass die Pergament- 
handsdirift P solche für den ersten Theil des sogenannten 
Schwabenspiegels L 1—117 hatte, sonderä belegt auch der 
Eintrag auf FoL 116, dass sie für den zweiten von 
L Artikel 118— 313b reichenden Theil vorhanden waren. 

Was weiter die Frage nach der gleichzeitigen oder 
späteren Entstehung des dritten Theiles betrifft, adhuc sub 
judice lis est Bekanntlich hat Ficker sich von der letzteren 
Ansicht gegenüber Laband auch noch in seiner akademischen 
Abhandlung zur Genealogie der Handschriften des sogenannten 
Schwabenspiegels nicht losgesagt. Entgegen hält aber auch 



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448 SitMung der histar. Glosse wm 9. November 1867, 

Ldband die erstere seinerzeit von ihm in den Beiträgen 
znr Kunde des Schwabenspiegels geltend gemachte Anschauung 
noch fortwährend fest, indem er in der Zeitschrift für Bechts- 
geschichte III S. 154 bemerkt^ obgleich er gestehe in manchen 
Punkten berichtigt worden zu sein, beharre er doch hü 
gewissenhafter Prüfung der Streitfrage noch heute bei seiner 
Ansicht. Die Einträge welche uns die Handschrift F über 
P erhalte hat können uns für eine Entscheidung in dieser 
Beziehung keinen Beleg liefern. Es findet sich unter den 
leider schon bald nach dem Anfange immer spärlicher er- 
scheinenden Bemerkung^ zu der ganzen Partie von L Ar- 
tikel 314 an bis zum Schlüsse des Land- und Anfange des 
Lehenrechtes gar keine. Allerdings dürfen wir wohl annehmen, 
dass das Auffallen des Mangels dieser ganzen Partie zu einer 
Mittheilung hierüber Veranlassung hätte bieten müssen, ins- 
besondere da sich eine solche bezüglich des Anfanges des 
Lehenrechtes findet. Und insofeme liegt uns wenigstens ein 
Grund zu der Annahme Yor. dass wenigstens spätestens 
im Jahre 1268 der dritte Theil des Landrechtes 
bereits fest mit den beiden ersten verbunden ge- 
wesen. 

: So widitig eine Entscheidung des berührten Punktes für 
die Möglichkeit einer näheren Bestimmung der 
Zeit der Hauptentwicklungsstufen des sogenannten 
Schwabenspiegel Werkes wäre, die eben beklagte 'so 
geringe Anzahl 9er noch dazu im allmäligen Verlaufe fort 
und fort sich mindernden Einträge, wie sie einerseits die 
scharfe Erkennung, der Gruppe hindert welche die Perga- 
menthandschrift P vertreten hat, tritt sie auch dort nicht 
fördernd in den Weg. 

Was endlich das Lehenrecht anlangt, erscheint das- 
selbe nach dem Eintrage auf Fol. 148^ neben dem wie bemerkt 
in ewd Theile geschiedenen Landrechte ausdrücklich als 



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Bockingir: Zur ÄbfasBungseeit des Schtüobenspiegds, 44§ 

80 bezeichneter dritter Theil des gesammten söge« 
nannten Schwabenspiegelwerkes. 

Auch über den Schluss des Lehenrechtes selbst 
entnehmen wir dem Eintrage aaf FoL 182 , dass der letzte 
Artikel desselben L 154 bis za den Worten „da ^n daz er 
desz heerschSdes darbet'^ entsprochen hat, während uns jenw 
Eintrag weiter das Schlusswort in der spätestens in das 
Jahr. 1268 fallenden Pergamenthandschrift P in dem auf 
S. 435 und 436 mitgetheilten namentlich vom vorletzten auf 
den letzten Absatz zu gegen die Fassung von L 159 nicht 
anmerklich gekürzten und in dieser Rücksicht mehr zu den 
alten Codices germanici 21 und 23 der münchner Staats- 
bibliothek wie theilweise zur ambraser Handschrift stim- 
menden Wortlaute vorführt. 

VH. 

Wie erfreulich nun nach verschiedenen Seiten die Er- 
gebnisse sind wozu wir in der vorhergehenden Untersuchung 
durch die Einträge geleitet wurden welche die Hand- 
schrift F aus der Pergamenthandschrift P erhalten hat, mit 
im so grösserem Schmerze muss auf der andern Seite er- 
füllen, dass dieses Kleinod selbst nicht zu Gebot steht. Wenn 
es nicht die Ungunst der Zeiten vollends vernichtet hat, wo 
es allenfalls noch zu suchen und zu finden sein dürfte, wir 
vermögen darüber nichts zu bestimmen. Der letzte Anhalts- 
punkt welcher uns zur Verfügung steht ist nur, dass es am 
7. Februar 1609 sich zu Regensburg und zwar in Privathänden 
befand. Ob die Wogen des dreissigjährigen Krieges schon 
es von dort oder überhaupt hin weggespült? Ob es späterer 
Zeit zum Opfer fiel? Ob es am Ende noch gegenwärtig 
irgendwo innerhalb der Mauern der einstigen Reichsstadt 
oder anderswo verborgen weilt und endlicher Erlösung 
harrt? ^ 

Nachforschungen in dieser Beziehung möchten im In- 



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450 SUiung der hkUnr. Cla$8e wm 9. November 1867. 

teresse des gegenwärtig mehr als je za einem gedeihlichen 
Abschlüsse drängenden sogenannten Schwabenspiegelwerkes 
gewiss in hohem Grade angezeigt erscheinen. So wird man nns 
denn schwerlich verargen wollen, dass wir mit dem nicht 
ungerechtfertigten Wunsche schliessen, es möge den Männern 
der Wissenschaft welche hier oder dort hiezu Gelegenheit 
und Masse haben gefallen, ihr Augenmerk hierauf zu 
richten. 



Herr Graf von Hundt gab: 
„Beiträge zur Feststellung der historischen 
Ortsnamea von Bayern, insbesondere des 
ursprünglichen Besitzes des Hauses Wittels- 
bach." 



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Einsendungen wm Druchschriften. 451 



EinBendungen von Druckschriften. 



Vom Herrn August Grunert in QreifewM: 
Arohiv für Mathematik and Physik. 47. TheiL 8. Heft. 1867. 8. 

Vom Herrn M. A. Stern in Qöttingen: 

üeber die Bestimmmig der Gonstanten in der Yariationsrechnnngf. 
1864. 4. 

Vom Herrn Hermann von Meyer in JVotrifc/wrl a. M, : 

Palaeontographica. Beiträge znr Naturgeschichte der Yorweli. 
17. Band. 1. Lieferang. Kassel. 1867. 4. 

Vom Herrn v. Ettinghaueen in Wieni 

a) Die fossile Flora des Mährisch-Bchlesischen Dachsohiefers. 1866. 4. 

b) Die Kreideflora von Niedersohoena in Sachsen, ein Beitrag zar 

Kenntniss der ältesten Diootyledonen-Gewächse. 1867. 8. 
o) Die fossilen Algen des Wiener and des Karpathen-Saodsteines. 
1863. 8. 

d) Die fossile Flora des Tertiär-Beckens von Bilin. 1. Theil. 
1866. 4. 

Vom Herrn Moritß BMmamn in Leipzig: 

TJntersaohang Aber die Aenderang der Fortpflanzangsgeschwindig- 
keit des Lichtes im Wassir durch die Wärm& 1867. 8. 



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452 Einsendungen van Druckschriften. 

Vom Herrn Matthew Byan in Wctshington: 

Tbe oelebrated theory of paralleles. Demonstration of the celebrated 
theorem. Euclid 1. Axiom. 12. 1866. a 

Vom Herrn E, Begd in 8t, Petersburg: 

a) Enumeratio plantarum in regionibus eis- et transiliensibus a Se- 

menovio 1857 collectarum. Moskau 1866. 8. 

b) Intemational-Aasstellang von Gegenständen des Gartenbaues im 

Frühlinge 1867 in St. Petersburg. 8. 
o) Index seminum,. quae hortus botanicus imper. Petropolitanus pro 
mutua oommutatione offert. 1866. 8. 

Vom Herrn Carlo Änsdm in Piacerusa: 
Quadratura del ciroolo sooperta. 1867. 8. 

Vom Herrn Gustav Hinrichs i» Jowa, State Jowa: 
On tbe speotra and composition of the elements. 1866. 8. 

Vom Herrn BmOdf Wolf in Z6ri(A: 
Afltsonomiaobe Miitbeihuigen. 22. und 28. 1867. 8. 

Vom Herrn Ä. T. Kupffer in St, Petersburg: 
Compte-Rendu-Annuel. Ann^e 1894. 1865. 4. 

Vom Herrn Giovanni Cheiodini m Böhgna: 
Di alcuni sepolcri della necropoli^felsinea ragguaglio 1867. 8. 

Vom Herrn F. J. Pielet in Genf: 

Notioe sur les caloaires de la porte de France et sur quelques gise- 
ments yoisins. 1867. 8. 



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Emenäimgen von DfHeJc9chriftm. 459 



Vom Vereki fikr OesekiehU der Detdschen in Böhmen in Prag: 



a) Mittheilnngen des Vereins. 6. Jahrg. Nr. 2 — 6. 

6. „ „ 1. 2. 1866. 67. 8. 

b) Fünfler Jahresbericlit. Vom 16. Mai 1866 bis 15. Mai 1867. 8. 

c) Statuten. 1866. 8. 

d) Mitglieder-YerzeichnisB. Gesohlossen am 7. März. 1867. 8. 

Von der deutsdien morgenländiachen Oeaeüsehaft in Leipzig: 

a) Zeitschrift. 21. Bd. 8. Hft. 1867. 8. 

b) Indische Studien. Beiträge für die Kunde des deutschen Alter- 

thums. 10. Bd. 2. Hft. 1867. 8. 

Vom statistisch-geographischen Bureau in Stuttgart: 

Württembergische Jahrbücher für Statistik und Landeskunde. Jahr« 
gang 1866. 1867. 8. 

Von der Societd italiana di scienze naturaU in Mailand: 

Atti Vol. 8. Fascic. 3. 4. 5. 

„ 9. „ 1. 2. 8. 1866. 66. 67. 8. 

Vom Fondazione scientifica Cagnola in Mailand: 
AttL Vol. 4. Pari 1. 2. 3. 1866. 8. 

Von der allgemeinen geschiehtsforschenden Oesdlschaft der Sehweit in 

Zürich: 

a) Archiv für Schweizerische Geschichte. 15. Bd. 1866. 8. 

b) Schweizerisches .Urkunden-Register. 1. Bd. 3. Hft. Bern 1866. 8. 

Vom Musie Teyler in Harlem: 
Archivee. Vol 1. Fase 2. 1867. a 

Von der SociiU des seienees physigues et na^eües in Bordeaux: 

H^oires. Tom. 4. 1. cahier (suite) 

., 5. 1. „ 1866. 67. 8. 
[1867.11. 8.] 30 

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454 Einsendungen von Druckschriften. 

Von der SoeiHi impSridle des naturälistes in Moskau: 
Bulletin. Ann6e 1866. Nr. S. 4. 1S66 8. 

Von der Acadhnie imphriaU des sciences, arts et heUes lettres in Dijon : 
Memoires. 2. Serie. Tome 12. 13. Annee 1864. 1866. 8. 

Von der SociHS Bc^nique de Frmiee in Paris: 
Bulletin. Tom. 14. 1867 (Revue bibliographie) C. 8. 

Von der Historisch Genootschap in Utrecht: 

a) Kronijk. 22. Jaargang. 5. Serie. 2. Deel 1867. 8. 

b) Werken. Nieuwe Serie Nr. 7. 1867. 8. 

Von der American phOosophicäl Society in Phüadelphia: 
Proceedings. Vol. 10. 1866. Nr. 76. 76. S. 

Von der Accademia di scienze moräU e pcHitiche in Neapd: 
Rendiconto. Anno sesto quademi di Luglio e Agosto 1867. 8. 

Vom historischen Verein der fünf Orte Luzem, Uri, Schwys, Unter- 
wälden und Zug in Einsieddn: 

Der Gescbichtsfreund. 22. Band. 1867. Q. 

Von der Acadimie impiriale des sciences in St. Petersburg: 

a) Bulletin. Tom. 11. Nr. 3. 4. 

„ 12. „ 1. 4. 

b) Memoires. Tom. 10. Nr. 16. 

„ 11. „ 1.—8. 1867. 4. 

c^ Melanges matb^matiques et astronomique. Tom. 4. 8. 
d) Jabresbericbt am 20. Mai 1866. Dem Comit^ der Nikolai-Haopt- 
Stemwarte abgestattet vom Director der St«rnwarte. 8. 



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Einsendungen van Drucksehfiften. 455 

Von der Äcademie des sciences in Paris: 
Gomptes rendus hebdomadaires de seances. Tom. 65. Nr. 6. 7. 10. 11. 

Van der metearolagischen CenirälrÄnstält der schweizerischen natur- 
forschenden Gesellschaft in Zürich: 

Meteorologische BeobachtuBgen. Dezember 1866. Januar Februar 
1867. 4. 

Vom kaninJdijk Nederlandsch meteorologisch Instituut in Utrecht: 
Meteorologisch Jaarbock yoor 1866. 2. Deel. 1867. 4. 

Von der kaiserlichen Üniversitäts-Stemwarte in Dorpat: 
Beobachtungen von Dr. H. Maedler. 16. Bd. 1866. 4. 

Van der ZocHogicai Society in London: 

a) Transactions. Yok 6. Part. 1. 2. 8. 1866. 67. 4. 

b) Proceedings. Part. 1. 2 8. 1866. 8. 

Von der SociHi des sciences de Firdande in Hekingfors : 

a) Acta Societatis scientiarum Fennicae. Tom. 8. Pars. 1. 2. 1867. 4* 

b) Bidrag tili Finlands naturkännedom. 10 Heft. 1867. 8. 

c) Bidrag tili kannedom af Finlands natur och folk 7. 8. 9. 10 Hft. 

1866. 67. 8. 

d) Oeversigt af Finska Yetenskaps-Societetens. Förhandligar 6. 

7. 8. 8. . 

Vom Istituto technico in Palermo: 

Giornale di scienze natural! ed economiche. Anno 1867. Yol. 8. 
Faso. 1. 2. 8. 1867. 4. 

Von der Royal Society in London: 

a) Philosophical transactions. For the year 1866. 1867. YoL 156. 
157. Part. 1. 2. 4. 

30* 



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456 Einsendungen von DrueUekriften. 



b) Proceedings. Vol. 16. Nr. 87—93. 

., 16. „ 94. 1866. 7. 8. 

c) Fellows of the Society. November 80. 1866. 4. 

Von der AcaMmie roycde des sciences des lettres et des beaux-arts de 
Beigigue in Brüssel: 

a) Memoires. Tome 86. 1867. 4. 

b) Balletins. 85. Annee. 2. Ser. Tom. 22. 1866. 

86. „ 2. „ „ 23. 1867. 1866. 8. 
* 86. „ 2. „ „ 24. Nr. 9 et 10. 1867. 8. 

c) Annuaire. 1867. 8. 

d) Tables generales et analjtiqueB du recaeil des bulletins. 2. Serie. 

Tom. 1. a 20. 1867 a 1866. 1867. 8. 

e) Biographie nationale Tom. 1. 2. Partie. Lettre 13. 1867. 8. 

Vom Observatoire royal in Briüssei: 

a) Annales. Tome 17. 1866. 4. 

b) Annuaire. 1867. 34. ann6e. 1866. 8. 

Von der Begia Äccademia di sdeme, Vettere ed arti in Modena: 
Memorie. Tom. 7. 1866. 4. 

Vom B. Osservatorio in Modena: 
Bulletino meteorologico. Vol. 1. Nr. 4 — 7. 4. 

Vom Äteneo Veneto in Venedig: 
Atti. Serie seconda. Vol. 4. 1867. 8. 

Von der h k, Akademie der Wissenschaften in Wien: 

a) Denkschriften. Philosophisch-Historische Classe. 15. Bd. 1867. 4. 

b) Sitzungsberichte. Philosophisch-Historische Classe. 

54. Band. Heft 1—8. Jahrgang 1866. Oktbr. Novbr. Dezbr. 

55. „ „ 1 „ 1867. Januar. 8. 

o) Denkschriften. Mathematisch-naturwissenschaftliche Classe. 26 Bd. 
1867. 4. 



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EiMmdunffen wm DrueltsehrifUn. 457 



d) Siizongsberichte. Matbematiscli-iiatarwissenscbaftliclie Glasse. 

54. Band. 4, und 5. Heft Jahrg. 1866. Novbr. Dezbr. 

56. „ 1 „ 2. „ „ 1867. Januar. Februar. 

Erste Abtbeilung. Enthält Abhandlungen aus dem Grebiete der 
Mineralogie, Botanik, Zoologie, Anatomie, Geologie und Pa- 
läontologie. 1867. 8. 

e) Sitzungsberichte. Mathematisch-natorwissenschafbliche Classe. 

54. Band. 5. Heft. Jahrg. 1866. Deaember. 

65. „ 1. u. 2. Heft. Jahrg. 1867. Januar. Februar. 

Zweite Abtheilung. Enthält Abhandlungen aus dem Gebiete 

der Mathematik, Physik, Chemie, Physiologie, Meteorologie eto. 

1867. 8 

f) Archiv für österreichische Geschieht^. 87. Band. 1. und 2. Hälfte. 

1867. 8. 

Van der Je. premsischen Akademie der Wiseensehaften in Berlin: 
Monatsbericht. Juli 1867. 8. 

Von der physikaUsch-medieinischen GeeeOeehaft in Würibmg: 

Würzburger medicinische Zeitschrift. 7. Band. 6. und 6. HefL 
1867. 8. 

Von der Oeeckichie- und aUerihumsforschenden OesdUchaft des Oster' 
landes in Mtenburgi 

Mittheilungen. 7. Band. 1. Heft. 1867. 8. 

Von der pfälsischen Gesdlschaft für Phamuicie etc. in Speier i 

Neues Jahrbuch der Pharmacie und verwandte Fächer. Zeitschrift. 
Bd. 28. Heft. 4. Oktober. 1867. 8. 

Von der Philomathie in Neisse: 

a) 15., Bericht vom März 1865 bis zum Juli 1867. 8. 

b) Geschichte der Stadt Neisse mit besonderer Berücksichtigung dea 

kirchlichen Lebens in der Stadt und dem Fürstenthume von 
A. Kastner. 1866. a 



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158 EmHAämgm wm JDrucksckriftm. 

Vom Verein für Natuirhmde in Mannheim: 

33. Bericht. EnUttet am 23. Februar 1867. Nebst wissenschaft- 
lichen Beiträgen. 1867. 8. 



Van der SenJcenbergischen naturforschenden Oeseflschaft in Frankfurt 

am Main: 

Abhandlungen. 6. Bd. 3. und 4. Heft 1867. 4. 



Vom Verein für hessische Geschichte und Landeskunde in Kasseli 

a) Zeitschrift Statistische Mittheilungen. 9. Supplement 2. Liefg. 

1867. 4. 

b) Mittheilungen. Nr. 23. 24 und 1. 2. Dezember 1866 — April 

1867. 8. 

c) ZeiUchrift Neue Folge. Erster Band. Heft 2. 3. 4. 1867. 4. 



Von der naturforschenden Oeseüschaft in Freihurg: 
Berichte über die Verhandlungen. Band 4. Heft 1. 2. 8. 1867. 8. 

Von der Oherlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften in GöHiU: 
Neues Lausitzisches Magazin. 44. Bd. 1. Hft. 1867. 8. 

Von der Universität in Heiddberg: 
Jahrbücher der Literatur. 60. Jahrg. 8. Heft. August 1867. 8. 

Von der BedahUon der Sitzungsberichte der Gdehrten und Bealschulm 
Württembergs in SttUtgart: 

Correspondenzblatt. Nr. 9. 10. Septbr. Oktbr. 1867. 8. 



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Nachtrag. 459 



Nachtrag zu S. 392 (Berthold). 

Aus dem eben ausgegebenen Heile des Jahrbuches f. 
romän. und engl. Liter. (YIII. 213) sehe ich, dass Patedus 
nicht mehr ganz unbekannt ist, und dass sein verlornes 
Werk Enueg (eben unser liber de tediis) schon im Jahr- 
buche VI. 223 — 224 erwähnt wurde, femer von seiner 
metrischen Paraphrasirung der Proverbia Salomonis in der 
Bodleiana in Oxford (Man. Canonici 48) ein Bruchstück 
von 38 Hexametern existirt, von welchen A. Mussafia a.a.O. 
einen neuen Text aus dem in Venedig aufbewahrten hand- 
schriftlichen Collectaneen des Apostolo.Zeno mitgetheilt hat. 
Wir sehen aus diesem der ehemaligen Saibantischen Biblio- 
thek in Verona entstammenden Fragmente, dass der Name 
des Autors Girard Pateg (da Cremona) geschrieben ist, 
was nach Mussafias Ausfuhrung als mundartliche Form 
(Patey auszusprechen) für toskanisches Patecchio, latinisirend 
Pateclo und gutlateinisch Pateculus, angesehen werden muss. 



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kuiu^i. ba> ti . AJcademie der Wissensdiiifteii 



zu München. 



11. Heft IV. 



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Sitzungsbericlite 



der 



kömgl bayer. Akademie der Wissenschaften. 



Philosophisch-philologische Classe. 

Sitzung vom 7. Dezember 1867. 



Herr Hofmann legt vor von Herrn Zingerle in Inns* 
brück : 

„Bemerkungen zum Nachtsegen/' 

Die Sitzangsberichte äet k. bayer. Akademie tbeilten 
den in mehrfacher Beziehung merkwürdigen „Nachtsegen^^ 
mit und gaben sowohl bei dem Erscheinen desselben (1867. 
IL 1, p. 1 — 16), als später ebenda (p. 159) höchst dankens* 
werthe Erläuterungen dieses namentlich in culturhistorischer 
Beziehung wichtigen Denkmals. Wenn ich mir erlaube, 
nochmals darauf zurückzukommen, so möchte ich nur einiges 
zur Bestätigung des schon gesagten beibringen; denn wo 
eine so tüchtige Hand schon gearbeitet hat, bleibt einer 
zweiten nur eine karge Nachlese über. 

Zu V. 1 „das saltir deus bimnnon^' bietet eine Parallele 
die Beschwörung in der Erzählung „Irregang und Qirregang^' 
mit dem Verse: 

[1867. n. 4] 81 



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462 Sitzung der phüoB.-phüol. Oasse vom T. Degemher 1867. 

„61 deus salter ich dich swer^'^). 

Wenn „brunnon^' berechtigt ist, dürfte damit der 
49. Psalm: „Quemadmodum desiderat cervus ad fontes 
aquarom etc." oder der 136. : „Super fiumina Babilonis'^ 
gemeint sein. Ist aber Tielleicht nicht zu lesen: 
„Daz saltir deus benedictum, 
daz hoyste namen divinum"? 

Zu V. 6 verweise ich auf „Der Seelen Trost" 3*) und 
Geilers Emeis.') Einen der interssantesten Berichte über 
die Nachtfahr giebt Vintler in seiner „Blueme der Tugend", 
wo er die schon aus Grimms Mythologie p. 1011 mitgetheilte 
Legende vom heiligen Germanus erzahlt. Da seine Dar- 
stellung meist unbekannt sein dürfte, theile ich dieselbe zum 
Theile hier mit. Am Schlüsse des Abschnittes über den 
Aberglauben seiner Zeit sagt er: 

So varen etleich mit der var 
auf kelbem und auf pöcken 
durch staine und durch stocken 
und fahrt dann fort: 

Von dem schreibt also Gr^orius 

in seinem puech dyalogus, 

das ain pischolf was, 

der hiez Germanus, als ich las, 

und was gar ains hailigen leben« 

nu was dem selben pischolf geben 

ain ander pistum ze Ravencf 

als man noch wechselt ettewenn 

umb die pistum ietzund. 

nu ward dem selben pabest kunt, 



1) HGA. LV V. 89. 

2) Zeitschrift für dentsche Mundarten I. 183. 

8) Stöber. Zar Geschichte des Yolksaberglaubeiifl. Basel 1856 p. 18. 



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ZingwU: Zum NacUsegen. 463 

er solt den pischolf von Ravenn 

schicken in die'stat ze Senn, 

da er vor pisdiolf was gewesen 

und das er da solte lesen 

Christenleichen glauben drat. 

also für er in die stat 

zn ainem wirt, der was unfro 

und sprach zu dem pischolf do: 

,,herre mein, ich wolt dass ir 

heint die nacht nicht wärt pei mir, 

wann wir haben heint ze schaffen, 

darzu wir nicht bedürfen pfaffen/^ 

do sprach der pischolf: „sage an, 

was haben dir die p&ffen getan, 

das du si nicht leiden wilt?^^ 

„herr do hob wir hdnt ain spil. 

das wir sicher alle sampt 

varen mit der var zehant/' 

do sprach der pischolf: „sag mir war, 

was ist das, das man die var ^ 

haisset hie, mein lieber frewnt?'' 

„herr das tuen ich ew wol kunt, 

unser semd hie in der stat 

wol zwainzig, die da in dem rat 

sein die pesten sicherlich. 

herr, die yaren all als ich/' 

„nu sag, mein frewnt, wo vart es hin?" 

„herr, wir yaren nach gewin. 

wo uns nuer der will hin get, 

da sei wir für sich an der stet." 

„yart es danne ainen steg?*' 

„nain, es yert iederman sein weg.'' 

„nu wann kumpt es herwieder?" 

„zu mittemacht lass wir uns nider 



81* 



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464 Sitssung der phüö$.-pkiloL C^oBse «m» 7. Veumher 1867. 

wider in das selbe hans^ 

da wir sein gevaren aus." 

„und wie gesecht es auf der strass?'^ 

„herr, wir gesechen pass, 

dann ob wir füren ze mittertag." 

^,na sag an frewnt, wes ich dioh frag: 

esset es xmdev wegen nicht ?'^ 

^,herr, wir haben allen gericht, 

der man nuer gedenken kan. 

wo wir wissen ain reichen man, 

der do hat kost und wein, 

da selbs da vam wir alle ein 

und essen was wir bedürfen da." 

„na sag mir, lieber freant, wa 

weit es heinte yaren hin?" 

„ich sag eachs, herr, als ichs yernim: 

wir wellen heinte ain verzeren 

des mag er sich nicht erweren, 

des sei wir worden in ain, 

das er mussrsterben an aim pain." 

,^na underweisl» mich auch -des: 

was habet nuer ze reiten es?" 

„herr, wir haben ze reiten gnug 

iederman nach seinem fug. 

ainer reit ain kue, der ander ain hoat, 

der dritt ein kalb, dem vierden pald ain gais kamt, 

der fünft ain pock, der sedist ain swein» 

der sibent ain stul, der acht ain schreiii" 

„nu sag mir, zarter wirt mein, 

möcht ich nicht ewr geverte sein, 

das ich auch sagen kunt davon.*' 

der wirt der sprach: „ia trawn, 

ob ir sein euch biet bedacht, 

ir möcht halt yaren heinte nacht." 



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ZingerU: Zum NachUegm, 465 

nmb die zeit als tag unt nadit sich schait 
und amb die ersten hanen krait, 
80 Bolt ir komea in mein kamer, 
da yindet ir ans pei emander^^ etc. 
Bei bicrizen y. 7 möchte ich das dialectische kritzen 
(Schöpf 347) — eine Kerbe machen -- herbei ziehen. Ohne 
Zweifel hatte es die Bedeutung durch einen Einsdmitt be* 
seiohnen, und dann bezeichnen überhaupt. Vielleicht wurde 
es auch mit dem Begriffe „zum Schutze, schützend bezeich«^ 
nen^' wie segnen gebraucht 

y. 9. Dient das „die Guten*^ schon zur Bezeichnung 
der Eiben. ' Noch heutzutage ist der Name „Gütchen^'^) ein 
fast so allgemeiner Name fUr elbische Geister wie „gute 
Holde/' Simrock Myth. 462. In derselben Bedeutung kommt 
„guoter*' auch schon in der früher genannten Erzählung 
Iiregang und Girregang vor: 

£r eolde stn ein guoter 
und ein pilewiz geheiz^^) 
Zu r. 14 bemerke ich, dass in Mahren der Name 
Skritek') gleichbedeutend wie skreti vorkommt Jedenfalls 
möchte ich hier Schrite für gleichbedeutend mit Schrat, 
Schrätle nehmen, somit für Kobolde, die auf den Wegen 
eidi umtreiben und den Wanderer necken und bdästigen. 

Zu Y. 19. Vergleiche Meiers Sagen aus Schwaben 
Nr. 140—158. Birlinger Sagen I, 33 fiF. 

V. 20. 21. Geüers Stelle lautet Tollständig: Also redt 
der gemein man darren, das die, die vor dei Zeiten sterben 



4) Den frommen Gütchen nah verwandt. Göthes Faust U, 51. 
Daemones, qoi qnotidie partem laboris perficiont, corant jomenta, et 
qnof, qnia generi homano mites sunt aut saltem esse videntnr, Ger- 
mani Gatelos appellant. Georg Agricola de remetallica (1561, 
Xn. p. 492). 

6) H G A. LV, 1002. 

6) Grokmann, Aberglauben und Gebrinebe Nr. 80. 



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466 Sitzung der phüoa.'phM. OkUBe wm 7. Deseniber 1867. 

ee den das innen got hat off gesetzt, als die, die in die 
reisz laoffen und erstochen werden, oder gehenckt und ertrenckt 
werden, die müszen also lang nach irem todt lanffen bysz 
das das zyl kumpt, das innen got ges^zet hat, und dan so 
würckt got mit innen waz sein göttlicäier will ist Und die, 
die also lanfifen, die lauffen aller meist in den fronfasten, 
und Yoransz in den fronfasten vor weinnacfaten; das ist die 
heiligest zeit. Und lanfft yetlicher als er ist , in seinem 
deide. 

Zu Y. 23 „alb unde elbelin*' vgl. den Anfang emes 
Alpsegens: „Alp oder Elbin'S den Qrohmann in seinen Ge- 
bräuchen Nr. 114 mittheilt. 

V. 27 u. 30. Das Wort „Mahr" lebt noch in der 
Volkssprache fort, s. Kuhn mark. Sagen Nr. 185. Kuhn nord- 
deutsche Sagen p. 418. Wolf niederl. Sagen Nr. 249 ff. 

Vgl. über Mahr Wolfs Beiträge 11, 264 ff. 

Ueber Trute vgl. Zingerle Sitten 36, 62, 139, 148, 166, 
190. Sagen p. 337, 347, 348, 426, 427. 

Truden oder Mahrsegen finden sich häufig: Grohmann 
Gebräuche Nr. 113, 114, 130. Kuhn westfälische Sagen 
II p. 191. Pröhle Harz -Bilder p. 80. Kuhn nordd. Ge- 
bräuche Nr. 458. Grimm Mythologie 1194« 

Zu y. 31 und 32 yrgl. die Verse eines Fiebers^ens: 
Hat dich überritten ein Mann, 
so segne dich Gott und S. Gyprian; 
hat dich überschritten ein Weib, 
so segne dich Gott und Mariae Leib. 

Wolfs Beiträge p. 256. 

Zu 31 YgL „dich hat geriten der mar.*' HGA. 
LV, 646. 

36. .Wenn hier cruchen = mit einer Krudce, einem 
Hacken fangen bedeutet, ist wohl an den oftgenannten 
Hackemann (Curtze Nr. 61. Meier I, 149. Müller, nieder- 
Sachs. Sagen Nr. 90 und Anm. Stöber Nr. 324) zu denken. 



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ZingerU: Zmn-^Naektsegen. 467 

In der Erzählimg Irregang und Girregang kommt in der Be« 
sehw&rong vor: „und bi Getanis krükken/^ H G A. LV, 
1320.— Vielleieht steht aber hier „chmchen^' für chriechen? — 

^^anehnchen^' bedeutet hier wohl aufhocken, aufsitzen. 
Kobolde nnd Geister lieben es, Wanderern au&uhocken und 
sidi von ihnen tragen zu lassen , vgl. Lütolf Sagen p. 126, 
Zingerle Sagen Nr. 250, 251. Pröhle Harzsagen p. 77, 117. 
Orimm Sagen I, 129. Panzer I, 178. Bechstein, thüringer 
Sagenbuch I, 105. Kuhn, norddeutsche Sagen p. 120. Groh- 
mann Gebräuche Nr. 58. 

V. 39. Der Volksglaube von der Klage, Klagemutter 
(Ulula) lebt heute noch fort, vgl. meine Tiroler Sitten Nr. 367. 
366. Grohmann Gebräuche Nr. 31. 

V. 41. Herbrant, vrgl. Kuhn westfäl. Sagen II, 26. 
„Den Dräk nennt man in Freckenhorst Herbrant. Wenn 
der Hiärbrand in ein Haus fallt, so brennt dasselbe nach 
sieben Jahren ab.'^ Vrgl. Wöste Volksüberlieferungen p. 40 
und Hontanus p. 39. £s yertritt dies Herbrant den tirol- 
leohen Alber. Herbrote ist wohl nur als Feipinin zu Her- 
brant zu fassen, wie yermuthlich y. 23: „alb unde elbelin^' 
letzteres für eibin st^t. Vrgl. in einem Segen (Wolf Bei-^ 
trage I. 254) „do mutten ihnen Alf medi Alfinne/' 

Zu „Molkenstellen'' y. 43 ygl. Lütolf Sagen p. 575. 
Zingerle Sagen Nr. 545. Vonbun p. 20. Müller, sieben- 
bfirgische Sagen p. 106. Wolf, niederländische Sagen p. 370. 
Rochholz II, 167. Vintler sagt: 

und yil ieohen, man stele der chue 
die milch aus der wammen. 
und Geiler predigte über diesen Glauben (Stöber p. 62). 

V. 45. yuzspor ist wohl eine Krankheit an den Füssen, 
ygL das yolksthümliche : Maulsperr, herzgespor, herzgespör. 
Schöpf Idiot. 687. 

Zu y. 49 entsehen, ygl. Geiler: Item wir sahen men- 
Bohen, die mit dem gesiebt sollen ein Ding yergiften; als 



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468 Sitzung der phüaa.-phiM. Ckuse vom 7, Desember 1867, 

dick beschicht, dasz zauberer oder hexen ein kind ansehen« 
80 sol es nimer guot mee thuon, und dorret und verdirbt etc. 
Stöber zur Qeschidite d. V. A, p. 45. lieber das Entsehen 
theilt Grohmann viele Aberglauben mit p. 165 ff. 

Zu V. 50. In Patznaun schreckt man die Kinder mit 
dem Waldmännlein Märzhackel und sagt: Geht nicht allein 
in den Wald, sonst kommt das Märzhadcel und schneidet 
euch die Schinken ab. (Meine Gebräuche Nr. 18.) Hieher 
beziehen kann man auch Vintlers Stelle: 
So sein ettleich als behend, 
das sew varen hundert meil 
gar in einer klmen weil; 
sunderleich die preohen leuten ab 
die pain, als ich geboret han. 
V. 51. Vom Saugen der Trude sagt Vintler: 
so spricht maniger tummer leib, 
die trutte sei ein altes weib 
und chunne die leut saugen. 
Der Glaube, dass Truden, Hexen eta das Blut aus« 
saugen, lebt nodi fort. Zingerle Sag^ Nr. 750. Vonbon 
p. 23. Schön werth I, 211. Grohmann Gebräuche Nr. 117, 
118, 124. Vgl. auch dort das Bluttrinken in den Zauber- 
Segen Nr. 1144, 1248. 1300. 
Zu V. 55 vgl. die Verse: 

dich h&t geriten der mar, 
ein elbische2 äs, 
du solt daz übele getw&s 
mit dem kriuze vertrü>en 
HGA. LV. 646 und 

nü sagä mir, elbisohez getwäs. 
Ebendort v. 1310. 

V. 68 ist vermuthlich „bj dem babes olio untus == oleo 
unctus" zu lesen. Der babes, wahrscheinlidi steht bäben für 



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Zin§tHe:, Zum Naehieegen. 469 

b&bes, oleo anotas würde yermnthlich Aaron iein, tgü dem 
Rudolf in seiner Reimchronik »agt: 

daz heilic öl er im do goz 

üf daz houbet sin, daz ran 

anz an den part dem reinen man, 

als an dem salter noch da stat. 

Dädt d& von gesprochen hat: 

als diu salbe, diu 86 schöne 

ran nider Aärone 

von dem houbet in den part, 

und Türbaz ran nädi siner art 

nnz an sin gewandes ort 
Es wäre dann der 32. Psalm gemeint, in dem man 
liest: ,^sicut unguentum in capite, quod descendit in barbam, 
barbam Aaron, quod descendit in oram vestimenti ejus/^ — 
V. 65. 66. Unter laudem deus ist yermnthlich der 
106. Psahn mit dem Anfange : „Deus laudem meam ne ta- 
cueris", sowie „bi dem voce mens" der 76.: „Voce mea 
ad dominum clamavi^' gemeint. 

V. 78 ist ohne Zweifel „Jerusalem^' zu lesen und dabei 
das Himmelrei(^, das Jerusalem der Apocalypse zu ver- 
stehen. Auch die Stadt Jerusalem wird in Segen und Be- 
schwörungsformeln öfter genannt z. B. Kuhn westfälische 
Sagen n, 198, 207. Birlinger I, 204. Meier Sagen 525.'' 

Zu V. 74 „daz du vares obir mer'^ vgl. die Verse in 
den Alpsegen: „Alle Wasser sollst du waten" (Grohmann 
OebräuoheNr. 119) „011a Wosser woten" ebendort Nr. 114. 
„Bevor du nicht gezählt den Sand im Meer" ebendort 
Nr. 130 und ähnl. Orimm Myth. 1194. Haupt Zeitschrift III, 
350. Kuhn westfäl. Sagen II, 191 oder im Spruche gegen 
den Rothlauf, „Kommst du aus dem Wasser, geh ins Meer. 
Im Meere schöpfe das Wasser, zähle den Sand, diesian Leib 
aber lass in Ruh." Ebendort Nr. 1138 und ähnliche Stellen 
bei Orohmann Nr. 1143, 1256, 1300. 



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470 SiUmg der phaw.-phM. Qam wm r. Daember 1867. 

Seit dem Erscheinen des Naditsegens habe ich bi 
Eonrads von Megenberg Buch der Natur (ed. Pfeiffer S. 107) 
eine auf V. 61 bezägliche Stelle entdeckt, die merkwürdig 
genug ist, um hier noch mitgetheilt und besprochen zu werden. 
EoDrad handelt im 33. Capitel von dem Erdbeben und sagt: 
Nun wissen gemeine Leute nidit, woher es komme; darum 
dichten alte Weiber, die sich gar klug dünken, es sei ein 
grosser Fisch, der Gelebrant heisse and auf dem das 
Erdreich stehe. Er habe seinen Schwanz im Maule, und 
wenn er sich bewege oder umwende, so erbebe das Erd- 
reich. Das ist ein kiesenmärchen und nicht wahr und gleidit 
wohl der Sage der Juden von dem Ochsen Vehemot. 

Man sieht hier die Verquickung der germanischen Welt- 
schlauge (miSgarSs ormr), die zu einem Fische geworden, 
mit dem symbolischen christlichen Ixdvq^ der für die obige 
Stelle des Nachtsegens gewiss feststäit. Das Mittelalter war 
bekanntlich immer sehr darauf bedacht, „das Kind beim 
Namen zu nennen.'* Woher er kam, und ob er passte, war 
Nebensache. So wird man hier zugeben müssen, dass der 
Name Gelebrant nur aus einer mit dem Verse des Nacht- 
segens inhaltlich identischen Stelle dem Weltungeheoer des 
heidnischen Mythus aufgebracht sein kann. 

Herr Dr. R. Hildebrand hat mir zu bicrisen in Y. 7 fol- 
gende Aufklärung mitgetheilt. „daz selbe schülkint ging> in di cap- 
pella der heiligen lantgr&vin onde nam .... eine rebe (Bippe) um 
dem grabe unde bekreiz sine ongen unde sine kel in spotte unde 
in unglouben da mite. Eoediz von Saalfeld, Leben des heil. Ludwig 
78,17. Ich denke, es ist Alles klar, w.e nicht oft: der lareiiwar 
eine heilige Form, mit einer Beliquie beschrieb man nm das zu 
heilende Glied, um eine zu bezaubernde Stelle einen Kreis oder 
Kreise. Zu Y. 86, cruchen bemerkt er: Es bedeutet mitteldeutsdi nock 
jetzt und bis ins 16. Jahrhundert bezeu^^ kriechen, genauer sich 
ducken, sich einziehen und so wo hineingehen, zu Y. 10, dass im 
16. Jahrhundert Brockel bezeugt ist, „MeUbocus mons der brookel 
quod latine dicitur mons mpium vel oonfragus". Bald. Troohns 
Ascaniensis yocabulorum rerum promptuarium Lpzg. 1517. d. 6^ Noch 
bemerke ich, dass Herr Jafifö in Yers I deus bravium, in 2 numen 
divinum und in 68 haben cox^unctus gefunden hat, endlich, dass in 
Y. 58 wazzere, und in Y. 75 numermer zu lesen ist 

C. Hofmann. 



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SSingerk: ZfHr Endde Hetnrich$ vcn Vdäekm. 471 



Von ebendemselben: 

„Meraner Fragmente derEneide von Heinrich 
von Veldeken," jetzt in der Münchner 
Staatsbibliothek. 

Ich bin so glücklich dem neuen Quellenmateriale , das 
unlängst Professor Dr. Pfeiffer zur Eneide (Wien, 1867) 
veröffentlicht hat, die spärlichen Bruchstücke einer sehr alten 
und werihvoUen Handschrift anzuschUessen. Am 3. Oktober 
d. J. sdirieb mir mein Freund Dr. David Scbönherr, dem 
ich schon so oftmals liebevolle Förderung meiner Forsch- 
ungen zu danken hatte, dass er im Stadtarchive zu Meran 
auf einem Gerichtsbuche des 14. Jahrhunderts drei mit 
Versen beschriebene Pergamentblätter gefunden habe und 
hatte die Qüte, mir dieselben zur Ansicht zu übermitteln. 
Es war ein Doppelblatt und ein Einzelblatt mit Versen aus 
der Eneide. Dies enthält ein Fragment, das nach Ettmüllers 
Ausgabe mit V. 204,17 begmnt, jenes giebt nach Ettmüller 
die Verse 240,15 — 244,10 und 260,13 — 264,7. — Leider 
haben die Blätter theils durch Verschneiden, theils durch 
Abnützung und Feuchtigkeit so sehr gelitten, dass viele Verse 
selbst nach Anwendung von Reagentien unleserlich bleiben. 
Dennoch sind uns im Ganzen circa 340 Verse einer Hand- 
sdirift erhalten, die jedaifalls, das Regensburger Bruchstück 
ausgenommen, die übrigen an Alter übertrifft. Höchstens 
könnten Pfeiffers Bruchstücke ihr den Vorrang noch streitig ' 
machen. Die Blattei: in Quart sind doppelspaltig beschrieben, 
je die Spalte mit beiläufig 38 Versen. Die Schrift ist durch- 
aus sehr sorgfaltig, schön, ja zierlich und kann noch in das 
Ende des 12. Jahrhunderts zurückreichen, spätestens gehört 
sie noch dem Anfange des 13. Jahrhunderts an. Durchaus 
hat de nur langes s, nur in Eigennamen und im Anfange 



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472 Sitgung der pMM.-fhUöl dam vm r IMmbtr 1867. 

der Verse macht sich manchmal grosses S bemerkbar; n 
wird immer durch y oder & bezeichnet, w durch yy, för z 
steht noch immer das alte Zeichen 7 oder 7, das im 13. Jahr- 
hundert nur selten mehr begegnet. Di^ schUchten Initialen 
sind rotL Der erste Buchstabe eines jeden Verses ist etwas 
hinausgerückt und durch ein rotlies Pünktchen ausgezeichnet. 
•Die Eigennamen sind öfters durch grosse Schrift herror- 
gehoben z. B. PALLAS, ENEAS etc. Von andern Eigen- 
thümlichkeiten ist nur die Doppellung de^ z und f tfl bemerken 
z. B. liezzen 205,16, 240,18, lazzen 205,6, ebenmazzen 205,5, 
geheizzen 242,9, grozzen 262,25, begriffet 262,22, Waffeü 
262,27, slaffen 262,28. Statt ge findet sich oft gi z. B. gi- 
waltUch 207,32, giwalt 207,29, ginesen 207,83, ginuodi 
207,36, gitun 241,1, ginutzen 243,26, ginomen 260,24 u. a. m. 
V. 242,31 ist, „waeren" für wem geschrieben. In V. 262,16' 
feteht „entswebet" für entsebet, welch letzteres Wort ünserm 
Schreiber nicht verständlich sein mochte, da es wohl xmr 
im „Mitteldeutschen*' gebräuchlich war. V. 262,24 ist „sel- 
went" Schreibfehler fürt selwet. Unser Text stimmt mit dem 
der Berliner, noch mehr aber mit der Münchner Handsdirift 
überein, theilt aber nicht die Wortschreibung der letztem, 
welche das i manchmal schon in ei und ü m au auflSst 
z. B. 241,7 smaechleiche , 241,16 stetechleichen , 261,14 
saelichleiche, 244,6 durchlauchtet, 244,8 lauchte. — Wie ifl 
den Handschriften B und M fehlen auch hier die Verse = 
Ettm. 205,' 21— 26 und 262, 27—28 und sind die folgenden 
V. 27 und 28 umgestellt. We in M sind die Verse 244, 7 
und 8 auch hier verwechselt. Ich stelle, um die Ueberein- 
Stimmung zu zeigen, noch folgende Belegstellen zlisammen. 
205,10 dar quam BMG. 206,14 stunt er B M. 206,21 
der herre Pallas B M. 240,39 onzalihaft B. 240,40 Kamille 



1) Germafttft in, 844. 



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^ yaht BGM. 242,38 has B 6 H M. 343,16 do eonam 
B M. 243,19 prister 6. priester M. 243,20 meister BGH 
M. 26},2$ ao6gen|;e BGM. 261,32 niemen enmach B M. 

962.33 tU misliobe B M GH. 262,37 enkan enmaoh fi G 
H M. 262,39 du iob B G H M. tobter da erch^mest B M. 
264,1 t&t dicohe B M* ze groz M B. Mit B allein hat sie die 
Imw^m 204,17 Tud^r dem halsperge 243,9 ritterliche, gemein. 

Viel zahlreicher sind die Fälle, wo unsere H S. 
meist mit der Münchner allein stimmt z. B. 205,14 
nnd 242,3 ors. 205,34 der herre P. 206,21 dö lac der 
herre Pallas erslagen. 206,23 yeige G H M. 207,30 
dt yil sere. 240,17 erstochen. 241,1 siz wol torste getan. 
241,16 stetedileichen M. 242,4 selbe räch si. 242,21 niemer 
me M G. 242,32 harte wol G M, 242,40 ein ritter der. 
243,1 Trojanen H M. 243,2 alze na. 243,33 andere. 243,39 
er mohte bezzer. 244,3 yfi yor an dem. 244,4 ein granate 
iochant. 244,6 darchlaachtet 260,21 schonia. 260,31 als /als. 

260.34 dir wol aller M G. 261,14 saelichleiche. 261,19 denne. 
262,12 den andern gewisenGM. 263,3 denne M H. 263,24 
grozzer. 263,34 iesliche. 263,37 mage di. Za andern Hand- 
schriften neigt sich anser Text selten yrgl. z. B. 204,28 
wan er H. 207,34 niwan darch daz G. 242,26 in anschone 
H. 243,26 genazzen G. 261,6 deheine H. 261,37 bechennen 
H. 262,36 yon ir G H. 263,19 wie ich dir b. H. 263,20 
yon leide G. Manchmal weicht nnsere Handschrift yon den 
übrigen Texten ab and ich gebe hier die wichtigeren Fälle. 
204,24 wol geneset. 204,12 a^der delk^n sin schalde. 207,31 
do der herre Eneas. 267,36 entgalt (mch ers. 240,19 anz 
an (bis an G H). 240,38 helide die da« 242,21 ensprach. 
242,23 in daz. 242,24 des ir. 242,29 bieten. 242,39 geschehen. 
243,15,17 enheinen. 243,18 herre. 260,28 din wol wert. 
260,30 da tasent stant. 260,36 ^chennest. 261,4 rechter 
8olt 261,23 ob erz. 261,33 dehein. 262,4 weder ich tno. 
262,23 begarwe. 262,40 denne. 263,18 erforhte.. 263,34 ze 



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474 Siiiung der pJUhi.-pKM, Clame vom 7. Deamher 1867. 

allem Dinge i. 263,40 da vorn. Wir haben in den Meraner 
Fragmenten somit einen Text, der der Mündmer Handschrift 
an Alter vorangeht, ja yielleicht dieser %l8 Vorlage gedient 
hat, und ein neuer Herausgeber der Eneide wird desshalb 
auf unsere Fragmente inmier vorzugsweise Rubksidit nehmen 
müssen. Zum Schlüsse theilen wir dne diplomatisch genaue 
Abschrift mit. (Was oarsiy eingesetzt ist, hat Herr Hofoaann sp&ter 
gefanden.) A. d. R. 

(= Ettmüller 204,17—205,32.) 

. ..... fliehen 1* 

y nt . . . lieben ziehen 

d iv wol . . . denden swert, 
20 ob ir des libes iht gert, 

vnt slaht, die iuch wellent. 

daz dvnchet mich baz getan, 

daz ir g&te knehte weset 

ynt mit eren wol geneset 
26 ynt r&m erwerbet, 

. . . . sdianden sterbet. 

Do sp'oh aber Pallas, 

wann er ein helt was: 

„ich wil . . • . verzaget 
30 der ivch da her hat geiaget, "* 

ich wil des g^dingen 

vnt Wil in dar z& bringen, 

daz ers niht me ent& . 

.... wider sten nfi, 
35 

den andern^ lege . . . 
(Lücke yon Vers 87-^205,8.) 

getorste 1** 

5 • . . • ebenmazzen 
..... lazzen, 



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Zmgerk: S^w Eneide Hemriehs von Vddekm. 476 

Do sagte im Pallas 

. . rehte, wer er was 

vnt daz er im waere gram 
10 vnt daz er durch daz dar qvam, 

daz er im schaden wolde, 

dyroh ander dehein^ sin [dorchstr.] schvlde. 

daz was Tymo vil zom, 

daz ors r&rt er mit den sporn. 
15 alse tet ouch Pallas . 

daz sine vil snel was • 

er wolte im niht entwichen. 

si liezzen dare strichen, 

die zwene degen riche 
20 . fhten sich riterliche 

. w . he . geliehen 

si griifen • . den swerten, 

des si sere gerten. 

die helde vil milte 
25 zerhiewen die schüde 

ze spaenen vil chleine. 

si zwene waren da eine, 

daz niem da bi in was . 

do slfich der herre Pallas 
30 • • • einen solhen slach^ 
• r nider ladi. . 
• innen . 

dannnochReime . • . erte ...ch... Ifieft 
(= Ettmüller 206,9-208,5.) 

der maere helt lyssam 1* 

10 yf diy knie ar nider qyam 

yor Pallas an den sant. 

daz swert behielt er in der hant, 

er moht deheinen slach er zien. 

alda stynt er yf knieb, 



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476 Sitzung der phOoß.-phM. Ckme wm 7. Ik§mber 1867, 

15 er het sich gerne erwert, 
' er stacli Pallas daz swert 

ynder dem halsp-ge in den lip, 

so daz er im lant mt wip 

immer me mit fride liei: 
20 toten er in der nider stieE« 

Do lach der herre Pallaa erslagen, 

den sine frivnt wol m&sen chlagen, 

daz er also veige was, 

der ivnge kfinich Pallas. 
25 d was der iamer vil groi^ 

daz er des Tbele ginoz, 

daz er dvrch ere dar q?am. 

der maere helt Ivssam, 

ez was ein vil ybel zit, 
30 eme was in st&rm noch in strit 

da bevor nie chomen e 

noch getet sint nimmer me« 

dennoch was ez im ze M. 

er greif vil manlichen su 
35 der helt vnbescholten. 

er hete sich vergolten 

da bevor allen d . 

daz er mit ... 

wan er het . . . 

h vndert m • 
207 daz half in . . 

wan daz man 

vnt div < . 

waere er m . . 
5 d az al verswi^^e» waere 



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ZingerU: Zur Eneide Heinrichs von Veldeken, 



477 



D . . 

10 daz . . 

vnt , . 

ein . . 

den . . 

daz . . 

15 dvr . . 

dvr . . 

daz . . 

ez . • 

vnt . . 

20 mit . . 

daz was ein sma . . . 
Tvrn^der helt chfine 
Tergaz sin selbes sere dar ane. 
e danne er eher . . dane, 
25 abe dem vinger . ^r. im nam, 
daz im sit ze ynstatten gva. 
er tet ovch bösliche 
Tvrnus der riebe 
vnt harte sinen giwalt, 
30 des er sit yil sere engalt, 
do der herre Eneas 
sin so giwaltlich was, 
daz 6r wol ginesen mohte sin, 
nivwan dvroh daz vingerlin 
35 daz er in darvmbe slfioh. 
damit engalt oueh ers gin&ch. 
Do TvmYs da mit vmbe giench 
. sin dinch ane viench, 
. im selben geviel, . 
. was da bi in eime kiel . 
208 . . schytze mit eine pogen. 

• schoz Tvmü den herzogen 
[1867. IL 4.] 



82 



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478 Sitzung der philos.-phOol. Ckuae vom T, Desmber 1867. 

. . den halsp'ch in die sit . . 
. . elben ze vbeln zite . . , 
5 . • erz mit dem Übe g . • • 
U. 
(= Ettmüller 240,15-244,10.) 
15 ze Lavrent hin wider 2* 

do gelag ir vil da nider 
erstochen und erslagen. 
also liezzen si sich iagen 
yaste vnze an daz wichfis 

do sprancte s 

(Lücke von Vers 20—31.) 
. michel gedranch 
. witen gevilde. 
hiwen si die Schilde 
35 . . helme g&te 

• von dem bl&te 
. ne gras al rot. 
die helide, die da lagen tot, 
die waren ynzalhaft. 
starche Gamille da yaht, 
241 wan siz wol torste git&n. 
do was de riter Darcvn 
ein harte hobsch Troian 
vnt ein riter wol getan, 
5 hofsch vnt g&tes willen, 
er sp'ch ze fröwen Camillen 
ein teil smäeheliche 
Dorcon der riche: 
„waz meinet daz, fröwe maget, 



10 



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ZingerU: Zur Eneiäe Heinrieha von Vddekmk 479 

ich waene ez ubd ende ... 2"* 

15 daz ir svs gerne stritet 

vnt staetichlichen ritet. 

ich sage iv waerlichen daz, 

ein ander stvrm zaeme iv baz, 

waere daz irs pflaeget 

daz ir . . . laeget 

(Lücke von Vers 20—80.) 

242 Darcvn eweich do stille. 
de rfirte frowe Camille 
d az ors vaste mit den sporn, 
selbe räch si ir zorn 
5 den ir Darcon sprach, 
d vrch den lip si in stach 
daz er schiere tot lach, 
ein sin neve daz gesach 
der was geheizzen Flemin. 
(Lücke von Vers 10—15.) 



15 har 

, . de einiv giwar 

. . . Tarpite, 

diu het in deiti strite 

riterschefte vil getan. 
20 8 i stach den einen troian, 

daz er nimmer me wort ensp'ch. 

Camille den andern stach, 

daz er tot viel in daz gras. 

si sp'ch, des ir ze mfite was 
25 ze dem riter Darcone. 

si grfizte in vnschone. 

si sprach: „nv lige hiel 

wie getorste dv mir ie 

boese* rede bieten? 
30 dyne darft mich niht mieten. 



82» 



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480 Sitzung der philös.'phtlol. Claase vom 7. Dezember 1867, 

s vs sol man chlaffaer waeren. 

ich mach harte wol enbörn 

diner phenninge. 

nv hastv din gedinge 
35 V ergolten mit dem lebene. 

nvne hast dv niht ze gebene 

weder rede noch schaz. 

dv bist givarn in gotes haz. 

Do daz also geschehen was, 

do was ein riter, der hiez Arras 
243 mit den Trojanen da. 

Camiilen reit er al ze na 

verre allen den tach. 

der marchte vnt sach, 
5 wie si sluch vfi wie si stach, 

vnt wie si ir sper brach. 

vfi wie si ivstierte, 

vnt wie si pvngierte 

vnt wie riterliche sie sluch. 
10 



dajsf er 

15 eme hetes enheinen willen. 2* 

do ennam frov Camille 

enheiner slahte war des. 

do reit der herre Chores, 

der Trojaere priester 
20 V nt ir .e meister, 

vnt was doch riter vil g&t 

vnt hete manlichen mut. 

vfi chfinde wol an riterschaft. 

groz was sin giaelleschaft 



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Zingerle: Zur Eneide Heinrichs von Yeldeken, 481 

25 riter vnt schvtzen. 

er chvnde wol ginvtzen 

beidiv buch vnt swert. 

daz ross was manges pfvAdes wert, 

da der helt vflfe saz. 
■ 30 e r was gewafifent baz 

danne lernen da waere 

vnder den troiaere 

ode in andere site 

in allen dem strite. 
%b ze den selben stvnden 

hjet er vf gibvnden 

einen heim schoene y& so lieht, 

d . . . man vns niet, 

daz er mohte bezzer sin. 

ze Oberst stunt ein rvbin 
244 vnt al vmbe an der liste 

Smaragde un amatiste 

vfi vor an dem nasebant 

ein granat iochant, 
5 gin&ch groz vnt g&t, 

dvrchlvhtet rot sam ein bl&t. 

er ivhte engegen dem tage. 

waz mag ich iv me sage? 

d iv kuniginne Gamille 



10 



m. 

(= EttmüUer 260,13—264,7.) 

. . . was div 

eins abendes spate 3* 

in ir chemenate . 
15 ir tohter si fvr sich nam, 
ein frowen lussam. 



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482 aiigung der phOoa.-phüol, Glosse vom 7. Dezember 1867. 

einer rede si begvnne, 

die si vil wol chfinde, 

mit micheltn sinne. 
20 do sp'ch dir kvnneginne: 

„schoeniv Lavine, 

liebiv tohter mine, 

ny mag ez lihte so chomen, 

daz dir din vater hat ginom 
25 michel gut vnt ere. 

Tvrnvs der helt here, 

der diner minnen starche gert, 

d er ist din Wol wert. 

daz ist mir wol chvnt 
30 vfi waerest dv tfisent stvnt 

als schoene vfi als g&t, 

80 ... st dv wol dinen m&t 

gerne slu in che . . . 

ich gan dir wol aller eren 
35 vnt wil daz dy in minnest 

vnt daz dv wol erchennest, 

daz er ein edel fvrste is. 

darvmbe warn ich dich des 

vmbe den helt Ivssam 

vnt wis Eneäse gram, 
261 dem unsaeligen Trojan, 

der in ze tode wil erslan, 

den, der dir ist von hercen holt. 

dar zfi hastv rehten solt, 
5 daz dv im vngenaedich sis 

vfi im deheine wis 

(Lü<*6 von Ver« 7—11.) 

vfi wil erben 3* 

dines väter riohe . 

ob dv saelichliche 



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ZmgerU: Zur Eneide Heinrieha wm VMekm. 483 

15 vfi wol wellest tfin, 

tohter 80 minne TvrBvm." 

wamit 8ol ich in minnen? 

„mit dem hercen vfi mit den sinnen/' 

Bol ich im denne min herce geben? 
20 „ia dv/' wie sol ich denne gileben? 

„dvne solt ez im so geben niht/' 

waz ob ez nimmer geschiht? 

„vfi waz, tohter, ob erz tfit?" 

f rowe, mie mohte ich minen m&t 
25 an einen man gecheren? 

„div minne sol dichz leren'' 

dvrch got, wer ist div minne? 

„si ist von anegenge 

gewaltlich vb" die werlt al 
30 vnt immer me wesen sal 

vnze an den ivngisten tach, 

daz ir niemen enmach 

dehein wis widerstan, 

wan si ist so gitan, 
35 daz mans enhoeret noch ensiht" 

f rowe, der erchenne ich niht 

„dv solt si bechennen noch/' 

wan mvgt irs erbeitten doch. 

ich erbeitte es gerne, ob ich mach. 

„lihte gilebe ich noch den tach, 
868 daz dv vngebetea minnest. 

Bwenne du beginnest, 

dir wirt vil liebe darz&/' 

ich enweiz, fröwe, weder ich tu 

6 dv mäht . . wesen gewis'' 
(Lücke von Vers 6—10.) 

80 gitan 

daz ez rehte nieman 3* 

den andern gewisen chan. 



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484 Sitzung der phüo8,'phüol. Claaae vom 7, Dezember 1867. 

dem Bin herce so stet, 

daz 81 drin nine get, 
15 der so steinliche lebet: 

swer aber ir rehte entswebet 

vnt zö ir cheret, 

vil si in des leret, 

daz im e was ynchvnt. 
20 si machet in schiere wünt, 

ez si man ode wip, 

si begrififent im den lip 

vfi die sinne begarwe ' 

vS selwent im die farwe 
25 mit vil grozzer gewalt. 

si machet in vil diche ehalt. 

solich sint ir waffen 

si benimt im daz slaffen 

vfi ezzen vn trieben. 
30 si leret in ge(|enchen 

vil misliche. 

niemen ist so riebe, 

der sich ir mvge erwern 

ode sin herce von ir ginern 
35 noch enchan noch enmach. 

nv ist des vil manich tach, 

daz ich nie so vil dar abe gisp'ch^^ 

fröwe ist denne minne vngimach?'* 
268 „nein si, niwan nahen bi.^' • 

ich waene, daz si stercher si, 

denne div suht ode daz fieber. 

si waeren mir beidiv lieber, 
5 wan man . . . dem sweizee 

minne tut ehalt ufi heieze 

der denne . . . tage rite. 
(Lücke von Vers 8=13.) 



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Zingerie: Zur Eneide Heinrichs von Vddeken. 485 

. ... . mich mvzze 3* 

15 . en ynt vermiden. 

wie solt ich die not . . erliden? 

Div m&ter aber wider sp^ch: 

„niht enfvrhte daz vngemach, 

merche wie ich dir besdieide: 
20 michel liep chymt von leide, 

räwe chymt nach vngimache. 

daz ist ein trostHch sache. 

gemach chvmt von der arbeit 

diche ze grozzer staeticheit. 
25 von röwe chvmt wfinne 

vnt frovde manger chynne. 

tr&ren machet hohen m&t, 

div angest machet die staete gfit. 

d az ist der minne zeichen : 
30 lieht varwe chvmt nach der bleichen, 

div vorhte git guten trost, 

. . . re . . . erlost. 

daa darben int daz herce riebe. 

z e disem dinge ieslidie 
35 hat div minne solhe b&zze.'' 

si ist aber von erst vil vnsuzze, 

e div senfticheit mäge chom". * 

„t ohter, dv erchennest ir niht ze from* 

Si sfinet selbe den zom^' 

div qvale ist ze groz da vorn. 
264 „si t&t diche vnder st&nden, 

daz si heilet die wänden 

ane salben vfi ane tranch.*' 

div arbeit ist aber e vil lanch. 
5 „t ohter, daz stet an ds gelfich, 

so man geqvilt ein l^nch stfich 

vn mit arbeiten gilept 



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486 SiUfung der phüoB.-phOol. Olam vom 7, De$mber 1867, 



Herr Hofmann legt vor: 
„Eine Anzahl altfranzösischer lyrischer Ge- 
dichte aus dem Berner Codex 389". 

Ich gebe hier den yorläofigen Schluss meiner Mittheil- 
ungen aus dem Bemer altfranz. Codex 389, dem ich die 
vor zwei Jahren publicu*ten 20 Pastourelles entnommen habe. 
Noch mehr Stoff liegt im Pulte und soll seiner Zeit verar- 
beitet werden. Aber, dass ich es hier schon sage, dieser 
grosse Trouverecodex, die Perle der kleinen, aber unschätz- 
baren Bongarsischen Sammlung, verdient vollständige und 
baldige Herausgabe. Er ist für die altfranzösische Lyrik 
der klassischen Zeit, was der Manessische Codex für die 
Minnesinger, eine Quelle, die, wenn auch der grossen Masse 
wegen nicht immer an Reinheit, so doch an Reichheit alle 
andern weit übertrifft. Was ich hier gegeben, was W. 
Wackemagel in den Altfranzösischen Liedern u'nd 
Leichen (Basel 1846) mitgeüieilt, ist doch nur ein klein- 
ster Theil dieser einzigen burgundischen Liederhandschrift» 
deren Fülle man am besten aus dem Verzeichnisse aller 
Liederanfänge ersehen kann, die mein Freund Paulin Paris 
dem VI. Bande seiner Manuscrits frangois de la Bibliotheque 
du Roi S. 48 — 100 beigegeben, und das, nebenbei gesagt, 
die beste existirende Vorarbeit für das Studium der Trou- 
veres, wie sein Romancero fran^ois (Paris 1833) noch immer 
die wichtigste Publication lyrischer Texte ist. ^ Mehrere Ver- 
besserungen sind mit Cursiv gleich in den Text au^eDomiaea. 

L 

C. Bern. 389. f. 2'. 

Jeus partis. Cunes de Betunes. (was offenbar falsch ist.) 

1 Amis Bertrans, dites moy le millor 
d'un jeu partit, de vos le veul oir: 



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Hofinann: AUfrcmösüche CMiiMe, 487 

ki de s'amie anroit eü Tamor 

et parlement de li a son plaisir, 

et c'elle adonc sens forfait s'en partoit 

por autre ameir et pues paix refaisoit 

por lui tenir de samblant sens plux mais, 

li keis valt muelz, tous jors guerre, ou teil paix? 

Sires Guichairs, saichies^ ceste dolor, 

ke je V08 oi resconteir et jehir, 

ont autre fois eü tost [1. tuit] li pluxor. 

scYent Yoit on ceste chose avenir, 

teil dtoie lait son boen amin seus droit, 

ke s'en repent, quant eile s'en persoit. 

gaerre en amors n'est prous, por ceu m'en tais. 

la paix yalt muels, seryir a caer verai. 

Amis Bertrans, li cuers urais [1. verais], por yoir, 

est per tout bons, ceu sai certaiDnement, 

et eil est fols selonc le mien savoir, 

ke fauce dame aimme a son essiant, 

ke bien saveis, k'en reprovier dist on, 

ke leires est li compans a lairon, 

crt eil est folz et fait gabeir de lui, 

c'on sert de bordes et on festoie autrui. 

Sire Guichart, or puet en bien savoir, 
ke Yos d'amors savois pouc ou noiant; 
car je yeul muelz toz jors de li avoir 
k'elle m' esgairce bien debonairement 
a bei semblant et a douce raixofi, 
c'ayoir a li mellee ne tenson. 
soffrirs atrait amors, certains mi sui, 
et orguels fait a mainte gens anui. 



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488 Sitzung der phüos.-philol. Claase vom 7. Dezember 1867. 

5 Amis Bertrans, vostre sens n'est pais grans, 
ou on vos ait, espoir, en vaia chargie, 

ke tout prandreis a greit com peneans. 
aiDS ne vi home de si pou apaier; 
quant d'iin samblant et d'uu trespovre ris 
Yos puet tenir, trop estes vrais amis. 
celui eembleis, cui on tolt son chaistel, 
ke pues en prent decoste. 1. bei juel. 

6 Sires Guichairs, jai nulz saiges amans 
ne me tanrait por ceu mal afaitie, 

86 j^en greit pran doulz mos et biaul [1. biauls] semblantz 

ains ke tot laisse, se seroit malvoistie. 

aincor valt muelz avoir, ce m'est avis, 

pou, ke mans [1. rians], car de ceu seux toz fi8, 

ke per dousor fait on savaige oxel 

saige et priveit et guerpir son rivel. (riuel) = Wildheit, 

rebellion) 
per deu, Bertran, vos permenteis molt bei; 
mais n'i aurai avant [1. auan] talent novel. 

IL 

C. Bern. 389 fP, 3. r^ 
Jugemans d'amors. (Von GiUebert de Berneville nach Paris.) 

1 Amors, je vos requier et pri, 
ke vos me faites jugement 
d'une amie et de son amin 
ki entreameit s'ont longuement 
des pues k'il furent jovencel, 
or sont si grant, ke del donsei 
alt on piece ait fait chevelier, 
et c'est prous, mais j'o tesmoignier, 
ke il ne poroit barbe avoir. 
puet I'amor dureir ne valoir? 



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Hofmann: Ältfraneösische Gedichte, 489 

2 „Guillebert, por verteit vos di, 
ke la chose est si faitement, 

ke^ pues ke Tuns Tautre ait choisi, 
je veal, k'il aince loiaulmant. 
quant il est [1'] un et l'autre bei 
Pamor ferme de mon saiel, 
et quant li dui euer s'entr'ont chier, 
je les veul ensemble laissier. 
eil iront outre mon voloir, 
ki les en voront removoir." 

3 Amors, se ne doutoie si 
vostre ire et vostre maltalent, 
jai auries la tenson a mi, 
quant obeissies a teil gent. 
ne sont digne d'avoir juel, 

k'a dame seit, nes .1. chaippel, 

ne de roze ne d'auglentier [1. aiglentier] 

ne lor devroit dame baillier, 

et Celle ferait grant savoir, 

86 celui met en nonchaloir. 

4 „Gillebers, por vostre mercil 
pairleis un pouc pluz bellement. 
tuit ne sont mie si joli 

com vos estes, mien esciant. 

s'une dame aimme .1. garsencel, 

se li semble il peirs de chaistel, 

lai fais je mon droit avancier 

et ma signorie enforcier, 

ke pues c'on aimme ou blanc ou noir, 

tuit semble [= semblent] boen, si com je croy." 

5 Amors, je croy et sai de fi, • 
k'elle n'ait desir ne talent 



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490 Sitzung der phüosrphüol, Glosse vom 7. Dezember 1667. 

ne euer, ki puist ameir celui 

per enfance a comancement. 

sens tricherie ou sans rivel 

on ne poroit .1. sac [1. secj paxel (= paxillas pr. paisselli 

P&hl) 
faii*e florir ne verdoier; 
niant plux puet montiplier 
l'amor de lui, je V sai de Yoir, 
ne il ne doit amie avoir. 

6 „Gillebers, vos parieis ensi 
com uns hom sens entendement. 
se j'avoie celui trai 

et vers lui ovreit faucement, 
je sembleroie lou rainxel 
ki se ploie a chascun oixel, . 
B^en feroie moins a proixier. 
TOB me Yoleis mal consilier, 
b! com je croi a mien espoir. 
querons, ki nos en die voir." 

7 Amors, la contesse en apel, 

se nuls hom, ki ait teil musel, 
doit per amors dame enbraiscier. 
chaistelains, veireis moy aidier! 
de Biaume, tost fereis paroir 
lou droit et le tort encheoir. 



m. 



C. Bern. 289. f9. 11, V>. 



1 An .1. florit 
vergier jolit 

Tautf^ jor m'en entroie. 
dame choisi 



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Hofmatm: Mifiranzöa%$ehe Gedichte. 491 



leis 80Q mari 
ki forment la chaistoie, 
se li ait dit: 
„vilains floris," 
la dame simple et coie, 
, j'ai bei amin 
coente et joli 
a cai mes cuers s'otroie. 
ne soies de mois jalous, 
maix altis vostre voie; 
car, per dea! ?os sereis coas, 
por riens ne m'en tenroie/' 
„C'est grans folors 
et desonors, 
dame, ke m'ayeis ^te; 
car Yostre amor 
aveis mis tout 
dou tont en yostre eslite. 
jai en nnl jor 
n'en serez [1. vos] 
certes per moi despite; 
maix des plasors 
et des millors 
en sereis vos desdite. 
et se je 'pois, per mon chief 1 
TOS n'en sereis pais kite, 
mavaixe robe en aureis 
et livrexon petite." 
Vilains bossus 
et malestros 

et toz plains de graipaille, 
708 croUeis toas, 
reposeis yoos, 
seeis sus vostre celle. 



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492 Sitzung der phüos.'phüol. Classe vom 7. Dezember 1867. 

je ne quier maix 

avoir per vos 

ne sorcot ne cotelle. 

vezsi le dous tens ou vient, 

ke renverdist la pree, 

s'irons moi et mon ami 

coillir la flor novelle." 

IV. 

C. Bern. 389. f>- 30 v«. 

Blondelz. 

1 Bien c'est amors trichie, 
quant eile m'ait ocis, 

ki m'ait fait sens amie 
ameir tant com fui vis. 
mors ßui, se m'est avis, 
por ceu ke je n'ain mie 
ne jaimaix en ma vie 
ne serai fins amis. 

2 La joie m'est faillie, 
ke m'ait faite toz dis 
amors per tricherie, 
ke tout avoit conquis. 
laisl je m'estoie mis 
dou tout en sa baillie; 
er c'est de moy partie, 
ja maix ne serai pris. 

3 Pris? je per coy seroie, 
quant je sui eschaipeis? 
ne sai maix teil folie, 
ke pues revient aisseis 
lai, dont il est greveis. 



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Hofmann: JJtfranzösische Gedichte, 493 

denst se jeu seu faissoie, 
plux douce mort auroie; 
maix trop m'en sui blaimeis. 

4 Je m'en repcntiroie, 
se j'estoie eschaipeis. 
per foit, ke je parloie, 
com hom desespereis. 
amors, cor m'ocieisl 
certes, je le voldroie, 
la force n'est pais moie 
yers tos, bien lou saveis. 

5 Dame, cest donls martyre 
doi je bien endareir, 

ne jaimaix nostxe sire 
ne me puist amandeir, 
se je m'en quier oster. 
se me devies occire, 
je ne pnis pais elire 
millor mort ne trouveir. 

6 D'amors ne sai ke dire; 
^qaant muels i veul penseir, 

Tune hoore me fait rire, 
r^atre me fait ploreir. 
jai ne m'en doit blasmeir, 
maix malz talens et ire 
me fait dire et desdire 
et folement pairleir. 

V. 

C. Born. 889. f. 81. i^. 

1 Bels m'est Tans en may, qnant voi lou tens florir, 

ozel chantent doucement a Tenserir. 

[1867.IL4.[ 33 



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494 Sitzung der philos.'phüol. Glosse vom 7. Dezember 1867. 

toute nuit veil et tressaul, ne puis dormir, 

car a cen [1. ceu] ni'estuet penseir ke plux desir. 

molt hei ina vie, 
s'a teil tort me fait morir 
Dia douce amie. 



Lais, poT coy me fait la belle 
quaDt del tout seux atorneis 
je ne veul ne se ne puis 
car ne puis de mes dolors 

molt hei ma vie 
s'a teil tort me fait morir 
ma douce amie. 



mal sentir, 
a li servil? 
de li partir,' 
sens li guerir. 



3 Nuls ne seit, a keil dolor je m'en consir; 
ains ne li osai mon euer del tout gehir. 
siens seux et fui et serai sans repentir, 
tous jors veul lou sien Service maintenir. 

molt hei ma vie 
s'a teil tort me fait morir 
ma douce amie. 

4 Deuxj com sont en grant doutance de faillir 



eil ki aimme de boin euer 
losenjor, ke por noient 
fönt bone auior remenoir 

molt hei ma vie 
s'a teil tort me fait morir 
ma douce amie. 



et sans trai'rl 
suellent mentir, 
et depairtir. 



5 Nuls ne puct de fauce amor a bien venir, 

car chascuus veult pouc ameir et bien joiir. 

li malvaix fönt les cortois avelenir, 



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Hofmann: AUfranzösische Gedichte. 495 

dqIs ne seit maix cui ameir ne cui servir. 

molt hei ma yie 
s'a teil tort me fait morir 
ma donce amie. 

Tresor veul ma retrowange defineir [I. definir], 

Gontier pri molt k'il la chant et faice oir. 

QU pascor, quant on vairait lou bruel florir, 

cheveKer la chanteront per esbaudir. 

or aim ma vie; 

car del tout m'ait afieit 

ma douce amie. 

VI. 

C. Bern. 889. f>. 68 r». 

Kreuzlied ohne Bezeidmmig. 

Douce dame cui j'ain en bone foi, 

de loiaul euer sens jamaix arier traire, 

mercit, dame^ a mains jointes vos proi. 

se seux croixies, ne vos doie desplaire; 

desoremaix ai talent de bien faire, 

aleir m^en veul a glorious tornoi 

outre la meir, ou. la gent sont sens foi, 

ke Ihucrist firent taut de mal traire. 

„Biauls dous amis, certes, se poise moi, 
ains maix mes cuers ne fut si a mesaixe, 
c^outre la meir vos en irois sens moi, 
j'amaixe muels tous jors vestir la haire; 
maix pues k'il veult a deu et a vos plaire, 
je ne veul pais k'il remaigne por moi. 
a mains jointes a la meire deu proi, 
ke TOS ramoinst et vos laist grant bien faire/^ 

Molt me mervoil, se del sen ne mervoi, 
quant je dirai : „a deu jusc'a repaire,'' 
a ma dame, ke taut ait fait por moi, 

83* 



Digitized*y VjOOQ IC 



496 Sitzung der phüos.-phüol. CUisse vom 7, Dezember 1867. 

ke loa dime n'en sauroie retraire; 

maix nals ne puet trop por damedeu faire. 

quant me menbre, que il morit per moi, 

tant ai en lui de pitiet et de foy^ 

riens, ke je laisse [1. lais], ne me poroit mal faire. 

vn. 

C. Bern, 389. f>. 69. ^. 
Li cuens de Cousit. (fehlt bei P. Paris.) 

1 De jolit euer enamoreit 
chansonete comencerai, 

por savoir, sMl vanroit a greit 
celi, dont jai ne pertirai, 
ains serai en sa volenteit. 
jai tant ne m'i aurait greveit, 
ke ne me truist amin verai. 

2 Quant son gent cors et son vis cleir 
et sa grant yalour acoentai, 

lors la trovai si a mon greit, 
ke toute autre amor obliai; 
si ne fut pais por ma santeit, 
aincois cuit bien tout mon aie 
languir, ke jai ne li dirai. 

3 Baixons me blaime durement 
et dist, ke ne Tai pais creü, 
quant d'ameir si tres hautement 
ai trop mavaiz consoil eü; 

maix pities ki le [1. les] vrais amans 

fait estre iries li6s et Joians, 

et [1. ce] dist, c'ancor m'estrait rando« 

4 Dame, se j'ain plux hautement. 
ke mestiers ne me seit eü, 



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Eofmann\ AJtfranzösiscTie Oediehte. 497 

la grant bialteis, c'a vos apent, 
ait si mon couraige meü, 
86 vos pri mercit doacement. 



vm. 

Cod. Bern. 389. f^ 69 v<>. (alte Foliinmg 71). 
Adefrois li baistairs. 

Ed novel tens pascour ke Aorist Taube espine, 
espousoit li coeDS Gnis la bien faite Aglentine. 
tant jnrent doucement brais a brais soz cortine 
ke .VI. biaus fils en ot, pues li moustrait harne 
por ceu ke muels amait sa pncelle Sabine. 

ke covant ait a mal marit, 

trop sovent voit son euer marrit. 

Li coens por sa biateit l'ama tant et tint chiere, 
ke de li ne se pot partir ne traire ariere. 
tant li semont ces caers ke s'amor li reqniere, 
ke per devant li vient por faire sa proiere. 
ke covant ait a mal marit etc. 

„Sabine, fait li coens, vostre amor m'atalente, 
la vostre vös requier, la moie vos presente; 
et se vos me faillies, mis m'aveis en tormente.'^ 
et. la belle respont: ,Jai deus ne le consente, 
k'en soignantaige soit usee ma juvente.'^ 
ke covant ait a mal marit etc. 

,,Sabine, dist li coens, tant vos voi debonaire, 
ke de vos ne me puis partir ne arrier traire, 
et se vos me voleis et mes boens voleis faire, 
n'ait home en mon pooir, s'il en voloit retraire 
malvaix mot, ke les euls ne li feisse traire." 
ki covant ait etc. 



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498 Sitzung der phüos.-philöl. Glosse vom 7. Dezember 1867, 

5 Tant ait li coens doneit et promis a la belle, 
ke il li ait tolut le douls nom de pucelle, 
toutes ces volenteis fait de la damoiselle. 
Aglente s'en persoit, son seiguor en apelle, 

por pouG ke ne li pairt li cuers sous la mamelle. 
ki covant ait a mal etc. 

6 La dame en sospirant ait monstreit son coraige: 
„sire, por den mercil trop m'aveis en yiltaige, 
ke devant moi teneis amie en soignointaige; 

se me mervoil coment me faites teil hontaige, 
car onkes en moi n'ot folie ne outraige." 
ki covant etc. 

7 „Aglente, bien aveis vostre raixon moustree. 
8or les euls yos comant ke veudies ma contree 
et gairdeis ke n'i soit seüe la rentree; 

car raaintenant seroit la vostre vie outraie." 
ki covent ait a mal marit etc. 

8 Aglente c'est en pies, vosist on non, drescie, 
en plorant prant congie, dolente et correcie, 
de ces enfans aidier a tous les barons prie, 
pues les baisse en plorant et il Tont embraissie. 
quant pertir Ten covient, a pouc n'est enraigie. 

ke covent ait a mal marit etc. 

9 La dame, a duel k'elle ot, est cheüe sovine. 
quant redrescier se pout, dolente s'achamine, 
del euer vait sospirant et de ploreir ne fine« 
les lairmes de son euer corrent de teil ravine 
ke ces bliaus en moille et ces mantels hermine. 

ke covant ait a mal mari, 

trop sovent voit son euer marrit. 



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Hofmann: Altfranzösische Gedichte, 499 

IX. 

C. Bern. 389 f>. 73. r^. 

1 E amerouse, belle de biaul semblant, 
deignies chanteir la chapson vostre amin 
ki angoissons et pensis et tramblans 

a euer dolaüt de vos se departi. 

bien me peüstes veoir esbahi, 

goant je vos dix: „male riens sens merci, 

n^a deu n'a sains vostre cors ne comans, 

ains vos demant ma mort et bien vos di, 

k'en grant torment m'aveis mis, mar vos vi." 

2 Laie moi chaitifl mar la vi voirement, 
mar la conu, mar m'i de1itai> si 

en remireir sod cleir vis bei et gent 
et ces vairs euls ke m'ont mort et trait. 
trop durement laissiet m'ont et saixit. 
quant en seux Ions, nulle houre ne m'obli, 
tous jors m'est vis k'elle me soit davant. 
dormant vaillant la reclam et depri, 
nes en sonjant son nom sovent escri. 

3 Li deus d'amors m'ait pris a lais coursour, 
88 ne li puis de son lais eschaipeir; 

maix tost auroit en ris tomeit mon plour, 
se per amors fait de celi ma peir, 
ke deus formait por cuers de gens embleir. 
nuls ne puet riens en li a droit blameir, 
tant i ait sen, cortoisie et valour. 
muels ain doloir por li en grief penseir, 
ke d'autre avoir lou desduit ne le greit. 

4 Dame plaixans, trop belle a pouc d'ator, 
molt vos avient a rire et a pairleir. 
vostro biaulteis voint roze et lis et flours, 



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500 Siteung der phüos.-pMlol. Glosse vom 7. Deeeniber 1867. 

ne je m'en puis recroire ne laissier 
de TOS samblans amerous recordeir 
ne des biaus euls ke tant peox compareir, 
k'en esgairdeir moi firent tant bei tour. 
plains de dousor les vi vers moi torneir, 
mil fois le jonr m'en covient sospireir. 

5 Je V08 ain, dame, et bien i ait por coy 
je doie estre vostre loiauls amins; 
car en yos sai trestous les biens et voi 
ke puissent estre en cors de dame aissis. 
gens cors, frans cuers, belle bouche et der vis, 
ki seroit dont vers vos faals ne faintis, 
tant eüst mal ne folie en soi? 
molt m'en coentoi, quant de vos seox sospris, 
k'en noble poent m'ait li deuz d'amors mis. 

X. 

C. Bern. 389. f>. 76. 
De nostre daime. 

1 Fins de euer et d'aigre talent 
veul un serventois comencier 
per loweir et regraicier 

la roi'ne dou firmament. 
de sa loenge et de son nom 
muevent tuit mi lai e mi son, 
ensi yeul useir mon juvent 
en li servir en boen espoir 
de tant, com j'aurai de savoir. 

2 Gabriel gloriousement 
alait ceste dame noDcier, 
k'en li se devoit herbegier 
et panre chameil vestement 



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Bofmann: Ältfranzösiache Gedichte. 501 

eil ki fist Adam purement. 
la virge, ke fat en frison, 
loa creit et fut errammant 
paroUe chairs, et consut Toir 
ki poissance ait a son voloir. 

Nes plux *ke li aire se mue, 
qaant on i giete an esprevier, 
ne moait eile a renchairgier 
ne a naistre de 8on enfant. 
yirge portait son enfanson, 
yirge le tint en son giron, 
virge li vit mort recevoir 
et yirge en paradix seoir. 

S'en ceste dame eüst noient, 
ke trop ne feist a preixier, 
jai dl, ki tont puet justicier, 
n'i fast enclos si longaement. 
mais, se tuit ierent Salemon^ 
home et oixel^ beste et poixon, 
et la loescent boneroent, 
ne porroient dire le voir 
de s'onor et de son pooir. 

Tres douce dame, a tos me rant. 

se TOS me voleis consillier, 

je n'ai gairde de perillier 

*)de ne^citeit [= pr. nesdetat] ne de torment. 

meire a Taignel, meire a lion 

meire a vrai [1. yerai] fil Salemon, 

meire, ou tres toas li biens resplant, 

meneis nos en vostre menoir, 

oa nals malvais ne paet menoir. 



*) HS. da nerdteit. 



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502 Sitzung der phüos.-pMol vom Gasse 7. Dezember 1867. 

XI. 

C. Bern. 889 ft 80 v^. 

Adefrois li baistars. 

1 Fine amor en esperance 
m'ait mis et doneit voloir 
de chanteir por aligence 
des mals, que me fait avoir 
Celle, ke bien ait pooir 
d'amenuisier ma grevence; 
maix paour ai et doutasce, 
ke per felon losengier 

ne me veuUe justicier. 

2 Tant me piaist sa contenence 
et ces gens cors a veoir 

et sa tresdonce semblance, 
ke veul en greit recevoir 
kan ke m'i ferait doloir, 
c'ades en ai remenbrance, 
ke biaus' servirs et soasirance 
fait fins amans avancier 
et sevoir croistre et haucier. 

3 Per sa tresdouce acoentance 
et per son bei defeevoir 

fist mes cners de moi sevrance 
et prist leis le sien menoir, 
tant li piaist a remenoir, 
k'il aimme la demonrance; 
maix ains n'i out retenance, 
ains crien orguel et dongier, 
ki me fait coloar chaingier. 

4 Sovent ai ire et pesence 
d'amors, ke tant suelt savoir. 



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Hofmarm: Alifranzösische Gedichte, 503 

or ai torneit en enfance. 
sa coeutixe et son savoir, 
guant ceaulz met en nonchaloir, 
ki por 11 ont mesestance, 
et ceauls done recovrauce, 
ki se poennent de boixier 
et de faulz cuers renvoixier. 

Dame debonaire et franche, 

bien me faites persevoir, 

ke fins cuers sens repentence 

ne m'i puet mais riens voloir [1. valoir]. 

Yostres seux, saichies de yoir, 

se per vos n'ai delivrance, 

coi je ne pois eslongier 

ne ma dolour aligier. [fehlt ein Vers.] 

\ Chancon, vai ramentevoir 
a la plux belle de France, 
de pair moi li fai moustrance, 
ke ne me sai revengier 
fors ke per mercit proier. 

XU. 

C. Bern. 889 f>. 87. 

C'est dott conte de Bair et d'Ooenin son ganre (nach P. 
Paris le conte Henri de Bar). 

Gantiers, ki de France veneis 
et fostes aveuc ces barons, 
cor me dites, se vos saveis^ 
keilz est la lor entensions? 
dnrrait maix tous jors lor tensons, 
ke jai ne s vairons acordeis 
ne jai ne s vairont si melleis, 
ke percies en soit uns blasons? 



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504 SUsung der phüos.-phüol, Clasae vom 7. Dezember 1867, 

2 Pieres, se nostre coens Henris 
en est creüs et li Bretons, 

et li Bretons k^est si ozeis, 
et li sires des Borgignons, 
ansois ke paissent rouvexons, 
yaires Baicles si raüsseis, 
ke lors bobans serait mateis. 
jai rois ne lor iert guerixons. 

3 Gautiers, trop dure longuement 
eist meneciers et si valt poo, 
mal semble, k'il aient talent 
d'ous Yengier, si ont il per foit. 
chascun jor asembleis les voy 
de loing venir atout grant gent» 
bien perdent honor et argent, 
quant il ne fönt ne ceu ne coi« 

4 Pieres, on ait yeüt sovent 
mesayenir per grant desroi. 
honor ont fait a esdant 

et li chardenal et li roi, 
ki les ait moneis en besloi 
per lou consoil dame Hersant; 
desore irait la paille ayant, 
ceu puet chascons penseir de soy. 

5 Gautier, je ne m'i os fieir, 
trop les yoi lens a cest mestier. 
loa bei tens ont laissiet paisseir 
tant com doit ployoir et negier, 
et quant plux les yoi correoier 
et de la cort por mal tomeir, 
s'en fönt 11. ou 111. demoreir 
por truwe en coyert raloignier. 



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Bofmann: Altfranzösische Gedichte, 505 



Piere, ne fönt pais a blameir 
eil, ki en partirent premiers, 
Fains pues ne vorent demoreir, 
maix nostres coroneis ligiers 
per loa chardenal losengier, 
cui il n'oserent rien yeeir, 
et por cenls de blame geteir, 
firent la ferne an poa laissier. 

xm. 



Aidefroi. 
Kant je yoi et fuelle et flor 
colar maeir, 
c'oisilloz por la froidor 
n'osent chanteir, 
adonkes sospir et plor, 
car conforteir 
ne m^i sai, tant sent dolor 
por bien ameir, 

car soffiir ne pais sens morir 
cors, ki sent teil mal longaement, 
car la nait, qaant me despeal 
et dormir veul, 
sovent moil [HS. moal] 
mon lit, tant ploarent mi enl. 

Trop me piaist et nait et jor 
a remireir 

son gent cors et sa faisson 
et son yis cleir. 
6 laisl je caidai en li 
merdt trover. 
por coi j'apris la folor, 
ke je compeir. 
goant jehir 



C. Bern. 889 P. 115. V>. 



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506 Sitzung der phtlos.'phüol Classe vom 7. Dezember 1867, 

osai mon desir, 

folement a son bei cors gent, 

lors me heit et moustre orgael 

et mon acnel^ 

c'avoir suel, 

ai perdnty dont trop me duel. 

3 Son gent cors mar acoentai, 
ou faut mercis, 

sa biaulteit mar regardai^ 

por coy languis. 

grief poene et dolor entrai 

et asseis pis, 

et sai bien, jai n'en guerrai, 

ke bien m'est vis, 

k'en pensant sa chiere riant 

davant moi et nuit et jor voj. 

li tres bei eul de son front 

en mon euer sont 

et seront, 

je cuit, tant ke mort m'auront. 

4 De mo7 nul consoil ne sai, 
tant seux sospris, 

fors en vos belle, ke j'ai 

mon penseir mis. 

mercit tant vos proierai 

com serai vis, 

et bonement atandrai 

com fins amis; 

maix itant vos veul dire avent, 

se de moj pities ne vos prent, 

certes trestuit eil del mont 

vos blameront 

et tanront 

a cruel quant lou sauront. 



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Eofmarm: JltfratiMösische Gedichte, 507 

5 Mors seux, de mercit li pri, 
car certains sui, 
jai n'aurai de li 
confort de mon anai, 
car folement m'enbati 
lai ou ne dai, 
et a mon pooir choisi 
ceu, qu'iert autrui, 
dont movoir 
ne puis mon yoloir, 
ke piece ait retint et laissait 

mon euer per moi ostaigier. 
a comeucier 
ke laissier 
le peüsse de legier. 

XIV. 

C. Bern. 889. f>. 123. r». 

Cunes de Betunes (bei P. Paris Rom. fr. S. 89 fehlt die 
4. Strophe). 

1 L'autrier ua jor apres la saint Denise 
iere a Butunes, ou j'ai est ei sovent. 
remenbrait moi des gens de male guisse. 
ke m'ont sus mis mensonge a esciant, 
ke j'ai chanteit des dam es folement; 

mais il n'ont pais ma chanson bien aprise, 
k'ains n'en chantai fürs d'une soulement, 
ke me fist tant, ke vengence en fiit prise. ^ 

2 n n'est pas drois d^an home desconfire, 
se Yos dir^ bien la raixon, coroent: 

s'on prant per droit d'un lairon la justice, 
k'en afiert il a loiaul de noient? 
mant, per deu! ke raixon i entent; 
mais la raixon est si ariere mise. 



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508 Siteung der phüas.-phüol CZasse fxm 7. Detember 1867. 

ke ceu, c'on doit loweir, blaiment la gent 
et lowent ceu, ke li saige moins prisent. 

3 Dame, lonc tens ai fait vostre servixe. 
la mercit deul or n^en ai maix talent, 
c'une autre amor m'est el euer si asisse, 
ke tons li cors m'en alume et enprant 
et me'semont d'ameir si hautement. 

et j'amerai. ne puet estre autrement, 
k'en moy ne truis ne orguel ne faintixe, 
se me metrai del tout en p. sa] franchixe. 

4 En la millor del roiame de France, 
Toire del mont, metrai tont mon penseir; 
maix cen me fait sovent estre en doutance, 
ke sa yalor ne me taigne en vilteit. 

mais cen m'en ait mainte fois conforteit, 
k'el monde n^ait nnlle si grant fierteit, 
c^amors ne pnist plaissier per sa ponxanoe. 

XV. 

C. Bern. f>. 129. r^. 

Gavaron Grazelle (am Rande von anderer Hand als die ge- 
wöhnliche und unsicher ; es ist dieselbe Hand, welche die 
zwei letzten Zeilen beifügte). 

1 L'autrier lou premier jor de mai 
jueir m'alai dehors Parix 
con dl ki est en grant esmai 
d'une amor ou j'ai mon euer mis, 
s'oi' chanteir a haute voix • 

dame amerouse, se m'est vis: 
y^mes peires ne fut pais cortois, 
quant vilain me donait marit 



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Hcfmomn: ÄltfranzöaUche OeäichU. 509 

2 Si tost com la dame escoutai, 
vers li m^en voix et pues li diz: 
„daine, deus sault yo cors loa gaü 
k'aveis, porcoi ploreis ensi?" 

eile moi dist: „sire, per foil 
j'ai un vilain ki m'ait trait/^ 

3 „Dame, jai ne vos quier mentir, 
en moy ait lin euer amerous. 
loiaul de euer sens repentir, 
sens tricherie et sens folour 

vos servirai com fins amis/' 
„bianl sire, et je vos doing m'amor,' 
mes cuers vos est a bandon mis 
sens penseir nulle autre folour/' 

4 Tout mainteoant Talai saixir, 
si la jetai sor la verdor. 
trois fois li fix sens defaillir 
lou jeu c'on appelle d'amors. 
eile moi dist: „biaus douls amis, 
onkes mes maris a nul jor 

ne fist vers moi, je vos plevis, 
por coi deüst avoir m'amor.^' 

5 Per grant solaus, per grant deduit 
me dist la belle et per^^amor: 
„faites le moy aincor, amis/* 
lors rencomensai sens demor 

loa jea, k'elle m'avoit requis ; 
et g'i failli, s'en fui irous. 

6 Et eile dist: „sire, per foi! 
vos estes fols et jangleos. 

il £ait trop malvaix acoentier 
[l867.n.4.] 84 



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510 Siteung der phüas.-phUol. CUtsH vom 7. DeMember 1867. 

home ke si est vanteous. 

fueis de ci. faulz cuers faillisl 

je ne vos pris un yies taboar. 

honie soit dame de prix 

ke a yilain done s^amor/' 
dann folgt von anderer jüngerer Hand auf der leergeblie- 
benen Stelle der Zeile 

certes dame ne m^en chaut, 

qae ge en ai purtei la flour. 
was offenbar ein müssiger Zusatz ist. 

XVI. 

C. Bern. 389. f>. 139. V>. 
Anonym. 

1 Lors quant l'alaelle 
et la quaille crie, 
chante l'arondelle, 
la rose est florie, 
lab 1 dont sospir, 
ke plux desir 

la tresplax belle del mont 
sens mentir, 

mout me satelle [1. sauteile] 
li puers et oxelle, 
quant la cuit tenir. 
deux, k'en apelle, 
m'en doinst la novelle 
de joie a oir. 

2 Se mon fol couraige 
me convient a plaindre, 
si baie a outraige, 

n'i porai ataindre 
nes por morir. 



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Hofmann: Mtfranzösiache Gedichte. 511 

bien doi hair 
icelle raige 
ke me fait languir, 
et cest damaige 
k'ai per mon folaige, 
quant ne Tos jehir 
ne a messaige 
jor de mon eaige 
ii'ou ferai o'ir. 

Prieir la voloie, 

non ferai eiocore, 

k'aiseis tost anroie 

pix ke n'en ai ore; 

ains la remir 

a mes eols aisseis m'otroie 

Bon cors a sentir 

s'or la metoie de 8'amor envoie; 

bien sai sens mentir, 

k'iere sens joie avoir en poroie. 

muels m'en veul soa£Erir. 

Molt est debonaire, 

ceu me resconforte, 

bien me sait atraire 

ces cleirs vis ke porte. 

longae^ souffrir et esbaudir 

moy covient üaire. 

por gent signorir 

Ten ne vaut gaire, 

cui joie n'esclaire 

sens mal soustenir. 

n'en sai ke faire, 

tant ain son repaire. 

deox m'i doinst venir! 

84* 



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512 Sitzung der phHos.-phüöl. Gasse vom 7. Dezember 1867. 

5 Deuxl com dure vie 
est en moy enclose, 
cor ne 1 seit m'amie 
ne dire ne Pose, 
ke je m^esmai 
et si ne sai 
ke Celle pense, 
dont j'ai lou euer gai. 

molt me tortnente 

Celle k'est plus gente * 

ke la rose en mai. 
bone fiance 
i ai sens doutance, 
ke s'amor aurai. 

XVII. 

C. Bern. 389. f^. 151 j9. 

Robers de TEpiz a Maheus de Gan. (sie) Jeu parti. 

1 Maheus de Gans^ respondeis 
a moi com a vostre amin: 
chanoneä d'Ares sereis 

tot vo vivant per ensi, 

ke jai amie n'aurais 

awan; maix Q. ou] toute vo vie 

sereis sens la chanonie. 

dites lou keil vos prand^is. 

2 Robers, bien seux apenseis 
de respondre a jeu parti. 
prevendes et richeces [1. richeteis] 
ne tien je pais en despit; 

maix muels ameroie aisseis 
d'estre ameis la [1. ke] signorie. 



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Hafiiiann: Ältfranaösische Oediehte. 513 

ki ke lou tiengne a folie, 
iteille est ma yolenteis. 

Maheus, riches et moules 
fait boen estre, je 1 vos di, 
molt est eil bieneüreis 
ki est issus de merci. 
toas riches ameir poeis, 
ceu est trop d'ayoir amie. 
ki aimme sens tricherie, 
tout son sen ait oblieit. 

Robert, d'amors recreeis, 
pues c'aveis moible choisi. 
caers ki est enamoreis, 
doit tout ceu meitre en obli, 
et d^antre pairt bien Saveis, 
c'amors ait en sa baillie 
sen, honor et cortoixie, 
ke muelz valt k'estre renteis. 

Maheu, mal tos deffendeis, 
a muels prendre aveis failli. 
se d'amie est fais vos greis, 
jai pues, n'aureis euer joli. 
vos desirs est achieveis, 
ceaus recroit, ke maix ne prie. 
requise ne defifent mie, 
c'on aint trop, grant tort aveis. 

Robert, ains pues ke fui neis, 

si esbahit ne vos vi, 

ou la raixon n'entendeis. 

avoirs vos ait si sougit, 

ke jamaiz bien n'amereis. 

amors loiaul dru n'oblie, [HS. loiauls — oblieis] 



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514 Sitzung der phaos.-phiM. Gasse vom 7. Dezember 1867. 

ne ne veult, k'en velonnie 
chiece ne en poyreteit. 

7 Boutilliers, or i penseis, 
U keils ait millor partie, 
oa ricbes, ki merci krie 
sa dame, ou povres ameis. 
Coppin, lou keil muels loeis, 
on avoir sa druerie 
del toat sens mal acomplie, 
ou estre riches dameis? 



xvm. 

Anonym. 

1 Or cuidai yivre sens amors 
des or en paix tout mon aie, 
maiz retrait m'ait en la foloor 
mes cuers, dont l'avoie eschaipeit. 
enpris ai grignor folie 

ke li fols enfes, ki crie 
por la belle cstoile avoir, 
k'il Yoit hault el ciel seoir. 

2 Coment ke je me desespoir, 
bien m'ait amors gueridonei 
cea, ke je Tai a mon paoir 
servie sens desloiaulteit, 

ke roi m'ait fait de folie. 
se si gart bien, ki Q. s'i] fie, 
de si baut merite avoir. 

3 S' [1. N'] est mervelle, se je m'air 

vers amors [1. amor], ke si m'ait greveit. 



C. Bern. 889. f>. 17B. 



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Hofmann: AUfiraneoHsche Gedichte. 515 

deus! cor la poisse je tenir 

nn Bonl jor a ma volenteit; 

eile compairroit sa folie, 

si me faice deas ai'e! 

a morir la covenroit, 

ce ma dame ne m'ooit [HS. odt]. 

Haj, frans cuers! ke tani; covoit, 

ne beies a ma foleteit. 

bien sai, k'en vos ameir n'ai droit, 

B^amors ne m'i eilst doneit; 

maix efforcies fais folie, 

si com fiait neif ke vans goie, 

ke vait lai, ou il renpoent, 

si ke toijte et [zu tilgen] esmie et fraint. 

Dame, ou nuls biens ne souffraint, 
merci per franchise et per grei! 
pues k'en vos sont tuit mal estaint 
et tuit bien vif et alumey, 
cognoissies, dont la folie 
me yient, ke me tolt la vie? 
k'a riens n^oz faire damour 
B^a vos non de ma dolour. 

Chanson, ma belle folie 
me salue et se li prie, 
ke por deu et por s'onor 
n'ait jai enls de traätor, 
ke bien seivent li pluxor, 
ke Judas fist son signor. 



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516 Siteung der pMos.-phiM, ^Clasie vom 7, Dezember 1867. 

XIX. 

C. Bern 389. f>. 182. 

Le dachaise de Loraiane. 

1 Per maintes fois aurai estei requise, 
ke ne chantai ensi com je soloie, 
ke tant per seox aloignie de joie, 
ke je Yodroie estre maels entreprise. 

p. jai] a mien veul moroie en etail goisse 
com fist Celle, cui resembleir roldroie, 
Dido ke fut por Eneam occise. 

2 Biaus donls amins, tout a vostre devise 
ke ne fix jeu, tandis com vos avoiel 
gens vilainne, cui je tant redoutoie, 
m'ont si greyeit et si ariere mise, 
c'ains ne vos pou merir vostre servise. 
s' estre pooit, plux m'en repentiroie, 
c'Adam ne fast [1. fist] de la pome c'ot prise. 

3 Per den, amors! en grant dolor m'ait mise 
mort vilainne, ke tout le mont gueitoie. 
tolut m'aveis la riens ke plux amoie; 

or seox Fenix, laisse, soale et eschive, 
dont il n'est c'ons, si com on le devise. 
or veul doloir en leu de moneir joie, 
poene et travail iert maix ma rante asise. 

4 Ains por Forcen tant ne fist Anfelixe, 
com je por vos, amis, se vos ravoie; 
maix se n'iert jai, se aincois ne moroie, 
ne je ne puis morir en itel guisse, 
c'aincor me rait amors joie promise. 
maix a mien veul se m'en repentiroie, 

se por tant n'iert, c'aimors m'ait en jostice. 



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H^fmann: AHfrantösiachs Gedickte. 517 

XX. 

C. Bern. 889 R 190. 

Anonym. 

1 Per une matineie en mai 
por moi dedoire et' soolaicier 
a nne fontenelle alai, 

s'oi* chanteir en [un] vergier 

loa rosignor si doucement 

ke tous li caers d'amors m'e8i»*ent, 

et 86 vi leans consillier 

nne dame et nn chevelier. 

arrier me traiz seleement, 

ke ne lor yoloie anoier. 

2 Ensi com je m'en retomai 
per an estroitelet sentier, 
nne damoiselle trovai 
seant en Tonbre d'un rozier. 

lou Chief ot blond e loa cors gent, 
ans enls por traire caers de gent, 
boache bien faite por baissier. 
deasl ke la poroit enbraissier, 
et tenir nne a son talent, 
jamaiz de maels n'aarait mestier. 

3 Cortoisement la salaai, 

car molt me piaist a acoentier, 
et li dix: „belle, je serai 
Tostre amis de fin caer entier. 
a TOS m'otroi et doing et rent, 
faites Tostre comandement 
de moi com de vostre amin chier. 
mains jointes merctt tos reqoier, 



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518 



SiUung der phüos.-phäol Qasse vom 7. Dezember 1867. 



de voB ma grant honor atent, 
ke d'autre avoir ne la quier." 

4 „Certes, sire, de cest present 
V08 doi je savoir molt boen grei; 
maix uns autres a moi s'atent, 

et cui j'ai euer et cors donei, 
n'autre ke lui je u'amerai; , 
car si fin et franc le trovai 
et del tout a ma volenter, 
ke jai nul jor de mon ae 
de m'amor ne lou boiserai, 
ains li porterai loiaultei." 

5 „Belle, Pamor ke me souprant, 
vient de vostre fine biaultei, 

si me fait perleir folement. 
or me seit por deu perdone, 
ke ja maix ne vos proierai, 
ne jai jor ne me recroirai 
de vos ameir sens faucetei, 
aincor m'aies vos refnseit, 
et sai ke tout cest duel moinrai 
ke jai ne m'iert gueridonei." 

6 Quant yi ke n'en auroit [I. ne vauroit] noient 
li proiers, si la rant a dei. 

n^o gaires aleitjonguement 

fors c'un palis ou trespaissei 

et vers lou vergier resgairdai, 

et ?i la tresbelle a cors gai 

ke son amin ot acollei 

et si li fist une bontei 

davant moj, dont je grans duels ai; 

maix jai per moi n'iert rescontei. 



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Hofmann: JUfirangösiaehe CMUekU, 519 

XXI. 

C. Bern 889. f». 202. 

Messires Ferrifl de Fenjerez (bei P. P. anonym aus 1989 
und nur 4 Str.) 

1 [Quant li roisignors jolis 

chante sor la flor d'estei, 
ke naist la rose et 11 lis 
et la rousee el yert prei, 
plains de bone yolentei 
chanterai com fins amis; 
maix de tant seus esbaihis, 
ke j^ai si treshaut pensei, 
c'a poenes iert acomplis 
li servirs dont j'aic grei. 

2 Leiement ont entrepris 

bU ke tant m'auront grevei, 
mi fol eul volenteis, 
ki tant auront esgairdei 
lai| ou je n'ai mie osei 
dire ke j'estoie amins. 
ieul, per vos seux je trufs, 
voirs est, mal avais errei; 
maix, or en aies merci 
et tout vos seit perdonei. 

3 Tout ce n'est poent ke noiant, 
je ne vos puix mal voloir; 
car la belle, cui j'am tant, 
est si plaizans a veoir. 
soyent m'en estuet doloir, 

car trop me secorreis lent; 

maix li rasuaigement 

des grans biens, k'en cuis avoir, 



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520 SiUung der phUoL-phücH. Claaee vom 7. Dezember 1867. 

me fönt doableir mon talcDt 
et servir en boen espoir. 

4 Benois soit li herdemens 
ke m'ait doneit teil pooir, 
amors, eürs et talens 

me poroient Wen valoir. 
tout ceu doie je voloir, 
k*a li soie, ke g4 pens 
YOire, 86 j'ai tant de san, 
c'on ne s'en puist persevoir, 
aincor vanrait leus et tens 
de ma tres grant joie avoir. 

5 He deus ! qoant vanrait li jors, 
ke j'ai tous tens desireit, 

ke ma dame per amor 
m'acomplist ma volenteit? 
lors anroie conquesteit 
lou gueridon a estroos 
de trestoutes mes dolors, 
ke j'ai ades endureit 
lors auroie boen secors, 
c'elle me doignoit ameir. 

XXII. 

C. Bern S89. f». 226. V. 

Colins Muzes. 

1 Sospris seuz d'une amorete, 
d'one Jone pucelete, 
belle est et blonde et blanchete 
plux ke n'est ane erminete, 
s'ait la color vermoillete 
ensi com ane rosete« 



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Hofmatm: JMfranzösische Gedichte. &21 

2 Iteile est la damoiselle, 
fille est a roi de Tudelle, 
d'un draip d'or ke restancelle 
ot robe frexe et novelle, 
mantel sorcot et gonelle 
molt siet bien a la donselle. 

3 En son chief sor [zu tilg.] ot chaipel d'or 
ki reliiist et estancelle, 

saiffirs, rubis i ot entor 

et maintes [1. mainte] esmerande belle, 

et m [he mi?] ke fuise jeü 

amins a la damoiselle. 

4 Sa seinture fut de soie, 
d'or et de pieres ovreis 
toas li cors li reflamboie 
•si com fast enlnmineis. 

or me doinst deus de li joie, 
k'aillors nen ai ma pensee. 

5 Jen esgardai son cors gai, 
ke trop me piaist et agree. 
j'en morirai, bien lou sai, 
tant Tai de euer enamee. 
non ferai, se [a] deu piaist, 
aincois m'iert s'amor donee. 

6 En trop biaul vergier 
la vi Celle matinee 
jueir et solacier. 

jai per moi n'iert obliee, 
car bien [1. par mien] cuidier 
jai si belle n'iert trovee. 



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522 



Sitzung der phOos.-phüoe, Gasae «om 7. Dezember 1867. 



7 Leis UD yergier c'est asise 
la tresbelle, la senee. 

eile resplant a devise 
com estoile a Tanjornee. 
8*amor m'anprant et atixe 
ke ens oa caer m'est entree. 

8 A li resgardeir m'obliai 
tant k'elle s'en fut aleie. 
deus, tant mar la resgardeil 
qnant ei tost m'est eschaipeie 
ke jamaix joie n'aurai, 

se per li ne m'est doneie. 

9 Tantost com Po esgardeie, 
bien cuidai, k'elle fuist feie, 
ne lairoie por rien nee, 
k'aincor n'aille en sa contree 
tant ke j'aie demandeie 
s'amor, oa mes fins cuers beie. 

10 Et c'elle devient m'amie 
ma grant joie iert asevie, 
ne je n'em penroie mie 
le rouame de Surie, 

car trop moinne bone yie 
ki aimme teil signorie. 

Deu pri, k'il men faice aie, 
ke d'aatre nen ai envie. 



xxin. 

C. Bern 389. P. 247. V. 
Colins Musez. 



1 Une novelle amorete, ke j'ai 

me fait chanteir et renvoizier, 



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Hofinann: AUfranzösische OeäichU. 523 

lou euer enamoreit et gai, 

ne jai de ceu partir ne quier. 

rose ne lis ne floretes de glai 

ne le me fait comencier 

förs la blondete, por cui je morrai, 

se merds ne m'i puet aidier. 

2 Merdt dement^ mercit reqaier, 
merdt venl et merd desir. 

a la blonde(te) le veul proier, 
c^autre ne m'en poroit guerir, 
n'autre ne m'en poroit aidier, 
n'aatre n'est tant a mon plaixir. 
je la servirai sens dongier, 
se tost ne le me veult merir. 

3 Beile et blonde, je vos amerai 
de fin euer loiaul et entier, 

ne jai de vos ne me departirai; 
muels me lairoie depeder. 
en ceste bone pensee serai, 
nols ne m'en puet geteir; 
maix trop me tiennent en esmai 
li felon mavaix losengier. 

4 Je redout tant lor encombrier, 
k'ades se poenent de trair 

seaus ki bien aimment sens tridiier, 

et jai ne s en vaires jo'ir. 

bien s'en doit blondete alongier, 

c^ades venllent d'ami servir. 

ne moy ne li nen ont mestier 

por nostre joie departir. 



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524 Sitzung der phüös.'phikil. Glosse vom 7. Dezember 1867. 

5 L'autrier un jor a l'entree de mai 
Toi chanteir en un vergier;' 

maix onkes mais si belle ne trovai, 

cea vos poroie fiancier. 

deos, tres dous deusi et keille amorete ai, 

se de s'amor puls esploitier, 

ne jamaix jor sens joie ne seroie, 

c' eile la me veult otroier. 

6 Je desir tant li embraissier 
et li veoir et li oir, 

se de li ai un douls baixier, 
ne me poroit nuls mals venir, 
'ne me poroient forjugier 
mavaixe gent per lor mentir. 
coi k'il m'en doie avenir, 
je Tatandrai tout a loisir; 
car fine amor me fait cuidier: 
boens senrixes ne puet perir. 

XXIV. 

Le duchase de Lourainne (sie). 

1 Un petit davant lou jor 
me levai l'autrier 
sospris de novelle amor, 
ke me fait yellier. 
por oblieir mes dolors 
et por aligier, 

m'en allai coUir flors « 

dejoste un vergier. 
lai dedans en un destor 
Ol un Chevalier, 
desor lui en haute tour 



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Hofmcmn: JMfranzöswche Oeditihte. 525 

dame ke molt l'ot chier. 

eile ot frexe color^ 

et chantoit per grant dousor 

uns dols chans pitons 

melleit en plor, 

pues ait dit com loiauls drue : 

„Amins, vos m'aveis perdue, 

li jalous m'ait mis en mue/* 

Quant li cheyaliers oit 

la dame a vis cleir, 

de la grant dolor, Vi\ ot, 

comance a ploreir, 

pues ait dit en sospirant: 

„mar vi enserreir, 

dame, vostre cors lou gent, 

ke doie tant ameir. 

or m^en covient durement 

les dous biens compaireir, 

ke Yolentiers et sovent 

me solies doneir. 

laisl or me vait malement, 

trop ait d aipre torment. 

s'il nos dure longuement, 

tres dous deusl ke deyanrons nos? 

je ne puis dureir sens tos 

et vos sens moy, comant durcreis vos?" 

Dist ^a belle : „boens amis, 
amor me maintient. 
aisseis est plus mors ke vis, 
ki dolor soustient. 
leis moi geist mes anemis, 
faire le covient, 
[1867. IL 5.] «5 



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526 Sitsung der phOoe.-pkiki. Obme wm 7, DeMember 1867. 

et 86 n*ui joie ne ris, 

86 de Yos ne vient. 

j'ai 81 mon euer en yos mis, 

tout ades m'en sovient. 

86 li cors YOS est eschis, 

li cuers a yos se tient. 

si faitement Tai empris, 

ke je serai sens repentir 

Yostre loiaul amie. 

por ceu, 86 je ne vos Yoi, 

ne YOS oblierai mie/' 

4 „Dame, je 1 cuit bien saYoir, 
tant Tai esproYci, 
k'en YOS ne poroit aYoir 
euer de fauceteit; 
maix ceu me fait molt doloir, 
ke j*ai tant estei, 
dame, de si grant Yalor, 
er ai tout pansei. 
deuB m'ait mis en nonchaloir 
et de tout oblieit, 
ke je uQ puisse cheoir 
en gringnor poYreteit; 
maix jeu ai molt bpen espoiri 
k'enoor me puet molt bien Yaloir. 
drois est, ke je lou die, 
86 den piaist, li jalous morait. 



5 „Amins, se yos desireis 
la mort a jalous, 
aincor la desire jeu 
Cent tens plux de yos. 



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mfmafm: AUfimMStiiche GMMm. hVf 

il est viels et rasoteis 

et gloos comme lous, 

et si est luaiges [1. maigresj et pailea 

et si est lais, - 

tant putes taiches ait aisseis 

li deloiatts, li rons. 

la gringnor bonteit k'il ait, 

c'est de ceu k'il est cous, 

et dist: „laist tant mar fu neis, 

c'aitres «i ait ces volenteis.** 

drois est, ke je m'eü plaing, 

coment guerirait dame sens amin?^' 

^fiiMÄ amins, vos eo ireis, 

car je voi le jor. 

desormaix i poeis 

faire trop Iodc sejor. 

vostre fia euer me laireis, 

n'aies pais paour, 

c'aveac yos en portereis 

la plox fine amor. 

Am ke T08 ne me poets 

getetr de ceste tor, 

plus soYant la resgairdeis 

por moi per graot dousor/* 

et Sil s'en part toz iries 

et dist: ,ylai8, tant mar fa neisl 

dolans m'en pairt, 

a den comans je mes amors, 

ki les me gairf 



86* 



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^528 Sit/mng der fMaa.-f>MoX. Cläm wm 7. Degember 1867. 



Herr Lanth trägt vor: 

„Die Achiver (Atshäer) in Aegypten". 

Es sind erst sieben Jahre her, seitdem ich auf dnem 
Bruchstäcke (Nr. 1 12) des Turiner Königspapyrus die Spuren 
der Hykschos-Dynastie ausfindig machte, weldie bis dahin 
als solche nur auf dem Zeugnisse Manetho's beruhte und 
daher von der Kritik bald angezweifelt, bald ganz und gar 
als ungeschichtlich verworfen worden war. Meine Vennuth- 
ung, soweit sie sich auf das Fragment einer so arg zer- 
bröckelten Urkunde stützte, schien allerdings schwach be- 
gründet und weiterer Bestätigung dringend bedürftig; allem 
im Zusammenhalte mit den andern vierzehn Dynastieen 
jenes Papyrus ergab sich die Dynastie der Hirtenkönige mit 
zwingender Nothwendigkeit als die funfeehnte, wie sie in 
dem Auszuge des treuen Africauus wirUich beziffert ist. ^) 
Die Inschrift des Schiffsobersten Aahmes inEl-Kab'), welche 



1) Wie trotzdem Hr. Knoetel in seinem „Cheops der Pyr amid en- 
Erbaaer" und in seinem Aufsätze im Rhein. Mos. 1867 fortfiiliren 
kann, alle Könige Aegyptens von der IV. — XZYIIl. Dynastie sa 
Hyksch6s zu stempeln, ist unbegreiflich. Wenn Herodot ü. 128 
Ton den Pyramiden-Erbauern sagt: rovrovc ^6 f^üfsog ov xa^ra 
^iXovüi JiyvnruH wof^aCeiy, aXXd xai tag nv^fMag xaXiowfi notftirog 
^$Xl(if)Tiog, og rovtoy rov jjf^oi^or ir€fju KT^rsa xtnd ratka ra/t»^, 
so unterscheidet er ja ganz bestimmt die Könige Cheops und 
ChephrSn von den Hirten. 

2) Hr. Ghabas hat die Richtigkeit des Aasdmcks '7xtfa>f. (Eoseb. 
^Txovaciig cf. Jos. «x — wc =: alxfJiaXiaTOi — es ist die mit der Nord- 
pflanze ablautende Gruppe haq vincire) bezweifelt, weil sie hier 
mena kopt. mone = pastor genannt seien, Tergessoid, dast 
schasu ein acht &gypt. Wort ist und den Wandernden oder No- 
maden bedeutet. Das Szepter haq ist noch in unserm Bischofs- 
stabe getreu erhalten. 



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Lauth: Die Achiver in AegypUn. 529 

De Rouge schon vorher äbersetzt hatte, lieferte das Binde- 
glied zwischen dem Schlosse der Fremdherrschaft and dem 
Haupte des Neuen Reiches: Amosis, der nach einer Stele 
im Mokattamgebirge (von seinem 22. Jahre datirt) die Stein- 
brüche von Rofui (Kopt. Liui das ägypt. Troja-Tura) zur 
Wiederherstellung der Tempel von Memphis und Theben 
ausbeutete y also wieder im Vollbesitze des Landes sich be- 
finden musste. Der wichtige Papyrus Sallier I. bestätigte 
dieses Ergebniss, indem er einen zuerst gesandtschaftlichen 
Verkehr zwischen Seqenen (Soikunis desEratosthenes), dem 
unmittelbaren Vorgänger des Amosis, und dem letzten 
Hirtenkönige Apophis erzahlt, woraus zuletzt der Ent^ 
Scheidungskrieg und die Vertreibung der Hykschös aus 
Aegypten erfolgte. 

Seitdem hat Mariette durch seine Ausgrabungen in 
Tanis, durch die Porträtsphinxe mehrerer Hirtenkönige, 
durch die Auffindung eindb vollständigen NamenprotokoUes 
von Apophis, den Beweis erbracht, dass ich Recht gehabt 
hatte, die ausländische Herrschaft der Hirten als eine ge- 
schichtliche in vollem Sinne des Wortes aufzustellen. Ja, 
eine von ihm aufgefundene Stele enthält, ausser andern 
werthvollen Angaben, die bis jetzt einzig dastehende Er* 
wähnung einer Aera. Ein Beamter, Namens Seti, stiftet 
unter der Regierung Ramse's U. (Sesostris) das betreffende 
Denkmal und datirt es mit dem Jahre 400 eines Königs 
Set-Nubti, in welchem ich den Vorgänger des Apophis 
erkennen zu dürfen glaubte. Man begreift so auch, warum 
auf einer Statue des grossen Ramses II. dieser König ein 
„Liebling des von Apophis in Havaris durch einen Tempel 
geehrten Sutech^' (Baal) genannt werden konnte. Wir bo* 
sitzen somit eine annähernde Bestimmung des Zeitabstandes 
zwischen den Hirten und dem Ende der XVIIL Dynastie, 
und da die Dauer der Hyksdidsherrsohaft in runder Summe 
260 Jahre betrug, so ergiebt sich für den Anfang ihrer In*. 



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530 SitMung der phihe-^phOol Olasse 9&m 7. Detstmher 1867. 

YasioQ das Jahrhandert 2100-^2000 ror unsrer Zeitrech» 
nang. In der That bemerkt Manetho bei dem erst^WaU» 
fiirBien der Hirten: Salatis, er habe Havarie (Ha-vare 
„Haqs ^^ Fladit^O hauptsächlich gegen die damalige Ob» 
maehl der Assyrier befestigt. 

War somit dieses Ergebniss für den nationalen Ge- 
schichtschreiber Manetho und die Aegjptologie ein äusserst- 
günstiges zu nennen, so zeigte eine Entdeckung des H. 
Chabas, dass auch die Bibelerklärung aus der neuen Wissen» 
sdiaft Nutzen ziehen kann. Dieser scharfsinnige Forsdier 
identifizirte nämlich die dreimal genannten „Aperiu, welche 
Steine schleppen zu dem Baue der Stadt Ramses^' — mit 
den Ebräern, welche nach Exodus I bei den Arbeiten der 
Städte Pithom und Ramses Frohndienste leisten mussten. 
Eine Steinbrudiinschrift von Hamamat zeigte die nämlichen 
Aperiü als ziemlich zahlreiche Bergbaueolonie und ein noch 
unedirter Papyrus (im Besitze des Herrn Harris) spricht 
von ., Aufsehern oder Edlen (marina) der Aperiu". 

Man glaube nidit, dass dieses Resultat, so natürlidi ea 
jetzt auch scheinen mag, ganz muhelos zu erreichen war. 
Es mussten zuerst durch gesunde Kritik die Hindernisse be- 
seitigt werden, wekhe der unbesonnene Eifer von Enthu- 
siasten wie Lenormant und Heath aufgethürmt hatte. Dieser 
waren nämlich der Ansicht, das Volk Israel werde durch 
die so häufig erwähnten Semat-Leute als Semiten be- 
zeichnet. Allein Hr. Chabas hat siegreich nachgewiesen, 
und ich konnte in meinem Vortrage zu Augsburg 1862 sowie 
in mehier Abhandlung über den Bokendions der Münchner 
Glyptothek seinen Fund bestätigen, dass jene Semat-Leute 
nichts anderes waren als Tempelhörige, also nidit ein- 
mal nothwendig Ausländer, abgesehen davon, dass der Name 
Seiniken eine ganz moderne Formation der Gelehrten ist, 
welche danut die Abkömmlinge des biblisdien Sem im 
GflgeneatKe m den Cbamiten und JapheCiten bezeichnen. 



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Lauth: Die Aehiver in ^^g^^vUn. . 531 

Eine ähnliche Barre war durch missFerständh'qhe Än* 
wendung einer Hieroglyphe Tor die Erkenntniss des wahren- 
Namens der Griechen oder Jon i er') in ägyptischen 
Texten gelegt worden. Weil nämlich in dem Namen der 
Königin Arsinoe der Vokal i auch durch das Auge (iri) 
Tertreten erscheint , so glaubte man den Volksnamen, der 
mit Auge Hase Adler geschrieben wird, Juna lesen und auf 
die Jdnier deuten zu müssen. Das fragliche Volk bildet 
einen Bestandtheil der grossen vorderasiatischen Confoedera- 
tion gegen Ramses II, dessen Heldenthaten gegen dieselbe 
im Papyrus Sallier III. von dem Dichter Pentaur besungen 
werden (auch die ägyptische Ilias genannt). An und für 
sich betrachtet, würden zu den Joniern, als Bewohnern 
Kleinasiens, die folgenden Völker als Verbündete nicht übel 
passen: Die Cheta und Kaschkasch (anderwärts Kar- 
kischa, entsprechend den Chithi und Girgaschi (Josue 
24,21), die Masa oder Maausa den Mas-Mysiern (1 Moses 
10,20), Ghirabu dem Chalybon, Qadesch dem häufigen 
Qodesch (Heiligthum), Luka den Lykiern, Aradhu den 
Bewohnern yon Aradus, die Dardani auch Dandani, 
(Dodanim?) den Dardanern, P^tasn dem i7i^<faaog, Qar- 
qamascha dem Karkemisch (Circesium). Ueber die 
Akerit oder Aktera, die Qazawatana und die oben an- 
gedeuteten Ariuna, die vermeintlichen Juna, fehlen uns 
bis jetzt Anhaltspunkte zur Vergleichung mit biblischen oder 
dassischen Völkernamen. — Ich habe in einem Aufsatze der 
„Zeitschrift für ägyptische Sprache imd Alterthumskunde*^ 
nachgewiesen, dass die Verwendung der syllabischen Hiero- 
glyphen zu Buchstaben nur in der aenigmatischen Schreib- 
art vorkommt, dass somit jener Volksname Ariuna, nicht 
Juna zu lautiren ist. Damit fallen nun zwar die Jonier 



8) Die jonisohen Hirtenkönige ChampolHon's berabten auf einer 
fUfchen LesMrt von Goar, dem ersten Henrasgeber de» SyuoeUtit. > 



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532 Sttiung der pkOoB^-phüd Oasu vom 7. Duember 1867. 

hinweg; aber es fragt sich, ob wir sie nicht unter einer 
andern Namensform doch antreffen, die sogar bis in die 
Zeit der XI. Dynastie (2600 y. Chr.) zurüclo^eicht 

In dem Programme, dessen Abfassung mir für das 
eben abgelaufene Sdiuljahr zugefallen war, habe ich, unter 
dem Titel „Homer und A^ypten'^ die Beziehungen zwischen 
dem ältesten Dichter der Hellenen und dem Pharaonenlande 
nachzuweisen gesucht. Wenn idi in Betreff des Namens der 
Jonier und anderer im Verlaufe dieses Aufsatzes mich öfter 
auf diese meine Untersuchung berufe, so wird man mir diess 
nicht als den Versuch einer Redame für ein Buch miss* 
deuten. Denn das gedachte Programm ist nur in der bei 
den Anstalten üblichen Auflage erschienen, dem eigentlichen 
Bttchermarhte also von vornherein entzogen. Aber gerade 
dieser Umstand möchte es rechtfertigen, dass das grössere 
Publikum, welches sonst nicht leicht damit bekannt werden 
dürfte, mit Hülfe der wissenschaftlichen Sitzungsberichte der 
kgl. Akademie auf die Resultate der neuesten Forschungen 
aufmerksam gemacht wird. 

Unter dem vorletzten Könige der XL Dynastie: Sanch« 
kera, den mir in meinem •yjManetho^^ sowohl der Turinef 
Eönigspapyrus als die jüngst entdedden Tafdn von Abydos 
und Saqqafah urkundlich an die Hand gaben, erscheinen die 
fremdländischen Haunebu (so las man bisher) als eine be* 
siegte Völkerschaft zum ersten Male. Von da an treffen 
wir sie in allen Perioden der ägyptischen Geschichte in feind* 
lieber Berühining mit den Pharaonen, bis sie zuletzt durch 
Alezander den Grossen und die Dynastie der Ptolemäer als 
siegreiche Eroberer im Nilthale erscheinen und sidi drei 
Jahrhunderte hindurch b^aupten. Aus dieser Zdt stammea 
die zweispradiigen Inschriften von Rosette und Tanis, aus 
denen wir die Gewissheit schöpfen, dass jene Haunebit 
nichts anderes sind als die Hellenen. Der demotische 
Text des Decretes von Rosette gebraudit die Namensform 



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Lau^: Die Achiter in AegyptetL 533 

Uinen^ woraus dann das koptische Ueinin abgeleitet ward. 
Da die jüngere Schriftart des Demotischen sich an die Hiero- 
glyphen anschliesst, so musste die Voraussetzung entstehen, 
dass Uineü aus Haunebu durch Abschleif ung sich gebildet 
habe. Ich übergehe die verschiedenen Versuche, die man* 
angestellt hat, um beide Formen mit einander zu ver* 
mitteln, und wende mich sofort zu dem Ergebnisse, zu wel- 
chem ich in meinem oben erwähnten Programme gekommen 
bin. Auf Grund einer alphabetischen Litanei an die Uathor 
(Venus) zu Denderah, wo der streitige zweite Bestandtheil 
(nebu) unter den Anlaut v gestellt ist, nahm ich eine alte 
Metathesis bei der Aussprache des Sylbenzeichens nebu an 
und fand mich dazu durch das Dinkawort ben (Herr) = 
neb (dominus) sowie durch analoge Fälle bestärkt. Der aus 
dem Papyrus Grey bekannt gewordene Name eines Grabes: 
^waßowovv zerlegt sich, wie neuere Denkmäler beweisen, 
in T-hy-nab-unun „das Haus des Nabunun'* (Priesters der 
Hathor). Daraus würde, mit Zulassung der Metathesis, die 
80 häujQg sich geltend macht, für das "fragliche Zeidien sich 
die Lautung ban oder van ergeben. Die Bedeutung an- 
langend, so erhielten wir für Hau-vanu „die hinter den 
Wassern'^ Die Vermittlung mit Javan, Javones, Jones unter* 
liegt alsdann keiner weiteren Schwierigkeit. 

Aber wozu, könnte Jemand fragend einwerfen, der müh« 
same Nachweis eines classischen Namens mit Hülfe ägyp- 
tischer Texte, zumal das Ergebniss doch noch zweifelhaft 
genannt werden muss? Was letzteren Einwand betrifft, so 
ersehe ich aus einem erst unlängst ausgegebenen Werke: 
„Die Chronologie des Manetho^^ von 6. F. Unger p. 145, 
dass auch ein Anderer unabhängig, und vielleicht aus anderen 
Gründen auf die nämliche Ansicht in Betreff der Hauvann 
= ^läfovsg gerathen kann. Anlangend den Zweck dieses 
Kachweises, wird es hoffentlich vor gebildeten Lesern, wie 
ich sie bei diesen Blättern voraussetze, nicht erst einer Ent- 



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534 SiUung der phOos.'pMloL CUuse vom 7. DeMember 1667. 

8chuldigung bedürfen, wenn ich versuche, dem Stamme der 
Jon i er, dem wir so Vieles verdanken, seine Stelle anter- 
den von den uralten Aegyptem gekannten und genannten 
Völkern anzuweisen. Auch erheischt die neue Fackel, 
welche die Pfahlbauten*) über die Ureinwohner Europa'a 
angezündet haben , eine gründlichere Prüfung d^r ältesten 
Monumentalquellen, die uns zu Gebote stehen. 

Mit Uebergehung des Danaos und der and^n zu 
Ägypten in Beziehung gesetzten Einwanderern Griechenlands 
und mit Beiseitelassung des für mythisch geltenden Zuges 
der Argonauten nach Kolchis, wende ich mich gleich zu d^ 
Frage: Lässt sich in den vor den trojanischen Krieg fallen» 
den Zeiten auf einem ägyptischen Denkmale ein griechisdier 
Stamm genügend nachweisen? — Selbstverständlich kann 
hierauf nicht ein mehr oder minder wahrsdieinlicher An* 
klang von Namen, sondern nur ein zusammenhängender 
Text die Antwort geben. Es trifft sich für die allgemeine 
Orientirung recht günstig, dass das betreffende Denkmal^ 
dem Meneptah angehört, d. h. jenem Pharao, unter den 
man den Exodus der Kinder Israels anzusetzen vielfach be* 
rechtigt ist, so dass über den Zeithorizont des geschilderten 
Ereignisses kein Zweifel besteht, wenn auch dio spezielle 
Chronologie dieses Königs bis jetzt nicht endgültig bestimmt 
werden kann"). 

In einem für die Zeitschrift der Deutsch-Morgenländi* 
sehen Gesellschaft nach Leipzig eingesendeten und jetzt er» 
sdiienenen Artikel hatte ich schon zu Ostern dieses Jahrea 



4) Vergl Herodot. V, 16. . 

5) Von Lepsitifl, Bmgsoh und jetzt vollständiger von Domioheii 
veröffentlicht in seinen Histor. Inschr. Taf. I — VI 

6) Meneptah ist der 13. Sohn und unmittelbarer Nachfolger des 
Ramses IL Miamun Sesostris, von dem Aristoteles Polit VIT. 9 sagt: 



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Lentth: Dk Aehwer in Atgyptm. 536 

die ganze Inschrift analysirt und übersetzt; einzelne Tfaeile, 
zum Beispiele gerade die fremden Völkernamen, habe ich 
meinem Programme „Homer und Aegypten'* einverleibt. Je 
widitiger diese neuen Namen für die Ethnographie und Ge- 
schichte der sog. vorhistorisdien Zeiten mir erscheinen mussten, 
desto grössere Vorsicht glaubte ich anwenden und desshalb 
meine Identifikationen vorerst nur als Vermuthungen bieten 
zu sollen. Wenn ich sie heute mit etwas grösserer Zuver^ 
sieht ausspreche, so veranlasst mich dazu der Umstand, 
dass unterdessen ein französischer Aegyptologe ersten Ranges, 
kein Geringerer als Herr Vicomte de Rouge ^) selbst, in 
▼ollkommen unabhängiger Wdse, wie ich meinerseits, zu 
den nämlichen Lesungen und Deutungen jener Völkemamen 
gekommen ist. Und zwar nicht auf Grund des lautlichen 
Anklanges, sondern geleitet von dem Inhalte und Zusammen- 
hange des Textes. Wo sich Abweichungeu finden, röhren 
sie von der Verschiedenheit der Copien her, die wir beide 
dabei benutzten. De Rong6 konnte seine eigne an Ort und 
Stelle gemachte Abschrift zu Ratho ziehen, während mir 
Dümichen's „Historische Inschriften" vorlagen. 

War der Einfall der Hyksehos von Osten her erfolgt, 
und zogen sie, wie später die Kinder Israels, die man nicht 
mehr, wie es früher geschehen ist, als identisch mit ihnen 
ansehen kann, in derselben Richtung nach Asien zurück, so 
versetzt uns der 77 Columnen betragende Siegesbericht Me- 
neptah's an das entgegengesetzte Ende des Delta, nämlich 
in einen Memphis benachbarten Gau auf dem westlichen Ufer 
des Niles. Der Pharao spricht in den sechs ersten Vertikal- 
streifeo von der Conföderation der feindlichen Völker, — 
die wir der Reihe nach später zu betrachten haben werden — 
ton seinem Siege über dieselben mit Hülfe Amon's und 



7) In der Revue arch^ol. p. 45 des Jaliheftes. 



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536 SiUung der phüos.-phOol, dam vom 7. Deeember 1867. 

aller andern Scbut^ötter, sodann von der grossen Gefahr, 
welche das Land Aegypten bedroht hatte, indem die Invasioa 
d^ fremden Eindringlinge Schutzmassregeln für Memphis und 
Heliopolis nöthig gemacht hätte. Die Erwähnung der 
letztem Stadt unter der Form Nu-n-Tum ,,Stadt des Tum*^ 
woher audi, beiläufig bemerkt, die Variante Nov&wfi fiir 
Etham bei den LXX erklärlich wird, muss auffallen, da der 
Angriff von Westen aus geschah. Allein eine weitere Stelle 
des Textes belehrt uns(col. 19), dass die Feinde nicht bloss 
zu Lande die Gefilde von Eemi (Aegypten) betraten, sondern 
auch durch den Flnss (atur) in das Innere zu gelangen 
wussten. Schon dieser Umstand setzt voraus, dass den Ver« 
bündeten Schiffe zu Gebote standen, ein Postulat, das 
durch den weiteren Verlauf mehr als befriedigt wird. 

(Col.7) Die Feinde lassen sich nieder unter Zelten ^) im An- 
gesichte der Stadt Pabari auf einem Terrain, das w^en der 
Einfalle der Neun Völker schon seit alter Zeit öde nnd d^i 
Viehheerden als Weideplatz überlassen war; die Bevölkerung 
hatte sich daraus zur Zeit der unterägyptischen Könige 
(d. h. des Hykschoseinfalles?) in die Mitte ihrer festen 
Plätze zurückgezogen und cRirch einen Wall abgesperrt, aus 
Mangel an Soldaten und Miethlingen. Aber der Pharao 
„Meneptab, sitzend auf dem Throne des Horus, schützte 
seine Unterthanen mit mächtigem Arme; er entsandte Fuss- 
truppen und Streitwagen und Kundschafter nadi allen Ridit- 
ungen, er der Gepriesene im Munde der Mensdien, der 
nicht nöthig hat Hunderttausende am Tage der Schlacht^. 

Die Kundschafter bringen die Meldung, dass „der nichts- 
würdige und verworfene Grosse des Landes Lebu (Libyen); 
Marmeriu, Sohn des Dide sich dem Lande der Tha^ 
hennu (westlich vom Delta) nähere mit seinen MietUingea 



8) ahel (^ntj(). De Boag6*8 Copie bietet dafür Chennu. 



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Laufh: Die Achiver m Aegypim, 537 

und den Frerndvölkern: Schardana, Schakalsoha, Aqai- 
wascha, Leku, Tuirscha. In der Lücke des Textes 
standen Termuthlich die später erwähnten Maschawascha 
und Qahaqa. Diese 8 Völker also begannen die Feind- 
seligkeiten, und dass es hiebei nicht auf einen yorüber- 
gehenden Raubzug, sondern auf förmliche Ansiedelung in 
Aegypten abgesehen war, beweist der Znsatz, dass ein Theil 
der Bundesgenossen, die Tuirscha, Weiber und Kinder mit- 
gebracht hatten (col. 14). Die Verbündeten machten rasche 
Fortschritte: eine neue Meldung berichtet, dass sie die West- 
grenze des Reiches auf den Gefilden Ton Paari (IL Gau 
des Delta) erreicht hätten. „Da ward seine Majestät wüthend 
wie ein Löwe*' gegen seine Grossen, die es an Wachsam- 
keit hatten fehlen lassen, und er richtet an sie die strafen- 
den Worte: „Vernehmet meine Reden und beobachtet, was 
ich euch zu wissen thue, nämlich: Ich bin der Fürst, der 
euch leitet und meine Kurzweil ist aufzufinden (die Mittel- 
Lücke) um euch zu erhalten, wie ein Vater seine Kinder, 
ernährend eure Leiber wie die von Mastgänsen. Aber ihr 
erkennet nicht das Gute, das er euch erweist, erwiedert 
nicht (seine Sorgfalt) I Das Land wird y^wüstet, offen steht 
es dem Angriffe einer jeden Fremdra^e; die Neunvölker 
(Heiden) plündern* seine Grenzbezirke, die unreinen über- 
schreiten sie jeden Tag; die Seeräuber (?)*) berauben die 
Stationen, dringen ein in die Gefilde von Kemi durch den 
Strom (c. 19). Siehe sie verweilen Tage, ja Monate lang 
ruhig sitzend darin. So haben sie erreicht den Berg von 
Heseb (sonst auch Uta gelesen, und als weinreioh ge- 
schildert) — und zerstreuen sich auf dem Bezirke von 
Toahe (Heptanomis); wohl nie hat man aber solches, seit 
es Könige des Oberlandes gibt, in den Annalen der anderen 



9) Leider in einer Lücke des Textes versokwonden ! 



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^dS Siteung dtr pkOog.-phiM. dam mm f. Jkgember 1867. 

Zeiten gekannt: sie kriechen wie die Schlange, mcbt #fat 
eS) die mehr in ihren Baach thnn; sie begehren nach Tod 
(MiOrdX hassend das Leben; ihre Verwegenheit ist höh^r 
als das Firmament. Ihr Grosser besdiaftigt sie mit Ver- 
wüstong des Landes, indem sie kämpfen, um ihren Bauoh 
zn füllen allezeit. Sie ziehen wider das Land Eemi, om m 
suchen den Unterhalt ihrer Mäuler; ihre Herzen verlangen 
nach meinen Tributen, wie ein Netz ns/dk Fischen, ibr 
Grosser (Führer) benimmt sich wie ein Hund (wim^ioaUj 
onomatopoetisch ^^) , ein verwünschtes Individuum, ohne 
Herz." 

Der König rühmt sich sodann seiner Wohlthaten gegen 
das Volk der Wüste (Petischu), das er habe Getreide holen 
lassen auf Schiffen „um zu beleben dieses Land Chet • .'^ 
— vielleicht Scete bei den Natronseen. Der Zusammen- 
hang dieser Stelle mit dem Vorhergdienden ist leider dvanh 
mdirere Lücken unterbrochen. 

Von hier an (col. 24) spricht der König sein Vertauub 
aius auf den Beistand Amon's in Theben, und die Drainng, 
das« er die Maschawasoha und Thamabu (Vertreter der 
libyschen oder weissen Menschenrage) heimsuchen und xüfifa- 
tifen werde^ sowie die Lebu: „indem seine Soldaten aas- 
aehen wider die Feinde, ist die Hand des Gottes mit ihnen, 
Amon-Ra als ihr Schild. Und er sprach zum Lande Kemi: 
Haltet euch bereit auszuziehen in 14 Tagen 1 Siebe, da 
eohaate Seine Majestät ein Traumgesicfat im Schlafe, wie 
wenn ein Bild^O ^^ P^&h stünde am Lager des Pliarao 



10) In Dümichens Zeiohnunfjf ool. 2B «in Schakal, aber bei 
Bragsch nnd nach De Rouge ein deutlicher Hund von der Art^ wie 
die wau-wau, denen Anepa sein der Frau Putiphra in allem 
gleichendes Weib wegen Yerläamdang seines Bmders Batu, eines 
Seitenstücks zam Joseph, vorwarf (Roman der „zwei Brüder^*.). 

11) De Roogi abertelst hier: „coniflie M le (fils'P) imiqae de 



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Lauth: Die Aehiver in Mg^tm, 538 

mit Leben Heil and Kraft. Es sdiien zu erheben seine 
Stimme und zu ihm zu spi-echen: „0! beendige das Zau- 
dern I'* und ihm die SiegeswafiFe reichend: „Du beseitige die 
ünentsdilossenbeit aus dirl^' Da ^wachte der Pharao mit 
Leben, Heil und Kraft und sofort entsendete er seine Fuss- 
truppen und Wagenstreiter, vor denen Niemand sich halt^ 
kann, auf den Weg ausserhalb Paari. Alsdann wurde der 
niederträchtige Grosse der Lebu handgemein mit ihnen; 
4ie8e Begegnung fand statt am 1. Epiphi früh Morgens (das 
Jahr ist in einer Lücke verschwunden). Mit den Soldaten 
und Wagenkämpfern Seiner Majestät war Amon-Ka, Nubti 
^Baal) reichte ihnen die Hand. Daher wälzten sidi die 
Feinde bald in ihrem eigenen Blute ; keiner blieb übi-ig von 
ihnen; die Bogenschützen Seiner Majestät verbrachten sechs 
Stunden im Kampfe mit ihnen ; dann wurden sie (die Feinde) 
der Schneide des Schwertes überantwortet. 

Während nun die Fremdvölker so bekämpft wurden, 
fiiehel da erschrack der niedertiäditige Grosse von Lebi, 
sein Herz ward muthlos. Sidiel er wandte sidi zu eiligtr 
Flucht mit Hinterlassung seiner Sandalen, seines Boge&s, 
«einer Köcher (aspatha = t\lB}^ti), kurz alles dessen, was 
er bei sich gehabt., in dem Wunsche, seine Glieder zu be- 
schleunigen. Grosser Schrecken durchbebte seine Glieder. 
Er verlor all seinen Besitz an Spangen (manudatha = 
^ninBO")>) Silber und Gold, seine GefSsse aus Metall, den 
Schmuck seines Weibes, seine Bogen, seine Waffen, kurz 
Alles, was er mit sich geführt hatte. Diese Gegenstände 



Ptah 80 tenait debout und bemerkt in der Note, das« ua ,,iiii, ttni- 
c|iie'* aooh dard bedeuten könnte. Aber es folgt aaf ua ein tut 
find dies bedeutet sicher ,,Bild*'. 

12) Oesenius bemerkt bei diesem Worte eigens, daas es trans- 
ponirt sei aas n1"üy|p von der Wureel ^}y (chald.) binden. 



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540 SiUung der jpAOcM.-pMoZ. Claase wm 7. Degetkber 1867. 

wurden zu dem Palaste gebracht, am aufgeführt zu werdoi 
mit den Gefangenen. Unterdessen war der niederträchtige 
Häuptling der Lebu auf dliger Flucht in sein Land. Und 
das Verzeichniss der Feinde, so getödtet wurden durch die 
Schläge der Schneide, ward überreicht den Offizieren, welche 
auf den Streitwägen Seiner Majestät sich befand^, und nadi 
ihnen das Verzeichniss der lebend Gefangenen. Gross war 
die Zahl der Feinde gewesen : man hatte Nichts Solches ge- 
sehen zur Zeit der Könige ünterägyptens , als dieses Land 
in der Feinde Gewalt war und das Unglück so lange fort- 
dauerte, als die Könige Oberägyptens nicht die Kraft be- 
sassen, sie auszutreiben'^ 

Herr Vicomte de Roug6 sieht in letzterer Stelle eine 
Anspielung auf den Einfall und die Herrschaft der Hyk- 
schös — gerade wie ich es ebenfalls in meinem Aufsätze zu 
Ostern gethan ; eine um so merkwürdigere Uehereinstimmung, 
als die betreffende Golumne sehr lückenhaft ist. Der Text 
fahrt fort: „Das habe ich gethan aus Liebe zu den Be- 
wohnern, um zu schützen Kemi als Herr des Landes, mn 
zu retten die Tempel des Deltagebietes. Darauf sprachen 
die Leute der westlichen Stationen in einer Botschaft zu 
dem Palaste des Auserwählten mit Leben, Heil und Kraft 
mit den Worten: „Sintemal der gestürzte Manrmeriu 
flüchtig gegangen in Person und seine Wenigkeit entronnen 
ist den Menschen mit Begünstigung der Nacht auf abge- 
legenen W^en, verfolgt von jedem Gotte in Kemi — die 
Prahlereien, so er geäussert, in Nichts zerstieben, und alle 
Worte seines Mundes zurückfallen auf sein eigenes Haupt; 
da man nicht kennt die Art seines Todes: so überlasse 
ihn seinem Schicksale; sollte er noch leben, so wird er sidi 
nicht wieder aufrichten: er ist gestürzt, ein Spott seiner 
Soldaten. Du aber, o König, bist es, der uns mitgenommen, 
um zu vollbringen die Tödtung der Feinde im Lande der 
Thamahu. Setzen die Lebu einen andern an seinen Platz 



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Lauth: Die Jehiver in Aegypten, 941 

▼on seinen Verwandteu (Bradem) , welche beim Kampfe 
waren, so sieht er gebrochen die Grossen wie die Kleinen/^ 

„Alsdann brachten die Hülfstmppen , die Soldaten und 
Wagenkämpfer, die Veteranen alle des Heeres und die Jung- 
mannscbaft (Narnna = yn^^^) gefesselte Feinde vor sich 
her; Lasten von nnbeschnittenen'*) Phallen der Lebu und 
abgehauenen Händen aller Fremdvölker, die mit ihnen gewesen 
waren, in Häuten auf Brettern, endlich allerlei Beute, die 
man genommen aus ihrem Lande. 

Alsdann ward das ^anze Land Aegypten aufjubelnd bis 
zum Himmel; die Flecken und die Städte waren in Wonne 
über jene Wunderthaten. Die Flüsse führten Festfeiemde. 
Alles ward vor den Balkon gebracht, auf dass schauete Seine 
Majestät die Ergebnisse seines Sieges: das Verzeichniss der 
Gefangenen, herbeigeführt aus diesem Lande der Lebu und 
den übrigen Fremdvölkem, sowie der Beute zu dem „Neuen 
Hause*' des Pharao Meneptah, des lieber wältigers der Tha- 
hennu, welches in Paari.^' 

Ton col. 50 an, die jetzt folgt, bis zu col. 62 erscheinen 
die detaillirten Angaben über die Verluste der Feinde. Vor 
allen werden die Phallen von sechs Individuen aufgeführt, 
die „Söhne der mit dem Lebufürsten verbündeten Häupt- 
linge^' genannt werden. Dann getödtete Lebu, deren Phallen 
eingeliefert wurden: 6359: Zusammen (6365)". 

Die Zahl der getödteten Scharda(i)na, Schakalscha, 
Aqaiwascha „von den Gegenden des Meeres'^ ist nicht ganz 



13) Der Ausdruck ist zweifelhaft; de Rouge übersetzt: „dresses 
en oomes** wohl desshalb, weil ihn das offenbar unftgyptisohe Wort 
qarenatha an n.i?. oorau mahnte •— soUte es aber nicht eriaubt 

$em, an ^"^j;; imrein, nnbesohnitten zn denken, da l auch in Ujhü 

= lanohem locnstae ein aegypt. n vertritt, and das y h&ufig för 
anlautende Gutturale steht? 

[1867. a 4.] 86 



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542 Süeung der phüos^-phiM. Ckase vorn 7. Daeniber 1867. 

erhaHen; nur die der Schakalscha: 222 ist vorhanden mit 
dem Beifügen: Betrag an Händen: 250. Von den Tuirscha 
fielen 742, Betrag an Händen: 790, Die nädiste Sarame 
6111 scheint sich auf die Maschawascha zu beziehen. 

Man sieht aus diesen Verlosten, dass die Schlacht bei Paari 
(ZTo^i^ bei Steph. ?) eine mörderische gewesen sein moss. Die Zahl 
der lebendig Gefangenen steht dazu in einem gewissen Ver- 
hältnisse: „218Lebu, die Weiber des verworfenen Häuptlings 
der Lebu» die er mit sich geführt hatte, lebendige weibliche 
Lebu 12. Summe der Gefangenen 9376. Wafifen und Fahnen, 
welche in den Händen der gefangen Eingeführten waren, 
Schwerter der Maschawascha: 9111.^^ Es folgt die ungeheure 
Zahl 120,214, die sich auf einen Theil der Beute bezieht, 
der in einer Lücke verschwunden ist. „Pferde, die das Eigen- 
thum des Fürsten der Lebu und seiner Söhne gewesen, 
wurden 14 Gespanne erbeutet.^' Den Schluss des Verzeich- 
nisses bilden 1314 Stück Grossvieh, Ziegen (zerstörte Summe) 
sodann 54 verschiedene Gefasse aus Gold ; an Silber, Kruge 
zum Trinken (Zahl zerstört); an Erz, Schwerter, Dolche, 
Kürasse und Schienen, verschiedene Geräthe: 3174, offenbar 
den Meeresvölkern angehörig, 

„Nachdem diese weggeräumt waren , legte man Feuer 
an ihr Lager und an das Zelt (qairmatiha — ?) ihres 
Herrn.** Den Schluss macht die schmeichelhafte Selbstbe- 
lobung des ägyptischen Pharao Meneptah: (ool. 70) „Die 
Lebu hatten Schlimmes gesonnen wider Kemi; aber siehe, 
sie sind gestürzt; ich tödtete sie und machte sie zu einem ' 
Wahrzeichen. Ich versetzte das Deltagebiet in Sicherheit 
und Frieden : es lieben mich die Bewohner, wie ich sie liebe, 
indem ich ihnen gewähre den Lebensathem. Es jubeln ihre 
Städte auf bei meinem Namen, als des Oberen der Länder, 
Man wird meine Zeit als eine glückliche preisen im Munde 
der Geschlechtej; der Menschen, gemäss der Grösse der 
Wohlthaten, die ich ihnen erwiesen. Und All dieses ist Wabr- 



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Lauth: Die Achiver in Aegyyten. 543 

heit dui'chatis." Die fünf letzten Coluinnen (73—77) ent- 
halten die Bestätigung des eben vom Pharao Gesagten aas 
dem Munde seiner Unterthanen. 

Das ist weit ausgeholt, wird mancher denken, um die 
Anwesenheit von Achivem in Aegypten zur Zeit des Pharao 
Meneptah wahrscheinlich zu machen. Der billig Urtheilende 
wird aber, abgesehen von dem sonstigen Interesse des In- 
haltes der historischen Inschrift, anerkennen, dass ohne einen 
Bolchen Znsammenhang der Beweis für meine neue^^) Thesis 
völlig in der Luft schweben würde. Was die Uebersetzung 
anbelangt, so möchte der Umstand, dass zu gleicher Zeit 
zwei Aegyptologen, einer zu München, der andere in Paris, 
unabhängig den nämlichen Text auf gleiche Art aufgefasst 
haben, jener noch immer bestehenden Zweit'elsucht endlich 
den letzten Stoss versetzen. Mit denjenigen, die sogar die 
Richtigkeit der gelesenen Völkemamen bezweifeln, will ich 
mich nicht aufhalten; sie haben es ihrer eigenen Bequem- 
lichkeit zuzuschreiben, wenn sie über die Elemente einer der 
wichtigsten Entdeckungen unseres Jahrhunderts auch jetzt 
noch in Unkenntniss verharren, w(f die gesteigerten Hülfs- 
mittel es jedem Wollenden ermöglichen, sich in einem halben 



14) In der bekannten Stelle von Platon's Timäus, wo Eritias das 
Gespräch des Selon mit „dem Kundigsten der ägyptischen Priester- 
schaft^^ erzählt, ist gesagt: oaa dk ^ naq* vfAiv ^ %j^d$ . . • • xaXoy 
9 l^iya yiyoviy, närta yeyqa^ifUya ix naXawv tJcT iariy iv toi^ h^oig 
xai Hiöioiffxiya. Das rgcTc bezieht sich auf Sulg^ in dessen' Naohbar- 
Bchaft Paali (Paali, I7<^A«;?) und der Neubau des Meneptah lagen, wo also 
der erwiesenermassen wiederholte Text ebenfalls angebracht sein konnte. 
Nimmt man noch die weitere Sage Über die Atlantis, Über die Inva- 
sion Aifvti^ und Evqtanm f^XQ'' TvQQtiyiag hinzu, besonders: nMa 
lAiy ovy v/Ä&y xai /ÄCyäXa f^ya r^ff noXtwg (Athens) TJcT« y^y^a/Äfiiya 
^avftaCtTUi — so wird man geneigt sein , darin geradezu eine Bestät- 
igung unserer Inschrift und der Anwesenheit der Achiver in Aegypten 
zu erblicken. Herr CoUega Christ hatte die Güte, mich auf diese 
auch sonst merkwürdige Stelle aufinerksam zu machen. 



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544 Sitzung der pkäoa.-phüol Clasne vom 7. Dezewiber 1867. 

Tage von der Sicherheit des ägyptischen Alphabets zu über« 
zeugen. Mögen sie also sich nicht mehr hinter der Maske 
der kritischen Zweifels verstecken dürfen! 

Ich habe mit H. Vicomte de Rouge die gleiche Ansicht 
in Betreff der vier Völkemamen Tuirscha, Schakalscha, 
Schardaina und Aqaiwascha^^) ausgesprochen, dass sie 
nämlich den klassischen Turs kern (lyrrhenern), Sikelern, 
Sardiniern und Achivern entsprechen. Die Mascha- 
wasch a hatte schon Brugsch mit den Md^veg Herodots, 
einer libyschen Völkerschaft, verglichen, üeber die Qafaaqa 
haben wir noch keine Anhaltspunkte iu den Klassikern 
gefunden; es müsste denn allenfalls der Name Kijv^^ den 
ein König von Trachin in Thessalien und später mancher 
Sclave in Rom geführt, hieher zu ziehen sein oder Caicns 
(Verg.)? Oder vielleicht Herodots (IV, m)Zavrjxeg? Wenn 
ich bei den Luka diesmal an dieLucanier (bosLucae) oder 
an die Ligurier (Ligys) dachte, während de Rouge sagt: 
^,nom qui designe probablement lesLyciens" — so ist die 
Entscheidung über diese Frage noch offen; die Luka Asiens 
habe- ich ebenfalls mif den Lyciern identificirt 

Es ist nicht der äusserliche Anklang dieser Völkemamen, 
welcher uns zu den betreffenden Gleichstellungen bestimmt 
hat, sondern der innere Zusammenhang des Textes, der den 
Schardana, Schakalscha und Aqaiwascha wörtlich die 
Herkunft Ton den Gegenden des Meeres zuschreibt. Ffir 
die ersteren wusste man aus andern Texten bereits, dass 
sie mit Inseln des grossen Beckens d. h. des Mittel- 
meeres in Beziehung stehen und darum hat auch H. Chabas 
in seiner meisterhaften Arbeit über den Papyrus Anastasi I 
die ^chardana mit den Sardiniern identifizirt. Abgesehen 
davon, dass unser Text auch die Varianten Schardina und 



16) In meinem Aufsätze der Z. d. DMG habe ich dabei auch an 
AequuB erinnert. 



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Lauth: Die Achter In AegypUn, 545 

Schardaina liefert, stimmt Schardana zu dem homerisoben Caq* 
idvMV mid zu ]"11U^. Sollte f&an in Betreff der beiden andern 
das kritisch sein sollende Bedenken vorbringen, dass in 2iiteX6g 
und *Ax(uf6q die Endung og nicht zum Stamme gehören 
könnei so. erinnere ich an den sichern Namen Ntari wusch 
=r JixQcTog, wo das grichische og ebenfalls einer wurzel- 
haften Stammsylbe entspricht. Das Digamma in *A%aip6g 
anlangend, so wird es schon durch die lateinische Form 
Achivus verbürgt. 

Endlich dürfte selbst der Accent dieser beider Völker* 
namen einen Fingerzeig enthalten, da^ die Endsylbe als 
Stamm mit eigener Bedeutung gefasst wurde — und die 
ägyptische Schreibung beweist jetzt, dass in älterer Zeit diese 
Endung wie osch d. h. mit der Geltung des dorischen 
Oav^^) (schin) ausgesprochen wurde. 

Was ferner den umstand betrifft, dass die Aqaiwascha 
von den Gegenden des Meeres herkamen, so lässt sich diess 
ebensowohl auf eine Insel, als auf ein Küstenland beziehen: 
die Bezeichnung Peloponnesus, die „Pelops-InseP^ die Lage 
der Landschaft Achaja am korinthischen Meerbusen, die 
Anwesenheit von Achajem auf Ithaka, wie an der gegen- 
fiberliegenden Küste, endlidi die Ausdehnung der Benennung 
Achaja auf ganz Griechenland unter der römischen Herr- 
schaft — alle diese Einzelheiten, auch von Homer's Gebranch 
der *Axaipot abgesehen, fuhren auf den Schluss, dass Aqai- 
wascha ein uralter Name für einen zahlreichen hellenischen 
Stamm gewesen. Während aber Javan und Dan&os sich aus 
dem Aegyptischen ohne Zwang, sogar mit einer gewissen 
Nothwendigkeit als „die hinter den Wassern'^ und als „die 



16) H. de Rongö brauchte die Belebmng über den „son ohoin* 
taut** des dorischen cäy nicht erst ans Lenormants Preiswerk zu 
flutaelunen; das Wesentlichste darüber sieht schon in meinem üni- 
versal-Alphabete p. 67 vom Jahre 1865. 



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546 Sitzung der phihs-phüol. Ckase vom 7, Deeemher 1867, , 

Ausländer (tanaa)'* erklären, widersteht der Name Aqai* 
wascha einer Herleitung aus dem Aegyptisclien. Wir haben 
daher die Etymologie dieses Namens auf griechischem Boden 
selbst zu suchen. Hier bietet sich der Stamm aiyuxXog^'^) 
Compos. von aXq (die Salzfluth) mit der Bedeutung „Ufer, Küste*^ 
ziemlich ungezwungen dat, und da es nach Herodot (VIII, 
94) lleXaayol cdyiaXäsg gab, so wäre ihre Verwandtschaft 
mit den Achäern wahrscheinlich gemacht und wir bekämen 
für beide die Gesammtbedeutung „Küstenbewohner". 

Vielleicht verhilft uns diese, allenfalls pelasgisch zu 
nennende Wortformung zu einer befriedigenderen Etymologie 
des bisher so räthselhaft gebliebenen Namens der Pelasger 
selbst. M;in hat sie in dey Pulista der ägyptischen Texte 
finden wollen. Allein diese entsprechen denn doch eher den 
Philistera {^vha%6i^\ und der angenommene Wechsel 
zwischen t und g (T, r), wenn er auch paläographisch leicht 
zu erklären wäre, ist sonst durch Nichts belegt. Auch hat 
der Pulista (Brugsch Georgr. II Taf. XI, 26) eine Kopf- 
bedeckung (Federkrone), die nur bei semitischen Stämmen 
getroffen wird. Es sieht Pelasgos doch ziemlich griechisch 
aus und wenn wir auch die Spielerei der Alten, welche den 
Namen dieses Volksstammes wegen seiner Züge in die Ferne 
mit neXaqyoi „die Störche'* (schwarz-weiss) zusammenbrachte, 
nicht weiter beachten, so drängt sich doch pelas „nahe" 
mit fast unabweisbarer Nothwendigkeit auf. Die neuere Zeit 
bietet ein Volk, dessen Namen auf den nämlichen Stamm 
zurückgellt: die Preussen. Sie sind nicht, wie man weg^n 
des lateinischen Borussia gemeint hat, die an Rnssland 
grenzenden oder unter Russland stehenden, wie Pomerania 
von po und mor „am Meere*" vgl. des celtische Armorica — 



17) Herr Gollega Chriflt denkt an sanskrit Sghavyfe, „Strtit, 
Kampfruf. 



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[Lauth: Diejichiver in Äegypten, 54Y 

und Morea, den slav. Namen des Peloponneses — sondern nach 
nnseres gründlichen und nach seinem Tode besser anerkann- 
ten Landsmannes Zeuss Ansicht von dem slavischen prus (vgl. 
plesion) „der Nachbar" abzuleiten. Aehnlich mögen die 
Preussen des Alterthums, nämlich die Pelasger, ihren 
Namen von der Nachbarschaft am Lande der Achiver er- 
halten haben und die Lautverhindung Oy eben jener breiten 
Aussprache des oäv als Ueberbleibsel zu danken sein. 

Dem sei indess, wie da wolle: wie ich in meinem Pro- 
gramme ,,Ho^6^ und Aegjpten" weder die Phaeaken noch 
ihr Land (nicht Insel) Scheria {Ox^Qog = xäQQog^ X^QOog 
trocken) mythisch gefunden, sondern in Epirus, dem Festlande 
xor' i^oxilv mit Bezug auf das platanenblattfSrmig gespaltene 
peloponnesische Griechenland, wieder getroffen habe, so sind 
mir die Pelasger kein mythischer Name, sondern ein wesen- 
haftes, den Hellenen benachbartes, und vielleicht für ihre 
Sprache und Cultur vorstufiges Volk, dessen Existenz nicht 
später als die der nunmehr monumental erwiesenen Aqai* 
wascha zu setzen ist. 

Hr. de Rouge bemerkt zu col. 60, dass die letzten 17 
Golumnen ihm an Ort und Stelle wie eine Restauration aus 
späterer Zeit erschienen seien, woraus sich die leeren Stellen 
erklären würden. Sicherer ist, und aus Dümichen^s pl. I A 
mit fünf oben nicht zerstörten Columnenanfangen, die den coli. 
37 — 41 entsprechen, ersichtlich, dass ein Duplicat des Textes 
in Karnak selbst existii-t hat. Ja ein.Dichter jener Zeit hat uns 
im Papyrus Anastasi H pag. 3, 4 anter andern die Verse 
geliefert: „Die Lehn stürzen von seinem Schlage -\- sie werden 
getödtet von seiner Schneide.^' pag. 5, 2: Die Schardana 
fuhrst du her durch dein Schlachtschwert :- es züchtigt sie 
das Volk der Mähautu (Beduinen, ähnlich den Gensdarinen 
Mazaiu lin. 2 und den Naruna (Recruten) des Textes) — 
„Gar erfreulich ist dein Kommen nach Theben —.- %v\\xwr 
phirend wird dein Wagen gesogen von Händen — die Hänpt* 



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5^B SiUvng der pkaQi,-phiU>l, CUute vom 9. Difember 1867. 

ÜDge wandeln gefesselt vor dir her -^ da fiihreBt sie vor 
deinem Vater Amoa." 

Ist es nun zufallig, dass Herr Vic. de Rouge in seinem 
Ajrtikel auf diese nämliche poetische Production verfallen ist» 
wie ich in meinem zu Ostern nach Leipzig eingesend^en 
Auf satze, worin ich noch ein weit^*es DupUcat (Pap. Anast. IV, 5) 
aufgezeigt habe, zum Beweise, dass der zu Theben ange* 
schriebene Sieg des Meneptah über die Libyer und die mit 
ihnen verbündeten Schardana, Schakalscha, Tuirscha, Aqai* 
wascha, Mascha wascha , Leku und Qahaqa von den Zeitge- 
QMsen anerkannt und dichterisch besungen wurde. 

Wie? wird Mancher denken, konnte man hieroglyphisdi 
oder hieratisch^') dichten?! Unglaublich I und doch verhält 
es sich 80. Je zwei durch rothe Punkte in dem Papyrus 
unterschiedene Halbverse bilden einen Gedanken und da der 
Hexameter, ohnehin durch die Hauptcäsur in zwei Stüdce 
zerfallend, in alten Schriften wiricUch zweitheilig getroffen 
wird, so wäre am Ende anch diese Blüthe der klassischen 
Sprache aus ägyptischem Boden erwachsen? Dieser Oediuoke 
lHaBt sich nicht gerade desshalb abweisen, weil man bisher 
noch nicht darauf verfallen war. 

Die oben dargelegte Inschrift des Menq>tah wird auch 
noch in anderer Beziehung, abgesehen von der Gleidiung 
Aqaiwascha = ^^xcufdg ^^^) von hoher Wichtigkeit ab 
geschichtlicher Hintergrund des trojanischen Krieges« 
So z.B. für den bekannten Schiffskatalog derllias (B494 
sqq.) Es ist nicht zufällig, dass die Reihe durdi die 
Boeoter eröAiet wird; denn es heisst v. 496: 



18) Mit Kamen „qoas versa dioere non est" (Horst.) 

19) Die in der Inschrift des Meneptah aufgeführten Beinschienen 
gehören vennuthlich zu den Aqai wascha und hestätigen an£i Schönste 
Homers t^xrnfu&nc jij^tciovf. Kommt einmal eine bildlich e Dar* 
Stellung SU Tage, so darf man sicher sein, auch seine nä^ti tffU" 
•Hfftic mnd x^^f'^X^^^^^f illistrirt xu sehen. 



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Lauih: DU Äekiver in Äe^yptm. 549 

oV ^^ Yfftrjv iväfMovtQ mi Avlida mt^T/J^aOav. In Anlis 
war aber der Sammelplatz aller Schiffe and von da lief 
die vereinigte Flotte za ihrem Unternehmen aas. Die fünfzig 
Schiffe der Boeoter mit je 120 Mann (also im Ganzen 6000) 
scheinen sogar einem aothenthiscfaen Verzeichnisse entnommen 
za sein, welches zu Aolis vor Antritt der Fahrt alle Sdiiffe 
omfSasste. Die Zahl 6000 stimmt za den analogen Ziffern 
der Contingente der libyschen Gonföderation and ihre spe- 
zielle Angabe gerade*^) bei den Boeotern and bei Achil- 
leas (II, 168—170:50x50) dürfte ebenfalls anf Aulis als 
die Qaelle des Katalogs hinweisen. Daher die Ueberschrift : 
BouSxsitt f] xatäXoyog vcmv. Die zanächst folgenden Völker- 
stämme: Orchomenier, Phoker, Lokrer, Euböer etc.**) 
bestätigen diese Annahme, dass Aalis, wie der Aasgangs- 
pankt für die Fahrt nach Troja, so anch der Ursprang des 
Sdiiffiskatalogs gewesen. 

Noch eine andere Erwägung dfirfte gerade die später 
wegen Zurückbleibens in der Cultur so oft bespöttelten Boe- 
oter als Urheber dieses Verzeichnisses empfehlen. Es ist 
bekannt und ausgemacht, dass die Griechen ihre Buchstaben 
YdäiA/uxta g>oivixrjHa und xaiiifjXa (Herodot.) auch q>owCiua^ 
g>oiwtxtxä, wegen der durch den Phöniker Kadmus geschehenen 
Uebermittelung genannt haben. Auch zeugt die Paläographie 
selbst für diese Thatsache. Wenn bisweilen die Benennung 
Y^äfA/Accva nsXaffytxä vorkommt, so steht diess im schönsten 



90) Auch bei den sieben Sohifien des Pbiloklet t. 719, wo je 60 
i^tm$ sQgleioh ak BogentdiOtzea erwähnt sind. Thnoydid. I, 10. 

m) Wem die öfter (sehnmsl) vorkommende Zshl 40 wegen der 
biblitohen nnd erabitchen arbainat(40) verdftehtig ist, der bedenke, 
ÖBM die 1186 Sdiiffe, doroh die 29 Sttaune dividirt, gerade die Parch- 
MbnittisahliO ergeben. Thaoydid. 1, 10 bat 1200, was aber bei ds» 
dann noibwendigen Divisor 80 wieder die DnrohsobnitUsahl 40 blank 
srgibi. Somit wire das gesammte Grieehenbeer etwa 60,000 Mam 
stark aninnebmen. 



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550 Sitzung der phOos^-philol, Gasse vom 7. Besemher 1867, 

Einklänge mit der Vorstufigkeit der Pelasger in Bezug auf 
die Griechen und mit ihren speziellen Wohnsitzen in Dodona 
und Epirns (Scherie), wie ich sie oben wahrscheinlich gefun- 
den habe. 

Eine schöne Entdeckung vonBrandis**) über die sieben 
Thore Thebens fügt ein neues Glied in die Kette der Bewebe. 
Dieser Forscher hat nämlich nrit siegreichen Gründen dar- 
gethan, dass die sieben Thore Thebens,*') wie die sieben 
Mauern von Ecbatana und der siebenstuöi^e Baltempel Ba- 
bylons (Herodot I, 98, 181), nach den fünf Planeten mit 
Sonne und Mond gebildet und benannt waren. Dadurch 
erhält die Deutung des Namens KdSfiog^ von Dlp. der Orient, 
eine nicht unerhebliche Bestätigung und Buttmann's Ver- 
muthung, dass in der Sage von Kadmus und Europa (2^)2 
Abend cf. ^geßog dunkel) uralte Beziehungen zwischen Morgöi- 
und Abendland enthalten sind , wird dadurch wesentlich 
empfohlen. 

Wenn daher Aeschylos in seinem Stücke irtrd sttI 
&iijßag Y. 159 — 165 mit dem ^ÄTröXXmv die juaxfi^* ävaooa 
*'Oyxa als Hauptschutzgötter der siebenthorigen Stadt an- 
rufen lässt, so erhält diess jetzt einen vollgültigen Sinn, seit- 
dem uns die ägyptischen Denkmäler die beiden Gottheiten 
Baal und Anuqa**) als speziell phönizische wie bei (Pau- 



22) Zeitschrift Hermes II, 2 1867 — Vergl. Allgemeine Zeitung 
Beilage Nr. 282, 9. Oct 1867. 

23) Cf. II. J 378 Uqd nqo^ rtCx^a e^ßTjg, Dass die '^yxa U^va 
der Venus (Freitag) entspriobt, ist um so sicherer, als die ägyptische 
Yenns, nämlich Hathor, geradezu auch mit der Anuqa identificirt 
wird (DömiohenRecueillV, XXXVI, 12 b, unmittelbar hinter /Lnatha.) 

24) Diese vom Auslande in. das ägyptische Pantheon frühzeitig 
aufgenommene Göttin bildet als *'Jyovxtf mit der JSart^ und dem 
XvovpH (Kneph, Chnnm) die Triade der Katarakten ; auf dem Thier« 
kreise Ton Denderah habe ich 'die Annqa sweimal ak Wasserfrau 
getroffen. 



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Lauth: Die Äehiver in Äegypten, 551 

sanias) kennen geldbrt haben. Ersterer ist sogar, wie ji-TröXr 
2mv (n oder N sem. Artikel) mit dem bestimmten Artikel 
versehen: Pe-Baal*^), und letztere erscheint mit einem eigen- 
thümlichen Kopfputze, den man die Philisterkrone genannt 
hat, weil die Abbildungen der Chanaaniten sie aufweisen. 
So viel über den phöni zischen Ursprung gewisser 
Einrichtungen im kadmeischen Theben. Da nun jedenfalls 
der Zug der Sieben gegen Theben vor die Troica fällt, so 
lässt sidi das Dasein schriftlicher'^) Verzeichnisse, also 
auch die Möglichkeit und Wirklichkeit eines geschiiebenen 
Schitfskatalogs für diese Zeit recht wohl begreifen — um 
80 mehr, als uns die ägTptischen Denkmäler dieser und viel 
älterer Zeiten nicht nur Schrift in Ueberfdile, sondern auch 
bildliche Darstellungen zeigen. Besonders will ich hier 
noch der Pulista mit ihrer Federkrone, die auch die Da n- 
au na tragen — und der Schardana*^) erwähnen, welche seit 
Sethosis I als Gefangene oder als Bundesgenossen in pitto- 
resker Tracht auftreten. Es verdient gewiss Beachtung, dass 
auch Vicomte de Rouge den Verso des Papyrus Anastasi II, 
wie ich selbst in meinem Aufsatze für die Zeitschrift der 
DMG, auf diese Tracht bezieht. Der Text besagt: „Die 
Schardana des grossen Beckens, welche zu den Gefangenen 
seiner Majestät gehören, sind geschmückt mit Waffen allerlei, 
in den Hallen ; sie bringen die Tribute an Getreide und ent- 
laden den Inhalt ihrer Gespanne.'* Ihr Helm gleicht einer 
Pickelhaube, nur dass er oben zwei lunulae zeigt und in eine 



. 26) DQmichen Hist InBch. Taf. XXIV col.48; Taf. XIX col. 88, 
84 sind dem Baal die Ctöttinen Anatha ^Aydlx^i^ und Astartha 
(^Acxdqxri) beigesellt. 

26) Der Vers Ilias B, 340 iy nv^ <fj} ßwXai n ytrUaro fi^diä 
T* (iwdq&y lässt sich kuoh auf geschriebene Beschlüsse deuten (?) of. 
J 158: aXiov niXi^^ als Erläuterung hieso. 

27) Vergl. Brugsch Geogr. II, Taf. IX und X. 



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562 SiUung der pMoB.-phüoL Clane wm 7. Degember 1867. 

Scheibe oder Kugel, statt in eine Spitze ^ ndigt. Das Sdiwert 
ist pyramidal geformt, der Schild mit (11) Buckeln ▼ersehen 
und die Gewandung nicht gar einfach, sondern dnrdi Streifen 
Linien und Punkte gegliedert. Langen Bart und Locke zeigt 
das Bild des Mascha wascha (Mä^vsg Herodot IV, 191), 
während das des Tuirscha (Thiras D^O, Tursce, TV^- 
Ofjvot)^^) bartlos und ohne Locken erscheint. 

Wenn daher von den euboeischen Abantes IL B 542 
gesagt ist, sie seien omd^sv xo/Aoeavteg gewesen, so findet 
dieser Zug, sowie ähnliche andere, die sich auf Besonderheit 
der Tracht und der Bewaffnung beziehen, nunmehr seine 
Tollgültige Erklärung in den ägyptischen, treu porträtirenden 
Darstellungen der auswärtigen Völker und braucht daher 
nicht gerade als ein poetischer Schmuck angesehen zu werden. 
Liess ja doch Hamilton den Homer seine Schlachtberichte 
geradezu nach den ägyptischen Darstellungen gestalteul 

Der griechischen Conföderation steht die trojani- 
sche feindlich gegenüber. Es gereicht mir zu besonderer 
Geougthuung, auch in diesem Betreffe constatiren zu konneui 
dass Vicomte de Rouge gleich mir, und ebenso unabhängig, 
auf die Gleichung Dardani = Jdqiccvo^^ die Yon Brugsch 
(Geogr.) noch ausdrücklich verworfen wurde, gekommen 
ist,'*) nicht aber wegen des verführerischen Gleichklangest 
scmdem gestützt auf die Inschriften und Texte, namentiidi 
das Gedicht des Pentaur über die Grossthat des Ramsea II 
Sesostris, welcher die Gheta und ihre Verbündeten bd 
Qadesch besiegte. In dieser grossen vorderasiatischen Con- 
föderation erscheinen neben den Dardani auch die Pidasa 
{nHiaoog), die Leku (Lykier), die Tekkaru'*) {Tsmfot)^ 

28) Bmgsch l a 

39) Revua «reh. Aogast 1867. 

80) Auch Tekari geacbriebMi (Bmgteh Geogr. II, Tau XI Fig. 25X 
Sie tragen die Philister kröne, und erweisen lioh dadurch als 
StammetgenoMen der Pulieta (^Ai#r<^). In der Thai wfirde ihr 



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Lauth: Die Ächiver in Aegypten. 553 

die Mausa {MvooC) und einige andere, noch nicht identifi- 
cirbare oder hieher gehörige Völker. Die Analogie gebietet 
demnach, auch in den Versen des Ilias (B 816— 877), welche 
die Troer und ihre fremdsprachigen (IL B. 804) Bundes- 
genossen behandeln, nicht blos die Möglichkeit, sondern 
auch die Wirklichkeit eines geschichtlichen Kernes anzuer- 
kennen. Der Ort, Wo die Troer und ihre Verbündeten sich 
aufstellten: BatCs^a ((yq/Jia noXvOxäqd-iAOio MvgCvrjg^^) in 
der Göttersprache) hat einen durchsichtigen Namen. Er 
bedeutet eine dornichte Höhe, wie üitifeia (y. 829) eine 
mit Fichten bewachsene. 

Auf die Frage: wie es komme, dass auch auf troja- 
nischer Seite üeXaOyoC (B 840) erscheinen: dass TsvxQog 
auch ein griechischer Name ist, dass der hellenischen ^EXivrj 
auf trojischer Seite ein '^levog entspricht — kann hier nicht 
eingegangen werden. Nur so viel möchte zu bemerken sein, 
dass, sowie uns da« kadmeische Theben eine Amalgamation 
pfaönikischen und pelasgisch - griechischen Wesens darstellt, 
60 auch analog Pelasgerin Vorderasien ihr Larissa {Aäqtöa 
B 841) gründen und zu den Dardanern in das Verhältniss 
von Bundesgenossen gerathen mochten. 

Habe ich durch die bisher ermittelten Symptome die 
Geschichtlichkeit mancher Angaben der Ilias darzuthun ge- 
sucht, so erhält der trojanische Krieg selbst dadurch 
einen historischen Boden von ziemlicher Mächtigkeit. 

Schon die Alten betrachteten, wie Herodot I 1 — 5 aus- 
führt, den trojanischen Krieg unter demselben Gesichtspunkte, 



Käme regelrecht aus *13J mas, ä^^^t^ entstehen oud die „Männlichen'* 
oder „Martialischen'* bedeuten. Diese eigenthümlicke Kopfbedeckung 
erklärt uns das xo^v^kIoXo^ '^xtw^ besser, als die bisherigen lieber- 
sateungen: „helmbuscfasch&ttelnd** und „cristatns**. 

81) Man vergl. den Hügel n'HtD Morijah mit dem Salon onisohen 
Tempel, wenn auch nur zu mnemotechnischem Zwecke. 



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554 Sitzung der pJulos.-phüol, Glosse vom 7. Deeember 1867, 

wie den Raub der Jo durch die Phöuiker (Punt-Poeni, 
Punier), die Entführung der Europe durch Hellenen, 
(Kreter?) — vergl. oben Kadmus und Europa — den Zug 
der Argonauten nach Kolchis unter Jason, um das goldene 
Vliess und die Mijdeux zu holen; auch in der Sage über 
^qC^og und ^AAi; scheint eine alte Beziehung zwischen Phry- 
giem und Hellenen angedeutet zu sein. Der pragmatisirende 
Thycydides I 1 — 12 hebt das Seeräuberwesen des alten 
Hellas gebührend hervor und erklärt ziemlich nüchtern die 
lange Anwesenheit der Griechen auf trojanischem Boden 
(c. 11) unter andern auch daraus, dass sie sich nq6g yetof- 
ylav rqg Xc^^ovijoov tqanöiuvoi Ttal XjjOteiav nicht mit 
aller Gewalt auf die Troer warfm, wesshalb diese ihnen zehn 
Jahre Widerstand leisten gekonnt. Vergleicht man hiemit 
Verse wie IL r 72, 93, 255 etc. 

StijlAa&^ iXiüV SV nävTOy yvvalxä %€ oXxai^ dy4o^m — 
so fühlt man sich versucht, die "EX^rj selbst als eine Per- 
sonification des Raubes (ßlstv) aufzufassen und den Namen 
ndqig von np „der Trenner"'*) zu erklären, wie Hero- 
dot I 1 die Phöniker nach persisdier Quelle als t^^ i^a- 
g>0QfJg altlovg darstellt. Daher ruft Hector F 86, 87 
xäxXvrä fuv^ TQoieg xal ivxvijixideg U%mj:o(^ 
/Av&ov UXs^ävfQOto, Tov sTvexa vetxog oqmQsv. 
und Menelaos spricht V 100: ^AXsidviqov Svsk" asijg^ 
wie auch Helena Z 356. Näher scheint mir auf die Etymo- 
logie des Namens angespielt zu sein in den Versen F 321 sqq: 



82) AuB dem Semitischen würde sich auch J^c/f^ioVi;; , der p6^os 
vlog des UqittfAQQ U 788 erklären; denn gebar (*lt3a) bedeutet Held 
nnd wird das Wort im Texte Ramses HI Kepur geschrieben (yergL 
Apria = 'EßQaPot). Demnach soheint Homer U 751 in K§p^i4r$ 
niftoi Namen und BedeutuDg nebeneinander ta geben. 



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La$itth: Die Äehiver in AegypUn, 555 

6nn6v€Qog xdds Sfya )u«t* dfAqxyfäQo^aiv i-^xsv, 

%6v idg dno(p^ifA€VOv dvvai d6(Aov **A'idog eiom — 
womit nur Paris gemeint sein kann, um so bemerkens- 
wertber, als diese Ansicht den Achäern und Troern ge- 
meinschaftlichbeigelegt wird, wie auch 2^455 Jcov ydq Oipiv 
näOiv dn/jx^^o ^(fi lAsiMlvjj. 

Paris ist eigentlich nur eine menschliche Nachbildung 
der *fe^*^, wie sie besonders A 73 sqq. erscheint (Vergl. 
<I> 359, 360); F 100: rfv^x' iju^^ iq^dog xal "AXa^dviißOV 
Svex ätrjg. Wenn wir nun gegenwärtig in der oben behan- 
delten Inschrift des Meneptah ähnliche Verhältnisse berichtet 
finden: einen Raubzug ausgeführt von einer Conföderation 
verschiedensprachiger Stämme {aXkrj rf' dXhov yXcSoah tto- 
Xvan^qäwv dv&QoSncov IL B 804) mit eigenthfimlidier Phy- 
siognomie, Haltung, zum Theil pittoresker Kleidung, Be- 
waffnung; wenn gesagt wird, dass sie, wie zu bleibender 
Niederlassung ihre Frauen und Kinder mitbrachten (U. K 
420 heisst es von Bundesgenossen der Trojaner, offenbar 
im Sinne einer Ausnahme: 

ov ydq Cg>iv naXdsg 0%€dSv sVcctai ovdk ywatxeg — ) 
wenn, wie natürlich zu erwarten, die Besiegten, soweit sie 
nicht getödtet waren, sammt ihren Weibern und Kindern 
gefangen genommen und als Sciaven behandelt oder ver- 
kauft wurden — wenn der ägyptische Pharao bei Nennung 
seiner Feinde niemals vergisst, beschimpfende Beiwörter zu 
gebrauchen, die aus analogen Vergleichen hergenommen 
sind, wie die Schimpfreden der homerischen Helden: so 
bildet dieses Gemälde, in welchem ebenfalls Schiffe figu- 
riren, einen Hintergrund für die trojischen Ge- 
schichten, wie er zu der Erklärung Homers nicht besser 
herbei gewünscht werden kann. Ich habe mich schon in 
meinem Programme: „Homer und Aegypten'^ p. 6 gegen 
die Sucht, die homerischen Völkernamen als mythische 
hinzustellen, offen ausgesprochen. Die dort angeführte Be- 



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&56 SiUmg der i^MöB,'phiM, Chsse twfi T, Dezember 1867, 

merkung von Amei« ra v 383: „JwötAm^, mytMscher Name 
einer Völkergchaft, dfe einen berQciitigteil Sclavenhandel 
t^ieb" — veranlasst mich, an den Sikelem noch etwas dns- 
fQhrlicher zu zeigen, dass Homer acht geschichtliche Volker- 
nftmen äberüefert. 

Dass die Siculer vor der nach ihnen benanuten Insel 
einen ziemlichen Theil des hesperischen Festlandes bewohn- 
ten, wissen wir aus Thucydides, welcher meldet, dass sie 
vor ihrem Üeberschreiten der Meerenge (300 Jahre vor der 
Ankunft griechischer Colonien auf Sicilieu) und noch zu 
seiner Zeit, Italien bewohnten, wo sie Spuren der ursprüng- 
lichen Anwesenkeit ihres Stammes gelassen hätten. Der 
Betrieb des Sclavenhandels, welcher ihnen nach Homer") 
nicht abgesprochen werden kann, setzt eine Seemacht vor- 
aus. Wirklich erscheinen sie im Texte des Meneptah mit 
den Schardana und Aqaiwascha als Völker, „die gekommen 
von den Landein des Meeres**, womit augenscheinlich 
Küstenstriche gemeint sind. Waren sie diesmal gegen 
Meneptah in ihrem unternehmen unglücklich — 222 abge- 
schnittene Phallus und 250 ditto Hände bezddmen ihren 
Verlust an Todten; — die Zahl der aus ihren in Gefeingen- 
schait und Sklaverei gerathenen steckt in der Gesammt- 
summe 9376, sowie ihre Waffen auch gemeinsdiafUich mit 
der übrigen Beute aufgefühi-t wird — so konnten sie ein 
ander Mal Erfolg haben und selbst Schlaven und Schätze 
erbeuten. Wir treffen sie wirklich wieder unter BamsesIU. 
unter der angreifenden Coalition, leider wieder ohne Zahl, 
doch mit Abbildung. Was nun den Namen betrifft, soist Scha- 
kalscha mit Sixsldg leicht zu vereinigen , wenn man das 
Vage des ägyptischen a — es ist = 6 im Namen der 
KXBondtqa — und die von mir frühzeitig entdeckte Gelt- 
ung des altgriechischen Gdv = seh fiberlegt. Dieser breite 



88) Cf. Ottlr. Muller £tru8ker p. 10. 



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Lau(h: Die Achiver tu Äeffffp$en. 557 

Zischlaut, den die altorthfimlidien Darier am längsten bei- 
behieltad und der noch heute bei den Palikaren von Aeolien 
gehört wird, ist, wie ich nachgewiesen^ auch palaeographisch 
aus dem ägyptischen seh ei entstanden, wie nicht minder 
das semitische uf. Dieser breiten Sibilante schlägt "im 
Aegyptisdien gewöhnlich ein a nach, das, nach Mascha* 
wascha = Mä^vsgj zu schliessen, nicht nothwendig lautirt 
werden muss. Es könnte aber auch, wie so häufig, nur 
eine graphische Metathesis für Schakelasch sein, womit 
man dem JkxsXog (man bemerke den Accentl) bedeutend 
näher kommt. Dabei bemerke man, dass der Schakalasch 
(Brugsch Geogr. II. p. 85) ganz dieselbe Federkrone trägt, 
wie der Pulista, Tekuri, und Daanauna, deren semiti- 
sches Gepräge augenfällig ist (Gf. Daneon portus maris 
rubri bei Plinius VI c. 29). Für den semitischen Ursprung 
der Sikeler spricht auch Sicania (vgl. Sicca Venerea = 
Succoth benoth) nach den Höhlen nl3P, welche jetzt noch 
bei Syraeus zu sehen sind (Seume Spaziergang p. 232.). 

Welcher Sprache dieser Name angehört, ist demnach 
ziemlich leicht zu beantworten. Beachtet man den gleichen 
üebergang der Vokale, wie er in ofylog aCxXog siclus im 
Vergleidie zu JixsXög, Siculus, vorUegt, so ist man fast ge- 
nöthigt, Schakalscha mit dem semit. b\>\ff Schekel zusammen- 
zustellen. Dieser Name eines Gewichtes yon V* Loth oder 
eines Werthes von dem tevQddQax(iög^ stammt von der 
Wurzel Schakal „wägen*' was für ein handeltreibendes 
Volk eben keine unpassende Benennung abgeben würde. 

Da uns unser ägyptischer Texji auch das Prototyp, von 
Tursce an die Hand gegeben hat, so wird es nicht überr 
flüssig sein, etwas bei diesem Namen zu verweilen. Die 
Tuirscha'*) verloren in der Schlacht von Paari 742 Phallus, 



84) Das 8 ha anlangend, vergleiche men das Rexuscha = 
Rezns bei Monmisen: ünteritalisch. DialL p. 6. 
[1867. IL 4.] 87 



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S68 SiUung der fi^ihsrpMlcl Ola$8e wm 7. Dezember 1867. 

790 fläojde und eine eatsprecheiide Anzahl Gefangeoe. Es 
heiBst von ihnen, dass sie von den Ländern des Meeres ge-; 
kommen, dass sie den ganzen Krieg begonnen und ihre 
Weiber and Kinder mitgebracht hatten. Anf dem Schladrt- 
getbälde von Ramses UI. hat der Tuirscha eine feine, 
geradfvtehende Nase, langen Spitzbart; sein Helm gleidit 
den etrudrisohen Casketen, nur ist er etwas höher nnd spüi- 
zulaufend. 

Schon hieraus ddrfte erhellen, dass die Tuirscha den 
tyrrhenischen Pelasgern entsprechen) wie Ton Ott! 
Mfiller und Lepsius schon längst behauptet worden ist. Da*- 
mit wird zugleich die alte Etymologie etwas bestätigt, 
wekhe diesen VoUfisnamen mit turris svQü&g Tharm m- 
sammenbrachte, weil die Tursker frühzeitig mit Mauern 
und Tkürmen befestigte Städte gründeten und bewohnten. 
Diese Gleichstellung verhiift uns vielleicbt zu der früher ^') 
ecken von mir ausgesprochenen Ueberzengttng , den die 
Tursker Indogermanen , also die etruskischen Inscbriftea 
demgemäss zu erklären sind. Indess, w^ui audi solche 
sprachliche Vergleichungen noch zu wünschen iibrig lassen, 
so werden ans dodi Texte der ägyptischen Denkmäler, wie 
der des Meneptah, zu einer ungleich besseren EenntmsB des 
Bealeu im Alterthume und bm den Klassikern Terhelfen, 
als sie mit den bisherigen Mitteln zu erreichen war. Möge 
Vorstehendes zu weiteren Forschungen auf diesem grossen 
Gebiete anregen. 



85) „Die Gebart der Minerva auf der Cospianiscben Schale'' 
Progf a mm des Wilhelms-Gymnaaiiiin« in Miknehen 1B52. 



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e. Mofüm: B^ir^Lg» mr Elhnogva^Me etc, Ämenka*8, 668 



Mathematisch-physikalische Olasse. 

Siizuiig vom 7. Dezember 1867. 



Der GlaBsensecretär Herr Geheimrath v. Martius 1^ 
der Qlasse seine: 

jfBeiträge zur Ethnographie und Sprachen« 
kande Amerika's, zumal Brasiliens^' 
Tor, und bemerkt nach Anderm Folgendes: 

Bei mir war durch die Ebrfahining von der ansser« 
ordentlichen Zersetzung und Vermischung der amerikanisdien 
BeiFölkerung die Annahme gewaltiger Katastrophen voibereitcit 
worden, welche gegenwärtig ihre Bestätigung in den merk* 
würdigen antiquarischen Entdeckungen in Guatemala , Hoa« 
duras und Mexico findet Die neuerlidi gewonnenen Thatsachen 
soheinen die Hypothese zu rechtfertigen : dass die Amerikaner, 
als ein grosses Ganze aufge&sst, sich dermalen bereits nicht 
blos in einem secundären sondern Tielmehr in einem tertiären 
Zustande befinden. 

Da anthropologische Resultate, dergleichtti Torzugsweise 
in den Bereich der mathematisch-physikalischen Glasse fallen, 
bttt meiner ethnographischen Darstellung nothwendig in den 
Hintergrund treten müssen , so wage ich nicht ausfuhrlidier 
i9ber meine Arbeit zu referiren. 

Nur das Einzige sei mir erlaubt hi^ noch auszufuhren, 
dass mir die Tupi-Sprache , welche g^enwärtig, mehrfaltig 
abgewandelt, zu einer Lingua franca geworden ist, ein Mittel 
aQ die Hand gegeben hat, yiele sogenannte Völkerschaften 
(Na^oes) als das zu erkennen , was sie in der That v sind, 
•ämlicfa einzelne Familien oder kleine Gemeinschaften, die 

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560 SiiMung der math-phys. Classe vom 7. Dezember 1867. 

ohne eine abgeschlossene, ihnen eigenthüm liehe Sprache, in 
beständiger Vermischung mit Andern und in einem fort- 
währenden Umguss der Leiber begri£feD, in ihren Sitten und 
Gebräuchen aber zu einer gewissen Gleichförmigkeit mit vielen 
andern nivellirt sind. 

In vielen Flussgebieten, deren jedes seine Natureigen- 
thümlichkeiten hat und dadurch das Leben der Indianer 
beeinflusst, haben sich die Nachbarn zu einer gewissen Ge* 
meinschaft zusammengelebt, und werden desshalb auch oft 
als ein grösserer und mächtiger Stauim mit einem Namen 
bezeichnet, so z. B. die Pamauris oder Purupurus am Pnruz, 
die Arinos und Guaupea an den Flüssen gleichen Namens. 
Sie sprechen aber nichts destoweniger in jedem Gau, im 
Gebi^ eines jeden Nebenflusses einen mehr oder weniger 
verschiedenen Dialekt (oder richtiger ein Kauderwälsch, Geri- 
gonza, Giria), worein Worte der Tupi-Sprache in versdiie« 
denem Verhältniss eingemischt sind. So schwinden die Hunderte 
von Nationen, die man nennen hört, in wenige grössere 
Gruppen zusammen; aber auch diese darf man nicht als 
Völker in historischem Sinne betrachten. Während des „todten^^ 
Schraubenganges, in welchem die Geschicke der amerikan- 
ischen Menschheit seit Jahrtausenden begriffen sind, hat 
keiner der gegenwärtig angenommenen Stämme ein hohes 
Alter. Es ist an diesen regellos umherschweifenden oder die 
Sitze wechselnden Menschen nichts so alt als ihre sich stets 
erneuernde Vermischung. Daher kommt es Huch, dass ein 
und derselbe Volks- oder Stamm-Name an Menschengmppen 
ertheilt wird, die weit von einander entlegen sind und in 
keinem näheren Verhältniss der Abstammung zu einander 
stehen. So ist z. B. der Name Gi-uara, d. i. obere Männer 
oder Leute die (weiter) oben wohnen, eine am hohen Ama- 
zonas und seinen südlichen Boiflüssen (dem Guallaga, Ucay- 
ale u. s. w.) weitverbreitete Bezeichnung für eine sehr gemischte 
Bevölkerung, und das Wort, in Jivaros, Jeveros, Jeberos 



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V. MarUus: Beiträge swr Ethnographie etc, Amerika* e. 661 

BiDgewaiidelt , bezeichnet oft auch keine reine Indianer-Ge« 
meinschaft, sondei-n Mischlinge von Negern and Gafusos 
(aus Indianer und Neger). Die Guajpunavis der Spanier am 
Orinoco und die Maquiritar^s , welche Alex. v. Humboldt 
als eine Yon den yier weissesten Naticmen am obem Orinoco 
nennt, lassen sich auch auf keine selbstständige Nationalität 
zurückfuhren. Der erstere Name bedeutet die Sperber-Männer 
(guibo, Sperber; aba zusammengezogen aus apiaba Männer), 
eine Bezeichnung, die vielen nomadisirenden Indianer gegeben 
und in der französischen Colonie in Emerillons übersetzt 
wird. Die Maquintares sind die Hangmatten-Diebe, die Ta- 
rianas die Diebe überhaupt, die Miranhas die herumstreifenden 
(nhanhe) Leute (Myra), die Giporocas, jene, welche ihre 
Häuser (oca) oben haben. Unter Birapugapara, die in Matto 
Grosso und am Tapajoz angegeben werden, ist keine Nation 
zu verstehen : es sind Vogelsteller nnd ebenso die Parapitat&s 
solche, die Nachts mit Feuer in den Kähnen zu fischen 
pflegen. 

Der Tupi-Sprache angehörende Namen von Indianer^ 
Gemeinsdiaften kommen weit jenseits der Grenzen Brasiliens 
in der Guyana und in Venezuela vor, wie z. B. Gir4o-u4ra, 
Pfiohlbauten-Männer (Warraus). 

Ausser den hie und da in Brasilien auftauchenden Tra* 
ditionen von den Wanderungen nach Norden und dem sieg- 
reichen Eindringen der kriegerisch wohlorganisirten Tupis 
zwischen die dort wohnenden Stämme, lassen viele Ortsnamen 
und Worte in der Sprache der Caraiben auf den antillischen 
Inseln unter dem Winde kaum einen Zweifel darüber, dasa 
man diese Tupis in nächste Beziehung mit dem sogenannten 
Volke der Caraiben bringen muss. Ja, noch mehr, ich halte 
mich zu der Annahme berechtigt, dass es ein einheitliches. 
Volk der Caraiben nicht g^eben habe, sondern dass die 
Tupis zwischen die dort hausenden Horden eindringend und 
sie unterwerfend oder zu Theilnehmem ihi*er Raubzüge 



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888 SfUMwng der inath.-phys, Classe vom 7. Dtitmber 1867. 

maohend Veranlassung gegeben haben, zu jener UntersoheidaiiK 
cwischen einer friedfertigen Bevölkerung und graneaaiea 
Anthropophagen (Caraiben, d. i. Cariaiba, böse Männer), 
welche schon Golumbns antraf. Sie setzten den überwandeneü 
Horden Häuptlinge (Porocotö, von Pora Volk und cotac 
ordnen), und die Bezeichnung von Cnmanacotes , Pariaccrtes 
für die Bewohner von Cumana und Paria, u. s. w. ist ein 
Best jener Hegemonie, während die Verbindung der sieg« 
reichen Eindringlinge mit andern Stämmen den Verlast 
ihrer Sprache und eine tiefgreifende Vermischung der leib* 
liehen Typen zur Folge gehabt hat. Aud^ in der Sprache 
der Insel - üaraiben finden sich Beweise fOr diese Annahme, 
indem sie viel^ Tupi- Worte verdorben enthält. So ist z. B. 
der-Amazonenstein, ein Amulet oder „Zauberstein'^ Jta carao 
EU Tacaoua oder Taculoua geworden. Auf Trinidad und 
mehreren der kleinen Antillen stiessen diese kriegerischen, 
sich t\x Wasser und zu Land ausbreitenden Tupis unter an- 
deru Stämmen auch auf die milderen Arawaken (Aruac), 
welche fleissig Mandioccamehl (Arn) breiteten, und desshiüb 
die „Mehlmänner'' genannt wurden. Bis in das Mosqoitos- 
Land drangen diese Tupis vor, und zahlreiche Ortsnamen 
bezeugen, dass sie hier, an der Küste, zur Zeit vorherrschten. 



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V. KobtM: Tjfp. %Hd empir. Fonnelm in d$r JtfMfilcyif. M3 



Ikrr T. Kobell liest 

„tJ6ber die typischen und empirischen For- 
meln in der Mineralogie^'. 

Die Typentheorie wählt bekanntlich gewine chemisdi« 
Vco'bindungen als Typen fiir andere, welche mit Auslausch 
ihrer Elemente nach Atomen oder auch Atomgruppen jeuen 
glsichgebildet eascheineji. Dia wichtigste Bolle spielt nament- 
ligh für die Oxyde und Ozydverbindungen dar Typvu des 
Wafisea*», indem dessen Wasserstoff durch die Elemente 
aolcher Verbindungen, welche nicht Sauerstoff sind, in der 
Art ei-satzt wird, dass von diesen entweder 1 Atom auch 
1 Atom Wasserstoff ersetzt, oder dass l Atom 2 Atomf 
Wasserstoff ersetzt oder 3, 4, 6 etc. Diese Stsetzungs* 
fahigkeit veischiedaner Elemente hat man deren Atomig* 
keit genannt. So sind Chlor und Fluor dnatomig, weil 
1 Atom derselben 1 Atom Wasserstoff ersetzt, ebenso 
Kalium, Natrium u. a,; dagegen sind Sauerstoff, Schwefel, 
Calcium, Magnesium etc. zweiatomig und ersetzt 1 Atom 
derselben 2 Atome Wasserstoff; Silicium ist yieratomig, 
Aluminium sechsatomig u. s. w. 

Die neuere Chemie hat die Atomigkeit der verschie- 
denen Elemente oder auch gewisser Gruppen derselbe (Ra- 
dikale) ausgemittelt und danach chemische Formeln ent- 
worfen und sind die in der Matur vorkommenden Silicate 
von ihr dem Typus des Wassers zugetheilt oder auf analog 
gebildete Kieselsäuren (Kieselsäurehydrate) bezogen worden. 

Es entsteht nun die Frage, ob es für die Mineralogie 
zweckmässig sei, ihre bisherigen chemischen Formeln auf- 
zugeben und die neuen der Typentheorie einzuführen« Eine 
Betrachtung der Silicate in dieser Beziehung dürfte zur Be» 
antwortttog dienen. 



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564 SiUf^t^g der maiK-phys, (Mue vom 7. BtMmber 1667. 

Was zunächst das Hypothetische an den älteren und 
neueren Formeln betrifil, so haben beide daran gleichen 
Antheil, denn in welchem Zustande die Elemente in einer 
chemischen Verbindung wirklich yorhanden^ wissen wir nicht, 
und die Begriffe der Atomigkeit und die Aufstellung der 
Radikale haben das Gebiet der Hypothesen eher erweitert 
als verringert*). 

£s handelt sich daher bei den Formeln wesentlich 
darum, mit Hilfe von Hypothesen solche zu geben, welche 
der Art und dem Verhalten der betreffenden Verbindung 
möglidist entsprechen und geeignet sind, eine Vergleichung 
mit andern in einfacher Weise zu vermittelo, auch Anhalts- 
punkte zur Beurtheilung der Analysen isu geben und an« 
wahrscheinliche Verhältnisse als solche zn kennzeichnen. 
Dabei offenbaren sich gewisse Gesetze, welche an den ein- 
facheren Verbindungen zunächst erkannt, in den complicir- 
teren wiedergeftinden werden und die Gombinationen regeln 
und beschränken. 

Wenn die Mathematik angiebt, wie aus einer bestimm- 
ten Krystallform alle übrigen, die man kennt oder die man 
haben will, abgeleitet werden können, so offenbart sie da- 
mit kein Naturgesetz, und wenn jedes Silicat, auch ein ganz 
willkührlich erdachtes, auf eine Siliciumsäure bezogen und 
dem Typus des Wassers zugethdlt werden kann, so ist da- 
mit ebensowenig ein Naturgesetz angezeigt. Das ist aber 
nach den neueren Anschauungen bei den Silicaten der Fall. 

Weltzien*), welcher den grössten Theil der bekannten 
Silicate berechnet und nach der Anzahl der Siliciumatome 
classificirt hat, fuhrt über 100 SiUciumsäuren (Eieselerde- 



1) Yergl. Wittfltein pWiderlegang der chemisohen Typenlehre. 
München 1862.'' 

2) Systematische Uebersioht der Silicate. GieMen 1864. 



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V. KoiHÜ: Typ. und empir, Formdn in der Minerätogie. 665 

hydrate) an und darunter Reihen von gleichem Silicinm- 
gehalt, deren gesammte Sanerstoffatome sich in fortlaufen- 
den Zahlen von 15 bis 28 und von 19 bis 36 steigern; 
diese Säuren sind, ein Paar ausgenommen, ^sämmtlich hypo- 
thetisch und da keine Schranke besteht, dergleichen noch 
mehr anzunehmen, so erscheint jedes Silicat als gesetzmässig 
gebildet, wenn es auch ganz beliebig construirt ist. Da 
nämlich die Atomigkeit der in den Silicaten vorkommenden 
Elemente doppelt so gross genoipmen ist, als die Zahl der 
Sauerstoffatome, welche sich mit ihnen im Silicat verbinden, 
so muss immer eine Mischung vom Typus des Wassers ent- 
stehen. So ist AI + 30 = 6H + 30; 

Ca + = 2H + 0; K« + = 2H + u.s. w. 

Die Kieselerde wird Si gesetzt und ihre Atomigkeit als 
IV angenommen, es verbinden' sich also n At. Silidum mit 
2n At. Sauerstoff und da n At. Si = 4nAt. H, so stellt 
sich der Wassertypus her, da 4 At. H + 2 At. = H = 

Wasser. Es ist noch streitig, ob die Kieselerde Si oder Si, 
wenn letzteres angenommen wird, so müsste die Atomigkeit 
der Kieselerde auf VI erhöht werden, dann wäre es wieder 
das Nämliche. Ich habe mehrmals daran erinnert, dass 
wenn man sich für Si auf den Isomorphismus gewisser 
Fluoride mit Zinn und Silicium beruft, doch die zunächst 
liegende und überall zu beobachtende Thatsache, dass der 
Quarz und der Zinnstein nicht entfernt isomorph sind, auch 
in Betracht zu ziehen sein dürfte und dass dieses Verhält- 
niss mehr für eine verschiedene als für eine analoge Zu- 
sammensetzung der betreffenden Oxyde spreche. — Um ein 
Beispiel zu dem oben Gesagten anzuführen, so ist die 
typische Formel des Leucit 



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fi66 SitMung der matK-phifs. CUs8$ vom 7, Dumber 1S$7. 



AI Ö"*) 



entsprechend: Kieselerde 54,9 
Thonerde 23,6 
Kali 21,5 





. 


100 










Wenn 


man diese 


Mischung 


um 


ein 


Kleines 


verändert^ 


. Batst: 


Kieselerde 56,4 












Thonerde 


23,8 












Kali 


20,8 











100 



so giebt die Typentheorie ohne Schwierigkeit die Formel 



Si"l 
▼I In*« 



K^ 



Bei einer Reihung der Silicate nach der Zahl dar 
Silicium-Atome kämen diese Mischungen weit auseinander, 
obwohl sie sich so nahe stehen , dass die Differenz als un- 
wesentlich betrachtet werden muss. Dieses Nahestehen tritt 
aber beim Anblick der Formel nicht sogleich hervor. Sucht 
man dagegen, nach der bisher üblichen Weise eine Formel 
für das letztere Silicat, wie es vorliegt, so gelangt man zu 
keiner annehmbaren und hat keinen Grund eine solche Ver- 
bindung als eigenthümliche Species anzue^-kennen. £s ist 
gewiss, dass das Vertheilen der Kieselerde unter die Basen 
nach den üblichen Formeln sehr verschiedene Ansichten zu- 
lässt und schwer zu erweisen, ob diese oder jene berech- 
tigter sei, das Umgehen solcher Schwierigkeit, indem man 



•) 8i = 28, Al = 65, K = 89, :;= 16. 



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r. KobeR: Typ. unü tmpir, Form^ in der Mineraiopit, 867 

wmt die Zahl der Atome der oonslitilirendeii Elemente an« 
giebt, egitspricht aber noch weniger, denn bei jener Ver* 
theilang wird^ man wenigstens auf gewisse Unwahrsclieinlich- 
keiten der Auffassung aufmerksam gemacht, bei der blossen 
Angabe der Zahl der Atome und des höchst elastischen 
Typus aber nicht. 

Was die Reactionen und die Vorgänge bei chemischen 
Zersetzungen betrifft;, so lassen sich diese mit den typischen 
Formeln in vielen Fällen einfacher erklären als mit den 
nichttypischen und bieten auch jene mannigfaches Material 
zu interessanten Speculationen , gleichwohl stehen sie in 
anderen Beziehungen den letzteren nach. Die nichttypischen 
Formeln zeigen die näheren Verbindungen der Elemente, 
wie sie durch die Analyse zur Charakteristik der Verbind- 
ung in Betracht kommen, während man sie aus den typi- 
schen meistens erst herstellen muss und wie dieses txt g^ 
schehen habe, muss man anderswoher wissen und giebt das 
Zeichen darüber keinen Aufschluss. Wm* den Leucit ftls «it 
Silicat erkennen will, muss aus ihm Kieselerde darstellen 

und die Formel KaSi + AlSi» oder Ka^Si* + 3AlSi* 
zeigt diese Kieselerde unmittelbar an; nach der typischen 
Formel muss er wissen, dass dem Siliciuro, welches sie an- 
giebt, so viel von dem Collectiv-Sauer^toff der ganzen Ver- 
bindung angehört, dass es zur Kieselerde wird und während 
die gewöhnlidien Formeln ohne weitere Betraditungeü und 
Erwägungen sagen ob in der Kieselerde 2 oder 3 Atome 
Saaerttoff angenommen seien, ist dieses bei den typischen 
Formeln nicht der Fall und muss erst mit Berücksiditigaog 
der anderen Oxyde ersehen werden. Ebenso iet es bei den 
sog. empirischen Formeb, weide wie die typiscfacO) nur 
ohne Bücksicht auf das Getets eines Typus , das relativ« 
Verhältniss der Zahl der Atome verbundener Elemente an* 
geben; ein Verhättnis6| welches sich auch aoi den gewöhn- 



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568 SUäung der math.-phfs. Clasae t<m 7. Deuwiber 1867. 

liehen Formeln leicht herausfinden lässt, indem man die 
Zahl der gleichartigen Atome addirt. So ist die ältere 

rationelle Formel desPIagionit i^b^*§^b* nnd man erhält die 
empirische leicht = Pb^*S-b*S^'; die letztere Formel zeigt 
aber nicht wie die erstere an, dass das Mineral einer Ver- 
bindung von 4 At. Galenit nnd 3 At. Antimonit gleich- 
komme und dass, wie es der Fall, das ^h des letzteren 
durch Kalilauge extrahirt und an dem durch Ansäuren ent- 
stehenden charakteristischen Präcipitat leicht als solches er- 
kannt werden kann. 

Aus den bisher angeführten Beispielen ersieht man 
auch, dass weder die typischen noch die empirischen For- 
meln in Beziehung auf Kürze einen besonderen Vorzug vor 
den gewöhnlichen haben und wenn auch Rammelsberg's 

Formel für den Nosean = NaCl + 3(NaSi + JÜSi) 

+ 10(NaS + 3(NaSi + AlSi) 
lang genug ist, so ist die typische 

Si" 



(SO») " 

AI" 
Na»» 



Ot84 
Cl» 



auch nicht viel kürzer oder einfacher zu nennen. 

Strengt) hat in einer sorgfältig gearbeiteten Ab- 
handlung die angenommene Atomigkeit der Elemente für 
das Verhältniss der Isomorphie mehrerer Silicate bespro- 
chen nnd ist, indem er auch die Atom- Volume berücksieb- 
tigte, zu dem Schlüsse gekommen, dass in gleichgestalteten 
Verbindungen sich die Bestandtheile nicht nur nach einzeben 
Atomen yertreten und ersetzen, sondern an die Stelle Ton 



4) Neues Jabrbueh Üar ttineralogis von 6. Leonhard und B« 
B. GeiniU 1866 p. 411. 



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V. Kobeüi ^yp. und empir, Fwmefn tu der Mmerälogis. 569 

a Atomen des einen Körpers können b Atome eines anderen 

treten ohne Aenderung der Form, wenn die sidi ersetzenden 

Mengen chemisch gleichwerthig oder äquivalent sind, 
n IV „ 
So ist nach ihm R^Si'O^ isomorph oder isomorpher 

n Ti „ IV VI 

Vertreter von R'APO* und werden 3Si durch 2 AI ersetzt, 

indem beide 12 chemische Einheiten repräsentiren , ebenso 
„ VI VI n n VI 

ist 3K isomorph mi